Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

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Sonntag, 03.05.20 – Ein zögernder Neuanfang

Sonntag, 03.05.20

Ich wollte, ich wäre irgendeine Beethovensche Sinfonie
oder irgend etwas, das fertig geschrieben ist.
Das Geschrieben-Werden tut weh.
Balzac

Heute wird mein Blog „Aber ein Traum“ 7 Jahre alt. (1)

Happy Birthday!

Deshalb wird es für mich höchste Zeit, ihn wiederzueröffnen und in ihm fortzuschreiben, mit ihm gemeinsam in meiner momentan etwas stagnierenden Entwicklung als Autor fortzuschreiten. Diese neun Wochen Schweigen nicht nur von meiner Seite waren die längste Auszeit, die ich mir je von meinem Blog-Tagebuch genommen habe. Selbstverständlich wollte ich meinen ganz persönlichen lockdown(2) schon früher beenden; der Gedanke an den Blog war wie eine lästiger Mückenstich,  der von Tag zu Tag stärker juckte. Aber zugleich wurde es für mich auch schwieriger, diesen Schritt auch tatsächlich zu tun und mein Verstummen zu beenden – mich endlich zu kratzen. Ich gewöhnte mich schnell an die Stille und hatte auch das Gefühl, dass meine Stimme von niemandem wirklich vermisst wurde. Also schob ich den Tag, an dem ich hier wieder schreiben würde, immer weiter vor mir her – oft aus guten Gründen, aber immer mit durchaus schlechtem Gewissen. Mit einigen Menschen geht es mir übrigens ganz ähnlich. Je länger die schweigende Phase zwischen mir und einem alten Freund dauert, um so weniger gelingt mir, über meinen Schatten zu springen und wieder Kontakt aufzunehmen.

Mein letzter Eintrag hier stammt vom 25. Februar. Es ist in der Zwischenzeit einiges geschehen, das mir die gut zwei Monate Schweigen in meiner Erinnerung viel länger erscheinen lässt. Ich wurde noch im Februar krank (kein Covid-19, vermute ich, sondern eine ganz stinknormale, aber sehr hartnäckige und mich niederschmetternde Influenza). Gleich nach meiner Genesung wurde ich wie viele andere von meinem Brot-Arbeitgeber in die Heimarbeit an meinen PC verbannt. In diesem Heimat-Exil befinde ich mich im Großen und Ganzen noch immer. Während Frau Klammerles Leben und Alltag als „systemrelevante“ (ein neuer Euphemismus für „mies bezahlt“ und „gefährlich“) Krankenschwester im Intensivbereich zwar arbeitsreicher, aber nicht unbedingt anders wurden, hat sich sich mein Zeitempfinden dadurch auf merkwürdige Weise verändert. Im Ewiggleichen der auferzwungenen Quarantäne, in der soziale Kontakte, sieht man mal von denen zu meiner Frau ab, nur noch über Videokonferenzen stattfinden, ich manchmal den Wochentag vergesse und das Fortschreiten in der Zeit nur an dem Wachstum der Pflanzen in meinem Gärtchen und der Zahlen auf der Waage messbar ist, entwickelte sich eine neue Art Alltag, die bitter-süß ist, die viel nimmt, aber auch gibt.Vielleicht muss man sich das Paradies ähnlich vorstellen.

Ich kümmere mich viel um Frau Klammerle (4), lese dicke Bücher und schreibe viel regelmäßiger als vorher an meinen Texten. Urlaube wurden storniert, doch der kleine Garten hinter dem Haus war in dem herrlichen Wetter des Aprils beinahe ein Ersatz für die Feriendomizile in Frankreich und in der Toskana. Wir wandern und radeln statt im Gebirge in den heimatlichen Westlichen Wäldern herum und entdecken durch aus Schönes, Sehenswertes, das uns bisher verborgen blieb.  Und ich habe den Roman „Die Verliese des elfenbeinernen Palastes“, von dem es hier im Blog einige Leseproben gibt, fertiggestellt. Ich bin gerade mit Hilfe meiner fleißigen Testleser auf Fehlersuche und bei den letzten Korrekturabeiten. Dieser 2. Band meiner dystopischen „Der Weg, der in den Tag führt“-Trilogie ist mir meiner bescheidenen Meinung nach gut gelungen. Falls noch jemand hier Lust hat, das Buch (und selbstverständlich auch den 1. Band „Karukora“) als E-Book zum Testlesen oder gar zum Rezensieren gratis zu bekommen, sollte er/sie sich bitte bald bei mir melden, da ich das Buch spätestens Ende Mai in den Handel bringen möchte.

