Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Archiv für das Schlagwort “Literatur”

Nutzlose Menschen – Der Jahrmarkt geht weiter …

Das Korrekturexemplar meines neuen Buchs „Nutzlose Menschen“ ist in der letzten Woche, die ich im Urlaub in Holland (1) verbrachte, angekommen und es sieht schon mal sehr gut aus.

Dieser Roman ist der Dreh- und Mittelpunkt meiner „Jahrmarkt in der Stadt“-Reihe, mit dem ich über Jahre hinweg kaum verschlüsselt die Kultur meiner Heimatstadt Augsburg begleitet habe. Er spielt in der Mitte der 1990er Jahre und gibt am deutlichsten preis, welches unerreichbare Vorbild ich hatte, als ich den Zyklus entwarf:

Selbstverständlich war es die Comédie humaine von Honoré de Balzac. Die Literatur ist ein Monotheismus. Sie kennt Genies, Könige und Kaiser, aber nur einen Gott. Das ist Balzac. Vor ihm habe ich mich in den „Nutzlosen Menschen“ verneigt, darauf weisen nicht nur die den Titeln von Balzac-Romanen übernommenen Kapitelüberschriften hin. Der französische Romancier wird von der Hauptfigur Nikolaus Klammer häufig zitiert und in zwei Kapiteln darf der Leser auch eine Erzählung im Stil von Balzac lesen.

Obwohl die „Nutzlosen Menschen“ mit etwa fünfhundert Buchseiten der längste Text des Zyklus ist, spielt er nur an einem einzigen Sommerabend und schildert die Erlebnisse einer Gruppe von Leuten, die in die Fänge eines überlegenen Mannes geraten, der sich wie ein Regisseur in ihr Leben mischt und sie als die Akteure eines von ihm geschriebenen Drehbuchs handeln lässt. Denn er weiß:

Sie tun nichts, was wert ist, getan zu werden, und sagen nichts, was wert ist, gesagt zu werden, aber sie tun und sagen es immer und immer wieder. Diese Menschen mögen zwar nutzlos erscheinen. Aber mit Geschick und Einfühlungsvermögen kann ich sie zu allem bringen: Zur Größe, aber auch zum verabscheuungswürdigsten Verbrechen.

Dieser Mann ist der spöttische, unendlich belesene Beamte Nikolaus Klammer. Er war mir Namenspate für mein Autoren- und mein Internetpseudonym, obwohl unsere einzigen Gemeinsamkeiten die Vorliebe für Balzac und ein gesunder Zynismus sind. Wenn man das eine oder andere Werk des Zyklus bereits gelesen hat, dann ist man Klammer schon ein paar Mal begegnet, z. B. in „Die Wahrheit über Jürgen“ oder in „Ein kleines Licht“. „Nutzlose Menschen“ zeigt ihn jedoch als Hauptperson. Jede meiner Figuren hat das Recht, einmal im Mittelpunkt zu stehen, so wie jeder in seinem eigenen Leben die Hauptrolle spielt.

Es ist seltsam mit diesem Buch. Es tut mir weh, es ist ein Schmerzenskind. „Nutzlose Menschen“ gehört zu den besten belletristischen Texten, die ich bisher geschrieben habe und ich weiß, dass der Roman mit den meisten zeitgenössischen Erzählwerken und Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt zumindest mithalten kann – meiner bescheidenen Meinung nach manchmal sogar besser ist – aber  er hat nie Leser oder Öffentlichkeit gefunden, weil ich als Schriftsteller gescheitert bin und in der Masse derer schwimme, die es nie geschafft haben.

„Nutzlose Menschen“ ist ein Symbol für das, was hätte sein können und das, was ist. Auch von diesem Scheitern erzählt der Roman.

Wenn jemand nicht die Katze im Sack kaufen möchte und hier auf dem Blog ein wenig reinlesen möchte:

Nikolaus Klammer – Nutzlose Menschen
Roman aus dem Zyklus
„Jahrmarkt in der Stadt“

Obwohl ich seit Monaten keine Bücher (auch keine E-Books) mehr verkauft habe, werden ich und meine Lektoren die „Nutzlosen Menschen“ bis Mitte Juli nach Fehlern durchforstet haben und ich werde – trotzig und hartnäckig wie ich bin! – den Roman dennoch in meinem kleinen Selbstverlag veröffentlichen. Auch wenn es wirklich niemanden interessiert, so wächst doch die Nikolaus-Klammer-Abteilung in meinem Bücherregal.

Grüße in den hier im Süden wolkigen, aber bei euch hoffentlich sonnigen Sonntag.

Nikolaus

________________

(1) Was ich gemacht habe? Nun, in der Hauptsache bin ich mit Frau Klammerle Rad gefahren und habe die Natur bewundert. Die Maasduinen in der Provinz Limburg haben ein übersichtliches, vorbildliches und engmaschiges Radwegenetz, von dem wir hier nur träumen können. Zudem ist es dort so flach, dass ich mir, der ich nur ein normales und noch lange kein E-Bike (so alt fühle ich mich einfach noch nicht) besitze, nicht wie ein Paria vorkam und mit den Rentner-Radl-Kolonnen mithalten konnte.

