Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Archiv für das Schlagwort “Mein Dorf”

Mittwoch, 01.05.19 – Maimarkt

Mittwoch, 01.05.19

Tja, da bin ich wieder, nachdem der Blog drei Wochen Dornröschenschlaf hielt und ich in Südtirol und im bayerischen Altmühltal wanderte, mit dem Rad unterwegs war und – ich gebe es freimütig zu – durchaus Gar- und überhaupt nichts machte. Doch nun hat mich mein Alltag wieder eingeholt und es ist an der Zeit, die schlafende Schönheit mit ein paar kleinen Gedankensplittern zu wecken. Noch immer bin ich mental halb im Urlaub und da kömmt mir dieser freie Mittwoch, der meine erste Arbeitswoche in zwei homöophatische und damit leichterträgliche Häppchen trennt, durchaus gelegen. Zudem verspricht er, ein wolkenloser und warmer Tag zu werden, der mit der Familie auf der Terrasse verbracht werden kann. Die bienenfleißige Frau Klammerle hat zu diesem Zwecke bereits einen Rhabarberkuchen gebacken. Es sind die kleinen Dinge, die das Leben lebenswert machen.

Auf dem Weg nach Beilngries: So muss ein Radweg sein, wenn man kein E-Bike (über diese Erfindung des Teufels schreibe ich ein andermal) besitzt.

Der Urlaub insgesamt war herrlich – danke der Nachfrage. Ich bin auf Berge und zu mittelalterlichen und römischen Burgruinen gestiegen, schwitzend den Limes entlanggeradelt, dicke Bücher gelesen und habe tausend neue Eindrücke, Ideen und auch Wörter gesammelt; doch ich möchte niemanden mit ausführlichen Beschreibungen dieser sonnigen Apriltage molestieren.

Einige verwirrende Fragen sind im Urlaub aufgetaucht, die mich nachhaltig beschäftigen. Was bedeutet das Wort „enteisent“ auf Mineralwasserflaschen, warum ist das Wetter immer am Wochenende schlecht, wer kam als erster auf die absurde Idee, Krebse zu kochen und zu essen und warum liest niemand meinen Blog? Tausend offene Fragen. Offenbar weiß jeder außer mir die Antworten – oder sie tun alle nur so …

Und das ist das neue Wort, das ich gelernt habe: „kollaudiert“. Das gibt es anscheinend sogar im Italienischen; in meinem Wortschatz war es bislang nicht vorhanden.

Eines der großen Rätsel in meiner Kindheit und frühen Jugend war der 1. Mai; neben Fronleichnam(1) war er für mich der geheimnisvollste und seltsamste Feiertag. Nicht, dass ich mich nicht über den überraschend auftauchenden und schulfreien Tag freute. Aber ich fragte mich Jahr für Jahr, warum es da einen Tag gibt, an dem man ausgerechnet die Arbeit feiert. Und weshalb hat man an ihm auch als Schüler frei? Schließlich hatte ich doch im Religionsunterricht gelernt, dass Arbeit ein Fluch Gottes sei („Im Schweiße deines Angesichts, bla bla, …“) und ich las in den „Klassischen Götter- und Heldensagen“ von Gustav Schwab, die Arbeit sei eine der Plagen gewesen, die neben Seuchen und Hungersnöten aus Pandoras Büchse entwichen ist(2). Ein Grund zum Feiern? Warum muss man stattdessen ausgerechnet am „Frei-Tag“ arbeiten? Warum heißt Bier plötzlich „Bock“? Und was ist das für ein seltsamer Brauch mit diesen Maibäumen, die in jedem Dorf wie Mobilfunkmasten in den Himmel wachsen? Läutet das die Spargelzeit ein?

Gut, einige Demonstranten tauchten rote Fahnen schwenkend in den 20:00 Uhr-Nachrichten auf, forderten die 35-Stundenwoche und Samstags frei. Ein paar vereinzelte Punker und Randalierer warfen mit Pflastersteinen und zündeten Autos an, aber das war alles weit weg von meiner provinziellen Heimat und ich wusste nicht, ob die Leute für oder gegen die Arbeit auf die Straße gingen. Fragte ich meinen Vater, machte er ein säuerliches Gesicht, schimpfte über die Gewerkschaften und die Kommunisten und erklärte mir dann ausführlich, dass der Führer diesen Feiertag eingeführt hätte und man ab dem 1. Mai nicht mehr über die Felder der Bauern laufen dürfe. Das war eine Erklärung, die mir die ganze Feiertagssache noch suspekter machte. Bei uns zu Hause wurde auch nicht demonstriert;  aber am Abend des 30. April wurde  alles nicht niet- und nagelfeste verräumt, weil es sonst in der sog. Freinacht verzogen wurde. Am Feiertag selbst spielten meine Eltern  mit Onkel und Tante den ganzen Tag „Schafkopf“, während ich gelangweilt vor der Glotze saß.

