Aber ein Traum …

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Unser Weihnachten, damals … (Teil 4)

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Vor und nach Lukas wurde in den 60ern Hausmusik ge­macht, das heißt, meine Mutter, meine Schwester und auch mein Bruder flöteten(1) oder M. spielte auf dem Ak­kordeon, während die Stegherr-Omi ein aus ihrem Ärmel gefischtes Taschentuch in der Hand zer­knitterte, in das sie still hineinheulte, während sie den in diesem Jahr wieder besonders gelungenen Baum bewunderte. Dazu wurde falsch und nicht allzu textsicher gesungen. In späterer Zeit legte mein Vater dann nur noch seine Weihnachts-Schall­platte auf und vor der Lesung erklang in der Version von Rudolf Schock(2) und den Regensburger Domspatzen »Stil­le Nacht«, danach »Oh, du Fröhliche« (Über diese Rei­henfolge wurde manchmal gestritten). Meist hatte er Proble­me, im schummrigen Kerzenlicht, das der Baum ausstrahl­te, die Nadel des Plattenspielers rich­tig aufzusetzen und es ertönten vor der stillen Nacht mit einem hässlichen Quiet­schen die letzten Takte von Eine Muh, eine Mäh: »Eine Muh, eine Mäh, eine Täterätätä … Ratadschingderatta­bum!«

Der Umbruch von der Live-Hausmusik zum Vinyl ge­schah übrigens während des besinnlichen Teils ei­nes Hl. Abends, als M. sich standhaft weigerte, Musik zu machen, niemand singen wollte und meine Mutter schließlich wü­tend ihre Bibel durch den Raum schleuderte und die Besin­nung in einem monumen­talen Streit gipfelte.

Im Hintergrund M., dann meine Wenigkeit mit schickem Norwegerpulli und rechts die Stegherr-Omi in unserem alten Wohnzimmer in Pfärrle 19.

*

Sie stritten also an Weihnachten, meine Eltern: aus­dauernd, lautstark und bitterböse. Sie zerfleischten sich manchmal gegenseitig in ihrem hektischen Be­mühen, ein gelungenes Familienfest zu feiern. Jeder kannte die Ver­letzbarkeiten des anderen und beson­ders mein Vater hatte ein sicheres Gefühl dafür, was wirklich wehtat und dort stach er mit Vorliebe und ohne Rücksicht auf eigene Verluste hinein.(3) Die Trä­nen meiner Mutter flossen während der Be­scherung und danach reichlich und es waren eben nicht nur Tränen der Rührung über den schönen Baum und die herzzerreißenden Gesänge während der Besinnung, son­dern leider auch oft genug andere, Tränen der Verletzung, der Wut, des Leids.  In meinem Gedächt­nis stritten die bei­den an jedem Weihnachten, Jahr für Jahr für Jahr – aber ich mag mich von meinen Er­innerungen so trügen lassen wie beim Schnee.

Man kann uns also mit Fug und Recht eine dysfunk­tionale Familie nennen, an der jeder Psychologe und Soziologe seine wahre Freude hätte. Jedes von uns Kindern hat aus dieser Familie einige psychische De­formationen und Neu­rosen ins Erwachsenenleben mitgenommen. Doch dabei darf man nicht vergessen, dass sich meine Eltern in jedem Jahr auf Neue gera­dezu verzweifelt darum bemühten, uns ein gelunge­nes und behütetes Weihnachten erleben zu las­sen, uns überhaupt eine glückliche Kindheit zu schen­ken. Es ist ihnen im Großen und Ganzen gelungen. Das war schon damals und – ehrlich gesagt -, auch heute keine Selbstverständlichkeit, wenn ich an die vielen kaputten, ja, traumatisierten Kinder denke, denen ich in meinem Brot­beruf begegne und die so etwas wie eine Familie oder ein Weihnachtsfest nur vom Hörensagen kennen.

Und was die Streitigkeiten meiner Eltern angeht, die ein­mal sogar dazu führten, dass meine Mutter ins Hotel zog, sich einen eigenen Topf kaufte, und wild entschlossen war, sich scheiden zu lassen: Beide le­ben noch; mein Vater noch recht rüstig allein in der Wohnung, die er seit fast vierzig Jahren bewohnt, meine Mutter ist seit acht Jahren vollkommen de­ment und liegt in einem Pflegeheim ganz in seiner Nähe. Sie ist heute 91 Jahre alt gewor­den und längst nur noch ein ausgemergelter, bis auf die Knochen abge­magerter leidender Körper, der, hat er mal die Lider nicht geschlossen, blicklos an die kahle Decke starrt und von Krämpfen gezerrt wird. Die liebende Seele, die ihn einst belebte, ist schon vor Jahren komplett verlo­ren gegangen – der Mensch, der meine Mutter einmal war, ist zwar noch nicht beerdigt, aber schon lange tot. Mein Va­ter besucht sie trotzdem regelmä­ßig, obwohl ihm der Gang den steilen Stephinger Berg hinauf immer schwerer fällt. Dann beugt er sich in ihrem Zimmer zu ihr herab, strei­chelt ihr zärtlich über die Wange und wenn sie dabei tat­sächlich zufäl­lig die Augen öffnet, dann flüstert er:

»Manchmal glaube ich, dass sie mich erkennt …«

*

Bei uns Kindern herrschte nach dem besinnlichen Augen­blick endlich eitle Freude. Wir hatten es ge­schafft, unser Hl. Abend war durch seine schier end­lose Katharsis gegan­gen. Wir rissen die Decken von den Geschenkpaketen und bis man uns ins Bett brachte, spielten wir mit unseren neuen Sachen, klauten dem anderen die Leckereien aus seinem mit Süßigkeiten übervollen »Bunten Teller«. Ich baute an meinen Legos, ließ meine neuen Plastikguss-Cowboys und Indianer(4) ihre ers­ten Abenteuer erleben, blätter­te im neuen Fünf-Freun­de-Buch, ärgerte mich, dass ich wieder keinen Kaufmanns­laden und keine Eisen­bahn bekommen hatte und hatte keine Zeit, mich um die Erwachsenen zu kümmern. Meine Mutter war aber schon wieder bei der Arbeit. Die Ver­wandtschaft, die uns besuch­te, wollte verköstigt wer­den. Diese konsumierte erhebliche Alkoholmengen und kalte Wurst- und Käseplatten, ver­putzte halbe Eier, die mit Mayonnaise und Fake-Kaviar be­legt wa­ren, Fischhap­pen und Schinken, fläzte hemdsärmel­ig und zumin­dest in den 60ern noch kettenrauchend auf den Sofas und Stühlen. Wir Kinder fielen irgend­wann mit rot­glühenden Wangen und vollkommen überdreht vom Spielen in einen unruhigen, fiebern­den Schlaf, die El­tern überfressen und abgefüllt mit Bier, Wein, Sekt und Schnaps.

