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rothaus99

DAS ROTE HAUS
Kurze Geschichten
Anthologie, illustriert
(Die Buchausgabe hat 230 Seiten)


Der durch seine Romane bekannte Autor Nikolaus Klammer erweist sich in diesem Auswahlband mit 25 kurzen Geschichten auch als ein Meister der kleinen Form. Die hier versammelten Kurzgeschichten sind voller Experimentier- und übersprudelnder Erzählfreude. Sie berühren, machen nachdenklich und überraschen durch ihre Themenbreite, ihren Einfallsreichtum, ihre Eleganz und ihren Sprachwitz. Sie beweisen aufs Neue, wie bunt die Palette des Autors der Romanreihen »Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren«, »Brautschau« und »Jahrmarkt in der Stadt« und der beiden Essaybände „Noch einmal davon gekommen“ und „Noch einmal daran gedacht“ ist.

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„Aber du wirst einsehen, wie ich aus dem Zustand des einen auf die Gesamtheit schließen kann. Ich will einen herausgreifen und ihn zeigen wie er scheitert oder sich arrangiert. Eine dritte Möglichkeit gibt es nicht!“ Hier hattest du es eilig, mich zu unterbrechen: „Auch Arrangement ist ein Scheitern. Es ist die alltägliche Form des Scheiterns, die undramatische, die du in deinen Geschichten und Bildern gerne unterschlägst. Auf einem falschen Weg kann man nur wenige Schritte in die richtige Richtung gehen.“

Das ist meine Lieblingsstelle aus Niklas Klammers Kurzgeschichtensammlung „Das rote Haus“. Sie ist aus dem Text „Der Wanderer“ und sie ist es deswegen, weil er an dieser Stelle, in diesem Abschnitt, exemplarisch sein Programm vorstellt. Das Buch folgt diesem Einen auf einer Zeitreise durch drei Jahrzehnte literarischen Schaffens. Es zeigt zu Beginn einen zornigen, jungen Autoren, der sich mit der braunen Vergangenheit seiner Vätergeneration auseinandersetzt, mit Konzentrationslagern und Gulags. In „Rache“ erzählt er von einem, von paranoiden Fantasien getriebenen, ehemaligen KZ-Aufseher, der einer Jüdin begegnet, die er meinte, ermordet zu haben. Nicht genug damit, versucht sein vermeintliches Opfer auch noch, ihrem Peiniger nach einem Unfall das Leben zu retten. Man folgt in „Palimpsest“ dem Physiker Dr. Renning, dem Erfinder einer Zeitmaschine, mit deren Hilfe er sich ins Jahr 1923 zurückbeamt, um mit einem gezielten Kopfschuss Adolf Hitler zur Strecke zu bringen. Ich darf verraten: es misslingt und zwar auf so groteske Weise, dass, wer den wirklichen Fortgang der Geschichte kennt, sich ein mandelbitteres, verzweifelt verzerrtes Grinsen nicht verkneifen mag. Die zweite von vier Abteilungen des Buches befasst sich mit Futuristischem, einer Welt beispielsweise, in der die Literatur von Computerprogrammen erstellt wird, mit allen katastrophalen Folgen für die Lesbarkeit der Texte. Sie holt Kindheitserinnerungen zurück über die Irritationen, die das Auftauchen des weiblichen Geschlechts in einer Bande halbwüchsiger Jungs schafft und sie entführt uns mehrfach ins toskanische Italien, wie man unschwer erkennen wird, einem der bevorzugten Aufenthaltsorte des Autors Klammer. Die dritte Abteilung befasst sich mit Beziehungsgeschichten im weitesten Sinne des Wortes, die vierte mit, mehr oder weniger, programmatischen Texten, wobei die Sinnhaftigkeit des Auftauchens diesen oder jenen Textes in den jeweiligen Gruppen sich mir nicht immer erschließt. Es gibt Überschneidungen. Das ist aber nur eine Randnotiz und stört nicht, da jede der Geschichten des Buches eine, in sich abgeschlossene erzählerische Einheit darstellt. Mein persönliches Highlight ist die Geschichte „Der Schriftsteller, die Putzfrau und der Tod“. Hier kann man, obwohl, oder vielleicht gerade weil es ums Sterben geht, von Herzen über einen Schriftsteller lachen, der sich, soeben unter überaus merkwürdigen Umständen verstorben, zusammen mit seiner ebenfalls just verschiedenen Putzfrau vor einer Kinoleinwand wiederfindet, auf der in diesem Moment ein Film läuft, der die letzten Minuten im Leben der beiden zeigt. Die Geschichte ist, obwohl vom Plot her tragisch, so komisch erzählt, dass der Tod, der am Ende als lässiger Literaturliebhaber erscheint, seinen Schrecken gänzlich verliert.

