Aber ein Traum …

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Bei den Großeltern (Ein Roman-Fragment) – Teil 2

Ein weiterer Ausschnitt aus meinem demnächst erscheinenden Buch „Noch einmal daran gedacht“.

Bei den Großeltern

3. Der Großvater

Ein herausragender Be­standteil im Leben der Großeltern war ihre strenge, an Balzacs Grandet erinnernde Sparsamkeit, um nicht zu sa­gen, ihr Geiz; die beiden hatten sich über magere Jahre ei­nen spartanisch kargen Lebensstil angewöhnt und ihn auch, als man sie mit Fug begütert nennen konnte, nicht abgelegt. Kleidung wurde ewig getragen, Verschlissenes immer wieder repariert, den Garten ließ man in heißen Sommern vertrocknen, um Wasser zu sparen. Die Speisen waren einfach und billig, die gekochte Kartoffel stand im Mittelpunkt des Menüplans, Gewürze waren praktisch un­bekannt, Eier konnte man nur im Kuchen finden. Getrun­ken wurde zweimal am Tag, nämlich morgens dünner Kaf­fee und am Abend Bier oder Saft. Den Höhepunkt der De­kadenz bildeten ein abendliches Glas selbst gekelterten Obstweines und vielleicht ein paar Pralinen; wobei sich der Großvater an einem kleinen Stück Schokolade stundenlang verlustieren konnte. Ihn zu beobachten, wie er etwas Sü­ßes aß, gab dem Begriff »Genuss« eine ungeahnte Dimensi­on.

Der Großvater war eine dominante Person, deren bloße An­wesenheit eine bezwingende Autorität hatte. In vielerlei Hinsicht glich er einem biblischen Patriarchen, einem Sip­penoberhaupt, dessen Alter und Weisheit die letzte, ent­scheidende Instanz bildete. Nahezu taub und nach Star­operationen schlecht sehend, saß er bei Familienfesten am Ende der Tafel und schien mit halb geschlossenen Augen schwerwiegenden Dingen nachzusinnen. Wenn er ab und an etwas sagte, hatte es in der Regel nichts mit den Ge­sprächen zu tun und glich in seinen letzten Jahren tat­sächlich oft den Konklusionen einer seltsamen, mittelalter­lichen Mystik. Obwohl er nie Philosophie gelesen hatte und sie sicher auch nicht verstanden hätte, war sie doch das Feld, in dem er sich heimisch fühlte: Er war ein Jakob Böhme des zwanzigsten Jahrhunderts und es ist schade, dass es von ihm keine Aufzeichnungen gibt. In meiner Er­innerung ist noch eine eigenwillige Deutung des biblischen Sündenfalls, bei der ihm der Baum der Erkenntnis für die Lust der Frau, die Schlange für das Geschlecht des Man­nes und der Apfel für ihre Brust standen.

Bis zu seinem fünfundsiebzigsten Lebensjahr ging er dem ehrbaren Beruf eines Schlossers nach, aber der aus ärm­lichsten Verhältnissen stammende Arbeiter fühlte sich im­mer auch zu Höherem, zur Kunst berufen. Er malte, vom Jugendideal der christlichen Wandervogelbewegung und von dem Maler Fidus geprägt, ideale Landschaften, die er in der Regel von Postkarten kopierte und veredelte. Natür­lich blieb er wie auch in seinen späteren philosophischen Gedankenflügen im guten, reinen Sinn Dilettant, in Auf­fassung und Durchführung naiv.

Wie seiner Frau waren dem Großvater Fleiß und Ordnung eine Grundtugend. Auch in der Rente hatte er einen stren­gen Arbeitsplan, der ihn nach dem Frühstück und einem intensiven, vollständigen Lesen der Tageszeitung bis zum Abend einspannte und auch den Sonntag nicht aussparte. Der Garten und das mit eigenen Händen erbaute Haus bo­ten ihm dazu Anlass genug. Bis zu seinem neunzigsten Le­bensjahr war er so agil, auch schwere Arbeiten auszufüh­ren, das Dach zu decken, Wege zu verlegen oder sich neue handwerkliche Spielereien zu überlegen, die die Arbeit im Haushalt erleichtern sollten, es aber nicht in jedem Fall ta­ten. Das war übrigens seine wahre Begabung: Er war der geborene Handwerker. Von der Schreinerarbeit bis zur Re­paratur einer Uhr, vom Mauern bis zum Verlegen einer elektrischen Leitung, er war in jedem Handwerk gleich heimisch, eine Art von Universalgenie (im 18. Jahrhundert hätte man ihn als „Originalgenie“ bezeichnet), das seines­gleichen suchte.

Sich selbst betrachtete er als faul; auf ungläubiges Nach­fragen führte er aus, es gäbe zwei Kategorien von Faulheit: Die eine, häufigere, schiebe anfallende Arbeit beständig vor sich her, sei immer dabei, zu beginnen und komme doch nie weiter, bis sich die Arbeit von selbst oder durch ei­nen anderen erledige (das war wohl auf meine Art, mit Problemen zu leben, gemünzt), die andere Faulheit aber, also seine, würde voller Elan eine Arbeit beginnen und sie dann so langsam und genau wie möglich ausführen, immer beschäftigt wirken und doch nie fertig werden. Das ist die Konklusion von Hermann Hesses Novelle Unter der alten Sonne. Dieser späteste Spätromantiker war – erstaunlich genug – nicht in seinem Bücherschrank und ich bezweifle, dass er die Novelle kannte.

Tatsächlich ließ der Großvater sich bei seinen Arbeiten un­glaublich viel Zeit und führte sie mit kleinlichster Akribie aus; doch faul war er sicher nicht, denn zum einen war sei­ne Arbeit meist selbst gewählt und zum anderen wurde er immer mit ihr fertig – auch wenn es dauerte. Er war ein pedantischer Perfektionist, der, wenn er es wollte, jahre­lang an einer Uhr bastelte, bis sie wieder ging.

