Aber ein Traum …

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren – Ein phantastischer Roman (4.7)

[Zum 1. Teil]

„Ich befinde mich ganz in Ihrer Gewalt“, murmelte er. Durch das schnelle Aufstehen war ihm etwas schwindlig, aber er schob dieses Schwächegefühl nicht auf seinen Kreislauf, sondern auf die letzten Auswirkungen des Betäubungsmittels, das ihm seine Entführer ins Bier geschüttet hatten. Er ging ein paar Schritte hin und her und bemerkte erst jetzt, dass er keine Schuhe mehr trug, sondern mit seinen feinen Seidensocken den Staub des Bodens aufwirbelte. Inzwischen hatte die Alte die Suppe auf der aufgeklappten Tischfläche des Sekretärs neben der Tür angerichtet.

„Beeilen Sie sich, bevor die Minestrone kalt wird“, sagte sie und holte aus ihrer Tasche einen großen, angelaufenen Löffel, den sie anhauchte und am derben Stoff ihrer Kutte glänzend rieb, bevor sie ihn auffordernd neben den Teller legte. Welkenbaum wurde misstrauisch von dem Mann mit der Pistole, die Karl May als einen „Schießprügel“ bezeichnet hätte, beäugt, während er langsam auf dem antiquierten Stuhl Platz nahm, der dem Aussehen nach mit der Chaiselongue zusammen einmal eine Sitzgruppe gebildet hatte und interessanterweise auch auf dem Gemälde des Kardinals dargestellt war. Das Möbel ächzte und stöhnte unter seinem Gewicht, hielt ihm aber zumindest vorläufig stand. Der Verleger probierte vorsichtig die noch heiße Suppe, dann schloss er die Augen und atmete langsam und voller Genuss ein. Er nahm an, die Alte hatte diese Speise zubereitet. Sie war eine Meisterin ihres Fachs! Welkenbaum leckte sich das Fett von den Lippen. Dieser Geschmack versöhnte ihn beinahe mit seiner Situation.

„Kann ich auch noch etwas zu trinken bekommen?“, krächzte er übertrieben heiser. Sofort zauberte die Alte aus den offenbar unergründlichen Taschen ihres Gewands ein kleines, dickwandiges Glas und eine halbvolle, schwarze Flasche, die sie entkorkte und deren bernsteinfarbenen Inhalt einschenkte und Welkenbaum reichte, bevor sie ihm die eckige Weinflasche wie ein Somelier zur Begutachtung vorzeigte.

Tu autem servasti bonum vinum usque adhuc“, stand auf dem Etikett. Welkenbaums Lateinkenntnisse aus seiner Pennälerzeit reichten aus, um diesen Satz zu übersetzen: „Ich habe dir den besten Wein aufgehoben.“

„Wenn wir von etwas im hier Vatikan reichlich haben, so sind es angebrochene Messweine“, kicherte sie und verriet damit zum ersten Mal ihren Aufenthaltsort, den er onehin schon vermutet hatte.

„Dieser hier ist aus der privaten Reserve des Papa“, ergänzte ihr Partner. „Er stammt von der Cantina Cormòns aus dem Friaul. Ihr Vinum po Sancta Missa ist ein Cuvée aus Tocai, Verduzzo, Chardonnay, Pinot Bianco und Sauvignon und wird bei allen Messen des Vatikans in den Leib Christi transsubstantiert. Es ist ein süßer, aber leichter und milder Likörwein, weil der Papst ja meist am Vormittag die Messe feiert. Auch zu viel Säure darf er nicht haben – das ist nicht so gut für seinen empfindlichen Magen. Achten Sie bitte auf das feine Muskataroma, Signore editore.

Welkenbaum war hinreichend beeindruckt, auch wenn er mehr mit bayerischen Biersorten als mit italienischen Cuvées vertraut war. Er grunzte anerkennend und leerte das Glas durstig in einem Zug, streckte es dann der Alten zum Nachschenken entgegen. Dann konzentrierte er sich auf sein Essen. Schließlich schob er den Teller, den er vollkommen geleert und mit dem Kanten Brot ausgewischt hatte, zur Seite und trank den Rest des Weins. Die Alten, die ihm kommentarlos dabei zugesehen hatten, blickten ihn nun erwartungsvoll an. Welkenbaum fragte sich, ob sie auf ein höfliches Aufstoßen von ihm warteten.

Era molto buono!”, sagte er dann und ahmte unwillkürlich die umständliche und antiquierte Redeweise seiner Gefängnisaufseher nach. „Ihre Minestrone mundete ganz köstlich, meine Liebe. Fürs Erste bin ich saturiert. Der Wein jedoch, ich gestehs, war mir ein wenig zu süß. Ist hier im Vatikan denn kein Bier erhältlich, vorzugsweise bayerisches? Schließlich ist doch der papa emeritus ein Landsmann von mir, dessen Geburtshaus übrigens nur einen Katzensprung von meiner Villa entfernt liegt.“ Die Alte nahm Teller und Löffel auf und machte dabei tatsächlich einen Hausmädchenknicks, bei dem aus ihren Knien ein metallisches Knirschen ertönte. Offenbar hatte Welkenbaum den richtigen Ton gefunden.

„Ich werde sehen, ob noch etwas vorrätig ist.“

„Aber nun lassen Sie uns endlich reden!“ Welkenbaum schob den Stuhl etwas zurück. „Warum in aller Welt haben Sie mich entführt? Ich wäre liebend gerne freiwillig einer Einladung in den Vatikan gefolgt, wenn Sie mich freundlich gefragt hätten. Ich habe übrigens für morgen eine Einladung zur Papstaudienz, da hätte es doch wunderbar gepasst.“

„Glauben Sie mir, Signore, es gehört nicht zu unseren Gepflogenheiten, Menschenraub zu begehen …“

„… doch die außerordentlichen Umstände zwangen uns dazu. Aber wo sind unsere Manieren?“

„… wenn wir uns vorstellen dürfen: Ich heiße Alegra Artifici und dies ist mein Bruder Jacopo. Wir arbeiten offiziell für den Haushalt des Kardinaldekans Angelo Sodano …“

„… aber dies ist selbstverständlich nicht unser tatsächliches Aufgabengebiet, wie Sie sicherlich bereits vermuten werden. Es ist eher … privater Natur. Doch kommen wir nun zum Grund Ihres Aufenthaltes.“

Es folgte eine dramatische Pause. Welkenbaum runzelte die Stirn. Er hatte die Namen des Duos bereits wieder vergessen. Sie waren von seinem Ohr überhaupt nicht bis zu seinem vom Genuss der wirklich köstlichen Minestrone abgelenkten Gehirn gelangt. Er entschied sich, das Paar bei sich „Pat und Patachon“ zu nennen, nach den beiden vergessenen dänischen Komikern, deren Filme er in seiner Kindheit geliebt hatte.