Lieber von mir mal wieder etwas voreilig herbeiphantasierter Leser, der du – wie ich hoffe -, erneut zu mir in mein Heim gefunden hast und mir zuhörst: Du siehst also, dass mir vieles wichtiger als der Blog war.  Mit ihm konnte ich nichts zum momentanen Weltgeschehen beitragen, was nicht schon hunderttausend Stimmen vor mir formuliert haben und du wirst sicherlich auch anderes zu tun gehabt haben. Auch deshalb habe ich bis heute geschwiegen, denn manchmal – auch wenn ich es nicht wahrhaben will – muss die Literatur hinter der Realität zurückstehen. Doch das soll sich nun wieder ändern.

Eine Sache bleibt mir noch übrig, die ich berichten muss. Wie ich befürchte, wird sie noch eine ganze Weile meine Gedanken und mein Leben beherrschen. Es ist das grausame Schicksal meines Vaters.

Das ist eine Fotografie von ihm irgendwann am Anfang der Sechziger Jahre. Mein alter Herr, der den 2. Weltkrieg und fünf Jahre russische Gefangenschaft überlebte und als begeisterter Bergsteiger die höchsten Gipfel der Welt erklommen hat, wurde am 13. April 93 Jahre alt. Aber eine Feier durfte nicht mehr stattfinden. Er hatte zwar ein paar Herzbeschwerden und konnte inzwischen nicht mehr gut laufen, aber er war bis vor kurzem noch recht rüstig und bei klarem Verstand gewesen. Er wohnte allein in seiner riesigen, mit Erinnerungsstücken vollgestopften Wohnung, aber ein unglücklicher Treppensturz Ende Februar zwang ihn knapp vor der Corona-Isolierung zurerst ins Krankenhaus, wo ich ihn wegen meiner Erkältung nicht besuchen konnte und dann in ein Heim, in dem übrigens auch seit über zehn Jahren meine vollkommen demente Mutter gepflegt wird, die niemanden mehr erkennt und inzwischen gefüttert werden muss. Von diesem Moment an hatten meine Geschwister und ich überhaupt keinen Kontakt mehr zu unserem Vater. Es herrscht ja in Bayern ein strenges Besuchsverbot. Da er fast vollständig taub war, konnte auch nicht mehr mit ihm telefonieren. Wir haben ihm noch Briefe geschrieben, aber ich weiß nicht, ob er sie gelesen hat. Denn sein Zustand verschlimmerte sich von Tag zu Tag, auch sein Geist verwirrte sich. Kurz nach seinem einsamen Geburtstag wurde er erneut ins Krankenhaus eingeliefert und starb nach einer meiner Meinung nach vollkommen sinnlosen Knie-OP am 20. April – alleine und ohne seine Familie wiederzusehen. Die Urnen-Beerdigung muss wegen der Quarantänebestimmungen in kleinstem Familienkreis und ohne die üblichen tröstenden Rituale stattfinden.

 


(1) Dies war der erste Eintrag: „But a dream“

(2) Man lernt in diesen – um einen alten klingonischen Fluch zu zitieren – „interessanten“ Zeiten viele neue Wörter (und Verhaltensweisen).

(3) Ich habe inzwischen 5 verschiedene Konferenzprogramme auf meinem Rechner, weil jeder meiner Kontakte ein anderes präferiert. Ab und an spiele ich mit einem Freund über die Webcams Schach. Wir trinken dabei Bier und tun so, als würden wir wie früher im Abraxas sitzen. Das funktioniert übrigens erstaunlich gut.

(4) Wir hatten gerade unseren 33. Hochzeitstag und es soll ja nicht der letzte bleiben. Siehe auch hier: 29 Jahre

Sonntag, 26.01.20 – Ein rotes Haus für alle …

Sonntag, 26.01.20


Ich war fleißig und habe die kleinen Fehler ausgemerzt. Die ersten fertig korrigierten Exemplare meines neuen Buchs „Das rote Haus“ sind heute in einem schweren DHL-Paket bei mir angekommen. Damit ist die, wie ich finde, sehr gelungene Kurzgeschichtensammlung offiziell veröffentlicht und ab heute überall im Buchhandel als Softcover oder als E-Book zum Download erhältlich. Wenn ihr ein persönliches Buch mit Widmung und einer Kunstpostkarte des Titelbilds wollt, dann schreibt mir doch bitte einfach.

Ich freue mich wie ein (vegetarisches) Schnitzel über mein neues Buch. Leider bin ich seit Freitag ein wenig erkältet und huste und schnupfe so vor mich hin. Für heute Abend haben Frau Klammerle ich zwei Karten für ein Mozartkonzert im Kleinen Goldenen Saal in Augsburg, hoffentlich wirkt der Hustensaft.