Religion war ein fester Bestandteil im Leben der Großel­tern. Als tägliches Ritual wurde vor jedem Essen gebetet, die Großmutter ging regelmäßig in die Kapelle und zu Bi­belstunden, morgens beim Frühstück wurde ein Kalender­blatt mit Bibelzitat und längerer Auslegung gereicht, das zu lesen ich in meinen Sommeraufenthalten ebenfalls ge­zwungen war. In meiner Erinnerung ist der Genuss von Schmalzbroten, die ich ausschließlich in Berlin verzehrte, fest mit den salbungsvollen Worten in Einheit gekommen. Wenn ich heute als Vegetarier und Agnostiker unfreiwillig zu einem Kirchenbesuch verdammt werde und abgelenkt einer Predigt lauschen muss, habe ich den Geschmack von Schmalz auf der Zunge.

Ob auch der Großvater religiös war? Ich meine nicht, aber die Meinungen gehen auseinander und vielleicht hätte er selbst diese Frage ob ihrer Einfachheit abgewiesen und sie mit der Bemerkung gewürzt, dass einfache Fragen immer zu fehlerhaften oder falschen Antworten führen. Mit Si­cherheit dachte er viel über Gott und die Mythen der Bibel nach, über die er dann ja in oft eigenwilliger und schöpferi­scher Art philosophierte. Das hat er sein Leben lang getan und seine Meinungen haben sich im Laufe der Jahre ent­wickelt. Glaube im Sinne einer gefühlsmäßigen oder aner­zogenen Sicherheit war ihm allerdings nie gegeben; er war ein Verstandesmensch und las die Bibel, die das zentrale Buch war, aus dem er Ideen und Anregungen bezog, mit der Kritik seiner Urteilskraft. Er war endlos weit entfernt vom Glauben der Großmutter, zu deren christlichen Leben vor allem auch ein Teilnehmen in der Gemeinde gehörte. Gottes Existenz hat er wohl nie ernsthaft angezweifelt, aber er war ihm nicht der gütige Vater des Neuen Testa­mentes, vielmehr die halb heidnische, allmächtige und all­umfassende Gottheit der Juden, am ehesten der Demi­urg; ein Christ aber war er, zumindest in seinen späten Jahren, in denen ich ihn kennen gelernt habe, nicht, mit entschie­dener Sicherheit nicht, er glaubte wahrscheinlich nicht einmal an ein Leben nach dem Tod. Ob sich seine Ansicht­en während seines Sterbens noch einmal änderten, weiß ich nicht.

[Zur Fortsetzung …]

Bei den Großeltern (Ein Roman-Fragment) – Teil 1

Ein weiterer Ausschnitt aus meinem demnächst erscheinenden Buch „Noch einmal daran gedacht“.

Bei den Großeltern

1. Das Haus

Meine Sommerferien 1977 verbrachte ich als Ju­gendlicher im Haus meiner Großeltern mütterlicher­seits in Berlin-Tegel. Außer zu den festen Essenszei­ten war ich sechs lange Som­merwochen allein gelas­sen und fand in dem weitläufigen Gebäude mit an­grenzendem Garten, das mein Großvater selbst in den 20er Jahren erbaut hatte*, genug Gelegenheit, den Großeltern und ihren penibel durch die Uhrzeit festge­legten Aufenthaltsorten aus dem Wege zu ge­hen.

Überall gab es etwas zu entdecken. Außer dem wohl­gehüteten Schlafzimmer des alten Ehepaars war kein Raum vor meiner pathologi­schen Neugierde sicher. Jeder Raum hatte einen eige­nen, spezifischen Ge­ruch, den ich noch heute erkennen würde, wenn man mich mit verbundenen Augen in eines der Zimmer stellte. Zudem gab es durch den exzentrisch geschnit­tenen Grundriss des Hauses hinter Tapetentüren, in Schränken, Kellerräumen und kaum erreichbaren Win­keln unterm Dach wirklich Lohnenswertes zu entdecken. Es hatte sich Strandgut aus über vierzig Ehejahren ange­sammelt – Dinge, die den voyeuristi­schen Blick eines wiss­begierigen Vierzehnjährigen zum Leuchten bringen: Jahr­gänge der unterschied­lichsten Zeitschriften, vom Readers Digest bis in die graue Vorzeit der Gartenlaube reichend, alte Möbel voller Geschirr in Jugendstilformen, Uhren, Ra­dios, seltsame, vom tüftlerischen Großvater gebastelte Ge­räte, Bilder, Fotos, ein Luftgewehr und vor allem Bü­cher, immer wieder an den überraschendsten Orten Bücher, in Regalen, in alten Koffern, in verborgenen Wandschränken, gestapelt in einer Ecke.

Ich las alle, zuerst die Unterhaltenden: Karl May, der mir Zuhause von meinem Vater verboten worden war, weil zu seine Wildwestgeschichten zu aufregend für ein Kind wären, Hans Dominik, C. S. Forester, Mika Waltari und Sienki­ewicz, dann entdeckte ich die anderen, die wahren Schriftsteller: Theodor Storm, Kleist, Tolstoj, Keller, die Droste-Hülshoff und all die bür­gerlichen Autoren des vergangenen Jahrhunderts, aber auch Swift oder Petronius, Herodot und dann – es kam einer Offen­barung gleich -, hielt ich plötzlich E.T.A. Hoffmann und E. A. Poe in den Händen; letzte­ren in der gewöhnungsbedürftigen Übersetzung von Ar­no Schmidt, den ich erst als Erwachsener kennen- und schätzen lernte. Sie alle passten vortrefflich zu der stehenden Hitze der endlosen Sommernachmit­tage, es wa­ren Geschichten, die mir für mich persön­lich geschrieben schienen, deren Tempo genau zu meinem Erleben passte und deren Geschmack ich noch heute auf der Zuge habe, wenn ich einen staubi­gen, alten Raum betrete.

Wenn ich gerade sicherlich meine Initiation in die Litera­tur verkläre, sie allerdings auch nicht anders beschreiben kann, so ist sie in meinem und im Gefühl des Vierzehnjäh­rigen ebenso wahr, wie sie im Mo­ment des Hinschreibens verlogen und falsch klingt. Wahrlügen eben.

