Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

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Ein Interview mit mir selbst über mich

Über das Schreiben

Was für ein eisiger, abweisender und grauer Sonntagmorgen! Das ist genau die richtige Gelegenheit, mit mir selbst ein Interview zu führen und ein wenig Rechenschaft abzulegen.

Schreibst du deinen Roman „Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren“ eigentlich chronologisch?

Nein. Im Moment arbeite ich gleichzeitig an 3 Teilen. Eigentlich ist der Geltsamer auch keine Trilogie in fünf (oder sechs) Bänden, sondern ein einziger, sehr dicker Roman. Der 4. Teil, ich hier gerade häppchenweise veröffentliche, ist schon recht fortgeschritten. Ich schleife ihn gerade in seine endgültige Fassung und hoffe, dass mir der eine oder andere Leser bei der Fehlersuche helfen wird. Ich will mich hier noch einmal bei denen bedanken, die sich dieser Mühe unterziehen und mir persönlich, per E-Mail  oder Kommentar Hinweise zukommen lassen. Dieses Feedback ist selten, aber für mich ungeheuer wertvoll und wichtig und fließt immer in meine Texte ein. Wenn man so will, schreibe ich den Roman nicht allein, sondern zusammen mit meinen Lesern.

Daneben arbeite ich bereist an Band 5 und dem Prequel, das in der Hauptsache in der Goethezeit spielt. Teile dieses letzten Teils sind übrigens aus dramaturgischen Gründen nach vorne ins 3. Buch gewandert.  Das letzte Kapitel sind noch nicht geschrieben. Vom Prequel existieren nur Skizzen. Da wartet in diesem und in den kommenen zwei Jahren einige Arbeit auf mich. Ich will die Geltsamer-Reihe nämlich 2020, bzw. 2021 abschließen.

Hast du einen Plan für diese Romane? Weißt du, wie das Ganze endet?

Ich glaube nicht, dass sich ein Roman ohne genaue Vorplanung schreiben lässt. Noch dazu ein so komplexer wie dieser, der manchmal innerhalb eines Satzes von einer Realität in eine andere wechselt oder von einer Zeitebene zu einer anderen springt. Ich weiß aber sehr genau, was ich erzählen und was ich verschweigen will; was in den einzelnen Kapiteln passiert und wie die Verhältnisse der handelnden Personen zueinander sind. Ich habe von den Hauptfiguren Steckbriefe und Lebensläufe angefertigt und in meinem Arbeitszimmer hängt ein großer Übersichtsplan. Als Autor weiß ich aber mehr von meinen Figuren, als der Leser in dem Buch erfahren wird.

Hältst du dich immer an deinen Plan?

Ich versuche, den Leser zu überraschen, nicht mich selbst – obwohl das manchmal auch geschieht. Trotzdem hänge ich nicht sklavisch am Plan. Ich ändere mich und damit auch der Plot. Manchmal drängen sich Nebenfiguren nach vorn und werden – während ich sie schreibe – dominanter; verlangen ihr Recht auf ihre eigene Geschichte. Das passiert mir immer wieder. Es hat eine Zwangsläufigkeit, der ich mich als Autor beugen muss. Ich entwickle nur die Figuren und das Umfeld und sehe dann mehr oder weniger zu, wie sie ein eigenständiges Leben beginnen. Karl-Heinz Welkenbaum aus dem 3. Buch ist ein Beispiel dafür: Er schrie förmlich danach, von mir mit mehr Aufmerksamkeit bedacht zu werden. Er ist eine der farbigen Gestalten des Romans, der ich einfach mehr Platz einräumen musste. Der Schweizer Professor aus dem 1. Buch ist auch so ein Fall. Der Nikolaus Klammer des Buches selbst ist eine fade, farblose Figur; er ist kein Held, sondern ein Getriebener, dessen Weltbild auseinandergenommen wird. Umso bunter müssen die Menschen sein, mit denen ich ihn konfrontiere. Welkenbaum, Marini und die Helden der Bücher in den Büchern sind so vielschichtig und farbenfroh, dass ich ihnen gegen meinen ursprünglichen Plan wesentlich mehr Platz gewidmet habe. Dadurch wurde die Geschichte aber viel länger.

Und das Ende? Löst sich dann alles auf?