*

Übrigens kann man im roten Haus auch die hier auf dem Blog erfolgreichste Geschichte lesen. (1) Es ist eine Ende der 90er geschriebene und leicht aktualisierte, etwas halbgare Satire über Migration und Asyl und wir hier in Deutschland damit umgehen. Warum die Besucher meiner Texte ausgerechnet ihr vor allen anderen Geschichten den Vorzug geben, mag am Titel liegen. Ach, komm, ich veröffentliche sie heute noch einmal als kleine Leseprobe aus meinem neuen Buch „Das rote Haus“. Viel Spaß beim Lesen.

Der Fremde

Tausend Autoren hatten darüber geschrieben, tau­send Filme hatten das Ereignis vorweggenommen. Endlich war es doch geschehen und kein Zweifler konnte die unleugbare Tatsache von sich weisen: Ein Raumschiff tauchte im Orbit unseres Planeten auf. Wobei das Verb auftauchen in diesem Fall wörtlich zu nehmen ist, denn keine Sternwarte hatte das Objekt aus den Tiefen des Alls kommen sehen. Ohne Vorwarnung war es von einer Se­kunde zur anderen erschienen und wurde für einen harmlosen Fernsehsatelliten, der zufällig den Weg des gi­gantischen Schiffes kreuzte, zur Moira: Er explodierte lautlos, verstreute seine metallenen Leichenteile im All und sorgte damit für die Verzweiflungsausbrüche unge­zählter Fernsehzuschauer, die ihre Empfangsschüsseln auf ihn ausgerichtet hatten. Das fremde Raumschiff be­gann davon unbeeindruckt seine Kreise um die Erde zu drehen.

Nun wurde man schnell aufmerksam auf den überra­schenden Besucher in der Umlaufbahn, der seine Gegen­wart ob seiner Größe und Lumineszenz auch nicht ver­heimlichen konnte. In den Nächten der Nordhalbkugel stand das Raumschiff als eine Art kleinerer und dunklerer Bruder des Mondes am Firmament. Bereits mit einem guten Feldstecher war zu erkennen, dass es kein Komet oder sonst irgend ein natürliches Objekt war, das die Schwerkraft der Erde eingefangen hatte, sondern es ein großes, künstliches, einem liegenden Halbmond gleichen­des Schiff, das den Nachthimmel zierte und für scharfe Augen auch am Tage sichtbar war. Es hing geostationär über Mitteleuropa.
Selbstverständlich erregte jenes UFO mehr Aufsehen als ein jedes andere Ereignis in der Geschichte der Mensch­heit. Die Fernsehsender strahlten rund um die Uhr Son­dersendungen aus, das Internet brach unter der Last der Anfragen zusammen. Jede erreichbare, vergrößernde Linse diente den Menschen, hinauf in den Himmel zu dem Objekt ihrer Begierden zu starren und die optische Industrie boomte wie nie zuvor. In vielen Staaten wurde mobil gemacht, die UNO und die NATO tagten pausen­los. Sogar einige Kriege fanden zu einem kurzen, unfrei­willigen Waffenstillstand, weil viele der Soldaten lieber in den Himmel starrten, als auf andere Menschen zu schießen.

Die Meinungen waren schroff in zwei Lager geteilt: Für die einen waren die Besucher aus dem All eine existenti­elle Bedrohung. Die anderen und sie hatten die Mehr­heit, sahen in dem Raumschiff, das uns ganz offen­sichtlich zielgerichtet aus den Tiefen des unendlichen Alls aufgesucht hatte, ein Zeichen der Hoffnung. An Bord mussten weit überlegene, unfassbar intelligente Wesen sein, die gekommen waren, die Menschheit in eine strah­lende interstellare Zukunft zu führen. Sicherlich würden sie uns zuallererst von quälenden Problemen wie Krank­heit, Umweltverseuchung, Überbevölkerung und Krieg befreien. In jenen Tagen, in denen das UFO um die Erde kreiste und auf keinerlei Anruf auf elektronische, digitale, akustische, optische oder sonstige Art reagierte (und was wurde nicht alles von staatlicher oder privater Seite unter­nommen, um Kontakt aufzunehmen), hatten die Kirchen unglaublichen Zulauf, denn nicht wenige mutmaßten, der Stern, der Christi Geburt erleuchtet hatte, sei zurück­gekehrt. Das öffentliche Leben kam für eine Weile fast völlig zum Erliegen und nur wenige gingen in jenen Tagen noch zur Arbeit. Eine angespannte, lauschende Ruhe zog sich über den Erdball; man wartete und es glich dem Warten auf Harmageddon.