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(1) Durch die schlechten Erfahrungen haben es meine El­tern gar nicht erst versucht, mich an einem Instrument auszubilden. Zudem galt ich als vollkommen unmusika­lisch.

(2) Es kann auch René Kollo oder ein anderer Heldenten­or gewe­sen sein, da bin ich mir nicht mehr sicher. Ich bin zu faul, meinen Vater zu besuchen und in seiner sehr übersichtlichen Plattensammlung nachzusehen. Über den Ver­such meiner Schwester, doch einmal bei der Besinnung statt Herrn Schock Mahilia Jackson die »Silent Night« singen zu lassen, breite ich den Mantel des Schweigens.

(3) Dabei war sein Herz selbst voller innerer Wundmale, die nur oberflächlich vernarbt waren und sofort wieder aufbrachen, wenn Alkohol im Spiel war. Als 17jähriger Sol­dat der Waffen-SS war er während des Kampfs um Berlin verwundet und für fünf Jahre in russische Kriegsgefan­genschaft gekommen, wo er an jedem Tag um sein Überle­ben kämpfen musste und als kranker, gebrochener Mann zurückkehrte, dem die Nazis sei­ne Jugend und seine Idea­le geraubt hatten.

(4) Auch so beginnen Schriftstellerkarrieren: Im Jahr 1968 be­kam ich eine Cowboy-Postkutsche mit Kutscher und ein paar bösen Indianern geschenkt und ich spielte am 1. Feiertag da­mit auf dem Wohnzimmerteppich. Im Hintergrund lief der Fernseher und von den Nachrichten, die dort liefen, bekam mein Cowboykutscher seinen Namen: Johnson, benannt nach dem damaligen amerikanischen Präsidenten. Mein Johnson erlebte viele, viele Abenteuer und war einige Jah­re später ge­meinsam mit dem tapferen Cheyenne Siosi (der Name beruht auf einem Lesefehler) der Held meiner ers­ten Schreibversu­che.

Unser Weihnachten, damals … (Teil 3)

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Danach ging es endlich mit der Schtrossaboh (Tram) nach Hause. Von der Haltestelle an der Frauentor­straße war es nicht mehr sehr weit bis zum Pfärrle 19, wo wir unter dem Dach gegenüber vom Alten Kautzengässchen wohnten(1). Obwohl sie höchstens drei oder vier Stunden gedauert haben mögen, sind mir diese endlosen Wandernachmittage mit abschlie­ßendem Friedhofsbesuch am Hl. Abend in meiner Er­innerung als die längsten verblieben, die ich je erlebt­e – nicht einmal der Vormittag vor den Sommerfe­rien in der Schule dauerte so lang.  Ich habe diese Nach­mittag grundsätzlich als eisig kalt, düster, grauver-hangen und neblig im Gedächtnis; ob­wohl sicher auch mal die Sonne schien oder Schnee auf der Land­schaft glitzerte. Um mal ein Klischee zu bemühen: Zeit ist durch und durch relativ und vom Empfinden und der Tagesform abhängig. Am Hl. Nachmittag tropfte sie so zäh und feucht aus den niedrigen Wol­ken und dehnte sich so weit aus, dass sie mindestens für zwei Leben auszureichen schien. Der Versuch, uns Kinder auf diese Weise ruhiger zu stellen und gar müde zu machen, ging selbstver­ständlich schief und nach hin­ten los. Je län­ger der Marathon-Lauf durch die pitto­resken Landschaften rund um Augsburg an­dauerte, um so hippeliger, kin­discher und aufgeregter wurden wir.

In der Zwischenzeit hatte meine Mutter, die in Ber­lin auf­gewachsen ist und in einer Art Torschlusspanik in den Sü­den der Republik geheiratet hatte, jedoch den besten Nach­mittag in ihrem Jahreslauf und ihrer verfloss deshalb viel schnel­ler. Die Stegherr-Omi war zu Verwandtschaftsbesuchen und anschließend zum Rosenkranz und zur Kindermesse  gewatschelt(2). Meine Mutter hatte also ihre Ruhe in der sonst so quirligen Wohnung. Sie machte es sich, wie sie es aus­drückte, »besinnlich«, zündete ein paar Kerzen an, trank Tee und genoss ihr Leben. Sie wusste sehr gut, dass dies nur eine kurze Atempause war und danach die übliche Weihnachtskatastrophe folgen würde, die jedes Jahr aufs Neue damit begann, dass sie die Würstchen, die es vor der Bescherung zum schnellen Abendessen gab, zu lang im Topf beließ und oft auch noch mal schnell aufkochen ließ. Deshalb waren sie natürlich alle bis auf die fette Knacker, die sie als Gourmet-Höhepunkt als Curry-Wurst genoss, ge­platzt und nur der Senf konnte ihnen noch etwas Ge­schmack geben. Und unweigerlich war dies der Grund für den ersten Hl. Abend-Streit meiner Eltern, wenn mein Va­ter und wir durchgefroren vom Fried­hof kamen und, nach­dem wir unsere Hände am kal­ten Wasserhahn aufgewärmt hatten, am Esstisch in der Küche Platz nahmen.

*

Ich gehe als typischer Babyboomer, der im längsten und kältesten Schneewinter des 20. Jahrhunderts ge­boren wurde, inzwi­schen mit Siebenmeilenstiefeln auf die 60 zu und gehöre also endlich ebenfalls zu den älte­ren, weißen und »toxischen« Männern, die das Narra­tiv des 21. Jahrhunderts dominieren und jede andere Stimme mit ihrer Wortgewalt, ihrem Rassismus und ihrem misogynen Antifeminismus unterdrü­cken. So behauptet es zumindest das Imago, das heu­te unsere Gesellschaft be­stimmt und sich damit einen recht merkwürdigen Feind zugelegt hat, der aller­dings nur in den Köpfen mancher Leute existiert. Gut so, in die­ser Rolle fühle ich mich wohl und ihr Grund­stein wurde sicherlich an den Hl. Abenden gelegt, bei de­nen ich als Kind das Vergnügen hatte, sie im Krei­se mei­ner kleinbürgerlichen und typisch bundesrepu­blikanischen Familie miterleben zu dürfen. Was dort bei der Bescherung im kleinen – in unserem privaten Mi­krokosmos geschah – war, wenn auch leicht verspä­tet, paradigmatisch für die westdeutsche Gesellschaft Ende der 60er bis in die Mitte der 70er Jahre. Das Zeitgenössische hielt Einzug.