In späteren Jahren zog ich am 1. Mai mit einer katholischen Jugendgruppe traditionell singend und betend durch die westlichen Wälder  nach Maria Vesperbild (3). Das ist ein reichlich obskurer Marienwallfahrtsort mit seiner wunderwirkenden Fatima-Grotte, wo radikale Pfaffen in der Kirche gegen die Sittenlosigkeit der Jugend und allerlei Frauenfeindliches predigen und auf dem Parkplatz auch bei strömendem Regen mit einer Art Klobürste Autos und Motorräder gesegnet werden.  Wahrscheinlich wollten unsere Gruppenleiter räumlichen Abstand zur Stadt und zur Gewerkschaftsjugend schaffen, damit wir nicht auf dumme Gedanken kamen.

Maimarkt1

Und wie verbringe ich heute diesen „freien“ Tag? Wie alle Diedorfer: Es ist – wie immer – am 1. Mai schönstes Wetter. Die Hauptstraße hat sich in eine „Dult“ voller Verkaufsstände und Fressbuden verwandelt und ich schlendere entspannt durch die Menschenmassen über diesen Maimarkt, esse „Steckerlfisch“(4), versuche mein Glück am Rot-Kreuz-Losstand, kaufe ein paar nutzlose Sachen, Socken und Kuchen beim Musikverein und lande irgendwann im Bücherbasar der Gemeindebücherei, wo ich für wenig Geld dicke, ausgemusterte Romane erwerbe, die meine ohnehin schon überfüllten Regale noch voller machen. Später kommt dann  die Verwandschaft und wir genießen den Nachmittag und den hoffentlich lauen Frühlingsabend auf der Terrasse. Wer in der Nähe ist und Lust und Zeit hat, ist hiermit herzlich eingeladen, an unserem kleinen Fest teilzunehmen.

Maimarkt2O-Ton Diedorfer: „Jetz bin i durch, s Geld is weg. I geh wieder hoim.“

Update, 14:00 Uhr

Aus mir unerfindlichen Gründen scheint es in diesem Jahr keinen Steckerlfisch-Stand zu geben. Das stürzt mich in eine schwere Krise.

______________________

(1) Welcher Leichnam ist da froh? (Happy Cadaver?) Und warum feiert die Kirche das mit Prozessionen?

(2) Die Heldensagen sind eines der Bücher meiner Kindheit; ein fetter, hübsch illustrierter Wälzer in einer für junge Leser bearbeiteten Fassung war das, der von meinen älteren Geschwistern irgendwann vertrauensvoll in meine Hände weitergereicht wurde und in der Wirkung auf mein Gemüt nur noch von den „5 Freunden“ und von „Winnetou“ übertroffen wurde. Der Text von Schwab (1972 – 1850) ist längst gemeinfrei und kann z. B. hier als Ebook gelesen werden.

(3) Ja, auch ich war einmal vom „Christusfieber“ angesteckt – zum meinem Glück ist diese gefährliche Geisteskrankheit wie das „Gedichteschreiben“ und die Pickel auf meiner Stirn inzwischen rückstandslos ausgeheilt. Die Erzählung „Die Lichtung“ aus meinem Buch Kleine Lichter, spielt großteils im vom katholischen „Engelswerk“ betriebenen Vesperbild, das dort Marienhaupt heißt. Übrigens gibt es das barocke Kirchlein des Wallfahrtsdirektors Erwin Reichart (der zum Thema Missbrauch und Frauenrechte bemerkte, „die Kirche könne sich nicht versündigen“) im Günzburger Legoland in Miniatur nachgebaut zu bewundern. Wer heutzutage nach fundamentalistischen und sektiererischen Christen sucht, wird in Vesperbild ohne Probleme fündig. Reicharts Vorgänger im Amt war der noch radikalere Prälat Wilhelm Imkamp, seines Zeichens „Komtur des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem“(!).

