Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

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Montag, 01.04.19

Montag, 01.04.19

Ratsal braucht kein Labsal. – Heidegger

Nein, ich werde nicht über die Zeitumstellung, den Brexit, Artikel 13, Schülerdemos oder meinen alten Euro-Kat-4-Diesel schreiben. Das sollen andere tun, die können das viel besser. Ich werde euch stattdessen ein weing von meiner Schriftstellerneurose berichten und von der Phänomenologie, dem Sein und der Zeit … aber davon später.

Der Ort meines ‚Da-Seins‘ (… oder des Verbrechens. Von welcher Seite man es eben betrachten will.)

Simone de Beauvoir erzählt irgendwo die Anekdote, wie auch sie einmal unter dem periodischen Grundproblem aller Schriftsteller gelitten hat, nämlich den unwiderstehbaren Drang zum Schreiben verspürte, ihr jedoch absolut nicht einfallen wollte, worüber. Dies und das Gefühl, ein Versager zu sein, kennt jeder Autor. Sie hatte Glück, denn wie ihr Gefährte Sartre und die meisten anderen existentialistischen Gestalten um die beiden herum, saß die Gute in diesem Moment nicht alleine in ihrem Kämmerlein vor Papier und angespitztem Bleistift, dessen stumpfe Seite sie nach einer guten Idee grübelnd langsam zerbiss, sondern sie war in Gesellschaft; ausnahmsweise mal nicht im Café de Flore oder im Deux Margots am Boulevard Saint-Germain, sondern zusammen mit Alberto Giacometti (1) in einem Bahnabteil. Der geniale Schweizer Bildhauer riet ihr, einfach ‚irgendetwas‘ zu schreiben – wahrscheinlich formte er selbst bei Ideenlosigkeit einfach ein paar seiner hübschen, dünnen Männlein, von denen er im Lauf seines Lebens ja eine ganze Armee produziert hat. Beauvoir beherzigte Giacomettis Rat und begann ihre leeren Seiten eifrig mit den ersten Entwürfen ihres philosophischen Hauptwerks „Das andere Geschlecht“ zu füllen.

Ich habe gerade ebenfalls den Ratschlag Giacomettis befolgt und schreibe ‚irgendetwas‘, obwohl ich keinerlei Inspiration und Idee hatte. Von mir ist jetzt selbstverständlich kein Grundlagenwerk des Feminismus‘ zu erwarten, aber immerhin ein Beispiel für meine stupende Belesenheit, meinen ausufernden und humorvollen Sprachstil und – was noch viel wichtiger ist – der Beginn eines Gedankensplitters, der im Moment nach bereits 300 Wörtern beinahe schon zu einem Drittel geschrieben ist und sich in flotter Geschwindigkeit auf sein Ziel von 900 hinbewegt, von dem ich eben noch nicht die geringste Ahnung hatte, wie es am Ende aussehen wird. Auch im Moment liegt dieses Ziel meiner heutigen literarischen Reise noch in ziemlich undurchsichtigem Nebel vor mir in der Zeit; auch wenn sich die eine oder andere Kontur bereits herausschält. Aber ich glaube, die turbantragende Grand dame des existentialisme wusste während ihrer Bahnfahrt im Jahre 1947 auch noch nicht, wohin sie ihr Text schließlich bringen würde.

Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied: Obwohl ich ebenfalls gerne in der Anonymität der Öffentlichkeit in einem Café oder in einem Stadtpark (2) schreibe, weil sich dort in der Masse die Einsamkeit des Autors viel besser ertragen lässt und sich mein ‚Da-Sein‘ als Autor erst durch das Bemerkt- und Beobachtetwerden von Fremden manifestiert und ‚entbirgt‘ – ganz so wie die Bedienung, die mir meinen Café au Lait serviert, erst dann in ihre Rolle schlüpfen und sie so ausfüllen kann, wie glaubt, dass der Gast, also ich, sie von ihr erwartet, wenn sie von mir ‚wahr‘ genommen wird -, sitze ich heute beim Schreiben dieses Textes vollkommen alleine auf der Terrasse meines kleinen Gärtleins in der milden Frühlingssonne und meine Umgebung neigt sich nur mir selbst zu. Die Dinge beobachten und beurteilen mich nicht. Falls es doch einen Zuseher gibt, einen neugierigen Nachbarn hinter dem geschlossenen Vorhang im Fenster im 1. Stock des Hauses gegenüber zum Beispiel, der mein Tun und Handeln missbilligt, dann bin mich mir seiner nicht bewusst und er ist deshalb nicht existent. (3) Hinter der hohen Thuiahecke rechts schimpft die polnische Mutter lautstark auf polnisch mit ihrer kleinen polnischen Tochter (oder mit dem polnischen Hund, so genau weiß ich das nicht. Ich glaube, beide heißen ‚Luzi‘). Ihre Stimme ist so krächzend, zornig und rau, als würde ihr Gaumen aus Sandpapier bestehen. Da ich kein Wort polnisch verstehe, die wütende Mutter auch nicht sehe und sie jeden Tag zu jeder Stunde mit Tocher und Hund schimpft oder mit überschwänglicher Begeisterung jeden Rülpser ihres Säuglings feiert, ist auch sie für mich nicht wirklich und ‚wirkend‘ da, sondern nur ein Hintergrundgeräusch, ein ‚An-sich‘ wie die zwitschernden Amseln, die knallgelben Narzissen, die summenden Bienen in den wilden, blauen Hyazinthen, der bequeme Gartenstuhl, auf dessen Polster ich sitze, der Druckbleistift, in meiner Hand und das Notizbuch auf meinem Schoß. Es gibt nichts, das meinen Gedankenfluss stören kann und ihn an seinem ungeregelten Dahinfließen hindert.

Auf diese Weise sind nun schon längst die 1000 Wörter, die ich mir vorgenommen habe und beinahe ein weiterer langer Blogartikel geschrieben. Jetzt muss ich noch schnell zwei Fotos machen und sie an der passenden Stelle einfügen. Ich hätte übrigens auch den Duden an einer beliebigen Stelle öffnen und die dort zufällig gefunden Wörter hierher übertragen können, denn niemand wird sich die Mühe machen, diesen Unsinn bis zu dieser Stelle zu lesen. Jeder mit ein wenig Vernunft hört früher auf und kümmert sich um Wichtigeres, wie zum Beispiel um seine Osterdeko oder Katzenvideos. Aber ich habe diesen Blödsinn geschrieben und nun kann ich mich für eine gewisse Zeit in der Vorstellung sonnen, ein Schriftsteller oder ein phänomenologischer Philosoph zu sein – bis ich dann morgen oder heute Nachmittag schon mit dem Bleistift in der Hand vor einer neuen leeren Seite sitzen und von neuem versuchen werde, ihn mit ‚irgendetwas‘ zu füllen. (4)

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(1) Ich habe mich einmal  im Museum Berggruen in Charlottenburg äußerst verdächtig gemacht, als ich beim Betrachten von einer von Giacomettis Katzenskulpturen zu Frau Klammerle die leichtfertige Bemerkung machte, mein Empfinden für Recht und Moral würde genau hier an dieser Stelle enden. „Falls jetzt niemand zuschaut und das Kunstwerk keine Alarmanlage hat, nehme ich es jetzt mit und stelle die Katze unter unseren Kirschbaum auf“, sagte ich. Selbstverständlich traf beides zu und ich ließ meine Finger von dem filigranen Meisterwerk, das sich bei mir im Garten viel besser als im Museum ausgemacht – und zusätzlich als Scheuche die Vögel von meinen Kirschen ferngehalten hätte. Von diesem Moment an wurde die Familie Klammer auf ihrem Weg durch die Ausstellung die ganze Zeit über von vier Museumswächtern begleitet, die jede Geste misstrauisch beäugten und aufgeregt in ihre Funkgeräte flüsterten. Auch in der ägyptischen Ausstellung im Nebengebäude wurden wir bereits erwartet und von ein paar treuen Begleitern empfangen.