Niklas Klammer macht den Zugang zu seinen Texten nicht immer einfach und das ist gewollt. Gerade die älteren sind herausfordernd und teilweise, aufgrund der politischen Thematik, schwer verdaulich. Das macht sie jedoch nicht weniger interessant und lesenswert – im Gegenteil. Sie sind schwierig, weil sie den Leser zwingen, sich zu positionieren. Klammer lesen und danach Tagesschau sehen oder ruhig ins Bett legen, das funktioniert nicht. Die späteren Texte sind leichter, humorvoll und mit viel Raffinesse geschrieben. Beeindruckend ist die Genauigkeit der Beobachtung menschlichen Verhaltens. Niklas Klammers Kurzgeschichten sind nie nett, keine Love Stories, keine pittoresken Bildchen aus dem braven, bürgerlichen Leben. Es sind Traumbilder, manchmal alptraumhaft. Sie wollen eklig sein, komisch, grotesk, gelegentlich absurd, verstörend. Es sind Bilder aus dem Leben eines Einzelnen, der sich exemplarisch nimmt für das Ganze. Wer sein Leben ruhig und beschaulich mag, der ist hier falsch! Für alle anderen, vor allem die, die den Autoren Niklas Klammer kennenlernen wollen, ist „Das rote Haus“ ein must read“ (5 Sterne)

23.03.21 – Ich werde berühmt – oder?

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Dienstag, 23.03.21

Liebe Leserin,

ich habe in der letzten Woche ein Interview für den Podcast „Windmanns Eck“ der norddeutschen Autorin Laura Windmann gemacht. Sie wird bei Bastei-Lübbe verlegt und hat einige heitere Bücher über ihr Leben mit Mann, Hund, Garten und „Muddi“ geschrieben. Ich habe sie über Instagram kennengelernt und sie hat mich mit ihrer Einladung, an ihrem Podcast mitzuwirken, ziemlich überrascht und mir auch geschmeichelt.

Unser Gespräch, das wir in Coronazeiten selbstverständlich nicht vis-à-vis, sondern über das Smartphone und die Podcast-Software „Anchor“ führten, dauerte aufgrund einiger Tonprobleme (mein Sch*-Internetanschluss von Vodaphone) ziemlich lang, bis wir eine knappe halbe Stunde einigermaßen sendbares Material zusammengebracht hatten. Wir haben insgesamt viermal von Neuem begonnen. Doch Laura ließ sich nicht aus der Ruhe und ihrer guten Laune bringen und so ist – glaube ich – ein ganz ordentliches Autoreninterview zustande gekommen, in dem ihre humorvolle und sympathische Hamburger Containance auf meine Bayerische Geschwätzigkeit trifft. Ergänzt haben wir das Ganze durch eine kurze Lesung aus meinem Buch „Noch einmal davon gekommen“. Trotz der akustischen Mängel, meinem „Augschburgerisch“ und der Tatsache, dass wir die Hälfte der Fragen vergessen haben, kann sich das Ergebnis hören lassen und dies selbstverständlich auch auf spotify, google, amazon etc. Hier die direkten Links zum Interview und zur Lesung (einfach auf das Bild klicken):

Durch das Interview bin ich jetzt auch im Besitz der Podcast-Software und ich spiele nun mit dem Gedanken, mir ebenfalls eine wöchentliche „Radio-Sendung“ zu erstellen, in der ich z. B. meine Blogartikel einlese, Lesungen aus meinen Büchern halte oder einfach ein wenig mit Freunden oder mit mir selbst (1) plaudere. Ich könnte das auch hier auf meinem Blog machen. Vielleicht nenne ich meinen Podcast „Nikolaus plaudert …“ und ich werde ein berühmter Influencer wie !Bibi und so oft gehört wie „Gemischtes Hack“. Aber das ist eine Welt, in der ich mich noch nie bewegt habe und wahrscheinlich bin ich dort vollkommen fehl am Platz. Zudem hat mir Sohn Nr. 2, der immer das Ohr am Puls der Zeit hat, glaubhaft versichert, dass heutzutage jede*r_s, wirklich jeder, einen Podcast führt; sogar Kühlschränke und Haustiere. Das ist dann doch wohl eher nichts für mich. Oder was meinst du?

