Aber ein Traum …

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Das Spiel – Erzählung (3)

SIE WAR AM ERSTEN ABEND

Die Wand. Weiß gekachelt. Schwankte auf mich zu. Blähte sich mir entgegen. Ich griff mit der Hand nach ihr. Um sie ruhig zu stellen. Meine Finger glitten über die Oberfläche. Ölig. Schweißig. Aber ich konnte ihre Bewegung. Pulsierend. Nicht stoppen. Eine M****. Ungelenk gestrichelt. Tanzte zum Takt. Fern. Wie ein Bild von Miró. Lebendig geworden. Dann hatte ich diesen Geschmack im Mund. Ganz vorne bei den Zähnen. Er drängte herauf. Ein letztes Schlucken. Unterdrückend. Endete in Würgen. Keuchend. Ich erbrach in die Pissrinne: Viel Rotwein. Schaumig. Schleim und Abendessen. Aufgeschwemmt. Besudelten den Boden zu meinen Füßen. Etwas spritzte gegen meine Hose. Die beste mit dem Fischgrätenmuster. Dunkel. Und die Wildlederschuhe. Ein Speichelfaden tropfte zäh aus meiner Nase. Obwohl mein Magen schnell leer war. Würgte ich ohnmächtig nach Luft schnappend. Erst durch den Anblick meines eigenen Erbrochenen wurde mir wirklich übel. Die Klotür hinter mir öffnete sich rumpelnd. Wurde aber nach Schweigen. Kurz. Betreten. Rasch wieder geschlossen. Jetzt konnte ich mich aufrichten. Vorsichtig. Meine Bauchdecke krampfte hektisch. Für einen Moment. Besinnungslos. War ich versucht. Wieder nach vorn zu kippen. Entschloss mich aber zur Bewegung. Entgegengesetzt. lehnte mich zurück. Mit dem Rücken. Gegen den Kondomautomaten. Der nach Blech tönte. Matt. Ich verharrte. Atmete. Schwer. Mein Kopf sank zurück. Ich schloss die Lider. Drückte auf diese Weise Wasser. Ein bisschen. Aus den Augenwinkeln. Das über meine Wangen lief. Warm.

Ich weiß noch genau

Eine Erinnerung. Belanglos. Kam in den Sinn: Eine Banalität. Das waren die von einer Strumpfhose. Weiß. Plattgedrückten Haare. Fettig glänzend. Schwarz. Am Bein einer Schwester. Ansonsten hübsch und jung. Die mir am Nachmittag im Krankenhaus freundlich und aufmunternd zugelächelt hatte. Als ich meinen Vater besuchte. In diesem Moment war mein Blick zu ihren Beinen herabgerutscht. Ich spürte eine Scham. Plötzlich. Hitzig. Einem Schlag mit der Hand. Flach. Ins Gesicht sehr ähnlich. Die Schwester bemerkte meinen Blick. Der Ekel kam erst später. In jenem Moment. Als ich mich erbrochen hatte und am Automaten lehnte. Er hielt für Tage an. War mal stärker. Mal schwächer. Aber vorhanden. Ständig.

Ein Rhythmuswechsel draußen

Ein Lied. Neu. Lenkte mich ab. Tönte durch die Tür. Angelehnt. Der Geruch. Säuerlich. Meines Erbrochenen überlagerte langsam den Klogestank. Meine Sinneseindrücke wurden nüchterner. Sie schälten sich aus der Dumpfheit. Jetzt schien es mir auch wieder möglich. Mich zu bewegen. Erst nach einem Versuch. Vergeblich. Gelang es mir. Ich spülte den Mund. Unzulänglich. Mit Wasser. Warm. Bedacht. keines zu schlucken. Der Geschmack und auch der Geruch blieben an mir haften. Ich würde eine Weile auf Distanz bleiben müssen. Das hieß. Wenn sie noch da war. Für einen Augenblick der Verwirrung. Zaghaft. Fragte ich mich. Was ich von ihr erwartete. Für eine Ablenkung. Billig. Unverbindlich. Schnell. Für eine Nacht hatte ich noch nie etwas übrig. Ich weiß nicht. Warum ich in diese Diskothek gegangen war. Hier war ich fehl am Platz. Wie ich mich dazu versteigen konnte. Mich an dieses Mädchen. Sichtlich einsam. Mit einer Masche ausgesprochen dumm. Heranmachen. Warum ich nicht in diesem Moment. Nachdem sie darauf eingegangen war. Überraschend fröhlich und geschmeichelt. Die Gelegenheit. Günstig. Nutzte und mich davonstahl. Noch war Zeit. Ich hatte mich bereits den Abend. Ganz. Mit jedem Wort und jeder Bewegung gegen meinen Charakter verhalten. Gefiel mir darin.

Ich schüttelte den Kopf

Wie viel Zeit war vergangen? Minuten? Eine Viertelstunde? Sie hatte gesagt. Sie würde warten. Ich säuberte notdürftig meine Hosenbeine. Besudelt. Dann wagte ich einen Blick. Abschätzend. In den Spiegel. Ich erschien mir zu dünn. Zu bleich. Zum ersten Mal fiel mir auch auf. Meine Nase war wie die des Kranken. Scharf. Kantig. War das nur eine Sinnestäuschung. Die das Neonlicht. Hart. In diesem Raum schuf. Ich riss mich von mir selbst los. Energisch. Trat zurück in die Diskothek. Lou Reed sang. Niemand tanzte.

I‘ m just your average guy. trying to do. what’s right. I’m average looking. and I’m average inside.

Der Bass. Überlaut. Wuchtig. Bearbeitete meinen Magen. Fast hätte ich kehrt gemacht. Wäre zurück in die Toilette gestolpert. Gewöhnlich. Ich. Dachte ich. Schob die Hose. Zu weit. In die Höhe. Machte den Schritt. Entscheidend. Auf sie zu. Den ich nicht mehr zurücknehmen konnte. Ja. Sie saß noch da. Sie hatte ausgeharrt.