Wie bei jedem vermeintlichen Weltuntergang schossen Sekten wie Pilze aus dem Boden, all jene Ufologen, Sterngeborenen oder New-Age-Spintisierer, die es schon immer gewusst hatten, triumphierten: Eilig versammelten sie sich an mystischen Stätten wie Stonehenge oder den Pyramiden von Gizeh, vereinigten sich zu mentalen Krei­sen und suchten auf telepathischem Wege Kontakt. Freu­dig warteten sie auf ihre Verschmelzung mit den Brüdern aus der Unendlichkeit, deren Emanationen sie bereits zu spürten vermeinten. Das Zeitalter des Wassermanns war mit einem wahrhaft strahlenden Zeichen am Himmel her­aufgezogen.

Doch das Warten wurde lang. Eine Woche verging, dann noch eine, nichts geschah. Langsam kam das Leben wieder in Gang, achselzuckend nahmen die Soldaten ihre Kriege auf und eine Ölpest im Golf übernahm den ersten Platz in den Nachrichten. In den USA wurden Überle­gungen angestellt, ob man nicht vielleicht ein Spaceshuttle hinauf zu dem fremden Raumschiff schicken und bei den Besuchern an die Tür klopfen sollte.

Dann, am 26. August, um genau 14.37 Uhr MEZ, wurde in Süddeutschland, genauer gesagt, im Raum Augsburg, auf den UKW-Frequenzen 93,4 und 101,5 die Botschaft der Außerirdischen empfangen. Sie wurde den ganzen Tag über alle acht Minuten wiederholt. Da auf der ersten Frequenz das Programm eines Privatsenders gestört wur­de, hatte die Sendung einiges Publikum, wurde aber an­fangs von den meisten Zuhörern als eine Hörspielein­blendung à la Invasion vom Mars oder für die Werbung eines Autohauses genommen. Die Botschaft wurde von einer metallischen, fremdländisch klingenden, dabei aber kaum akzentuierten Stimme gesprochen. Sie lautete:

… ICH GRÜßE DIE IRDISCHE MENSCHHEIT …
… MEIN NAME IST ASNAM … ICH BIN DER KA­PITÄN DES SIRIANISCHEN RAUMSCHIFFES PFFTAH, DAS SEIT GERAUMER ZEIT IHREN PLANETEN UMKREIST. ICH WERDE MICH AM 30. AUGUST UM 12.00 UHR ORTSZEIT IN DER HAUPTSTADT DES REGIERUNGSBEZIRKES SCHWABEN/AUGSBURG AUF DEM KLEINEN EXERZIERPLATZ MATERIALISIEREN UND MÖCHTE EBENDA KONTAKT ZU DEN VERTRE­TERN IHRES STAATES BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND KNÜPFEN …

Als langsam publik wurde, dass kein Scherz vorlag und diese Botschaft tatsächlich von dem Raumschiff ausge­strahlt wurde, brach über der kleinbürgerlichen Stille der Stadt die Hölle herein. Menschenmassen aus allen Teilen der Welt pilgerten nach Augsburg, das dem Ansturm nicht gewachsen war und in der Not alle Verkehrswege in die Stadt von der Polizei abriegeln ließ. Der Platz, auf dem der Außerirdische sein Erscheinen angekündigt hat­te, wurde sofort von einem Volksfest geräumt und das Viertel drumherum, das aufgrund der unzähligen Som­merbaustellen in Augsburg eh fast vollständig vom Rest der Stadt abgetrennt war, für jeden Verkehr gesperrt.

Schon am nächsten Tag fand sich das gesamte Kabinett mit Bundeskanzlerin und Präsident ein, für den 30. Au­gust selbst hatten sich der UNO-Generalsekretär und die bedeutendsten Staatsoberhäupter der Welt angekündigt. Viel Rätselraten machte die Frage, warum der Außer­irdische ausgerechnet einen Platz in jener provinziellen Ortschaft für seine Materialisation auf der Erde ausge­sucht hatte und er nicht im Central- oder Hydepark, dem Roten oder dem Platz des Himmlischen Friedens erschei­nen würde. Erneut wurden Anstrengungen unter­nommen, mit dem Raumschiff im Orbit in Kontakt zu treten, doch alle Bemühungen waren genauso vergebens wie die gerichtliche Klage des Privatsenders, dessen Pro­gramm durch die Botschaft Asnams gestört worden war. So blieb man auf Spekulationen angewiesen und selbst die Redakteure des SPIEGELs, die doch sonst immer alles wussten, mussten sich dem Mysterium der Platzwahl des Außerirdischen geschlagen geben. Nur die Augs­burger selbst, allen voran ihre Bürgervertretung, die schon immer um die Bedeutung ihrer Stadt für die Welt gewusst hatten und nicht ohne Grund einen Fugger und einen Brecht zu ihren berühmten Söhnen zählten, fühlten sich bestätigt und nahmen ihre gestiegenen Einnahmen durch den überhand nehmenden Fremdenverkehr für ein berechtigtes Geschenk des Himmels, das es indirekt ja auch war. Als schließlich sogar der Papst seinen Besuch ankündigte und Augsburg mit seiner Gegenwart heiligen wollte, wurde der Kleine Exerzierplatz in Platz der Er­scheinung umgetauft.