 

Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 3. Kapitel (6)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

»Zeige sie ihm, Jalah!«, drängte Semira verzweifelt, die während des Wortwechsels erneut eine Handbreite an ihrer Eisenstange abgerutscht war und nun die Beine anziehen musste, damit die Krokodile unter ihr sie nicht erreichen konnten. Angestrengt versuchte sie, sich wieder nach oben zu ziehen. Sie wusste zwar die 264 Säulen-Gedichte von Hâdish H‘Eun auswendig, konnte problemlos einen Kreisumfang berechnen und ein halbwegs schmackhaftes Bulguleh zubereiten, aber das Klettern an rostigen Stäben gehörte nicht zu den Disziplinen, die sie bei ihren Hauslehrern studiert hatte. Auch ihr noch immer durchnässter, schwerer Sâri half ihr nicht gerade und Selin war zu weit von ihr entfernt, um ihr eine helfende Hand reichen zu können. Er hatte außerdem genug damit zu tun, sich selbst oben zu halten.

Die Diebin überlegte nur kurz und nahm dann zähneknirschend einen der zwei handflächengroßen Edelsteine aus ihrer Geldkatze, die sie um den Hals trug. Sie hielt ihn gegen das Licht, in dem er rosafarben funkelte. Ómer kniff gierig die Augen zusammen.

»Ihr habt tatsächlich die Träne und den Stern an euch gebracht! Nun, ihr wisst es vielleicht nicht, aber diese Steine gehörten einst den Königen Máeriqas und Launin. Zusammen mit dem grünen Stein meines Urahns Turini Sud sollen sie angeblich der Schlüssel zu der versunkenen goldenen Stadt Bridon sein und sie sind zudem unermesslich wertvoll. Wirf mir die Edelsteine zu, kleine Diebin, dann befreie ich euch.«

»Für wie dumm hälst du mich, Vezir?«, lachte Jalah. »Erst lässt du uns aus dem Käfig, dann bekommst du deinen verdienten Lohn …« Sie steckte den Stein wieder zurück in den Beutel.

»… der, nach deiner Miene zu urteilen, wohl ein Messer zwischen meinen Rippen ist. Nein. Ich glaube nicht, dass ihr in der Lage seid, Forderungen zu stellen. Gebt mir die Steine, oder ich setze mich in mein Boot und verschwinde. Eure Entscheidung.«

»Jetzt wirf ihm deine Beute schon zu, Jalah!«, rief Selin, der wegen Semiras misslicher Lage immer ängstlicher wurde, aber nicht wusste, wie er ihr helfen konnte. »Eine andere Wahl haben wir nicht. Wir müssen ihm vertrauen.«

Die Diebin, die sich der misslichen Lage ihrer Herrin ebenso bewusst war, hatte ihre Hand bereits an dem Beutel, um ihn sich vom Hals zu ziehen. Doch sie zögerte noch immer. Für sie wie auch fast alle anderen Karukorer war Ómer die Inkarnation Inets auf Erden und sie traute ihm nicht einmal so weit, wie sie Weintraubenkerne spucken konnte – und sie hatte Angst, was geschehen würde, wenn sie mit leeren Händen vor ihren Diebesmeister trat. Der in Ungnade gefallene Vezir beobachtete ihr Ringen mit sich selbst aufmerksam und gierig. Schließlich seufzte er und zog seinen übergroßen Krummsäbel aus dem aufwändig bestickten Futteral. Diese Waffe war beinahe so groß wie er selbst. Es erschien wie ein Wunder, dass es Ómer gelang, sie mit beiden Händen vom Boden zu heben und mit ihrer Spitze auf Jalah zu deuten.

»Nun. Es gibt auch noch einen anderen Weg«, sagte er betont gelangweilt. »Mich interessieren nur die Brillanten. Was mit euch passiert, ist mir egal. Ich kann euch auch einfach von den Gitterstäben pflücken. Ihr erhaltet dann nur die gerechte Strafe für Palasträuber.« Er kam näher an den Krokodilkäfig heran hund hob seinen Riesensäbel noch ein Stück. Die wertvolle, über und über mit unleserlichen Hieroglyphen verzierte Klinge war wahrscheinlich stumpf, aber sie war auch als Schlag- und nicht als Stichwaffe gedacht und glitzerte seltsam rötlich in dem gebündelten Licht, das von ihrer Quelle hoch über Ómer hinab in die Kaverne fiel. Selin wusste nicht, ob sie die Nähe der Klinge spürten, aber die M‘Gaviâ schreckten auf und begannen sich wie gigantische Schlangen in offensichtlicher Vorfreude zu winden und schnappten aggressiver nach ihrer über ihnen hängenen Beute. Semira kreischte panisch.