(2) Bevorzugt schreibe ich im alten Hofgarten in Augsburg, der seinen Winterschlaf beendet hat und ab heute wieder für so merkwürdige Erscheinungen wie mich geöffnet ist. Die barocken Zwergskulpturen dort und ich führen eine enge Beziehung. In einer Ecke steht übrigens auch ein öffentlicher Bücherschrank, in den ich ab und an ein paar meiner Werke stelle.

(3) Allerdings begann er in dem Moment, in dem ich ihn in Gedanken dort oben hinter der Gardine plazierte, zumindest für mich zu ‚wesen‘ und führt damit meine weitere Argumentation ein wenig ins Absurde. Ich fühle mich von ihm betrachtet, obwohl er wahrscheinlich gar nicht da ist.  Er ist in meiner Beweisführung ‚Schrödingers Katze‘ – bitte nicht mit der von Giacometti verwechseln.

(4) Ach, ja, heute ist übrigens der 1. April. Nur so als  kleiner Hinweis.

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Donnerstag, 28.03.19

Donnerstag, 28.03.19

In der heutigen Zeitung stand, die Leute würden mit 55 Jahren am meisten optimistisch in ihre Zukunft blicken – falls sie dann noch leben …

Nun, ich bin gerade über diese magische Schranke hinausgelangt und habe nicht den Eindruck, dass ich in den letzten Jahren immer optimistischer geworden bin. Im Gegenteil: War ich mit 30 noch der Meinung, ich würde demnächst als bedeutender Autor entdeckt und mit Geld, Ehrungen und von den liebevollen Zuwendungen attraktiver Buchhändlerinnen überhäuft, ist dies heute längst auf meiner privaten Insel der Träume abgelegt und vergessen. Mit 40 dachte ich, ich wäre unsterblich oder zumindest würde ich 120 Jahre alt werden und mit meiner Privatjacht in den Sonnenuntergang segeln; heute zwickt es mich beim Aufstehen im Rücken, jeden Tag habe ich mehr graue Haare auf dem Kopf. Ich bin kurz-, weit- und auch zwischensichtig und werde seekrank. Mit 50 noch glaubte ich, ich würde mit meinem Blog und meinen neuerwachten literarischen Kräften ein wenig Aufmerksamkeit und einen Achtungserfolg erreichen. Alles eitel ….

Ich nähere mich dem Alter schneller, als ich es jemals glaubte. Sehe ich heute in die Zukunft, dann warten noch zehn Jahre Brotberuf, die mich vom Schreiben abhalten, auf mich und danach die Altersarmut, die ich – einziger Lichtblick – gemeinsam mit Frau Klammerle zahn- und geldlos vor mich hin schimpfend im Rollstuhl in irgendeinem heruntergekommenen Seniorenheim verbringen und an allem herummeckern werde. Meine Literatur wird dann längst vergessen und von meinen achselzuckenden Enkeln in einer Papiertonne entsorgt sein.

Vielleicht sollte ich es wie mein älterer Bruder machen. Der ist seit kurzem im vorgezogenen Ruhestand und strotzt seitdem vor Optimismus und Zukunftsplänen. Ich werde ihm zum Geburtstag ein Bierbrau-Set schenken, das scheint mir gerade sehr passend.

So. Da habe ich mich mal wieder ausgekotzt. Jetzt mache ich mir einen Kaffee und setze mich in meinen Lesesessel. Amy, die Katze wird sich schnurrend auf meinen Schoß schmiegen. Dann ärgere ich mich über das Sudoku im Magazin der Zeit, das sich nie ohne ausprobieren lösen lässt und erfreue mich an dem zwar kühlen, aber sonnigen Wetter, das draußen meinen Garten bescheint, in dem es jeden Tag grüner wird und mehr Narzissen blühen … Der Frühling kommt und wie in jedem Jahr glaube ich, er würde nie mehr gehen. Ich sehe zwar nicht sehr optimistisch in die Zukunft, aber doch recht zuversichtlich in diesen Tag.

