Aber ein Traum …

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Ich bin eine Genrefigur

Liebe Familienmitglieder, Freunde und Bekannte! Liebe Leser meines Blogs!

Kennt ihr das Gemälde ‚Der Mittag’ von Caspar David Friedrich? Nicht? Aber ihr besitzt doch einen hoffentlich noch funktionierenden PC! – habe ich ihn euch nicht erst kürzlich repariert? Googelt das Bild bitte, es gibt gute Abbildungen dieses Kunstwerks im Internet. Und es lohnt sich, denn es ist ein schönes Bild. Habt ihr es gefunden? Fein. Ich sehe schon, ihr seid Profis … (1)

Schaut euch die Gruppe dunkler Kiefern da in der linken Mitte des Gemäldes an. Seht ihr einen Mann auf seinen Spazierstock gelehnt im Gras neben den Maulwurfshügeln stehen? Er ist recht klein und unauffällig. Dieser Mann in grüner Kleidung: Der bin ich. Man nennt mich eine Genrefigur.

Wundert euch nicht, wie ich da hinkomme – in ein Gemälde vom Anfang des 19. Jahrhunderts – aber da stehe ich schon immer. Stellt Euch nun weiter vor, jemand würde mich jetzt übermalen oder meinetwegen entfernt mich selbst mit einem Bildbearbeitungsprogramm. Ihr kennt euch ja aus; ich habs euch erklärt, wie es geht. Da wären nur noch diese weite, brandenburgische Landschaft, die feuchten Wiesen, ein paar Bäume und Büsche begrenzen den Horizont; auch der Wanderer links auf dem Weg hätte das Bild mit zügigem Schritt bereits in der Richtung seines mir unbekannten Zieles verlassen – wie leer und bedeutungslos wäre das alles, das Auge glitte ohne Anhaltspunkt über den Ölschinken, Achselzucken – langweilig! Würde es einen Laut machen, wenn nun einer der Bäume umfiele?

Bei den sieben oder acht Milliarden Individuen auf dieser unter ihrem Gewicht stöhnenden Erde muss es eben auch solche wie mich geben; Nebenfiguren, die niemandem weiter ins Auge fallen, von denen man sich auch nicht vorstellen kann, sie je zu vermissen – die aber eine wirbelnde und schwindelerregende, kaum erträgliche Leere hinterlassen würden, wenn sie fehlten. Die Welt wäre ohne mich unvollständig. Und dann wäre sie nicht mehr existent. Denn eine Welt, die nicht vollständig ist, kann es nicht geben. Sie wäre ein Widerspruch in sich selbst. Ich fülle also die entscheidende Lücke aus, an der die Welt auseinanderzuklaffen droht. Ohne meine Anwesenheit an genau diesem Ort würde alles zerreißen und untergehen. Ich bin der seidene Faden, mit dem Gott den Kosmos zusammengenäht hat; nur dafür hat er mich geschaffen.

Wenn das nicht alle Anstrengung wert ist, zu der ich schwacher Mensch fähig bin, dann, meine Freunde, nennt mir einen besseren Grund zu leben. Ich für meinen Teil habe keinen gefunden und verteidige daher mein Nichtstun und „faul in der Landschaft rumstehen“ mit aller Kraft; es ist das Lohnendste und zugleich Schwerste überhaupt; ich packe den Stier an den Hörnern und zwinge ihn in den Staub!

Reicht es da nicht schon, dass ich oft genug den ermüdenden Konventionen und Regeln folgen muss, die mir mein soziales Leben aufzwingt und mein für die Existenz der Welt so wichtiges Nichtstun sauer machen? Wenn ich also in die Arbeit gehe, einen Alltag im Rahmen meiner Rolle als Vater, Ehemann, Freund und Kollege ausfülle – an fünf, sechs Tagen in der Woche -, wenn ich mich schon der Anstrengung unterwerfe, mich zu waschen, zu schlafen, zu essen, die Zähne zu putzen, mich an- und auszuziehen, am Haushalt, dem Einkauf, dem Kochen und sogar noch am öffentlichen Nahverkehr und am Internet teilnehme – zumindest in aller Regel eben körperlich anwesend bin – wenn ich also all diese Dinge betrachte und noch tausend andere dazu (und ich habe noch überhaupt nicht diess zeitraubenden Textlein erwähnt, das ich eben schreibe), dann fühle ich mich von mir selbst getrennt und ausgehöhlt, verliere ich mich, habe ich das Gefühl, ich vernachlässige sträflich Gottes Auftrag an mich, eine untätige Genrefigur in seiner besten aller möglichen Welten zu sein.

Daher muss ich mir meine Freiräume durch Fluchten schaffen. Nur wenn ich konzentriert sitze – im Winter zumeist in meinem Zimmer oder in einem Café, im Sommer in einem Park oder auf meiner Gartenterrasse (ein Biergarten ist auch nicht übel) – und angestrengt nichts mache, was eine auslaugende, herausfordernde Yoga-Übung ist, Tantra in höchster geistiger Vollendung, nur dann fühle ich mich geborgen, identisch, echt. Manchmal, wenn meine Augen vom Sehen gefüllt sind, kurz bevor sie sich ermattet zum erholenden Schlafe schließen, gelingt es mir, mein Empfinden in ein paar Gedichtzeilen zu fassen oder – seltener – einen Text wie diesen zu beginnen, falle dann aber bald beglückt in einen leichten und traumlosen, dabei erfrischenden Schlaf, der mir die Kraft schenkt, meine schwere Aufgabe weiter zu bestehen.

Da seht ihr mich in diesem Sommer an der österreichisch-slowakischen Grenze bei meiner wichtigen Arbeit als Genrefigur.

… und jetzt genieße ich den frühen Herbst und fahre für ein paar Tage zum Wandern ins hoffentlich nicht allzu verregnete Allgäu. Ich habe vom Herrn für diese wundervolle Woche eine Aufgabe erhalten und die muss ich erfüllen!

Warum sitzt du eigentlich noch auf deinem Sofa und liest diesen Text? Auf geht’s! Die Welt wartet …

(1) … nicht gefunden? Na, es ist kein Meister vom Himmel gefallen. Hier ist ein Link: Der Mittag.

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