Ich wusste ihren Namen nicht. Sie trieb Koketterie mit ihm. Ansonsten schien sie offen. Sie saß halb gegen den Tresen gelehnt vor ihrem Glas. Bis auf einen Schaumrest. Kümmerlich leer. Längst bezahlt. Und sah abwesend in den Spiegel über der Bar. Sann Lichteffekten und Menschen nach. Die sich in ihrem Rücken bewegten. Ihr Gesicht war entspannt. Ungewichtet. Nur die Unterlippe. Breit. War nach vorn geschoben. Sie fühlte sich. Obwohl das in einer Diskothek kaum möglich ist. Unbeobachtet. Da sah sie mich. Ihr Gesicht mühte sich in eine Maske. Freundlich. In dem Augenblick. Abwesend. War sie mir schöner erschienen. Sie hatte ihren Körper. Ein wenig zu drall. In eine Bluse. Leicht durchsichtig. Hell und in einen Minirock. Schwarz. Für die Jahreszeit. Spätherbstlich. Viel zu kurz. Gezwängt. Den sie jetzt im Sitzen mit einer Hand bewachte. Ihn immer wieder übers Knie rutschte. Was im übrigen vergebens war. Da er sich bei jeder Bewegung. Klein. Nach oben schob und viel von ihren Oberschenkeln entblößte. Natürlich hatte sie in ihren Lackschuhen. Hoch. Spitz. Schwierigkeiten beim Laufen und beim Tanzen. Dennoch bewegte sie sich in ihnen mit Anmut und Selbstverständlichkeit. Überlegener.

Obwohl sie also unvorteilhaft gekleidet und nuttiger wirkte. Als sie war. Sie war doch genau das Mädchen. Das ich benötigt hatte. Als mich mein. Ich nehme an. Unterbewusstsein überredete. Diese Disco zu betreten.

Ich hielt mir die Hand halb vor den Mund. Als ich sie aufforderte. Mit mir das Lokal zu wechseln. Sie nickte. Zustimmend. Griff nach ihrem Mantel. Dunkel. Neben ihr. Über einen Barhocker gelegt. Anscheinend um den Platz für mich frei zu halten. Auf meine Abwesenheit. Länger. Ging sie nicht ein. Ihr schien auch kein Geruch aufzufallen.

Wir stiegen zu dem Café

Drei Stockwerk höher hinauf. Ich weiß. Es war ein Fehler. Aber ich bestellte wieder Alkohol. Diesmal Weißbier. Helles. Obgleich ich damals eigentlich keines mochte. Ich erzählte Unsinn. Irgendeinen. Einfach. Um keine Pause aufkommen zu lassen. Sie saß. Das Kinn in die Hand. Die rechte. Gewichtet. Und hörte meinem Redeschwall zu. Leicht lächelnd. Zerstreut. Während sie Zucker in ihrem Kaffee zerrührte. Um uns herum war das Publikum. Üblich. Für das ich mich langsam zu alt fühlte. Keiner meiner Freunde war hier. Das war gut so. Wenn ich mich wie ein Gockel aufplustere. Brauche ich keine Zuseher. Wohlmeinend. Lästernd.

Dann hielt ich inne. Mitten im Satz. Sah sie an. Ich weiß nicht. Ob ich das erklären kann. Vielleicht lag es daran. Mir war übel. Immer noch. Jetzt kam sogar ein wenig Betrunkenheit hinzu. Auf jeden Fall war die Luft plötzlich zäher. Das Schummerlicht brach sich anders. Es schien mir. Als würde ich das Mädchen vor mir zum ersten Mal ansehen. Durch ihr Gesicht. Zugeschminkt. Hindurch. Obwohl es sicher nicht glaubhaft klingt. Habe ich mich in genau diesem Augenblick. In einem Nu. Zeitlos. Nicht erfassbar. Zwischen dem still werden. Noch grundlos. Und einer Erschütterung am ganzen Körper. Plötzlich. In sie verliebt.

Ich war mir dieser Tatsache sofort bewusst. Das Bedürfnis. Einzige. Das ich nun hatte. War. Sie in den Arm zu nehmen. Sie bemerkte mein Verstummen. Fühlte sich durch meine Blicke geschmeichelt. Offensichtlich. Erstaunlich lässig und überlegen nahm sie. Sich zurücklehnend. Meinen Gesprächsfaden auf. Ließ kein Schweigen zu. Sprach dann leider von Politik und machte damit bereits am ersten Abend unserer Liebe viel kaputt. Denn ich konnte nicht verhindern. Dass eines der Reizworte fiel. Die mich an meinen Vater erinnerten. Der zur selben Stunde im Krankenhaus mit dem Tod rang.

In den letzten Tagen habe ich drei längere Ausschnitte aus meinem ersten Roman „Das Spiel“ gebloggt. Falls Interesse besteht – woran ich allerdings begründete Zweifel habe – werde ich weitere Abschnitte veröffentlichen.

Eine andere Art der Liebe – Erzählung (Schluss)

[Zum 1. Teil]

 

Eine andere Art der Liebe
Eine Erzählung (Schluss)

Die nicht mehr junge Bedienung geht zu dem Mann hinüber. Besitzergreifend hebt er seine Arme. Sie lässt sich von ihm an ihrer Hüfte umfas­sen, während sie in seinen Block sieht und beifällig lacht. Sie beugt sich dabei  vornüber. Ihre Bluse klafft auf; sie trägt keinen BH. Der Maler sagt ein paar Worte und greift ohne Scham an eine der dargebotenen Brüste. Die Frau schlägt ihm sofort auf die Fin­ger. Aber sie lächelt, als sie sich geschickt aus seinen Armen schäl und einen Schritt zurückweicht. Szczes­ny bemüht sich nicht, wegzusehen. Die Bedienung strahlt eine ranzige Sexualität aus, der Rock ist viel zu kurz für die stämmigen Bei­ne und wirft Falten am Gesäß. Und damit bin ich wieder beim Thema, denkt Szc­zesny. Alles dreht sich nur ums Ficken. Alle tan­zen ums goldene Kalb. Sie haben den Sex im Kopf. Das ist der Ort, an den er am wenigsten gehört. Ich habe mal gelesen, dass die jungen Japaner überhaupt keinen Sex mehr haben, weil sie nur noch an ihn denken.

Bei Szczesny ist das nun anders. Seit eben, seit er hier sitzt. Er ist ein anderer Mensch. Er kann an­ders lie­ben, die Balz ist ihm fremd geworden. Sie stößt ihn ab. Er hat sich ver­ändert. Keinen Weg gibt es mehr zurück. Alles wird nun anders, besser. Noch sind diese Gedanken unklar und ver­worren. Aber er erkennt eine Linie, er hat das Puz­zle, kennt das Bild, nur die vielen Teile verwirren ihn noch. Im Moment ist ihm das noch neu und un­gewohnt, aber er wird es verstehen, damit leben, besser als bisher.

