Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

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Diese Sommerlektüren (1) – Alice Munro

Alice Munro hat heute Geburtstag. Ich habe vor ein paar Jahren nach der Vergabe des Lite­raturnobelpreises an die kanadische Autorin neugierig in meiner hinteren Wohnzimmerbü­cherwand gesucht und wurde zu meinem Erstaunen an ungünstiger Stelle hinter dem Sofa zwischen weiteren mehr oder weniger prominenten Na­men fündig.

Munro1

Beim Herausziehen des Bandes musste ich erst ein­mal eine ordentliche Staubschicht vom Kopfschnitt blasen. Das verwendete billige Papier war an den Rän­dern gelb nachgedunkelt und daher wirkte das Ta­schenbuch wesentlich älter als die dreißig Jahre, die es trotz vieler Umzüge die meiste Zeit relativ unge­stört und in Frieden in dem Regal ruhte, nur ab und an etwas nach rechts oder nach unten rutschen muss­te, weil ein neuer Band alphabetisch korrekt einge­ordnet sein wollte. (1) Mein leicht ramponiertes Taschenbuch des Werks stammt aus dem Jahre 1983 und ich habe es wohl Mitte der 80er gelesen, was an den gleichmäßigen Knicken im Buchrücken erkennbar ist. Damals pfleg­te ich diese Marotte, ein Buch exakt alle 50 Seiten aufzuknicken und ich will jetzt keine Kommentare über neurotische Zwangshandlungen hören.

Der Band, der zwar 1998 und 2005 noch eine Neuauf­lage bekam, ist heute, wenn überhaupt, nur noch an­tiquarisch erhältlich und wird bei Amazon als zerle­senes Exemplar ernsthaft für 30 €(!) angeboten.(2) Es ist aber zu erwarten, dass es demnächst zu einem Nachdruck kommt. Mit einem Nobelpreisträger ist nur zeitnah Verdienst zu machen; nach zwei Wochen ist er vom Publikum bereits wieder vergessen. Oder wer kauft heute noch Bücher von Mo Yan oder gar Tomas Tranströmer (falls sich überhaupt noch jemand an den Lyriker erinnert)?

Mir geht es ähnlich: Ich hatte jahrzehntelang kein In­teresse an der Munro, obwohl sie mir doch mit ihrem Beharren auf der kurzen Form sympathisch ist, die ja im Gegensatz zum Roman eigentlich eine zeitgemäße, aktuelle ist. Sie hat einen einzigen, lange Zeit ebenfalls nur an­tiquarisch erhältlichen Roman geschrieben: »Kleine Aussichten«(3).

Wäre die Autorin nicht plötzlich durch das schwedi­sche Komitee geadelt worden, hätte ich »Das Bett­lermädchen« aus Platzgründen demnächst im Bü­cherschrank im Augsburger Hofgarten ausgesetzt.

Munro2Alice Muro
Das Bettlermädchen
Ullstein-Taschenbuch, 1983

Auf der Rückseite dieses extrem billig produzierten, broschierten Bandes, der außer der Titelstory noch neun weitere Kurzgeschichten um ihre Protagonisten Rose und Flo versammelt, also auch als Episodenro­man gelesen werden kann, wird die Munro noch als junger, aufstrebender Stern beschrieben. Es werden Joyce Carol Oates (deren Literatur, wenngleich leicht trivialer, der Munro’schen doch recht nahe kommt) und eine Journalistin der Zeit zitiert. Die erste lobt sie mit Worten, als würde sie über sich selbst schrei­ben (was sie vielleicht auch tat), die andere schmeißt mit den üblichen nichtssagenden Worthülsen aus meinem Kritikerhandbuch um sich: »Wie kann man lieben, wie kann man leben, warum handelt man so und nicht anders? Es sind beunruhigende Erzählun­gen voller Zweifel und Melancholie, aber auch voll Selbstironie und Witz.« Darüber zeigt ein Schwarz­weißfoto die inzwischen greise Autorin als energische Vierzigjährige, deren »Frisur« sich seit damals nur farblich verändert und eingegraut hat.

Warum ich das erzähle? Nun, ich kann mich absolut nicht mehr an diese zehn Geschichten erinnern. Nicht einmal eine Ahnung oder ein Geschmack sind übrig. Viele Bücher hinterlassen auch nach Jahrzehn­ten einen Stempel im Gedächtnis, »dass man ihre Luft noch atmet, in ihrem Rhythmus noch schwingt, auch wenn ihr Inhalt, Fabel und Szene längst in der Erinnerung verblasst ist«, um einmal den großen Ja­kob Wassermann zu zitieren. Munros Short-Storys er­reichten das bei mir nicht, sie drückten mir keinen Stempel auf. Ich habe sie gelesen und vergessen, so­gar das Buch verschwand aus meiner Erinnerung, bis ich es in meinem Regal wiederfand. Ich habe probe­weise die erste Geschichte »Eine fürstliche Abrei­bung« gelesen, doch ihr Inhalt war absolut neu für mich: Sie erzählt vom erfolglosen Versuch Flos, erzie­herisch auf ihre Stieftochter Rose einzuwirken und leidet ansonsten darunter, die erste einer Reihe zu sein, also erst einmal eine Vielzahl an Figuren ein­führen zu müssen.

