Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 35)

Die Wahrheit über Jürgen, Fortsetzungsroman, Jahrmarkt in der Stadt, Künstlerroman, Kunst, Literatur, Malerei, meine weiteren Werke, Philosophie, Roman, Zyklus

[Zum ersten Teil]

Ich entschloss mich, mit Nix selbst zu reden und ihm von dem Vorfall in seiner Wohnung zu be­richten. Ich fand, das sei ich ihm und vor allem seiner Freundin schuldig. Gerade zu ihr und zu ih­rer Lage empfand ich ein wütendes Mitleid. Also rief ich von der nächsten Telefonzelle, der ich begegnete, die MBB an, von der ich ja wusste, dass sie zur Vernissage nach München fahren wür­de. Ich wollte sie fragen, ob sie mich mitnehmen könnte. Zu meinem Glück war sie in­zwischen aus ihrem Studio heimgekehrt und es mach­te sich be­zahlt, dass sie eine ziemlich intime Vorliebe für mich hatte. Sie erbot sich sogar, am Abend extra einen Umweg zu machen und mich von daheim abzuholen. Allerdings müsse ich ertragen, dass sie auch die Winther-Brüder, die eine Einladung von Nix hatten, mitnehmen würde; sie habe es den beiden in einem leichtsin­nigen Moment, den sie inzwischen bereue, verspro­chen. Diese Tatsache war für mich fast der Grund, mit der Bahn in die Landeshauptstadt zu fahren, aber die Leere in mei­nem strapazierten Geldbeutel trug den Sieg über die durch die Brüder zu erwar­tenden Nervenschäden davon. Ich biss in den sauren Apfel, eine knappe Stunde mit ihnen auf der Auto­bahn verbringen zu müssen und dabei ihrem Geschwätz schutzlos ausgeliefert zu sein.

Es ging bereits auf fünf Uhr, als ich endlich wieder zu Hause war. Ich hatte keinen Hunger; mir war im Gegen­teil übel und schwindlig. Obwohl ich weder verschwitzt noch schmutzig war, fühlte ich mich un­sauber und hat­te das paranoide Gefühl, der Geruch von Nix Bildern würde noch an mir haften. Er hing trotz meines langen Fußweges noch immer aufdring­lich in meiner Nase. Ich duschte daher intensiv und wechselte meine Kleidung. Dann erst lud ich meinen inneren Müll bei Christine ab, die geduldig auf ein paar Erklärungen für mein abson­derliches Verhal­ten wartete. Es war Zeit, mich mit ihr auszuspre­chen. Ich hatte das klärende Gespräch schon allzu lange hinausgezögert. Ich erzählte Christine endlich von Theresa und be­richtete ihr dann von den seltsamen Ereignissen des Tages, versuchte sie und wohl auch mich selbst von ihrer Harmlosigkeit zu überzeugen. Dass sie eben erheblich merkwürdiger aussahen, als sie es in Wirklichkeit wa­ren, dass alles eine Gaukelei war wie dieser geschlachte­te, geplatzte Kadaver, der mich und Theresa auf den ersten Blick so er­schreckt, sich dann aber mitsamt den Schmeißflie­gen auf dem Gedärm als eine geradezu genia­le At­trappe aus Wachs, Draht, Farbe und Pappe heraus­gestellt hatte. Es war eine Arbeit, die Nix Wo­chen, wenn nicht Monate beschäftigt haben musste.

Dennoch blieb mir ein bohrendes Unbehagen, denn die verschmierten, geronnenen Blutspuren an den Wänden und Fenstern des Ateliers, die merkwürdige archaische Formen und obzöne Wörter nachbilde­ten, waren mei­ner Meinung nach echt ge­wesen. Hatte Pauli nicht er­zählt, Nix hätte verbun­dene Hände? War der Maler nach dem Streit mit Emilio Parma wieder in einen Selbstgeißelungs­wahn verfallen, hatte er sich mit seiner Rasierklinge die Handflächen zerschnitten und dann sein Atelier auf diese grausige Weise geschmückt? Die Diagnose meiner Freundin war kurz und vernichtend: Sie hielt Nix für geis­teskrank oder zumindest für schwer verhaltensge­stört. Er stelle eine Gefahr für sich und andere dar; eine Bedrohung, die man auf dem schnellsten Wege in eine geschlossene Anstalt zu schaffen habe. Ich wollte es bei weitem nicht so krass sehen, war aber durch die grotes­ke Schallplattensammlung und das viele Blut unsicher geworden. War Nix noch ein um Wahrheit und Er­kenntnis ringender Künstler, der auf seiner Suche außergewöhnliche, ra­dikale Wege einschlug? Oder war er tatsächlich schlicht verrückt geworden – hat­ten ihn seine tägliche Beschäfti­gung mit den Nacht­seiten der menschlichen Existenz, sein intimer Um­gang mit Tod, Blut und Verwesung und der Druck von Öffentlichkeit und reicher Verwandtschaft um den Verstand gebracht? Hatten ihn seine Mühlräder zer­malmt? Ich weiß das heute noch nicht endgültig zu beantworten. Ungeduldig fieberte ich auf mein Tref­fen mit ihm hin.