Ich habe das Ficken hinter mir. Ich bin das Ende. Jetzt kann ich mein Leben ganz auf Clara konzen­trieren. Was kümmert mich Henry mit seiner Stier­potenz? Ich bin edel, wie ein Priester. Das ist wie Epilepsie, etwas ehrfurchtgebietendes. Es macht mein Leben wertvoller, tiefer. Das werde ich ihrem Bruder sa­gen. Das muss ich unbedingt Clara sagen. Sie wird es verstehen. Szczesnys Gedanken verwirren sich, immer wichti­gere Erkenntnisse kommen ihm in den Sinn. Er hält die Lösung aller Probleme in der Hand; er hat den Sinn des Lebens erfasst.

Er hat es sehr eilig, nach Hause zu kommen. Er winkt der Bedienung, obwohl er seinen Kaffee noch nicht getrunken hat. Sie beugt sich auch über seinen Tisch, um sein Geld in Empfang zu nehmen. Offenbar ist das ihre Masche, mehr Trinkgeld einzustreichen. Nun darf Szczesny exklusiv unter ihre Bluse sehen und ihre schlaffen Brüste mit dem gro­ßen, dunklen Warzenhof bewundern. Aber er lächelt nur spöttisch  und kneift die Augen zusammen. Nirgendwo ist Begierde in ihm, nirgendwo spürt er Verlangen. Da ist nur Gleichgültigkeit. Er begegnet der Frau gelas­sen, sein Geschlecht ist gesichert und ruhig. Er sieht sie wissend an und sein Lächeln wird breiter, überheblich. End­lich bin ich gesund, denkt er und erfreut sich an dem Paradox. Er nickt dem Maler zu, der ihn nun nachdenklich und zögernd mustert. Offenbar hat er erkannt, dass das Bild, das er von ihm skizziert hat, nicht die ganze Persönlichkeit aufdeckt.

Szczesny verlässt das Lokal. Es schneit wieder, kleine, harte Flocken wehen in Szczesnys Gesicht und brennen wie glühende Funken auf seinen Wangen. Das Wet­ter passt zu seiner Stimmung. Endlich geht er heim, auf dem geraden Weg, denn er muss der Konfrontation nicht mehr ausweichen. Schon von der Eingangstür aus sieht er Clara ihre Erwartung an und bemerkt er ihre Neugierde. Sie sitzt im Wohnzimmer und strickt, aber sie lässt ihn keinen Moment aus den Augen, während er in den Gang tritt. Das Radio läuft. Mozart. Das ist ihre Schreibmusik.

Sorgfältig hängt Szczesny seinen Mantel in den Schrank, stopft seine nassen Schuhe mit Zeitungs­papier aus. Er lässt sich Zeit, bevor er ins Zimmer geht. Denn er will alles richtig machen. Er küsst seine Frau auf die Wange, setzt sich neben sie auf das Sofa. Clara fragt nicht, wo er so lange gewesen ist und was er gemacht hat. Eine Weile schweigen die beiden. Szczesny blättert in der Fernsehzeitung. Wo ist die Fernbedienung?

„Ich habe deine Lohnsteuerkarte nicht bekommen“, sagt er plötzlich, wirft das Heft vor sich auf den Tisch. „Die wollten mir keine geben …“ Ein Anfang ist gemacht, denkt er. Er holt aus, erzählt von sei­nem Erlebnis auf dem Amt, spürt dabei wieder die Wut und die Hilflosigkeit. Clara sieht nur kurz von ihrer Strickarbeit auf, runzelt unwillig die Stirn.

„Und was wusste der Arzt?“, unterbricht sie ihn schließlich. Sie klingt sehr beiläufig.

„Kein Ergebnis. Bei mir ist alles in Ordnung“, lügt Szczesny glatt. Warum mache ich das? Ich wollte ihr doch die Wahrheit sagen. Ganz entspannt, einfach mich zu ihr setzen, sie in Arm nehmen und von der neuen Liebe erzählen. Ihr deutlich machen: Das ist belanglos. Sie soll spüren, dass es nicht wichtig ist. Wir wollen doch beide keine Kinder. Jetzt hat alle Lösungen, die er im Café gefunden hat, verloren. Sie haben sich in diesem Zimmer auf­gelöst, sind wie Rauch an die Decke gestiegen. Der Magen schmerzt wieder und der alte Gedan­ke kehrt zurück:

Ich bin ein Versager. Szczesny sieht seine Frau trot­zig an, nimmt seine Lüge nicht zurück. Sag was, denkt er. Tu was. Sein Blick gleitet an ihr herab, bleibt an dem dunklen Nylon ihrer Strumpfhose hängen. Szc­zesny will rauchen, aber er hat die Schachtel mit den Zigaretten im Café liegengelassen. Außderdem hat ihm Clara verboten, sich im Haus eine anzustecken. Und bei diesem Wetter geht er ganz sicher nicht noch einmal vor die Tür.

„Ich will mit dir schlafen“, sagt er schlicht, um sie und sich selbst abzulenken, rückt dabei an seine Frau heran. Er küsst sie, sucht mit seiner Zunge in ihrem Mund, der sich nur zögernd öffnet. Noch ist Clara unentschlossen, aber dann legt sie mit einem leisen Seufdzer das Strickzeug beiseite. Sie wehrt sich nicht. Szczesny schiebt eine Hand unter ihren Rock. Jetzt begehrt er sie wirklich. Das Paar kippt seitwärts auf die Couch. Noch ist Clara ein we­nig starr. Szczesny schiebt mit der freien Hand ihren Pullover nach oben, küsst halb beißend den durch­sichtigen Stoff ihres BH’s, spürt an den Lippen, wie ihm ihre Brustwarzen entgegenwachsen. Nun be­wegt sich Claras Unterleib, ihre Beine gleiten aus­einander, Szczesny findet einen Weg unter die Strumpfhose, er fühlt Feuchtigkeit an den Fingern. Zielbewusst und fest reibt Clara an seiner Hose, öff­net ungeschickt den Reißverschluss. Sie atmet schnell und flach, greift nach.

Plötzlich ist das Ticken der Küchenuhr zu hören, der Sekundenzeiger wandert angestrengt empor.

Beide sind still. Szczesny spürt hitzige Scham. Ein Vorwurf ist zuerst in Claras Augen, dann eine Frage. Sie zieht ihre Hand von seinem schlaffen Penis zu­rück, richtet sich halb auf. In ihrem Gesicht tauchen hektische rote Flecken auf. Szczesny fühlt Endgültig­keit, ein letztes Versinken.