Daher werde ich meinen Essay

Ausführliche Handreichung, wie man eine Kritik schreibt,
ohne das Buch gelesen zu haben

abwandeln müssen:

Ausführliche Handreichung, wie man eine Kritik schreibt,
ohne das Buch gelesen zu haben,
oder sich absolut nicht mehr erinnern kann,
das Buch jemals gelesen zu haben

Genau das habe ich heute getan.

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(1) Inzwischen scheue ich bereits den Kauf von Autoren, deren Namen mit ‚A‘ oder ‚B‘ beginnen, weil ich sonst zwei Stunden mit Bücherrutschen beschäftigt bin.

(2) Falls jemand diesen Band für 29,99 € + Porto bei mir erwerben will: E-Mail mit Adresse genügt.

(3) Dieser Satz taucht in allen Agenturmeldungen und Kommentaren auf, er hat allerdings immer ein verächtlich machendes, herablassendes Wörtchen mehr, das deutlich macht, dass Kurzgeschichten in Deutschland nicht geschätzt werden, weil das Vorur­teil besteht, der Autor hätte sich keine Mühe gege­ben: »Alice Munro hat nur einen Roman geschrie­ben«. Hierzulande zählen allein Romane; der Deut­sche Le­ser achtet wie immer auf das Preis-Leistungs-Ver­hältnis, das ihm nur bei fetten Erzählungen oder bei einer von einem unfähigen Ghostwriter verfassten Sch***-Autobiografie wie der von Herrn Becker stim­mig scheint. »Man vergisst in Deutschland nichts ge­schwinder als gute, weise und verständige Bücher.«

Der Oktopus (eine Kurzgeschichte a la Heun)

Heute hat ein guter Freund von mir Geburtstag; ein Freund, den ich in den letzten Jahren leider etwas aus den Augen verlor (oder er mich, wie man es auch betrachten will). Selbst wenn wir uns leider in vielerlei Hinsicht voneinander entfernt haben: HD, ich denke heute an dich und feiere schön dort oben in deinem niederbayerischen Paradies zusammen mit 264 rothaarigen Feen! Den Prosecco habe ich schon auf Eis gelegt.

Du weißt es: Diese Geschichte habe ich dir gewidmet.

*

Es folgt nun ein Capriccio im literarischen Stil meines Freundes Hans-Dieter Heun aus meiner umfang­reichen Texthalde. Ich weise in diesem Zusammenhang noch einmal auf seine Romane hin, die wirklich humorvoll und lesbar. Und schon lasse ich wie automatisch das Hilfszeitwort am Ende des Satzes weg; eine Auslassung, die den Heun’schen Stil maßgeblich prägt und unverwechselbar macht. Ich kann eben nicht nur Balzac nachmachen.)

Der Oktopus
Ein Capriccio(1) ala Heun

Ein Vorzug meines Rentier-Lebens (das ist jetzt nicht mit Rentier-Fleisch zu verwechseln, das zäh und tranig – ganz anders als der Rentier auf Tabor, wo zu wohnen ich das wohl verdiente Schicksal habe) ist das Glück, für und mit Freunden zu kochen – mit ihnen den besonderen Au­genblick: den einen Schluck, den einen Bissen teilen. Wenn dann mein lieber Freund und Trauzeuge – fast hätte ich Kupferstecher gesagt -, nämlich der bekannte Autor Ni­kolaus M. Klammer, seinen Besuch zu Silvester ankündigt: Dann ist dies des Glückes fast zu viel. Aber ist nicht je­der seines Glückes Koch?

Nichts weniger als ein Silvestermenü sollt’s also sein – und ein besonderes dazu. Der Herr Kupferstecher ist nicht allem Fleischli­chen abhold, kaut es aber nur ungern zwischen den Zäh­nen (wenn es einmal tot), jedoch ist er nicht bayeri­scher als der Papst und neben den Früchten des Ackers auch denen des Meeres zugeneigt – isst also neben Obst und Gemüse immer wieder einmal alles, was schwimmt. Da ich nicht erneut ein Zicklein in den Teich hinterm Haus werfen wollte – die armen Goldfische sind vom letzten noch durcheinan­der – ließ ich mir vom Münchener Großmarkt in aller Herrgottsfrühe einen hundsgemeinen Oktopus besorgen, der sich allerdings als sau-gemein herausstellte.

ERSTES GEDICHT VOM OKTOPUS

Ein Oktopus, ein Oktopus,
acht Arme hat er und kein’ Fuß,
ist die Speise, die man servieren muss.
Denn glücklich wird ein jeder Tisch,
belädt man Teller mit Tintenfisch.

Ein Oktopus, ein Oktopus,
ist ein wahrer Hochgenuss,
wenn er zart wie ein Zungenkuss.
Wird er dir gelingen,
werden deine Freunde Hymnen singen.

oktopusSo, nach dieser lyrischen Einlage tun wir was für die Bil­dung: Die fälschlich als Polypen bezeichneten Kraken – Octopoda vulgaria – italienisch Polpo – gehören zur Fa­milie der Kopffüßer und sind nicht mit Kalmaren oder Tintenfischen zu verwechseln … Sie wissen schon, jenen schlabberigen, fetttriefend frittierten Gummireifen, die Sie gemeinsam mit matschigem Majonäse-Knoblauch-Brei beim Italiener um die Ecke serviert bekommen.