Dann begann das nägelkauende und ungeduldige Zäh­len der Tage, schließlich der Stunden. Am Morgen des 30. August war Augsburg noch vor Kairo, Mexico City oder Hongkong die volkreichste Stadt des Erdkreises, un­gezähltes Volk drängte auf den Straßen und selbst die Dörfer im Weichbild glichen einem Hexenkessel. Ob­gleich fast jeder Polizist der Republik in Augsburg Dienst tat, gab es Fälle von Massenpanik und nicht wenige Men­schen wurden von der erregten Menge totgetrampelt oder erstickten in ihrer Umarmung. Die Augsburger selbst wagten sich selbstverständlich nicht mehr aus ihren gut verbarrikadierten Wohnungen. Sie verglichen unter­einander die Ereignisse mit der legendären Bombennacht vom 25. Februar des Jahres 1944 und verfolgten die Ge­schehnisse im übrigen fast ausnahmslos an ihren Fern­sehern. Ihnen war auch an normalen Tagen schon zu viel fremdes Volk auf den Straßen.

Die weitere Umgegend des Platzes der Erscheinung glich dem Fegefeuer, in dem es trotz der ungezählten ge­quälten Seelen nicht so drangvoll eng sein konnte wie in den Einfallstraßen, die zum Platz führten. Die Busse der Weltvertreter benötigten für die Strecke zwischen ihrem Übernachtungsort, dem eilig dafür eingerichteten Arbeits­amt der Stadt, und dem Platz, der nur etwa zweihundert Meter entfernt war, drei Stunden.

Bei dieser Gelegenheit wurden übrigens achtzehn Men­schen überfahren, die jedoch mit dem Segen des Papstes ihre Reise ins Jenseits antreten durften. Endlich aber stan­den all die Staatsoberhäupter auf dem geräumten Platz, der durch eine fünffache Polizeikordon und mehrere Rei­hen mit Stacheldraht und Panzerketten geschützt wurde. Militär mit schwerer Bewaffnung sicherte die vier Ecken des Platzes.

In vorderster Reihe standen von ihren Leibwächtern umgeben und in gebührendem Abstand zueinander die Präsidenten der Vereinigten Staaten und Russlands, die Kanzlerin, der Papst, noch vor diesem die hochauf­ragende Gestalt des Bayerischen Ministerpräsidenten und vor allen der Augsburger Oberbürgermeister, der als Be­grüßungsgeschenk für den Abkömmling der Sterne ein Blech Zwetschgendatschi in den Händen hielt. Aus den Stunden bis Mittag waren inzwischen Minuten geworden, jedermann starrte gebannt auf die Uhren, deren Zeiger ihrem Zenit entgegentickten.

Schließlich verrannen die letzten Sekunden, dann läute­ten alle Glocken der Stadt und das unerträgliche Donner­grollen von millionenfachem Gemurmel verstummte für einige Momente. Die ganze Welt, die das größte Ereignis in der Geschichte der Menschheit über Live-Schaltungen am Fernseher verfolgen konnte, hielt den Atem an. In diesen Sekunden wurden keine Verbrechen begangen, niemand liebte sich, niemand starb und niemand wurde geboren. Ein Kind schrie, bald ein zweites.

Aus dem Nichts begann in der Mitte des Platzes die Luft wie unter großer Hitze zu erzittern, in wirbelnde, torna­doartige Bewegung zu geraten. Eine wimmernde, kreis­chende Lichtkugel erschien, sich immer schneller um sich selbst drehend, pulsierte sie in rasenden Amplituden zwischen dunklem Karmin und blendender Grelle, bis sie zerplatzte und, dem Wunder von Fatima gleichend, Lichtfontänen über den Himmel der Stadt ergoss. Ein plötzlicher, heftiger Windstoß heulte über den Platz und der Landwirtschaftsminister musste sein Toupet festhal­ten, weil er Gefahr lief, es in der heftigen Böe zu verlie­ren. Aus ungezählten Kehlen drang ein angestautes Stöh­nen, das gleich dem Grollen einer Flutwelle anschwoll und einige Trommelfelle platzen ließ. Dann hallte ein scharfer Knall wie ein Schuss über den Platz; mehrere Dutzend Leibwächter sprangen schützend vor die Körper ihrer prominenten Schützlinge. Doch kein Terrorist hatte die Gunst der Stunde genutzt, der Knall hatte nur das Ende der übernatürlichen Lichterscheinungen bedeutet.