„Ich bin schwanger“, sagt Clara in die entstehende Stille hinein. Szczesny erwidert kein Wort.

ENDE

 

Eine andere Art der Liebe – Erzählung (Teil 9)

[Zum 1. Teil]

 

Eine andere Art der Liebe
Eine Erzählung (Teil 9)

Jetzt brauchte sie nur noch ein Kind oder besser zwei, um den Moment festzumauern, der ihr Frei­heit war, auf den sie seit ihrer Pubertät hingearbei­tet hatte: Dann hatte sie es endlich geschafft und ihr Le­ben war in trockenen Tüchern. Aber ausgerechnet zum Kindermachen war ihr von Ehr­geiz zerfressener Mann nicht in der Lage. Aber auch da hatte sie end­lich einen einfachen, recht auf­wandslosen Ausweg gefunden. Dieser Sturm war ausgestanden. Sie war der Grashalm, stolz und un­gebrochen, allerdings ei­ner mit einer kleinen Schreibblockade.

Gitta räusperte sich. Ihr wurde das Schweigen zwi­schen ihr und ihrer in sich selbst versunkenen Freundin zu lang. Deshalb kramte sie einen neuen Gesprächsbeginn aus ihrer schier unerschöpflichen Kiste mit Konversations-Satzbausteinen, mit denen sie ganze Partys überstehen konnte. Vielleicht gelang es ihr auf diese Weise, sich den Themen anzunähern, die sie wirklich interessierten: „Habt Ihr euch schon entschieden, wo ihr an Ostern Ferien macht? Geht es wieder nach Südtirol?“, fragte sie.

Clara nahm einen Schluck aus ihrer Tasse, deren Inhalt für ihren Geschmack viel zu schnell abge­kühlt war. Kaffee konnte sie nur brühendheiß genie­ßen. Aber sie trank tapfer weiter, denn sie hatte sich inzwischen mit ihrem Schicksal abgefunden, dass sie heute Nachmittag einfach kein ordentliches Heißgetränk mehr zustande bringen würde. Wahr­scheinlich hatte dieses Versagen psychologische oder neurotische Gründe, die tief in ihrem Unterbewuss­ten verankert waren und von de­nen sie keine Ah­nung hatte. „Es wäre eigentlich eine interessante Erfahrung, sich mal mit dem eigenen Über-Ich zu unterhalten“, dachte sie und schob ihre leere Tasse kopfschüttelnd zur Seite. „Aber wahrscheinlich würde es mich verrückt machen, wenn ich erfahren würde, wie viel ich dort vor mir selbst verstecke. Mein Unterbewusstsein ist das Gemälde von Dorian Gray.“ Auch diesen Gedanken sollte sie sich bald notieren, bevor sie ihn wieder verlor. Sie wischte sich mit dem Daumen den Milchschaum aus den Mundwinkeln und ließ sich endlich herab, Gittas Frage zu beant­worten. Sie hätte sie jetzt gerne aus dem Haus kom­plimentiert, aber sie wusste, dass das nicht ging.

„Ostern und Pfingsten werden wir ganz brav zuhause bleiben. Ich muss schreiben und Norbert hat viel zu viel Arbeit in seiner neuen Stellung, um im Moment an Urlaub zu denken. Seltsam, jetzt haben wir endlich das Geld, aber keine Zeit, es auszugeben. Ende Juli, zu Beginn der Sommerferien, werden wir wahrscheinlich für eine Woche oder so meine Schwester in Bad Hindelang besuchen und dort ein bisschen wandern. Henry kommt wahrscheinlich auch mit seiner Familie. Du weißt ja, Hanna führt mit ihrem Mann Josef eine kleine Pension mit Zimmern und Ferienwohnungen am Hinterstein. Das war es dann aber auch. Das ist auch noch eine ganze Weile hin. Mir würde es schon mal reichen, wenn dieser Februar endlich vorbei ist – 28 Tage, aber gefühlt der längste Monat des Jahres!“

„Und wie geht es deinen Nichten? Wie heißen sie doch gleich?“

„Marga und Bettina. So weit ich weiß, ist alles im grünen Bereich. Marga ist in einem schwierigen Alter; sie wirkt wesentlich erwachsener und reifer, als sie ist. Es ist kein Spaß, mit sechzehn in der Provinz zu leben. Sie schreibt. Ganz merkwürdige Sachen, sehr kompliziert und für einen Teenager erstaunlich tiefgründig, Essays und so, Philosophisches. Sie hat mir vor Weihnachten etwas geschickt und ich weiß nicht so recht, was ich damit anfangen soll. Ich muss zugeben, dass ich nur die Hälfte davon verstehe. Zumindest bin ich nicht die einzige in meiner prosaischen Familie, die Literatur macht. Vielleicht gibt es doch ein Schriftsteller-Gen bei uns. Auch Henrys Sohn Daniel schreibt, seit er in die Schule kam; allerdings nur so Fantasy- und Herr-der-Ringe-Zeug. Und natürlich Gedichte; in dem Alter dichten die Jungs alle. Daniel ist irgendwie noch ein richtiges Kind, obwohl er zwei Jahre älter als Magda ist. Jungs stecken ewig in der Pubertät. Ich glaube, bei Männern endet sie erst, wenn sie über dreißig sind.“

Gitta lächelte unverbindlich und tauchte nachdenklich ihren Löffel in den Milchschaum, der an der Innenseite ihrer Tasse klebte. Genussvoll schob ihn sich in den Mund und leckte ihn ab. Sie konstatierte für sich, dass dieses Gespräch über Claras Nichten und Neffen zu nichts führte. Ihre Geduld war zuende. Sie deutete deshalb mit dem mit dem Löffel in Richtung Bücherregal und spritzte dabein ein paar Milchflecken auf den Tisch.

„Apropos Literatur: Willst du nicht endlich diesen Umschlag aufma­chen, den dir der nette Briefträger gebracht hat? Ich bin ja so gespannt“, fragte sie.