[4] Das ist fettige Makrele über Holzkohle gegrillt; Steckerlfisch ist eigentlich nur durch großzügige Ouzo-Beigaben einigermaßen unfallfrei verdaubar; aber man hat trotzdem die ganze Nacht etwas von ihr.

In the Summertime

SUMMERTIME

In diesem Jahr kamen die Mücken spät, erst Mitte Juli. Wie die Wespen sind sie auffallend klein, aber aggressiv. Zielsicher finden sie die eine Stelle, die ich nicht mit Autan besprühte oder stechen gleich durch die Kleidung hindurch. Auch ihr Gift scheint gemeiner zu sein; die betroffene Hautpartie juckt ewig. Allerdings sind durch die häufigen Gewitter die Gelegenheiten eher selten, den Abend mit wohligem Ennui auf der Terrasse zu verträumen. Darum hält sich das Mückenproblem in Grenzen.(1) Man muss nur die Türen und Fenster geschlossen halten, damit sie einem nicht die Nachtruhe rauben. Aber das fällt bei den Abendtemperaturen leicht, die sich zielgerichtet dem Nachtfrost nähern. Ich habe schon überlegt, ob ich einheizen soll. Dafür schießen im dampfigen Morgennebel der seltenen wärmeren Tagen die Schwammerl aus dem Boden. Auch wenn ich nur selten Essbare finde. Aber Fliegenpilze sind auch viel hübscher anzusehen als Steinpilze.

Die Terrasse – mal wieder in nachmittäglichem Gewitterregen …

Die Idee zum folgenden Text hatte mein Freund Peter S., der meinte, ich solle doch mal über die sommerlichen Mückenabende  schreiben. Er sagte, er sei eben erst Rentner geworden und er habe deshalb wenig Zeit. Aber meine Bücher und meine Texte würde er auf jeden Fall noch lesen, spätestens im nächsten Jahr, mit seinem neu erworbenen Tablet auf seiner Terrasse. Nur wenig später wurde bei ihm ein besonders bösartiger Krebs diagnostiziert. Er starb wenig vor Weihnachten. Diesmal ist es ein trauriger Rückblick für mich.

*

Heute habe ich keinen Grund, mich aufzuregen. Es war eine schöne Woche: Die Arbeit ging leicht von der Hand und ich musste mich dabei auch nicht überanstrengen. Das Wetter ist sommerlich, aber die Temperaturen in angenehmen Alt-Herren-Bereichen. Kurz, um es mit George Gershwin zu sagen (Alle dürfen jetzt mitsingen. Ich bevorzuge allerdings die Fassung von Janis Joplin):

Summertime,
And the livin‘ is easy
Fish are jumpin‘
And the cotton is high

Your daddy’s rich
And your mamma’s good lookin‘
So hush little baby
Don’t you cry …

Also, es gibt keinen Grund zum Schreien. Allerdings sind da jene Mistviecher, die abends über meine Gartenterrasse herfallen und die Ruhe des Autors nach dem Sturm empfindlich stören, der gemeinsam mit Frau Klammerle bei Kerzenlicht an einem Glas Pfälzer Rosé nippt (Cuveé Tabernus – sehr empfehlenswert! Den gibt es inzwischen auch als 5-Liter-Karton; das hält eine Weile vor), dabei den geschmacklos altrosafarbenen Phlox beim Blühen bewundert und wertvolle Aphorismen für die Nachwelt (und seinen Blog) erdichtet.

Diese Plagegeister sind zum einen Teufels Beitrag zur Schöpfung –  jene weiblichen Mückenvampire, die sich durch das feuchte Klima der letzten Monate explosionsartig vermehrten, in überaus durstigen Wolken das Mondlicht verdunkeln und sich auf uns herabsenken und juckenden Blutzoll fordern, die anderen sind seltsame, fett brummende und ungelenke Juli- oder Augustkäfer von Daumennagelgröße, deren Hobby es scheint, mit voller Wucht gegen mein Panoramafenster zu knallen und dann wie besoffen weiterzutaumeln. Gibt es die überhaupt – Augustkäfer? Vielleicht sind es auch amerikanische Spionagedrohnen, die ein paar meiner weltbewegenden Gedanken abfangen wollen. (Seit kurzem folgt den Artikeln auf meinem Blog ein amerikanisches Modemagazin. Ob das irgendwie zusammenhängt?)