Wie gesagt habe ich nicht vor, alles zu erzählen, was ich über meine Figuren weiß. Eine Geschichte hat immer mehrere Seiten. Je nachdem, von welcher Seite man sie betrachtet, ergibt sich ein anderes Bild. Eine einzige Wahrheit, eine einzige richtige Deutung der Geschehnisse gibt es nicht. Der Leser soll seine eigene finden. Aber ich verspreche, dass der Roman einen zufriedenstellenden Abschluss finden und jede Geschichte zuende erzählt wird.

Warum geht es so langsam voran? Auch gutmütige Leser könnten es irgendwann leid sein, jahrelang auf das Ende zu warten.

Das hat viele Gründe. Ein paar sind äußeren Umständen (Brotberuf, Familie) geschuldet, die meisten jedoch bei mir selbst zu finden. Es ist richtig, ich arbeite am Geltsamer schon mehrere Jahre lang – die ersten Anfänge liegen im Jahr 2014 – und man kann durchaus den Eindruck gewinnen, es ginge kaum voran. Ich habe den Blog auch gegründet, um mich selbst zu regelmäßiger Arbeit an meinen Werken zu zwingen und mir Rechenschaft über ihr Fortschreiten abzulegen. Das mache ich öffentlich, weil ich den Druck einer Leserschaft wollte. Nun, das hat nicht ganz geklappt. Zum einen konnte ich im Internet nicht wirklich Interesse an meiner Literatur erwecken, zum anderen drängen sich auch andere Projekte von mir nach vorne.

Ein kleiner, neugieriger Blick in mein Notizbuch …

Dass es so lange dauert, ist auch meiner Arbeitsweise geschuldet. Meine Texte entstehen zuerst als Manuskript, werden dann von mir abgetippt und erst mehrmals überarbeitet, bis sie in den Blog gelangen. Die Fassung, die dann dort zu finden ist, ist noch lange nicht die endgültige, sondern nur eine Art Rohfassung, an der noch weiter gefeilt und geschliffen wird. Dann lasse ich ein Probe-Exemplar binden und gebe es meinen Freuden zur Korrektur. Schließlich gebe ich es frei und ärgere mich, dass noch immer 1000 Fehler darin zu finden sind. Vielleicht liegt es daran, dass manche Leser die Sprache des Romans als überkompliziert und altmodisch empfinden. Vielleicht sind die Gründe auch in meinen manchmal etwas abwegigen Lektüren zu suchen, die ich speziell auch wegen des Geltsamers auswähle.

Ist es nicht schwierig für einen Leser, komplexe Texte oder Romane wie den Geltsamer häppchenweise im Internet zu lesen?

Ich würde sogar sagen, es ist eine Zumutung. Ganz ehrlich: Ich mache es auch nicht; ich lese selten bis nie die Texte anderer Blogger. Zudem weiß man, dass am Bildschirm gelesene Texte wesentlich oberflächlicher aufgenommen werden als gedruckte, Fehler viel häufiger übersehen wären. Wie das bei E-Book-Readern ist, weiß ich nicht. Aber aus eigener Erfahrung würde ich vermuten, die aktuellen Geräte kommen dem Leseerlebnis, das man mit einem Buch hat, doch recht nah. Wer einmal einen 1000-Seiten-Wälzer auf einem Reader gelesen hat, wird um die Vorteile wissen, wenn ihm dieser schmale Bildschirm beim Einschlafen auf die Nase fällt und ihn nicht das analoge Buch erschlägt.

Es wäre jedoch sinnlos, längere Texte hier auf dem Blog in einem Stück zu posten. Also habe ich mich für homöopathische Dosen von 1200 – 1500 Wörtern entschieden – das sind ungefähr fünf normale Taschenbuchseiten. Ich sehe jedoch an den Zugriffen, dass mein Angebot kaum angenommen wird; offenbar überfordere ich potentielle Leser oder schrecke sie ab. Die über fünfzig Fortsetzungen von „Die Wahrheit über Jürgen“ – das sind 200 Buchseiten hat hier z. B. überhaupt niemand gelesen – das Buch verkauft sich auch nicht. Ich hätte vermutlich mehr Leser, wenn ich die Texte – anstatt sie im Internet zu posten – ausdrucken und daheim an meine Garagentür kleben würde.

Was geschieht mit den Texten, nachdem sie auf dem Blog erschienen sind?

Die Texte, die ich gepostet habe, sind nicht fertig. Ich lasse sie nicht einfach im Archiv verrotten. Ich überarbeite sie regelmäßig, verbessere Fehler, schreibe sie fort. Das gilt nicht nur für die Belletristik, sondern auch für die Glossen und Essays. Für mich ist der Blog eine Art von erweitertem Notizblock, machmal auch von einem Tagebuch.