Clara nick­te. Sie hatte sich längst entschieden. Und der Gedanke an ihre Nichte Marga, die voller Wut war und aus den beengten Verhältnissen ausbrechen wollte, in denen sie lebte und ebenfalls die Literatur entdeckt hatte, bestätigte sie. Warum auch nicht? Dies war ein Tag der Entscheidungen. Sie trat zu ihren Büchern, die ihr mehr bedeuteten als ihr Leben, mehr als ihre Familie, ihre Freunde und viel mehr als ihr Mann. Leben oder Schreiben, das war die Alternative. Clara hatte sich für das Schreiben entschieden. Sie benötigte kein aufre­gendes Leben. Sie war Schriftstellerin – egal, ob ihr Verleger ihr neues Manuskript annahm oder nicht. Schriftstellerin zu sein, das war kein Beruf und auch nicht von äußerem Erfolg abhängig, sondern eine Eigenschaft von ihr wie die Farbe ihrer Haare und ihre Eigenarten. Sie zog den schlichten, braunen Umschlag heraus und riss ihn umstandslos auf. Daran bemerkte sie ihre Aufre­gung. Normalerweise hätte sie zuerst aus ihrem Ar­beitszimmer den rasiermesserscharfen Brieföffner geholt und den Umschlag sorgsam aufgeschnitten, damit sie ihn noch einmal verwenden konnte.

Clara griff in die Versandmappe. Wie erwartet fand sie in dem mit kleinen Plastikluftpolstern gefütterten Umschlag ihr Manuskript, daran geheftet eine mehrere Seiten dicke Korrekturliste des Lektors, die sie noch nicht beachtete. Sie würde sich noch lange genug mit den Anmerkungen des überpeniblen und strengen Dr. Engold befassen müssen. Die Autorin interessierte sich allein für den beiliegenden Brief ihres Verlegers. Ihre Augen brannten und es fiel ihr schwer, den Text zu verstehen, den sie las.

„Und …?“ Gitta beugte sich interessiert nach vorn. „Was schreibt dein Verleger denn?“

Clara lächelte.

Szczesny rührt in der Kaffeetasse, doch der Zucker löst sich nicht auf. Er raucht. Eben hat er sich von der Bedienung eine neue Schachtel bringen lassen. Ihm ist wieder übel, der Espresso wühlt in seinem Magen, auch der Durchfalldruck ist zurückgekehrt. Szczesny weiß: Diese Unbilden sei­nes Körpers existieren nur in sei­ner Einbildung. Einzig seine verkrüppelten Spermi­en sind echt, alles andere ist psychosomatisch. Dabei ist er in Sicher­heit. Im Warmen im Café sitzen, rau­chen, in einer Tasse Kaffee rühren, ziemlich nahe dran am Glück. Was Cla­ra nur mit diesen grauenvollen Tees hat? Manchmal riecht bereits ihre Kleidung nach Ingwer und Melisse.

Szczesny hat sich einen Platz in der Nähe der Hei­zung ausgesucht. Sie blubbert und strahlt kaum Wärme aus. Viele Tische sind leer. Das Lokal ist am frühen Nachmittag kaum besucht. In der Ecke hockt ein junger, ungepfleg­ter Kerl. Er hat fettige Haare und einen Voll­bart. Aufmerksam zeichnet er in ei­nem großen Block, die Koh­lestifte liegen vor ihm auf dem Tisch.

Das ist ein Maler, denkt Szczesny. Er sieht oft auf und zu mir herüber. Ich bin sein Modell. Er fragt sich, ob man ihm seine Behinderung in seinem Ge­sicht entdecken kann. Ich könnte ihn fragen, sollen ja gute Beobachter sein, die Maler. Aber ich bin ja selbst ein guter Beobachter. Der Spiegel starrt zurück, Maler.

[Zum Schluss …]

 

Eine andere Art der Liebe – Erzählung (Teil 8)

[Zum 1. Teil]

 

Eine andere Art der Liebe
Eine Erzählung (Teil 8)

Am Heiligen Abend vor zwei Jahren war das gewesen. Er erinnerte sich gut. Es wurde viel ge­trunken. Claras damals schon recht wirre Mutter war bereits in die Christmette gegangen, Henry machte mit seiner Familie Skiurlaub im Tannheimer Tal. Nur Norberts Eltern waren also noch zu Besuch, sein Vater von Punsch und Sekt bereits be­trunken. Das Gesicht des alten Herren glühte. Szczesny ging mit ihm in den Keller, um eine besondere Flasche Rotwein zu holen. Er hielt seinen Vater am Arm gefasst, denn der Pensionär hatte bereits Schwierigkeiten beim Treppensteigen. Vater und Sohn hatten sich noch nie verstanden, aber die Zeit hatte eine Gewöh­nung, besser gesagt, einen Waffenstillstand, geboren. Szczesny mochte ihn auf eine unbestimmte Weise schon, sei­nen Vater, der bereits seit Stunden vom Krieg redete. Im Keller angelangt, nahm ihn der Alte an der Schulter und zog ihn herum, umarmte ihn. Szczesny roch die Fahne und die körperliche Nähe war ihm sehr unangenehm.

„Sag mal, wollt ihr denn kein Kind?“, fragte der Va­ter. Szczesny kannte den Wunsch. Aber sein Vater hatte ihn noch nie so deutlich ausgesprochen. Der Alkohol sprach aus ihm und die Sentimentalität an Weihnachten. Szczesny legte sich ein paar Ausreden zurecht.

„Ach, weißt du. Momentan wollen wir noch kein Kind. So lange ich keine bessere Position in der Fir­ma habe, können wir uns auch keinen Nachwuchs leisten. Clara verdient in der Galerie viel zu wenig.“ Szczesny dachte an seinen Vorgesetzten Kerner. Dieser unfä­hige Mann hielt seinen Posten fest in seinen Hän­den. Nur über dessen „Leiche“ würde er es nach oben schaffen.

„Das ist doch eine Ausrede, Norbert! Die Zeiten waren nie besser. Und früher hatten die Leute auch Kinder. Meinst du, für uns war es in den Sechzigern einfacher? Wir hatten auch wenig Geld …“

„Glaub mir, wir wollen schon ein Kind …“, beharrte Szczesny und fühlte sich als schlechter Lügner durchschaut. Sein Vater schob sich näher an ihn heran, drückte sich nun ganz eng an seinen Sohn. Szczesny befürchtete, er würde ihn jetzt streicheln.