Was ich in Tegel schätzte, waren das Haus und der Garten der Großeltern, weniger ihre Personen, als ihr Tageslauf, in dem jede Minute ihre Bestimmung und jeder Tag einen seit Jahrzehnten festgelegten Rhyth­mus und Ritus besa­ßen. Trotz des vielen Leerlaufs, der Langeweile, die aus meiner nicht weiter definier­ten Rolle in dem Kalender mei­ner Großeltern ent­stand und die mich manchmal die Stun­den bis zu solch herausragenden Ereignissen wie dem kargen Wurst- und Käse-Abendessen zählen ließ, hatte ich in jenen Sommerferien ein Gefühl von Geborgenheit, Beständigkeit und Sinn. Es war ein Empfinden, das ich in dieser Intensität und so lang andauernd nie wieder gefühlt habe, ein Gefühl, das ich manchmal beim Spie­len mit Kindern oder beim Lesen von Lite­ratur aus dem frühen 19. Jahrhundert erahne.

Ein Leben nach dem Tod – wenn es eines gibt, was ich ernsthaft bezweifle -, das sollte, wenn es glücklich wäre, ähnlich sein; nicht die stete Wiederholung und Beständigkeit, sonderen gehetzte Abwechslung ist die Hölle. Der Himmel dagegen ist die von festen Regeln umfasste Lange­weile, in der jeder Tag ohne herausra­gendes Ereignis und vor allem bar der Qual der Ent­scheidung dem nächsten folgt und es die Zeit gibt, tausend Dinge zu beginnen, tatsächlich endlose Ro­mane zu schreiben und zu lesen und nichts davon zu beenden.

2. Die Großmutter

Meine Großmutter war voll von jener baptistischen, dem Pietismus nahen Frömmigkeit, die trotz der Furcht vor Gottes Strafgericht selbstbewusst und eli­tär, da­bei ohne jeglichen Zweifel an Gott und des eigenen Weges ist. Sie war eine geschäftig­e, fleißige Frau, die zur Pedanterie neigte, wenn es um die Reinhaltung der Wohnung ging. Sie pflegte zwei­mal täglich mit einem Kamm die Fransen des Berbertep­pichs im Wohnzimmer in Reih´ und Glied zu bürsten. Ob­wohl sie aus ei­ner Großbauernfamilie aus Pasenow stammte, war sie nicht sehr gebildet, was ich bei ihr allerdings nie als Man­gel empfunden habe.

Im alltäglichen Leben wirkte sie oft schroff und abweisend; und von einer mutwilligen Gottheit wurde sie im Alter mit un­freundlich verkniffenen, verbissenen Gesichtszügen aus­gestattet, die jedoch nur die Maske über einer hu­morigen Launigkeit waren, die manchmal aus Au­gen und Mund­winkeln sprang. Trotz ihrer nur selten ans Öffentliche dringenden Vorurteile war sie im christlichen Sinne men­schenfreundlich, hilfsbereit und dabei der einzige mir be­kannte Mensch, der mit dem Lauf seines Lebens in voll­kommener Harmonie übereinzustimmen schien.

Nicht einmal der plötzliche Tod meines Großvaters warf sie später aus ihrer inneren, gefestigten Ruhe, die sie wahr­scheinlich zum größten Teil aus ihrem Glauben schöpfte. Ihre einzige Beunruhigung schien mir die Bewältigung der Kondolenzbesuche, der Beer­digung und des Leichen­schmauses. Danach kehrte sie zielstrebig in ihren Alltag zurück. Die durch den Tod ihres Gatten entstandenen Frei­räume füllte sie mit dem Umordnen des Hauses und dem Vernichten von Erinnerungsstücken und Möbelstücken aus, bis sie eine durch einen Schlaganfall verursachte kurze De­menzphase bis zu ihrem Tod ins Krankenbett zwang.

Dabei fällt mir ein: Ich half beim Ausräumen dieser Möbel mit – da war ich schon Ende Zwanzig. Bei jener Gelegen­heit wagte ich es zum ersten Mal, mich in den Sessel mei­nes Großvaters zu setzen. Es war ein hässliches, abgewetz­tes, mit grünem Cord bezogenes Ding mit dunkelbraunen, hölzernen Armlehnen. Hier hatte ich ihn während meiner Ferien jeden Abend ab acht Uhr sitzen sehen, ein mit dem Fernseher ver­bundenes Hörgerät im Ohr, über dem er wie schüt­zende eine Hand zur Muschel formte, die Augen hin­ter der dicken Brille halb geschlossen.

Während ich saß und mir den alten Mann noch ein­mal be­wusst machen wollte, bemerkte ich plötzlich, wie meine Daumen an einer Unebenheit der Armleh­nen links und rechts rieben. Ich sah hinunter. In den Lack waren dort Mul­den gekratzt, die bis in das helle Holz des Sessels reichten. Diese Gruben hatte die Tiefe und Form meiner Finger. Mit Schaudern stellte ich fest, dass ich das Werk meines Groß­vaters fortsetzte. Er hatte in jahrelanger nervöser Arbeit seine Daumen immer tiefer in das Holz gerieben. So nah wie in die­sem Moment bin ich ihm danach nie mehr gekomm­en.

Zurück zu meiner Großmutter: Die Pflege des alters­schwachen und oft wegen seiner Hilflosigkeit zorni­gen Eheman­nes hatte sie bis an den Rand der Leis­tungsfähigkeit er­schöpft und sie wirkt erleichtert, dieser Bürde ledig zu sein. Sie erinnerte mich in ihren letzten Lebensjahren sehr an die Heldin von Vita Sackville-Wests bemerkenswertem Emanzipati­ons-Roman Erloschenes Feuer.