Die lernfähigen Achtfüßer haben bezeichnenderweise 8 (in Worten: Acht) Arme und erreichen eine Gesamtlänge bis über 4 Meter. Für Bodenhaftung auf glatten Flächen sorgen reihenweise Saugnäpfe. Oktopussy ist ein nacht­aktiver Einsiedler und labt sich an Krebsen und Muscheln, der alte Feinschmeck, der … Er kann sich farblich der Umgebung anpassen und, wenn er sich nicht festgesaugt hat, pfeilschnell sein (wir reden noch vom Kraken und nicht von der Erbschaftssteuer). Die äl­testen Vertreter der achtarmigen Tintenfische tauchten vor etwa 264 Millionen Jahren auf. Genug der Bildung. Merken Sie sich die Zahl Acht. Das genügt.

Während am frühen Nachmittag der Besuch nebst mei­ner Gattin im Thermalbad zu Bad Birnbach bei 34° warmem Wasser pochierte, hatte ich Ähnliches mit dem achtarmigen Mittelpunkt der heutigen Tafel im Sinn.

Falls Sie alles nachkochen wollen (aber lesen Sie auf je­den Fall vorher zu Ende): Man nimmt den Kraken, spült ihn und schneidet den Kopf ab, was nicht ganz einfach, denn er sitzt zwischen Armen und Körper. Den Kopf wirft man weg (oder kocht ihn mit und erfreut später mit ihm diese Mistviecher von Kat­zen in der Gegend). Vom Sack zieht man die Haut ab, stülpt ihn um und entfernt die Innereien. Das Kauwerk­zeug zwischen den Fangarmen wird ebenfalls herausge­schnitten.

Fischer schlagen den Kraken nun gegen brandungsumbrauste, salzüberkrustete Felsen. Dem Oktopoden fehlt jedes stützende Skelett, deshalb haben seine Arme (8 Stück!) ein Eiweißgerüst aus elastischen und ver­zweigten Proteinen, die dem Bindegewebe von Landtie­ren ähneln. Durch die Gewalt platzende Zellen setzen Enzyme frei, die die Eiweißfasern zerschneiden und den Kraken zarter machen. Wenn wir das Eiweiß so behan­deln, dann wird eine Delikatesse daraus. Da ich nur we­nige Felsen mein Eigen nenne, klopfte ich meinen Okto­poden über dem Rand der Wanne im Badezim­mer windelweich. Sie können diese Arbeit auch auf Ihrer Küchenplatte, der edlen Travertinstein-Terrasse oder an den Säulen Ihres Vestibüls erledigen; wichtig ist, dass Sie wirklich brutal und rücksichtslos.

Haben Sie auf diese Weise Oktopussy fix und fertig gemacht, schneiden oder zerschnipseln Sie 4 Karotten, 1 Zwiebel, ¼ Sellerie, eine Stange Lauch, ½ Fenchel und bringen alles in ei­nem schweren Topf mit ca. 1 ½ l Wasser, ¾ l trockenem Weißwein, 4 Lorbeerblättern und 4 kleinen scharfen Chilischoten zum Kochen. Manche Köche legen noch alte Wein­korken ins Kochwasser, sie sollen feste Verfilzungen und Gummitextur des Fleisches ver­hindern. Am wichtigsten ist, einen Oktopus sanft zu dünsten oder knapp unter dem Siedepunkt zu pochieren, damit sich die Proteine langsam auffalten, lockere Netze bilden und Wasser binden. Sie können alle Techniken kombinieren, entscheidend ist die sensible Temperatur­steuerung. Und lassen Sie sich drei bis vier Stunden Zeit – mindestens.

Day of the tentacleKommen wir zur Katastrophe: Der Begriff Krake kommt aus dem Norwegischen und bezeichnet ein Seeungeheu­er, das trinkfeste Seeleute im Mittelalter entdeckten. Vieles spricht dafür, dass Homer in der Scylla einen Kraken beschrieb.

Meine Scylla entpuppte sich als wür­diges Monster! Während ich sie vorsichtig köcheln ließ, wurden die acht Arme nicht weicher, sondern kleiner – schrumpelten wie der beste Freund des Mannes nach ei­nem Sprung in eiskaltes Wasser. Ursprünglich über ei­nen Meter groß (der Krake, nicht der Freund), war der saugemeine Oktopus nach einer Stunde im Topf um die Hälfte geschrumpft!

Das war kein Hauptgericht mehr, der Oktopus disqua­lifizierte sich zur kleinen Vorspeise. Aber ein Koch, der sich nicht zu helfen weiß, ist keiner. Der Freund und die Gat­tin planschten noch einige Stunden im Lauwarmen – ge­nug Zeit, umzuplanen: Tintenfischrisotto oder ein lecke­rer Salat ließ sich aus dem Tierchen auf jeden Fall noch gewinnen, wenn es nur endlich Mitleid mit mir hätte und sich er­weichen würde. Ich eilte in den Keller, die Vorräte kon­trollieren. Vielleicht musste ich einem im Eisschrank tiefgefrorenen Hasen das Schwimmen beibringen, damit jener den Tag rettete.