Aber zuerst musste nach den klassischen geplatzten Würstchen mit Kartoffelsalat von uns Kindern abge­spült und abgetrocknet werden, während der Haus­herr im Wohnzimmer die letzten Vorbereitungen zum feierlichen Teil traf und anfangs noch die echten, spä­ter dann die elek­trischen Lichter am Baum entzünde­te. Das musste schnell gehen, denn bald wurden die Eltern meines Vaters und weitere Verwandtschaft zum Weihnachtsabendessen er­wartet und dann musste die Bescherung abgeschlossen sein. Traditio­nell wurde der Höhepunkt des Abends dann von mei­nem Vater mit einem Glöckchen eingeläutet, das wir allerdings meist überhörten. Glück, heißt es, sei die ewige Wiederkehr des ewig Gleichen. Wenn das stimmt, war mein Weihnachten sehr glücklich, denn sein ritualisierter Ablauf änderte sich kaum. Er sah in seinem besinnlichen Teil vor der Bescherung stim­mungsvolle Musik und die Le­sung der Weihnachtsge­schichte vor, die meine Mutter mit ihrer uralten, zer­fletterten Lutherbibel in der Fassung von 1912 unter­nahm. Das war der einzige Moment im Jahr, in dem diese zum Vorschein kam – danach verschwand die Bi­bel wieder für 365 Tage in einem Schrank. Mei­ne Mutter las salbungsvoll und getragen, aber nie­mals fehlerfrei. Sie stolperte immer über die gleiche Stelle, bei der sie ihren Finger anfeuchten und um­blättern musste. Sie begann klassisch mit Lukas 2.1:

Es begab sich aber zu der Zeit, daß ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, daß alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zu der Zeit, da Cyrenius Landpfleger von Syrien war.

… und endete bei 2.20:

Maria aber behielt alle diese Worte und beweg­te sie in ihrem Herzen. Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott um alles, was sie gehört und gesehen hat­ten, wie denn zu ihnen gesagt war.

Obwohl ich wirklich abgelenkt war und während ih­rer Lesung ungeduldig abzuschätzen versuchte, was sich für Geschenke für mich unter dem Tücherhügel unter dem Baum verbargen, kann ich diesen anti­quierten Text noch immer auswendig. Ich hatte als Kind natürlich merkwür­dige Vorstellungen davon, wie eine Schätzung ab­lief; ich stellte sie mir als eine große Waage vor, auf der man gewo­gen wurde. War­um der römische Kaiser sich für das Ge­wicht seiner Untertanen interessierte, war mir aber ein Rätsel. Auch die Worte, die Maria in ihrem Herzen bewegt­e, stellte ich mir wie das Schaukeln vor, mit dem man ei­nen Säugling in den Schlaf wiegt. Auch hier tauchte wie­der das Bild einer Waage auf, was mich doch ziemlich verwirrt­e. Meine Schwester M.(3) hat mir mal erzählt, sie be­mühte sich immer, mich bei der Lesung nicht anzusehen, weil sie sonst einen Lachkrampf be­kommen hätte. Ich muss dabei wirklich wie ein über­fahrener Frosch ausgese­hen haben.

Nikolaus & Nikolaus

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(1) Im Erdgeschoss befand sich eine Bäckerei und es roch im Hausgang immer herrlich nach frischen Brezen und Brot. Unsere Nachbarin, die diesen Geruch nicht ausste­hen konn­te, versprühte deshalb immer Toiletten-Lavendel­duft im Treppenhaus und ich rieche noch heute diese selt­same Mi­schung, wenn ich die Augen schließe und in mei­ner Vorstel­lung zu unserer alten Wohnung emporlaufe. Was haben wir als Kinder diese Frau gehasst! Doch dies ist eine andere Ge­schichte, die ich ein andermal er­zählen werde.

Im Stockwerk unter uns wohnte übrigens der mit mir etwa gleichaltrige Roland Krabbe, der heute als Herr Braun ge­meinsam mit dem unsäglichen Silvano Tuiach der bekanntes­te Augsburger Ka­barettist ist. Ursprünglich wollte er Pfarrer werden, also ei­gentlich ins gleiche Metier. Laut meiner Mut­ter habe ich oft mit ihm gespielt, aber ich kann mich nicht daran erin­nern und ich denke, ihm geht es ebenso.

(2) Das »Watscheln« ist wörtlich zu nehmen, denn sie hat­te die dürrsten und krummsten O-Beine, denen ich jemals außer­halb von Lucky-Luke-Comics in meinem echten Leben begeg­net bin. Je­der Cowboy wäre neidisch auf ihre Schteckerlfias gewesen.

(3) M. ist übrigens kein Pseudonym, um sie vor der Öffentlich­keit zu schützen. So nenne ich meine Schwester eben, die ziemlich genau 9 Jahre älter als ich ist. Früher riefen wir sie meist »Trulle«. Sie musste als die Älteste unter uns Geschwis­tern als erste gegen die fatale Familienaufstellung rebellieren und dies fiel in die unruhi­gen Jahre nach der klassischen 68er-Revolution. Sie hörte Hendrix, verkaufte irgendwann ihr Akkordeon, um eine Stereoanlage zu erwerben und ging auch noch eine Mesalliance mit einem Künstler ein. Mein Vater, der sehr schnell mit har­ten Urteilen bei der Hand war, riss ihr Jimi­Hendrix-Plakat von der Wand, weil er keine »Menschenfres­ser« im Haus dulde­te, teilte Ohrfeigen aus und prophezeite ihr eine Karrie­re als Prostituierte. Mir hat er übrigens später geweis­sagt, ich würde als Müllmann enden. Allein mein Bru­der fand Gnade unter seinen allzu gestrengen Augen. Tat­sächlich war M. bis zu ihrer Pensionierung Förder­lehrerin an einer Augsburger Grundschule und ich, naja, mir muss von Frau Klammerle sehr nachdrücklich befoh­len werden, den Müll vors Haus zu bringen.

Unser Weihnachten, damals … (Teil 2)

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Der Hl. Abend selbst begann mit unbeschreiblichem Grauen vor dem Mittagessen. Die Vorfreude und Auf­regung meiner Geschwister und mir stellte sich erst nach diesem wahrhaften Mahl des Schreckens ein – es war der Stacheldrahtzaun ums Paradies. Denn es gab immer die Innereien des Federviehs, das am 1. Feier­tag mit Knödeln und Blaukraut und – »zur Feier des Tages« – einem Glas halbtrockenen Moselweins ver­zehrt wurde: Das war das so­genannte, in einem Säck­lein mitgelieferte »Gänseklein«, das zusammen mit Hals und Füßen des Tiers so lange zerkocht wurde, bis es eine ekelhafte, gallertartige Masse entstanden war. Bei den Gedan­ken daran wurde uns Kindern schon in den Wochen vorher schlecht. Aber wir wur­den klassisch erzogen – was auf den Tisch kommt, muss auch gegessen werden und wenn es den ganzen Tag dauern sollte So zog sich das Essen ge­fühlt über Stunden hinweg dahin, während unsere Jugend auf diese Weise verschwendet wurde und dieser verfluch­te Teller nicht leerer werden wollte, sondern nur langsam erkalte­te; die graue, durchsichtige Sauce wie auf einem Pudding gelierte und zu einer ungenießba­ren Knöcherlsülze erstarr­te. Während man mit dem Löffel in ihr herumstocherte. und beim des Schlucken die Luft anhielt, schmatzte die Stegherr-Omi neben einem am merkwürdig gebogenen Halsstück, das sie in den Händen hielt. Sie fiezelte, saugte und schleck­te glibbrige Fleischteilchen aus den Knochen und Sehnen und seufzte vor Glück, während ihr dünner Mund vom Fett glänzte. Kein Wunder, dass ich seit meiner Voll­jährigkeit Vegetarier bin.