„Sie müssen uns einen Gefallen tun.“ Patachon deute mit dem Lauf seiner Pistole auf eines der Bücherregale an der Wand. Erst jetzt entdeckte Welkenbaum, dass es nicht so vollkommen leergeräumt wie die anderen war. Auf Augenhöhe stand ein dicker, schwarzer Band darin, den er sofort am Titelblatt erkannte. Es waren Dr. Geltsamers erinnerte Memorien!

„Sie haben mich wegen des Romans von Nikolaus Klammer betäubt und entführt?“, fragte er fassungslos. Die beiden Alten tauschten einen dieser Blicke, bei denen ihm erneut deutlich wurde, dass sie zwar körperlich getrennt, aber in ihrer Seele eine Einheit waren, aus der ein Geist und ein Wille aus zwei Mündern sprach.

„Wer ist Nikolaus Klammer?“, fragten sie gleichzeitig. Welkenbaum hob die Hände.

„Sein Name steht auf dem Cover. Er hat das Buch geschrieben.“

„Tatsächlich?“, fragte der Alte. „Ist das so? Nikolaus Klammer, sagten Sie?“

„Das ist egal“, mischte sich seine Schwester ein. „Wir möchten, dass Sie das Buch weiter und so schnell wie möglich zuende lesen. Danach haben wir ein paar Fragen an Sie, Signore editore.“

„Das ist alles. Wir wollen Ihnen nichts Böses.“

Welkenbaum konnte kaum glauben, was er da hörte. Das Groteske seiner Situation, das ihn seit dem Auftauchen der Alten ständig zum Lachen gereizt hatte, schlug wieder in Grauen um. Die zwei mussten vollkommen irre sein! Deswegen hatten ihm Pat & Patachon eine Droge ins Bier gekippt und in die Katakomben des Vatikans geschleppt? Damit er unter Aufsicht in Klammers bescheuertem Buch weiterlas? Wie hatten ihn diese gebrechlichen Mumien eigentlich bewusstlos aus dem Raphael schleppen und hier in diesen muffigen Keller transportieren können? Keiner von den beiden sah ihm danach aus, als würde er einen 130-Kilo-Verleger wie ihn einfach über die Schulter werfen und davontragen können. Sie mussten noch einen Helfer haben – oder eine Sackkarre. Und dann war da noch eine Frage, die unbeantwortet im Raum stand:
„Aber warum haben Sie mich dann mit sich genommen? Hätte es nicht gereicht, mir das Buch zu stehlen? Das wäre doch viel einfacher gewesen.“

„Leider ist es das nicht, sonst hätten wir Ihnen niemals diese Inkommoditäten bereitete. Ich versichere Sie, dass wir Sie auch sogleich freilassen werden, wenn Sie das Buch studiert haben.“

„Uns ist es leider nicht möglich, darin zu lesen.“

[Zum 8. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie. Sie sind in jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich auch überall als E-Book erhältlich.

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren – Ein phantastischer Roman (4.6)

[Zum 1. Teil]

„Herrgott! Zefix!“, rief der Verleger aus und wollte von dem muffigen Sofa aufspringen, das wohl schon seit dem Biedermeier hier unten in dem dunklen Kellerraum vor sich hinmoderte und entsprechend scharf nach feuchtem Schimmel und anderem, unaussprechlichem roch. Sein linker Arm konnte diese Bewegung nicht mitmachen, wie er dabei auf recht schmerzhafte Weise feststellen musste. Sein Handgelenk war mit einem der Löwenfüße des alten Liegemöbels über massive Handschellen verbunden. Er landete deshalb äußerst unsanft neben dem Sofa – Chaiselongue wäre wohl die bessere Bezeichnung gewesenauf den kalten Fliesen und verrenkte sich die Schulter. Welkenbaum nieste in den zentimeterdicken Staub, der den Boden bedeckte und jammerte kurz auf, hielt sich dmit der freien Hand die wehe Stelle. Dann steigerte er sich in einen bemerkenswerten Wutanfall hinein, der jeden, der ihn kannte, verblüfft hätte; galt er doch als ruhiger, besonnener, geradezu phlegmatischer Mann. Er spuckte, wütete und tobte – und diese gotteslästerliche Schimpfkanonade wurde heiter von der ewig wiederholten Tonfolge der kaputten Schallplatte untermalt. Zum Glück war der bayerische Dialekt so reich wie kaum eine andere Sprache auf der Welt mit passenden Kraftausdrücken gesegnet. Ohne eine Pause bei seinem schier unerschöpflichen Fluss an Verbalinjurien zu machen, kniete sich Welkenbaum hin und versuchte, das Sofa ein wenig hochzuheben, um seine Handfessel unter dem Fuß hindurchzufädeln. Aber das scheußliche Möbelstück gehörte anscheinend zum Inventar und war zumindest für ihn mit bloßen Händen unlösbar mit dem Boden verschraubt. Dadurch wurde seine Wut noch größer.