Ich habe nicht vor, meine Texe und Romane einem Verlag anzubieten. Denn ich bin mir sehr wohl bewusst, dass dies vollkommen sinnlose Zeitverschwendung ist. Es mag zwar für meine Art von Literatur ein kleines Publikum geben, aber die Chance, jemals einen Verlag für sie zu finden, ist gleich Null. Ich bin eigentlich ganz froh, dass ich von meiner Kunst nicht leben muss, sondern einem Brotberuf nachgehe, in dem ich mir meine Zeit recht gut selbst einteilen kann. Wenn ich glaube, dass ein Text vorzeigbar ist, veröffentliche ich ihn als Selfpublisher. Auf diese Weise sind in den letzten drei Jahren 8 Bücher entstanden; in diesem Jahr sollen – wenn alles nach Plan geht – 3 bis 4 weitere folgen. Als nächstes wird im März Noch einmal daran gedacht erscheinen, ein Essayband mit Texten aus diesem Blog.

Das sind die Bücher, an denen ich in diesem Jahr arbeite (und sie vielleicht auch veröffentliche) …

Ich weiß, ich wiederhole mich: Zu versuchen, in Deutschland als freier Autor zu leben, ist die sicherste Art, zu verhungern – vielleicht nicht die schnellste, aber doch die sicherste. Zudem ist mir bewusst, dass die Texte, die hier erschienen sind oder von mir schon als gedrucktes Buch vorleigen, von keinem Verlag mehr angefasst werden. Ich verschenke mich also; allerdings wird dieses Geschenk meist abgelehnt.

Das klingt bitter.

Manchmal habe ich meine Phasen. Momente, in denen ich mich frage, warum nicht mehr Menschen meine Texte lesen; ob das an mir oder an der Qualität meiner Literatur liegt. Aber ich habe mich mit meiner Erfolglosigkeit längst arrangiert. Aus den Träumen meiner Jugend bin ich aufgewacht.

Worum geht es im „Geltsamer“ genau?

Ich will hier nicht auf die Handlung eingehen. Ich mag es nicht, wenn mir in einer Besprechung bereits die halbe Geschichte verraten wird. Ich hasse Spoiler und ich nehme an, es geht anderen ebenso. Meist sind mir schon die Texte auf den Buchumschlägen zu detailliert. Ich mache außerdem auf diesem Blog häufig Anmerkungen zu dem Roman und zu meiner, um es mal hochgestochen auszudrücken, „Literaturtheorie“.

Ganz allgemein geht es mir darum: Die Wand zwischen dem, was ich alltäglich sehe, fühle und denke, jener Welt, die ich als „Realität“ begreife, und dem Irrsinn: Sie ist dünn wie Papier. Es genügt ein Schritt zur Seite, ein Straucheln, ein Stolpern: All das, all die Dinge, die ich für sicher hielt, die mir in meinem Leben Halt gaben, existieren dann nicht mehr. Sie sind ein Traum, in dem ich jetzt noch lebe, den ich aber nach dem Erwachen vergessen werde. Ich bilde mir ein, dass mein Dasein beständig und festgefügt ist, Kontinuität besitzt. Das ist ein Irrtum. Der Nikolaus Klammer, der ich gestern war, hat mit dem, der ich heute bin und dem, der ich morgen sein werde, nur wenig zu tun. Und der literarische, erfundene, existiert zwischen diesen Ebenen. „Gestern“ und „Morgen“ sind nur Fantasiegebilde, die keine Existenz haben; Konventionen, an die ich glaube, um weitermachen zu können. Tatsächlich aber kann ich mir nicht einmal sicher sein, ob die Dinge, an die ich mich erinnere, auch vorgefallen sind. Vielleicht habe ich sie nur geträumt.

Wenn ich also sehe, wie viele Fallstricke es gibt und auf welch wackligem Boden ich meinem Alltag nachgehe, wie schnell ein Unfall, eine Krankheit, ein Tod oder auch nur das Verhalten eines einzelnen Menschen mein Leben komplett aus der Bahn bringen können, finde ich es ganz erstaunlich, dass die meisten Leute „normal“ funktionieren und nicht in ihre eigenen hermetischen Welten abtauchen und dabei den Verstand verlieren. Das Internet bietet übrigens eine Vielzahl solcher Welten an, die neben der „Realität“ existieren. Freilich biegt sich jeder seine Wahrnehmung so zurecht, wie er sie braucht und jedes Augenpaar hat einen vollkommen anderen Blick auf die Dinge, manchmal so fundamental anders, dass es außer Hass keine Gemeinsamkeiten. Meine Literatur will auch eine Brücke zwischen den Individuen schaffen.