Was für ein furchtbarer Beginn und in meiner Erin­nerung dauerte er länger als der ganze Rest des Ta­ges, der vor der Bescherung noch mit einer weiteren Qual für die drei bemitleidenswerten Geschwister aufwartete. (1)

Auch jenes grausame, geradezu finsterböse, an eine dun­kelschwarze und blutige Satansmesse erinnernde Mittags­mahl des Hl. Abends, das wie an allen ande­ren Tagen pünktlich um 12:00 Uhr »genossen« wurde, war irgend­wann gegessen und lag tonnenschwer und unverdaulich wie ein Wackerstein im Magen. Danach ruhte der Herr; will sagen, mein Vater genehmigte sich friedlich und satt sei­nen kurzen Mittagsschlaf, auf den er niemals verzichtete und der bei dem heute über Neunzigjährigen den halben Tag andauert. Für seine drei Nachkommen begann nun eine zerdehnte Zeit des Sodbrennens und des Wartens und das Weih­nachtsfieber setzte massiv ein. Diese nervöse, bis zur Bescherung anhaltende und sich langsam in ihren Symptomen steigernde Idiosynkrasie ist, denke ich, noch in keinem medizinischen Fachartikel beschrie­ben worden, aber recht weit verbreitet und epide­misch. Auch meine eigenen Kinder litten zeitweise bis über ihre Adoleszenz hinaus heftigst an ihr. Vor allem Sohn Nr. 2 war regelmäßig am Nachmittag des Hl. Abends schwers­tens am Weihnachtfieber erkrankt.

Bei mir äußerte sich dieses saisonale Fieber mit hef­tiger, motorischer Unruhe – heute würde man eine ADHS dia­gnostizieren -, flauem Darmgrummeln und Durchfall (diese Symptome wurden vielleicht auch durch das »Gänseklein« verursacht). Dazu kam äu­ßerste Gereiztheit, die mit erhöh­ter Temperatur und Schlafmangel gepaart war. Obwohl es keinen Grund dafür gab, wuchs meine exaltierte Aufge­wühltheit mit dem Fortschreiten des Nachmittags in geometri­scher Weise an und wurde, da es höchst viral ist, von meinen gleichfalls am Weihnachtsfieber leidenden Geschwistern noch wechsel­weise verstärkt. Zwar hielten meine Eltern die Wohnzim­mertür den ganzen Tag über verschlossen, aber ich wusste genau, dass es nicht das Christkind war, das die Ge­schenke brachte, sondern meine Mutter, die sie irgend­wann am Nach­mittag aus ihrem schlechten Versteck im Schlafzim­mer der Eltern holte und unter den Baum legte. Wir bekamen nichts vom Christkind geschenkt, sondern et­was zum Christkind. (2) Ich wusste, mir würden  na­hezu alle meine Wünsche, die ich am Ersten Advent auf meinen Wunschzettel gemalt oder gekritzelt hat­te, erfüllt werden, denn wir waren ja – wie bereits er­wähnt – nicht arm und meine Eltern ließen sich gera­de an Weihnachten nicht lumpen. Auch hatte ich nor­malerweise bereits im Vorfeld heimliche Erkundigun­gen eingezogen und bei passender Gelegenheit den Schlafzimmerschrank durchwühlt. Gruschdln nennt man das auf gut Augschburgerisch. Trotz allem litt ich schwerst am »Warten-aufs-Christkind«-Syn­drom.

Nach seinem Mittagsschlaf, der regelmäßig laut­stark von den Streitigkeiten seiner Kinder unterbro­chen wurde, nahm mein Vater das Problem auf seine Weise in die Hand. Seine Kur war eine ausgedehnte, nachmittägliche Wande­rung durch westliche Wälder, nördliche Felder, zum südli­chen Hochablass und quer durch östliche Äcker(3), die ihn und uns Geschwister in seinem Schlepptau schließlich un­fehlbar kurz vor 17:00 Uhr zum Alten Ostfriedhof führte, wo er vor der Aussegnungshalle ein weihnachtliches Blas­konzert der Freiwilligen Feuerwehr anhörte und die Ker­zen am Grab seiner ersten Frau anzündete. Meist traf man hier auch Verwandtschaft, die ihre eigenen Grä­ber besuch­te. (4)

Obwohl wir auch übers Jahr regelmäßig zu festen Terminen wie z. B. an Allerheiligen auf den Friedhof gingen und ich zu den Verstorbenen damals keinerlei Bezug hatte, überwältigte mich dort gerade an Weih­nachten mehr als an den anderen Tagen eine bedrü­ckende, fast beängstigend morbide Stimmung und mich beschäftigte die Frage, ob die Toten dort in der schweren, feuchten Erde so froren wie ich und ob ih­nen auch so langweilig war. Wahrscheinlich waren dies die einzigen Momente in meiner Kindheit, in de­nen ich mich mit meiner Sterblichkeit befasste.

Die Kälte des alten Ostfriedhofs an Weihnachten.

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(1) Physische Gewalt kam übrigens vor, zählte aber eigentlich weniger zu den Erziehungsmethoden meiner Eltern, auch wenn ihnen im­mer wieder einmal die Hand »ausrutschte«. Meist – ich gebe es zu – hatte zumindest ich es auch verdient; wenn ich z. B. mit einem Nahtauftrenner das frisch genähte Kleid meiner Mutter in Lametta zerschnitt (hat Spaß ge­macht!) oder meinen Vater, der mich an einem Sonntagnach­mittag zu einer seiner Wanderungen zwingen wollte, mit dem klassischen Götz-Zitat beschied, denn ich wollte lieber »Bill Bo und sei­ne Bande« von der Augsburger Puppenkiste sehen – was ich dann mit schmerzender Backe auch tat, während er wütend und allein durch die Schwarzen Wälder stapfte. Mei­ne Mutter hat an diesem Nachmittag übrigens zum ersten und einzigen Mal in meinem Leben leckere Bratäpfel ge­macht und ich glaube noch immer, dass es da einen Zusam­menhang gab.

