Aber ein Traum …

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Eine andere Art der Liebe – Erzählung (Teil 5)

[Zum 1. Teil]

 

Eine andere Art der Liebe
Eine Erzählung (Teil 5)

„Ich sagte …“, beginnt Szczesny wütend. Dann verstummt er. Der Beamte sieht ihn stumm an. Szczesny weiß es genau. Der Mann glaubt ihm nicht. Egal, was er sagt oder vorbringt: Für den Mann ist er ein Lügner. Wie betäubt nimmt er das Formu­lar in die Hand. Szczesny fällt dabei auf, wie verwahrlost der Mann aussieht. Wie ein Alkoholiker. Er glaubt sogar, eine Fahne riechen zu können. Bestimmt hat der Kerl eine Flasche Jägermeister unter dem Tresen. Jetzt wirkt alles an ihm verdächtig. Der Beamte ist nachlässig und nicht ganz sauber gekleidet. Er trägt fettiges, zurückgekämmtes Haar, ist übernächtigt, grau. Der Blick schwimmt trübe auf roten Rändern. Er reicht Szczesny den Ausweis zurück, gähnt dabei unterdrückt in die Hand.

„Das ist eine Ungeheuerlichkeit! Ich möchte gerne mit Ihrem Vorgesetzten reden.“ Ein schwacher Versuch. Der Beamte zuckt sofort mit den Schultern. An solche Forderungen ist er offenbar gewöhnt.

„Bitte schön. Das wäre der Herr Dr. Klammer. Niko­laus Klammer.“ Der Beamte lächelt freudlos, als er den Vornamen ausspricht. Es wird deutlich, dass er den Herrn Dr. nicht ausstehen kann. „Zim­mer 403, 4. Stock. Sie müssen sich allerdings vorher bei seinem Büro anmelden,  im Zimmer 401 bei Frau Rothschädl, das ist seine Vorzimmerdame. Soll ich Ihnen das aufschreiben? Ich glaube allerdings nicht, dass der Herr Dr. Klammer heute im Hause ist. Einen schönen Tag noch“, erwi­dert der Beamte kühl und wendet sich wieder seinem Bild­schirm zu, dessen Inhalt wahrscheinlich nüchterner ist als er selbst. Vorzimmerdame, was für ein veraltetes Wort. Haben Beamte keine Sekretärinnen? Szczesny schüttelt den Kopf und tritt ein paar Schritte zurück. Er zer­knüllt das Formular in einer Hand. Aufmerksam beobachtet er weiterhin den Beamten, der keine No­tiz mehr von ihm nimmt.

Der freut sich jetzt bestimmt auf seine Mittagspau­se. Ist jetzt auch keiner mehr in der Schalterhalle außer mir. Bestimmt zählt er die Stunden bis zum Abend. Be­chäftigt sich mit irgendwelchen sinnlosen Statisti­ken, stempelt irgendwelche Akten oder sieht der Uhr bei ihrer Rundwanderung zu. Hat daheim eine Frau, ein paar Kinder. Muss sie ernähren und will ab und an in den Urlaub an die Adria fahren. Deshalb macht er diesen Scheiß hier. Das Funktionieren fällt ihm immer schwerer. Jeden Morgen aufzustehen und zur Arbeit zu gehen, ist für ihn eine Qual. Ich sehe es ihm an. Seine Erfül­lung ist das nicht. Da war er einmal vor langer Zeit zu faul in der Schule. Hat sich wegen irgendwelchen Träumereien oder aus Gedankenlosigkeit nicht die Folgen bewusst gemacht. Die Büros und Ämter und die Schulen sind voll von die­sen Menschen. Staatsbeamte, das sind alles Verlierer! Der Mann ist so alt wie ich. Zwanzig Jahre steht er schon an dem Schalter und er weiß genau: Die nächsten zwanzig macht er dasselbe. Und kurz vor seiner Pensionierung kriegt er einen Schlaganfall vom Saufen. Und seine Frau und seine Kinder verachten ihn. Da sei ihm ein wenig Sadismus gegönnt. Hat ja sonst nichts im Leben.