So ein Interview mit mir selbst ist zwar ein bisschen schizophren, aber eine feine Sache: Ich stelle mir nur die Fragen, die ich auch beantworten will. Trotzdem: Wenn eine von euch verirrten Seelen, die dort draußen im endlosen Kosmos des Internets herumschwirrt und durch Zufall auf meine Seite gekommen ist, etwas anderes von mir wissen will: Frage ruhig, ich will hier gerne alles beantworten. 

[Wird fortgesetzt …]

Mein neues Buch: „Die Wahrheit über Jürgen“

Liebe Freunde meines Blogs, liebe Leser,

ich war fleißig. Der 2. Band meines „Jahrmarkt in der Stadt“-Zyklus‘ ist erschienen. Es ist der Künstlerroman „Die Wahrheit über Jürgen“, von dem man hier auf meinem Blog in diesem Monat noch eine lange Leseprobe finden kann. Dieser durchaus autobiografische Schlüsselroman, an dem ich viele Jahre gearbeitet habe, spiegelt auf spannende und unterhaltsame Weise meine intensive Beschäftigung mit der zeitgenössischen Kunst wider. Ich hoffe, er wird von euch wohlwollend aufgenommen und findet vielleicht sogar den einen oder anderen Leser unter euch. Wirklich toll wäre auch der eine oder andere Stern oder gar eine Rezension auf einem Online-Portal … aber jetzt leide ich wohl unter Wahnvorstellungen.

Über ein Teilen dieser Ankündigung würde ich mich auf jeden Fall freuen.

Euer Nikolaus.

 

Die Wahrheit über Jürgen
Jahrmarkt in der Stadt

Band 2

Der Mensch dürstet nach dem Bösen, aber er vermag es nicht,
ihm seine Seele zu verschreiben.
Deshalb schlägt er krumme Wege ein:
Die Neurose, das Gelächter oder die Kunst.

Augsburg Mitte der 90er Jahre: Die Bilder des Malers Jonas Nix sind eine künstlerische Sensation und Tagesgespräch bei den Kulturschaffenden der in ewigem Dornröschenschlaf schlummernden Stadt. Doch liegt der Erfolg von Nix wirklich in der Qualität seiner düsteren, blutigen Werke begründet oder eher an seinen engen verwandtschaftlichen Beziehungen zum für die Kultur zuständigen Stadtrat Arno Pauli und den oberen Zehntausend Augsburgs?

Der junge Journalist und Maler Georg Hauser, der mit dem schwierigen Künstler in die Schule gegangen ist, beginnt nachzuforschen und Nix und die Personen in dessen Umfeld zu befragen. Hauser wird dadurch unfreiwillig in ein Familiendrama verwickelt, das bald auch sein Leben bedroht und ihn vor die existenzielle Frage stellt:

Wie weit würdest du für deine Kunst gehen?

Ein Roman von Nikolaus Klammer.

Die Wahrheit über Jürgen, Roman. 270 Seiten, illustriert. ISBN: 9783746778037 8,99 € (Taschenbuch) – 2,49 € (E-Book)

Überall im Internet und in allen wohlsortierten Buchhandlungen als günstiges E-Book oder als Taschenbuch erhältlich.

Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 37)

Dies ist der letzte Abschnitt von „Die Wahrheit über Jürgen“, den ich auf meinem Blog posten werde. Ende des Monats wird der – selbstverständlich vollständige – Roman als 2. Teil meines „Jahrmarkt in der Stadt“-Zyklus‘ veröffentlicht und ist dann überall im Buchhandel als Softcover (270 Seiten) oder als E-Book erhältlich. Im Moment bin ich noch bei den letzten Korrekturen.

Ich habe in den letzten zwei Monaten kein einziges Buch verkauft, was mich ein wenig in eine Schaffenskrise gestürzt habe, aber vielleicht wird ja der Künstler-Roman, der dem Mainstream und der Belletristik zuzuordnen ist,  den einen oder anderen Leser finden, der bisher um meine Genreliteratur einen weiten Bogen gemacht hat.

Die Auszüge aus dem Buch werde ich jedenfalls Ende November von meinem Blog löschen – wer das spannende Ende und die Auflösung der Geschichte erfahren möchte, muss sich den Band kaufen.