Kurz nach sieben Uhr holte mich dann die MBB wie versprochen ab. Sie tat mir den Gefallen und ließ mich vorne bei ihr sitzen. Die Winther-Brüder – die es ja nur im Doppelpack gibt – hatten es sich be­reits auf dem Rücksitz bequem gemacht. Obwohl sie zwei Jahre aus­einander sind, gleichen sie sich von Natur aus wie ei­neiige Zwillinge. Da diese Ähnlich­keit aus irgendeinem dunklen Grund den beiden Unzertrennlichen nicht ge­fällt, hatten sie sich mal wieder in dem Versuch lächer­lich gemacht, sie zu verbergen. Der jüngere, nämlich Hans-Albert, hatte sich bemüht, seinen spärlichen Haarwuchs durch eine kurzgelockte Dauerwelle zu be­schönigen und sein Bruder Jochen-Maria trug einen dunklen, eben­so unecht wirkenden Schnauzbart. Beide dufteten frisch gewaschen und waren unauffällig,  aber doch sichtbar geschminkt, was ihnen eine reichlich dekad­ente, transsexuelle Aura verlieh. Doch an die­sen An­blick war man gewöhnt, er erzeugte nicht je­nes kaum beherrschbare Gefühl in mir, jeden Mo­ment in schallen­des und kränkendes Gelächter aus­brechen zu müssen. Nein, der Grund war die Klei­dung der beiden, die sie sich für diesen Abend ge­wählt hatten: Sie hielten sie si­cher für exzentrisch und extravagant, einer aufsehener­regenden Vernis­sage in München angemessen. Aber sie war grauen­voll kindisch und komisch. An Jochen-Maria fiel fiel mir zuerst ein zylindri­sches, samtrotes Ungetüm von Kopfbedeckung auf, das er, wohl um seinen ebenfalls schütteren Haar­wuchs zu ver­bergen, im Auto nicht abgenommen hatte. Er war des­halb gezwungen – halb auf seinem Bruder liegend –, den Kopf unbequem zur Seite ge­kippt, die ganze Fahrt über geduldig in dieser Stel­lung auszuharren. Er trug eine Art von römischer Tracht, nämlich Toga und Tunika in einer herrlichen Farb­kombination, in speichelgrün und eiter­gelb, wie er in aller Ausführlichkeit erläuterte. Das sollte seine spöttische Hommage an Jonas Nix sein. Er hatte auch stilechte Sandalen an und fror er­bärmlich, auch wenn er das nicht zugab. Man konn­te die Gänse­haut sehen, die seine Beine und Arme empor kroch. Hans-Albert war wärmer, aber nicht weniger erhei­ternd bekleidet. Er trug einen schwarz-rot-goldenen Pullover, der selbstgestrickt aussah und dazu einen, man höre und staune, ka­rierten, knöchellangen Rock, der das Feminine sei­ner Gestalt unterstrich und von ihm selbst als mit­teleuropäischer Herbstkilt bezeichnet wurde. Natür­lich hatte er Stiefel mit hohen Pfennigab­sätzen an. Die Brüder Winther wohnten zusammen in einem Haus in der Bleiche, in dem sich auch ihre gemein­same Ga­lerie befand. Sie bezeichneten sich beide als Ma­ler. Ob­wohl der Ältere sich auf Akte und der Jün­gere auf Landschaften spezialisiert hatte, waren ihre durch Ver­wendung von Naturmaterialien schmutzig-erdbrau­nen Bilder einander zum Ver­wechseln ähnlich. Beider Ar­beiten waren durchaus geschmackvoll und dekorativ, waren aber, da sie ihren Stil seit Jahren selbst kopierten, doch mehr als Kunsthandwerk einzuschätzen. Dies je­doch im besten Sinne des Wortes. Selbstverständlich waren sie da völlig anderer Meinung und verkünden über­all, wo sie auftauchen, überzeugt und unüberhör­bar ihre seltsame Kunsttheorie. Jedes Gespräch bogen sie innerhalb kürzester Zeit daraufhin um. Ihre Mei­nung war, wenn man sie zum ersten Mal hörte, zwar abwegig, aber durchaus noch interessant, auch beim zweiten Mal ließ sich noch gut über sie reden. Inzwischen hatte ich ihr Thema aber sicherlich schon zwan­zig Mal gehört und eine gepflegte Langeweile machte sich im Auto breit, als die beiden prompt – wir waren noch nicht einmal aus der Stadt heraus – wieder damit begannen, mir und der MBB auseinan­derzusetzen, was man unter Vererdung, Verschlam­mung und tektonischer Leidenschaft der Verwer­fung in ihrer Kunst zu verstehen habe. Zudem wa­ren sie wie immer einer Meinung und bestätigten sich einander in ihr. Da MBB sich stumm mit dem Lenkrad beschäftigte, war ich mit den beiden Schwätzern allein gelassen, deren rein physische und vor allem rhetorische Überlegenheit es mir ver­wehrte, auf ein anderes Thema abzuweichen. Leider war es auch nicht möglich, die beiden als eine Art von lästiger, aber unvermeidbarer Störung zu be­trachteten, die man stumm von den eigenen Gedan­ken abgelenkt ertragen kann, da sie sehr wohl dar­auf achteten, dass ihr jeweili­ger Gesprächspartner ihren Gedankenflügen folgen konnte und sich zu ih­nen äußerte.