„Weißt du, Enkelkinder wären schön, schau …“, der Alte verstummte, zwinkerte ihm zu, „das wäre die größte Freude, die du mir und Mutter noch machen könntest. Ein Enkelchen.“

„Du bekommst eines, wenn wir es uns leisten kön­nen“, erwiderte der gute Sohn. Sein Vater gab sich zum Glück damit zufrieden und zu Szczesnys Erleichterung endete der unangenehm private und peinlich intime Moment zwischen ihnen. Aber ihn ihm selbst wühlte es nun; er hing an dem Angelhaken, den sein Vater ausgeworfen hatte. Er dachte kopfschüttelnd an seine Frau, die noch lange nicht schwanger werden und auch noch kein Kind wollte, weil es ihr absolut nicht in ihren großen Plan passte, eine berühmte Autorin zu werden.

Noch am gleichen Abend hatte das Ehepaar deswegen seinen ersten Streit. Clara verwahrte sich fast hysterisch gegen die Vorstellung, ein Kind in die Welt zu set­zen, nur um Norberts Eltern eine Freude zu machen. Sie wolle Schriftstellerin werden und kein Haus­mütterchen! Nachdem sie wutentbrannt das Zimmer verlassen und die Tür laut hinter sich zugeschlagen hatte, saß Szczesny still vor den niedergebrannten Kerzen des Adventskranzes und wunderte sich. Wor­um stritt er? Schließlich war er ja der gleichen Mei­nung wie seine Frau.

Nach einem Jahr verdiente Szczesny mehr und Cla­ra gab sich ganz plötzlich geschlagen. Es war während der Zeit, kurz nachdem ihr Buch im Welkenbaumverlag veröffentlicht worden war und sie ihre fünf Minuten Prominenz genossen hatte. Das Laven­delbett. Was war das für ein strunzdummer Titel! Aber der Roman verkaufte sich für ein Erstlingswerk hervorragend. Clara wirkte auf ihren Mann wie ein müde gekämpfter Krieger, der schließlich seine Waffen vor der Übermacht streckt. Sie gab auf und setzte die Pille ab. Doch sie wurde nicht schwanger. Es war Szczes­nys Vater, der der darauf beharrte, Clara solle sich doch einmal untersuchen lassen. Eine unfruchtbare Frau sei nur eine halbe Frau, bemerkte er abfällig. Clara ging nur zum Arzt, um dem Gerede ein Ende zu setzen. Die Unter­suchung zeigte, dass sie organisch völlig gesund war und jederzeit ein Kind empfangen und austragen konnte. Henry, der die Erniedrigung seiner Schwes­ter sehr wohl gespürt hatte, nahm Szczesny an dem Abend ihres Wettsaufens beiseite: „Willst du dich nicht auch mal untersuchen lassen?“, hatte er den Finger gezielt in die offene Wunde gelegt.

„Willst du liegenbleiben?“, fragt die Hure und reißt Szczesny aus seinen trüben Gedanken. Sie zieht sich erstaunlich schnell an.

„Ich habe unten an der Rezeption für eine Stunde bezahlt“, erklärt er müde und ärgert sich. Die Frau nickt gleichgültig, sieht noch einmal in ihrer Handtasche nach dem Geld.

„War nett mit dir. Also, auf ein andermal …“, sagt sie, zögert kurz. Doch dann fällt die Tür fällt kaum hörbar ins Schloss. Ich bin allein, denkt Szczesny. „Ich war die ganze Zeit allein“, sagt er laut. Jetzt weint er doch.

Claras Herzschlag beschleunigte sich, aber sie trat be­tont gleichgültig mit den beiden Cappuccinos in der Hand zurück zum Küchentisch, stellte die Tassen ab und holte zu­erst noch braunen Zucker, zwei Löffel und die Keks­dose mit den selbstgebackenen Amarettini. Erst dann nahm Clara die Pappschachtel in die Hand, die ihr ihre Freundin für sie vom Einkauf mitgebracht hatte, wog sie für einen Moment unschlüssig. Dann griff Clara hinter sich und ließ die Schachtel in einer Schublade der Vitrine hinter ihr verschwinden. Sehr entschieden schob sie die klemmende Schublade zu­rück und sie hätte sie wohl verschlossen, wenn sie die Möglichkeit dazu gehabt hatte. Dann holte sie aus dem Wohnbereich ihren Geldbeutel. Gitta beobach­tete sie neugierig, aber stumm und tauchte ihren Löffel in den mit Zimt überpuderten Schaum in ih­rer Kaffeetasse.

„Wie viel kriegst du?“, fragte Clara mit geschäfts­mäßigem Ton. Gitta fasste in die Tasche ihrer Jeans und erwischte schon auf den dritten Versuch den richtigen Kassenzettel.

„Sechs, neunundvierzig“, las sie den kleingedruck­ten Betrag ab. Sie musste sich dazu zum Licht beu­gen. Gitta sah auf. „Warum können die nie glatte Beträge verlangen? Mein Portemonnaie ist durch die ganzen Messing- und Kupfermünzen so voll, dass es wirkt, als habe es Blähungen …“ Sie zögerte, aber Clara reagier­te nicht. „Ich gehe schon ganz schief, wenn ich es in der Tasche habe.“
Clara zuckte mit den Schultern und reichte ihrer Freundin einen Zehn-Mark-Schein. „Da, der Rest ist fürs Bringen.“

„So werde ich mein Kleingeld aber nie los“, protes­tierte Gitta, aber sie schob den Schein gehorsam in ihre Hosentasche.

Dann saßen die beiden Frauen am Esstisch, rühr­ten in ihren Getränken und schwiegen. Clara über­legte, wie sie es am Besten anstellte, ihre Nachbarin aus der Wohnung zu komplimentieren, ohne sie zu beleidigen. Sie wollte sehen, was ihr Lektor ge­schrieben hatte und dann diese andere dumme Sache hin­ter sich bringen. Vielleicht würde es ihr auch noch gelingen, ein paar Sätze von ihrem neuen Roman zu tippen. Sie spukten schon die ganze Zeit in ihrem Hinterkopf und sie hoffte, sie würde sie nicht verges­sen, bis sie die Gelegenheit fand, sie niederzuschrei­ben. Da war das mit dem Bergsteiger und dem Mi­nutenzeiger und …