Trotzdem bleibt da etwas bestehen, das den Beamten von Szc­zesny entfernt. Einen Graben öffnet, eine Mauer zieht. Es ist seine Stellung. Die Macht, die hinter ihm steht und die er repräsentiert. Es ist der gesichtslose, bösartige Staat, der Szczesny zum Lügner stempelt. Der Tor­wächter vor dem Gesetz. Der Beamte sieht auf, be­merkt Szczesnys Blicke. Szczesny fühlt sich ertappt, Blut schießt in sein Gesicht. Der Mann hält ihn für einen Lügner. Und auf eine gewisse Weise hat er recht. Unsi­cher wendet sich Szczesny ab, geht durch die Halle zum Ausgang. Er weiß: Der Beamte sieht ihm hinterher, beobachtet jeden seiner Schritte. Er spürt den Blick in seinem Rücken. Und er hat diese Situation schon ein­mal erlebt:

Vor zwei Wochen stürzte Kerner an Szczesnys Tisch im Großraumbüro. Szczesny hob ruhig den Blick vom grauen PC: Er sah Kerner ängstlich schwitzen, auf der Stirn standen feuchte Perlen, eine rann ihm über die Wange.

„Aber Herr Kerner, was haben Sie denn?“, fragte er, obwohl er die Antwort wusste. Seit Tagen bereitete er sich auf diesen Moment vor.

„Szczesny, die neue Lohnbuchhaltung ist gerade abge­stürzt.“ Kerners Stimme war rau. Jetzt muss ich einfach ruhig bleiben. Er darf nichts merken.

„Aber im Probelauf war doch alles einwandfrei“, er­widerte Szczesny. Er hoffte, der andere kaufte ihm seine gespielte Bestürzung ab. Aber Kerner war viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um auf einen falschen Ton in der Stimme des anderen zu achten.

„Scheiß auf den Probelauf! Scheiß drauf!“, wurde Kerner vulgär. „Wir haben drei Probeläufe ge­macht. Das Programm müsste narrensicher sein. War es auch!“ Er zögerte plötzlich, sah Szczesny scharf an. Jetzt sehr prüfend, sehr genau. „Aber das hat einer hier aus der Ab­teilung sabotiert. Einer von uns. Ich bin mir sicher. Der hat sich heimlich an meinen Schreibtisch geschlichen und ist über mein Passwort und meinen Terminal ins CICS. Er hat den Pro­gramm verändert und den Maschinencode neu kompiliert. Das ist ja kein großes Problem, wenn man sich auskennt.“

Szczesny richtete sich beteiligt auf. Hatte Kerner ihn bereits jetzt im Verdacht? Von allen Tischen wander­ten verwunderte Blicke zu den beiden. Szczesny konnte sie spü­ren, ohne sie zu sehen. Keinen Fehler jetzt. Ungläu­big reagieren:

„Aber wer kennt denn Ihr Passwort überhaupt? Ändern Sie es denn nicht regelmäßig?“

„Das bietet doch jemandem mit Erfahrung keine Schwierigkeiten. Wissen wir doch beide. Außerdem sind es eh nur mein Ge­burtstag und die ersten drei Buchstaben meines Na­mens.“ Die erste Falle, dachte Szczesny. Er hatte Mühe, sich ein überlegenes Lächeln zu verkneifen. Es sind zuerst die ersten vier Buchstaben und momentan ist es der Geburtstag deiner Tochter – kern1903. So simpel!

„So?“, fragte er harmlos. „Aber wer hatte denn die Möglichkeit? Ich meine, man kann doch nicht ein­fach in Ihr Büro spazieren und an Ihrem Terminal herumspielen! Ich kann mir das nicht vorstellen. Das muss doch jemand merken. Vielleicht sollten wir die Werkssicherheit …“ Kerner zuckte mit den Schultern, setzte sich äch­zend zu Szczesny an dessen Schreibtisch. Er sah, dass er seinen Vorgesetzten geschafft hatte. Er ist reif.

„Ich kann vor der Geschäftsführung nichts bewei­sen. Eine Sabotage nimmt mir niemand ab. Da hat sicher keiner Fingerabdrücke hinterlassen. Der Ab­sturz bleibt an mir hängen.“

„Ist denn der Fehler so schlimm?“, mischte sich Michael Hallart vom Nebentisch ungläubig ein. „Ich meine, können wir das denn nicht schnell wieder beheben? Wir haben doch die Backup-Kopie, die jeden Abend erstellt wird – und die Offlinedateien.“ Kerner sackte in sich zusam­men.