Als ich wieder in den Topf sah, zog es mir buchstäblich die Schuhe aus: Erneut war der Krake geschrumpft, hat­te die Größe eines gewöhnlichen Kalmaren – und war noch immer nicht weich. Das Tier machte sich lustig über mich, den Chef de Cuisine, den Maître!

Na warte! Ich schob meine weißen und gelochten Latschen zur Seite, spürte die kühlen Terrakotta-Fließen unter mei­nen ausladenden Fußsohlen. Ich erdete mich. Das war ein Zweikampf: Der größte Koch der Welt gegen den Kraken – da konnte es nur einen Gewinner geben. Zum Amuse-Gueule reichst du noch, dachte ich, das »freut das Maul«. Dich krieg’ ich weich – windelweich!

Wie die meisten Schriftsteller konnte man Nikolaus mit der Witwe Clicquot oder dem Baron Rothschild ab­lenken, bei den Damen war das schon schwieriger! Ich sah bereits den halblächelnden Blick meiner Holden auf mir lasten, mit dem sie mitleidig die Reste des Kraken begutachten würde: Nein, jetzt musste eine zündende Idee her.

ZWEITES GEDICHT VOM OKTOPUS

Oktopus, oh Oktopus,
was ich mit dir erleben muss.

Oktopus, oh Oktopus,
du bereitest nur Verdruss.

Oktopus, oh Oktopus,
jetzt ist aber endlich Schluss.

Ach, Oktopus, nun werd’ schon weich,
landest sonst gleich
als Futter bei den Fischen im Teich.
*

Wieder verging eine Stunde, dann sah ich erneut nach dem Kraken. Es roch verführerisch in der Küche. Ich nahm einen Schaumlöffel, fischte nach dem unbeugsa­men Monster. Sie werden es nicht glauben, aber ich lege meine Hand ins Feuer, denn ich lüge oder übertreibe nie:

Im Topf schwammen Karotten, Zwiebeln, Sellerie, Lauch, Fenchel, Lorbeerblätter, Chi­lischoten und sonst – nichts. Der Krake hatte sich einfach in Luft oder besser gesagt, in Wohlgeschmack aufgelöst … Wobei, das stimmt nicht ganz: Tief un­ten, unter dem Gemüse, auf dem Boden des Topfes, lag eine Kugel aus lila-schwar­zer Materie, hart wie eine Glasmurmel und tonnen­schwer. Es war unmöglich, den Topf anzuheben oder sie mit einer Schöpfkelle herauszufischen. Die acht Arme hatten sich wie die Milchstraße ineinander gedreht und dabei in ein schwarzes, materieschweres Loch verwandelt. Ich fühlte mich, als würde ich hinein­gezogen und hätte mich dort am Liebsten für alle Ewigkeit und noch länger versteckt.

»Was gibt es heute Abend Leckeres?« Meine Frau stand in der Küchentür, schnupperte. Frau Klammerle und mein Freund und Trau­zeuge schoben sich hinter ihr herein.

»Die Sauna macht hungrig«, rief er.

»Suppe«, sagte ich, »leckerste Oktopussuppe, das Beste, was es gibt. Das gibt es auf keiner Speisekarte der Welt. So eine einmalige Köstlichkeit kriegst du nur bei mir. Mein Pota­ge beschert sogar Mumien feuchte Träume.«

Und – glauben Sie’s mir oder nicht – ich hatte recht!

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(1) Bitte nicht mit einem „Carpaccio“ verwechseln, das sind zwei grundverschiedene Dinge.

Freitag, 19.06.20 All diese Jahre …

Freitag, 19.06.2020

„Unser eigenes Älterwerden bemerken wir am deutlichsten, wenn unsere Kinder älter werden.“ Dieser Satz ist eine Binsenweisheit, aber er ist nichtsdestotrotz wahr. Heute hat mein Sohn Nr. 1, über den ich hier schon das eine oder andere Mal geschrieben habe, seinen 30. Geburtstag. Er ist damit schon vier, bzw. drei Jahre älter, als Frau Klammerle und ich es bei seiner Geburt waren – die gefühlt erst vor ein paar Wochen stattfand.(1)

Tatsächlich ist aber der 19. Juni des Jahres 1990 so lange vergangen, als wäre er anderen Personen in einem anderen Leben begegnet. Doch er ist einer der wenigen Tage, die mir bis in ihre Einzelheiten hinein in die Erinnerung eingebrannt sind. Dieser Dienstag vor 30 Jahren hat mein Leben (und freilich auch das von Frau Klammerle) vollkommen umgekrempelt und unsere Lebensziele neu definiert.