Dort, wo sie vor einem Wimperzucken noch gewirbelt hatten, stand nun eine unbekleidete Gestalt. Dieser Wechsel war blitzschnell geschehen. Keines der Milliar­den Augenpaare, die live oder übers Fernsehen die Ereig­nisse auf dem Augsburger Platz der Erscheinung begaff­ten, hatte ihn bemerkt. Schließlich schrien die Menschen. Der Papst stieg von der Tribüne, machte einen unsi­cheren Schritt, dann sank er erschüttert in die Knie. Der Bürgermeister kam um einen Schritt weiter, dann folgte er dem Beispiel des Pontifex, das Backblech mit dem Ku­chen wie eine Götzengabe hoch über sein Haupt haltend.

Nur die Kanzlerin, die nicht einmal der Jüngste Tag be­eindruckt hätte, trat zu dem außerirdischen Wesen heran und öffnete, der historischen Bedeutung ihrer Geste be­wusst, die Arme. Dieses Leben, das grob gerechnet einen Weg von dreiundachzig Billionen und dreihundert­neunundvierzig Milliarden (83.349.000.000.000) Kilo­metern gegangen war, um zur der irdischen Menschheit zu gelangen, zu beschreiben, ist selbst der talentiertesten Feder nicht möglich, es müssten dazu neue Wörter, Far­ben und Eigenschaften erfunden werden. Selbst ein Photo kann nicht wiedergeben, welch göttliche und fremdartige Erscheinung den Schmutz der Erde mit ihrer Gegenwart adelte.

Das Wesen trat zur Kanzlerin entgegen und umarmte sie. Die Vertreterin der Menschheit, trotz ihrer staats­männischen Erscheinung nur ein kleines, hässliches Et­was in den Armen dieses Halbgottes, einer Seuche im Pa­radies vergleichbar, sagte etwas; es wird wohl immer sein Geheimnis bleiben, zu welch bedeutenden Worten sie sich emporschwang, um dem Augenblick gerecht zu wer­den, denn es war in dem tobenden Lärm der Menge nicht zu verstehen. Dann hob der Außerirdische seine drei goldenen Augenpaare und seine Stimme klang in den Ohren eines jeden Menschen und jeder verstand sie:

»Ich, Asnam, Chrool von Bruum, Kapitän des siriani­schen Raumschiffes Pfftah, habe diesen Staat Ihres Plane­ten für meine Erscheinung gewählt, weil sich ihn so viele der Ihren als ihre letzte Zuflucht vor den Übergriffen ih­rer geisteskranken Herrscher aussuchen. Hiermit bitte ich vor den Vertretern ihres Staates um politisches Asyl.«

Nachtrag: (Aus der Augsburger Allgemeinen vom 3. März, Vermischtes aus aller Welt)
– Der Umweltminister hat anlässlich seiner Presse­konferenz vom Montag mit Entschiedenheit dementiert, jemals Zuwendungen aus der Automobilindustrie erhal­ten zu haben.
– Der Antrag des Außerirdischen Asnam C. aus Bruum auf Asyl wurde gestern in letzter Instanz als unbegründet abgewiesen, da es in seiner Heimat unter Maßgabe aller Informationen keine politische Verfolgung gibt. Der Wirtschaftsflüchtling aus dem All wurde abgeschoben. Der Friedberger Ableger der Pegida (FRIGIDA) begrüßte diese Entscheidung mit einer spontanen Demonstration aller vier Mitglieder in der Augsburger Innenstadt.
– Die Augsburger Panter haben gegen die Eisbären Ber­lin nach Penalty-Schießen 6:5 gewonnen.