„Sakrisches ***ding, verrecktes! Hurasakrament!“, brüllte er, dass die Wände wackelten und rüttelte verzweifelt an dem Sofa. Es war nicht auszumachen, ob er den Plattenspieler, das Sofa, seine Handschelle oder alles zusammen meinte, aber endlich bewirkte sein Fluchen eine Reaktion. Die nervtötende Tonfolge endete mit einem dissonanten Knirschen, das entsteht, wenn man mit der Nadel des Plattenspielers über das Vinyl kratzt. Eine Tür öffnete sich, durch die seine beiden Entführer zu ihm hereintraten. Ein weiteres und helleres Deckenlicht wurde eingeschaltet und nun konnte Weltenbaum, der seine Brillen vermisste, mehr von dem großen, fensterlosen Ort erkennen, in dem man ihn festhielt. Es schien sich um das Kellergewölbe eines alten Archivs zu handeln. Große, bis an an die Decke reichende Holzregale, die offenbar alle leer waren, bedeckten drei Seiten des Raums, in dessen Mitte er an das Sofa gefesselt auf dem lange nicht mehr gereinigten Boden hockte und nach etwas suchte, mit dem er um sich schmeißen konnte. Nur die Frontseite des Raums, in dem die Tür war, war anders. Hier standen ein alter, wertvoll aussehender Sekretär und ein barocker, vergoldeteter Stuhl an der Ziegelwand und über diesem Arbeitsplatz hing ein großes, dunkles Ölgemälde, das einen Geistlichen zeigte. Anhand der Kleidung vermutete Welkenbaum, dass es sich um einen Kardinal aus dem 19. Jahrhundert handelte, der mit finsterem Blick unter zusammengezogenen Augenbrauen missbilligend und voller Abscheu auf den Verleger herabsah, als wäre er über dessen Schimpfwörterflut ebenso empört wie die Entführer.

„Reißen Sie sich zusammen und hören Sie endlich auf, so entsetzlich zu fluchen!“, sagte der alte Mann und seine verwitterte Begleiterin vollendete: „Das ist ungehörig! Sie sind an einem heiligen Ort.“

Für einen Moment wusste Welkenbaum nicht, wie er reagieren sollte, dann lachte er schallend. Er hatte schon eine Antwort auf den Lippen, wohin sich die beiden Mumien ihren heiligen Ort hinstecken konnten, aber er hielt es dann doch für vernünftiger, die Menschen, in deren Händen er war, nicht weiter zu reizen. Er verstummte und starrte das Duo neugierig an. Sein erster Eindruck war, dass sie mit ihm ebenso wenig anzufangen wussten, wie er mit ihnen. Waren die beiden altgewordene, eineiige Zwillinge oder ein Ehepaar kurz vor der Gnadenhochzeit, weil sie sich so vollkommen ähnelten und einer die Sätze des anderen beendete? Auf jeden Fall machten sie auf den Verleger den Eindruck einer eingespielten, ja, symbiotischen Einheit. Es wäre sicherlich anstrengend, aber auch interessant gewesen, die zwei „Siamesen“ aus ihrem Leben erzählen zu lassen. Sie waren bestimmt keine niederländischen Touristen, wie Welkenbaum anfangs vermutet hatte; die beiden trugen auch nicht mehr die schreiend bunte und abgetragene Kleidung aus der 70er-Jahre-Mottenkiste, in der sie ihren Nachmittagstee auf der Dachterrasse des Raphael eingenommen hatten, während sie ihm aufdringlich Löcher in den Bauch starrten. Stattdessen hatten sie nun weite, schwarze Überwürfe an, die Welkenbaum an Mönchskutten erinnerten. Ihre Blicke waren finster und ließen das Schlimmste befürchten. Er fühlte sich direkt in einen Schauerroman des 19. Jahrhunderts versetzt; in ein Werk von Eugène Sue oder Wilkie Collins.

„Himmel hilf!“, rief er und erschrak: War er etwa in die Hände einer Sekte von Satanisten gefallen? Vorausgesetzt, dass es solche Teufelsanbeter auch außerhalb von schlechten Dan-Brown-Roman-Klonen und apokalyptischen Netflix-Serien im wahren Leben gab. Und warum fielen ihm in diesem seltsamen Ambiente auch noch die gewalttätigen und pornografischen Romane des Marquis de Sade ein? Das fehlte ja gerade noch! Er wollte ängstlich zurückrutschen, doch die ehemals rote Chaiselongue hinderte ihn daran.

Dann stieg ihm der fette Geruch einer kräftigen Suppe in die Nase und überdeckte appetittlich den Staub- und Schimmelgeruch des Raums. Der wahrscheinlich weibliche Teil des greisen Duos trat ein paar Schritte näher. Sie hielt einen Teller in der Hand, dessen Inhalt verheißungsvoll dampfte und so verführerisch duftete, dass Welkenbaums Magen verkrampfte und fast lauter knurrte, als er eben noch geschimpft hatte.

„Wenn Sie sich vernünftig verhalten, Signore editore …,“, begann sie in zögerndem, aber gut verständlichem Deutsch, das aber sicher nicht ihre Muttersprache war.

„… dann können wir Sie von ihren Fesseln befreien. Sie haben sicherlich Hunger“, ergänzte ihr Partner mit dem gleichen, nicht näher verortbaren Akzent. Er stellte sich abwartend neben die Alte und hob die Linke, in der er einen übervollen Ring hielt, an dem sicherlich dreißig oder vierzig Schlüssel hingen. Welkenbaum nickte nur begierig. Er hätte in diesem Augenblick für diesen Teller Suppe töten können, was er aber offensichtlich nicht tun musste. Seine Situation erschien ihm auch nicht mehr so gefährlich wie gerade eben, sondern eher grotesk. Mit den zwei Klappergestalten würde er im Zweifelsfall schon zurecht kommen. Jetzt überwogen die Neugierde und sein gewaltiger Appetit.

„Gut, dann halten Sie jetzt still.“ Der Alte mit seinem enormen Schlüsselbund, mit dem er wohl im halben Rom Türen öffnen konnte, trat sehr vorsichtig näher und kramte mit seiner rechten Hand für alle Fälle eine riesige Duellpistole aus seiner Kutte. Er richtete sie sogleich auf seinen Gefangenen, während er sich herabbeugte und die Handschelle löste. Er fand den richtigen Schlüssel auf der Stelle, obwohl er sich in Welkenbaums Augen kaum von den anderen unterschied.