»Die Edelsteine kann ich mir auch holen, wenn die Krokodile des Namenlosen mit euch fertig sind. Ihr seid reif und ich werde euch jetzt pflücken, meine Lieben!«

Selin sah es am entsetzten Gesicht seiner Geliebten: Sie würde jeden Augenblick loslassen und abstürzen. Jetzt konnte sie nur noch eine Verzweiflungstat retten. Er verstärkte den Griff seiner rechten Hand an der Querstange, ließ mit der linken los und warf sich mit Schwung herum, stieß sich dabei zugleich mit beiden Füßen nach hinten ab. Er wirbelte einmal um sich selbst und kugelte sich dabe fast das rechte Schultergelenk aus. Mit einem Aufschrei, der halb Schmerz und halb sich selbst Mutmachen war, ließ er auch mit der Rechten los. Sein Vorhaben gelang. Seine weitausgreifende Linke fasste die Querstange und sein Körper schwnag wie das Pendel einer Uhr hinterher. Dabei knirschte nun auch sein anderes Schulterblatt verdächtig; aber dann hing er mit beiden Händen gut drei Fuß weiter rechts am Käfiggitter und damit war er in Griffweite von Semira, die sich in letzter Sekunde an seinen Gürtel klammern konnte und sich mit ihren Achseln in seinen angezogenen Knien einhakte. Für den Moment war sie gesichert!

»Geschickt wie das Äffchen eines Sintari!«, lachte Ómer, der dem artistischen Kunststückchen Selins ruhig zugesehen hatte. »Doch leider wird es dir wenig nützen.« Obwohl es sichtbar an die Grenzen seiner Stärke ging und er bei dem Kraftakt ins Schwanken geriet, hob der Vezir seinen moströses Säbel mit beiden Händen hoch über seinen Kopf, machte einen unsicheren Schritt nach vorn und wollte gerade seine Klinge gegen das Gitter schmettern, als ihn eine laute, spöttische Stimme in seinem Rücken aufhielt.

»Voulez-vous compenser quelque chose avec cette … Prügel, petit nain? Vielleicht, dass dem Feldscher bei deiner Beschneidung das Messer abrutschte?«
Ómer kreiselte erstaunlich schnell herum, ohne seine Waffe, die er dabei zur Stabilisierung benutzte, herunterzunehmen. Offenbar kam er doch besser mit ihr zurecht, als es der erste Augenschein vermuten ließ. Hinter ihm standen Juel und Adelf, die doch noch das Ende der schier endlosen Wendeltreppe erreicht und durch eine Tür unweit von Ómers Fluchtboot in die große Kavernenhalle getreten waren. Sie waren gerade im rechten Augenblick aufgetaucht und Juels Spott hatte das Schlimmste verhindert.

»Der Attentäter aus Italmar und der Kaufmann mit dem lächerlichen Akzent!«, staunte Ómer. »Was für merkwürdige Allianzen schmiedet doch diese Nacht. Aber nun weicht zurück! Das hier geht euch nichts an. Ich warne euch.«

»Wir sind zwar nur ein halbentseelter Mönch und ein fetter, asthmatischer Mann«, sagte Adelf und erntete für den „fetten, asthmatischen Mann“ ein entrüstetes »Na, na!« von Juel, »aber mit dir werden wir allemal fertig, Ómer. Erzittere, denn vor dir stehen die Bezwinger von Sorem, dem unsterblichen As‘ Teorfan!«

Ómer, der weder wusste, wer Sorem, noch was ein „As‘Teorfan“ war, zuckte nach einem kurzen Stutzen mit den Schultern. Eilig mischte sich Juel ein, der unahffällig an seinem Gürtel hantierte:

»Was Adelf sagen wollte: Glaubst du, du kannst uns mit deinem riesigen Säbel, den du kaum halten kannst Angst machen? Wir zittern wegen der Kälte hier unten, nicht, weil wir deine Klinge fürchten.«

»Nun. Das solltet ihr aber! Denn seht: Dieser Säbel gehörte einst vor dreitausend Jahren meinem gewaltigen Vorfahren, dem Zermalmer der Völker, Gründer von Nearoma, Unterjocher des Südens – niemand geringerem als Turini Sud! Und diese Klinge jauchzt, wenn sie im Blut ihrer Feinde badet. Man nennt diese Waffe deshalb Trisbaard, den „Blutsänger“. Einst führte Turini diese Waffe …«

»Ich weiß nicht, ob ich es schon einmal erzählt habe, aber es gibt für mich nichts langweiligeres als Geschichten, in denen Schwerter mit Namen vorkommen«, unterbrach Adelf nüchtern den begeisterten Redefluss von Ómer. »Soll uns das beeindrucken? Nun gib endlich den Weg frei, kleiner Mann mit viel zu großem Schwert, damit wir unsere Freunde vor den Krokodilen retten können.«

[Fortsetzung nächsten Sonntag …]

Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 3. Kapitel (5)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

Selin sträubten sich die Nackenhaare, während Semira und er sich erschocken abmühten, Jalahs Beispiel zu folgen, ohne sich die Zeit zu nehmen, einen Blick zurück zu der Gefahr hinter ihnen zu werfen. Sie stellten sich dabei wesentlich ungeschickter an als die Diebin, zu deren nächtlichen Gewohnheiten es seit ihrer frühen Jugend gehörte, über Zäune und Mauern, Blitzableiter und Regenrinnen oder nah beieinanderstehende Säulen, schmale Simse und Balkone in schwindelerregenden Höhen zu erklimmen und die mit ihren nackten Füßen viel besser als die anderen Halt an den rostigen Eisenstangen fand. Auf halber Höhe wagte Selin endlich einen Blick über die Schulter und bei dem, was er sah, gefror ihm das Blut in den Adern und es ließ ihn seine Anstrengungen verdoppeln, Höhe zu gewinnen.