Mit vierzehn ahnte ich natürlich wenig von ihrem Charak­ter; viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt, hatte ich nicht die Möglichkeit oder gar die Men­schenkenntnis, sie zu beob­achten. Ich nahm sie ihrem Status als Großmutter ge­mäß als einen um mein Wohl besorgten Menschen, dem ich ein Eigenleben nur zugestand, wenn es mit meinen Inter­essen nicht kollidierte. Dies ihre Hobbys waren Fernsehen und das Lösen von Kreuzworträtseln. Ansonsten hatte sie auf Abruf zu meiner Verfügung zu stehen, wenn ich sie be­nötigte. Dafür respektierte ich widerwillig ein paar Schrul­len oder das, was ich für welche hielt, wie zum Beispiel ihr ausdauerndes hinter mir herräu­men, der ich eine Spur Unordnung bei meinen Erkun­dungen durch das Haus zog. Das kannte ich auch abgeschwächt von meiner Mutter, aber die Großmutter tat es im Gegensatz zu ihr ohne zu kla­gen. Als einzige Hilfe bei der durch mich entstande­nen Mehrarbeit ließ ich mich dazu herab, jeden Mit­tag das Ge­schirr abzutrocknen; dies jedoch nur, weil ich von der Mut­ter ausdrücklich dazu angehalten worden war, als sie mich am Anfang der Ferien in den Zug Richtung Berlin setzte.

Ich gestand niemandem, hier längst noch nicht der selbst­süchtigen Rolle des Kindes entwöhnt, einen Wandel von Gesinnung, eine Entwicklung, Eigenle­ben zu. Jedermann sollte sich dem Bild, das ich von ihm hatte, entsprechend verhalten und –  sofern mit mir verwandt – auch freundlich zu mir sein. Obwohl ich alle mit meinem Verhalten abstieß, meine phleg­matische, interesselose, mit Impertinenz ge­tuschte Art und das unglückliche Äußere zur Abneigung, ja Ekel reizten, vernachlässigten die Großeltern trotz­dem ihre Sorgfalt und Freundlichkeit nie. Das rechne ich ihnen in tiefer Dankbarkeit an. Ich weiß inzwi­schen aus eigener Anschauung, dass nichts schwerer ist, als einen launenhaf­ten, faden und dabei ver­schlossenen Vierzehnjährigen zu ertragen, ohne ihm zwei- bis dreimal am Tag mit voller Wucht ins Gesicht zu schlagen. Die Großeltern taten es nicht, das war mehr als Ver­wandtschaft, das war echte Nächstenliebe und Respekt vor Gottes Schöpfung.

[… zur Fortsetzung …]

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* Und dies hatte er so stabil getan, dass eine amerikanische Fliegerbombe das Haus nicht zerstörte, sondern nur insgesamt um ein paar Zentimeter verrutschte.

Westernheld für einen Tag (Ein Roman-Fragment) – Teil 5

Ein weiterer Ausschnitt aus meinem bislang noch unveröffentlichten Roman „Gelbe Stunden“. Er ist eine Vorausveröffentlichung aus meinem demnächst erscheinenden Buch „Noch einmal daran gedacht“.

Und da gibt es noch etwas über Ulrich berichten. Ich scheute bislang davor zurück:

Als ich noch auf’s Gymnasium ging, führte der kürzeste Weg von der Schule nach Hause nicht direkt über den alten, gut im Gebüsch alter Hecken verborgenen Spielplatz, dessen einzige Spielgelegenheiten außer einer zum Hundeklo verkommenen Sandkiste aus einer niedrigen Rutsche, dem Gestell einer Schaukel und einem merkwürdigen Karussell bestanden. Die Geräte rosteten in kaum gestörter Stille vor sich hin. Das Karussell ist heute ein Fossil und auch vor dreißig Jahren war es schon eine Seltenheit. Auf seiner fest in den Boden zementierten Achse ruhte ein großes, glatt laufendes Kugellager, das die nahe Maschinenfabrik MAN gespendet hatte. Darauf lagerten wie die Speichen eines Rades acht Holzbalken als Arme, an deren äußersten Enden jeweils auf beiden Seiten schmale Sitzkörbe montiert waren, auf denen man Rücken an Rücken sitzend sich drehen lassen konnte. Lief jemand innen an der Achse mit und schob die ausladenden Arme kräftig an, konnte das Karussell eine Geschwindigkeit erreichen, der entsprechende Jahrmarktattraktionen nichts nahmen. Die Fliehkraft presste einen schmerzhaft in die schmalen Metallbügel, welche verhindern sollten, dass man aus dem Sitz geschleudert wurde. Wer das zweifelhafte Glück hatte, entgegen der Fahrtrichtung zu sitzen zu kommen, benötigte nach ein paar Runden mehrere Minuten, bis der Schwindel soweit nachließ, dass er ohne Sturz ein paar Schritte machen konnte. Muss ich erwähnen, dass wir Kinder dieses Karussell-Monster liebten?

Obwohl das Teufelsgerät wirklich gefährlich war, wurde es nie abgebaut. Im Gegenteil: Aus unerfindlichen Gründen war das Kugellager des Karussells immer geschmiert und üppig eingefettet und entging deshalb dem allgegenwärtigen Rost, dem der Rest der Anlage ausgeliefert war.

Übrigens verirrten sich nur wenige Kinder in den Spielplatz, aber abends war er der Treffpunkt der Jugendlichen der nahen, uniformen Arbeitersiedlung, die hier in nahezu vollkommener Abgeschiedenheit ihren mir zumindest in der 5. Klasse und 6. Klasse noch recht geheimnisvollen Beschäftigungen nachgingen; die jedoch selten über ein paar Flaschen Bier und eine eilig mit schlechtem Gewissen gepaffte Zigarette hinausreichten. Ich kann mich nur an einmal erinnern, dass ich im Ginstergebüsch hinter der Schaukel ein benutztes Kondom fand, dessen Sinn mir allerdings nicht im entferntesten klar war und das ich zuerst für einen dieser Quallenleichname hielt, die ich bei einem Italienurlaub so zahlreich am Strand gefunden hatte. Ähnlich kadaverhaft erschien mir denn auch der schlaffe, durchsichtige Plastikschlauch mit seiner undefinierbaren, schleimigen Füllung. Das Ganze wirkt auf mich allerdings nur deshalb obszön, weil es mir hier in den Sträuchern fehlplatziert erschien. Ich hob das mysteriöse Etwas vorsichtig mit einem Stock auf und begrub es in der Sandkiste, wo es sicher noch heute ruhen würde, wenn man nicht nach Tschernobyl der verseuchten Sand erneuert hätte.