Mein Korrekturexemplar

[Zum ersten Teil]

Vielleicht erhellt die originelle, wenngleich etwas schwer verständliche Laudatio von MBB, die sie in Ab­wesenheit des Künstlers vor dem nur langsam zur Ruhe kommenden Publikum hielt, etwas von Qualität und Sendung der Kunst von Jonas. MBB be­gann die Rede, die sie trotz des Manuskripts in ihrer Hand auswendig konnte und frei hielt, mit einem seltsa­men Zitat:

»Der Mensch durstet nach dem Bösen, ihn dürstet da­nach, schuldig zu werden, aber er wagt – oder ver­mag – es nicht, dem Bösen seine Seele zu verschrei­ben, er schlägt krumme Wege ein, die Neurose, das Gelächter, usw … So sagt Georges Bataille in einer Geschichte.

Mögen Sie sie auch, diese kaum aussprechbare Ab­kürzung einer nichtssagenden Floskel, dieses usw., das es auch noch als usf. oder als, besonders schön auszuspre­chen: u. Ä. gibt. Was wäre ein Schülerauf­satz ohne die­ses usw …? Man benutzt es immer dann, wenn man selbst nichts mehr weiß, wenn die Inspi­ration versagt und man erschöpft den Rest der Ge­dankenkette der Fantasie des Lesers überlässt. Je­der von uns setzt instinktiv und intuitiv für dieses usw. etwas ein, das ihn persönlich be­trifft, es ist eine Art Rorschach-Test mit Buchstaben. Als ich den eben zitierten Satz zum ersten Mal bei Bataille las, ersetzte mein Unterbewusstes das usw. sofort mit dem Wörtchen Kunst. Der Satz las sich dann für mich so:

Der Mensch durstet nach dem Bösen, aber er ver­mag es nicht, ihm seine Seele zu verschreiben, des­halb schlägt er krumme Wege ein, die Neurose, das Geläch­ter, die Kunst. Und ich war anschließend von Batailles ent­täuscht, weil er auf diesen – nämlich meinen – durchaus freudianischen Gedan­ken nicht weiter einging, sondern sich im Weiteren nur mit der Neurose und dem Ge­lächter beschäftigte. Später fand ich dann zu meiner Beruhigung heraus, dass für ihn die Neurose und die Kunst nahezu synonyme Begriffe sind. Neurose ist ihm die Sehnsucht nach der Angst, die Gott hat. Kunst ist also die Sehnsucht nach der Angst Gottes.

Keine Angst, ich habe nicht vor, mit Ihnen über die Schwierigkeiten der Hermeneutik zu reden. Ich bin hier, um Ihnen etwas über die Kunst von Jonas Nix zu erzäh­len. Und, zu Ihrer Beruhigung, ich bin selbst Künstlerin und werde mich daher kurz fas­sen. Worte sind wie Gardinen, die man vor Gemälde zieht. Wenn man durch sie hindurchsieht, bleibt das Wesentliche verborgen.

Deshalb komme ich aber an Batailles nicht vorbei, des­sen Unbehagen am Dasein eine enge Geistesver­wandschaft mit dem Nixschen Behagen an der Besudelung zeigt. Denn Batailles‘ Anliegen war neben dem selbstzer­störerischen Schenken, auf das ich später eingehe, im­mer in vorderster Front das Tabu und das bewuss­te Überschreiten und Brechen dessel­ben, um sich durch diese heroische Tat zum Mensch­sein zu befreien. Klingt Ihnen das zu hochgesto­chen? Ich kann es auch anders formu­lieren: Es gibt von Batailles einen Text, in dem jemand seine tote Mutter schändet. Und es gibt von Jonas Nix ein Bild, das er mit seinem eigenen Blut gemalt hat.

Wir loben uns, in einer tabulosen Gesellschaft zu leben, die all die kleinlichen Vorurteile unserer Vä­ter über­wunden glaubt. Keine abwegige sexuelle Leidenschaft kann uns noch schockieren, wir sind in der Psychologie unseres Jahrhunderts geschult, ha­ben für alles Ver­ständnis. Keine menschliche Re­gung ist uns fern. Sind wir also, wie ich formulierte, zum Menschsein befreit? Manche glauben es, aber ich will es stark bezweifeln. Ich den­ke, das Gegenteil ist der Fall: Wir leben in einer gefessel­ten, in einer neu­rotischen, engstirnig bürgerlichen Ge­sellschaft. Mit unserer freien Sexualität ist es nicht weit her, wir haben sie nur hygienisch und steril gemacht. Wir alle haben den Sex im Hirn, aber das ist der Ort, wo er am wenigsten hinpasst und auch am wenigsten be­friedigt wird.