Nur ein Entwurf …

*

Wie die anderen eitlen Autoren neige auch ich dazu, mich selbst im Internet zu suchen. Dabei stieß ich nicht nur auf weihnachtliche Basteleien mit Nikoläusen und Wäscheklammern, sondern in mehreren Gebrauchtbuch- und Antiquariatsseiten auf folgendes Angebot:

Das war wie ein Stich direkt ins Herz und es blutet noch immer. Da habe ich jemandem ein gewidmetes (!) Exemplar meines Kurzgeschichtenbands „Das Rote Haus“ zukommen lassen (wahrscheinlich sogar als Geschenk) und dann ist der- oder diejenige so dreist, es nicht einfach weiterzuverschenken, auf einer Parkbank liegenzulassen oder in einen öffentlichen Bücherschrank zu stellen, sondern es verkaufen zu wollen, obwohl es „handschriftliche Anmerkungen“(?) enthält. Auch der Angebotspreis des gebrauchten Buchs von 8 € (plus Versand) ist frech, denn ein nagelneues Exemplar des „Roten Hauses“ aus der Buchhandlung um die Ecke wäre erheblich billiger (und würde mir wenigstens ein paar Cent Autorenhonorar einbringen). Allein die E-Book-Variante würde weniger als das Porto kosten. So wird das wohl nichts mit dem Verkauf. Trotzdem:

Ich weiß, ich müsste loslassen können. Aber diese Bücher sind meine Kinder und es schmerzt, wenn sie jemand nicht mit Respekt behandelt. Es ist, als würde man mich selbst nicht wertschätzen. Ich fühle mich benutzt und irgendwie besudelt – ein nur schwer erklärbares Gefühl.

*

Und dann sind da noch dieser mistige, eisige Frühling, die ganze äußere Situation, die mich einengen und einsperren und der sich über Monate aufgestaute Ärger über eine Corona-Politik, die zu spät, zu wenig und zu inkonsequent handelt. Ja, mir ging es schon einmal besser. Und die Arbeitsplatte für unsere neue Küche ist auch noch nicht da!

Vielleicht sieht ja in der nächsten Woche alles wieder ein wenig besser aus und wir hören uns demnächst bei Windmanns Eck oder bei meinem eigenen Podcast.

Bis dahin, dein Nikolaus


(1) Das kann ich besonders gut. Laura, die ich zwischendurch in Grund und Boden schwatzte, kann davon ein Lied singen. Ich bin mir mein liebster, interessantester und belesenster Gespächspartner, der mich immer wieder durch seine Schlagfertigkeit, seinen Esprit und seine Selbstironie begeistert.

 

 

Das rote Haus – Die Illustrationen

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Anfang Februar werde ich im Eigenverlag(1) meinen Kurzgeschichtenband „Das rote Haus“ veröffentlichen.

In dem 230 Seiten dicken Buch, das es selbstredend auch als Ebook geben wird, wird eine Auswahl meiner kurzen Geschichten zu finden sein. Ich habe das Buch in vier Kapitel unterteilt, um die 25 inhaltlich und auch sprachlich sehr unterschiedlichen Texte ein wenig zu gliedern. Zu jedem der Kapitel habe ich eine Illustration gemacht, die mit einem kurzen Zitat(2) in den Themenkreis einführt.

Da ich aus Kostengründen die Innenillustrationen des Buchs nur in Schwarz-Weiß abbilden kann, hier mal die farbigen Originale:

Ich hoffe, meine künstlerischen Versuche erwecken in euch die Lust, mein neues Buch zu lesen.


(1) Warum sagt man seit ein paar Jahren eigentlich immer „Selfpublishing“, wenn es dafür auch das, wie ich finde, elegantere und prägnantere deutsche Wort „Eigenverlag“ gibt? Sälfbublisching, nein, das geht gar nicht!

(2) Wer findet alle Quellen? Heutzutage ist das mit dem Internet kein Problem mehr.