Meist waren jedoch meine Streifzüge durch das Gebüsch erfolgreicher und ich fand, was ich in Wirklichkeit suchte: Halbgerauchte und achtlos zur Seite geschnippte Zigaretten. Dabei hatte ich zwar die Konkurrenz der Penner, diese verließen jedoch nur selten die Bänke am Eingang des Parks, die in so praktischer Nähe zum Mittagstisch der Caritas aufgestellt waren. Die liebsten Stummel waren mir die, an deren Filter Lippenstift hing. Dessen wächsernes, oft fruchtiges Aroma verband sich aufregend mit dem feuchten Nikotingeschmack. Das Rauchen dieser Stummel war mein erstes sexuelles Erlebnis. Ähnlich exotisch mussten auch die Küsse dieser Mädchen schmecken, die hier der begangenen Sünde bewusst ihre Zigaretten lässig zwischen ihre Lippen geklemmt gepafft hatten. Leider bin ich nie einer begegnet, da sie ja erst bei Einbruch der Dunkelheit zum Spielplatz kamen. Die Mädchen, die ich später küsste, schmeckten nachgerade enttäuschend anders.

Den Spielplatz am Lueginsland gibt es übrigens noch immer, er ist einer der magischen Orte, die nach Kindheit schmecken, er ist unverändert, die Geräte sind vielleicht etwas rostiger und scharfkantiger; schlägt man mit der Faust gegen eines der Rohre der Schaukel, kann man es wie Sand rieseln hören. Ach, ja, die Büsche sind dichter geworden. Sonst ist alles gleich. Noch immer treffen sich die Jugendlichen dort, sie haben den Platz von ihren Eltern geerbt, die ihn scheinbar vergessen haben. Heute treffen sich hier in der Hauptsache junge Ausländer, Türken, Griechen. Es wird mehr geraucht, weniger getrunken und die Mädchen heben vermutlich noch seltener ihre Röcke. Der Kies ist nun übersät von Kippen, es sind inzwischen so viele, dass ein Junge, der heute meiner damaligen Beschäftigung nachgeht, im Überfluss leben kann. Ein-, zweimal im Jahr, am liebsten im nebligen Spätherbst, wenn die verfaulende, verwesende Natur feucht und fett auf dem Laub lastet, besuche ich meinen totgesagten Park. Jedes Mal falle ich dann auf den Stillstand der Zeit herein, dieser Leiche in meinem Keller. Da mag es nicht weiter verwunderlich sein, dass es mir immer schlecht wird, wenn ich das Karussell sehe.

Für Ulrich war der Spielplatz ein Abenteuer der besonderen Art, seine ideale Folterkammer, die wenigen Geräte dort forderten seine Phantasie heraus. Besonders hatte es ihm das Karussell angetan. Es gab für ihn nur wenige Dinge, die ihn so erheiterten, wie mich in einem der Sitzkörbe zu fesseln und das Gefährt gemeinsam mit seinen Freunden zu beschleunigen. Anschließend weideten sie sich daran, dass ich wie ein Volltrunkener durch eine richtungslose Welt torkelte oder mich in die Sandkiste erbrach.

An dem hellen Frühlingstag – wir gingen gemeinsam in die 5. Klasse -, schleppte er mich bereits am Morgen vor dem Unterricht in den Park. Unterwegs begann er, sich mit Knüffen und Schlägen zu unterhalten und aufzuwärmen. Da ich wieder einmal nicht besonders auf ihn achtete, sondern den Träumereien eines Elfjährigen nachhing, kam er nach und nach in die richtige Stimmung, mehr zu unternehmen. Als sich dann uns seine beiden Kumpane anschlossen, hatte er sich längst entschieden und wir bogen ab zu der Folterkammer. Ob Uli im Physikunterricht gerade etwas über die Fliehkräfte gehört hatte, oder – ich habe ja schon erwähnt, wie einfallsreich er quälen konnte – einfach nur einen guten Einfall hatte, vermag ich nicht zu sagen. Auf jeden Fall ging er ohne Zögern und zielstrebig zu Werke.

Er gab seinen Folterknechten knappe, präzise Anweisungen, die diese prompt ausführten. Sie zogen mich an das Karussell und setzten mich entgegen ihrer normalen Praxis nicht auf eine der Sitzflächen, sondern banden mich seitlich mit meinem Gürtel an einen der langen Ausleger. Dreck am Stiel, kommentierte Ulrich und erntete sogar von mir einen kurzen Lacher. Noch hatte ich nämlich nicht erfasst, was auf mich zukam. Wenn sie mich die üblichen Runden drehen ließen, war immer auch etwas Lust für mich dabei, vor allem, wenn sie mich so ausdauernd herumschleuderten, dass ich die Übelkeit überwand und in einen Rauschzustand gelangte.  Doch diesmal wurde es entsetzlich. Alle drei gingen in die Mitte und setzten das schwere Karussell in Bewegung. Meine Arme wurden nach vorn gerissen und ich begann stolpernd, dann immer schneller hinter dem Sitz, an den ich gebunden war, herzurennen. Nach zwei Runden war das Tempo allerdings zu groß für mich. Ich fiel schwer nach vorn in meine Arme und wurde ohne Erbarmen weiter geschleift. Ich schrie vor Schmerzen. Das war ein Fehler, dadurch spornte ich sie noch an. Es war genau das, was sie von mir hören wollten. Meine Sandalen rutschten nach außen über den Boden, ein kompliziertes Muster im Sand hinterlassend. Dann, angefeuert durch Ulrich, gelang es ihnen, die Geschwindigkeit so zu steigern, dass meine Füße endlich den Kontakt zum Kies verloren. Als sich mein Körper nach oben drehte und ich im Kreis durch die Luft flog, knackte es bedrohlich in meinen Schulter- und Handgelenken, ich hörte das Geräusch deutlich, es übertönte den Jubel meiner Peiniger. Der Schmerz, der sich längst nicht mehr auf eine Stelle lokalisieren ließ, sondern im ganzen Körper brannte, machte mich so atemlos, dass ich nicht einmal mehr schreien konnte. Wieder und wieder und immer noch schneller drehte sich das Karussell. Die hellen Blätter des Baumes über mir wurden mir zu verwischten Schlieren, zu pulsierenden, zuckenden Ringen. Ich schloss die Augen.