(2) Meine Kindheit und Jugend fand in der tiefsten baye­risch-schwäbischen Provinz statt; man kann sich gar nicht mehr vorstellen, wie stumpf, grau und fade Augsburg, das unter ei­nem spießbürgerlichen Leichentuch erstickte, da­mals war. Dort gab es selbstverständlich keinen Weihnachtsmann oder gar ei­nen Santa Claus, sondern nur das Christuskind und den Niko­laus. Es gab auch keine Rentiere, keine Coca-Cola-Trucks und schon gar kein »Rockin‘ around the christmas tree«, son­dern Ochs und Esel, die Straßenbahn und »Still ruht der See«. Weihnachten war eine ernste Sache, kein Spaß.

(3) Mein verschlossener und extrem schweigsamer Vater war ein Meister darin, bei Wanderungen Abkürzungen zu nehmen, die sich im Nachhinein als gut getarnte Umwege herausstell­ten. »Ist es noch weit?« – »Nein, wir sind gleich da«, war der am häufigsten zu hörende Dialog, den wir mit ihm führten.

(4) Dabei fällt mir eine herrliche Geschichte über meinen längst verstorbenen Onkel Siegfried ein, der der geizigste Mensch war, den ich in meinem Leben kennengelernt habe. Gegen ihn ist Balzacs Vater Goriot ein Verschwender. Er hatte für das Grab seiner Mutter vor Jahren die erheb­liche Anschaf­fung eines Adventskranzes mit vier Kerzen unternommen, die er allerdings nie entzündete, da er den ural­ten, braunen Kranz in jedem Jahr wiederverwendete und nicht jedesmal neue Kerzen kaufen wollte – für ihn, der ernsthaft sein Klopa­pier abzählte, damit niemand zu viel verwendete, wäre das eine ungeheuerliche und sinnlose Geldverschwendung gewe­sen. Als wir schon erwachsen wa­ren,  haben meine Schwester und ich an einem Weih­nachtsabend heimlich doch diese Ker­zen angezündet. Sie brannten in der Hl. Nacht nieder und an­schließend auch gleich noch der ganze staubtrockene Ad­ventskranz und da­nach die Buchsbegrünung und die Erika-Bepflanzung des Grabes. Er hat nie erfahren, dass wir das gewesen waren und auch meine Eltern hielten dicht, als er am 2. Feiertag entsetzt von der Grabschänderei berichtete. Im nächsten Jahr hatte Onkel Siegfried übrigens einen neuen Kranz und Kerzen aus Kunststoff, die nicht brennbar waren (wir haben trotzdem vergeblich versucht, sie anzuzünden).

Unser Weihnachten, damals … (Teil 1)

Ich hatte diesen Text schon im letzten Advent auf meinem Blog. Inzwischen habe ich ihn für mein Buch „Noch einmal daran gedacht“ überarbeitet, erweitert und stelle deshalb in den Wochen bis Weihnachten die aktualisierte Fassung ein.

Unser Weihnachten, damals … – Wahrgelogenes

»Wie das war?«, fragt ihr. »In meiner Kindheit an Weih­nachten?« In erster Linie war es merkwürdig. Inzwischen habe ich ja ein biblisches Alter von bald 60 Jahren erreicht. Für die Nachgeborenen liegen meine Kindheit und Jugend so weit zurück in der Vergangenheit, dass meine Söhne sie sich schwarz­weiß und ärmlich vorstellen, mit Bratäpfeln und Schneeverwehungen bis zum ersten Stock hinauf und einem gestrengen finsteren Nikolaus, dessen Knecht Rupprecht die Rute allzu locker in der Hand sitzt.

Oh, du Fröhliche, als ich noch ein kleiner Bergbauernbub war und in den schwarzen Westlichen Wäldern durch hüfthohen Schnee stapfte …

Strammdeutsches Proto-AfD-Nazi-Weih­nachtsgedöns also mit all seinen Konsequenzen, mit viel Alkohol und La­metta und möglichst wenig Christentum.

Tatsächlich war alles ganz anders – oder zumindest ein bisschen, wenn ich mich denn recht entsinne. Ein wenig Wehmut ist auch dabei, wenn ich heute dar­über schreibe; da bin ich wie Friedrich Nietzsche, der sich heimlich an das Grab sei­nes toten Gottes schleicht, um ein paar verstohlene Tränen zu vergie­ßen. Wahr ist sicherlich, dass mich die Weihnach­ten meiner Kindheit geprägt und einige von ihnen auch nachhaltig traumatisiert haben und ich sie während der Adventszeit zu gleichen Teilen fürchtete und her­beisehnte. Natürlich war wenigstens in meinen Erin­nerungen früher viel mehr Schnee, Kälte (und Lamet­ta) und der Schnee lag von Anfang November bis in den März hinein als geschlos­sene Decke auf der Stadt und dem Umland. Wir gingen je­den Tag nach der Schule zur Lueginsland-Festung hinüber, um dort mit unseren Schlitten den Hang an der alten Stadt­mauer hinunterzurutschen. Damals war sogar des­halb die Thommstraße unterhalb des Schlittenbergs für Autos gesperrt – und das mitten in der Stadt. Aber Erinne­rung ist trügerisch. Auch in den späten 60er und den 70er Jahren gab es weihnachtliche Wärme­perioden und Tau­wetter. Es blühten vorzeitig die Schneeglöckchen und die Krokusse und der Hl. Abend war nur selten weiß. Schnee, der für einen Sechsjäh­rigen hüfthoch liegt, geht Erwachsenen gerademal bis zum Knie und in all den Jah­ren lag höchstens vier-, bis fünfmal genug Schnee zum Ro­deln. Wenn man diese Wetter allerdings mit dem klimakatastro­phalen Heute vergleicht, waren die Winter meiner Ju­gend eisig, hartnäckig, gewaltig und so endlos wie die verregneten und kalten Sommer.

Ich habe mich etwas schlauer gemacht; das Internet macht es möglich. In den Jahren zwi­schen 1968 und 1980, aus denen ich meine Weih­nachtserinnerungen für diesen Text geschöpft und sie zu einem beispiel­haften Hl. Abend zusammengebas­telt habe, hat es in Augs­burg immerhin vier weiße Weihnachten gegeben – nämlich ’70, ’73, ’75 und ’76. Das sind immerhin doppelt so viele wie es sie seit der Jahrtausendwende gab, wo nur in den Jah­ren 2001 und 2010 Schnee lag. In diesem Jahr hat es geregnet. (Und für alle, die noch immer nicht an einen Klima­wandel glauben: Zwischen 1960 und 1970 gab es so­gar sieben Jahre, in denen es an Weihnach­ten schneite.) Aber genug von der Statistik und zurück zu dem kleinen, dickli­chen Jungen, der nun so kurz vor dem Höhe­punkt seines Jahres vor Aufregung zittert und der nur noch das kurze Fegefeuer des besinnli­chen Teils des Hl. Abends vor sich hat, bis er endlich ins Para­dies ein­treten kann und mit seinen neuen Legos und sei­nen Cowboy-Mänschgerle (Männer; die Geschichte findet im Schwabenland statt) spielen darf.