Apropos Buchhändlerinnen: Ist euch auch aufgefallen, wie seltsam sie sich kleiden? Aber das ist eine andere Geschichte und ich werde sie an einem anderen Tag erzählen …

Das Foto ist genau vor einem Jahr in Weimar entstanden. Warum hat eigentlich die Buchhandlung meines Vertrauens keine Bücherkatze?

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Und hier noch eine kleine Leseempfehlung für kühle Frühjahrstage:

reinboldAdelheid Reinbold
König Stephan

Was für ein Ungeheuer von einem Roman!

Die Autorin starb vor 180 Jahren an „brandiger Halsbräune“ (so ihr Freund Ludwig Tieck im Vorwort der Erstausgabe) und griff in ihrem opus magnum eine Legende auf, die sich um den bald in Zweifel gezogenen Tod des portugiesischen Königs Stephan I. (1554 – 1578) bei der Schlacht von Alcazarquivir rankte.

Ich bin noch nie solch einem politisch vollkommenen und dabei herrlich unschuldigen, unkorrekten Roman begegnet, der ganze Kapitel lang die übelsten und dunkelsten Vorurteile gegen Muslime (im Roman „Mohren“ genannt), Schwarze und Juden ausbreitet. Dabei ist der Roman gleichzeitig überquellend von wilder und leidenschaftlicher Romantik, für die Zeit ungewöhnlich gewagter Erotik (auch zwischen Männern) und Sadomasochismus, Exotik, Blut, Schweiß, Tränen, der größten liebenden Hingabe und den schwärzesten Kabalen und Mordkomplotten. Hat man sich erst einmal an den sehr „alterthümlichen“ und umständlichen Stil gewöhnt, liest man diesen leider eben auch sehr rassistischen Vorfahr von „Shades of Grey“ aus dem frühen 19. Jhd. kopfschüttelnd und atemlos zugleich, schämt sich ein wenig über den Spaß, den man dabei hat und wundert sich, warum solch eine Perle keinen modernen Verleger gefunden hat und in den Antiquariaten verschimmelt.

Dresden und Leipzig 1839
(von mobileread.com als Ebook ausgegraben, dort findet sich auch eine Ausgabe ihrer gesammelten Novellen)

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Sommerliche Leseempfehlungen: F. M. Klinger

Man vergisst in Deutschland nichts geschwinder als gute, weise und verständige Bücher.“

F. M. Klinger

Es passiert mir immer wieder. Manchen Fallen kann ich nicht entgehen und wenn ich ehrlich bin, will ich es auch nicht: Mit fast Arno-Schmidt’scher Lust stürze ich mich auf einen abseitigen vergessenen Autoren, entdecke ihn für mich persönlich, lese begeistert eines seiner Werke, das ich dem entlegenen Winkel eines Antiquariats dem Staube entriss. Klar, dass ich nun alles von ihm lesen will! Nur um anschließend feststellen zu müssen: An den Rest seines Œuvres ist – wenn überhaupt – allein mit erheblichem zeitlichen oder finanziellem Aufwand heranzukommen.

Klinger1Ein solcher Fall ist Friedrich Maximilian Klinger, von dessen Werk es bei Cotta die letzte einigermaßen vollständige Gesamtausgabe (für normale Leser unbezahlbar) im Jahre 1879 gab, einem Autor immerhin, dessen Theaterstück „Sturm und Drang“ einer ganzen Literaturepoche den Namen gibt.