[Zum 36. Teil …]

Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 34)

Die Wahrheit über Jürgen, Fortsetzungsroman, Jahrmarkt in der Stadt, Künstlerroman, Kunst, Literatur, Malerei, meine weiteren Werke, Philosophie, Roman, Zyklus

[Zum ersten Teil]

»Da siehst du, wo er unter anderem sein Geld ge­lassen hat. Schau nur hin, Resa! Die Stereoanlage von Bang & Olufsen hat er sich für das Preisgeld des regionalen Kunstpreises gekauft, nicht so wichtig. Aber die Plat­ten …, weißt du, wie viele das sind?« Theresa stand stumm und staunend, wie erstarrt. Sie war anscheinend wirk­lich zum ersten Mal in die­sem Zimmer. Der An­blick hatte sie vollkommen überrascht. »Der Herr Künstler mag keine CDs, es mussten unbedingt Schallplatten sein. Ich habe mir die Mühe gemacht, sie überschlagsmäßig zu zählen«, fuhr Pauli fort. »In ei­ner Reihe sind es etwa zweitaus­end Alben und er hat fünf Regalreihen übereinander. Er be­wahrt hier übrigens nur klassische Musik auf. Die vier-, oder fünftausend Alben mit moderner Musik im Wohn­zimmer, die du sicher kennst und in dem er ja auch eine Stereoanlage hat, wollen wir mal unter den Tisch fallen lassen. Er hat die Sammlung hier alpha­betisch sortiert, es ist nicht zu fassen. Dort oben links be­ginnt er mit Tomaso Albinoni und der Fami­lie Bach, hier unten schließt es mit Vivaldi, Wagner und Ziehrer. Er besitzt allein siebzehn verschiedene Interpretationen von Rachmaninoffs zweitem Kla­vierkonzert. Siebzehn! Und zehnmal hat er das Deutsche Requiem. Wenn er hintereinander alle Platten hören wollte, wäre er zwei ganze Jahre be­schäftigt. Hast  du eine Vorstellung, wie­viel Geld da an der Wand hängt, weißt du das, Resa? Mit den Platten im Wohnzimmer zusammen hängt da ein Mittelklassew­agen!«

Theresa schwieg. Bleich und krank starrte sie auf die endlosen Reihen von Plattenhüllen und es schien, als würde sie sich von diesem Anblick nie mehr losreißen. Ich konnte in diesem Augenblick nachvollziehen, was in ihr vorging: Etwas zerbrach, ein weiteres Kettenglied, das sie mit ihrem Freund verbunden hatte. Viele waren wahrscheinlich nicht mehr übrig. Pauli hatte ihr eine klinische Facette ihres Freundes gezeigt, die für sie absolut neu und da­bei erschreckend war. Nix hatte diese krankhafte Sam­melwut vor ihr ge­heimgehalten, sie fühlte sich von ihm betrogen und allein gelassen und fragte sich be­stimmt, was sie noch alles nicht von ihm wusste. Sie tat mir leid, aber ich wusste nicht, wie ich sie trösten konn­te. Pauli, der ebenfalls bemerkte, was Theresa emp­fand, riss sie mit beiden Händen an den Schul­tern herum. Er war noch nicht fertig mit ihr.

»Das hast du nicht gewusst, nicht wahr, wie mein sau­berer Neffe sein Geld verschwendet hat?«, sagte er und rüttelte sie, damit sie aus ihrem Tagtraum erwachte. »Ich hat­te bis heute auch keine Vorstellung von diesem Ab­grund. Aber das ist noch nicht alles. Schau dich um. Hast du eine Ahnung, was eine Wohnung in dieser Lage und Größe monatlich kostet? Ich selbst könnte sie mir nicht leisten. Jürgen wohnt hier seit über einem Jahr und wirtschaftet sie völlig herab. Er hat noch nie daran gedacht, auch nur eine müde Mark als Miete zu bezahlen.«

»Nix hat mir erzählt, er könne hier mietfrei woh­nen«, warf ich ein, wollte ihn von Therea ablenken, die er längst waidwund geschossen hatte. Pauli widmete mir einen müden ‚Was, du bist auch noch hier‘-Seitenblick.

»Das war eine Lüge. Er hat einen Mietvertrag mit der Follia-Immobiliengesellschaft wie jeder andere auch. Niemand hat Geld zu verschen­ken, auch mein Vater nicht. Ich habe eine Aufstel­lung der Kosten bei mir, sie belaufen sich, abgerun­det versteht sich, auf 45.000 Mark. Heute habe ich es endlich geschafft, Jürgen abzupassen und ihm diese Rechnung vorzulegen. Es ist ein verwandt­schaftlicher Gefallen von mir, seine Bilder in Zah­lung zu nehmen. Ein anderer hätte ihn längst ver­klagt.«

»Nix ist gerade in München, oder?« fragte ich nach, be­müht, ihn zu einem anderen Thema zu ziehen. Ich hatte Erfolg: Pauli ließ The­resa endlich los und wandte sich zu mir. Ich sah be­sorgt, wie sie etwas zurück gegen das Regal mit den Schallplatten schwankte und sich unsicher an den Kopf fasste.

»Ja, natürlich, schon seit gestern. Er überwacht die Auf­bauten für die Eröffnung seiner Vernissage bei Nasolt & Habek. Wo soll er denn sonst sein? Ich hatte heute Morgen in Schwabing zu tun und da­durch die Möglichkeit …«

»Wie sah er aus?«, unterbrach ich ihn. Pauli zog eine Braue in die Höhe, denn er war daran gewöhnt, dass man ihn respektvoll aussprechen ließ. Aber er antwortete friedlich:

»Wenn Sie mich schon fragen: Ganz schrecklich. Er war unrasiert, übernächtigt, er roch nach Schweiß und war sehr gereizt und unfreundlich. Er scheuch­te die Be­leuchter wie eine Hammelherde herum. Ja, die Herren Künstler …« Er seufzte wissend. »Stellen Sie sich vor, er hatte an beiden Händen einen dre­ckigen Verband, als hätte er sie sich an einer Herd­platte verbrannt.« Ich war nicht so sehr mit Paulis Geschwätz be­schäftigt, um nicht auch gleichzeitig auf Theresa zu achten. Bei der Erwähnung des Verbandes bekam ihr Gesicht die Farbe einer Käseku­chenfüllung. Sie ruderte hilflos und abwehrend mit ei­ner Hand, dann verließ sie die Kraft. Ich trat rechtzeitig einen Schritt auf sie zu und fing die Fallende auf. Merk­würdig schlaff und weich hielt ich sie in meinen Armen. Sie war zwar bei Bewusstsein und betrachtete mich mit einem starren, erstaunten Blick, dennoch konnte sie sich nicht mehr auf den Beinen halten, sie atmete flach und hektisch. Ich strich ihr sanft über das Haar, um sie zu beruhigen. Ihre Stirn glühte. Pauli verstumm­te und be­trachtete uns beide wie eine anstößige Skulptur.