Es war ein heißer Tag, der ganze Juni 1990 war im Gegensatz zu dem in diesem Jahr sonnengeflutet und hochsommerlich. (2) Und wir lebten in einer anderen, sorgloseren Welt. Die Mauer war zwar einem halben Jahr gefallen,  es gab – zumindest  auf dem Papier – zwar noch zwei deutsche Staaten, aber der Ostblock war Geschichte und die blutigen Geburtswehen des heutigen Europas in den Balkankriegen hatten noch nicht begonnen. Noch waren die Revolutionen unschuldig und hoffnungsvoll. Nr. 1 in den deutschen Charts war Mathias Reim mit „Verdammt, ich lieb‘ dich!“ Es herrschte ein Gefühl der Erleichterung und des Optimimus‘ vor. Und es war Sommer und was für einer! Beckenbauers robuste Fußballnationalelf, die sich 1990 ihren 3. Stern eroberte, spielte an diesem Tag gegen Kolumbien und dieses Match war auch im Krankenhaus den meisten Leuten wichtiger als die Geburt von Nr. 1, den Frau Klammerle just während der Partie am frühen Abend  um 18:49 Uhr zur Welt brachte. Damals … Meine Hände zuckten gerade kurz von der Tastatur zurück. Es ist merkwürdig in diesem Zusammenhang von „damals“ zu schreiben, aber zu meinem Erschrecken passt es. Das war tatsächlich „damals“. Ich fühle mich gerade, als würde ich meinem Vater lauschen, wenn er vom Krieg erzählte. Also:

Damals gab es noch keine Handys, aber die Hebamme machte kurz nach der Geburt eine Polaroid-Aufnahme. Sie zeigt, inzwischen stark nachgedunkelt, zwei frischgebackene, durchschwitzte, vor Glück fast platzende Eltern mit einem zufrieden lächelnden, dunkelhaarigen, später strohblonden Neugeborenen (3100 g) zwischen sich. In meinem Gesicht steht eine faszinierte Verwirrung und auch Unsicherheit, die auch noch eine ganze Weile anhalten sollte. War mir da schon bewusst, dass mit diesem Gast, der sich für länger bei uns einnisten wollte, mein Leben in einen neuen Abschnitt eingetreten war? Dass ich mir von einem Moment auf den anderen Verantwortung aufgeladen hatte und mein Leben vorkommen umkrempeln musste?(3) Ich war damals, mit 27, noch immer damit beschäftigt, erwachsen zu werden. (4) Wir wohnten in einer billigen 3-Zimmer-Wohnung in der Augsburger Jakobervorstadt. Frau Klammerle arbeitete bereits als Kinderkrankenschwester in der Frühgeborenen-Intensivstation des Krankenhauses, in dem Nr. 1 das Licht der Welt erblickte. Ich tänzelte und pubertierte noch. Ich war in meiner ersten Phase als Autor und schrieb meine „Jahrmarkt“-Romane, hielt Lesungen, plante Theaterstücke, verplemperte meine Zeit im „Sommacal“ und im“Anna Pam“ und versuchte vergeblich, berühmt zu werden. Nebenzu prokrastinierte ich zuerst BWL, dann Informatik und das wenige Geld, das ich verdiente, kam über eine selbstständige Dozententätigkeit in der Hauptsache für die Papierfabrik Haindl herein, bei der ich Mitarbeiter-Schulungen in Bürosoftware (5) abhielt. Die ließ ich mir zwar schamlos gut bezahlen, aber sie fanden unregelmäßig und in großen Abständen statt. Bereits morgen würde ich einen dreitägigen Kurs in einem so überhitzten Raum unter dem Dach einer Firma leiten, dass dort ständig die Computer ausfielen und man auf den Netzteilen Spiegeleier braten konnte.

Schon bald würde Haindl in die Wirtschaftskrise der frühen 90er schlittern und auf meine Dienste verzichten; mein Informatikstudium scheitern. Und meine Bücher? Ach, eine Absage und eine Erniedrigung nach der anderen! Um überhaupt über die Runden zu kommen – Frau Klammerles Gehalt als Kinderkrankenschwester war lächerlich niedrig -, jobbte ich als Postzusteller und begann dann eine neue Ausbildung. Während unserer Arbeitszeiten (Frau Klammerle machte meist Nachtwachen) passte oft meine Mutter auf Sohn Nr. 1 und drei Jahre später auch auf Nr. 2 auf. Wir waren arm, es war anstrengend, aber im Nachhinein betrachtet, war es wahrscheinlich die glücklichste Zeit unseres Lebens.

Also gut, dann bin ich also alt! (Im Gegensatz zu Frau Klammerle, der es irgendwie gelingt, niemals alt zu werden) Heute wird gefeiert. Nr. 1 ist 30 geworden und er ist uns wohlgeraten. Längst ist er von zuhause ausgezogen, hat nach dem Abi in Freiburg und dann in Tübingen Biologie studiert und hat – ja, ich bin stolz – einen Masterabschluss mit einem Einser-Schnitt. Er arbeitet in einer internationalen Firma, die bioanalytische Dienste anbietet. Diese Arbeitsstelle hat ihn durch Zufall wieder nach Augsburg gebracht. Aber jetzt klingelt es an der Tür. Dort steht er mit einem selbstgebackenen Kuchen in der Hand.