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(1) „Der Fremde“ wird knapp gefolgt von „Ein Unfall auf Madeira“, einem kleinen Artikel über meine Levadawanderung Ostern 2017, bei der ich zu neugierig war und in einen der Wasserkanäle stürzte. Dass er so häufig – vor allem von Portugal aus – besucht wird, liegt wohl an dem schweren Busunglück im letzten Jahr. Vielleicht sollte ich den Titel des Beitrags ändern …

Sonntag, 19.01.20 – ein schönes Buch, eine clevere Maus und eine Ruhebank

Sonntag, 19.01.20

Ich darf vorstellen: Das ist Piepsi. So hat sie meine Schwiegertochter getauft. Meine Katze Amy hat die kleine, braune Feldmaus vor einigen Tagen behutsam ins Haus geschleppt, um mit ihr ein wenig zu spielen. Dabei hat sie (Amy, nicht Piepsi) das clevere Tierchen „aus den Augen verloren“. Sie (Piepsi, nicht Amy) lebte seither in Untermiete gut verborgen und geschützt hinter den Küchenschränken in einer warmen Nische der Spülmaschine, wo sie für mich nicht erreichbar war und organisierte sich ihr Futter in meinen Lebensmittelschubladen. Nach mehreren Fehlversuchen ging sie mir vorgestern Abend endlich in die Falle. Sie war wohlernährt und gesund, möchte ich anfügen, denn es gelang ihr mehrmals, den Köder (alte, übriggebliebene Marzipankartoffeln von Weihnachten, denn ich bin Vegetarier und habe keinen Speck zuhause) aus meiner Lebendfalle zu fischen, ohne diese dabei auszulösen. Für Frau Klammerle war die letzte Zeit ein wahrer Horror.

Piepsi und ich machten dann gestern noch einen kleinen Spaziergang von meinem Haus hinüber zum Acker beim Sportplatz, wo wir uns nach einem netten, allerdings recht einseitigen Gespräch verabschiedet haben. Mach es gut, kleine Maus, und lass dich nicht noch einmal von Amy zum Abendessen bei uns einladen! Frau Klammerle weiß das nicht zu schätzen.

Nachtrag: In der Nacht dann kam Amy erneut mit einer Maus, von der diesmal nur ein paar kümmerliche Reste übrigblieben, die ich Heute morgen mit Schaufel und Besen entsorgte. Ich weiß nicht, ob das Piepsi war und hoffe, dass sie noch quietschvergnügt auf dem Kartoffelacker herumsaust … Ami genießt und schweigt sich aus.

*

Da ist es nun mit der Post gekommen: Das Korrektur-Exemplar meines neuen Buchs „Das rote Haus“, in dem ich fünfundzwanzig meiner besten kurzen Geschichten versammelt habe. Die älteste (Vision) ist vierzig Jahre alt, die jüngste stammt aus dem letzten Jahr. Obwohl die Texte sehr unterschiedlich sind, wirken sie für mich doch wie eine Art Autobiografie und bilden die Gesamtheit der Themen ab, die mich in meinem Leben beschäftigen.

Es ist jedesmal von Neuem ein unbeschreiblich schönes Gefühl, zum ersten Mal sein neues Buch in den Händen halten zu können, es vom Virtuellen zur Realität geboren zu haben, es zu fühlen, durchzublättern, anzulesen – auch wenn es noch voller Fehler ist. Trotzdem glaube ich, diesmal ist mir wirklich etwas Gutes gelungen. Ich liebe das Titelbild!

*

Gestern Morgen glitzerte schockgefrorenes Laub in meinem Garten in der Morgensonne. Ich machte ein paar Fotos und war glücklich, bis mir einfiel, was ich schon die ganze Zeit verdrängt hatte: Ich hatte einen Zahnarzttermin, den ich bereits im Dezember bereits einmal verschoben hatte, weil mich ein Hexenschuss quälte. Tatsächlich ging es meinem Rücken zu diesem Zeitpunkt schon wieder ganz gut, aber die Ausrede war einfach klasse.

Und schließlich noch ein Foto von der Bank am Stadtbach, ganz in der Nähe von der Wohnung in der Augsburger Bleich, in der ich aufgewachsen bin. Wahrscheinlich ist schon B. B. als Jugendlicher auf ihrer Lehne gesessen und hat heimlich eine dicke Zigarre geraucht. Auf ihr saß ich gestern nach meinem glimpflich verlaufenen Zahnarzt-Besuch in der erstaunlich warmen Sonne und dachte intensiv mit geschlossenen Augen über den Plot für mein nächstes Buch nach. (Euphemismusalarm: Tatsächlich habe ich nur den verfrühten Frühlingstag und den Mint-Geschmack auf den Zähnen genossen und – so würden es meine Söhne formulieren – mein Leben „ge-chilled“.)

Heute Abend kocht Frau Klammerle noch nach einem alten Familienrezept von meiner Großmutter für Schwiegertochter, Sohn Nr. 1 und für meine Wenigkeit noch die unbeschreiblich leckeren Dampfnudeln mit Vanillesauce. Dazu muss man unbedingt ein Bier trinken und die Glückseligkeit ist vollkommen. Das war eines der besten Wochenenden seit langem und ich muss dem Januar, den ich kürzlich so übel beschimpfte, Abbitte leisten!