Obwohl also die Erinnerungslücken und die nach­träglichen Korrekturen der Einbildungskraft so groß wie der Christbaum auf dem Rathausplatz sind, will ich doch versuchen, einen archetypischen, paradig­matischen 24. Dezember aus meiner Kindheit zu be­schreiben. Die Familie bestand aus sechs Personen und würde 2018 wahrscheinlich zum Prekariat ge­zählt; damals konnten wir problemlos vom Angestell­tengehalt meines Vaters leben und gehörten zur klas­sischen bürgerlichen Schicht; jener heutzutage so häufig beschwo­renen Mitte, die in unserer Gesell­schaft im 21. Jahrhundert verloren geht: Dies waren meine Eltern, meine beiden fünf und zehn Jahre älte­ren Geschwister und – als eine Art Hausmädchen und Queen-Mom zugleich – die Mutter der ersten, bei der Ge­burt meines Bruders verstorbenen Frau mei­nes Vaters, die »Stegherr«-Omi. Das war ein resolutes und zähes höchst katholisches kleines Energiebün­del (1), die uns mehr erzog und sich um uns Kinder kümmerte als meine vor ihrer Dominanz kapitulie­renden Mutter und vor deren Teppichklopfer wir oft unter die Küchenbank fliehen mussten.


Ich darf vorstellen: Meine Geschwister, meine Mutter und die Stegherr-Omi.

Das Vorspiel zum Hl. Abend war in aller Regel kata­strophal: Mein Vater hatte oft schon am Ersten Ad­vent irgendwo ei­nen billigen Weihnachtsbaum erwor­ben oder aus eine ob­skuren Quelle bezogen. Das wa­ren damals selbstverständ­lich keine widerstandsfähi­gen Nordmanntannen, sondern anämische Fichten und es ge­lang ihm deshalb nur selten, den Baum am 23. Dezember vom Lagerkeller in den vierten Stock zu tragen, ohne dass dieser unterwegs im Treppen­haus die Hälfte seiner Nadeln verlor. Oder, was min­destens zweimal geschehen ist, alle. Dann flog der Baum mit Flüchen begleitet vom Küchenbal­kon aus hinunter in den hinteren Hof. Meist musste mein Va­ter also noch ein­mal im Wettrennen mit den Öff­nungszeiten los und sich einen neuen Baum besor­gen, der dann krumm, ungleich­mäßig gewachsen und windschief war – und immer zu groß. Folglich wurde er mit Zange, Baumsä­ge und Bohrer bearbeitet, gekürzt, dort ein Ast abgesägt und hier ei­ner in einer Lücke hinzugefügt. Nachdem mein Vater dieses Werk vollendet hatte und der Baum dabei schon wieder tüchtig Nadeln verlor, war er meist noch hässlicher als vorher. Aber nun wurde er ja ge­schmückt und dies war allein das Vorrecht meines Vaters. Mit einer Flasche Asbach Uralt schloss er sich vor unseren neugierigen Blicken im Wohn­zimmer ein. Aus der gewaltigen übers Jahr in den Keller verbann­ten Weihnachtspappkiste kramte er viel Lamet­ta, Kugeln, Engelsfiguren, Wachsmo­deln, echte Kerzen, in späteren Jahren auch eine Lichter­kette und »schmückte« in stundenlanger Arbeit. Als dann der Baum endlich fertig aufgeputzt war, war der Wein­brand leer, er lag neben der Krippe unter dem nied­rigsten Astkranz, sang Weihnachts­lieder und zumin­dest in seinen Augen erstrahlte der herr­lichste Baum aller Weihnachten in feierlichem Glanze. (Meine Mut­ter würde dann später alles noch einmal um- und die ärgsten Geschmacklosigkei­ten abhängen.)

 

Unser Baum in all seiner Scheußlichkeit

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(1) Zu meinem Erschrecken stelle ich gerade fest, dass diese 1903 geborene Frau, die mir so greisenhaft erschien, Ende der 60er gar nicht mal so viel älter war, als ich es heute bin.

Die Verliese des elfenbeinernen Palastes – Flucht aus dem Elfenbein-Palast (5)

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Die Verliese des elfenbeinernen Palastes
»Der Weg, der in den Tag führt«
Band 2

Kapitel 2
Flucht aus dem Elfenbein-Palast (5)

»Auf diese Weise hätte diese Nacht niemals enden dürfen!«, flüsterte Eóra ib Suda beruhigend. »Ich kann einfach nicht glauben, dass mein Vater dich verraten wollte und kaltblütig den „Bären“ vergiften ließ. Welch eine Schmach!«

Schluch­zend lag der von der Allerbarmerin erwählte Herrscher über das strahlende Juwel der Wüste in den Armen sei­ner Hauptfrau. Sie hatten sich mit Hilfe seiner vor den Toren stehenden Leibwache gemeinsam vor der grausamen Schlacht im Speisesaal in deren Gemächer im Neuen Serail  geflüchtet. Die goldene Maske mit den feuerfarbenen Rubinaugen war achtlos neben ihn auf die Polster der Liege geglitten.

Auch in diesen melancholischen, immer ein wenig dunklen Zimmerfluchten, die während der verspielten Adin-Dynastie als Gerichtsräume gedient hatten und zur gleichen Zeit wie der in einer ganz ähnlichen Farbstimmung gehaltene Thronsaal er­baut worden waren, waren Rosa und watteartige Gipsornamente die vorherrschenden Elemente. Deshalb wurde der Neue Serail auch trotz seiner ehemaligen, grausamen Bestimmung die „Abendsonnengemächer der Frühlingsdämmerung“ genannt. Nur wenige Licht­flecken fielen durch die Fensterlöcher aus hauchdün­nem Alabasterstein, die oben in der von schlanken Säulen getragenen Rotunde angebracht waren und den mit Vorhängen und Teppichen in mehrere Boudouirs unterteilten großen Saal auch in der finstersten Nacht in den lächelnden Rosentraum einer alten Jungfer ver­wandelten. Doch hieß es auch, die Farbe der Fliesen rühre vom Blut der Unschuldigen her, die hier von den strengen Adin-Richtern Karukoras zum Tode verurteilt wor­den waren. Wie dem auch war, in den „Abendsonnenge­mächern“ war es immer kühl und dämmrig und die vie­len Gobelins, die Eóra zwischen die Säulen hatte hän­gen lassen, um das Neue Serail ein wenig wohnlicher und heimeliger zu gestalten, trugen nicht gerade dazu bei, die Umgebung freundlicher wirken zu lassen. Zu­dem hatte der Namenlose, den eine heftige Migräne quälte, befohlen, fast alle Lichter und Feuerschalen zu löschen, die für gewöhnlich in der Nacht und auch am Tag den Saal ausleuchteten.