Klinger (1752 – 1831) gehörte in seinen jungen Jahren zum Frankfurter Kreis Goethes und folgte diesem nach Weimar, dabei seine Universitätsausbildung zum Rechtsgelehrten abbrechend, um als freier Künstler zu arbeiten und dann schnell an diesem Versuch zu scheitern. Im Fürstentum stand er den gesellschaftlichen Ambitionen des späteren Geheimen Legationsrats Goethe nur im Wege und fiel ihm wie Lenz oder Kaufmann oder übrigens am Anfang auch Schiller bald so lästig, dass er ihn still und leise aus seinem Gesichtsfeld entfernen ließ. 1776 kam es deshalb zum endgültigen Bruch mit dem Dichterfürsten. Nach einigen Wirren gelang Klinger ab 1780 eine militärische Karriere in der russischen Armee, in der er immerhin bis zum Generalmajor aufstieg. Durch diesen gesellschaftlichen Aufstieg fand Klinger auch wieder Gnade bei Goethe und führte mit ihm ab 1811 einen regen Briefwechsel. Klinger liegt in St. Petersburg beerdigt.

Neben seiner bürgerlichen Karriere – seinem Brotberuf – war er ein fleißiger, weiterhin ausschließlich in Deutsch schreibender Autor. Neben seinen populären Dramen veröffentlichte Klinger dicke Bände mit Gedanken und Maximen, die recht behäbige und staatstragende Aphorismensammlungen und zu Recht vergessen sind –  und eben neun „philosophische“ Romane, von denen das bekannteste und auch immer wieder neu aufgelegte Werk Faust’s Leben, Thaten und Höllenfahrt ist. Alle Romane sind Werke in spätaufklärerischer Manier, angefüllt mit voltaireschen und rousseauschen Gedanken und Weltanschauungen. Zumindest die ersten, noch ganz vom Feuer des Sturm und Drangs erwärmten Bände lassen sich auch heute noch gut lesen, jedoch werden die neun Bücher von Roman zu Roman kälter, schwerer und langweiliger. Vielleicht hat Klinger dies selbst bemerkt, denn ursprünglich hatte er zwölf Doppel-Romane geplant und den neunten, dessen Titel Das zu frühe Erwachen des Genius der Menschheit allein schon abschreckend wirkt, nie vollendet.

Selbstverständlich wusste jeder, dass Goethe seit Jahrzehnten an seinem opus magnum schrieb, was Klinger jedoch nicht hinderte, als erster 1779 ein Werk über die deutscheste aller mittelalterlichen Sagenfiguren zu veröffentlichen. Vielleicht war dies auch der wahre Grund seines Bruchs mit Goethe.* Klingers äußerst pessimistischer, zutiefst am Charakter des Menschen zweifelnder Faust war das erste Werk, das ich von ihm las. Ich fand den Roman im zerfledderten III. Band einer Werksauswahl, die ich 1987 vom Ramschtisch eines Berliner Antiquariats mitnahm. Faust begegnet in dem Werk, vom Teufel und anderen Höllengestalten (Leviathan) begleitet, nie einem guten Menschen, so sehr er einen solchen finden will, sondern nur Heuchlern, die auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind: Egal, ob es sich um Eremiten, Äbtissinen, den Papst (Alexander VI.) oder Faust selbst handelt, die schlussendlich alle mit viel Getöse zur Hölle fahren. Hier sorgt nicht Gott, sondern Satan für die Gerechtigkeit:

Der Teufel stund in Riesengestalt vor ihm. Seine Augen glühten wie vollgefüllte Sturmwolken, auf denen sich die untergehende Sonne abspiegelt. Der Gang seines Atems glich dem Schnauben des zornigen Löwens. Der Boden ächzte unter seinem ehernen Fuße, der Sturm sauste in seinen fliegenden Haaren, die um sein Haupt schwebten, wie der Schweif um den drohenden Kometen. Faust lag vor ihm, wie ein Wurm, der fürchterliche Anblick hatte seine Sinne gelähmt, und alle Kraft seines Geistes gebrochen. Dann faßte ihn Leviathan mit einem Hohngelächter, das über die Fläche der Erde hinzischte, zerriß den Bebenden, wie der muthwillige Knabe eine Fliege zerreißt, streute den Rumpf und die blutenden Glieder mit Ekel und Unwillen auf das Feld, und fuhr mit seiner Seele zur Hölle.“