„Das Backup ist selbstvertändlich durch die neue, falsche Version er­setzt worden und alles über die Offlinedateien zu reparieren, wird Wochen dauern. Wer immer das war, Michael. Der Saboteur hat ganze Arbeit geleistet. Das Programm hat sich beim Anfahren selbst zerstört, indem es sich auf die 3812er Platte kopierte und dann wieder zurück.“ Hallard war sprachlos.

„Die sind doch nicht kompatibel, die 3812er ist …“, sprang Szczesny ein und rief dann laut, als würde ihm alles jetzt erst bewusst: „Mein Gott! Die gesam­te Buchhaltung ist nur noch Schrott?“ In Hallart kam wieder Leben.

„Aber der Administrator …, ich meine, die Operator … Wann …?“, stotterte er.

„Es ist passiert, Hallart“, erwiderte Kerner leise. Und während er das sagte, wurde er bleich. Szczes­ny schien es, als würde jemand Kerners Kopf mit Milch füllen. Langsam, von Kragen her aufsteigend, wich die Farbe aus seinem Gesicht. Er wirkte, als würde er sich gleich übergeben. „Szczesny, ich bin ruiniert“, sagte er erstaunlich ruhig, „der Alte setzt mich auf die Straße. Die da oben müssen doch glauben, dass ich das verhunzt habe. Die Arbeit von einem halben Jahr. Ich kann froh sein, wenn sie kei­nen Schadenersatz einfordern …“

Szczesny unterdrückte nur mühsam ein triumphie­rendes Lächeln. Hab ich dich. Endlich.

Eine Woche später saß Szczesny auf Kerners Stuhl.

[Zum 6. Teil …]

 

Eine andere Art der Liebe – Erzählung (Teil 4)

[Zum 1. Teil]

 

Eine andere Art der Liebe
Eine Erzählung (Teil 4)

„Ich weiß nicht. Es kam mir so vor.“ Gitta zuckte mit den Schultern und setzte sich an den Esstisch, auf dem Claras Laptop aufgeklappt stand. Sie spähte neugierig auf weiße Oberfläche des Textprogramms, in die ihre Freundin vorhin ein paar Sätze getippt hatte.

Einmal sah ich einen Baum, dessen Äste der Wind herabgerissen und der Straße geschenkt hatte. Der Baum war nackt und kahl und so einsam. Ich verachtete diesen Baum; dafür, dass er hart und unnachgiebig war. Deshalb musste er sterben, musste seine Blätterschönheit herab in den Dreck tränen und sie dem grausamen Wind ausliefern, der das buntfleckige Laub über dem Asphalt drehte. Warum war er nicht weich wie ein Grashalm, der sich nach dem Wind wieder aufrichtet?, las sie und wunderte sich. Das war an­ders als alles, was sie bislang von ihrer Freundin kannte. War das Ausdruck einer Krise, privat oder in ihrem Schaffen?

„Kommst du voran mit deinem neuen Werk?“, fragte Gitta unschuldig. Clara trat flink zu ihr und drehte den Computer eilig her­um, damit der Bildschirm aus dem Sichtfeld von ihrer Freundin kam.

„Eigentlich nicht, nein“, erwiderte Clara streng. Darüber wollte sie nicht reden; dafür hatte Gitta keinen Sinn.

Der Tee! Wenn Clara sich be­eilte, würde sie den Aufgussbeutel gerade zur richti­gen Zeit herausnehmen können. Noch blieben ihr ein paar Sekunden Zeit. Sie machte einen Schritt in Richtung Küchenzeile. Da klingelte es erneut. Clara seufzte. Die mutwillige, wahrscheinlich blutjunge Gottheit, die für die Dinge ihres Alltags zuständig war, wollte sie heute anschei­nend ein wenig ärgern. Seufzend überließ sie ihren Tee sei­nem bitteren, dunklen Schicksal und trat erneut an die Haus­tür. Vielleicht kam sie heute ja doch dazu, es einmal mit einem zweiten Aufguss zu versuchen. Vor der Haustür stand diesmal wirklich der Briefträger. Genau wie Clara es sich vorhin ausgemalt hatte, hielt er den ersehn­ten Umschlag in seiner nach vorn gehaltenen Hand und strahlte sie mit einem übertrieben freundlichen Lächeln an. Doch diesmal überwand er seine Furcht:

„Guten Morgen. Ich habe diesen Brief für Sie, Frau Szczesny. Das sind sie doch, oder? Clara Szczesny, die bekannte Schriftstel­lerin?“ Er stolperte mit der Zunge über die geballte Konsonantenanhäufung ihres Nachnamens. Clara hatte nie daran gedacht, sich ein Pseudonym zuzulegen. Nun kam ihr in den Sinn, dass das vielleicht ein Versäumnis war. Sie nickte und nahm verwundert und geschmeichelt den Umschlag mit ihrem Manuskript in die Hände, presste ihn jedoch sofort schützend gegen ihre Brust. Es geschah ihr nicht oft, dass sie in ihrem privaten Bereich auf ihre Berufung angesprochen wur­de. Schließlich war sie alles andere als berühmt und hatte erst zwei Romane veröffentlicht, die sich allerdings recht ordentlich verkauften, weil es ihr ausschließlich weibliches Publikum durch Mundprobagande verbreitete. Clara spürte, wie ihr das Blut in den Kopf schoss. Hoffentlich bemerkte der junge Mann nicht ihr Erröteten. Zum Glück war es ein recht dunkler Tag.

„Ja, die bin ich …“, gab sie zögernd zu.

„Ich finde Ihre beiden Romane wirklich … wirklich großar­tig“, platzte der langhaarige und bärtige Briefträger heraus, der auf Clara einen etwas schmuddeligen Eindruck machte. „Ganz ehrlich. Ich habe nicht geglaubt, dass in dieser Stadt solch … geniale Literatur entstehen kann. Kann ich viel­leicht ein Autogramm bekommen, hier …“ Er fischte aus seiner Umhängetasche die Taschenbuchausgabe von Das Lavendelbett heraus, ihres Erstlings, dessen Ti­telblatt ein übertrieben kitschiges Südfrankreichmotiv zierte: Eine weiße Marmorterrasse, auf der unter tiefblauem, wolkenlosen Himmel eine schöne Frau in Grün sehnsuchtsvoll in die Ferne sah, wo sich lila Lavendelfelder bis zum Horizont erschreckten. Ein geschmackloses Bild, das nur wenig mit dem Inhalt ihres Buchs zu tun hatte, aber geschickt auf eine bestimmte Käuferschicht zielte. Dass auch Postboten zu ihr gehörten, war Clara neu. Aus seiner Jacke holte er seinem weißen Zu­stellerkugelschreiber. Es gab also auch Männer, die ihre Bücher lasen? Dass machte Hoffnung. Und so standen sie sie sich eine Weile gegenüber: Clara in ihre Gedanken versunken und dabei die korrigierten Druckfahnen gegen den Oberkörper gepresst und der Postbote unsicher mit dem dargebotenen Buch und dem Stift. Gitta kicherte im Hintergrund. Schließlich entschied sich Clara. Das ging ihr doch alles zu weit. Sie bemerkte, wie unpassend und peinlich ihre Situation war.

„Ein anderes Mal vielleicht. Ich habe Besuch …“, sagte Clara abweisend und entschied sich dann doch zu einem freundlichen Lächeln, um die Abfuhr etwas abzumil­dern. „Einen schönen Tag noch!“

Anschließend schlug sie eilig die Haustür vor der Nase des verblüfften Aushilfszusteller Georg Hauser zu, der dem verschlossenen Eingang noch eine ganze Weile Das Lavendelbett entgegen streckte, bis er dazu in der Lage war, sich seine Nie­derlage einzugestehen und seinen erniedrigenden Job fortzusetzen, von dem sich der erfolglose Maler gerade ernährte.

Ämter sind für Szczesny niederdrückend, gewalttä­tig, Faschismus in Reinkultur. Er fühlt sich dort in einem rechtsfreien Raum, wittert hinter jeder Tür eine niederträchtige, gegen ihn gerichtete Intrige und hinter jedem der gleichmütigen Beamtenge­sichter Bosheit und Hass. Auf dem Amt zeigt der Staat für ihn sein wahres Gesicht. Die Verachtung, die er für seine Untertanen empfindet. Norbert ist deshalb nur schwer zu überreden, in eine Behörde zu gehen. Clara musste diesmal ihre sämtlichen Überredungskünste anwenden.