Als würden die neugierigen Blicke der Nachbarn schräg gegenüber nicht schon reichen. Immerhin steht jetzt die Goldrute so hoch, dass sie zum Spannen in den ersten Stock gehen müssen …

Gegen die Mücken hilft nur die Chemiekeule. Vergesst die Hausmittelchen wie Citronelladuftkerzen, mit Nelken gespickte Orangen und stinkende Weihrauchpflanzen – es sei denn, Ihr wollt es im Sommer einen Hauch weihnachtlicher – und verschwendet euer Geld nicht für Ultraschallpfeifen, Elektrofallen und ähnlichen, wie Frau Klammerle das ausdrücken würde, Schnickschnack. Schutz bietet allein DEET. Allerdings riecht man und frau danach klebrig nach Büffel, was der leichten Sommerliebe und den Trieben abträglich, aber immerhin: Die großen Schnaken (auf gut Günzburg-Schwäbisch formuliert: Uz Schnookn hans han!) stechen nicht. Trotzdem umschwirren sie weiterhin wütend sirrend meine Ohren und stoßen mit den Julikäfern zusammen, verbrennen sich gemeinsam die Flügel an der Kerze und landen zischend und nach Hühnchen riechend im heißen Wachs. Die Chemie gelangt zwangsläufig an die Lippen und das Gift in den Wein, der sich in eine ungenießbare Azeton-Lauge verwandelt.

Aber, wie gesagt: Die Fische springen, und Jerry Cotton(2) ist high.

Himmlische Ruhe herrscht auf einer sommerlichen Terrasse.

Wäre da nicht der Nachbar hinter der drei Meter hohen Thujahecke, der jetzt sofort, dringend, auf der Stelle, es muss einfach sein, geht nicht anders, den Rasen mäht und die laut vibrierende Heizungsanlage von den alten Leuten gegenüber, die sich in regelmäßigen Abständen einschaltet und unnötigerweise einen Boiler aufheizt. Und die Jugendlichen, die ihre aufgebohrten Maschinen hinten am Spielplatz testen und der IC nach Ulm und die dicken Lastwägen, die den Müller-Joghurt vom Nachbarort (der ja laut Werbung im Allgäu liegt) aus in alle Herren Länder transportieren. Und die Altherrenmannschaft vom TSV Diedorf spielt in schwarz-gelben Wespentrikots hinten auf dem nahen Sportplatz laut umjubelt gegen den FC Bieselbach(3). Der Nachbar zur Linken ist inzwischen in seinem Strandkorb – man gönnt sich ja sonst nichts – sanft entschlummert und sendet seine balzenden Schnarchgeräusche herüber. Jetzt schleimen auch endlich die Nacktschnecken auf ihrem Abendspaziergang zum Pflücksalat quer über den Terrassenboden. Sie machen wenigstens keinen Lärm dabei.

Beruhig dich, kleines Mädchen, es gibt kein‘ Grund zum Schrei’n.

Was für eine Sommernacht.

Heute hatte ich wirklich keine Veranlassung, mich aufzuregen …

Falls jemand von euch diese oder ähnliche Erlebnisse aus meinem aufregenden Leben auch an Orten lesen möchte, bis zu denen das Internet nicht hinreicht, also irgendwo im Amazonas-Dschungel, an einem gottverlassenen thailändischen Strand oder einfach in Niederbayern, dann kann ich mein Buch „Noch einmal davon gekommen“ empfehlen, das voll dieser Geschichten ist und sich als ideale Urlaubs- und Ferienlektüre anbietet.


(1)  Den letzten Sommerurlaub verbrachten wir im Chianti. Dort wütet die kleine Tigermücke, die ein paar eklige Krankheiten überträgt und dazu nicht nur nacht-, sondern auch tagaktiv ist und einen schon beim Frühstück quält. Selbst DEET hilft gegen diese Miniaturmonster kaum und ihre Stiche jucken furchtbar. Da kommt noch was auf uns zu mit der Klimaerwärmung. Dagegen ist unsere einheimische, schwäbisch-Diedorferische Mücke ein harmloses Insektchen.