Als ich aus meiner Ohnmacht erwachte, war ich allein auf dem Spielplatz. Ich lag unter dem Karussell; sie hatten mich losgebunden, bevor sie feige geflohen waren. Meinen nun blutigen Gürtel hatten sie achtlos zur Seite geworfen. Ich konnte mich lange nicht bewegen. Jedes Mal, wenn ich meine Lider schloss, dann tanzten wieder jene gelben, platzenden Ringe vor meinen Augen, bis ich sie wegen eines stechenden Schmerzes in den Armen erneut aufriss. Es mag angesichts der Schmerzen, die ich empfand, unglaubwürdig klingen, aber ich war nicht gefährlich verletzt. Gut, die Arme waren überdehnt und gezerrt, genauso eines der Beine, die Handgelenke und die Fersen waren blutig aufgescheuert, ich hatte viele blaue Flecken und einen mächtigen Bluterguss am Gesäß, von dem ich nicht wusste, wie er entstanden war, aber das war auch schon alles. Nachdem ich wieder stehen konnte, humpelte ich davon, säuberte mich notdürftig am nahen Hexenbrunnen. In der Schule war meine Ausrede vom Fahrradunfall, wegen dem ich auch über eine Stunde zu spät kam, glaubwürdig. Der Konrektor, ein Überbleibsel aus dem „Tausendjährigen Reich“, examinierte mich oberflächlich und streng, behandelte meine offenen Wunden mit Wasser und Jod. Dann stellte er fest, dass ich durchaus in der Lage war, am restlichen Unterricht des Tages teilzunehmen. Meine Eltern wurden nicht informiert.

An diesem Tag kamen Gerd und Albert in die 5a, um für ihre Jugendgruppe beim ND zu werben.

[… wird fortgesetzt …]

Westernheld für einen Tag (Ein Roman-Fragment) – Teil 4

Der folgende Text ist ein weiterer Ausschnitt aus meinem bislang noch unveröffentlichten Roman „Gelbe Stunden“ aus dem „Jahrmarkt in der Stadt“-Zyklus. Er ist eine Vorausveröffentlichung aus meinem demnächst erscheinenden Buch „Noch einmal daran gedacht“.

Ich glaube, ich habe noch nicht von Ulrich erzählt. Auch er ging in meine Klasse und er war ein Sadist. Er ist schon mit Mitte 20 bei einem Motorradunfall gestorben.

Es war Ulrichs liebstes Vergnügen, mich auf den alten Kirschbaum vor dem Miethaus zu jagen. Er nannte dieses Spiel „Katz und Hund“. Ich wusste, wenn ich es nicht rechtzeitig schaffen würde, in die Äste zu kommen, dann würde er mich beißen, in das Bein, in den Po, wo auch immer er mich eben erwischen würde. Diese Bisse hinterließen oft blutende, schmerzhafte Wunden, sie verschonten jedoch in der Regel die Hose, so dass meine Mutter nie etwas bemerkte. Wenn mir dann die Zeit im Geäst zu lang wurde und ich wieder herabstieg, würde er mich zur Strafe für meine langsame Reaktion auch noch verprügeln.

Wenn ich aber flink genug war und seinem Zugriff entkam, dann bellte er mich ein paar Mal wie ein Hund an und trollte sich. Auf den Baum kletterte er nie, er war mein Refugium, eine Freistatt, die wir mit dem archaischen Begriff „Ghotto“ bezeichneten, ohne dessen etymologische Herkunft zu kennen. Diese Zufluchtsmöglichkeit gehörte zu seinem Spiel, es erhöhte für ihn den Reiz.

Ich hatte daher bald eine Art von sechstem Sinn dafür entwickelt, ob er mir auflauerte. Nur selten erwischte er mich noch unvorbereitet. Meist befand ich mich bereits in vollem Lauf, den Stamm der dürren Kirsche fest im Blick, wenn ich zum ersten Mal sein wölfisches Heulen und seinen hechelnden Atem hinter mir zu hören bekam.

Trotz dieses Vorsprungs war die Jagd jedesmal von neuem ein Glücksspiel. Der Weg von der Milchglastür unseres Wohnblocks an den Parkplätzen vorbei über den mageren, fleckigen Rasen zum Baum war weit. Natürlich war der trainierte und zwei Jahre ältere Uli viel schneller und ausdauernder als ich. So hatte er mich in schöner Regelmäßigkeit beinahe erreicht, wenn wir nah genug an die Kirsche herankamen, damit ich einen Sprung in den unteren Astkranz wagen konnte. Meine Chancen, diesen Sprung so sauber auszuführen, dass ich mich sofort zum zweiten hochziehen konnte und seinem Zugriff auf diese Weise entkam, waren eigentlich recht gut. Von zehn Sprüngen gelangen mir sieben oder acht. Die Ausnahmen jedoch, bei denen ich vorbei sprang oder an den Ästen ausrutschte und wie ein Kartoffelsack vom Baum fiel, waren unangenehme Erfahrungen. Deshalb hatte ich bereits Nachmittage damit verbracht, meinen Satz in die Kirsche zu üben und zu perfektionieren.

Auch diesmal glaubte ich, den richtigen Absprung bei genau der richtigen Geschwindigkeit erwischt zu haben und hatte bereits fest den breiten, unteren Ast unter meinen Fußsohlen. Ich richtete mich auf, um nach oben zu greifen. Offenbar hatte mich Ulrich beinahe erhascht; denn wütend darüber, dass ich ihm buchstäblich im letzten Augenblick aus den Fingern geglitten war, brach er erstmals eigenmächtig die Spielregel und fasste nach, erwischte mich unten am Hosenbein und wollte mich zu sich herab ziehen. Da ich in diesem Moment bereits frei balancierte, konnte ich das Gleichgewicht nicht halten und stürzte deshalb mit hocherhobenen Händen vornüber vom Baum. Das war keine weite Strecke – gerade mal ein Meter. Mit geübten Reflexen bereitete ich mich darauf vor, mich elegant zur Seite abzurollen, als mein Sturz überraschend gebremst wurde.

