Aber ein Traum …

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Der Engel im Spiegel – Kurzgeschichte (1. Teil)

Die Illustration unten  zeigt einen Ausschnitt aus der „Madonna del parto“ von Piero della Francesca, einem Fresko aus dem Jahre 1492, das in der kleinen toskanischen Ortschaft Monterchi zu besichtigen ist, wo dem Gemälde ein eigenes Museum gewidmet wurde. Ich habe Sehnsucht nach Wärme, Urlaub und Italien. Daher habe ich heute den Anfang meiner Erzählung „Der Engel im Spiegel“ wieder nach oben geholt. Ich weiß, dass der Text meiner Leserschaft einiges abverlangt und man Geduld und Aufmerksamkeit mitbringen muss. Das ist im von Schlagworten, Fakes und Hasskommentaren geprägten Internet, wo manchem schon ein „Tweet“ zu lang ist, unüblich. Darauf wollen sich leider nur wenige einlassen.

Trotzdem ist dies die Geschichte, die ich persönlich für meine beste halte; sie ist trotz einiger Mängel mein Liebling … auch wenn ich mich mit ihr für den bad sex in fiction award bewerben könnte. 

Madonna

Der Engel im Spiegel

Wenn die Hoheiten reisten, fanden sie, durch Zufall und Scharfsinn, stets Dinge, die sie nicht gesucht hatten. So entdeckte einer von ihnen, dass auf der gleichen Straße, auf der sie reisten, vor kurzem ein Maultier vorbeigekommen war, das auf dem rechten Auge blind war, denn nur auf der linken Seite war das Gras abgefressen, und dort war es viel schlechter als auf der rechten Seite.“

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klärungsversuch eins: gleichnis.

wie ich befürchtet hatte zerbricht der untere rand des orangeneises direkt über dem holz in große hälften nur mit einer schnellen durchaus gedankenlosen will sagen reflexhaften bewegung der zunge gelingt es mir geschickt das kinn nach vorn gereckt die beiden teile in die mundhöhle zu schaufeln während die eine hand eine schaufel vor dem hals formt und die andere mit dem saftklebenden stiel auf die stuhllehne sinkt sofort schmerzt die kälte scharf an den plomben und ich blase beide wangen auf die zunge die vielbeschäftigte! weindunkle! hält das eis in bewegung alles ist ein faksimilie der zahllosen kindtage gleichzeitig eine bewusst gekostete reminiszenz an verlorenes wie oft zerbrach mir früher das schleckeis habe ich den masochistischen genuss wiederholt war es damals ein grund für mich zurückzutreten:

Sommer, die buchstäblich kein Ende nahmen.

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… wieder: „Ich habe satt!“, und legte beide Handflächen vor sich auf den Tisch. Er drehte sie langsam nach oben, musterte mich über seine randlose Lesebrille mit weinschwerem Blick.

Da muss es doch noch etwas anderes geben“, fuhr er fort, „einen dritten Weg!“ Ich sah, seine Hände wollten zwei Waagschalen bedeuten, in denen er das Gewicht seines Schicksals schätzte. Die Geste hatte Religion, war eine Beschwörung. Er verharrte wie im Gebet, auf die Antwort der höheren Macht hoffend, die sein Blick nun in dem orangeroten Reflex suchte, den die untergehende Sonne durch den Dechanter auf den Tisch warf; schnell hatte er es aufgegeben, nach ihr in meinen Augen zu forschen. Er redete mit sich selbst. Dass er dabei ein Gegenüber hatte, war nur ein durchaus glücklicher Zufall.

Schwalben flogen Angriffe im tiefstehenden Sonnenlicht. Ich hörte ihr Pfeifen.

Herkules am Scheideweg. Ja. Immer bleibt mir die Wahl zwischen zwei Übeln. Ich habe satt, mich immer für das vermeintlich kleinere entscheiden zu müssen.“

Erneute Beschwörung, die offenen Handflächen nun etwas höher über dem kleinen Bistrotisch. Ich war abgelenkt, ich gebe es zu. Hatte ich diesem Bekenntnis unter italienischem Abendhimmel nicht schon oft lauschen müssen? Mir schien es so. Dabei wusste ich nicht einmal den Namen des Mannes, der mit mir am Tisch saß, hatte ihn schneller vergessen, als er ausgesprochen war. Manchmal schien mir, ich könne Worte des älteren Mannes mitsprechen, aber sie hatten einen ungewohnt harten Klang, waren viel zu verbissen für das weiche, nachgiebige Licht, in das der Platz getaucht war. Und doch hatte ich schon tausendmal gehört, was er mir zu sagen hatte. Es war ein Archetyp, ein paradigmatischer Moment. Worte, denen ich nicht entkam.

… lähmend: „Das nennen sie Demokratie, wenn ich zwischen Gaunern und Narren wählen muss. Politik heißt, faule Kompromisse zu schließen. Gott scheint es nicht anders gemacht zu haben, als er sich diese ‚beste aller Welten‘ wie eine ekle Fleischfaser zwischen den Zähnen heraus pulte. Der Demiurg hat ein paar Erdvarianten hingeschlampt und uns auf der am wenigsten misslungenen angesiedelt. Zu mehr war er, Opfer der Umstände, nicht in der Lage. Und wenn ich mich darüber beschweren will: An welchen der vielen Götter soll ich mich denn wenden? Die Frage lautet nicht, wer der Beste von ihnen ist, sondern welcher am wenigsten Ungeheuer.“ Einige Schweißperlen glänzten nun auf der Stirn des Gnostikers.

… warmgeredet: Ich atmete verhalten in mein großes, nach modrigem Holz und Kirschen riechendes Weinglas, das meine beredte Miene hinreichend verdeckte. Beinahe hätte ich ihn gefragt, ob seine Entscheidung, statt Tafelwein Brunello zum Essen zu bestellen, auch ein fauler Kompromiss war. So schlecht konnte es um die ‚beste aller Welten‘ nicht bestellt sein, wenn man hier solch ein Getränk kelterte. Auf seine Weise hatte der Mann jedoch recht. Mein fauler Kompromiss war aus der Wahl entstanden, in Ruhe den Abend bei öliger Pizza und mafiasaurem Chianti, aber in der besten aller Gesellschaften, nämlich meiner eigenen, zu verbringen oder für den Montalciner Traum, crostini al fegatini di pollo, fettuccine con i tarfufi bianchi, hauchzarte piccioni con aglio und einen 12 Monate alten pecorino aus Pienza sein banales Geschwätz zu ertragen. Aber vielleicht war ja noch mehr aus dem Abend zu holen.

… käuflich: Nun, ich hatte ja meine Möglichkeiten und er schien nun doch zu bemerken, wie weit er gegangen war und sich in philosophischen Höhen verstiegen hatte, in denen ihm schnell die Luft knapp wurde.