(2) Kennt den edlen und tapferen G-Man vom FBI eigentlich noch einer? Ab den 60ern erlebte er in unzähligen Heftchenromanen wilde Verbrecherjagden in N.Y., half seinem minderbegabten Kollegen Phil Decker aus der Patsche, kriegte in jeder Folge das Mädel ab und wirbelte lässig auf den Absätzen herum, während er seine Browning aus dem Schulterhalfter riss, um dem bösen Kerl ein drittes Nasenloch zu stanzen. Abends fand er dann noch die Zeit, bei einem Highball als Ich-Erzähler seine Erlebnisse aufzuschreiben. Es gibt auch ein paar unsägliche Sechziger-Jahre- Verfilmungen mit dem an Mädels nicht allzu interessierten George Nader; in denen groteskerweise München so tut, als läge es an der amerikanischen Ostküste.

Ein Jerry-Cotton-Heftchen reichte genau einen öden Schulvormittag lang und konnte gut versteckt unter einem aufgeklappten Schulbuch unter der Bank gelesen werden, ohne dass der Lehrer misstrauisch wurde.

(3) Die Ortschaft gibt es wirklich; sie liegt im idyllischen Zusamtal zwischen Horgau und Zusmarshausen und hat als einzige Sehenswürdigkeit einen spätgotischen Holzaltar. Die letzte aufregende Zeit erlebten die Bieselbacher im Mai 1648. Da fand dort die letzte große Feldschlacht des Dreißigjährigen Kriegs statt, die auf deutschem Boden ausgetragen wurde. Ach, ja, beim Bieselbacher Fischer hole ich mir immer meine frischen Lachsforellen, wenn ich grillen will. Im Moment ist Bieselbach mit dem Auto leider nicht zu erreichen, weil die Ortsstraße renoviert wird.

Neujahrsspaziergang

raureif1

Auch 2017 ist bereits an seinem allerersten Morgen vom Blut unschuldiger Opfer und dem tollwütigen Geifer der blind Hassenden besudelt. Doch davon ist hier in der bayerisch-schwäbischen Provinz wenig zu bemerken. Dieser Neujahrstag ist strahlend, durchscheinend, mystisch. Die Rauhnächte haben den Wald verzaubert und die Wilde Jagd hat mit eisigen Fingern ihre Spuren an den Bäumen hinterlassen.

raureif2

Ich habe meine neuen Winterstiefel ausprobiert (frostsicher bis -50°) und mich zwischen Rommelsried und Agawang mit Frau Klammerle in die »Hölle« begeben – so heißt das hügelige Waldstück dort. Es war tatsächlich eine andere, stillere und bessere Welt, die ich euch nicht vorenthalten will. Und ich hatte warme Füße.

raureif3

Und damit verabschiede ich mich für eine Woche, da ich einen kleinen Winterwanderurlaub im Bayerischen Wald antreten will – noch weiter weg von all dem Trubel, dem Lärm und den schlechten Nachrichten. Ich wünsche euch ebenfalls stille, ruhige und vor allem friedliche Tage voller Zeit und einzigartigen Momenten.

raureif4

Bis bald, Euer Niklas.

raureif5

Ein Sonntag im Winter

Winter9

In der Nacht hat sich der Winter in meinen Garten geschlichen und sich wie ein König auf seinem Land niedergelassen. Seine blendende, glitzernde Pracht schenkte mir am Morgen einen Moment des Staunens, wie ich ihn aus meiner Kindheit kenne.

Heute ist ein Tag der Ruhe. Er wurde geschaffen für ein dickes Winterbuch, für duftenden Tee, einen langen Waldspaziergang, die ersten Plätzchen und Feuer im offenen Kamin.

Genießen wir ihn!

Winter8

Bock des Monats – Mai

Der Mai-Bock. Der darf nicht fehlen, bevor ich in den wohlverdienten Urlaub radle. (1)

Da ja niemand meine Texte liest oder gar bezahlt, nirgendwo ein Reemtsma mit einer monatlichen Zuwendung auf mich wartet, kein Verleger meine Genialität entdeckt hat und mich der Feuilleton schnöde ignoriert, gehe ich auch einem Brotberuf nach, um meine Familie zu ernähren. Dieser Beruf führt mich viermal in der Woche in das türmereiche, ehemals österreichische und reichlich langweilige Günzburg. Von meinem Heimatdorf Diedorf aus ist das eine halbe Weltreise, die mich „im Wilden Westen“ zuerst über kleine Seitenwege bis Horgau, dann über die B10 bis Zusmarshausen (2), anschließend über die A8 bis zum Ziel führt, insgesamt sind das hin und zurück über 90 Kilometer. Mein alter, von häufigen Pannen geplagter Fiat hat gut 200.000 Kilometer auf der Anzeige.