Donnerstag, 02.01.20 – klein und kurz

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Donnerstag, 02.01.20

Ja. Freilich weiß ich es und ich habe das Unglück auch kommen sehen. Jedesmal nach Weihnachten tappe ich in die gleiche Falle und prokrastiniere in den wertvollen Tagen zwischen den Jahren, anstatt mich ernsthaft an meine literarische Arbeit zu machen oder etwas Sinnvolles wie den Haushalt oder die Steuer. Während Frau Klammerle ihrerseits bienenfleißig morgens um Fünf Uhr oder abends um Neun in ihre nervenaufreibende Arbeit rennt und sich aufopfernd um unseren Lebensunterhalt kümmert, liege ich stattdessen stundenlang faul auf der Couch, stopfe Lebensmittel und Süßigkeiten in mich hinein, trinke zuviel Bier und glotze Netflix-Serien oder daddle RPG’s am PC. Ab und an schlage ich sogar mal ein Buch auf, über dem ich dann jedoch regelmäßig einschlafe. Schon das morgendliche Aufstehen fällt schwer, Zähneputzen, Waschen und Anziehen noch mehr. Wenn Amy, die Katze, nicht lautstark meutern würde, weil sie gefüttert werden will, würde ich die Kaffeemaschine aufs Nachtkästchen stellen und bliebe dann wahrscheinlich zwischen dem 27. Dezember und dem 06. Januar komplett im Bett. Geschrieben habe ich kaum ein Wort, meine Romanprojekte liegen momentan auf Eis. Meister Siebenhard, der Geltsamer und Co. müssen eben warten. Sie maulen zwar, aber so ist das Leben mit einem faulen Autor eben; da müssen sie durch.

Nun, es gibt wahrscheinlich schlechtere Methoden, zu überwintern und es ist ja möglich, dass Balzac mit seiner Meinung recht hatte, dass man alt wird, wenn man sich nicht viel oder besser überhaupt nicht bewegt (siehe: Bäume und Schildkröten). Aber ich ärgere mich trotzdem über mich – alle Jahre wieder. Die „staade Zeit“ ist eigentlich viel zu kostbar und eine echte Gelegenheit, um ein wenig Ruhe und zu sich selbst zu finden, nachdem der hektische Advent vorüber ist, aber ich verschwende diese geschenkte Pause unter Wert und nun ist sie auch gleich wieder vorbei. Was zurückbleibt, ist statt Erholung körperliche Erschöpfung und Blähungen, statt Anregungen Dumpfheit und larmoyante Lethargie und statt Bewegung ein paar lästige Kilos mehr auf den Hüften, die ich in den nächsten Wochen wieder mühsam herunterhungern muss.

Aber diese Phase ist jetzt glücklicherweise vorbei und es soll vielleicht kein neues Kapitel, aber zumindest ein anderer Abschnitt kommen, in dem ich mich selbst wie Münchhausen an meinem Zopf aus dem Sumpf, in dem ich es mir bequem gemacht habe, ziehe. Ich habe deshalb mit einer ganz leichten Arbeit angefangen, die mir Spaß macht. Ich bastle gerade an einem Kurzgeschichtenband, den ich noch im Januar auf die übliche Weise veröffentlichen will.

Liebe geduldige Leserin, die ich mir immer einbilde, wenn ich hier auf meiner einsamen, von allen Schifffahrtsrouten weit entfernten Bloginsel an meinen Flaschenpost-Botschaften arbeite, meine liebe, hochgeschätzte und einzige Leserin! Hier folgt der Beweis, dass ich tatsächlich ein wenig für dich gearbeitet habe:

Das ist mein Entwurf für das Cover meines neuen Buchs. Ich bin durchaus zufrieden. Über Kritik oder Lob würde ich mich aber freuen.

Man sieht also, ich habe durchaus etwas getan und vergleicht man obigen Entwurf mit meinen ersten ungelenken und missglückten buchgestalterischen Gehversuchen, kann man doch erkennen, dass ich ein wenig dazugelernt habe. Die Textseiten – das ganze Buch enthält 24 Kurzgeschichten und wird ungefähr 230 Seiten dick – werden im gediegenen Baskerville-Font gesetzt sein und in etwa so aussehen:

Der Beginn der Titel-Geschichte.

Also, ich bin wieder da und fleißig. Grüße von meinem Eiland im Internetmeer. Wir lesen uns!

 

 

 

 

Lieblinge

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Es ist langsam an der Zeit, meine krankheits- und unlustbedingte Pause zu beenden.