Und in meinem Leben?“, suchte er seinen Weg zurück ins Tal. „Immer musste ich mich zwischen Übeln entscheiden. Jedes Mal gab es etwas, das die Wahl vergiftete. Beruf, Familie, egal: Du wirst es bereuen.“ Das war nun etwas, das mich interessierte.

Sie würden also nichts rückgängig machen und die andere Entscheidung ausprobieren wollen?“ Obwohl er mich schon lange duzte, hielt ich höflichen Abstand. Er legte den Kopf schief. Erneut traf mich ein forschender Blick über die Brille hinweg. Ich hatte schon lange nicht mehr so offen mit dem Feuer gespielt.

Wie meinst du das?“, fragte er beteiligt, legte dann ein Bröckchen Käse auf seine Zungenspitze. Ihm war die Ablenkung ins Gesicht geschrieben, sie legte sich wie ein Schleier auf seine Augen. Ja, der alte Mann verstand etwas von den Genüssen. Davon würde ich sicherlich einiges auf meiner Rechnung finden.

Ich meine, es gibt in unserem Leben doch Momente, die eindeutig sind, in denen sich die Möglichkeiten auf zwei beschränken. Sie haben vorhin den Scheideweg erwähnt: Herkules muss nach rechts oder links …“, führte ich aus und zögerte kurz, „selbstverständlich kann er nicht zurück.“ Ich hatte einen schlechten Geschmack auf der weindunklen, rosenfingrigen Zunge, als wäre ich das Negativ meines Gegenübers. Kann man es Synästhesie nennen, wenn man Gedanken schmecken kann? Dieser zumindest lag faul und brennend wie ein alter Melonenschnitz auf meinen Geschmacksnerven. „Das Vergangene ist schließlich nicht wiederholbar. Ich kann nicht zweimal auf den gleichen Turm steigen.“ Ich erschrak. Warum sagte ich das? Welche Fehlleistung veranlasste mich, den alten Herodot abzuwandeln? War der Grund wirklich nur darin zu suchen, dass mich eben ein letzter Lichtstrahl blendete, ein Abschiedsgruß der hinter dem hohen Geschlechterturm verschwindenden hitzigen Sonne, der die Häuser der umbrischen Piazza noch ein letztes Mal in strahlendem Ziegelrot erglühen ließ.

Aber er hatte mich nicht verstanden. Für ihn war der Turm, den man nur einmal besteigen konnte, eine originelle Variante, die er gleich seinem Pecorino genoss. Ich spürte, wie er sich innerlich beglückwünschte, mit mir das Gespräch gesucht zu haben. Ich musste vorsichtiger sein, doch die späte Hitze drückte wie eine alte Last auf den Platz und machte mich so müde wie die Tauben dort drüben, die es längst aufgegeben hatten, in den Ritzen des Pflasters nach Nahrhaftem zu picken. Traumwandelnd tappten sie wie Trunkene umher.

Es gibt nur diese beiden Wahlmöglichkeiten. Ich würde gerne den Moment, in dem ich mich entscheiden muss, aufbewahren. Verstehen Sie, einen Spielstand archivieren wie in einem Computerspiel, den ich dann jederzeit neu landen kann, um anschließend das andere auszuprobieren. Sie hingegen erzählen mir, dass Sie genau das nicht wollen. Sie wollen sich nicht noch einmal entscheiden müssen.“

Ja. Denn jede Wahlmöglichkeit ist eine Zitrone. Egal, in welche ich beiße, sie ist sauer. Das ist meine Erfahrung.“

Ich sehe das etwas anders: Das Leben, sonst eine Vielfalt, spielt plötzlich „Mäxchen“ mit uns. Sie kennen das Spiel mit den zwei Würfeln, bei der die höhere Zahl den Zehner, die niedrigere den Einer angibt? Ist mein Wurf niedriger als der meines Gegners, verliere ich.“

Und dein Gegner wirft hohe Zahlen, ich weiß. Aber du kannst betrügen und so tun, als wäre dein Wurf der Höchste. Manchmal wird dir geglaubt“, warf er ein, „… und manchmal stirbst du.“

… hinkend: Nein, ich musste mich in Acht nehmen. Er war nicht zu unterschätzen. Ich lächelte daher, als hätte er mich verunsichert.

Genau. Betrügen kann ich immer. Das ist vielleicht eine dritte Option.“ Ich hätte ihm nun gerne von meinem Nachmittag in Monterchi erzählt, von Piero und den schwarzen Oliven, aber die Schatten auf der Piazza wurden länger. Wie ein mahnender Zeigefinger rückte die in die Länge gezogene Spitze des Turmes über die holprigen Pflastersteine und deutete hinter unserem Tisch auf die Fenster des Ristorantes, vor dem wir saßen. Sofort brachte ein Kellner eine Kerze und zog sich eilig mit der leeren Weinkaraffe zurück, die er bald gefüllt wiederbringen würde. Es wurde Zeit.

Kommen Sie, ich zeige Ihnen etwas“, sagte ich, als wäre mir ein Gedanke gekommen, „vielleicht ändern Sie dann ihre Meinung.“

 

„Sie verdanken ihre Genauigkeit und ihre Vollendung der mathematischen Kraft, der Fähigkeit des Zählens, Messen und Wägens, die mehr als alle andern auf Vernunft beruht.“

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klärungsversuch zwei: ausblick.

zuhause in der kälte sehe ich durch das fenster hinaus auf die leere straße ihr schnee ist rostig braun verfärbt er erinnert mich an geronnenes blut die nacht hat ihm das angetan gewalttätig nahm sie dem schnee die unschuld das milchige licht dieses morgens bringt es an den tag die nacht stahl mir leben ein abgeschmacktes wortbild kommt in meinen sinn die stunden der nacht sind mir wie sand zwischen den fingern verronnen der fokus meines blicks ändert sich nun sehe ich nicht mehr den vom pulver der knaller und raketen gefärbten neujahrsschnee sondern mich selbst ich erscheine gespensterhaft im spiegel der fensterscheibe mitleidig nicke ich mir zu denn wir hatten nur wenig zeit miteinander wieder und wieder versuchte ich mein glück jedesmal scheiterte ich dieser frühe morgen ist übrig der erste eines neuen jahres der letzte meines lebens:

Ich bin alt geworden in dieser Nacht.