Ortsansässigen ist die A8 als Europas längster Parkplatz bekannt. Seit ich die Strecke befahre –  bald sind es zwanzig Jahre – ist die unfall- und stauträchtige Autobahn durchgehend von Baustellen geplagt. Da werden aus den normalen 45 Minuten einfache Fahrt schon mal zwei Stunden. Die größte Baustelle ist im Moment der sechsspurige Ausbau der A8 zwischen Augsburg und Günzburg, an dem seit vier Jahren mehr oder weniger fleißig gearbeitet wird. Seit Anfang Mai ist deshalb die Auffahrt Zusmarshausen in Fahrtrichtung Stuttgart gesperrt und ich muss zusätzlich einen größeren Umweg auf mich nehmen.

Dann wurde von einem Tag auf den anderen in meinem Dorf eine wichtige Straße gesperrt, weil eine Brücke über die Schmutter marode ist. Es gibt zwei Ausweichstrecken, die ich fahren kann. Beide sind selbstverständlich Umwege: Die eine führt über die Schlaglöcher von Feldwegen (dabei habe ich mir die Radfedern meines Autos ruiniert), die andere über die vollkommen überlastete B300, die mitten durch Diedorf führt. Hier bilden sich jeden Tag kilometerlange Staus. Seit 35 Jahren kämpfen die Diedorfer vergebens um eine Ortsumfahrung. (3)

Nun hat sich die Gemeinde entschlossen, Nägel mit Köpfen zu machen und eine Bürgerinitiative gegründet, die alle Diedorfer mobilisiert und letzten Mittwoch zum Sitzstreik und Volksfest auf der B300 aufrief. Alle Diedorfe kamen. Alle Diedorfer? Nun, zumindest einer – ich – kämpfte sich nach Feierabend durch alle Baustellen und Staus auf der A8, kurvte hinter Traktoren und Schleichern um die vielfältigen Umfahrungen und Umleitungen, machte noch in Bieselbach (4) halt, um für Frau Klammerle Grillfische zu kaufen und stand schließlich und endlich knapp vor Diedorf auf der B300 im Stau, den der fröhliche Bürgerstreik verursacht hatte.

diedorfumfWährend z. B. Frau Klammerle bei wundervollem und warmem Vorsommerwetter mit Bekannten, Freunden und Blasmusik auf der Straße feierte und Butterbrezen und Freibier konsumierte, saß ich mal wieder selbstmitleidig in meiner Schrottkiste, in selbstverständlich die Klimaanlage ausgefallen ist. Obwohl ich ebenfalls mit der Umfahrung sympathisiere, verfiel ich wegen des Verlustes von Lebenszeit in Trübsinn und Depression und weinte still in mein Lenkrad hinein.

Mein Leben: Ein Stau. Das wird einst der Titel meiner Autobiografie.

Deshalb geht mein Bock des Monats Mai an den Markt Diedorf und seine Bürgerinitiative.

bock

 _____________

(1) Der Moselradweg von Trier bis Koblenz. Eine Tour für Weicheier mit Tagesetappen von 35 – 40 km. Das Gepäck wird in die Hotels vorausgefahren. Ich werde selbstverständlich hier berichten, wie es war.

(2) Ein vergessener Ort der Europäischen Geschichte: Hier fand die letzte große Schlacht des dreißigjährigen Krieges statt. Noch heute braut die in Zusmarshausen ansässige Privat-Brauerei  aus diesem Grund ihr „Schwedenpils“. Was mal wieder beweist, wie pragmatisch die bayerischen Schwaben denken.

(3) Kürzlich wurde an der alten Via Claudia Augusta unweit von Diedorf ein römischer Meilenstein gefunden, auf dem zu lesen war, dass die Umgehung jetzt aber wirklich bald kommen würde.

(4) Der Ort heißt tatsächlich so. Bieselbachs einzige Sehenswürdigkeit ist ein durchaus beeindruckender spätgotischer Flügelaltar in einer kleinen, unscheinbaren Kapelle. Es gibt dort nicht einmal eine Wirtschaft.

Beitragsnavigation