»Das wird dieser Gestank hier sein!«, stellte er bei­nahe mitleidig fest. »Weshalb muss dieser Idiot von einem Neffen auch ausge­rechnet echte Knochen aus dem Schlachthof für seine Collagen benutzen?« Theresa stöhnte mit­leiderregend und verdrehte die Augen, das war keine Replik auf Pau­lis Bemerkung, sondern ein Zei­chen, dass es ihr noch schlechter ging. Ich nahm sie in die Höhe. Theresa war erstaunlich leicht. Ich trug sie hinaus in den Gang, hin­über zu Nix‘ Atelier, das ich als den lichtesten und freundlichsten Raum der Wohnung in Erinnerung hatte. Ich stieß die Tür auf. Es fehlte nicht viel und ich hätte vor Überraschung meine Last fallen gelassen. Ich keuch­te entsetzt auf. Es war grauenvoll:

Alle Wände und Fenster waren rot beschmiert, wie von blutigen Händen besudelt. Und in der Mitte des Rau­mes lag auf dem Parkett ein ausgeweidetes Kalb; die grünliche, verwesende Eingeweide war be­deckt von Fliegen und Maden. Es roch schrecklich nach Leim und Urin. Theresa schrie und wurde ohn­mächtig.

Pauli und ich brachten Theresa sofort in seinem Wagen zu ihren entsetzten Eltern, die die Erschöpfte, die nun ein fiebriger Schüttelfrost quälte, sofort zu Bett brachten. Sie hielten sie auf Anraten des Hausarztes dort über eine Woche fest, was sich nachträglich als das Beste heraus­stellte, was sie hätten tun können. Pauli ließ mich vor der Vorstadtwohnung ihrer El­tern stehen. Er dachte überhaupt nicht daran, mich wieder in die Innenstadt mitzunehmen. Er stieg grußlos in seinen Wagen und fuhr einfach davon.

Ich schimpfte ein wenig. Dann machte ich mich er­geben auf den langen, trübsinnigen Heimweg. Nicht zu­letzt durch die Stimmung des grauen, kühlen Herbstta­ges fand ich immer deutlicher zu der Ah­nung, dass et­was Unangenehmes, Gefährliches in der Luft lag. Ich hatte die Vorzeichen einer heranna­henden Katastrophe erlebt, die nun wie eine drohen­de Gewitterfront in der Atmo­sphäre hing. Ich kann nicht sagen, woher diese Empfin­dung kam, aber sie verstärkte sich während mei­nes tris­ten Fußmar­sches durch die leere Vorstadt. Und es war nicht nur die Kälte in der Luft, die mich frösteln ließ. Ich wusste, das letzte Kapitel stand unmittelbar bevor.

[Zum 35. Teil …]

Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 33)

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[Zum ersten Teil]

»Ah, meine kleine Resa, das ist ja eine liebe Über­raschung, dich mal wieder zu sehen. Du machst dich lei­der auf Festen der Familie sehr rar. Was kann ich denn für dich tun?« Ich neidete ihm die sonore und men­schenfreundliche Klangfarbe, die er mühelos in seine Stimme legte und mit der er trotz aller intimer Wärme klarmachte, dass er sich nur herabließ und weit über uns stand.

»Das ist meine Frage an Sie, Dr. Pauli. Was ma­chen Sie hier?«, entgegnete Theresa. Dabei legte sie eine zornige Betonung auf die förmliche Anrede. Sie deutete auf das Ge­mälde. »Weiß Jür­gen, dass Sie hier sein Atelier plün­dern?« Paulis Lächeln verstärkte sich, man konnte nun sein Zahnfleisch sehen. Sein Ton wurde um eine gallige Spur kälter:

»Ich plündere nicht, kleine Dame. Achte auf deine Worte. Ich nehme in Ver­wahrung, was mir, beziehungsweise, was mei­nem Herrn Vater gehört; der, wie dir bekannt sein dürfte, der Besitzer dieses Hauses ist und sich nun erlaubt, auf die­se Weise seine Mietaußenstände bei Kapitän Nemo ein­zuholen.« Er kicherte, von seiner eigenen Eloquenz ein­genommen. »Das ist eine völlig legale, es ist sogar eine verantwortungsvolle Tat, die, ich muss es wiederholen, mit Plünderung nichts zu tun hat. Ich verbitte mir ent­schieden deine doch recht böswilligen Formulierun­gen.« Wenn er sich im­mer so ausdrückte, musste eine Stadtratssitzung mit ihm die Hölle auf Erden sein.

»Ich denke, die Polizei wäre da nicht ganz Ihrer Mei­nung«, mischte ich mich ein und trat näher. Mich streif­te nur ein kurzer Blick des Politikers und er war voller abgrundtiefer Verachtung.