 Und daraus lässt sich nur der Schluss ziehen, dass die Ta­bus der Gesellschaft noch lange nicht gebrochen sind, diese spießige Ge­sellschaft noch immer die Kraft hat, sie aufrecht zu hal­ten und ihre Verletzung unter Strafe zu stellen. Das Böse ist dabei das kräftigste Tabu. Ich spreche nicht von einem mythischen oder religiös definierten Bösen als Wi­derpart des guten, aber ängstlichen Gottes, sondern von der gesell­schaftlichen Vereinba­rung böse, zu der es uns laut Ba­tailles als egoisti­sche Einzelwesen alle hinzieht. Und was ist böse? Es ist vor allem der Tod; er ist der Schaden der Gesell­schaft und wir alle haben ihn zur Seite ge­drängt, um ihn zu vergessen. Wir würden das Sterben unter Strafe stellen, wenn es einen Sinn hätte. Und gleich­zeitig und das ist die Perversion dieses Tabus, seh­nen wir uns alle nach dem Tod, denn er ist ein Teil von uns, den wir nur mit Hilfe einer Neurose, eines Ge­lächters oder eben der Kunst verdrängen können. Er schlummert in jedem von uns, wird jeden Tag ein wenig wacher. Jeden Tag werden wir ihm ein wenig ähnlicher. Da hilft kein Makeup.

Und trotz unseres Ekels vor der Sterblichkeit und der Verwesung gibt es uns einen masochistischen Schauer, erkennen wir uns wieder, wenn wir ver­stohlen in den Fernseher sehen und uns die Leichen der Kriege, Ver­brechen und Unglücke in handliches Format gepackt häppchenweise und farbenfroh vor­geführt werden. Aber nie darüber reden, diese Sehn­sucht verschließen wir in uns: Das ist die Neurose, die uns fesselt. Solange wir nicht mit dem Tod umge­hen können, werden wir keine Menschen sein. Jonas Nix hat die Überwindung dieser Neurose zu seiner Kunst gemacht. Geben wir zu, seine Bilder und Collagen schockie­ren uns, es fällt unendlich schwer, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Aber es ist unsere eigene Einstellung zum Tod, die uns schockiert, die wir nicht sehen wollen, die uns hindert, frei zu werden. Hegel sagt, der Tod sei das Furchtbarste, und das Tote festzu­halten, sei das, was die größte Kraft erfordere. Nix nimmt sei­nen Kampf mit diesem Schrecken auf, er packt un­ter Aufbietung seiner Lebenskraft den Tod an den Hörnern und er läd uns alle ein, bei diesem Spekta­kel zuzusehen. Er macht uns mit seinem Stierkampf ein Geschenk, schenkt uns einen Teil seines Daseins, auch wenn er sich selbst dabei zerstört. Nur wer das Höchste versucht, gewinnt die Freiheit des Menschseins.
Auch das Leben ist ein Geschenk, so trivial es klin­gen mag. Das Furchtbarste ist nicht, jemandem ein Ge­schenk wegzunehmen, sondern es ihm kaputt wieder­zugeben. Wir alle haben das Geschenk Leben von dieser grausamen, gleichgültigen Gesellschaft kaputt zurückbekommen. Und einmal in dieser mageren Frist zwischen Ge­burt und Tod, mit der wir so verschwenderisch um­gehen, sollte jeder darüber nachdenken, was dies für ihn bedeutet.

Nehmen Sie das Angebot an. Benutzen Sie die Bil­der zum Nachdenken, zum Nachfühlen, zum Erle­ben usw …

Ich danke Ihnen für den kurzen Moment der Auf­merksamkeit.«

[…]

Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 36)

[Zum ersten Teil]

Auf der anderen Seite konnte man die Wintherbrü­der auf keinen Fall ignorieren oder vor den Kopf sto­ßen, da sie doch in der Kunstszene der Stadt eine ge­wisse, ich bin versucht, zu sagen, Macht darstellen; sich als örtlich anerkannte Künstler im Laufe der Zeit einen Status er­obert hatten, der ihnen und ihren Verrücktheiten Unan­greifbarkeit verliehen hatte. Außerdem konnte man, wenn man es schaffte, Frieden mit ihnen zu halten, si­cher sein, dass sie zu einem standen und einen im Rah­men ihrer nicht un­bedeutenden Möglichkeiten unter­stützen. Da ich es mir also nicht mit den beiden ver­scherzen wollte, litt ich still und ergeben vor mich hin, ließ mich auf den sinnlosen Schlagwortdisput um ihre Kunst ein und hoffte, dass die Autofahrt bald vorbei war.