Was da knapp über dem Boden in schlängelnder Bewegung fauchend wie eine Armee auf sie zustampfte und er vorhin für Baumstämme gehalten hatte, waren zehn oder mehr riesige Marat-Gaviale; es waren die Schoßtierchen des „Unterwerfers“, in deren Mägen der geflüsterten Gerüchte nach all jene landeten, die seinen Zorn erregt oder ihn auch nur gelangweilt hatten. Diese ausgewachsenen und offenbar ausgehungerten Krokodile waren über zwanzig Fuß lang, wogen eine Tonne und aus ihren dünnen und langezogenen Mäulern, die die Muskelkraft besaßen, ihren armen Opfern mit einem Ruck ein Bein aus dem Leib zu reißen und ganze Rinder unter Wasser zu ziehen, ragten hundert spitze und lange Zähne.

Die M‘Gaviâ, wie sie in der Wüstensprache der Bendâh-Nomaden genannt wurden, waren bis zur Reformation während der Adin-Dynastie heilige Tiere gewesen, die von den Priesterinnen der Allerbarmerin in ihren eigenen Tempeln wie Halbgötter verehrt und gezüchtet worden waren. Die heiligen Schriften erzählten, die M‘Gaviâ hätten sich aus den salzigsten und kummervollsten Tränen geformt, die nach der Großen Welle aus den Augen der Göttin in das sumpfige Delta des Marats gefallen waren. Doch Selin wusste es besser, denn im Rahmen seiner Studien für das Al-Beqír hatte er erst vor kurzer Zeit über diese Krokodile in Lurd Windbrehms grundlegender „Exotischer Tier- und Pflanzenkunde“ gelesen, dass es diese gewaltigen Echsen schon im Zeitalter der Vorgänger gegeben haben muss, denn sie würden in mehreren Büchern des Verne-Kodex‘ erwähnt. Deshalb wurden sie in den heutigen, aufgeklärten Zeiten nicht mehr angebetet, sondern wegen ihrer Häute und ihrer Duftdrüsen, aus denen man in den Werkstätten an der Rosenblattbrücke ein unbezahlbar teures, aber in allen Überlebenden Landen begehrtes Moschus-Parfum herstellte, im Marat-Delta gejagt und von den Namlosen als besonders grausames Hinrichtungsmittel gehalten. Das machte diese Monster jedoch nicht weniger gefährlich.

Selin brachte seinen Fuß gerade noch vor einem nach ihm schnappenden, stinkenden Maul in Sicherheit und starrte fasziniert auf die grüngrauen Krokodile hinab, die er aus dieser Nähe noch nie gesehen hatte. Ihren Rückenpanzer, hieß es, könne nicht einmal eine Flintenkugel aus Zwergenerz durchdringen und ihre einzige angreifbare Stelle sei ihre kaum erreichbare Bauchseite. Das Dutzend Ungeheuer erschien ihm allerdings träger, als er erwartet hatte. Er vermutete, dies könnte an der Kälte des Kavernensees legen, die die wechselwarmen Echsen langsam machte. Sie waren jedoch noch immer flink genug, dass niemand von der Gruppe eine Chance hatte, ihren Fangzähnen zu entkommen, falls er von der Stange, an der er sich verzweifelt festklammerte, abrutschte. Als wäre es den M‘Gaviâ bewusst, dass ihnen ihre Beute irgendwann von selbst wie überreife Früchte vom Apúlsbaum in den Schoß fallen würde, unternahmen sie bald keine Anstalten mehr, nach den Menschen zu schnappen, sondern machten es sich unter ihnen gemütlich und sperrten genüsslich ihre Mäuler auf. Doch die kalten, hellgelben Reptilienaugen betrachteten aufmerksam jede ihrer Bewegungen. In ihnen funkelte die Sicherheit, dass ihnen ihre Opfer nicht mehr entkommen konnten, sondern sich durch ihre Kletterei nur eine kurze Frist verschafft hatten.

Ein Poltern ertönte. Jenseits des Zauns, an den sich die drei Verzweifelten klammerten, an der Stelle, an der das Boot in der tiefschwarzen sanften Dünung des Sees dümpelte, tauchte ein kleiner Mann auf, der eine kleine, aber offenbar recht schwere Truhe in den Händen hielt. An seinen Gürtel hatte er einen riesigen, fast brusthohen Säbel geschnallt, dessen Spitze er hinter sich her über den Boden schleifte. Er blieb erstaunt stehen, als er die merkwürdigen Früchte am Gitter hängen sah. Selin erkannte den Vezir Ómer sofort, auch wenn er nicht wusste, wie dieser hierher gekommen war und warum er vor Dreck starrte. Ómer stellte die Schatulle ab und trat interessiert näher.