»Ich glaube nicht, dass wir uns kennen, Herr …«, be­merkte er ruhig und musterte die Lippen schür­zend meine alte und schmutzige Jeans. Obwohl ich mir vor­genommen hatte, dem Kulturreferenten reso­lut entge­genzutreten, machte mich seine Gering­schätzung und seine unnahbare Aura nervös. Ich stotterte unsicher meinen Namen. Ich hatte nicht erwartet, dass er mich kannte, aber er war natürlich bestens informiert. »Georg Hauser, so, so … Es tut mir leid, aber ich habe Sie nicht sofort erkannt. Bei unserer letzten Begegnung waren Sie, wie soll ich mich ausdrücken … etwas deran­giert?« Er grinste breit und kicherte amüsiert. »Sie sind doch der junge Mann, der einmal einen unfreundlichen Artikel über meinen Neffen veröffentlicht hat und, so­weit ich mich erinnere, auch einige derbe Kritik an mei­ner Amtsführung. Sie haben mir unter anderem Nepotismus vor geworfen«, stellte er im Ton einer Urteilsverkündung fest und rückte seine Brille zurecht. Er kannte seine Feinde, die Hausaufgaben waren gemacht. Bei seiner Geste bemerkte ich ein paar Farbflecken an seiner Hand, die er sich wahrscheinlich zugezogen hatte, als er in Nix‘ Atelier gewühlt hatte. Das holte ihn für mich von seinem Podest. Er war für mich nur noch ein aufgeblasener Popanz und ich lachte ihm ins Gesicht. Er ging einen Schritt auf mich zu, verlor aber nicht seine Ruhe.

»Sie wollen also die Polizei rufen, Herr …? Ent­schuldigen Sie, aber ich habe Ihren Namen erneut vergessen. Bitte, das steht Ihnen völlig frei. Aber be­vor Sie sich zu diesem Schritt entschließen, den Sie – da bin ich mir sicher – bereuen wer­den, empfehle ich Ihrer Aufmerksam­keit diese schriftliche Einverständniserklärung vom feinen Herrn Künstler.« Er hatte aus einer Tasche seines Jacketts schnell einen gefalteten Zettel ge­zaubert, den er nun umständlich öff­nete und mir un­ter die Nase hielt. Als ich nach ihm grei­fen wollte, zuckte seine Hand zurück. »Ich denke, Sie benötigen zum Lesen nur die Au­gen, nicht etwa die Hände. Ich gebe zu, dass die Form dieses Schriftstückes etwas ungewöhnlich ist, aber der Text ist doch unmissverständlich.« Ich kniff die Augen zusam­men und entzifferte zwei hastig hingeschmierte Sätze, die – das konnte ich erkennen, ohne Graphologe zu sein – von einem sehr aufgereg­ten Menschen stammten. Aber es war eindeutig die unverwechselbare Handschrift von Jonas. Der Wort­laut war:

»Hiermit gestatte ich meinem Onkel, dem Stadtrat Dr. Arno S. Pauli, in meiner Wohnung in der Ste­phansgasse 8 nach Gutdünken zu walten. Insbeson­dere meine dort lagernden fertiggestellten Bilder und Collagen lege ich in seine Obhut und beauftrage ihn, sie nötigenfalls zur Deckung meiner Schulden zu veräußern. Jürgen Nieder­meier, Jonas Nix.« Interessant waren Datum und Ort, die in der obe­ren Ecke standen: »München, den 24. Oktober 199.« Das war der heutige Tag.

Pauli hielt den Zettel nun auch vor Theresas Ge­sicht, während er mich weiter abkanzelte. »Haben Sie die Erklärung gelesen? Ist Ihnen auch der Sinn klar und verständlich? Nun, es steht Ihnen frei, deswegen die Polizei zu belästigen. Ich werde die Beamten dann allerdings auf Ihr unberechtigtes Eindrin­gen in dieser Wohnung aufmerksam machen müs­sen, Herr!«, drohte er. Mir platzte der Kragen und ich entschloss mich zu einem Gegenangriff.

»Haben Sie Nix diesen Text diktiert?« Für einen Au­genblick sah Pauli mich verblüfft an, dann schrie er mir feucht ins Gesicht:

»Wissen Sie überhaupt, wen Sie vor sich haben? Sie lä­cherliches Stück Mensch wollen mir drohen! Ver­schwinden Sie hier endlich, bevor ich die Polizei rufe!« Eine ge­schwollene Zornader erschien auf sei­ner Stirn. Er zer­knüllte die Einzugsermächtigung in seiner Faust und machte den Eindruck, als wolle er mich eigenhändig vor die Tür setzen.

»Er ist gemeinsam mit mir hier«, sagte in diesem Au­genblick Theresa erstaunlich gelassen, aber bestimmt. »Und ich habe ja wohl das Recht, mich in Jürgens Wohnung aufzuhalten. Solange ich nicht wünsche, dass er geht, bleibt er. Ver­stehen Sie mich, Dr. Arno S. Pau­li?« Theresa erstaunte mich immer wieder. Ich hatte ihr nach allem, was ich von ihr wusste, nicht so viel Willensstärke zugetraut. Pauli nickte stumm. »Wie Sie es zustande gebracht haben, dass Jürgen die­sen Wisch unterschrieb, weiß ich nicht und ich will es auch nicht wissen«, fuhr sie fort, »aber mich würde in­teressieren, was für Schulden er bei Ihnen hat, schließ­lich hat er in den letzten Monaten gut verdient.« Pauli fiel ihr in die letzten Worte.