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Der Blick der Engel ist ängstlich. Allerdings spricht aus ihm eine Furcht, die sich in jedem Moment in Zorn über das Geschaute verwandeln kann, in einen Hass auf Gott. Wie zwei Ampelmännchen starren sie über den Betrachter hinweg auf eine weißgetünchte Wand mit einer nüchternen Informationstafel, einst jedoch sahen sie durch die Tür einer Kapelle hinaus auf den Cimitero der kleinen Stadt auf dem Hügel, der Reiseführer gerne die Eigenschaft ‚pittoresk’ begeben. Die Blicke der Cherubim erinnern mich an die großen Angstaugen zweier anderer Engel im nebelgrauen Dresden, die angesichts der Sterblichkeit jedoch eher zur Trauer als zur Wut neigen und im Übermaß als gefälliger Postkartenkitsch verbreitet werden. Ein Paradebeispiel für das Missdeuten der Nachgeborenen sind sie, für das Abtöten jeglicher Emotion in einem millionenfachen Replikat.

Diesem siamesischen Engelspaar in Italien jedoch, vom kommunistischen Bürgermeister aus seiner ursprünglichen Umgebung gerissen und in ein ehemaliges Schulgebäude eingesperrt, bleibt wegen seiner Strenge und abweisenden Hoheit das Schicksal der etwa hundert Jahre jüngeren Geschwister erspart. Sie schützen die schwangere Madonna in ihrer Mitte auch nicht: Sie stellen sie bloß, bieten sie wie zwei Zuhälter dar, sind die Raumlinien, an denen der Betrachter vom Werden zum Vergehen geführt werden soll. Mir fallen die olivenschwarzen Blicke von zwei gefallenen, strickenden Engeln ein.

„Piero und Raffaelo“, sage ich leise, „das sind der Platon und der Aristoteles der Renaissancemalerei. Hat doch auch Platon davon gesprochen, wahre Schönheit liege allein in der Geometrie.“ Ich bin mir des Unsinns bewusst, den ich erzähle, aber er klingt gut. Und er wirkt, das allein zählt.

„Ich stelle mir vor, die zwei in die Zukunft schauen“, erwidert Chiara nach kurzem Nachdenken. Ihre Stimme hätte ruhig etwas dunkler, geheimnisvoller sein können, aber ihre singende Stimme streichelt mein noch aufgerichtetes Geschlecht ebenso sanft wie ihre langen, elfenbeinfarben lackierten Nägel. Eine träge Fliege klettert über Chiaras mattschwarz gefärbtes Haar, setzt dann ihren brummenden Irrflug fort. Die liedhaften Worte des Mädchens umschwirren mich mit derselben Hartnäckigkeit wie das Insekt, sie sind ebenso ziellos und nicht verjagbar.

„1492 ist gestorben, am 12. Oktober, an gleiches Tag, an dem Colombos Fuß auf den Bahamas Amerika berührte. Piero war ein blindes, ein verbittertes Mann, ich stelle mir vor …“, führt Chiara aus, flüstert es fast, als wäre das Todesjahr von Piero della Francesca ein Geheimnis, ein Zauber, der nicht für jedes Ohr geeignet ist. Vielleicht hat sie recht und wir gehen viel zu unvorsichtig mit dem um, was wir Wissen nennen, sammeln es in babylonischen Bibliotheken und in Wikipaedien und vergessen, dass Wissen mehr ist als Daten wie gebrauchte Briefmarken in Alben zu kleben. Daten ergeben keine Geschichte, sie stören nur bei der Beweisführung. Richtig ist, was ihr dient, selbst eine faustdicke Lüge.

„Du kennst die Jahr?“ Ich nicke, schmecke Schweiß auf der Oberlippe. Obwohl ihr Deutsch schlechter ist als mein Italienisch, beharrt sie darauf, ihre Erkenntnisse in dieser, ihrem Singen so fremden Sprache weiterzugeben; ähnlich den Leuten in den toskanischen Touristenzentren, die – gedrillt wie Pawlowsche Hunde  – nicht einmal mein gut gesprochenes Italienisch davon abhalten kann, mit wohlgemeintem Englisch zu antworten. Auf der anderen Seite klingt Chiaras geheime Beschwörung der magischen Jahreszahl in einer ihr fremden, ein wenig unheimlichen Sprache viel eindringlicher.

„Kopernikus veröffentlichte 1492 sein Buch über die Planetenbewegung“, sage ich und gehe betont lässig auf ihr Spiel ein, mische nun meine Erkenntnisse, Lügen und falschen Daten, bis sie sich zu dem verdichten, was ich als Wahrheit erkenne. „Er schiebt diese eine Erde aus dem Mittelpunkt, macht sie zu einem unbedeutenden Element des kosmischen Gefüges. Durch einen Übersetzungsfehler wird die Umdrehung zur Revolution.“ Chiara unterbricht ihr Streicheln, doch bevor ich sie zum Weitermachen auffordern kann, beugt sie sich zur Belohnung herab. Ihre weindunkle Zunge kitzelt, leckt wie ein Kätzchen in einem Schälchen mit Milch. Das Mädchen macht dabei sogar ein Geräusch, das an Schnurren erinnert. Dabei bewegt sie ihren Kopf nun schneller. Mein Blick gleitet über die Furche in Chiaras gebeugtem Rücken, über ihre im Halbdunkel des Raumes wie frischer Käse wirkenden Rundungen und er fällt auf die Madonna in prada, ihre reine, blütenweiße Hand. Der Eindruck verwirrt sich, mir scheint, als würden mich die dünnen Finger der Jungfrau befriedigen.

„1492 fertigt Andreas Vesalius einen Atlas des menschlichen Körpers an, beschreibt darin als erster Europäer nach Galen den Blutkreislauf. Vom Himmel geht der Blick zum inneren Kosmos.“ Bemerkt sie die Eleganz und das Ziel meiner Behauptungen? Zweifel scheinen ihr keine zu kommen. Im Gegenteil, Chiara hat sich nun festgesaugt, sie macht schmatzende Geräusche. Ich gebe ihr einen Finger und trage noch dicker auf:

„Und der Vater von Galileo Galilei, Vincenco, komponiert 1492 das erste polyphone Lied der Neuzeit. Er rückte den einen Ton aus dem Mittelpunkt, macht ihn zum Teil der Dreiklänge seiner Komposition.“

„Und Colombo“, keucht das Mädchen, „Colombo!“

„Er rückte 1492 Europa aus dem Mittelpunkt, macht das eine mare nostrum zu einem kleinen Gewässer unter vielen.“ Jetzt bricht meine Stimme, Martin Behaims ‚Erdapfel’ und DaVincis ‚Vitruvier’ bleiben unerwähnt. Während ich ejakuliere, schließt Chiara die Beweisführung ab:

„Die Engel, sage ich, sehen Neue Zeit.“ Sie fährt sich mit der besudelten Hand durchs Haar. „Sehen die Zukunft, … und sie fürchten!“

Das ist das Geheimnis, das sie entdeckt hat, während sie gelangweilt im Madonnenmuseum an der Kasse saß. Si, ingegnere, 3,10 € ingresso, 1,80 € ridotte, bambini unter 14 frei.