Der Antiquariatsband enthielt auch noch den ersten Teil des zugehörigen Zwillingsromans Geschichte Giafars des Barmeciden, der mir persönlich noch besser gefiel. Giafar, der aus den Tausend-und-Eine-Nacht-Erzählungen bekannte Großwesir Hārūn ar-Rašīds (Bitte nicht mit dem bitterbösen Dschafar aus Disneys „Aladdin“ verwechseln!), ist eine Art morgenländischer „Hiob“. Er glaubt unerschütterlich an das Gute im Menschen und in seinem Kalifen Haru;, auch wenn ihm der Teufel beständig das Gegenteil demonstriert.

Klinger2Mit dem Giafar begann allerdings mein Leiden. Obwohl Klinger interessanterweise in der damals noch existierenden DDR häufiger als im Westen gedruckt wurde und ich in Ostberlin eine günstige Werkauswahl besorgen konnte, war ausgerechnet der Giafar nirgendwo aufzutreiben. Ich musste 25 Jahre warten, bis ich das Buch zuende lesen konnte. Heute findet der Giafar sich als digitale Ausgabe im Internet und kann – wie auch die meisten der anderen Romane Klingers – auf jedem E-Book-Reader gelesen werden. Und genau das sollte man tun: Gerade die beiden ersten „philosophischen“ Romane von F. M. Klinger muss man einfach gelesen haben.

Fausts Leben, Thaten und Höllenfahrt bei Mobileread

Geschichte Giafars des Barmeciden bei Projekt Gutenberg-DE

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* Auch von Lessing und Lenz gibt es Entwürfe für Faustdramen. Heinrich Heine erhielt einmal eine Audienz bei Goethe. Als dieser ihn fragte, an was er arbeite, antwortete Heine, er schreibe einen Faust. Heutzutage hätte Heine ihm wahrscheinlich den Peer’schen Stinkefinger gezeigt. Der Dichterfürst überlegte kurz, dann ließ ihn rausschmeißen.

Heines letztes Werk ist übrigens in der Tat eine Faustadaption, aber da war Goethe schon lange tot…

Sommerliche Leseempfehlungen: Arno Schmidt

Alle Dichter wollen weniger gelobt und fleißiger gelesen sein.
Gotthold Ephraim Lessing

Es widerstrebt mir, den scheinheiligen Tanz ums goldene Kalb und den Feuilleton-, Medien-, Verlags- und Buchhandelsrummel um runde Geburts- oder Sterbedaten unserer Dichter und Denker mitzumachen. Man lobt sie routiniert und wohlvorbereitet an ihren Jubiläen, um dann bereits ein paar Tage später die nächste Sau durchs mediale Dorf zu hetzen. Die Erinnerungen und Ehrungen werden des überschwänglichen Feierns müde wie Christbaumschmuck im Januar eiligst zurück in den Keller geräumt, bis die nächste runde Zahl droht. Gelesen werden diese Autoren trotzdem nicht.