»Das ist ja eine nette Überraschung«, sagte er mit beißendem Tonfall, »ich habe schon nicht mehr daran geglaubt, dass endlich mal jemand in meine kleine Falle tappen würde, die ich nach dem Attentat der ketzerischen Mönche von Italmar auf den Namenlosen errichten ließ. Und dies geschieht ausgerechnet in dieser Nacht, die so übervoll war, dass ich das Wundern beinahe verlernt habe. Nun, wer auch immer ihr seid, ihr kommt mir gerade höchst ungelegen, denn ich habe keine Zeit, mich länger mit euch zu beschäftigen – und es interessiert mich inzwischen auch nicht mehr. Aber die Krokodile wird es erfeuen. Der M‘Gavia-Pasha hat sie lange hungern lassen. Aber ich würde meinen, ihr seid vielleicht ihre erste, aber ganz bestimmt nicht ihre letzte Beute dieses Tages.“ Damit wollte sich Ómer wollte schulterzuckend abwenden.

»Habe Erbarmen, hoher Herr, und lass uns hier heraus aus dieser Falle!«, rief Selin. »Wir haben dir nichts getan!« Seine Hände schmerzten bereits unter dem Gewicht seines Körpers und er würde sich nicht mehr lange oben festhalten können. Ebenso erging es Semira, die schon ein Stück abgerutscht war, sich aber noch einige Füß über den Ungeheuern befand. Allein Jalah schien in ihrer misslichen Lage noch Ewigkeiten ausharren zu können; sie klammerte sich an die nach innen gebobenen Gitterstäbe wie ein Dibbuk an die Seele eines armen Sünders. Wenn sie nicht vorher verhungerte, würde sie wohl bis Mánis Rückkehr dort ausharren können. Selin biss sich auf die Lippen. Wie konnte er sie alle retten? Selbst wenn er sich jetzt opferte und sich fallen ließ, verzögerte er für die beiden Frauen nur das Unvermeidliche. »Du hast dir doch noch nie eine gute Gelegenheit entgehen lassen, gewaltiger Herr über den Serail! Rette uns und es wird nicht dein Schaden sein.«

Der gestürzte Vezir drehte sich noch einmal herum. »Nun, warum sollte ich das tun? Was könntet ihr besitzen, was mir von Nutzen ist?«, fragte er gleichgültig. Doch seine Stimme verriert ihn: Sein Interesse war geweckt. Wenn es etwas gab, auf das man sich in Karukora verlassen konnte, dann war es die Habgier von Ómer.

»Weil wir dir etwas anbieten können, das dich reicher machen wird, als du es dir auch nur vorstellen kannst. Es wäre doch schade, wenn dieser Schatz in den Mägen der M‘Gaviâ landen würde, oder?«

»Schweig, du Narr!«, zischte Jalah, die ahnte, worauf Selin anspielte, dazwischen, »Was sagst du da?«

»Besser, die Augen des Falken landen in den Händen des gnädigen Vezirs als in den Mägen der Krokodile«, rief ihr Selin zu. »Für die Gilde sind sie doch so und so verloren; aber vielleicht können wir uns mit ihnen freikaufen.«

Alis schmunzelte und kam näher an das Gitter heran. »Sieh einmal an! Ihr seid Diebe und habt das Chaos im Palast ausgenutzt und das Allerheiligste der Bişra gestohlen. Ich neige beeindruckt mein Haupt vor soviel Frechheit. Pech für euch, dass euch euer Fluchtweg ausgerechnet in meine Falle lockte, mit der ich eigentlich ein ganz anderes Wild fangen wollte. Gestern hätte ich euch hier oben wie faules Obst hängen lassen, aber jetzt kommt mir euer Angebot gelegen und ich will euch Gnade erweisen. Doch nun lasst mich zuerst die Brillanten sehen, die ihr im Thronsaal erbeutet habt – nicht, dass ich euch nicht trauen würde.«

[Zum 6. Teil …]

Der Weg, der in den Tag führt, Teil II: Pardais – 3. Kapitel (4)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

Das Eintauchen in den See war für das Paar wegen dessen Kälte ein Schock, der ihren Herzschlag stocken und sie erstarrt ins Wasser bis zum nahen Grund sinken ließ. Dort stießen sie sich an dem glatten Boden mit den Füßen ab und tauchten strampelnd, prustend und wassertretend nebeneinander wieder auf. Selin wäre jedoch sofort wieder wie ein nasser Sack Kohle hinuntergezogen worden, wenn ihn nicht Semira gerettet hätte. Im Gegensatz zu ihrem Freund hatte die Tochter des wohlhabenden Kaufmanns Ceçek Binsa in den Holunderblüten-Bädern, die Armen wie Selins Familie nicht offenstanden, das Schwimmen gelernt.