»Gut verdient, Resa? Das ist ein Witz! Keinen Pfen­nig hat er verdient, dein sauberer Freund. Wie der Kuckuck ist er mir und seiner Mutter auf den Ta­schen gelegen; aber seine Bilder wollte er nicht ver­kaufen. Er hat be­hauptet, die Ausstellung im Rat­haus habe ihm gezeigt, er sei noch nicht so weit. Das ist dumme Koketterie! Da­bei weiß er genau, dass ein wirklicher Markt für seine Kunst existiert. Es ist, als hätte man auf jemanden wie ihn gewartet. Jedes seiner Gemälde, das dann doch ei­nen Weg zu einem Käufer fand, musste ich ihm buch­stäblich aus den Händen reißen. Ich habe ihm immer den gesamten Erlös überwiesen, und nicht einmal eine Vermitt­lungsprovision einbehalten, die mir doch sicher zu­stand. Er hat dieses Geld, über dreißigtausend Mark, einfach verpulvert. Du glaubst mir nicht, ja? Dann komm ….«, er packte Theresa bei der Hand, » … komm, ich zeige dir etwas Interessantes.«

Er zog sie in den Raum, aus dem er vorhin gekom­men war. Ich folgte den beiden. Das Zimmer war etwa zwan­zig Quadratmeter groß und zu einem Drittel mit Lein­wänden verstellt, die gegeneinander gelehnt waren und uns ihre Rücken mit den Titeln und dem Entstehungs­datum zeigten. Es mochten um die vierzig meist groß­formatige Bilder sein. Die Gemälde, die in seinen Kof­ferraum passten, schien Pauli schon aussortiert zu ha­ben. Es war an den Staubrinnen auf dem Fußboden zu erkennen, dass der Raum normalerweise voller war. Hier war au­genscheinlich Nix Lager. Trotz des geöff­neten Fens­ters war hier jener entsetzliche Geruch, der mir vor­hin schon latent aufgefallen war, von einer schier atemberaubenden Intensität, es stank erbärmlich nach Verwesung und Farben, Leim und Blut. The­resa rümpfte angewidert die Nase, sah sich aber neugierig um.

»Ich war noch nie in Jürgens Lager. Woher haben Sie den Schlüssel?«

»Er hat ihn mir selbst gegeben, damit ich mir die Gemäl­de ho­len kann. Doch die Bilder sind es nicht, die ich ich dir zeigen will. Schau hin.« Pauli führte sie zu der gegen­überliegenden Wand, an der ein großer Stereoturm stand. Um ihn war eine Regalwand her­um gebaut, darin befand sich eine imposante, das ganze Regal ausfüllen­de Schallplattensammlung. Pauli deutete auf die Plat­ten.

[Zum 34. Teil …]

Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 32)

Die Wahrheit über Jürgen, Fortsetzungsroman, Jahrmarkt in der Stadt, Künstlerroman, Kunst, Literatur, Malerei, meine weiteren Werke, Philosophie, Roman, Zyklus

[Zum ersten Teil]

»Es knistert«, stellte Parma begeistert fest, »hörst du das? Ich liebe das Geräusch und das kitzlige Gefühl in den Fin­gerspitzen. Das ist Elektrizität, weißt du, Spannung.« Selbstzufrieden beugte er sich etwas vor und hob die Hand, um auch Theresa am Haar zu be­rühren. Jetzt, dachte ich, jetzt! Jetzt gibt sie ihm eine klatschende Ohr­feige. Ich freute mich. Aber sie rückte nur etwas mit dem Kopf zurück und ein Mundwinkel zog sich ange­widert nach unten. Sie wiederholte sehr leise ihre Frage. Parma nickte ernst und ernüchtert und legte seine nutzlose Hand auf den Tisch. »Es tut mir leid, aber der ganze Text war unmög­lich. Schlechter Stil, fehlende Prägnanz, kein logi­scher Auf­bau, nichtssagende Ausführungen. Das ist die Kurzfas­sung, im Detail lässt sich noch viel Schlimmeres sagen«, kanzelte er selbstzufrieden das Werk von Nix wie einen schlechten Schülerauf­satz ab. Ob­wohl es mir gut tat, dass Jo­nas auch einmal von ei­ner anderen Seite Ablehnung er­fahren musste, konnte ich Parma auf keinen Fall recht geben. Er kochte schließlich auch nur mit fadem Wasser.

»Waren denn auch Rechtschreibfehler drin?«, fragte ich ironisch, aber er überhörte gelassen meinen Ein­wand. Seine Hand rutschte zur Tischkante, ihr Ziel schien The­resas Knie zu sein, von dem ihn nur mehr ein Fingerb­reit trennte. »Hat er dir denn den vollständigen Text gegeben? Auch den zweiten Teil?«, hakte ich interessiert nach. Parma nickte abgelenkt, mit seiner Annäherung be­schäftigt. »Hast du ihn vielleicht noch?«, beharrte ich und hoffte, endlich einen Blick auf den gesamten Text wer­fen zu können. Aber ich wurde enttäuscht:

»Nein. Nix bestand darauf, den Text mitzunehmen, als er ging.« Parma zögerte eine Sekunde, die hohe Stirn runzelnd. »Er war nicht gerade gut gelaunt, muss ich sa­gen.«

»Wie spät war es denn, als ihr euch getrennt habt? Weißt du, was Jürgen danach machen wollte?« erkundigte sich The­resa.