Ein paar Tage später auf unserer Wohnzimmercouch. Ich wirke noch immer etwas verunsichert.

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(1) Nr. 1 hat selbst noch keine Familienplanung im Sinn; ja, er ist noch nicht einmal der Frau begegnet, mit der er eine gründen möchte. Er ist noch zu haben. Falls du, liebe Leserin dieses Blogs, ernstgemeintes Interesse daran haben solltest, mit ihm in Kontakt zu treten und es dich nicht abschreckt, dass du dadurch unter Umständen auch mich persönlich kennenlernst, dann schicke mir eine Mail. Ich leite sie an meinen Sohn weiter.

(2) Dieser Hitzesommer 1990 taucht übrigens in einigen der Geschichten, die ich in dieser Zeit schrieb, wieder auf; besonders in meinem Roman „Nutzlose Menschen“ (überall im Buchhandel erhältlich) und in der Erzählung „crisis“.

(3) Selbstverständlich ging das nicht von heute auf morgen. Frau Klammerle würde noch eine ganze Weile die einzige Erwachsene in unserer Familie bleiben. Vielleicht ist sie das heute wieder …

(4) Ein Schwabe wird erst mit 40 g’scheit.

(5) Das war die Goldgräberzeit, in der in allen Büros die ersten PCs auf den Tischen standen. Lotus 1-2-3, D-Base und Symphony, DOS-Einführungen. Vielleicht erinnert sich noch jemand. Ich besaß einen IBM-AT-Rechner (16 Mhz), auf dem ich meine Vorbereitungen machte und auch meine Texte abtippte, die ich dann auf einem Nadeldrucker aus der virtuellen Existenz ins Dasein holte. Wenn ich den Rechner morgens einschaltete und er dann über 5 1/4 Zoll-Diskette sein Betriebssytem lud, konnte man noch bequem eine Tasse Tee kochen, bis er sich erschöpft mit „A:>_“ meldete. Nicht nur an den Kindern merke ich, wie alt ich geworden bin …

Haare lassen …

Haare lassen

Es heißt, Männer bemerken ihr Alter, wenn der Haar­wuchs auf ihrem Haupt plötzlich nachlässt, dafür nach innen wächst und aus allerlei Körperöffnungen drängt und ragt, z. B. aus den Nasenlöchern oder den Ohren, sich aber auch verdreht aus allen Hautporen quetscht und die Augenbrauen zu ver-‚waigel‘-ten Vorhängen formt.

Nun, bei mir tritt der zweite dieser Effekte bereits ein; kürzlich erwarb ich mir einen Nasenhaarschneider, um dem widerspenstigen und vollkommen sinnfreien Be­wuchs einiger Körperregionen Herr zu werden. Sein Einsatz war bislang unangenehm kitzlig bis schmerz­haft, aber wenig erfolgreich. Ich habe das Gefühl, je mehr Haare ich aus Nase, Ohren oder von den Zähnen entferne, um so stärker wachsen sie nach. Sohn Nr. 2, immer auf Kritik gebürstet, sieht mich dann bei seinen sporadischen Besuchen noch skeptischer an als sonst üblich und bemerkt:

„Papa, das geht gar nicht!“

Gleichzeitig zeigt mein Haupthaar keinerlei Neigung, in seinem Wuchs nachzulassen. Gut, die Haare werden langsam an den Schläfen, auf dem Kopf und vereinzelt auch an ande­ren Körperstellen grau, aber das war es auch schon. Das unkämmbar dicke und feste, grau-schwarz melierte Gestrüpp wächst weiterhin munter vor sich hin und zeigt keine Blößen. Das tut es übrigens in einem atemberaubenden Tempo, wie ich finde. Mei­ne Haare sind wie die CSU: Schwarz, störrisch und ver­filzt.

Vielleicht gehöre ich zu den Männern, die einen zu niedrigen Testosteronspiegel besitzen oder die Mähne ist von dem einen Hunnen in meiner Ahnenkette vererbt, der auf der Schlacht am Lechfeld sein Leben ließ, aber vorher noch meine Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Urgroßmutter – sagen wir mal: – ehelichte. (Der Zweitname von Sohn Nr. 2 lautet nicht ohne Grund „Attila“. Nein, das war ein Scherz.)

Aber es schieben sich bei mir kei­ne Geheimratsecken die Stirn weiter nach oben, nir­gendwo entsteht im Dickicht meines verfilzten Haupt­haar-Dschungels eine Lichtung, durch die das Tageslicht auf die Kopfhaut fallen und einen Sonnenbrand erzeugen kann. Dazu habe ich das Gefühl, dass mit dem Alter die Wuchsgeschwindigkeit und die Felldichte meiner Behaarung wie bei meiner Katze Amy im­mer noch zunimmt, die wie ich immer flauschiger wird (1). Manchmal sehe ich morgens in den Spiegel und sehe vor lauter Haaren den Nikolaus M. Klammer nicht. Das sorgt zwar für warme Gedanken bei den kühleren Jahreszeiten, aber das ist der einzige Vor­teil. Als hätte ich nicht schon genug mit dem doofen, zeit­raubenden Rasieren zu tun!