„Diese Steinschloss-Perkussionspistole wurde im Jahr 1860 von Houllier Blanchard in Paris gefertigt“, erklärte er dabei fachmännisch und fast liebevoll, „und hatte einige prominente Auftritte bei den Ehrenhändeln des Conte Julio Antonio di Mattei, des Cousins des Kardinaldekans Mario Mattei, dessen Portrait Sie hier sehen.“ Er deutete auf das Gemälde über dem wuchtigen Nussbaum-Sektretär. „Mit dieser pistola wurde seit Ewigkeiten nicht mehr geschossen, aber ich habe sie immer gepflegt und sorgfältig in Waffenöl gelagert. Sie ist frisch geladen und – wie Ihnen sicherlich nicht entgangen ist -, auch entsichert. Ich hoffe sehr, Sie wollen nicht ausprobieren, ob die Waffe noch funktionstüchtig ist.“

„Und wenn der eher unwahrscheinliche Fall eintritt“, sprang hier die Alte ein, während ihr Partner eine Verbeugung andeutete „und das Schießpulver zündet nicht, so taugt die Pistole doch dazu, sie Ihnen über den Schädel zu ziehen. Und ihr Knauf will mir härter erscheinen als die Schädeldecke des Signore.“

Welkenbaum musterte schaudernd den achteckigen, sicherlich dreißig Zentimeter langen Lauf, der einen beeindruckenden Innendurchmesser aufwies. Die Kugel darin würde ihm wahrscheinlich den halben Kopf wegreißen, wenn der Alte die Antiquität abfeuerte. Das wollte er nicht riskieren, deshalb hütete er sich, eine misszudeutende Geste zu machen. Mühsam richtete sich der dicke Verleger auf und rieb sein wundes Handgelenk.

[Zum 7. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie. Sie sind in jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich auch überall als E-Book erhältlich.

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren – Ein phantastischer Roman (4.5)

[Zum 1. Teil]

„Was ist mit euch, wollt ihr hier Wurzeln schlagen?“ Verena, die schon ein gutes Stück vor den Männern war, drehte sich nach ihnen herum. „Darf ich euch daran erinnern, dass wir es eilig haben? Welki ist in höchster Gefahr!“ Ihre Stimme übertönte ohne Schwierigkeiten den Lärm von den vorbeifahrenden Vespas und dem ekstatischen Glockengeläut, das Klammer wie einen Zahnschmerz in seinem ganzen mitvibrierenden Schädel fühlte.

„Ich weiß nicht, warum, aber Elena scheint immer wenige Probleme mit diesen Erscheinungen und Zuständen zu haben, wenn wir die Dimensionen wechseln“, bemerkte Marini nachdenklich. „Ich glaube, sie nimmt sie kaum wahr … Vielleicht liegt es an ihrem merkwürdigen Metabolismus.“

Klammer schüttelte nur den schmerzenden Kopf. Metabolismus! Er hatte keine Ahnung, wovon der kleine Italiener da eigentlich sprach. Er wusste nicht einmal, was genau dieses Wort bedeutete. Und ihm war es im Augenblick auch vollkommen egal. Wenn nur endlich dieser merkwürdige, traumwandlerische Zustand vorbeigewesen wäre, in dem er wie einer endlosen Schleife an immer wieder erscheinenden Déjà-vu‘s gefangen war! Am liebsten wäre er jetzt einfach aufgewacht und hätte in seinem Bett in Augsburg das unbelastete Leben fortgesetzt, das er bis vorgestern noch selbstzufrieden und unwissend geführt hatte.

Als hätte ihn endlich eine höhere Macht erhört, fuhr bei diesem Gedanken die letzte Vespa an ihm vorbei, endete das enervierende Vesperläuten und es wurde mit einmal auch wesentlich heller und wärmer in der schmalen und wieder vollkommen leeren Vicolo. Klammer stellte fest, dass die drei nur wenige Menter von der Kreuzung beim Hotel entfernt standen.

„Sie sind unterwegs“, stellte Marini fest und ließ den Arm des Autors los. „Non preoccuparti per tua figlia – Keine Sorge, mein Freund! In diesem Moment befinden sich Isa und Mercedes bereits im Rayon beim alten Mann und sind dort in Sicherheit.“

Rayon?“, fragte Klammer, der diesen merkwürdigen Ausdruck nun bereits zum zweiten Mal hörte. Er war zwar stolz auf seine umfassenden Fremdwortkenntnisse, die er gerne und häufig in seinen Romanen verwendete – schließlich war es für einen Schriftsteller immer besser, ein kompliziertes Fremdwort zu benutzen, als die einfache deutsche Entsprechung. Aber mit diesem Begriff wusste er nichts anzufangen. Doch Marini antwortete ihm nicht. Er winkte beschwichtigend ab und eilte hinter Verena Salva her, die ihre Schritte zum Hoteleingang lenkte.

Klammer seufzte. Es kostete ihn einige Überwindung, zurück in die Gasse zu sehen. Tatsächlich bewahrheitete sich seine Vermutung: Die Buchhandlung war nicht mehr an ihrem Ort und mit ihr war seine Tochter fort. Wo gerade noch eine Auslage mit guter italienischer Literatur für dein Landen geworben hatte, befand sich nun ein rostiges, bodenlanges Gitter, das den Blick ins Innere des Schaufensters und die Tür daneben versperrte. Der trostlose Anblick der öden römischen Vicolo machte Klammer erst bewusst, was er gewonnen und gleich darauf wieder verloren hatte. Für einen allzu kurzen Moment des flüchtigen Glücks hatte er Isa in den Armen halten dürfen und alles hatte darauf hingedeutet, als wären nun alle Schwierigkeiten überwunden, alle Bösewichter geschlagen und das rätselhafte Abenteuer würde sein ENDE finden. Doch wie schnell war dieser Wunschtraum verflogen! Der Autor fühlte es: Er war wieder auf sich gestellt, fast wieder am Anfang seiner Suche. Er stand vor neuen, vielleicht noch schwierigeren Herausforderungen und Geheimnissen. Deshalb folgte er seinen beiden Begleitern nur widerstrebend und voller böser Vorahnungen in das klimatisierte Foyer des Raphaels.