So hatte ich sie gefunden: Sie saß Kaugummi kauend in ihrem Cassa-Häuschen, ihrem gläsernen Schneewittchensarg. Sie starrte in einen Camilleri, ohne ihn zu lesen und benutzte das Buch als Mauer, wollte sich abschirmen von dem lästigen Besucher, der kurz vor der Mittagspause noch unbedingt Pieros restauriertes Fresco sehen wollte, dem allein dieses ganze zum provisorischen Museum umgebaute ehemalige Schulgebäude von Monterchi gewidmet war. Ich hatte den alten Maler gesucht, wollte ihn näher, intimer haben als in Arezzo, persönlicher noch als im nahen Sansepulcro. Hier in diesem Dorf, der im Altertum ein dem Herkules am Scheideweg geweihter Kultort war, war Piero perfekt: Hier hatte er den gestrigen Weg in zwei Hälften geschnitten.

[Zum 2. Teil …]

Mein neues Buch: „Die Wahrheit über Jürgen“

Liebe Freunde meines Blogs, liebe Leser,

ich war fleißig. Der 2. Band meines „Jahrmarkt in der Stadt“-Zyklus‘ ist erschienen. Es ist der Künstlerroman „Die Wahrheit über Jürgen“, von dem man hier auf meinem Blog in diesem Monat noch eine lange Leseprobe finden kann. Dieser durchaus autobiografische Schlüsselroman, an dem ich viele Jahre gearbeitet habe, spiegelt auf spannende und unterhaltsame Weise meine intensive Beschäftigung mit der zeitgenössischen Kunst wider. Ich hoffe, er wird von euch wohlwollend aufgenommen und findet vielleicht sogar den einen oder anderen Leser unter euch. Wirklich toll wäre auch der eine oder andere Stern oder gar eine Rezension auf einem Online-Portal … aber jetzt leide ich wohl unter Wahnvorstellungen.

Über ein Teilen dieser Ankündigung würde ich mich auf jeden Fall freuen.

Euer Nikolaus.

 

Die Wahrheit über Jürgen
Jahrmarkt in der Stadt

Band 2

Der Mensch dürstet nach dem Bösen, aber er vermag es nicht,
ihm seine Seele zu verschreiben.
Deshalb schlägt er krumme Wege ein:
Die Neurose, das Gelächter oder die Kunst.

Augsburg Mitte der 90er Jahre: Die Bilder des Malers Jonas Nix sind eine künstlerische Sensation und Tagesgespräch bei den Kulturschaffenden der in ewigem Dornröschenschlaf schlummernden Stadt. Doch liegt der Erfolg von Nix wirklich in der Qualität seiner düsteren, blutigen Werke begründet oder eher an seinen engen verwandtschaftlichen Beziehungen zum für die Kultur zuständigen Stadtrat Arno Pauli und den oberen Zehntausend Augsburgs?

Der junge Journalist und Maler Georg Hauser, der mit dem schwierigen Künstler in die Schule gegangen ist, beginnt nachzuforschen und Nix und die Personen in dessen Umfeld zu befragen. Hauser wird dadurch unfreiwillig in ein Familiendrama verwickelt, das bald auch sein Leben bedroht und ihn vor die existenzielle Frage stellt:

Wie weit würdest du für deine Kunst gehen?

Ein Roman von Nikolaus Klammer.

Die Wahrheit über Jürgen, Roman. 270 Seiten, illustriert. ISBN: 9783746778037 8,99 € (Taschenbuch) – 2,49 € (E-Book)

Überall im Internet und in allen wohlsortierten Buchhandlungen als günstiges E-Book oder als Taschenbuch erhältlich.

Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 37)

Dies ist der letzte Abschnitt von „Die Wahrheit über Jürgen“, den ich auf meinem Blog posten werde. Ende des Monats wird der – selbstverständlich vollständige – Roman als 2. Teil meines „Jahrmarkt in der Stadt“-Zyklus‘ veröffentlicht und ist dann überall im Buchhandel als Softcover (270 Seiten) oder als E-Book erhältlich. Im Moment bin ich noch bei den letzten Korrekturen.

Ich habe in den letzten zwei Monaten kein einziges Buch verkauft, was mich ein wenig in eine Schaffenskrise gestürzt habe, aber vielleicht wird ja der Künstler-Roman, der dem Mainstream und der Belletristik zuzuordnen ist,  den einen oder anderen Leser finden, der bisher um meine Genreliteratur einen weiten Bogen gemacht hat.

Die Auszüge aus dem Buch werde ich jedenfalls Ende November von meinem Blog löschen – wer das spannende Ende und die Auflösung der Geschichte erfahren möchte, muss sich den Band kaufen.

Mein Korrekturexemplar

[Zum ersten Teil]

Vielleicht erhellt die originelle, wenngleich etwas schwer verständliche Laudatio von MBB, die sie in Ab­wesenheit des Künstlers vor dem nur langsam zur Ruhe kommenden Publikum hielt, etwas von Qualität und Sendung der Kunst von Jonas. MBB be­gann die Rede, die sie trotz des Manuskripts in ihrer Hand auswendig konnte und frei hielt, mit einem seltsa­men Zitat:

»Der Mensch durstet nach dem Bösen, ihn dürstet da­nach, schuldig zu werden, aber er wagt – oder ver­mag – es nicht, dem Bösen seine Seele zu verschrei­ben, er schlägt krumme Wege ein, die Neurose, das Gelächter, usw … So sagt Georges Bataille in einer Geschichte.

Mögen Sie sie auch, diese kaum aussprechbare Ab­kürzung einer nichtssagenden Floskel, dieses usw., das es auch noch als usf. oder als, besonders schön auszuspre­chen: u. Ä. gibt. Was wäre ein Schülerauf­satz ohne die­ses usw …? Man benutzt es immer dann, wenn man selbst nichts mehr weiß, wenn die Inspi­ration versagt und man erschöpft den Rest der Ge­dankenkette der Fantasie des Lesers überlässt. Je­der von uns setzt instinktiv und intuitiv für dieses usw. etwas ein, das ihn persönlich be­trifft, es ist eine Art Rorschach-Test mit Buchstaben. Als ich den eben zitierten Satz zum ersten Mal bei Bataille las, ersetzte mein Unterbewusstes das usw. sofort mit dem Wörtchen Kunst. Der Satz las sich dann für mich so:

Der Mensch durstet nach dem Bösen, aber er ver­mag es nicht, ihm seine Seele zu verschreiben, des­halb schlägt er krumme Wege ein, die Neurose, das Geläch­ter, die Kunst. Und ich war anschließend von Batailles ent­täuscht, weil er auf diesen – nämlich meinen – durchaus freudianischen Gedan­ken nicht weiter einging, sondern sich im Weiteren nur mit der Neurose und dem Ge­lächter beschäftigte. Später fand ich dann zu meiner Beruhigung heraus, dass für ihn die Neurose und die Kunst nahezu synonyme Begriffe sind. Neurose ist ihm die Sehnsucht nach der Angst, die Gott hat. Kunst ist also die Sehnsucht nach der Angst Gottes.