Es war längst dunkel geworden, als wir endlich in Mün­chen ankamen. Keiner von uns wusste so genau den Weg zu der Galerie und die Passanten, die wir frag­ten, schienen in dieser Stadt ebenso fremd zu sein wie wir. Wir wären wahrscheinlich noch eine ganze Weile weiter umhergeirrt, wenn wir nicht zu­fällig Paulis gro­ßen Wa­gen am Straßenrand und da­mit die Seitenstraße, in der die Galerie lag, entdeckt hätten. Dass der Kultur­referent nach den Ereignis­sen des Nachmittags an der Vernissa­ge seines Nef­fen teilnahm, erstaunte mich. Die üblicher­weise auf­wendige Suche nach einem Parkplatz kürzte MBB in ihrer unnachahmlichen Weise rigoros ab, indem sie einfach auf den Bürgersteig hochfuhr und dort ste­henblieb.

Wir mussten eine Weile warten, bis sich die beiden Win­ther aus den Rücksitzen gearbeitet hatten. Jochen-Maria stauchte sich dabei etwas seinen Hut, was er als eine mittlere Katastrophe nahm und ihn, ohne ihn abzuneh­men, von seinem Bruder richten ließ. Ich vergnügte mich inzwischen mit Gedankenspie­len, was er wohl un­ter dieser Haube hatte, einen Haarzopf wie Ernst Fuchs wohl kaum. MBB und ich sahen uns an und in unseren Blicken lag all die ver­zweifelte Müdigkeit, die unser Los manchmal in uns erwachen ließ.

Die Galerie Nasolt & Haschek trug über die gesam­te Län­ge der Vorderfront eines breiten Gebäudes zwei langge­zogene Fenster zur Schau und war eine der re­nommiertesten Galerien von München. Sie stand in dem Ruf, Künstler zu machen. Wer es als Maler oder Bild­hauer fertigbrachte, hier ein paar Bilder unterzubringen oder gar wie Nix eine eigene Ausstellung zu bekom­men, war auf dem Sprung: An­gebote aus Zürich, Lon­don und New York würden mit der Sicherheit einer physikali­schen Gesetzmä­ßigkeit folgen. Nix war also dabei, end­gültig aufzu­steigen. Bald konnte ihn das mit­telmäßige, kleinli­che Geplänkel in seiner Heimatstadt gleichgültig lassen, bald würde er sich in Kreisen bewe­gen dür­fen, in denen zwar mit Sicherheit die gleichen Spiele gespielt wurden, aber die Einsätze ungleich hö­her lagen. Wer wohl der nächste war, den er mit Jauche übergoss? Oder war er bald so etabliert, dass er selbst besudelt wurde?

Ich weiß heute nicht mehr, ob ich Nix diesen Erfolg nei­dete, als ich in die hell erleuchteten und gold­glänzenden Schaufenster der Galerie spähte und im Inneren bereits viele elegant gekleidete Menschen mit gediege­nen Sekt­gläsern in den Händen umher­schlendern sah. Zwischen ihnen standen wie bunte Farbflecken verschüchterte Künstler und de­ren Freunde, ihnen war merklich unwohler in der noblen Umgebung. Von Nix Bildern war von der Straße aus wenig zu erken­nen, sie wurden meist von den Leu­ten verdeckt, die sich in Trauben vor ihnen drängelten. Beim Eintreten duckte ich mich eng in den gewaltig­en Schatten meiner Begleiterin und versuchte eine gewichtige und dabei selbstsichere Miene aufzuset­zen. Ich rechnete nicht damit, man­gels Ein­ladungskarte Schwierigkeiten beim Einlass zu bekom­men. Ich hatte mich mal wieder geirrt. Ich war noch nicht einmal halb in der Tür, als mich eine Hand schwer am Kragen packte und brutal zu­rückriss. Jemand schleppte mich zur Seite und drückte mich grob gegen ein parkendes Auto.