Er irrte sich nicht: Das Spiel gegen die Hyänen war in eine neue Runde gegangen. Sein feister Verleger saß nicht mehr auf seinem bequemen Sessel auf der Dachterrasse des Hotels. Auch im seinem Zimmer befand er sich nicht und hatte weder dort noch an der Rezeption eine Nachricht hinterlassen. Niemand in Raphael hatte sein Weggehen bemerkt oder eine Ahnung, wohin er aufgebrochen war. Der fette Karl-Heinz Welkenbaum war mitsamt dem wertvollen Geltsamer-Buch so spurlos verschwunden, als hätte ihn der Erdboden verschluckt.

 ❧

Welkenbaum fragte sich, ob er wirklich schon ganz wach war. Die Wohlklänge eines barocken Musikstücks, das von leisen, knisternden und knackenden Nebengeräuschen, wie sie die Wiedergabe einer Vinyl-Schallplatte mit sich bringt, begleitet wurde, füllten den nicht gerade kleinen, fensterlosen Raum. In dessen Mitte lag der Verleger auf einer schäbigen roten Stoffcouch und starrte an die Decke. Er nahm kaum wahr, was er dort sah, denn hatte noch einen weiten Weg von seinem Falltraum hinein in die Wirklichkeit zu gehen und es dauerte eine gefühlte halbe Ewigkeit, bis sein Verstand endlich die Sonate wahrgenommen hatte, die sein Ohr schon lange hörte und deren Melodie seine Lippen bereits eine Weile mitsummten. Es kostete ihn ein gewaltiges Maß an Konzentration, sich auf die Kaskaden der perlenden Gänge des Cembalos und das elegische Seufzen der Streicher zu konzentrieren und das Auf und Ab der Töne als eine Strickleiter zu benutzen, an der er zurück in den Wachzustand klettern konnte. Doch die überaus reine und feinstrukturierte Klarheit des Adagios, die ihm jede nahende Tonfolge im voraus verriet und genießen ließ, bevor sie dann tatsächlich erklang, half ihm schließlich, langsam aus seiner tiefen Betäubung zu erwachen. Es war beglückend und befriedigend, sich von dieser Musik an die Hand nehmen und von ihr zurück in die Welt führen zu lassen. Aber es benötigte viel Zeit, denn sein Geist war endlos tief und fast komatös in ihm selbst begraben gelegen.

Welkenbaum kaute abgelenkt auf etwas Trockenem, Säuerlichem und Abgestandenem herum – seine eigene Zunge! – und gab sich ganz den himmlischen Harmonien der Musik hin. Endlich begriff er auch, was seine an die Decke gerichteten, schon lange offenen, Augen betrachteten: Es war ein aus roten Ziegeln errichtetes Tonnengewölbe, von dessen Zentrum eine warme und unzureichend helle Lampe herabhing. Ihrem Licht gelang es nicht, den weiten Raum vollkommen auszuleuchten. Die zum Großteil mit leeren Regalen verstellten und unverputzten, rohen Backsteinwände lagen im Dunklen. Mit Welkenbaums beginnender Wahrnehmung seiner Umgebung geschahen zwei Dinge gleichzeitig: Die Schallplatte kam an einen Kratzer, an dem sie hängen blieb, sie sprang zurück und ein halber Cembaloakkord erklang von Neuem und dann noch einmal und noch einmal …

Doch in Welkenbaums umnebelten Gehirn passierte dadurch genau das Gegenteil: Er kam endlich wieder in die richtige Spur und erwachte endgültig. Er erinnerte sich mit einem Mal deutlich an die Momente vor seinem Traumsturz in diesen Keller hinab. Er hatte auf dem Dach des Raphaels in Klammers außergewöhnlichem Buch gelesen und nebenzu viel zu viel Bier getrunken. Dem Roman, der vorgab, die aberwitzige Autobiografie eines sowjetischen Gulagsträfling zu sein, war eine sepiafbraune Fotografie beigelegt gewesen, die ihm in den Schoß gerutscht war. Auf der Abbildung war eine junge Frau mit Tropenhelm auf dem Kopf und Kleidung aus der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts abgelichtet gewesen. Die Aufnahme wirkte wie ein publicity still aus einem uralten Tarzan-Film, das die abgebildete Schauspielerin als Autogrammkarte vervielfältigt hatte. Was Welkenbaum jedoch fast um den Verstand gebracht hatte: Die gutausehende Forscherin sah haargenau wie seine Verlobte aus. Auch wenn sie auf dem Foto eine andere Frisur trug, hatte Welkenbaum sie doch sofort an ihrer unverwechselbaren Körperhaltung und an ihrem kecken Profil erkannt.

Anschließend … ja, was war dann eigentlich im Anschluss geschehen? Jemand muss ihm etwas ins Bier getan haben, ganz sicher, irgendeine KO-Droge, die ihn dann in seinen wahnwitzigen Falltraum geschwemmt hatte. Und er wusste mit einem Mal ganz genau, wer ihm das angetan hatte. Es waren die beiden Alten gewesen, die ihn schon den ganzen Nachmittag über von ihrem Tisch aus auf der Dachterrasse des Hotels beobachtet hatten.

[Zum 6. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie. In jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich überall als E-Book erhältlich.

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren – Ein phantastischer Roman (4.4)

[Zum 1. Teil]

Das Intermezzo im Buchladen hatte höchstens zehn Minuten gedauert, da war sich Klammer sicher. Aber die schmale Vicolo vor der Ladentür lag still in der Abenddämmerung und war vollkommen menschenleer. Im Schatten der sich nahe gegenüberstehenden, wie sich schützend einander zuneigenden Häuser war es spürbar kälter geworden. Das näherkommende Knattern von mehreren Motoren drang an Klammers Ohren. Er sah sich nach dem Avvocato Ienalli um, doch der lehnte nicht mehr an der Häuserfront und leckte seine Wunden und sein angeschlagenes Ego. Offenbar war mehr Zeit vergangen, als der Autor gedacht hatte. Aber war er nicht nur ein paar Augenblicke – viel zu kurz für seinen Geschmack! – in der Buchhandlung zusammen mit seiner Tochter und den anderen gewesen? Irgendwie hatte er jetzt das Gefühl, es sei inzwischen mindestens eine Stunde vergangen und die Kühle eines Abends im April manifestierte sich fast schon als Nebel über dem brüchigen und vielfach ausgebesserten Asphalt. Er hörte das Geräusch einer sich schließenden Tür hinter sich. Verenas Miene verfinsterte sich. Marini war den beiden gegen ihre ausdrückliche Anweisung nach draußen gefolgt und ebenfalls aus der Buchhandlung getreten. Gerade verschloss er den Eingang gewissenhaft hinter sich. Offenbar war es um den Gehorsam von Verenas Gefolgsleuten – Pagen? – doch nicht so gut bestellt, wie Klammer gedacht hatte. Er war neugierig, wie sich Marini verteidigen würde.