„Schau mich an: Ich bin der Grashalm und glitzere noch von den kühlen Tropfen, die die Winde der Nacht auf mich tränten. Ich beugte mich vor seiner Gewalt und überlebte. Der Sturm ist weiter gezogen, hat sich zur sanften Brise erschöpft. Und ich richtete mich wieder auf. Stolz und …“, repetierte sie in Gedanken. Hier fehlte ein Wort und das ganze Gleichnis hinkte, knirschte, war schleppend. Gab es das nicht auch schon viel besser formuliert? Wie war das noch in diesem Gedicht von Bert Brecht, das mit dem Baum Griehn? Sie hatte einmal gelesen, dass man erst tausend Bücher lesen müsse, bevor man selbst eines schrei­ben dürfe. Das Gegenteil ist der Fall, dachte sie. Je mehr sie las, um so schwerer fiel ihr das Schreiben. Vergli­chen mit dem, was es schon gab, war ihr Zeug ein­fach … schlecht. Da hatte sie sich nun endlich den Freiraum erkämpft, ihre Literatur zu machen und sich ihren Lebenstraum zu erfüllen. Alles hatte sie darauf ausgerichtet. Die Ehe, das kleine Reihenhaus im Weichbild der Stadt. Sie musste nicht mehr arbeiten gehen, Norbert war befördert worden und verdiente das Geld, das sie brauchten allein. Er hatte ihr sogar ein kleines Schreibzimmer eingerichtet und die Engelsgeduld gehabt, der vollkommenen Anfängerin den Umgang mit PC und WORD zu erklären.

[Zum 9. Teil …]

 

Eine andere Art der Liebe – Erzählung (Teil 7)

[Zum 1. Teil]

 

Eine andere Art der Liebe
Eine Erzählung (Teil 7)

Szczesny steht auf dem Bürgersteig vor dem Ein­wohnermeldeamt. Es ist kühl. In der Nacht fiel ein wenig Schnee. Längst hat er sich in einen dickflüssi­gen, braunen Brei verwandelt, der wie Klebstoff auf dem Asphalt liegt. Szczesny weiß nicht, in welche Richtung er gehen soll. Er lässt sich von eiligen Menschen anrempeln.

Ein Fels in der Brandung bin ich. Allein mit mir.

Weder die Stöße der anderen, noch das Lärmen der Geschäftsstraße dringen bis zu ihm vor. Nur ein dünnes Pfeifen steht in seinem Ohr. Szczesny senkt den Kopf. Ich bin erschöpft, denkt er und macht einen Schritt zur Seite. Er rutscht aus, fällt aber nicht. Damit reiht er sich willig in den Strom ein, taucht in die Menge. Es ist schön, mit ihr zu gehen, dorthin, wo­hin alle gehen. Sich treiben lassen. Aufgehen. An­onym und ohne Selbst. Szczesnys aufgewühlter Geist wird eins mit der Menge, ist Menge und ver­liert seine Gedanken in dem Fluss aus Leibern, der ihn mitreißt. Doch die Straße mündet bald, der Strom ergießt sich in einen großen Platz und die Menge, in der er sich so geborgen fühlte, verläuft sich. Hier steht Szczesny noch einmal still. Er kramt aus seinem Mantel einer Zigarette hervor. Erst als er sie in den Mund steckt, kommen ihm Zweifel.

Das ist die zweite in kurzer Zeit. Das habe ich nicht nötig. Er schiebt die Zigarette zurück in die Tasche, dort zerkrümelt er sie langsam zwischen den Fin­gern. Szczesny sieht sich dabei um. Jetzt hindert mich nichts mehr, heimzugehen, Clara zu begeg­nen. Wie soll ich ihr das erklären, was der Arzt gesagt hat? Er hat seine Frau schließlich gedrängt, sich untersuchen zu lassen. Damit ging es los. Er will das Kind. Unbedingt Sein Schwager Henry hat drei, zwei Jungs, ein Mädchen. Ein potenter Mann. Alle sind sie gesund: Henry, sei­ne gedrungene Frau, die lauten und rücksichtslosen Kinder, sogar ihr Familienhund. Sie tragen ihre Gesundheit wie einen Orden. Jeder muss sie bewundern. Nur sie allein wissen, wie man richtig lebt.

Ein einziges Mal hat Szczesny seinen Schwager be­siegt. Das war an Claras Geburtstag vor knapp ei­nem Jahr. Es ging wie immer los: Henry erzählte, was für ein toller Hecht er sei und dass ein intensives Lauftraining nur Vorteile habe, solange man nicht der Idee verfal­le, es zu übertreiben oder irgendwelches Zeug zur Muskelbildung fresse. „Du weißt nicht, was das für ein Körpergefühl ist. Da, fühl‘ mal: Ich habe auch ohne Proteine meinen Oberarmumfang fast verdoppeln können. Das ist der Bizeps. Und hier der Trizeps, hier. Ich bin jetzt auch viel ausdauernder. Weißt schon – auf jedem Gebiet.“ Henry zwinkerte seiner Frau zu, die verlegen lächelte. Szczesny ver­zog nur einen Mundwinkel. „Meine Gesundheit ist jetzt viel stabiler als früher. Ich habe seit zwei Jah­ren keine Erkältungen. Und was Kopfschmerzen sind, weiß ich schon gar nicht mehr.“ Henry machte eine bedeutsame Pause, sah zu, wie sich Szczesny ein Bier öffnete. „Ich vertrage jetzt auch wesentlich mehr Alkohol als andere, ist mir aufgefallen. Ich kann jeden unter den Tisch saufen.“

„Bravo, du bist mein Held!“ Das kam von Clara, die mit einer Schüssel Kartoffelchips ins Wohnzimmer kam. Szczesny sah dankbar zu ihr. Da schlug ihm sein Schwager mit der flachen Hand auf die Schul­ter.

„Wetten?“ fragte er. Szczesny sah ihn erstaunt an. Hatte er richtig verstanden? „Na, wollen wir es nicht mal ausprobieren? Wir bei­de, gegeneinander?“ Henry nahm sich ebenfalls ein Bier, öffnete es, stellte es vor sich hin.

„Ich dachte, du hättest die Pubertät inzwischen hin­ter dir. Aber bei Männern dauert das ja etwas län­ger, sagt man“, bemerkte Clara und Henrys Frau lachte. „Ich glaube auch nicht, dass Norbert diesen Unsinn mit­macht. Ja?“

Clara wandte sich zu ihrem Mann. Einen Moment war er verwirrt, sein Blick wanderte zwischen der Bierflasche und seiner Frau hin und her. Dann sah er zu Henry, der die muskulösen Arme verschränkt hatte und ihn überlegen anlächelte. „Wenn du willst“, Szczesny nahm seine Bierflasche in die Hand und leerte sie in wenigen Zügen. „Das war zum Warmwerden. Ich hole den Schnaps.“

Henry lachte. Er klopfte sich dabei auf die Ober­schenkel. Szczesny bemerkte Claras missbilligende Augenbraue. Auch die Schwägerin schien nicht gera­de begeistert. Aber jetzt konnten die beiden Männer keinen Rückzieher mehr machen.