Aber für Arno Schmidt (1914 – 1979) müsste ich im nächsten Sommer eine Ausnahme machen, weil er mir wirklich am und manchmal auch schmerzlich auf dem Herzen liegt: Schließlich ist Schmidt der herausragendste und humorvollste, der intelligenteste und zugleich provozierendste Autor, Essayist und Übersetzer, der von uns Deutschen nach dem 2. Weltkrieg mit Nichtbeachtung und Interesselosigkeit abgestraft wurde. Hierzulande werden keine unbequemen Autoren mehr eingesperrt oder mitsamt ihren Bücher verbrannt, man ignoriert sie einfach, ordnet sie bequem in ihren historischen Kontext ein(1) und vergisst sie. Oder man wirft ihnen – auch das ist typisch deutsch – „Nestbeschmutzung“ vor; was den Autor noch nachhaltiger vernichtet, als ihn einfach zu erschießen. Arno Schmidt passierte beides. Er wurde als genialer Außenseiter zu einer wenig beachteten Fußnote im Kapitel „Nachkriegsliteratur der BRD“ degradiert und sein bitterböser Kulturpessimismus und sein verzweifeltes Aufreiben am Deutschen Untertanenwesen als defätistisches Nachhakeln eingestuft.

Schmidts Wohnhaus in Bargfeld, in seinem Stil fotografiert.

Schmidts Wohnhaus in Bargfeld, in seinem Stil fotografiert.

Sicherlich war an dem fehlenden Nachruhm auch der ärgerliche Streit um die Rechte an seinem Werk schuld. Das führte dazu, dass eine Zeitlang nur atemberaubend teure Nachdrucke der in den 50er und 60er Jahren im Fischer-Verlag veröffentlichten Bücher oder zu ebenfalls gesalzenen Preisen die von der Arno-Schmidt-Stiftung herausgegebenen Gesamtausgaben erhältlich waren.(2)

Und ich gebe es gerne zu: Es ist nicht leicht, Arno Schmidts Welt zu betreten, er macht es dem Leser und auch sich selbst nicht einfach. Keiner schreibt wie er. Schmidt ragt wie ein Mount Everest aus den seichten Vorgebirgen der deutschen Nachkriegsliteratur in sauerstoffarme Höhen. Er ist einzig, aber ganz und gar nicht artig. Sein – formulieren wir es mal euphemistisch – eigenwilliger Umgang mit Grammatik und Zeichensetzung, seine am stream of consciousness und den Wielandschen und Jean-Paulschen satzungethümen Bleistiftwüsten geschulter, synästhetischer, oft monologischer Stil, in dem manchmal jedes Wort und oft auch jedes Satzzeichen eine Anspielung an ein- bis zwei von ihm mitgedachte, aber durchaus nicht hingeschriebene Literaturquellen (3) und unbewusste freudianische Fehlleistungen sind, seine – der Generation, zu der er gehört, geschuldeten – muffigen sexuellen Fixierungen (man kann von einer Vorliebe für Alt-Herren-Witze reden) sind zum Fremdschämen und alle wirken wie eine fest verschlossene Tür in sein Gedankengebäude, eine Tür, die nur mit äußerster Anstrengung und aller Geduld und Aufmerksamkeit geöffnet werden kann. Das lohnt sich allerdings. Hat man sich erst einmal an die anspielungsreiche und exzentrische Ausdrucksweise gewöhnt, kann Schmidt süchtig machen. Und diese Liebe hält ein ganzes Leben an.

Schmidt2Arno Schmidt
Schwarze Spiegel
(suhrkamp BasisBibliothek 2006)

Zum Einstieg in sein überbordendes Werk sei hier seine feine kleine Erzählung „Schwarze Spiegel“ angeführt, eine erstaunlich klassische, dystopische Science-Fiction-Geschichte, von der es in der zeitgenössischen deutschen Literatur viel zu wenige gibt, weil hierzulande Genrewerke nicht ernst genommen und als Unterhaltung abgetan werden.(4) Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase liest sich diese Anti-Utopie flüssig und spannend und enthält doch alles, was ein Schmidt-Œuvre ausmacht. Eine weitere gute Möglichkeit, Schmidt kennenzulernen, sind seine Radioessays über meist vergessene Autoren des 18. und 19. Jahrhunderts, in denen er die Ergebnisse seiner literaturarchäologischen Arbeiten als appetitanregende Häppchen serviert. Dass Johann Karl Wezel oder Karl Philipp Moritz heute wieder gelesen werden, ist der Schmidtschen Radio-Werbung zu verdanken, einige seiner weiteren, äußerst lesenswerten Entdeckungen gibt es beim 2001-Verlag in der Reihe „Haidnische Alterthümer“. Arno Schmidt war auch ein fleißiger Übersetzer englischer und angloamerikanischer Literatur. Hier seien eine kongeniale, stellenweise neudichtende Poe-Übertragung erwähnt, seine Verdienste um John Fenimore Cooper, Jules Verne oder auch Karl May, die in Deutschland als Jugendbuchautoren verschätzt und deren Werke verstümmelt wurden oder seine zugegebenermaßen exzentrischen Bulwer-Lytton-Übersetzungen, die allerdings nur antiquarisch erhältlich sind.(5)