»Halt still, Dafadeh!«, zischte sie den panisch um sich schlagenden Selin an. Der „Frosch“ gehorchte ihren Befehlen blind und gab augenblicklich Ruhe. Semira packte ihn kurzentschlossen am Kragen seines Hemds und zog ihn auf dem Rücken schwimmend hinter sich her zum nahen Ufer. Glücklicherweise befand sich dort keine Mauer, sondern ein grüngefliester Boden, der sich als künstlicher Strand sanft in den See hinein senkte. Schon fanden Semiras Füße Halt am Untergrund und erleichtert richtete sie sich auf. Viel länger hätte sie Selin nicht mehr hinter sich herziehen können. Zitternd krochen die beiden ans Ufer, ließen sich direkt unter einem der großen Lichtflecken, der allerdings keine Wärme, sondern nur Helligkeit schenkte, zu Boden fallen und warteten, bis sich ihr rasender Herzschlag beruhigte.

Selin blinzelte hinauf in das Licht in der Höhe über ihnen. Das war kein Tageslicht, das da von der Decke fiel, denn wenn ihn sein Zeitgefühl nicht betrog, war die Sonne oben über Karukora überhaupt noch nicht aufgegangen. Es konnte höchstens die frühe Morgendämmerung hereingebrochen sein. Wahrscheinlich stammte der von Spiegeln herabgelenkte Schein, unter dem sie lagen, von gewaltigen, elektrischen Lampen. Diese raffinierte Methode, die Dunkelheit in der gewaltigen Kavernenhalle zu vertreiben, sprach dafür, dass sie ein Bauwerk mindestens aus der Zeit der drei Reiche war und damit in der Ära entstanden war, als Launin den Großen Wall errichten ließ und die ewige Schlacht der Golemarmeen im Osten begann. Damals verstand man sich auf solch eine atemberaubende Baukunst und den erst vor wenigen Jahrzehnten vom berühmten Alchemisten Salmen Sinder in Sansavia wiederentdeckten „Strom“. Merkwürdig, dass dieser Strom nach so vielen Jahrhunderten noch funktionierte. Was wohl seine Quelle war … sein Generator, wie sie in alten Texten genannt wurde? Diese Techné musste gewaltig und schier unerschöpflich sein; vielleicht hatte das ausgeklügelte Kanalsystem etwas damit zu tun. Auf jeden Fall war die Halle des Sees, die den künstlichen Hügel bildete, auf dem sich der Elfenbeinpalast über Karukora erhob, viel, viel älter als das Juwel der Wüste selbst, das der erste Namenlose, Selins ferner Vorfahr, vielleicht bewusst auf den Überresten der Vorgängerstadt Athíni gegründet hatte. Doch über die Wunder der alten Zeit dachte Selin nur kurz nach; es gab wichtigeres, naheliegenderes. Er drehte sich herum und umarmte Semira, um sie zu beruhigen und ihr ein wenig Wärme zu schenken.

Nach einer kleinen Weile richtete er sich auf und sah sich weiter um. Wohin hatte sie die Brückenfalle gebracht? Und wohin war eigentlich Jalah verschwunden, die ihnen doch nur knapp voraus gewesen war? Sie musste doch ebenfalls von dem Fallrohr, das gut 35 Fuß hoch über ihm aus der Wand in die Kaverne hineinragte, in den See geschleudert worden sein. Dieser Zulauf – einer von vielen, die links und rechts von ihm aus den Wänden kamen – entleerte unverdrossen seine Wassermassen. Selin schauderte, wenn er an den Sturz dachte, den Semira und er hinter sich hatten. Die gewaltige Kaskade vor ihm funkelte im Licht und ihr Dampf erzeugte einen Regenbogen.

Selin konnte Semiras ehemalige Dienerinzu seiner Überraschung nirgendwo in seiner Nähe entdecken. Aber er bemerkte enttäuscht, dass sich die Lage von Semira und ihm nur wenig verbessert hatte, denn das flache, etwa dreihundert Fuß breite und grüngeflieste Uferstück und der Teil des Sees, der hier eine leicht konkave und seichte Lagune bildete, war von drei Seiten von einem hohen und stabilen Gitterzaun eingefasst. Sie waren gefangen! Nur wenige Schritte von Semira und ihm entfernt war die rechte Seite dieses Käfig-Gefängnisses. Gegenüber, auf der schlecht beleuchteten anderen Seite lagen vor dem Gitter ein Dutzend große und lange Gegenstände – es mussten umgedrehte Schilfboote oder Baumstümpfe sein; so genau konnte Selin das nicht erkennen. Auch dort war übrigens keine Spur von Jalah zu entdecken.