Keine Angst, ich habe nicht vor, mit Ihnen über die Schwierigkeiten der Hermeneutik zu reden. Ich bin hier, um Ihnen etwas über die Kunst von Jonas Nix zu erzäh­len. Und, zu Ihrer Beruhigung, ich bin selbst Künstlerin und werde mich daher kurz fas­sen. Worte sind wie Gardinen, die man vor Gemälde zieht. Wenn man durch sie hindurchsieht, bleibt das Wesentliche verborgen.

Deshalb komme ich aber an Batailles nicht vorbei, des­sen Unbehagen am Dasein eine enge Geistesver­wandschaft mit dem Nixschen Behagen an der Besudelung zeigt. Denn Batailles‘ Anliegen war neben dem selbstzer­störerischen Schenken, auf das ich später eingehe, im­mer in vorderster Front das Tabu und das bewuss­te Überschreiten und Brechen dessel­ben, um sich durch diese heroische Tat zum Mensch­sein zu befreien. Klingt Ihnen das zu hochgesto­chen? Ich kann es auch anders formu­lieren: Es gibt von Batailles einen Text, in dem jemand seine tote Mutter schändet. Und es gibt von Jonas Nix ein Bild, das er mit seinem eigenen Blut gemalt hat.

Wir loben uns, in einer tabulosen Gesellschaft zu leben, die all die kleinlichen Vorurteile unserer Vä­ter über­wunden glaubt. Keine abwegige sexuelle Leidenschaft kann uns noch schockieren, wir sind in der Psychologie unseres Jahrhunderts geschult, ha­ben für alles Ver­ständnis. Keine menschliche Re­gung ist uns fern. Sind wir also, wie ich formulierte, zum Menschsein befreit? Manche glauben es, aber ich will es stark bezweifeln. Ich den­ke, das Gegenteil ist der Fall: Wir leben in einer gefessel­ten, in einer neu­rotischen, engstirnig bürgerlichen Ge­sellschaft. Mit unserer freien Sexualität ist es nicht weit her, wir haben sie nur hygienisch und steril gemacht. Wir alle haben den Sex im Hirn, aber das ist der Ort, wo er am wenigsten hinpasst und auch am wenigsten be­friedigt wird.

 Und daraus lässt sich nur der Schluss ziehen, dass die Ta­bus der Gesellschaft noch lange nicht gebrochen sind, diese spießige Ge­sellschaft noch immer die Kraft hat, sie aufrecht zu hal­ten und ihre Verletzung unter Strafe zu stellen. Das Böse ist dabei das kräftigste Tabu. Ich spreche nicht von einem mythischen oder religiös definierten Bösen als Wi­derpart des guten, aber ängstlichen Gottes, sondern von der gesell­schaftlichen Vereinba­rung böse, zu der es uns laut Ba­tailles als egoisti­sche Einzelwesen alle hinzieht. Und was ist böse? Es ist vor allem der Tod; er ist der Schaden der Gesell­schaft und wir alle haben ihn zur Seite ge­drängt, um ihn zu vergessen. Wir würden das Sterben unter Strafe stellen, wenn es einen Sinn hätte. Und gleich­zeitig und das ist die Perversion dieses Tabus, seh­nen wir uns alle nach dem Tod, denn er ist ein Teil von uns, den wir nur mit Hilfe einer Neurose, eines Ge­lächters oder eben der Kunst verdrängen können. Er schlummert in jedem von uns, wird jeden Tag ein wenig wacher. Jeden Tag werden wir ihm ein wenig ähnlicher. Da hilft kein Makeup.

Und trotz unseres Ekels vor der Sterblichkeit und der Verwesung gibt es uns einen masochistischen Schauer, erkennen wir uns wieder, wenn wir ver­stohlen in den Fernseher sehen und uns die Leichen der Kriege, Ver­brechen und Unglücke in handliches Format gepackt häppchenweise und farbenfroh vor­geführt werden. Aber nie darüber reden, diese Sehn­sucht verschließen wir in uns: Das ist die Neurose, die uns fesselt. Solange wir nicht mit dem Tod umge­hen können, werden wir keine Menschen sein. Jonas Nix hat die Überwindung dieser Neurose zu seiner Kunst gemacht. Geben wir zu, seine Bilder und Collagen schockie­ren uns, es fällt unendlich schwer, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Aber es ist unsere eigene Einstellung zum Tod, die uns schockiert, die wir nicht sehen wollen, die uns hindert, frei zu werden. Hegel sagt, der Tod sei das Furchtbarste, und das Tote festzu­halten, sei das, was die größte Kraft erfordere. Nix nimmt sei­nen Kampf mit diesem Schrecken auf, er packt un­ter Aufbietung seiner Lebenskraft den Tod an den Hörnern und er läd uns alle ein, bei diesem Spekta­kel zuzusehen. Er macht uns mit seinem Stierkampf ein Geschenk, schenkt uns einen Teil seines Daseins, auch wenn er sich selbst dabei zerstört. Nur wer das Höchste versucht, gewinnt die Freiheit des Menschseins.
Auch das Leben ist ein Geschenk, so trivial es klin­gen mag. Das Furchtbarste ist nicht, jemandem ein Ge­schenk wegzunehmen, sondern es ihm kaputt wieder­zugeben. Wir alle haben das Geschenk Leben von dieser grausamen, gleichgültigen Gesellschaft kaputt zurückbekommen. Und einmal in dieser mageren Frist zwischen Ge­burt und Tod, mit der wir so verschwenderisch um­gehen, sollte jeder darüber nachdenken, was dies für ihn bedeutet.

Nehmen Sie das Angebot an. Benutzen Sie die Bil­der zum Nachdenken, zum Nachfühlen, zum Erle­ben usw …

Ich danke Ihnen für den kurzen Moment der Auf­merksamkeit.«

[…]

Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 36)

[Zum ersten Teil]

Auf der anderen Seite konnte man die Wintherbrü­der auf keinen Fall ignorieren oder vor den Kopf sto­ßen, da sie doch in der Kunstszene der Stadt eine ge­wisse, ich bin versucht, zu sagen, Macht darstellen; sich als örtlich anerkannte Künstler im Laufe der Zeit einen Status er­obert hatten, der ihnen und ihren Verrücktheiten Unan­greifbarkeit verliehen hatte. Außerdem konnte man, wenn man es schaffte, Frieden mit ihnen zu halten, si­cher sein, dass sie zu einem standen und einen im Rah­men ihrer nicht un­bedeutenden Möglichkeiten unter­stützen. Da ich es mir also nicht mit den beiden ver­scherzen wollte, litt ich still und ergeben vor mich hin, ließ mich auf den sinnlosen Schlagwortdisput um ihre Kunst ein und hoffte, dass die Autofahrt bald vorbei war.