Da der Herr das Vergehen der Zeit nicht mit der Uhr, sondern am Wachsen der Haare und Nägel seiner Geschöpfe misst, ist der wie ein Naturgesetz erwartbare Ausbruch von Frau Klammerle nahezu blasphemisch, aber unvermeidlich:

„Deine Haare! Die müssen unbedingt geschnitten wer­den.“

Hier ist es das Beste, nickend Zustimmung zu heucheln und darauf zu hoffen, dass sie über die Woche hinweg alles wie­der vergessen wird, was nach ihrem ersten Ausbruch noch recht wahrscheinlich ist. Aber nun ist die Sache auf der Welt, der Gedanke ausgesprochen, in Hegelschem Sinne ‚denkbar‘ ge­worden. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er sich wieder auf ihrer Zunge manifestieren wird und diesmal um so nachdrücklicher. Jetzt ist meine ganze Geschicklichkeit im Erfinden von Ausreden gefordert, um das Unver­meidliche hinauszuzögern, den partiellen Verlust mei­ner prächtigen Haartolle in einer demütigenden Fol­tersitzung, einer Form von ‚waterboarding’ mit Verstüm­melung, die dazu unverschämt viel Geld kostet, zu ver­lieren. Die Coronaquarantäne war für Monate eine akzeptierte Ausrede.

Doch es ist längst wieder der Punkt erreicht, an dem ich früher oder später meine Haare lassen muss. Nun ist es aber so, dass ich ein Problem mit Friseuren habe: Ich betrachte sie für überflüssig. In meiner Liste der unnützesten Berufe der Welt rangieren die ‚Hairstylisten‘ neben Versicherungsheinis, Steuerberatern, Sextherapeuten (da wären wir wieder beim Testosteron), Fitnesstrainern und Berufssoldaten ganz oben. Sie ver­langen Geld für eine Leistung, die ich eigentlich nicht nachfragen will.

Nebenbei: Ich war zuletzt als Jugendlicher beim Friseur. Deshalb gebe ich es auch offen zu: Ich habe Haare, keine Frisur. Alle drei, vier Monate muss der Pelz allerdings runter, doch dafür würde ich nie in einen Salon gehen, der etwas schmerzhaft Lustiges mit dem Wort „Hair“ anstellt oder den Namen der Besitzerin mit einem unnötigen Deppen-Apostroph im Titel trägt: „Uschi’s Hairmonie“ oder so ähnlich. Und diese rechtschreibschwache Uschi möchte für die Untat, die aus Samson einen te­stosteronarmen Schwächling machte, auch noch bezahlt werden!(2) Überhaupt! In was für einem Land le­ben wir denn? Hier gibt es mehr ‚haircutter‘ als Buch­handlungen! Und das nennt sich Kulturnation!

*

Kürzlich war nun wieder so ein Tag. Ich kam am Abend müde aus der Arbeit, in der ich im Schweiße meines An­gesichts das wenige Geld verdiene, mit dem ich meine Familie durch den Tag bringe. Frau Klammerle saß er­wartungsfroh auf dem Sofa und betrachtete mich auf­merksam. Nach dreißig Ehejahren spürte ich instinktiv, dass sie etwas von mir erwartete, aber was nur? Im Juni gibt es keinen Geburtstag oder ein Jubiläum, das ich vergessen könnte. Ich fragte also, wie es ihr ginge.

„Gut“, war die Antwort. Aber ihr musternder Blick blieb auf meinem Gewissen lasten. Was hatte ich schon wieder ausgefressen?

„Wie war die Yoga?“

„Gut.“

„Gibt es etwas Neues?“

„Nein. Fällt dir überhaupt nichts auf?“ Die Augen werden schmal.

Mist! Die Falle. Ich weiß, sie ist da, aber ich finde sie nicht. Jeder Schritt kann mein letzter sein. Ich sehe mich um. Irgendein neuer Dekoartikel? Nein. Blumen? Nein. Ich mustere meine Frau angestrengt. Hat sie neue Klei­dung an? Nein. Schuhe vielleicht?

Das Warten wird ihr zu lang:

„Meine Haare! Ich war nach drei Monaten endlich wieder beim Friseur. Das musst du doch sehen; die sind jetzt viel kürzer. Und ich habe ei­nen Pony!“ Strafende Pause, während ich mich gebührend schäme.

„Und überhaupt! Wie sehen deine Haare … Die sind auch viel zu lang. Willst du nicht auch mal zum Friseur.“ Letzter Satz nicht als Frage, sondern als Vorwurf formuliert.

Was soll ich noch erzählen? Ich habe nichts gesehen. Sie hatte Haare auf dem Kopf, die hatte sie auch schon, als ich mich am Morgen von ihr verabschiedete. Ich has­se Friseure. Sie tun so, als würden sie irgendetwas mit der Frisur von Frau Klammerle machen, kassieren da­für ein Ungeld, um das zu verdienen ich einen ganzen Tag in die Arbeit rennen muss und bedrohen mit dieser Nichtleistung auch noch leichtfertig meinen Ehefrieden.