Der junge Mann seufzte, löste sich vorsichtig aus der Umarmung Semiras und stand auf. Es war an der Zeit, dieses merkwürdige Gefängnis näher zu untersuchen. Auch wenn es sehr viel angenehmer gewesen wäre, seine Geliebte weiterhin in den Armen zu wiegen und ihre Nähe zu spüren, konnten sie nicht ewig hier herumsitzen. Selin machte ein paar Schritte. Er war zwar noch etwas wacklig auf den Beinen, aber er fühlte sich erholt genug, nach einem Ausgang zu suchen. Er trat auf den ihm näheren der gut zwei Mann hohen Gitterzäune zu, die auf beiden Seiten den künstlichen Strand absperrten und rechtwinklig von der Mauer der Halle weg weit in den Kavernensee hineinragten, wo sie ein ähnlicher, aber engmaschiger Zaun parallel zur Rückwand miteinander verband. Damit war auch der Weg über den See, der für den Nichtschwimmer Selin eh nicht offenstand, versperrt. Die rostigen Gitterstäbe des nach oben offenen Käfigs waren in einer Handbreite Abstand stabil in den Fliesenboden vermauert und erst knapp unter ihren nach innen gebogenen und scharfen Spitzen durch ein Quereisen miteinander verbunden. Wenn Selin sprang, konnte er diese waagerechte Stange mit ausgestreckten Händen erreichen, aber sich daran hochzuziehen, um dieses Hindernis zu überwinden, schien ihm kaum möglich zu sein. Er rüttelte an einem der Stäbe. Obwohl er sehr dünn war, war er stabiler, als er aussah. Unter dem abblätternden Rost war er aus massivem Eisen geschmiedet und viel zu hart, um ihn zu verbiegen.

Direkt neben der schimmligen, unfassbar hohen Rückwand befand sich jedoch eine Tür in dem Käfig, die aus den gleichen Gitterstäben gemacht war wie der Rest des Käfigs. Selin untersuchte sie genauer. Wie er erwartet hatte, war sie gut verschlossen. Er wüüschte sich Jalah oder noch besser Juel herbei, die das Türschloss mit Hilfe ihres Diebeswerkzeuges wahrscheinlich problemlos hätten knacken können. Ihm jedoch fehlte zu seinem Bedauern diese Fähigkeit. Frustriert streckte er seine Nase durch das Gitter und spähte nach draußen. Semira, die schon eine Weile stumm seine Untersuchungen beobachtet hatte, stand ebenfalls auf und stellte sich neben ihn.

»Hast du schon eine Möglichkeit gefunden, wie wir aus dieser Mausefalle entkommen können?«, fragte sie. Selin schüttelte resigniert den Kopf. Dann deutete nach vorn; er hatte etwas entdeckt.

»Schau mal, da vorne ragt eine Hafenmauer in den See und da liegt auch ein kleines Ruderboot an. Es scheint mit Vorräten beladen zu sein, wenn ich das richtig sehe. Seltsam …«

»Ich sehe es auch, ja. Vielleicht gehört es einem der Wassermeister Solange es aber auf der anderen Seite unseres Gefängnisses ist, könnte es genauso gut auf dem Südkontinent liegen. Was machen wir jetzt?«

»Jetzt müssen wir hier wohl warten, bis uns Juel und sein Freund gefunden haben – oder …“ Selin verstummte, weil er ein knirschendes Geräusch in seinem Rücken gehört hatte, das er nicht einordnen konnte. Mit einem Mal spürte er eine unmittelbare Gefahr hinter sich. Er und Semira waren in dem Gefängnis nicht allein! Dann schrie plötzlich eine schrille Frauenstimme einen Warnruf und bevor Selin sich noch umdrehen konnte, sprang auch schon Jalah an ihm vorbei und kletterte wie eine Katze die Gitterstäbe bis knapp unter ihrer unüberwindbaren Spitzen empor.

»Worauf wartet ihr?«, herrschte sie das verblüffte Paar von oben herab an. »Wollt ihr gefressen werden?«

[Zum 5. Teil …]

Konfrontation – Eine Kurzgeschichte

So komme, mein Kind, verlasse die traute Umarmung
der elenden Mutter, steige hinan
den Turm deiner Väter zur höchsten Zinne:
Dort sollst du – so wurde das Urteil gesprochen –
dein Leben verlieren.
Euripides: Die Troerinnen

„Einen Euro kostet das?“

Karl hob erstaunt den Blick von seinem Geldbeutel. Vielleicht hatte er sich ja verhört. Das kam häufig vor, seit er im vorigen Jahr in der Badewanne gestürzt und mit der Wange und dem linken Ohr hart auf das Porzellan des Wannenrands gefallen war. Trotz des aufgeplatzten Blutergusses, der pochenden, zermürbenden Schmerzen und der noch zermürbenderen Ermahnungen seiner Frau war er anschließend nicht zum Doktor gegangen. Er fand, solange er nicht zum Arzt ging, war er gesund. Wer wusste schon, was der alles entdecken würde. Und hatte Karl nicht rechtbehalten? Die Schmerzen verschwanden nach einer Weile, ließen sich nur mehr an warmen Sommertagen erahnen, und von der Wunde blieb nur eine kleine Narbe, sein Schmiss, wie er sie liebevoll bezeichnete. Und, ja, er hörte etwas schlechter. Aber mit Siebzig durfte man das. Es war sogar manchmal von Vorteil in dieser lauten, lärmenden Welt.