Ich spürte einen heftigen Schlag gegen dem Mund. Er rührte von einem von oben in meine Falllinie hinein hängenden Ast her, über den ich mit dem Gesicht schrammte. Ein kleines Stück Holz, ein nur einige wenige Zentimeter langer toter Zweig schob sich wie ein glühender Stahl in den Raum zwischen meinen Zähnen und der Oberlippe. Ich konnte ein Geräusch hören, das klang so ähnlich wie ein zerreißender Lederfetzen. Ich spürte nichts, stellte nur nüchtern fest, dass ich meinen Sturz nach diesem überraschenden Hindernis nicht planmäßig fortsetzen konnte. Deshalb drehte ich mich im Fallen weiter zur Seite und rollte auf dem leicht abschüssigen Gelände mit einem ungelenken, aber immer noch weichen Purzelbaum aus.

Ich lag auf dem Rücken im Gras, den Kopf weit in den Nacken gelegt. Einen kurzen Moment war ich froh. Die Sache schien glimpflich abgegangen zu sein und ich hatte nicht mehr als ein paar blaue Flecken zu vergegenwärtigen. Meine Mundhöhle war feuchter als normal, als hätte ich gerade einen Schluck warmer Milch auf der Zunge. Diese Milch war salzig. Die Flüssigkeit lief mir aus den Mundwinkeln, in die Nase hinein. Angeekelt richtete ich meinen Oberkörper auf. Das heißt, ich versuchte diese Bewegung, denn erst jetzt spürte ich den Schmerz, den der Ast durch meine Lippe und mein Oberkiefer gerissen hatte. Ulrich gelangte in mein Blickfeld. Bevor ich gurgelnd stöhnend die Augen schloss, sah ich noch, dass er würgte und sich neben mir erbrach.

„Das wird ihm eine Lehre sein“, dachte ich erleichtert und an diesem Gedanken hielt ich mich die folgenden alptraumhaften Stunden und Tage fest. Ich hätte den Gedanken gern ausgesprochen, aber bis es mir wieder gelang, ein paar verständliche Worte zu nuscheln, dauerte es fast einen Monat. Die Wunde – ein fingerbreiter Riss an der linken Oberlippe – die mich zudem einen meiner Schneidezähne gekostet hatte, wurde im Krankenhaus genäht und verheilte nur schlecht.

In den Sommerferien bei den Großeltern trug ich noch immer ein Pflaster über der nur langsam heilenden, häßlichen Narbe.

[… wird fortgesetzt …]

Westernheld für einen Tag (Ein Roman-Fragment) – Teil 3

Der folgende Text ist ein Ausschnitt aus meinem bislang noch unveröffentlichten Roman „Gelbe Stunden“ aus dem „Jahrmarkt in der Stadt“-Zyklus. Er ist eine Vorausveröffentlichung aus meinem demnächst erscheinenden Buch „Noch einmal daran gedacht“.

Ich fand es Anfang der Sommerferien 1977 überraschend beim Herumkramen hinter einer Tapetentür in einem Schrank mit abgelegten Wintermän­teln. Das Gewehr war bei meinem letzten Besuch bei den Großeltern im Sommer zuvor noch nicht dort gestanden, das war sicher. Ich hatte es auch vorher noch nie gesehen. Offenbar gab es in dem labyrinthischen Haus noch weitere Lagerflächen, die mir bei meinen systematischen Suchen bisher entgangen waren. Warum der Großvater die Sport­waffe jetzt zusammen mit einer großen Blechdose Muniti­on in diesem Schrank aufbewahrte, habe ich nie erfahren, denn ich hütete mich wohl, ihm von meinem Fund und den daraus resultierenden Ergebnissen zu erzählen.

Ehrfürchtig nahm ich die Waffe in die Hand, vor Freude zitternd. Ich konnte kaum glauben, was ich da entdeckt hatte. Das war keine verklei­nerte Faschingsreplik aus billigem Plastik, die man mit enttäuschend leise knatternden Pulver-Plättchen füt­tern musste, das hier war wirklich ein echtes Gewehr, schwer und kühl lag der Kolben in der Hand. Der Abzug lockte. Hier stand ich – Johnson, der Waldläufer, Johnson, der Held, breitbeinig (und etwas übergewichtig) erwartete ich den Ansturm der Sioux, die das Fort einnehmen und alle skalpieren wollten. Sollten sie nur kommen! Ich hatte eine Kugel für jeden. Ich kippte den Lauf, drückte ihn ge­gen ei­nen Widerstand nach unten. Mit dieser Bewegung spannte sich auch der Abzug. Ich schob eine von den wie eine Sand­uhr geformten Kugeln in den kreisrunden Lauf vor den Hahn. Es knackte mit einem wundervollen satten Ge­räusch beim Schließen; das hörte sich wirklich wie das Durchladen einer Winchester in einem Western an – meine Waffe war scharf. Ich flüsterte diese Worte: „Meine Waffe …“

Ein seltsam warmes, angespanntes Gefühl wühlte plötzlich in meinem Unterleib, kreiste im Magen, setzte sich wie Durchfall ab in die Gedärme, als ich zuerst im Zimmer um­herzielte und dann mit einer Handvoll Kugeln auf den mit einer hohen Steinbrüstung ummauerten Balkon trat, der das Dach der Veranda bildete und zu dem nur ich über mein Schlafzimmer Zugang hatte. Zahllose Bücher aus den Regalen der Großeltern las ich dort, von der Sonne lang­sam braun geröstet. Diesmal war anderes in meinem Sinn: Ich kniete, nahm das Gewehr in Anschlag. Die schwitzige Wange an dem glatten, hölzernen Kolben, zielte ich auf den alten furchigen Kirschbaum, von dem viele Jahre später mein Großvater bei der Obsternte fallen würde – ein Sturz, von dem er sich nie mehr erholte. Ich sah das Weiße in den Augen meiner Indianerfeinde und schoss. Ein trockener Knall wie das Brechen eines dürren Astes ertönte. Da hin­ten, an einer anderen Stelle als der, auf die ich gezielt hat­te, segelte ein zerfetztes Blatt zu Boden. Aufgeregt lud ich von Neuem. Die nächsten Schüsse trafen aufspritzend die graue Mauer hinter dem Baum, die den Garten zum Nachbargrund­stück eines Kohlenhändlers abgrenzte. Die Großeltern hat­ten wohl nichts mitbekommen, denn beide hörten schlecht. Diese ersten Schüsse lösten in mir ein Gefühl der Macht aus, das ich noch nie empfunden hatte. Schnell rannte ich zurück ins Zimmer und holte die Dose mit der Munition. Anschließend verpulverte ich bestimmt dreißig Schuss, die ich in den Garten hinunter zielend in die Bäume und die Hecken feuerte. Ich kann nicht behaupten, dass mir dabei langweiliger wurde, jeder Schuss war wie ein erneuter Or­gasmus. Mir war endlich das mir adäquate Spielzeug in die Hände gefallen.