„Waren meine Anweisungen etwa nicht deutlich genug?“, fragte Verena scharf.

Certo! Das waren sie. Aber seit wann ist unser kleiner Geheimbund eine Diktatur, in der du der Tyrann bist? Ich finde, es wäre doch besser, wenn ich mit euch mitkomme. Mercedes und Isa kommen gut ohne mich zurecht, aber euch kann ich helfen“, führte Marini gelassen aus, nachdem er den Schlüssel sorgfältig in seine Hosentasche gesteckt hatte. Er hob in opernhafter Verzweiflung die Hände vor sich, als würde er an einem Apfelbaum schütteln. „Überlege doch mal, Elena: Drei Zeugen sind erst einmal wesentlich überzeugender als zwei – schließlich kenne ich im Gegensatz zu Niccolo die ganze Geschichte. Und dann könnten wir vielleicht doch noch unseren geplanten kleinen Ausflug in die Bücherkeller des Vatikans unternehmen und das andere Exemplar stehlen. Wie findest du das? Außerdem sind deine Ortskenntnisse über Rom schon ein wenig veraltet, nicht?“

Verena legte den Kopf schief und kniff ein Auge zusammen, während sie den kleinen Mann aufmerksam musterte. Klammer erschien diese Körperhaltung wie auswendig gelernt und sehr gekünstelt. Ihm war, als hätte er sie oder eine ganz ähnliche schon einmal in einem Film oder auf einem Foto gesehen, aber obwohl es ihm auf der Zunge lag, fiel ihm einfach nicht ein, bei welcher Gelegenheit das gewesen war. Das Gesicht der geheimnisvollen Frau war vollkommen leer, dann nickte sie.

„Ja, ich gebe es zu. Seit dem Sommer 1816 hat sich hier einiges verändert. Und nicht nur zum Guten.“ 1816? Klammer biss sich auf die Lippen. Wie alt war diese Frau?

„Aber irgendwie glaube ich, du hast auch noch einen anderen Grund, uns zu begleiten, oder?“, fuhr sie fort. Sie lächelte dabei wissend, doch Marini zuckte nur mit den Schultern.

„Gehen wir endlich?“, fragte er und fügte nach kurzem Zögern geheimnisvoll hinzu: „Es wird schwierig genug werden.“

Die Strecke nach vorne zur Kreuzung, an der die Vicolo della Volpe zuerst in die Vicolo della Pace und anschließend in die Via d‘Lorenesi mündete, wo das von Efeu überwucherte Hotel Raphael seinen Haupteingang hatte, war nur einige hundert Meter lang. Die Gasse war so schmal und eng, dass sie kaum Gelegenheit bot, nebeneinanderzugehen. So mussten die drei mit Verena Salva an ihrer Spitze im Gänsemarsch laufen und sich dabei ganz eng an die schmutzigen, braunen Hauswände pressen, um für die ihnen entgegenkommenden oder sie in tollkühnen, lautstark hupenden Ausweichmanövern überholenden Vespas kein Verkehrshindernis zu sein. Die Motorroller schwärmten plötzlich, wie auf ein geheimes Signal hin, einem aufgeregten Hornissenschwarm gleichend durch die eigentlich nur für Fußgänger zugelassene Vicolo. Die nahe Santa-Maria-del-Pace-Kirche hinter ihrer hohen, schimmelfleckigen Mauer läutete gerade zur Vesper.

Klammer drehte sich zur Seite, und ließ eine stinkende, in Altrosa lackierte Vespa an sich vorbei, auf der eine junge Römerin saß, deren dunkle Lockenpracht unter ihrem ebenfalls rosafarbenen Helm hervorquoll. Sie schien etwas zu ihm zu sagen, während sie ihn überholte, aber Klammer konnte sie wegen des infernalischen Lärms ihrer Maschine nicht verstehen. Merkwürdig! Er fragte sich, ob die Uhrzeit der Grund war, aus dem so viele Zweiräder mit knatternden Zweitaktermotoren ihren Weg ausgerechnet durch dieses unscheinbare Gässlein bahnten, als wäre es eine Hauptverkehrsader. Dieses aus dem Nichts aufgetauchte Verkehrschaos hatte schon etwas Bedrohliches und er war längst darüber hinaus, eine solche Erscheinung als zufällig abzutun. Seit er dem Avvocato Ienalli begegnet war, schien ihm alles um ihn herum voller Zeichen und geheimer Codes. Er ertappte sich bei dem Gedanken, ob nicht auch die Anordnung der kleinen, holprigen Pflastersteine im Boden eine geheime Bedeutung besaß, die ihm nur verborgen war, weil er nicht ihre Sprache verstand. Und nun erschien ihm auch der Weg durch die Gasse wesentlich länger als vorhin, als er sie auf der Suche nach der Buchhandlung vorsichtig in die andere Richtung hinuntergegangen war. Nach dem virtuellen Stadtplan, den er zuhause am Computer studiert hatte, war die Vicolo della Volpe nicht einmal hundert Meter lang und mündete in nördlicher Richtung beim Uhrengeschäft Brandizzi in die Via dei Coronari. Doch nun erschien sie ihm wie ein schier endloser, beängstigend enger Schlauch, der sich mit jedem Schritt weiter vor ihm aufrollte und dessen Ende sich mit jedem Schritt weiter von ihm entfernte. War dies ein ähnlicher Effekt wie jener, den er gestern Vormittag auf der Kellertreppe in dem Haus in der Augsburger Altstadt erlebt hatte? Auch dort hatte es sich für ihn so angefühlt, als hätte er währenddessen Jahre und nicht nur Augenblicke erlebt. Er verzögerte seinen Schritt und wandte sich halb zu Marini um, der zwei Schritte hinter ihm ging, die Hände in die Hosentaschen gesteckt hatte und schräg, aber unverkennbar, die Anfangstakte der Kleinen Nachtmusik pfiff. Der Italiener holte auf.