»Oh, es war längst nach ein Uhr, als ich es aufgab, wei­ter mit ihm zu disputieren. Es war auch sinnlos. Er hat ein paar wirklich unfreundliche Sachen ge­sagt. Ich hätte ihm etwas mehr Professionalität zu­getraut. Mehr weiß ich nicht. Ist denn etwas pas­siert?« Jetzt legte er tatsäch­lich doch noch seine Hand auf den Schenkel des Mädchens; die Geste sollte be­ruhigend und teil­nahmsvoll aussehen, doch so empfand sie wohl nie­mand. Parmas Freundin kniff zornig die Augen zu­sammen. Theresa sah kurz auf und ich schöpf­te wie­der die Hoffnung, dass sie ihm die Todesgöttin jetzt etwas antun würde. Aber sie erhob sich lässig, wo­bei sie seine Hand wie eine lästige Fliege abstreifte. Ich bewunderte sie. Sie brachte es durch diese Geste fer­tig, dass Parma das Blut ins Gesicht schoss. Ich war in der Versuchung, ihr einen Szenenapplaus zu ge­ben.

»Kommst Du?«, wandte sie sich an mich und vollen­dete ruhig ihren beeindruckenden Abgang. Ich folgte ihr lä­chelnd und zog mit Genuss die Tür von Parmas Woh­nung, die sie für mich offen gelassen hatte,  hin­ter mir zu. Ich hörte noch, wie in der Küche hinter mir eine Frauenstimme laut wurde. Bereits am ersten Treppenabsatz war es mit The­resas Majestät vorbei. Sie setzt sich auf die unterste Stufe und barg das Gesicht in den Händen. Ich setz­te mich neben sie, um sie zu trösten, denn ich glaub­te, sie würde wei­nen. Aber es war ein lautloses Ge­lächter, das sie er­schütterte.
»Dieser Kerl ist ja ein Arschloch, ich kann es nicht fas­sen …« Sie machte eine kopfschüttelnde Pause, in der ich ihr meine vollkommene Zustimmung gab. »Was machen wir jetzt?«, fragte sie und sah mich er­wartungsvoll an. Leider hatte ich kein As versteckt, das ich aus dem Ärmel holen konnte. Ich zuckte mit den Schul­tern und neigte hilflos den Kopf.

»Ich weiß nicht genau. Wie denkst du? Jürgen hatte mit Parma Streit und fühlte sich mit Sicherheit von ihm un­gerecht behandelt. Ich habe es ja schon selbst einmal er­lebt, wie er dann ist. Du hast mir auch er­zählt, dass er in solchen Situationen überreagiert und mit sich und der Welt in Krieg gerät. Vielleicht hat er sich ja inzwi­schen beruhigt und ist wieder da­heim«, mutmaßte ich, ohne selbst daran zu glauben.  Aber Theresa nahm mei­ne halbherzig beruhigenden Worte ernst. Sie schlug sich mit beiden Händen laut auf die Oberschenkel und stand auf.

»Also gut, fahren wir in seine Wohnung …« Jetzt war es an mir, das Gesicht verzweifelt in die Hän­de zu stützen.

»Würde es dich stören, wenn ich laufe?«, fragte ich lei­se. Sie sah nur unfreundlich zu mir herab. Nun, aller guten und wahrscheinlich auch aller schlech­ten Dinge sind bekanntlich drei. Ich ergab mich in mein Schicksal und erlebte noch eine weite­re mörde­rische Autofahrt. Theresa parkte in der Stephansgasse direkt hinter ei­nem breiten, dunkelblauen Mercedes ein, dessen Koffer­raumtür offenstand und in dem einige klein­formatige Leinwände lagen. Ich hätte mich nicht weiter um den Wagen gekümmert, wenn mich nicht Theresa beim Aus­steigen auf ihn aufmerksam ge­macht hätte.

»Sieh mal«, sagte sie in einem undefinierbaren, aber si­cher nicht freundlichen Tonfall, »das ist Onkel Arnos Dienstwagen.« Sie trat an den Stauraum her­an und hob eine Leinwand in die Höhe. »Hier, das ist ein ganz neu­es Bild von Jürgen«, stellte sie erstaunt fest und reichte mir das kleine Gemälde. Ein Mann kniete in einer Kir­che und hielt seine Hände betend um sein riesiges Ge­schlechtsteil gefaltet, an dem er hinge­bungsvoll saugte. Ich erschrak über die Bösartigkeit und Genauigkeit, mit der Nix diese sur­reale Szene dargestellt hatte. Aber auch dieses Bild war nicht sonderlich originell, mir fie­len sofort ähn­liche von Baselitz oder Bacon ein. Theresa hielt eine weitere Leinwand in der Hand und unter­suchte oberflächlich die zehn, zwölf anderen, die in dem of­fenen Kofferraum lagerten. »Die sind alle von ihm. Was geht hier vor?« Sie schien offensichtlich mal wieder eine Antwort von mir zu wol­len, denn sie sah mich erwartungsvoll an. Ich legte das Gemälde zurück zu den anderen.

»Vielleicht bringt Pauli die Bilder zu der Ausstel­lung«, mutmaßte ich.

