Aber ein Traum …

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Der Freitagsaufreger (XII) – Die Welt durch Glas

Meine Arme sind zu kurz.

Vielleicht sind sie auch geschrumpft – so, wie die Ohren immer größer werden. Nur umgekehrt eben.

Es fiel mir gestern auf. Ich bremste meinen Einkaufswagen zwischen den engen Regalen des Supermarkts ab und versuchte, ein Wort auf dem Zettel zu entziffern, den mir Frau Klammerle mit ihrer unnachahmlich kleinen und unleserlichen Handschrift erstellt und mitgegeben hatte. Einkaufslisten werden in der Klammer’schen Familie grundsätzlich daheim vergessen. Erstaunlich genug, dass heute die Regel eine Ausnahme hatte, das Stück Papier in meinen Fingern war und nicht wie meist noch zuhause auf der Anrichte lag.
Klar, manches wusste ich auswendig: Seit Sohn Nr. 1 bei uns einen Teil seiner Semesterferien verbringt, steigt unser Lebensmittelverbrauch – besonders der von Milch und Schokomüsli – exponentiell an. Man erwartet schließlich zwei warme Mahlzeiten am Tag. Aber was bedeutete das letzte Wort, ganz unten auf der Liste, unter „Hefe“ und „Mehl“? Ich starrte auf das Papier und alles verschwamm: „Kartoffeln?“ – „Karpfen?“ – „Karabiner?“

Gut, ich hatte noch meine Sonnenbrille auf, weil ich mal wieder am Eingang vergessen hatte, sie gegen die normale auszutauschen. Also in die Tasche fassen, das Etui herausnehmen und die Brille wechseln… Es half leider nichts, ich sah nicht deutlicher. Ich schob die Brille nach oben und streckte den Arm aus, ging mit Oberkörper und Kopf zurück. Der Abstand zwischen dem Zettel und meinen Augen war noch immer zu kurz: Ich konnte das einfach nicht entziffern. „Karosserie?“ – „Karsamstag?“

Eine Oma rammte mir ihren Einkaufswagen schwungvoll von hinten in die Fersen. Durch den Schmerz stellte sich für Momente mein Fokus klar. Nein, es lag nicht an mir: Das Wort war einfach unleserlich. Obwohl ich seit über 25 Jahren Hermeneutik an ihrer Handschrift betreibe, scheitere ich doch immer wieder an den Notizen meiner Frau. Die Oma drängelte an mir vorbei und murmelte etwas Unfreundliches über einkaufende Männer. Ich warf dem Rücken einen bösen, aber unscharfen Blick hinterher – klar, meine Brille lag ja noch auf meinen Haaren. „Karmagnola-Minze?“ – „Karl-Heinz?“

Es ist übrigens nicht die Brille, die ich sonst immer trage, sondern eine alte Reserve. Dazu muss ausholen. Ich hoffe, Sie bringen etwas Zeit mit. Vielleicht machen Sie sich noch eine Tasse Kaffee und schmieren sich eine Butterbrezel, bevor Sie hier weiterlesen.

BrillenDass ich kurzsichtig bin, fiel mir mit Sechzehn auf: Da ich als der coolste Schüler von allen selbstredend ganz hinten in der letzten Reihe saß, war es mir auf einmal unmöglich, die Tafelanschriften zu entziffern. Zwar hatten einige Lehrkräfte eine ähnliche Handschrift wie heute Frau Klammerle, aber unscharf schrieb keiner. Das erste Modell, das mir angepasst wurde, hatte die Form einer riesigen Pilotenbrille – heute würde man das Ding „Porno“-Brille nennen. Es waren die Achziger und meine Mutter hatte bei mir in Modedingen das Sagen. Aus mir heute unerfindlichen Gründen setzte ich mich, sobald ich 18 war, auf diese Brille. Die nächsten Modelle waren dem jungen Künstler angemessen, kreisrunde und ovale Formen mit dünnen Metallrahmen. Dieser Linie bin ich bis heute treu geblieben. Ich werde mir keine Hipster-Brille mit dickem schwarzem Kunststoffgestell zulegen, durch die jeder Dorftrottel sich einen intellektuellen Touch zu geben glaubt. Ich bin nicht Alexander Dobrindt; das habe ich nicht nötig. Meine Augen, die ich mir wahrscheinlich durch exzessives Computerspielen und heimliches Lesen unter der Bettdecke verdorben habe, wurden über die Jahre nicht schlechter, ich blieb immer gleich kurzsichtig. Vor etwa fünf Jahren begannen dann allerdings die Probleme: Meine Augen fokussierten schlechter, ich konnte nicht mehr gleichzeitig lesen und fernsehen, im Café schreiben und dabei den Mädels hinterher sehen. Eine Weile hoffte ich, die neue Weitsichtigkeit würde die Kurzsichtigkeit regulieren. Aber dieses Glück hatte ich natürlich nicht. Ich wurde zum „erstaunlichen Maulwurfmann“. Vor einem Jahr traf ich deshalb einen folgenschweren Entschluss.

Jetzt bin ich im Besitz einer Lesebrille und einer Sonnen-Lesebrille und zweier Fernsicht-Sonnenbrillen und eine normalen Brille und einer alten, vollkommen unmodischen Reservebrille. Aber nie finde ich die, die ich gerade brauche; wenn ich überhaupt eine entdecke, meist stolpert der erstaunliche Maulwurfmann allein durch Zufall über eine. Suchen Sie mal Ihre Brille, wenn Sie kurzsichtig sind!

Vor einer Woche nun hat sich meine normale Brille in Luft aufgelöst und ich kann sie einfach nicht finden. Wahrscheinlich wurde sie in eine Parallelwelt versetzt oder befindet sich an Frau Klammerles geheimen Ort*. Ich trage die alte Reserve – bin jetzt der „erstaunliche Maulwurf-Eulen-Mann“. Die Sonnenlesebrille ist übrigens auch weg. Deswegen stand ich  gestern im Supermarkt und versuchte vergebens das kryptische Kleingedruckte auf einer Müslipackung zu lesen (Sohn Nr. 1 mag keine Rosinen). Meine Arme sind viel zu kurz.

PS. Frau Klammerle wollte übrigens „Karotten-Bio“; die brachte ich nicht mit. Deshalb muss ich jetzt noch einmal los. Wo habe ich nochmal meine Reservebrille hingelegt…?

* Dort bewahrt sie Dinge wie den wundervollen Totenkopffingerring von Sohn Nr. 2, meine geliebten beschneiten Plastikweihnachtskugeln oder die Batmancomics auf.

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