Szczesny denkt nicht gerne an diese Wette zurück. Beide soffen sich nahe an die Bewusstlosigkeit, aber er, Szczesny, trug den Sieg davon. Sie tranken gleich viel Alkohol und waren auch im gleichen Stadium der Trunkenheit, aber ihm war nicht schlecht gewor­den. Henry kotzte den Gang voll. Clara war zwei Wochen böse mit ihrem Mann und nahm nun seltsa­merweise ihren Bruder in Schutz, betrachtete ihn als das Opfer.

Jemand rempelt Szczesny an. Es ist eine junge, gut­aussehende Frau, die ebenso gedankenverloren über den Königsplatz geht. Sie lächelt flüchtig und entschuldigend, dann ist sie weiter. Szczesny sieht ihr hinterher. Das wäre doch gelacht, denkt er.

Später geht Szczesny langsam eine Treppe in einem Haus in der Jakober Vorstadt hinauf. Er ist nicht erwartungsvoll, nichts zittert in seinem Körper. Er spürt keine Lust. Er sieht sich auch nicht nach der Prostituierten um, die er unten vor dem Stundenhotel in der Hasengasse angesprochen hat. Trotzdem: Er ist hier …

„Wir sind da“, sagt die Frau wie zur Bestätigung, drängt sich, in ihrer Tasche nach dem Zimmer­schlüssel kramend, an ihm vorbei. Sie trägt hohe, schwarze Stiefel und einen Pelz. Szczesny mustert abschätzend ihre Beine. Was will ich hier? Träge tritt er hinter der Frau in das Hotelzimmer und schließt hinter sich die Tür. Endgültig ...

Die Hure dreht sich zu Szczesny um, schlüpft aus ihrem Pelz. Sie faltet ihn und legt ihn vorsichtig auf den Sessel neben dem Bett. Diese Geste erinnert ihn an Clara. Sie hat nur ein kurzes Kleid an. Szczesny bemerkt einen Kaffeefleck unterhalb des Ausschnitts. Ihr war si­cher kalt da draußen. Im Schnee … in dieser Sackgasse. Er sieht der Frau ins Gesicht, versucht, sie hinter der dicken Makeup-Schicht und den gefärbten Haaren zu erkennen. Er schätzt sie auf Mitte vierzig, mindestens. Aber sie bleibt puppenhaft und unwirklich: Ihr Blick ist leer, ab­wartend. Sie sehen sich an, dann senkt sie ihren Au­gen.

„Willst du was trinken?“, fragt sie. „Der Empfang kann uns Sekt ‚raufbringen.“ Szczesny schüttelt den Kopf. Er langt in seinen Mantel und holt die Briefta­sche hervor. Umständlich zieht er zwei Geldscheine heraus und reicht sie ihr. Sie nickt, nimmt das Geld vorsichtig mit zwei Fingern, schiebt es ihn ihre Handtasche. Die Nägel sind grün lackiert. Sie lä­chelt und legt den Kopf schief. Szczesny reagiert nicht. Die Hure zuckt mit den Schultern, öffnet sie ihr Kleid, lässt es zu Boden fallen, steigt aus ihm heraus und legt es sorgfältig über den Pelz. Sie ist mager. Die Hautlappen ihrer Brust senken sich, als sie den BH abnimmt. Szczesny sieht eine Gänsehaut auf ihren Schultern. Interessiert mich nicht, denkt er. Darf mich nicht interessieren.

„Komm, zieh dich aus“, sagt sie, kommt einen Schritt näher.

„Lass die Strümpfe an“, sagt er, beginnt sich auszu­ziehen. „Und die Stiefel.“ Er lauscht dabei seiner Stimme. Sie klingt normal. Die Hure gehorcht und entledigt sich nur ihres Slip. Beide legen sich auf das Bett. Sie greift an sein Geschlecht, das sofort re­agiert.

„Willst du französisch?“, fragt sie. „Das kostet aber zusätzlich.“ Nein, das will er nicht. Jetzt ist Szczes­ny doch erregt. Die Hure fischt aus der Nachttisch­schublade ein Kondom, das sie ihm geschickt über­streift. Sie legt sich neben ihn, die Beine gespreizt. Szczesny wälzt sich herum, über die Frau, dringt in hektischer Eile in sie. Für einen Augenblick hat er das Gefühl, das er suchte, wegen dem er hier ist. Er betrachtet das Gesicht der Hure aus der Nähe, ihre durch die Puderschicht porenlose, fettglänzende Haut, die halbgeschlossenen Lider, das verkrampfte Lächeln ihres schmalen, lippenstiftverkleisterten Munds. Er presst seinen Kopf in ihre Halsbeuge, konzentriert sich keuchend auf seine Bewegungen, auf ihr weiches, breiartiges Nachgeben und die klat­schenden Berührungen der Leiber. Wie der alte Schnee auf der Straße. Dann denkt Szczesny an Clara. Die Frau unter ihm stöhnt. Es ist ein künstliches Stöhnen, es stört ihn.

„Sei still“, zischt Szczesny atemlos, wühlt weiter. Die Nutte verstummt sofort. Das Ende kommt schnell. Er hat einen Erguss, spürt das Vibrieren seines Geschlechts, Aufbäumen. Sein Herz schlägt wild, die Adern pochen, ein kurzes Ächzen dringt aus seinem Mund. Doch er hat nichts dabei gefühlt, es war ein Überlaufen, eine Reaktion. Nur Leere ist in seinem Schädel. Szczesny kippt zur Seite. Die Hure steht sofort auf, geht ins Badezimmer, um sich zu reinigen. Die Handtasche nimmt sie mit. Szczes­ny hört Wasser rauschen. Jetzt sollte er aufstehen, sich anziehen, gehen, aber dazu ist er nicht fähig. Er befreit sich angeekelt von dem schmierigen Kondom, das er achtlos zur Seite schleudert. Szczesny hält die Augen weit geöffnet und starrt zur niedrigen De­cke. Er hat Mitleid mit sich selbst. Wie eine Welle überflu­tet es ihn, wirbelt ihn herum, nimmt ihm die Luft zum Atmen. Druck ist auf seinen Lidern. Fast muss er weinen.

[Zum 8. Teil …]

 

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