Und daran sollten auch die anderen teilhaben: Passt auf, ich bringe eine Waffe mit. Ich bin groß!

Das Haus meiner Großeltern, das heute meinem Onkel ge­hört, liegt in einer kurzen, sich zu einem kleinen Platz erweiternden Sackgasse, die bei einer Tankstelle vom Waidmannsluster Damm abbiegt. Dort lebten 1977 fast nur alte Leute – sozusagen die Urbevölkerung – die man aber nie zu Gesicht bekam. Allein zwei Häuser weiter wohnten nahe Freunde meiner Familie, die zwei Söhne hatten, von denen der Ältere nur wenig jünger als ich war. Mit Holger verband mich eine seltsame Freundschaft, die jedesmal von Neuem geschlossen werden musste, wenn ich wieder einmal nach Berlin kam. Dann aber, wenn bereits nach ein paar Stunden die erste Fremdheit überwunden war, ver­brachten wir die gemeinsamen Ferien nahezu unzertrenn­lich, gingen ins Freibad nach Lübars, trieben uns in der „Freien Scholle“ und im Tegeler Fliess herum und spielten gemeinsam die Abenteuer, die ich mir ausdachte. Dann war das Haus meiner Großeltern ein Raumschiff, der Kel­ler von Holgers Eltern ein Pharaonengrab oder die alte, stillgelegte Borsig-Lokomotive auf dem Spielplatz entführ­te uns in die Prärie. Die Ferien meines Teilzeitfreundes en­deten jedoch meist schon Mitte August, während meine noch vier lange Wochen länger währten – also war ich bald wie­der für die meiste Zeit allein.

Im Sommer ’77 waren wir beide längst zu alt für unsere früheren Abenteuerspiele, aber mei­ne Entdeckung des Luftgewehrs überwältigte auch Holger und für den Rest des Tages begaben wir uns zurück in den Wilden Westen. Ich war Johnson, der Revolverheld und Westmann und er war Siosi, Johnsons Indianerfreund, Häuptling der Pueblo-Cheyennes. Kein Baum und kein Zaun waren vor unseren Schießkünsten sicher. Wir baller­ten auf Blumentöpfe und Blechdosen, auf Flaschen, Luft­ballons und auf unsere zerplatzenden alten Plastikcow­boys, die wir zu diesem Zweck wieder requirierten. Als wir mutiger wurden, schossen wir auch auf Vögel, die missmu­tige Hauskatze und die Hasen in den Boxen hinterm Haus – glücklicherweise streute das alte Luftgewehr so sehr, dass wir nie trafen. So ganz trauten wir uns auch nicht, richtig zu zielen. Den Lauf spannen, laden, ihn mit diesem wunderbaren Geräusch zuschnappen lassen, auf irgendet­was zielen und feuern – das wurde uns nie langweilig und die fünfhundert Schuss Munition in der Dose schmolzen wie Eis an der Sonne dahin.

Dann spannte Holger erneut den Lauf und diesmal gab es ein hässliches metallisches Knirschen, mit dem der Metall­bügel, der die Luft bisher ins Gewehr gepresst hatte, ermü­det zerbrach. Verblüfft starrte mein Freund auf den Bügel, der schlaff an einer Seite der Waffe herunter hing. Wütend riss ich ihm das Gewehr aus der Hand. Damit löste sich der berühmte letzte Schuss und Johnsons Kugel traf den großen Zeh von Siosi, der seine nackten Füße in braunen Ledersandalen stecken hatte. Knapp unterhalb des Nagels drang das Blei ins Fleisch. Wir sahen uns an – und nichts geschah. Holger schrie nicht, sein Schock war zu groß. Mein Blick rutschte herab. Der Zeh blutete heftig. Jetzt sah auch mein Blutsbruder herab und damit endete die Schmerzunempfindlichkeit des Indianerhäuptlings. Kreis­chend rannte er zu seiner Mutter ins Haus.

Und der tapfere Cowboy? Der packte eilig sein kaputtes Gewehr, schob die spärliche restliche Munition in die Ho­sentasche und schlich sich kleinlaut aus dem Garten, um­ging über einen Umweg durch den Keller die Konfrontati­on mit den Großeltern und stellte das Luftgewehr einfach wieder zurück an seinen Platz, als hätte es ihn nie verlas­sen. Dort ruhte es für den Rest der Ferien und ich habe es danach nie mehr gesehen. Im Sommer darauf waren in dem Schrank nur noch Mäntel und Modehefte aus den schwarzweißen 50er-Jahren zu finden.

Holger trug in der nächsten Woche einen dicken Verband um seinen waidwund geschossenen Zeh. Ich weiß heute noch nicht, welche Geschichte er seiner Mutter aufgetischt hat. Unsere Freundschaft litt keineswegs unter meinem peinlichen Mordversuch; ich entschied mich aber in diesem Sommer endgültig, meine Geschichten nicht mehr zu erle­ben, sondern sie nur noch aufzuschreiben. Ich begann mit dem ersten Kapitel meines selbstredend Fragment geblie­benen SF-Romans „Dem Sieger eine Handvoll Dreck“; den ich mit Zwanzig ins Altpapier entsorgte, als ich wegen ei­ner vernichtenden Kritik entschlossen war, nie mehr etwas zu schreiben

Das ist allerdings eine andere Geschichte …

[… wird fortgesetzt …]

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