Seit Eóra schwanger war und seinen Thronfolger unter ihrem Herzen trug, hatte der Namenlose seine Hauptfrau herablassend und abweisend behandelt. Offenbar herzlos und gefühlskalt hatte er sie, soweit es die Pflichten der beiden zuließen, aus sei­nem persönlichen Umfeld entfernen lassen und in den Neuen Serail verbannt. Seit dem Frühjahr hatte er sich nur bei offiziellen Anlässen noch an ihrer Seite gezeigt. Aber auch wenn er sich von dem Unbekannten, das in ihr heranwuchs, fürchtete, war dies nicht geschehen, weil seine Zunei­gung zu ihr erloschen war. Er hielt vielmehr Abstand, weil ihm das sein Seneschall Radik Emre dringend empfohlen hatte. Dem Vezir Ómer Sud sollte deutlich gemacht werden, dass er zwar bald der Großvater des Nachkommens des „Unterwerfers“ wurde, aber dadurch keine neuen Rechte oder Bevorzugungen erwarten konnte. Der un­sichere Namenlose, der unter den Empfehlungen sei­nes Diwans wie ein Grashalm im Wind hin- und her­schwankte, hatte sich bislang an Radiks Ratschlag ge­halten, auch wenn es ihm schwergefallen war. Doch nun war er entsetzt von der Katastrophe im Speisesaal in die Arme der einzigen Person geflüchtet, der er voll­ständig vertraute: Das war seine unscheinbare „Erste“, die ihn nun mit nicht geringer Befriedigung, um nicht zu sagen, Triumph, in den Armen hielt.

»Such, Deşda mi salem, such da‘ Weh …«, summte sie leise in dem altwendischen Singsang, mit dem man in Karukora kleine Kinder beruhigte, die sich ein Knie wundgeschlagen hatten und pustete warm auf seinen glatten Schädel, den sie vorsichtig streichelte. »Alles wird gut, such da‘Weh madiş, Dagor …« Sie war die ein­zige, die es noch immer wagen durfte, ihn mit seinem echten Namen anzusprechen, wenn die beiden unter sich waren. Eóra barg das Gesicht ihres Gatten in der Armbeuge und machte dann gleichzeitig über sein Haupt hinweg ein abweisendes Handzeichen hinüber zu Muhar, der plötzlich neben ei­nem der Teppiche aufgetaucht war und sie offenbar zu sprechen wünschte. Er verstand sofort, dass er sich gedulden sollte und trat lautlos einen Schritt zurück in den Schatten, wo er für den Namenlosen unsichtbar blieb. Endlich hatte Eóra den „Unterwerfer“ dort, wo sie ihn haben wollte, reumütig war er schließlich zu ihr zurückgekehrt. Der Verrrat an ihrem Vater hatte sich gelohnt und diesen Moment wollte sie genießen, so lange es ging.

Oh, ja, sie war eine echte Sud und sie hatte viel vom Charakter des intriganten Ómer geerbt. Es war ihr zu wenig, nur die schmückende Begleitung ihres Mannes zu sein, der Edelstein, mit dem sich der Namenlose ausstaffier­te, schön, aber stumm. Ihr Ehrgeiz reichte weiter, über die verräterischen Pläne ihres Vaters, in die sie selbst­verständlich eingeweiht gewesen war, hinaus. Sie woll­te durchaus nicht nur die Austrägerin des nächsten Namenlosen sein, der nach dem Willen von Ómer eine Sud-Dynastie in Karukora begründen würde. Oh, nein, sie würde nicht züchtig und gehorsam in den Frauengemächern sitzen und mit ihren Zofen Tiban spielen und häkeln, während ihr Vater für seinen unmündigen Enkel die Regentschaft übernahm. Denn es gab noch etwas, das der ehrgeizige und intrigante Vezir nicht auf seiner Rechnung hatte, als er seine Palastrevolte plante: Eóra liebte ihren Da­gor und schmiedete zusammen mit dem ihr ergebenen Muhar ihre eigenen Pläne. Deshalb hatte sie Ómers Plan an den Namenlosen verraten. Sie bemerkte dabei nicht, dass auch sie nur eine Marionette war.

Ihre Zuwendungen schienen dem Namenlosen zu hel­fen, denn er richtete sich plötzlich auf. Ganz offensicht­lich war er zu einem Entschluss gekommen. Er sah sich um und suchte nach einem Bediensteten, dem er befehlen konnte. Doch Eóra hatte ihre Kammermäd­chen weggeschickt. Da fiel sein Blick auf Muhar, dem es nicht mehr rechtzeitig gelang, sich völlig hinter einem der Vorhänge zu verbergen. Während er seine goldene Herrschermaske wieder aufsetzte, die er vorhin ver­zweifelt von sich geworfen hatte und die nun die Spuren seiner Tränen verbarg, winkte der Namenlose den Stummen herrisch zu sich heran. Falls es ihn wunderte, dass ein männlicher Diener in den Gemächern seiner Frau stand, ließ er sich dies nicht anmerken.

»Du, Beschnittener, dort hinter dem Vorhang. Tritt näher«, rief er streng, »ich habe einen Auftrag für dich!« Offensichtlich erkannte er in dem schummrigen Licht des Raums in dem zerlumpten Mann weder den Diener Ómers noch den Märchenerzähler, der ihn in seiner Ju­gend mit allerlei Sagen und heiteren Geschichten un­terhalten hatte. Muhar verneigte sich sofort tief und trat mit weit herabgebeugtem Oberkörper und gesenktem Haupt näher. Den Blick hielt er dabei fest auf den Boden und auf seine nackten Füße gerichtet. Hätte Muhar aufgesehen und die Besorgnis in Eóras Gesicht bemerkt, hätte er wahr­scheinlich so wie sie unkontrolliert zu zittern begon­nen. Falls dem Namenlosen auffiel, dass ein Unterge­bener des Renegaten Ómer mit seiner Frau in Verbin­dung stand, dann hatten die beiden ihr Leben verwirkt. Muhar grunzte einen kehligen Laut, zu dem er trotz des Fehlens seiner Zunge noch fähig war und der nach einer Frage klang. Dem Namenlosen, der sich wie immer nur mit sich selbst beschäftigte, fiel es nicht weiter auf.