Die ersten Texte des neuen Jahres stammen aus der Feder von Daniel Greff. Er ist der Sohn meiner Cousine, also mein Neffe 2. Grades von der Seite meiner Mutter. Damit bin ich plötzlich nicht mehr der einzige Autor in meiner doch recht unliterarischen Familie. Daniel hat im letzten Jahr einen Band mit 101 Miniaturen zusammengestellt, sie für Connaisseure binden lassen und seine Lieblingstexte daraus für den Blog zur Verfügung gestellt. Er selbst schreibt dazu im Vorwort des Büchleins:

Diese Ansammlung an Geschichten ist einfach so im Laufe der Zeit entstanden, aus einer Idee heraus gewachsen und wurde jetzt, ohne große Vorwarnung, in der Wildnis ausgesetzt.

Ich weiß noch nicht, ob sie bereit sind, aber ich hoffe es. Ich bin mir sicher, dass einige Geschichten ankommen werden und andere irgendwo im Graben liegenbleiben. Denn für manche seht hier nichts drin, für andere vielleicht viel. Manchen wird es gefallen, manchen aber bestimmt auch nicht. Aber egal, denn genauso geht es mir auch.

Ich möchte dazu mit Balzacs Worten anmerken: „Die Kritik gleicht einer Bürste. Bei leichteren Stoffen darf man sie nur vorsichtig verwenden; denn sonst bliebe nichts mehr übrig.“

Ich wollte, ich könnte heute noch so frei von der Leber weg und unbelastet schreiben wie Daniel.

 

Du

Du warst noch nie bei mir. Ich habe noch nie Zeit mit dir verbracht, aber ich habe dich schon gesehen. Ich habe dich gesehen in den Fotos und in den Filmen. Ich habe von dir gehört in den Liedern und in den Erzählungen. Meine Freunde haben dir von mir erzählt. Es gibt viele Leute, die von dir reden, vielleicht viel mehr, als dich wahrhaftig kennen. Aber ich verspreche dir, ich werde nicht von dir reden, ohne dass ich dich vorher kennengelernt habe. Ich glaube, ich weiß mehr oder weniger, wie du dich anfühlst. Einige Male warst du schon ganz nah. Ich habe von dir geträumt, jedenfalls denke ich, dass du das warst. Wie kann ich es denn wissen, ohne dich jemals kennengelernt zu haben?

Aber ich will dich kennenlernen, ich will dich sehen, ich will wissen, wie du dich anfühlst. Aber nur, wenn du mir versprichst, an meiner Seite zu bleiben. Dass du nicht eines Tages wieder verschwinden wirst. Weil das ist das, was du mit den anderen machst. Ich sehe es. Wenn die Leute von dir reden, sind sie voller Emotionen, sie reden über dich, aber sie reden auch über deine Abwesenheit. Darüber, dass du da warst aber nun nicht mehr da bist. Ich habe Freunde gesehen, die dich verloren haben, und beinahe haben sie sich dann selbst verloren. Du bist einzigartig und das ist das, was dich so gefährlich macht, und im gleichen Moment so lohnend.

Immerhin sehe ich es so von außen. Vielleicht sieht dich jeder einzelne auch ein wenig anders, vielleicht, weil du vor jedem ein wenig anders bist, wer weiß? Ich stelle mir gerne vor, dass du ein Kunstwerk bist, versteckt in einem großen Museum, in einem Raum, den nicht jeder findet. Und wenn sie dich sehen, sieht dich jede Person durch ihre eigenen Augen. Aber für dieses Museum gibt es keinen Lageplan. Man kann die Leute, die man trifft, nach dem Weg fragen, aber schlussendlich weiß keiner, wo genau du bist.

Die Grafittiwand

Nach Hause kommen nach einem harten Tag, einfach sich ins Bett fallen lassen, die Stiefel ausziehen und an nichts denken. In diesen Momenten bist du ein kleiner Wassertropfen im Fluss deines Lebens. Wenn du dich einfach treiben lässt, bist du zufrieden. Aber manchmal gibt es in deinem Fluss auch Wasserfälle. Dein Leben ist kein ruhiger Fluss, sondern ein Fluss, der lebt. Mit jedem Wasserfall, den du herunterfällst, malst du ein Graffiti deines Lebens. Jeder Tropfen, der diese Wasserfälle hinunterfällt, malt einen weiteren Fleck auf deine Grafittiwand. Am Anfang sind es nur ein paar Flecken hier und da, aber mit der Zeit und mit weiteren Wasserfällen, wird auch deine Grafittiwand wachsen und wachsen.