„Ich habe Ihr Buch gelesen“, behauptete Klammer, obwohl er nur den Abschnitt über die Illuminaten überflogen hatte. In Marinis Gesicht ging die Sonne auf und seine Augen wurden hinter seiner lupenartigen, schwarzen Hornbrille noch größer.

Davvero?“, fragte er erfreut und machte synchron mit Klammer einen Sprung zur Seite, um einer weiteren Vespa-Fahrerin auszuweichen, die von hinten angerollt kam. Marini musste schreien, um deren Krach zu übertönen. Auch dieser Motorroller war rosa lackiert, genau in dem Farbton, in dem auch der Helm gehalten war, den die Lenkerin keck über ihre herrlichen, schulterlangen Locken gestülpt hatte. Rief sie den beiden etwas zu? Bei dem Lärm war das schwer zu sagen.

Kommen hier denn immer wieder die gleichen Motorroller vorbei? Wie verrückt ist das denn? Wenn das ein Traum ist, fragte sich Klammer, wann habe ich dann eigentlich begonnen, ihn zu träumen? Marini, der die Konfusion sah, die in Klammers Gesicht erschienen war, schob ihn noch näher an die bröcklige, mit Graffitis beschmierte Mauer heran und fasste ihn vertraulich unter den Arm. Um das weiterhin stete und einfach nicht enden wollende Läuten der Kirchenglocken und das Knattern der Zweitakter zu übertönen, schrie er dem Autor ins Ohr.

„Das muss dich beunruhigen, Niccolo. Du bist das noch nicht gewöhnt. Diese merkwürdigen Zustände erscheinen immer, wenn die Buchhandlung zwischen zwei Orten … wie soll ich sagen? … transitiert. Es ist, als würden ihre Räumlichkeiten in der näheren Umgebung ein Vakuum zurücklassen, in dem die Wirklichkeit wie ein altes Dieselaggregat einige Anläufe benötigt, bis sie stotternd wieder in Gang kommt und die Lücke ausfüllt. Ich habe keine Erklärung dafür, denn ich bin Historiker und kein Physiker. Der Spuk müsste aber gleich vorbei sein“, erläuterte er. Klammer verstand kein Wort. Die Römerin in Rosa fuhr ein weiteres Mal knatternd durch die endlose Gasse und an ihnen vorbei. Doch diesmal schien sie die Gruppe Fußgänger zu bemerken, denn sie drehte ihren Kopf nach ihnen.

[Zum 5. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie. In jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich überall als E-Book erhältlich.

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren – Ein phantastischer Roman (4.3)

[Zum 1. Teil]

Porca miseria! Wie konnte denn das geschehen?“, warf Marini zornig und überrascht ein. Nach dem Fluch, der ihm unbedacht herausgerutscht war, wechselte er sofort in ein akzentfreies Hochdeutsch. „Was machen wir denn nun? Wir brauchen das Buch!“

Klammer hob schuldbewusst die Handflächen nach oben. Er fühlte sich plötzlich wie vor ein Gericht gestellt. Er wandte sich an Verena, die ihm vielleicht als Anwältin helfen konnte:

„Es schien mir das einzig Richtige zu sein. Ich wurde seit Innsbruck von diesem Avvocato verfolgt und ich wusste, dass er nicht nur hinter Isa, sondern auch hinter dem Geltsamer-Buch her war. Mal abgesehen von dem Zaubertrick, den es durchführen kann, habe ich nicht die geringste Ahnung, was das Buch so wertvoll macht. Doch ich habe die einzige Gelegenheit genutzt, die sich mir bot, es in Sicherheit zu bringen, als ich mich heute Vormittag im Hotel Raphael nach euch beiden erkundigte. Ihr wart ja leider unterwegs … also, was sollte ich tun? Ich hatte auch nicht viel Zeit, nachzudenken.“

„Das war ja sicher ein guter Einfall, aber …“, setzte Isa an.

„… aber jetzt ist der Verleger in Lebensgefahr und das Buch könnte den Hyänen in die Hände fallen“, brachte Mercedes den Satz zuende. Weiter hinvollkommen in mit ihr telefoninio versunken, hatte sie bisher nicht den Eindruck gemacht, als würde sie zuhören. Aber nun hatte sie das Offensichtliche in dem düsteren und rauchigen Tonfall einer Sybille ausgesprochen.

„Das wäre eine Katastrophe, die wir unbedingt verhindern müssen. Welki sitzt im Moment auf der Dachterrasse unseres Hotels und ist von vielen Menschen umgeben“, sagte Verena nach einer kleinen Pause, in der alle betroffen vor sich hinstarrten. „Ich hielt es für das Beste, ihn dort sitzen zu lassen, denn ich dachte, er wäre dort sicher. Aber nachdem nun klar ist, dass uns die Hyänen auch hier in Rom aufgespürt haben, war das wohl nur Wunschdenken. Wir wissen es ja: Um Isabellachen in die Hände zu kriegen, würden sie über Leichen gehen. Es wäre auch nicht das erste Mal, dass sie das tun.“ Verena hielt den Kopf schief, überlegte. Dann klatschte sie entschlossen in die Hände. „Es geht nicht anders. Wir müssen unseren Plan ein wenig abändern. Ich werde zurück ins Hotel gehen und meinen Welki in alles einweihen müssen. Da wird er Augen machen! Ich hoffe, er kann mir verzeihen und verdauen, dass ich ihn schon seit Monaten belüge! Gaetano, Mercedes und Isa, ihr solltet sofort gemeinsam mit der Bibliothek verschwinden – ihr wisst wohin. Die Sicherheit der Einzigen hat Vorrang vor allem anderen. Die Hyänen dürfen nicht noch einmal so nah an sie herankommen wie in Brasilien. Wir treffen uns dann mit dem Russen am vereinbarten sicheren Platz.“

„Aber wie werdet ihr uns folgen können?“, fragte Marini, auf dessen gerunzelter Stirn deutlich geschrieben stand, wie wenig Beifall dieser Entschluss bei ihm fand.