Obwohl es Arno Schmidt Zeit seines Lebens nicht einfach fiel, von seinem literarischen Schaffen zu leben und er im Alter immer zynischer und bitterer wurde, gibt es doch eine Sache, um die ich ihn aufrichtig beneide. Er fand in dem außerordentlich intelligenten und belesenen Millionär Jan Philipp Reemtsma(6) einen Förderer, der ihn mit einem Geldbetrag unterstützte und damit aller materieller Sorgen enthob. Schmidt konnte sich in seinen letzten Lebensjahren in seine Zettelkästen und seine Literatur vergraben und ich nehme an, dass er genau dort glücklich war.

Wenn ich nicht unbedingt muss, dränge ich mich keinem mehr auf : ich habe im Zimmer weit größere Freiheit;
und die Welt der Kunst & Fantasie ist die wahre, the rest is a nightmare.
Arno Schmidt, Julia, oder die Gemälde

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(1) Arno Schmidt gilt vielen als eher zweitrangiger James-Joyce-Epigone, der oft noch schlechter lesbar ist als sein Vorbild. Die haben sich noch nie an Joyce im Original versucht. Arno Schmidt ist zumindest in einer Sache dem kurzsichtigen Iren überlegen: Er ist selten langweilig.

(2) Man versuche nur einmal, von Schmidts Haupt-, Fuß-, und Meisterwerk „Zettels Traum“ eine für Normalverdiener erschwingliche Ausgabe zu erhalten.

(3) Ein Link zur Schmidtschen Referenzbibliothek. Die meisten der Bücher sind urheberrechtsfrei und stehen als PDFs eingescannt zum Download zur Verfügung. Viele von ihnen gibt es allerdings auch bei den üblichen Verdächtigen als ordentlich überarbeitete EPUBs.

(4) Hier sei auf Franz Fühmann verwiesen, dessen Saiäns-fiktschen leider komplett vergessen ist. Über den leider inzwischen fast vergessenen Autor und den Einfluss, den er auf meine Literatur hat, müsste ich auch einmal schreiben.

(5) Ich empfehle in der Übertragung von Schmidt „Was wird er damit machen“ von Edward Bulwer-Lytton. Diese alte zweibändige dtv-Ausgabe habe ich in einem Tübinger Antiquariat entdeckt. Bei mobileread gibt es – freilich in zeitgenössischen Übertragungen – einige weitere der absolut lesenswerten Romane des viktorianischen Autors, den Schmidt sehr verehrte.

(6) Falls Jan Philipp Reemtsma zufällig mitliest: Bitte, Herr Millionär! Hier sitzt ein katzenfreundlicher Autor, der wie Arno Schmidt dringend eines Gaius Cilnius Maecenas bedarf, um meine kleineren finanziellen Durststrecke überdauern zu können. Ich übersende Ihnen gerne meine Bankverbindung und werde einen meiner Söhne nach Ihnen benennen – wenn gewünscht, auch alle. Hier noch ein Foto von Amy als glücklicher Sommerkatze für Sie persönlich zum Ausdrucken und in den Geldbeutel schieben und in der Bekanntschaft herumzeigen. Katzenbilder, heißt es, rühren das Herz.

amyliege

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