Kennst du mich?

Ich bin oft überall. Aber im gleichen Moment bin ich nirgendwo. Manchmal sieht man mich, normalerweise aber nicht. Manche sahen mich schon und andere noch nicht. Und selbst wenn du mich siehst, dann siehst du immer nur einen kleinen Teil von mir. Den Rest verberge ich vor dir. Mein Ursprung liegt weit weg, obwohl meine Geburt sehr nah vor dir stattfindet. Wir beide brauchen das Gleiche, ohne dies würden wir nicht existieren. Viele kennen mich, aber wenn, dann nur aus Geschichten. Ich bin über dir, passe auf dich auf, passe auf die ganze Welt auf. Und selbst wenn alle Leute diesen Planeten verlassen, werde ich hierbleiben. Für immer ein Teil dieses Himmels.

Das Eichhörnchen

Früher, als ich noch ein Kind war, war ich der Überzeugung, dass Eichhörnchen unglaublich sind. So schnell, so klug und so süß. Mit ihrem großen, weichen Schwanz und ihren spitzen, zuckenden Ohren. Ihrem weißen Bauch im Kontrast zu ihrem roten Fell. Früher gab es nichts Besseres als ein Eichhörnchen für mich. Eichhörnchen können klettern, können schnell rennen und ohne Aufwand von einem Baum zum nächsten springen. Eichhörnchen sind magische Wesen. Ich sage das nicht nur, weil sie mein Lieblingstier sind, sondern vielmehr, weil es so ist. Sie lassen an Orten Leben auferstehen, wo sich nie ein Samenkorn hätte hinverirren können. Es ist interessant, dass für viele Eichhörnchen nur einfache Tiere sind, obwohl sie Wunder vollbringen. Wenn du dir ganz genau das Leben anschaust, dann siehst du vielleicht auch, dass alles ein klein wenig magisch ist und einem großem Wunder ähnelt.

Die Wellen gegen die Steine

Von oben kannst du alles sehen. Von oben ähnelt es einem Krieg. Mit jeder Welle versucht das Meer, die Steine zu verschlucken. Manchmal ist es rau, manchmal ist es ruhig, aber immer mit derselben Absicht. Manche Steine schaffen es nur, während den ruhigen Phasen zu atmen. Sie sind zu klein; sie haben eigentlich keine Chance. Andere sind größer. Das Wasser versucht, auch sie zu verschlucken, aber es läuft einfach nur wieder an ihnen herunter. Für diese Steine ist das Leben an der Küste einfach. Egal was passiert, sie können immer den Horizont sehen. Können sich nicht verlaufen. Aber so ist es nicht für alle. Die anderen müssen kämpfen, kämpfen um jeden Atemzug, und müssen auf die Momente warten, wenn das Wasser wieder fort ist.

Verliere sie nicht

In deinen Augen sehe ich die Jugend, ich sehe die Lebenslust und ich sehe die Neugier. Deine Augen reflektieren nichts. Nichts, was du siehst, geht verloren, du heißt alles willkommen. Deine Augen glänzen vor Unschuld, du siehst die Welt wie kein anderer. Du siehst in jedem Menschen den echten Menschen und nicht das, was er sein sollte oder das, was die Leute dir gesagt haben. Du verstehst nicht alles, aber genug. Eigentlich brauchst du gar nicht mehr zu wissen. Du weißt, wer für dich da ist und du weißt auch, wen du mit deinen Aktionen verletzten würdest.

Aber leider wird auch irgendwann sogar deine Unschuld sich verfärben und verschwinden. Mit jedem Wort, das du hörst und jeder Sache, die sie dir sagen, wirst du mit deinen Augen weniger und weniger sehen. Irgendwann kommt der Punkt, ab dem du nicht mehr die Sachen so sehen kannst, wie sie sind, sondern nur, wie sie laut den anderen sein sollten. Aber bitte, hör mir zu, versuch alles, was du kannst, versuch das Unvermeidbare zu verhindern. Behüte und beschütze deine kleine Person in deinem Kopf, lass nicht zu, dass sie verschwindet. Lass nur so viel rein, so dass die Löcher nach draußen zu klein für sie sind. Oft wird sie die einzige wahre Sache sein, die dir noch bleibt. Bitte, verliere sie nicht an die Welt um dich herum.