Also sage ich seufzend zu Frau Klammerle, als würde ich mich in mein Schicksal ergeben:

„Schneide du sie mir doch.“

Und das macht sie dann, seit dreißig Ehejahren. Sie fällt jedes Mal darauf rein …

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(1) Es gibt Leute, die nennen Amy dick, aber das ist nur eine böse Verleumdung! Auch wenn sie kämpfen muss: Noch passt sie durch ihre Katzenklappe.

(2) Übrigens habe ich diese Abneigung, mir die Haare schneiden zu lassen, auch an meinen Sohn Nr. 1 vererbt. Hätte er keinen Beruf, in dem er ein einigermaßen gepflegtes Äußeres präsentieren müsste, würde er wie Hägar, der Schreckliche herumlaufen. Frau Klammerle behauptet, meine Söhne hätten von mir alle ihre schlechteren Eigenschaften und die guten von ihr. Leider ist da etwas dran …

Freitag, 05.06.20 Ein neuer Titel – ein neues Buch

Freitag, 05.06.2020

Ein verregnetes Wochenende hat durchaus auch seine Vorteile. Man fühlt sich nicht verpflichtet, den Sonnenschein auszunutzen und unbedingt etwas zu unternehmen. Der Garten gießt sich selbst, Frau Klammerle zerrt mich nicht aufs Rad oder Schusters Rappen, um gemeinsam unsere Schwäbische Heimat zu erkunden (1). In diesen Tagen kann ich endlich mal im Schlaraffenland meiner Literatur hausen, nachdem ich den Griesbreirand durchfressen habe, der im Ausfüllen der insgesamt 25 Seiten Witwenrentenformulare bestand, die ich als neuer Betreuer meiner dementen Mutter abzugeben habe.(2) Bin ich eigentlich der einzige, der diese Arbeit zum Kotzen findet und bei manchen der Auskünfte, die eingefordert werden, einen Tobsuchtsanfall erleidet? Davon mal abgesehen, dass ich das entsetzliche Beamtendeutsch nur so ungefähr und manches überhaupt nicht verstehe, anderes widersprüchlich ist … Die Hölle, stelle ich mir vor, besteht nur aus Formularen und Beamten, die nicht kapiert haben, dass sie nur meine Dienstleister sind. Schließlich bezahle ich sie gut dafür. Nein, diese kleinen Götter halten mich, der ich zum ersten Mal solch einen Antrag ausfülle, grundsätzlich für doof oder zumindest für einen Betrüger, der sich absichtlich dumm stellt.

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Ich habe also viel Zeit, um nachzudenken. Ein Konstruktionsfehler meines 1. Brautschauromans »Meister Siebenhardts Geheimnis« war es, ihn mit einem einhundertfünfzigseitigen Prolog beginnen zu lassen, der etwa 30 Jahre vor der Haupthandlung spielt und praktisch erst am Ende des Buchs wieder eine Rolle spielt. Viele Leser fanden, ich hätte zwei unzusammenhängende Romane zusammengeklebt. Für den 2. Brautschauroman »Faiabas Erwachen«, an dem ich gerade arbeite, hatte ich eine ganz ähnliche Struktur geplant. Diesmal sollte der Prolog sogar 5880 Jahre vorher spielen und erzählen, wie die Welt von Brautschau wurde, wie sie ist. Ich bin gerade dabei, eine frühe Version dieses „Kapitels“ hier zu bloggen. Doch ich glaube inzwischen, dass es besser wäre, aus diesem Anfang, der übrigens im Gegensatz zum Rest der fantasy– und märchenlastigen »Brautschau«-Saga vollständig im Science-fiction-Genre angesiedelt ist, ein eigenes Buch zu machen. Es soll »Mánis Fall« heißen und von den letzten Tagen unserer Zivilisation berichten.(3) Ich denke, den Roman noch in diesem Jahr fertigstellen zu können.

Dies ist nun der erste Entwurf des Titelblatts. Wie gesagt, habe ich an diesem Wochenende Zeit für solche Spielereien. Wie gefällt es euch?

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(1) In den letzten Tagen hatten wir Urlaub, den wir ja – wie wir vor der Pandemie geplant hatten – eigentlich in einer Ferienwohnung im Herzen des Burgund verbringen wollten. Daraus wurde nichts. Deshalb eröffneten wir unsere Biergartensaison, kochten Spargel, tranken Burgunder und radelten im Aichacher Hinterland und ein Stück des Illerradwegs, erstiegen im Ries den »Zeugenberg« Ipf und wanderten im Ostalpkreis durch das Ugental. Ach, süße Heimat, was bist du so schön … (Wir wären trotzdem lieber in die Bourgogne gefahren)

(2) Und neben mir liegt noch ein Stapel von Formularen, die ich noch erledigen muss; fast täglich kommt ein neues dazu. Ich soll sogar die Einkommenssteuererklärung für meinen verstorbenen Vater machen!

(3) Máni ist übrigens der Name der Mondgottheit in der nordischen Mythologie. Am Tage des Weltuntergangs (Ragnarök) wird der Mond von dem Wolf Mánagarmr verschlungen und das dabei verspritzte Blut wird die Sonne verdunkeln.

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