Es war längst dunkel geworden, als wir endlich in Mün­chen ankamen. Keiner von uns wusste so genau den Weg zu der Galerie und die Passanten, die wir frag­ten, schienen in dieser Stadt ebenso fremd zu sein wie wir. Wir wären wahrscheinlich noch eine ganze Weile weiter umhergeirrt, wenn wir nicht zu­fällig Paulis gro­ßen Wa­gen am Straßenrand und da­mit die Seitenstraße, in der die Galerie lag, entdeckt hätten. Dass der Kultur­referent nach den Ereignis­sen des Nachmittags an der Vernissa­ge seines Nef­fen teilnahm, erstaunte mich. Die üblicher­weise auf­wendige Suche nach einem Parkplatz kürzte MBB in ihrer unnachahmlichen Weise rigoros ab, indem sie einfach auf den Bürgersteig hochfuhr und dort ste­henblieb.

Wir mussten eine Weile warten, bis sich die beiden Win­ther aus den Rücksitzen gearbeitet hatten. Jochen-Maria stauchte sich dabei etwas seinen Hut, was er als eine mittlere Katastrophe nahm und ihn, ohne ihn abzuneh­men, von seinem Bruder richten ließ. Ich vergnügte mich inzwischen mit Gedankenspie­len, was er wohl un­ter dieser Haube hatte, einen Haarzopf wie Ernst Fuchs wohl kaum. MBB und ich sahen uns an und in unseren Blicken lag all die ver­zweifelte Müdigkeit, die unser Los manchmal in uns erwachen ließ.

Die Galerie Nasolt & Haschek trug über die gesam­te Län­ge der Vorderfront eines breiten Gebäudes zwei langge­zogene Fenster zur Schau und war eine der re­nommiertesten Galerien von München. Sie stand in dem Ruf, Künstler zu machen. Wer es als Maler oder Bild­hauer fertigbrachte, hier ein paar Bilder unterzubringen oder gar wie Nix eine eigene Ausstellung zu bekom­men, war auf dem Sprung: An­gebote aus Zürich, Lon­don und New York würden mit der Sicherheit einer physikali­schen Gesetzmä­ßigkeit folgen. Nix war also dabei, end­gültig aufzu­steigen. Bald konnte ihn das mit­telmäßige, kleinli­che Geplänkel in seiner Heimatstadt gleichgültig lassen, bald würde er sich in Kreisen bewe­gen dür­fen, in denen zwar mit Sicherheit die gleichen Spiele gespielt wurden, aber die Einsätze ungleich hö­her lagen. Wer wohl der nächste war, den er mit Jauche übergoss? Oder war er bald so etabliert, dass er selbst besudelt wurde?

Ich weiß heute nicht mehr, ob ich Nix diesen Erfolg nei­dete, als ich in die hell erleuchteten und gold­glänzenden Schaufenster der Galerie spähte und im Inneren bereits viele elegant gekleidete Menschen mit gediege­nen Sekt­gläsern in den Händen umher­schlendern sah. Zwischen ihnen standen wie bunte Farbflecken verschüchterte Künstler und de­ren Freunde, ihnen war merklich unwohler in der noblen Umgebung. Von Nix Bildern war von der Straße aus wenig zu erken­nen, sie wurden meist von den Leu­ten verdeckt, die sich in Trauben vor ihnen drängelten. Beim Eintreten duckte ich mich eng in den gewaltig­en Schatten meiner Begleiterin und versuchte eine gewichtige und dabei selbstsichere Miene aufzuset­zen. Ich rechnete nicht damit, man­gels Ein­ladungskarte Schwierigkeiten beim Einlass zu bekom­men. Ich hatte mich mal wieder geirrt. Ich war noch nicht einmal halb in der Tür, als mich eine Hand schwer am Kragen packte und brutal zu­rückriss. Jemand schleppte mich zur Seite und drückte mich grob gegen ein parkendes Auto.

»Ich glaube es nicht«, konstatierte mein Gegner. »Was tust du denn hier? Gerade dich wollen wir hier nicht. Du hast so etwas von sicher keine Einladung erhalten!« Ich erkannte mein Gegen­über. Der Tür­steher war einer der schwachsinnigen Kerle, die mich vor einem guten halben Jahr mit Lackfarbe besprüht hatten; einer von dem „dreckigen halb­en Dutzend“ gewalttätiger Epigonen von Nix, die im Rü­cken seiner Genialität wie Hunde umherstreunten, um ein Stück seines Ruhmes zu erhaschen. Er war sicher auch bei der Aktion bei der Weissensteiner-Lesung da­bei gewe­sen. Mir ging ein Licht auf: Natürlich, er war es ge­wesen, der das Fass Odel zu früh ausgekippt hatte! Ich erinnerte mich an seinen feixenden Gesichtsausdruck. Das war ein Privatkrieg, den er mit mir führte. Ich über­legte kurz, ob ich hier vor der Galerie mit ihm eine handgreifliche Auseinandersetzung beginnen sollte, aber er war doch wesentlich stärker als ich und der Griff, mit dem er mich noch immer hielt, war fest und bestimmt. Die brutalen Kerle gewinnen doch immer … Ich wand also nur schwach ein:

»Ich bin mit Nix längst versöhnt und muss ihn spre­chen, es ist sehr wichtig. Frag ihn.« Er schüttel­te nur den Kopf, durchschaute meine ungeschickte Lüge sofort. Da trat die MBB, die mein Missgeschick bemerkt hatte, näher und rettete den Tag. Sie erkun­digte sich streng, was hier denn überhaupt los sei. Durch ihre dominante Lei­besfülle und den walküren­haften Ton ihrer Stimme erschreckt, ließ mich mein Gegner endlich los.
»Er hat keine Einladung …«, erklärte er merk­lich un­sicherer, aber er richtete sich doch drohend vor der Vor­sitzenden des BBK auf, um seine einzige Überlegen­heit, nämlich seine Größe, auszuspielen.

»Georg ist mit mir hier. Ich halte die Laudatio. Hast du damit ein Problem, sag?«, fragte MBB kalt. Die beiden maßen einander kurz. Schließlich kam MBB zu einem offensichtlich nicht sehr schmeichel­haften Ergebnis, denn sie verzog verächtlich lä­chelnd ihren Mund. Dabei wog sie warnend das ge­rollte Manuskript ihrer Eröff­nungsrede in der Rech­ten. Ich setzte mich halb auf die Kühlerhaube des Wagens hinter mir, verschränkte ver­gnügt die Arme und genoss die Szene, die sich mir nun bot. Die Au­genschlitze von MBB wurden noch enger, dann schnaubte sie plötzlich einmal wie ein wütender Stier, machte einen überraschenden Schritt nach vorn. Sie sah in ihrem hinreißend gut gespielten Zorn wirk­lich erschreckend aus. Der Kerl stolperte tatsächlich ent­setzt zurück und fiel hin: Erst strau­chelte er zurück, dann kipp­te er halb nach vorn, auf seine Knie und Hände. MBB beugte sich drohend über ihn und er machte sich ganz klein am Boden.