Die Vorstellungskraft

Hey du! Hier bin ich schon wieder. Komm, ich nehme dich mit auf eine Reise, die du vorher noch nie gemacht hast. Ich werde dir Sachen zeigen, die nur einige schon einmal gesehen haben. Du wirst die Personen sehen, die reicher sind als die Reichen auf dieser Welt. Die, die mehr haben als die, die fast alles haben. Eine Reise an einen Ort, wo du glücklich sein wirst, wo du eine glückliche Person bist. Dort kannst du machen, was du willst, dir diejenigen Leute anschauen, die du willst. Aber vorab eine Sache: Du darfst nur mitkommen, wenn du mir schwörst, dass du dein Gepäck hierlässt. Ich will es nicht tragen, und du wirst es auch nicht brauchen. Du brauchst nur dich selbst. Also, kommst du mit mir mit? Mach dir keine Sorgen; ich werde dich begleiten, du musst nicht alleine gehen. Du musst nur deine Augen schließen und schon geht die Reise los.

Wieder einmal

Wir laufen durch dieselben Straßen, sehen dieselben Gebäude, nehmen die gleichen Wege. Wir essen und trinken die gleichen Sachen an denselben Orten, aber trotzdem ist etwas anders. Die Leute um mich herum sind nicht die gleichen. Du kannst dir alles viele Male anschauen, aber wenn du es mit anderen Leuten erlebst, ist es wie zum ersten Mal. Am Ende bleiben nicht die Orte in Erinnerung, die du gesehen hast, sondern die Momente und die Zeit, die du mit den Leuten geteilt hast. Die Erlebnisse sind durch die Personen geprägt und nicht durch das Erlebnis an sich. Morgen werde ich mich nicht an eine Brücke oder ein Gebäude erinnern, die ich gestern oder vor einem Jahr gesehen habe, sondern an die Momente, in denen wir gelacht haben. Und das ist das Schöne, man muss nicht an besondere Orte gehen, man muss auch nicht etwas Besonderes machen, man muss es nur mit besonderen Menschen machen.

Eure Geschichten

Die ganzen Geschichten schreiben sich nicht von selbst. Oft ist es viel Arbeit, manchmal muss ich viel nachdenken, worüber ich schreiben werde. Aber einige der Geschichten habe nicht ich selbst geschrieben. Viele der Geschichten habt ihr geschrieben.

Die Unterhaltungen mit dir haben ein paar geschrieben. Meine Gedanken an dich haben andere geschrieben. Der Fakt, dass ihr immer an mich glaubt, hat auch eine geschrieben. Dein Lächeln hat auch eine geschrieben, vielleicht sogar zwei. Ohne dich hätte es auch die eine oder andere Geschichte nicht gegeben. Denn einige schrieb nicht ich, sondern das Wissen, dass du immer da bist. Eine weitere Geschichte hat sich geschrieben durch eure Liebe. Und nicht zu vergessen ist deine Fantasie, diese hat auch eine geschrieben. Eure Wörter, die mich begleitet haben, ließen mich auch einige schreiben. Seht ihr? In Wirklichkeit macht ihr den Großteil der Arbeit. Ich bewege nur meine Finger.

Fragen

Es gibt wichtige Fragen. Zumindest welche, die wichtig erscheinen.
Es gibt offizielle Fragen, die, die eine offizielle Antwort benötigen.
Es gibt Fragen, auf die du direkt mit deinem Bauchgefühl antworten kannst. Aber auch Fragen, die warten können und Fragen, die jetzt gerade keine Antwort benötigen.
Es gibt schwierige Fragen, aber wenn du suchst, kannst du eine Antwort finden.

Manchmal gibt es auch Fragen, die mehr bedeuten als das, was sie fragen. Und Fragen, die mehr von dir wissen wollen, als es scheint.
Es gibt Fragen, auf die du die Antworten schon kennst. Es könnten Fragen sein, die du dir schon selbst gestellt hast, aber sie könnten auch von anderen kommen.

Am Ende bleiben die Fragen, auf die du nicht antworten kannst, ohne nachzudenken. Die Fragen, für die du keine Antworten in einem Buch finden wirst. Diese sind die besten Fragen. Die Fragen, bei denen deine Antwort für jemanden wirklich wichtig ist. Wo die Frage eine Umarmung ist, manchmal zwar aus der Ferne, aber was zählt, ist, dass sie ankommt. Das sind die besten Fragen.

(c) Daniel Greff