Dampfnudel nach Familienrezept – nur echt mit karamelisierter „Scherre“, Vanillesauce und einem Hellen. Dreieinhalb Stück machten sogar Sohn Nr. 2 satt. Die restlichen gibt es morgen kalt mit Marmelade.

Donnerstag, 02.01.20 – klein und kurz

Donnerstag, 02.01.20

Ja. Freilich weiß ich es und ich habe das Unglück auch kommen sehen. Jedesmal nach Weihnachten tappe ich in die gleiche Falle und prokrastiniere in den wertvollen Tagen zwischen den Jahren, anstatt mich ernsthaft an meine literarische Arbeit zu machen oder etwas Sinnvolles wie den Haushalt oder die Steuer. Während Frau Klammerle ihrerseits bienenfleißig morgens um Fünf Uhr oder abends um Neun in ihre nervenaufreibende Arbeit rennt und sich aufopfernd um unseren Lebensunterhalt kümmert, liege ich stattdessen stundenlang faul auf der Couch, stopfe Lebensmittel und Süßigkeiten in mich hinein, trinke zuviel Bier und glotze Netflix-Serien oder daddle RPG’s am PC. Ab und an schlage ich sogar mal ein Buch auf, über dem ich dann jedoch regelmäßig einschlafe. Schon das morgendliche Aufstehen fällt schwer, Zähneputzen, Waschen und Anziehen noch mehr. Wenn Amy, die Katze, nicht lautstark meutern würde, weil sie gefüttert werden will, würde ich die Kaffeemaschine aufs Nachtkästchen stellen und bliebe dann wahrscheinlich zwischen dem 27. Dezember und dem 06. Januar komplett im Bett. Geschrieben habe ich kaum ein Wort, meine Romanprojekte liegen momentan auf Eis. Meister Siebenhard, der Geltsamer und Co. müssen eben warten. Sie maulen zwar, aber so ist das Leben mit einem faulen Autor eben; da müssen sie durch.

Nun, es gibt wahrscheinlich schlechtere Methoden, zu überwintern und es ist ja möglich, dass Balzac mit seiner Meinung recht hatte, dass man alt wird, wenn man sich nicht viel oder besser überhaupt nicht bewegt (siehe: Bäume und Schildkröten). Aber ich ärgere mich trotzdem über mich – alle Jahre wieder. Die „staade Zeit“ ist eigentlich viel zu kostbar und eine echte Gelegenheit, um ein wenig Ruhe und zu sich selbst zu finden, nachdem der hektische Advent vorüber ist, aber ich verschwende diese geschenkte Pause unter Wert und nun ist sie auch gleich wieder vorbei. Was zurückbleibt, ist statt Erholung körperliche Erschöpfung und Blähungen, statt Anregungen Dumpfheit und larmoyante Lethargie und statt Bewegung ein paar lästige Kilos mehr auf den Hüften, die ich in den nächsten Wochen wieder mühsam herunterhungern muss.

Aber diese Phase ist jetzt glücklicherweise vorbei und es soll vielleicht kein neues Kapitel, aber zumindest ein anderer Abschnitt kommen, in dem ich mich selbst wie Münchhausen an meinem Zopf aus dem Sumpf, in dem ich es mir bequem gemacht habe, ziehe. Ich habe deshalb mit einer ganz leichten Arbeit angefangen, die mir Spaß macht. Ich bastle gerade an einem Kurzgeschichtenband, den ich noch im Januar auf die übliche Weise veröffentlichen will.

Liebe geduldige Leserin, die ich mir immer einbilde, wenn ich hier auf meiner einsamen, von allen Schifffahrtsrouten weit entfernten Bloginsel an meinen Flaschenpost-Botschaften arbeite, meine liebe, hochgeschätzte und einzige Leserin! Hier folgt der Beweis, dass ich tatsächlich ein wenig für dich gearbeitet habe:

Das ist mein Entwurf für das Cover meines neuen Buchs. Ich bin durchaus zufrieden. Über Kritik oder Lob würde ich mich aber freuen.

Man sieht also, ich habe durchaus etwas getan und vergleicht man obigen Entwurf mit meinen ersten ungelenken und missglückten buchgestalterischen Gehversuchen, kann man doch erkennen, dass ich ein wenig dazugelernt habe. Die Textseiten – das ganze Buch enthält 24 Kurzgeschichten und wird ungefähr 230 Seiten dick – werden im gediegenen Baskerville-Font gesetzt sein und in etwa so aussehen:

Der Beginn der Titel-Geschichte.

Also, ich bin wieder da und fleißig. Grüße von meinem Eiland im Internetmeer. Wir lesen uns!

 

 

 

 

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