Es erstaunt ihn, dass er nicht lange warten muss. Kaum, dass er am Automaten eine Nummer gezogen hat, leuchtet sie schon über einem der Schalter auf. Er kam noch nicht einmal dazu, sich zu setzen. An denen sollte sich mal mein Arzt ein Beispiel nehmen. „Guten Tag“, sagt er übertrieben freundlich, reicht seinen Personalausweis über den Tresen. „Ich hat in diesem Jahr noch keine Lohnsteuerkarte bekom­men. Man hat mich an meinem Arbeitsplatz deswe­gen ermahnt.“

Der Beamte nickt langsam, sieht sich die abgenutz­te, in Plastik eingeschweißte Karte aufmerksam an, vergleicht dann die Abbildung mit zur Seite gelegtem Kopf mit dem Original. Das Ergebnis seiner Überprüfung scheint ihn vorerst zufriedenzustellen. Mein Ausweis ist seine Bibel. Als würde er dort die Antwort auf jede Frage finden.

„Einen Augenblick.“ Der Beamte nickt wieder und wendet sich zu seinem Computer, tippt mit zwei Fin­gern. Nach einer Weile kratzt er sich am Kopf, hebt ihn dann unwillig. Ein unfreundlicher, abweisender Blick trifft den sofort schuldbewussten Szczesny. Quatsch, komme ich wegen ihm oder sitzt er für mich da? Beamten sind nicht mehr die Halbgötter aus Adolfs Zeiten. Dienstleister sind das, nicht mehr. Sie haben es nur vergessen. „Ihnen wurde bereits eine Lohnsteuerkarte mit der Post zugeschickt, vor etwa zwei Wo­chen“, sagt der Beamte entschieden.

„Nein, das ist nicht wahr. Die kam nie bei mir an“, stottert Szczesny er­tappt, „sonst wäre ich doch nicht hier bei Ihnen.“

„Ich habe alles hier in meinen Daten“, unterbricht ihn der Beamte. Er tippt mit dem Finger auf den Bildschirm, den Szczesny nicht einsehen kann. „Sie haben die Karte bereits zugeschickt bekommen. Sind Sie vielleicht umgezogen und haben vergessen, das zu melden?“ Der Blick des Pfarrers bei der Beichte. Der Computer ist Gott und Szczesny leug­net ihn. Ketzer gehören verbrannt.

„Nein, wir sind selbstverständlich nicht umgezogen. Da hat sich nichts geändert. Ich habe nur in diesem Jahr keine Lohn­steuerkarte bekommen und ich brauche natürlich eine. Das …“ Es ist so weit. Szczesny verwickelt sich in seine hilflose Wut.

„Das ist nicht möglich“, entscheidet der Beamte apodikitsch. Das Amen in der Kirche; jedes Widerwort ist Blasphemie und Rebellion gegen die herrschende, gottgewollte Ordnung. Der Mann öffnet seinen Schreibtisch, entnimmt ihm ein engbe­drucktes Papier. „Falls Sie die Karte verloren haben und eine neue beantragen wollen, muss ich eine Bearbei­tungsgebühr erheben. Wenn Sie dieses Formular ausgefüllt haben, können Sie direkt hier an der Kas­se einzahlen und Ihre neue Karte wird Ihnen inner­halb von zwei Wochen zugesendet. Aber vielleicht se­hen Sie doch noch einmal Zuhause nach. Wahr­scheinlich haben Sie sie nur verlegt.“

[Zum 5. Teil …]

 

Eine andere Art der Liebe – Erzählung (Teil 3)

[Zum 1. Teil]

 

Eine andere Art der Liebe
Eine Erzählung (Teil 3)

Clara Szczesny starrte schon seit geraumer Zeit in die geöffnete Holzkiste, in der sie ihre Teebeutel-Sammlung auf­bewahrte. Es waren in der Hauptsache biologische Kräuter- und ayurvedische Gewürztees, die sich ihr in farbenfrohen Papierhüllen verführerisch darboten und geduldig darauf zu warten schienen, dass ihre suchenden Finger sich endlich entschieden und die richtige Mischung für diesen Tag herauspickten. Ihre Auf­schriften versprachen Glück, Harmonie, Gesundheit und Wohlbefinden, aber die meisten der Tees schmeckten sich zum Verwechseln ähnlich bitter und scharf, denn Ing­wer war die bevorzugte Geschmacksrichtung der jungen Frau und diese fernöstliche Zutat fand sich in jeder ihrer Yogi-Mischun­gen. Clara war jedoch während ihrer all­morgendlichen Teezeremonie nicht ganz bei der Sa­che, denn sie wartete voller Ungelduld auf den Briefträger, der pünktlich wie ein Uhrwerk montags um diese Zeit – früher als an den anderen Wochentagen – die Post brachte und sie geräuschvoll in den amerikanischen Briefkasten steckte, den Norbert draußen vor dem Reihenhaus auf einem wackligen Pfosten aufgestellt hatte. Clara hoffte auf den braunen Umschlag mit der überar­beiteten Fassung ihres neuen Romans darin, die ihr ihr Verlagslektor am Wochenende telefonisch angekün­digt hatte. Er war seltsam einsilbig bei dem kurzen Anruf gewesen und hatte sie auf diese Postsendung vertröstet. Aber dann würde sie ja sehen, was er alles an­zumerken und zu beanstanden hatte …