„Wir sind gestern Mittag mit Welkis Privatflugzeug auf dem Aeroporto Ciampino gelandet. Hast du das vergessen? Wir holen uns schnell neue Genehmigungen und ich fliege euch dann mit der Maschine hinterher. Morgen oder spätestens übermorgen sind wir alle zusammen in der Schweiz im Rayon. Ich kann euch allerdings noch nicht sagen, auf welchem Flughafen wir landen dürfen, werde euch aber, sobald es möglich ist, informieren und dann mit einem Mietauto kommen.“

Marini kaute an einer zweifelnden Antwort, aber er schluckte sie hinunter. Eines war Klammer während des Wortwechsels deutlich geworden: Verena Salva war Anführerin, Mittelpunkt und spiritus rector des kleinen, verschworenen Bundes. Es gab keinen Widerspruch, wenn die angebliche Lyrikerin eine Entscheidung traf; auch wenn Marini offensichtlich nicht mit ihr einverstanden war.  Klammer kniff die Augen zusammen und musterte die Frau, die gelassen auf Marinis Zustimmung wartete und ruhig dessen Blick erwiderte. Sie war für ihn auf die Schnelle nicht zu durchschauen. Obwohl Klammer viel auf seine Menschenkenntnis hielt, wurde er einfach nicht schlau aus ihr. Sie hatte in dem kurzen Gespräch alle seine Vorurteile bestätigt, die er gegen Frauen hegte, die Poesie schrieben. Doch als sie eben als deus ex machina über den armen Avvocato Ienalli hergefallen war und den Tag rettete, hatte sie auf Klammer wie eine in allen Kampfkünsten erfahrene, weibliche James-Bond-Ausgabe gewirkt. Dabei war sie eine zwar große, aber fast jungenhaft schmale Frau Mitte Dreißig, die ein kurzes Sommerkleid und Sandalen mit hohen Absätzen trug und einen vollkommen harmlosen ersten Eindruck machte. Nichts an ihrer Erscheinung ließ erahnen, wie stark und geschickt sie war. Doch ihre bezwingende Ausstrahlung und Dominanz war für ihn, da er nun direkt neben ihr stand, nahezu körperlich spürbar. Es gab eine merkwürdige Diskrepanz zwischen der hübschen Hülle und der alten Seele, die in ihr wohnte. Ihr Blick aus hellblauen, durchsichtigen Augen wirkten abgeklärt, weltweise und sie schienen Klammer so vollkommen zu durchschauen, als stünde er nackt vor ihr. Der Schriftsteller hatte so etwas noch nie erlebt: Das waren bleiche Greisenaugen in dem schönen, spöttischen Gesicht einer, von seinem Standpunkt aus betrachtet, noch jungen Frau. Es schien ihm überhaupt nicht mehr abwegig, dass in diesem Kopf Elena Kuipers Seele stecken könnte, der Geist jener taperen Dschungelforscherin, die – glaubte er Marinis Vorwort zu ihrem Tagebuch – doch schon seit über achtzig Jahren tot war. Aber wie war so etwas überhaupt möglich? Klammer wollte gerade fragen, ob die „Rosmarinkatze“ die Enkelin oder Urenkelin der Ärztin mit niederländischen Wurzeln war, da wurde er von Marini unterbrochen:

„Also gut, dann machen wir das so“, gab sich der ehemalige Jesuit endlich geschlagen, nachdem er eine Weile überlegt hatte. Aber seine weiterhin in Falten gelegte Stirn strafte seine Worte Lügen. Er war durchaus nicht mit Salvas Entscheidung einverstanden. Nun war Klammer an der Reihe, sich zu räuspern.

„Und was ist mit mir, Verena?“ Er konnte sich noch nicht überwinden, die Frau wie die anderen „Elena“ zu nennen. Er wollte sich einfach nicht mit der Vorstellung anfreunden, diese dichtende Freundin seines Verlegers sei mit der Ärztin aus dem Tagebuch identisch und inzwischen 120 Jahre alt.

„Du gehst mit mir zu Welki mit, Nikolaus!“, sagte Verena bestimmt und packte ihn am Oberarm. Probeweise versuchte er, sich loszumachen, doch es gelang ihm nicht. Ihr Griff war viel zu fest, eisern wie eine Handschelle.

„Warum kann Papa nicht mit uns kommen?“, warf Isa erstaunt ein.

„Weil ich ihn zum Einen benötige, um Welki zu überzeugen. Wenn ich meinem Dickerchen ohne Zeugen mit unserer Geschichte komme, lässt er mich geradewegs in die Irrenanstalt an der Piazza Colonna einweisen.“

„Die ist schon vor zweihundert Jahren geschlossen worden“, bemerkte Marini lachend. Verena zuckte mit den Schultern.

„So? Als ich zuletzt in Rom war, gab es sie noch. Auf jeden Fall brauche ich die ganze endlose Geschichte nicht jedem einzeln erzählen, wenn ich Nikolaus mitnehme“, fuhr sie in sich hineinlächelnd fort. „Außerdem wird es Zeit, dass dein Vater endlich seine Arbeit als Page aufnimmt.“

Sie zog den von dieser plötzlichen Wendung vollkommen überraschten Klammer wie ein widerspenstiges Kind mit sich. Obwohl er seine eben wiedergefundene Tochter auf keinen Fall schon wieder verlassen wollte, war er so überrumpelt, dass er sich nicht wehrte, was ihm eingedenk der Stärke von Welkenbaums Freunden eh nichts genützt hätte. An der Tür blieb Verena noch einmal stehen und sah zu der betroffenen Isa zurück.

„Ich werde auf ihn aufpassen, keine Sorge. Deinem Vater wird nichts geschehen. Ihr seht euch bald wieder.“ Dann holte sie einmal konzentriert Luft und trat mit Klammer im Schlepptau aus der Buchhandlung, bevor er oder seine Tochter noch einmal Einsprüche erheben konnten.

[Zum 4. Teil …]

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