»Die sind längst in München. Schließlich ist heute Abend schon die Eröffnung. Nein, ich glaube nicht, dass Jürgen weiß, was sein Onkel hier treibt. Nun, sehen wir mal nach …« Sie behielt ein Bild in der Hand, als sie vor mir in das Haus ging. Während sie die Haustür auf­sperrte, erhaschte ich einen Blick darauf. Es war ein in plastischen Schattierungen ge­haltener Rötelstift-Akt von The­resa, ein wunderbares Bild in der Manier der großen Meister, soweit ich das in der Kürze beurteilen konnte. Offensichtlich wollte sie diesen Akt nicht in Paulis Hän­den lassen. Sie eilte so schnell und leichtfüßig die Stufen hin­auf, dass ich ihr nur schwer folgen konnte und end­lich völ­lig außer Atem vor der Dachwohnung von Nix ankam. Die Tür war nur angelehnt und mir fiel zuerst auf, dass das dämliche Messingschild mit dem Kunstmaler ver­schwunden war. Wie bei Parma befand sich überhaupt kein Name mehr an der Tür. Theresa hielt sich nicht auf, sie stieß grob die Tür mit dem Fuß zur Seite und rief nach Pauli. Geschäf­tig kam jener ohne Verzögerung aus einem der zahl­reichen Zimmer zu uns in den Flur. Ein unangeneh­mer, muffiger Geruch begleitete ihn. Er er­kannte die Freundin von Nix und setzte sein unverbind­liches Politikerlächeln auf. Eilig umarmte er Theresa und küsste sie flink auf beide Backen, bevor sie zurückweichen konnte. Der Ekel war ihr trotz­dem ins Gesicht  geschrieben. Dann gab er mir abge­lenkt die Hand. Das tat er alles, ohne den Blick von dem Gemälde zu lassen, das Theresa gerade zur Sei­te stellte.

Ich kam zum ersten Mal so nah an den Kulturrefe­renten heran und musterte ihn neugierig. Er war ein ganzes Stück kleiner, als ich ihn in der Erinne­rung hatte. Bis­lang hatte ich ihn immer auf irgend­welchen Podien oder an Rednerpulten gesehen, zu­letzt bei seiner lang­weiligen Rede bei der Weissen­steiner-Lesung. Da hatte er den Eindruck eines zwar gut genährten, aber eben auch hochgewachse­nen Mannes gemacht. Jetzt sah ich: Der Politiker war kaum größer als Theresa und ich überrag­te ihn um einen Kopf. Obwohl er keinen so schön gemeißelt­en, edlen Schädel wie Nix hatte, war er trotz seiner feisten Schweinsaugen nicht hässlich. Er machte sich hervorragend auf den Wahlplakaten der CSU. Er trug einen hellen, aber zurückhal­tenden, selbstverständ­lich maßgeschneiderten An­zug, der nir­gends spannte. Die Hommage an sein Referat war eine breite, farbenfrohe Fliege, die je­doch keineswegs lächer­lich wirkte. Eilig nahm er eine kleine, ovale Brille mit dünnem Messinggestell aus seiner Ja­ckentasche und setzte sie umständlich auf, dann stell­te er sich in Positur, als wolle er eine bedeutende Rede begin­nen.

[Zum 33. Teil …]

In einen klammen Herbst hinein …

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Liebe Freunde,

mit der heutigen Post beende ich meine lange Sommerpause – die irgendwie keine war, denn auch im August und in der ersten Septemberhälfte habe ich mich immer mal wieder gemeldet und eine Erzählung, den Beginn einer Kriminalerzählung und ein Theaterstück veröffentlicht. Wenn ich die Statistik meines Blogs betrachte, durch die ich sehe, dass ihn trotz der 133 Follower höchstens ein bis zwei Personen täglich besuchen, frage ich mich allerdings, warum ich das getan habe. Das vollkommene Ignorieren meiner Literatur hat mir wieder deutlich gemacht, dass es mir einfach nicht gelingt, ein Publikum zu finden. Ich muss es mir eingestehen: Als Autor bin ich ein Versager. Offenbar gelingt es mir immer weniger, eine Leserschaft zu binden und Menschen anzusprechen. Ich habe während meiner „Sommerpause“ (trotz Verbilligung meiner E-Books auf 99 Cent) auch kein einziges Exemplar meiner Bücher verkauft; niemand hat meine Werke kritisiert oder rezensiert. Ich kriege sie nur los, wenn ich sie verschenke. Ob das an der mangelnden Qualität meiner Literatur liegt (im Moment zweifle ich stark an mir!) oder andere Gründe hat, sei dahin gestellt.

Auf jeden Fall mache ich weiter, denn der Traum in und mit und sogar von der Literatur zu leben, ist noch nicht zuende geträumt, auch wenn mir der Wind der Realität im Moment schon sehr streng ins Gesicht weht. So ignoriert zu werden, tut zwar höllisch weh, aber auf der anderen Seite kann ich dadurch tun und lassen, was ich will. Ich muss keine Erwartungen erfüllen und kann in meinem eigenen Arbeitstempo an den Texten arbeiten, die ich schreiben möchte – das ist eine Freiheit, die nur wenige Autoren kennen. Aber ein Traum …

„Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren“ – 4. Teil (Cover)

Ab Donnerstag werde ich anfangen, an diesem Platz die „Beta-Version“ des 4. Romans der Geltsamer-Trilogie vorzuveröffentlichen, der In den Bücherkellern des Vatikans heißen wird und den ich für meine wenigen Leser (10? 15?) im Frühsommer 2019 als Buch und E-Book erscheinen lassen werde. In der nächsten Woche geht es an dieser Stelle auch mit Die Wahrheit über Jürgen weiter, meinem Künstlerroman, der noch in diesem Jahr vollendet sein wird und im Buchhandel zu finden ist.

„Die Wahrheit über Jürgen“ – Ein Künstlerroman

Und dann steht da noch jeden Montag die Fortsetzung meines Fantasy-Debakels  Der Weg, der in den Tag führt an, das eigentlich überhaupt keine Leser gefunden hat. Im Moment ist es für mich ein Kampf, am 2. Teil weiterzuschreiben. Ja, ich bin ordentlich frustriert und waidwund. Ein Verriss oder eine schlechte Kritik wäre kein Problem für mich – aber so die kalte Schulter gezeigt zu bekommen, das ist grausam.

„Der Weg, der in den Tag führt“ – Band 2: Pardais – Fantasyroman

Also, genug geklagt. Ich mache dann mal weiter …