„Finden Sie das nicht etwas teuer?“, fragte er. „Das sind ja fast zwei Mark!“

Zweifelnd blickte Karl durch die fettige Glasscheibe in das Gesicht seines Gegenübers und hoffte auf eine zustimmende Reaktion. Für einen Moment wurde ihm schwindlig, denn er hatte das verwirrende Gefühl, in einen Spiegel zu sehen. Der Rentner in dem Kassenhäuschen hätte sein Zwillingsbruder sein können. Es war wie er selbst ein fetter, aufgeschwemmter und alter Mann mit schütteren, weißblonden Haaren. Er passte kaum hinter den niedrigen Tresen, auf dem Ansichtskarten des Turms, eine Billettrolle, eine Zigarrenkiste mit Wechselgeld und ein aufgeklapptes Buch mit dem Einband nach oben lagen. Und tatsächlich hob der Rentner hinter der Kasse seine Hand zum Ohr.

„Bitte?“, fragte er schwerhörig. Karl bemerkte, dass dem Mann zwei Finger an der Hand fehlten. Sie wirkte wie eine Klaue, die er an dem abstehenden Ohr einhakte. Der irritierende Eindruck, mit sich selbst zu reden, verschwand so schnell, wie er gekommen war. Er kehrte aber sofort zurück, als der Mann ungeduldig sein Kinn nach vorn rückte und auf der Unterlippe zu kauen begann. Karl reagierte auf die nämliche Weise, wenn er sich konzentrierte; seine Tochter hatte ihn erst letzten Samstag auf diese Marotte aufmerksam gemacht. Eilig winkte Karl ab und kramte in seinem Geldbeutel die verlangte Münze hervor. Gleichzeitig schielte er auf das Buch vor ihm, denn ihn interessierte, mit welcher Lektüre sich sein Doppelgänger die Zeit vertrieb, während er auf die seltenen Besucher und Touristen wartete, die diesen Stadtturm ersteigen wollten. Leider spiegelte das Glas der Trennwand so, dass er die kleinen, zudem auf dem Kopf stehenden Buchstaben des Titels nicht entziffern konnte. Auch mit dem Sehen war es bei ihm nicht mehr so weit her.

Karl schob das Geldstück durch die schmale Öffnung zwischen Tresen und Glas und erhielt im Gegenzug eine rote Eintrittskarte, auf der noch immer „Alter Wehrturm – 1 DM“ stand. Er öffnete bereits den Mund, um sich von neuem über die Inflation zu beschweren, die die Euro-Währung gebracht hatte, sah aber rechtzeitig die Sinnlosigkeit dieses Unterfangens an. Wenn, wie er stark vermutete, dieser alte Mann ihm nicht nur äußerlich, sondern auch im Gemüt ähnelte, würde er lediglich ein gleichgültiges Achselzucken ernten. Karl nahm seine Eintrittskarte – sie fühlte sich wie Toilettenpapier an -, schob sie in seine Jackentasche und wandte sich zu der Treppe, die den Turm hinaufführte. Es war ein schmaler Aufstieg, der nach wenigen Stufen in eine Kehre tauchte. Der muffige, kalkige Geruch des alten Gemäuers hieß ihn willkommen. Einen letzten Blick warf Karl zurück. Der Mann im Kassenhaus hatte bereits wieder sein Buch in der Hand, hielt es so nah an sein Gesicht, als wolle er die Buchstaben mit seiner Zungenspitze, die zwischen seinen fettigen Lippen hervorlugte, ablecken.

Karl4

Es war ihm wirklich erstaunlich, wie sehr dieser dicke, alte Mann ihm ähnelte. Sicherlich war der Turmwärter einige Jahre älter als er, aber auch Karl ertappte sich beim Lesen manchmal dabei, dass er konzentriert seine Zunge zwischen die Lippen nahm und sie dort wie ein Scheibenwischer hin- und herbewegte. Karl seufzte, konnte sich aber trotzdem nicht dazu durchringen, mit seinem mühsamen Aufstieg zu beginnen. In diesem Augenblick bemerkte der Kassierer, dass der Besucher noch nicht weiter gegangen war und lugte neugierig hinter seinem Buch hervor. Zwei wässrige Blicke trafen sich. Jetzt betrachtet er mich zum ersten Mal interessiert, dachte Karl, nimmt mich als Person und nicht als Nummer wahr. Ich erinnere ihn an jemanden. Er weiß nur nicht, an wen. Daran wird er sich später erinnern. Er hätte ich sein können.

Das war ein Gedanke, der Karl gefiel.

„Kann ich noch etwas für Sie tun?“, fragte der Mann. Auch sein Dialekt war der von Karl. Beide waren sie in dieser nicht allzu großen Stadt aufgewachsen, nebeneinander her alt geworden und erst jetzt begegneten sie sich zum ersten Mal, sahen sich, erkannten einander.

„Nichts …“, erwiderte Karl gedehnt und zwinkerte dem anderen zu. Mochte der ihn für absonderlich halten, es spielte keine Rolle. Karl hatte sich selbst gefunden. Und morgen würde der noch immer hier sitzen und kurzsichtig in sein Buch starren. Jetzt erkannte Karl auch den Titel des Romans. Es waren die ‚Elixiere des Teufels’ von E. T. A. Hoffmann, sein Lieblingsbuch.

Zufrieden machte sich Karl an seinen Aufstieg in den Tod.

Beitragsnavigation