»Hast du damit ein Problem?«, wiederholte sie. Er schüt­telte den Kopf. »Ich höre dich nicht«, drohte sie.

»Nein!«, rief er laut und gedemütigt. »Ihr könnt bei­de rein.«

MBB wollte noch etwas sagen; wahrscheinlich soll­te er ihr jetzt noch die Füße küssen. Aber ich fand, dass es ge­nug war und drängte die Frau zurück. Es fiel uns bei­den schwer, ernst zu bleiben und ein La­chen zu unter­drücken. Ich konnte mir selbstver­ständlich nicht ver­kneifen, zu ihm herab: »Das wird dir hoffentlich eine Lehre sein«, zu sagen und dann triumphierend bei der mannhaften Verteidigerin meiner Ehre untergehakt die Galerie zu betreten.

 Glücklich innen angelangt, bedankte ich mich ar­tig bei ihr und machte mich sofort auf die Suche nach Nix, von dem ich vermutete, dass er, von einer Menschen­traube um­geben, irgendwo bleich und aufgeregt in einem Winkel stand und nervös an den Fingernä­geln kaute. Aber ich konnte ihn nicht finden. In den drei großen Räumlich­keiten mochten sich über­schlagsmäßig sicherlich zwei­- oder dreihundert Leute aufhal­ten, die sich, einander auf die Füße tretend, in un­terschiedlich großen Gruppen lautstark unterhielten oder sich an den ausgestellten Bildern und Collagen vorbeischoben. Ich hätte Nix dennoch finden müs­sen, wenn er sich hier aufgehalten hätte. Ich nahm an, dass er sich gerade in einem Nebenraum auf sei­nen großen Auftritt vorbereitete. Also entschloss ich mich, auf ihn zu warten und reihte mich in den Strom ein, der sich im Kreis langsam und kunstbeflissen an den Wänden entlang bewegte. Zum ersten Mal bekam ich einen genauen Über­blick von der erstaunlichen Bandbreite der Kunst von Nix zu sehen, auch wenn ich mich natürlich nicht intensiv mit den Gemälden beschäftigen konn­te. Es hingen vielleicht fünfzig meist großformatige Bilder an den Wänden, durch geschickte Beleuch­tung gelangten sie bemerkens­wert eindringlich und plastisch zur Geltung. Viele der Collagen waren ge­nau so, wie ich sie erwartet hatte. Es waren düstere Schlachtfeste aus unappetitlichen Mate­rialien, die in diesem geballten Auftreten die Magenschleimhäut­e erheblich strapazierten. Aber dazwischen gab es immer wieder Bilder, die ich als echte Meister­werke empfand. In diesem Text ist ihr Genie nicht annä­hernd beschreibbar und das Heran­ziehen von Verglei­chen kann ihnen unmöglich ge­recht werden.

[Zum 37. Teil …]

Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 35)

[Zum ersten Teil]

Ich entschloss mich, mit Nix selbst zu reden und ihm von dem Vorfall in seiner Wohnung zu be­richten. Ich fand, das sei ich ihm und vor allem seiner Freundin schuldig. Gerade zu ihr und zu ih­rer Lage empfand ich ein wütendes Mitleid. Also rief ich von der nächsten Telefonzelle, der ich begegnete, die MBB an, von der ich ja wusste, dass sie zur Vernissage nach München fahren wür­de. Ich wollte sie fragen, ob sie mich mitnehmen könnte. Zu meinem Glück war sie in­zwischen aus ihrem Studio heimgekehrt und es mach­te sich be­zahlt, dass sie eine ziemlich intime Vorliebe für mich hatte. Sie erbot sich sogar, am Abend extra einen Umweg zu machen und mich von daheim abzuholen. Allerdings müsse ich ertragen, dass sie auch die Winther-Brüder, die eine Einladung von Nix hatten, mitnehmen würde; sie habe es den beiden in einem leichtsin­nigen Moment, den sie inzwischen bereue, verspro­chen. Diese Tatsache war für mich fast der Grund, mit der Bahn in die Landeshauptstadt zu fahren, aber die Leere in mei­nem strapazierten Geldbeutel trug den Sieg über die durch die Brüder zu erwar­tenden Nervenschäden davon. Ich biss in den sauren Apfel, eine knappe Stunde mit ihnen auf der Auto­bahn verbringen zu müssen und dabei ihrem Geschwätz schutzlos ausgeliefert zu sein.

Es ging bereits auf fünf Uhr, als ich endlich wieder zu Hause war. Ich hatte keinen Hunger; mir war im Gegen­teil übel und schwindlig. Obwohl ich weder verschwitzt noch schmutzig war, fühlte ich mich un­sauber und hat­te das paranoide Gefühl, der Geruch von Nix Bildern würde noch an mir haften. Er hing trotz meines langen Fußweges noch immer aufdring­lich in meiner Nase. Ich duschte daher intensiv und wechselte meine Kleidung. Dann erst lud ich meinen inneren Müll bei Christine ab, die geduldig auf ein paar Erklärungen für mein abson­derliches Verhal­ten wartete. Es war Zeit, mich mit ihr auszuspre­chen. Ich hatte das klärende Gespräch schon allzu lange hinausgezögert. Ich erzählte Christine endlich von Theresa und be­richtete ihr dann von den seltsamen Ereignissen des Tages, versuchte sie und wohl auch mich selbst von ihrer Harmlosigkeit zu überzeugen. Dass sie eben erheblich merkwürdiger aussahen, als sie es in Wirklichkeit wa­ren, dass alles eine Gaukelei war wie dieser geschlachte­te, geplatzte Kadaver, der mich und Theresa auf den ersten Blick so er­schreckt, sich dann aber mitsamt den Schmeißflie­gen auf dem Gedärm als eine geradezu genia­le At­trappe aus Wachs, Draht, Farbe und Pappe heraus­gestellt hatte. Es war eine Arbeit, die Nix Wo­chen, wenn nicht Monate beschäftigt haben musste.