Clara schüttelte den Kopf und sich auf diese Weise selbst aus ihrer Selbstversunkenheit und sah auf. Nein, die große Küchenuhr ließ sich nicht betrügen. Je mehr Clara sich auf ihren Gang kon­zentrierte, um so länger schienen ihr die Abstände zwischen einem Tick und einem Tack und desto ge­mächlicher kroch der Minutenzeiger wie ein ermü­deter Bergsteiger dem Gipfelkreuz seiner Wande­rung entgegen. Kurz kam ihr der Gedanke, sie müsste diesen Satz, der ihr so wundervoll ausformuliert auf der Zunge lag, aufschreiben, damit sie ihn nicht wieder verlor, denn er war ein wun­derbarer Einstieg in eine der Geschichten, an denen sie im Augenblick schrieb. Sie wusste, wenn sie den ersten Satz hatte, dann erledigte sich der Rest fast von alleine. Allerdings griff sie dann doch anstatt zu einem der Kugelschreiber, die zu­sammen mit Notizzetteln überall in der Wohnung griffbereit verteilt waren – einer lag direkt neben ih­rer Teekiste auf der Küchenanrichte – zu einem der bunten Beutel, den sie an seinem Faden in die bereitgestellte Tasse hängte. Sie hatte ihrem Unter­bewussten die Entscheidung überlassen und las nun den Spruch, der auf seinem Anhänger stand: Das Leben schenkt dem Wissenden Tiefe. Sie lachte ironisch auf und stellte den Wasserkocher an. „Altindische Weisheit oder Chai“, dachte sie, „was davon schmeckt bitterer?“

Dann wartete sie erneut ungeduldig und sah aus dem Küchenfenster hinaus. Aber noch war es nicht so weit; ausgerechnet heute ließ sich der verräterische Postbote Zeit. Das Teewasser begann zu dampfen, zu zischen und zu sprudeln. Schließlich erklang ein durchdringen­des Pfeifen und der Kocher schaltete sich mit ei­nem zufrieden klingenden Klicken aus, als wäre er auf seine Tätigkeit stolz. Clara beob­achtete noch eine Runde lang den Minutenzeiger der Küchenuhr, anschließend goss sie das wieder etwas abgekühlte, heiße Wasser ganz langsam in die Tasse, wo der Teebeutel begann, gelbe Farbfäden zu bluten. Sie nahm den Anhänger in die Hand, wickelte ihn mit seinem Fa­den und um den Griff der Tasse. Dabei schmunzelte noch einmal über den weisen Spruch. Unter ihm war die Ziehdau­er für ihren Aufguss angegeben. „Fünf bis acht Minu­ten“, murmelte Clara und ärgerte sich über die unge­naue Zeitangabe, die sie verunsicherte. Die Frau mochte klare, exakte Vorgaben, mit Ungefährem konnte sie nichts anfangen. Halbierte sie für sich und ihren Mann die Vier-Mann-Rezepte aus Kochbüchern, benutzte sie einen Ta­schenrechner und kämpfte über die Küchenwaage gebeugt mit jedem Gramm.

Vor kurzem hatte sie in der Sonntagsbeilage der Zeitung gelesen, dass der wahre Teekenner nur den zweiten, manchmal gar den dritten Aufguss trinken würde, da sich erst dann der volle Geschmack der Aromen entwickeln würde. Sie kannte nur eine Person, die das auch im echten Leben tat und das war ihr geiziger Onkel Siegmund, der sein altes Badewasser zum Toilettenspülen benutzte und das Klopapier durchnummerierte, weil er den Verdacht hatte, seine bei ihm lebende alte Mutter würde zu viel davon verbrauchen. Nein, Clara würde sich nicht dazu durchringen können, ihren Tee zweimal aufzugießen, egal, ob er dann weicher und intensiver schmecken würde. Da würde sie sich schäbig vor­kommen. Das war ihr zu exzentrisch, zu, ihr fiel kein anderes Wort ein, zu … ver­schwommen.