»Lass sofort meinen Ser‘Asker herholen«, befahl er, »ich brauche Paşha Ultem an meiner Seite, denn ich muss erfahren, was im Palast vor sich geht.« Muhars gesenkter Kopf fiel noch tiefer hinab, bis sein Kinn seine Brust berührte. Es sah nun so aus, als würde er in jedem Augenblick nach vor­ne kippen und dem Namenlosen in den Schoß fallen, doch er brachte das Kunststück fertig, sich in dieser Lage zu halten und dazu auch noch, leise Zustimmung brummend, langsam rückwärts zum Vorhang zu tappen. Hinter ihm verborgen, konnte er sich endlich aufrichten. Das Herz schlug ihm bis zum Hals, aber es war noch einmal gutgegangen. Muhar spuckte verächtlich aus und dreh­te sich herum.

Erschrocken zuckte er zusammen. Vor ihm stand der vom Bişra angeforderte General. Er war so plötzlich wie ein Zauberer aus dem Erdboden gewach­sen. Tatsächlich hatte sich Ultem schon eine ganze Weile hinter den Teppichen verborgen gehalten, gelauscht und versucht, die Situation einzuschätzen. Er ging mit keiner Bemerkung oder auch nur mit einem Stirnrunzeln auf Muhars Beleidigung des Namenlosen ein, aber sein scharfer Blick unter den buschigen Au­genbrauen glich einem geworfenen Dolch, der sich in die Brust des Stummen bohrte. Ultem hielt unent­schlossen einen kleinen Zettel in der Hand. Muhar er­schrak erneut, denn das Papier sah genauso aus wie ein Blatt von seinem eigenen Notizblock, den er ja an ei­nem Band jederzeit griffbereit um den Hals trug. Dies war die Stelle, an der ihn Ultems messerscharfer Blick traf. Er beeilte sich, eine weitere Verbeugung zu machen, dann drehte er ei­lig ab und flüchtete an dem General vorbei aus den Ge­mächern Eóras. Der Ser‘Asker der Wüstenfüchse des „Unterwerfers“ beulte nachdenklich seine Wange mit der Zunge aus und sah dem heruntergekommenen Diener zu, bis die Tür hinter dem Stum­men ins Schloss fiel. Die schlechten Nachrichten, die er bei sich trug, hatten ihn im Antichambre zögern lassen. Der Namenlose pflegte gerne einmal im ersten aufbrausenden Zorn statt den Verursacher den unschuldigen Über­bringer einer Botschaft zu bestrafen und Ultem war klar, wie wütend sein Herr werden würde, wenn er erfuhr, was der General zu berichten hatte. Doch dann er­mannte er sich und trat forsch aus seinem Versteck, stellte sich vor den Namenlosen und seine Gemahlin. Seine Ehrbezeugung war nur ein kurzes Nicken mit dem Kopf.

»Das ging ja außerordentlich schnell«, staunte der Bişra. Ultem räusperte sich missbilligend und warf ei­nen kurzen Blick auf Eóra. Dadurch wurde dem Na­menlosen erst bewusst, wie kompromittierend seine momentane Situation war. Der Herrscher über die reichste und größte Stadt der Überlebenden Lande, der Gott der Wüsten und Oasen, Herr über Leben und Tod, Liebling der Allerbarmerin und unsterblicher Zermal­mer aller Feinde Karukoras, lag weinerlich in den Ar­men eines Weibes! Pasha Ultems Plan, von sich abzulenken, ging auf. Der Namenlose errötete unter seiner Maske und stieß Eóra, die sich gegen seine Seite lehnte, fast grob von sich.

»Du bist entlassen, Frau«, sagte er kalt. Fast sah es so aus, als würde Eóra aufbegehren, aber dann senkte sie nur ihr Haupt.

»Ja, mein liebreizender Gebieter, die Staatsgeschäfte rufen dich. Karukora braucht in dieser Krise deinen Weitblick und deine Stärke«, sagte sie und stand auf­grund ihrer fortgeschrittenen Schwangerschaft et­was mühsam aus der niedrigen Liege auf. »Hören und Gehorchen sind mir eine Einheit, Sonne meines Lebens. Nutze nur meine Gemächer als deinen vorübergehen­den Thronsaal, bis wieder Ruhe im Palast eingekehrt ist. Ich werde mich nun zurückziehen.« Sie lächelte Ultem an, der durch sie hindurchblickte, als wäre sie nur eine phantomhafte Geistererschei­nung. Noch wusste er nicht so recht, in welchen Wind er seine Fahne zukünftig hängen sollte und hielt sich daher für den Moment zurück, obwohl er, solange ihr Vater der mächtigste Minister im Land gewesen war, immer freundlichen und aufmerksamen Umgang mit der Gattin seines Herrn gepflegt hatte. Eóra trat wür­devoll an dem General vorbei hinter die Vorhänge. Kurz überlegte sie, ob sie lauschen sollte, aber es gab in dieser Nacht noch Wichtigeres für sie zu tun. Ein schwerer Gang stand ihr noch bevor und vor der Tür zu ihren Gemächern stand bestimmt noch Muhar und wartete auf sie, um sie zu begleiten.

»Also«, fragte der Namenlose, als er mit seinem Gene­ral allein war, und nahm seinen ganzen Mut zusam­men, »ist die Schlacht um mein Königreich endlich entschieden?«

»Der Palast ist längst noch nicht zur Ruhe gekommen. Das wird er in dieser Nacht auch nicht mehr. Er gleicht einem aufgeschreckten Hornissennest. Ich stimme deiner Hohen Gattin zu und denke ebenfalls, dass es das Beste sein wird, wenn du vorerst im abgeschiede­nen Neuen Serail verweilst und geschützt von deiner Leibwache draußen die Entwicklungen hier ab­wartest, mein Gebieter. Lass mich zur Sicherheit eine weiter Abteilung der Treuwacht vor den Fenstern abstellen. Zu deiner Frage: Es war eine blutige und verlustreiche Schlacht, aber die Lamarger sind inzwischen fast vollständig besiegt und bis auf wenige Gefangene erschlagen. Zudem gilt es, ein paar Brände zu löschen und nach Ómers Mitver­schwörern zu fahnden. Eines der Murlane des Regno ist übrigens im Kampfgetümmel entkommen und streicht wahrscheinlich durch die Gärten. Ich habe schon nach dem Tierbändiger des „Unterwerfers“ rufen lassen.« Ultem zögerte. Nun kam der Teil des Ge­sprächs, den er fürchtete.

»Mach ganz so, wie es dir beliebt. Du hast mein Vertrauen, Ser’Asker. Ich will morgen Früh als erstes meinen Soldaten und Treuwächtern für ihren Einsatz danken. Bereite eine Zeremonie vor, in der ich ein paar Orden verteilen und den Witwen mein Beileid aussprechen kann. Jetzt möchte ich die wenigen Stun­den, die noch bis zum Sonnenaufgang verbleiben, dazu nutzen, etwas zu ruhen.«

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