Dennoch blieb mir ein bohrendes Unbehagen, denn die verschmierten, geronnenen Blutspuren an den Wänden und Fenstern des Ateliers, die merkwürdige archaische Formen und obzöne Wörter nachbilde­ten, waren mei­ner Meinung nach echt ge­wesen. Hatte Pauli nicht er­zählt, Nix hätte verbun­dene Hände? War der Maler nach dem Streit mit Emilio Parma wieder in einen Selbstgeißelungs­wahn verfallen, hatte er sich mit seiner Rasierklinge die Handflächen zerschnitten und dann sein Atelier auf diese grausige Weise geschmückt? Die Diagnose meiner Freundin war kurz und vernichtend: Sie hielt Nix für geis­teskrank oder zumindest für schwer verhaltensge­stört. Er stelle eine Gefahr für sich und andere dar; eine Bedrohung, die man auf dem schnellsten Wege in eine geschlossene Anstalt zu schaffen habe. Ich wollte es bei weitem nicht so krass sehen, war aber durch die grotes­ke Schallplattensammlung und das viele Blut unsicher geworden. War Nix noch ein um Wahrheit und Er­kenntnis ringender Künstler, der auf seiner Suche außergewöhnliche, ra­dikale Wege einschlug? Oder war er tatsächlich schlicht verrückt geworden – hat­ten ihn seine tägliche Beschäfti­gung mit den Nacht­seiten der menschlichen Existenz, sein intimer Um­gang mit Tod, Blut und Verwesung und der Druck von Öffentlichkeit und reicher Verwandtschaft um den Verstand gebracht? Hatten ihn seine Mühlräder zer­malmt? Ich weiß das heute noch nicht endgültig zu beantworten. Ungeduldig fieberte ich auf mein Tref­fen mit ihm hin.

Kurz nach sieben Uhr holte mich dann die MBB wie versprochen ab. Sie tat mir den Gefallen und ließ mich vorne bei ihr sitzen. Die Winther-Brüder – die es ja nur im Doppelpack gibt – hatten es sich be­reits auf dem Rücksitz bequem gemacht. Obwohl sie zwei Jahre aus­einander sind, gleichen sie sich von Natur aus wie ei­neiige Zwillinge. Da diese Ähnlich­keit aus irgendeinem dunklen Grund den beiden Unzertrennlichen nicht ge­fällt, hatten sie sich mal wieder in dem Versuch lächer­lich gemacht, sie zu verbergen. Der jüngere, nämlich Hans-Albert, hatte sich bemüht, seinen spärlichen Haarwuchs durch eine kurzgelockte Dauerwelle zu be­schönigen und sein Bruder Jochen-Maria trug einen dunklen, eben­so unecht wirkenden Schnauzbart. Beide dufteten frisch gewaschen und waren unauffällig,  aber doch sichtbar geschminkt, was ihnen eine reichlich dekad­ente, transsexuelle Aura verlieh. Doch an die­sen An­blick war man gewöhnt, er erzeugte nicht je­nes kaum beherrschbare Gefühl in mir, jeden Mo­ment in schallen­des und kränkendes Gelächter aus­brechen zu müssen. Nein, der Grund war die Klei­dung der beiden, die sie sich für diesen Abend ge­wählt hatten: Sie hielten sie si­cher für exzentrisch und extravagant, einer aufsehener­regenden Vernis­sage in München angemessen. Aber sie war grauen­voll kindisch und komisch. An Jochen-Maria fiel fiel mir zuerst ein zylindri­sches, samtrotes Ungetüm von Kopfbedeckung auf, das er, wohl um seinen ebenfalls schütteren Haar­wuchs zu ver­bergen, im Auto nicht abgenommen hatte. Er war des­halb gezwungen – halb auf seinem Bruder liegend –, den Kopf unbequem zur Seite ge­kippt, die ganze Fahrt über geduldig in dieser Stel­lung auszuharren. Er trug eine Art von römischer Tracht, nämlich Toga und Tunika in einer herrlichen Farb­kombination, in speichelgrün und eiter­gelb, wie er in aller Ausführlichkeit erläuterte. Das sollte seine spöttische Hommage an Jonas Nix sein. Er hatte auch stilechte Sandalen an und fror er­bärmlich, auch wenn er das nicht zugab. Man konn­te die Gänse­haut sehen, die seine Beine und Arme empor kroch. Hans-Albert war wärmer, aber nicht weniger erhei­ternd bekleidet. Er trug einen schwarz-rot-goldenen Pullover, der selbstgestrickt aussah und dazu einen, man höre und staune, ka­rierten, knöchellangen Rock, der das Feminine sei­ner Gestalt unterstrich und von ihm selbst als mit­teleuropäischer Herbstkilt bezeichnet wurde. Natür­lich hatte er Stiefel mit hohen Pfennigab­sätzen an. Die Brüder Winther wohnten zusammen in einem Haus in der Bleiche, in dem sich auch ihre gemein­same Ga­lerie befand. Sie bezeichneten sich beide als Ma­ler. Ob­wohl der Ältere sich auf Akte und der Jün­gere auf Landschaften spezialisiert hatte, waren ihre durch Ver­wendung von Naturmaterialien schmutzig-erdbrau­nen Bilder einander zum Ver­wechseln ähnlich. Beider Ar­beiten waren durchaus geschmackvoll und dekorativ, waren aber, da sie ihren Stil seit Jahren selbst kopierten, doch mehr als Kunsthandwerk einzuschätzen. Dies je­doch im besten Sinne des Wortes. Selbstverständlich waren sie da völlig anderer Meinung und verkünden über­all, wo sie auftauchen, überzeugt und unüberhör­bar ihre seltsame Kunsttheorie. Jedes Gespräch bogen sie innerhalb kürzester Zeit daraufhin um. Ihre Mei­nung war, wenn man sie zum ersten Mal hörte, zwar abwegig, aber durchaus noch interessant, auch beim zweiten Mal ließ sich noch gut über sie reden. Inzwischen hatte ich ihr Thema aber sicherlich schon zwan­zig Mal gehört und eine gepflegte Langeweile machte sich im Auto breit, als die beiden prompt – wir waren noch nicht einmal aus der Stadt heraus – wieder damit begannen, mir und der MBB auseinan­derzusetzen, was man unter Vererdung, Verschlam­mung und tektonischer Leidenschaft der Verwer­fung in ihrer Kunst zu verstehen habe. Zudem wa­ren sie wie immer einer Meinung und bestätigten sich einander in ihr. Da MBB sich stumm mit dem Lenkrad beschäftigte, war ich mit den beiden Schwätzern allein gelassen, deren rein physische und vor allem rhetorische Überlegenheit es mir ver­wehrte, auf ein anderes Thema abzuweichen. Leider war es auch nicht möglich, die beiden als eine Art von lästiger, aber unvermeidbarer Störung zu be­trachteten, die man stumm von den eigenen Gedan­ken abgelenkt ertragen kann, da sie sehr wohl dar­auf achteten, dass ihr jeweili­ger Gesprächspartner ihren Gedankenflügen folgen konnte und sich zu ih­nen äußerte.

[Zum 36. Teil …]

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