Es klingelte an der Haustür und Clara zuckte zusammen, als wäre sie bei etwas Verbotenem ertappt worden. „Das ist endlich der Postbote“, dachte sie. „ausgerechnet jetzt! Der Umschlag mit meinem Text passt nicht in den Briefkasten. Er muss ihn mir persönlich übergeben.“ Ein Bild von dem jungen Mann, der ihr seit ein paar Wochen die Post brachte und of­fenbar eine Aushilfe war, weil er keine Uniform trug, tauchte vor ihrem inneren Auge auf. Er grüßte im­mer sehr höflich und klingelte häufig, um ihr die großen Umschläge ungeknickt übergeben zu kön­nen. Er war nicht ganz ihr Typ, aber er wirkte sym­pathisch und schien immer ein wenig zu zögern, wenn er ihr die Post überreichte; ganz so, als würde er sie ansprechen wollen und traue sich nicht. Hatte sie einen heimlichen Verehrer in ihm?

Noch drei Minuten, 10 Sekunden und es klingelte erneut. Clara war vollkommen aus dem Konzept gebracht. Sollte sie sofort zur Tür gehen oder zuerst den Teebeu­tel aus der Tasse entfernen? Damit hatte sie die Wahl zwischen einem zu bitteren und einem zu geschmacklosen Aufguss – Scylla und Charybdis, zwischen denen sie Schiffbruch erlitt. Es gab keinen richtigen Weg – egal, was sie tat. Wie sie solche Situationen hasste! Clara entschied sich für das Türöffnen und eilte aus der Küche nach vorn. Es war jedoch nicht der Briefträger, der ihr mit sehn­süchtigem Blick die ersehnte Sendung überreichen wollte. Ungeduldig mit den Absätzen wippend stand stattdessen auf dem Fußgitter vor der Haustür ihre Freundin und Nachbarin Gitta Mammensohn-Sa­pher, die zwar vage für den Vormittag ihren Besuch angekündigt hatte, aber für ihre Verhältnisse er­staunlich früh am Morgen vorbeikam. Entweder war etwas Schlimmes geschehen oder sie hatte etwas un­heimlich Wichtiges zu berichten.

„Und … lässt du mich rein?“, fragte Gitta strahlend und ohne auf eine Antwort der noch zögernden Clara zu warten, schob sie sich an ihrer Freundin vorbei in den Gang, wo sie sofort ihren Mantel ablegte, ihn achtlos zusammenknüllte und halb über einen na­hen Stuhl warf. Er rutschte auf den gefliesten Bo­den. „Ist das kalt heute! Ist er auch da?“ Offenbar war keine Katastrophe geschehen, Gitta kam zum Plaudern vorbei. Clara schüttelte den Kopf und hob mit einem Hauch von Missbilligung in der Miene den Mantel auf und hängte ihn ordentlich an einen Gar­derobenhaken, nachdem sie ihn über einen Kleider­bügel gezogen hatte.„Norbert hat sich zwar einen Tag freigenommen, aber er ist in die Stadt gegangen, um ein paar Erle­digungen zu machen. Ich erwarte ihn erst am Nach­mittag zurück.“ Clara und ihre Freundin Gitta, die sich herabbeugte, um aus ihren hohen Stiefeln zu schlüpfen, lächelten sich in stummem Einverständnis zu. „Aber komm doch rein. Willst du einen Tee? Ich mache mir gerade eine Tas­se Chai.“ Gitta kannte sich aus. Sie öffnete den Garderoben­schrank und entnahm ihm ein Paar von Claras selbstgefilzten Hausschuhen, die dort vorbereitet auf ihre Besucher warten. Erst dann trat die Nachbarin ins Wohnzim­mer, das zusammen mit der offenen Küche eine Ein­heit bildete und beinahe die gesamte Fläche des kleinen Reihenhauses in Anspruch nahm.

„Ach, ein Kaffee wäre mir eigentlich lieber, wenn es nicht zu viele Umstände macht“, sagte sie und sah sich auf­merksam um. „Habt ihr die Möbel umgestellt?“

„Nein, wie kommst du denn darauf?“

[Zum 4. Teil …]

 

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