»Ich glaube es nicht«, konstatierte mein Gegner. »Was tust du denn hier? Gerade dich wollen wir hier nicht. Du hast so etwas von sicher keine Einladung erhalten!« Ich erkannte mein Gegen­über. Der Tür­steher war einer der schwachsinnigen Kerle, die mich vor einem guten halben Jahr mit Lackfarbe besprüht hatten; einer von dem „dreckigen halb­en Dutzend“ gewalttätiger Epigonen von Nix, die im Rü­cken seiner Genialität wie Hunde umherstreunten, um ein Stück seines Ruhmes zu erhaschen. Er war sicher auch bei der Aktion bei der Weissensteiner-Lesung da­bei gewe­sen. Mir ging ein Licht auf: Natürlich, er war es ge­wesen, der das Fass Odel zu früh ausgekippt hatte! Ich erinnerte mich an seinen feixenden Gesichtsausdruck. Das war ein Privatkrieg, den er mit mir führte. Ich über­legte kurz, ob ich hier vor der Galerie mit ihm eine handgreifliche Auseinandersetzung beginnen sollte, aber er war doch wesentlich stärker als ich und der Griff, mit dem er mich noch immer hielt, war fest und bestimmt. Die brutalen Kerle gewinnen doch immer … Ich wand also nur schwach ein:

»Ich bin mit Nix längst versöhnt und muss ihn spre­chen, es ist sehr wichtig. Frag ihn.« Er schüttel­te nur den Kopf, durchschaute meine ungeschickte Lüge sofort. Da trat die MBB, die mein Missgeschick bemerkt hatte, näher und rettete den Tag. Sie erkun­digte sich streng, was hier denn überhaupt los sei. Durch ihre dominante Lei­besfülle und den walküren­haften Ton ihrer Stimme erschreckt, ließ mich mein Gegner endlich los.
»Er hat keine Einladung …«, erklärte er merk­lich un­sicherer, aber er richtete sich doch drohend vor der Vor­sitzenden des BBK auf, um seine einzige Überlegen­heit, nämlich seine Größe, auszuspielen.

»Georg ist mit mir hier. Ich halte die Laudatio. Hast du damit ein Problem, sag?«, fragte MBB kalt. Die beiden maßen einander kurz. Schließlich kam MBB zu einem offensichtlich nicht sehr schmeichel­haften Ergebnis, denn sie verzog verächtlich lä­chelnd ihren Mund. Dabei wog sie warnend das ge­rollte Manuskript ihrer Eröff­nungsrede in der Rech­ten. Ich setzte mich halb auf die Kühlerhaube des Wagens hinter mir, verschränkte ver­gnügt die Arme und genoss die Szene, die sich mir nun bot. Die Au­genschlitze von MBB wurden noch enger, dann schnaubte sie plötzlich einmal wie ein wütender Stier, machte einen überraschenden Schritt nach vorn. Sie sah in ihrem hinreißend gut gespielten Zorn wirk­lich erschreckend aus. Der Kerl stolperte tatsächlich ent­setzt zurück und fiel hin: Erst strau­chelte er zurück, dann kipp­te er halb nach vorn, auf seine Knie und Hände. MBB beugte sich drohend über ihn und er machte sich ganz klein am Boden.

»Hast du damit ein Problem?«, wiederholte sie. Er schüt­telte den Kopf. »Ich höre dich nicht«, drohte sie.

»Nein!«, rief er laut und gedemütigt. »Ihr könnt bei­de rein.«

MBB wollte noch etwas sagen; wahrscheinlich soll­te er ihr jetzt noch die Füße küssen. Aber ich fand, dass es ge­nug war und drängte die Frau zurück. Es fiel uns bei­den schwer, ernst zu bleiben und ein La­chen zu unter­drücken. Ich konnte mir selbstver­ständlich nicht ver­kneifen, zu ihm herab: »Das wird dir hoffentlich eine Lehre sein«, zu sagen und dann triumphierend bei der mannhaften Verteidigerin meiner Ehre untergehakt die Galerie zu betreten.

 Glücklich innen angelangt, bedankte ich mich ar­tig bei ihr und machte mich sofort auf die Suche nach Nix, von dem ich vermutete, dass er, von einer Menschen­traube um­geben, irgendwo bleich und aufgeregt in einem Winkel stand und nervös an den Fingernä­geln kaute. Aber ich konnte ihn nicht finden. In den drei großen Räumlich­keiten mochten sich über­schlagsmäßig sicherlich zwei­- oder dreihundert Leute aufhal­ten, die sich, einander auf die Füße tretend, in un­terschiedlich großen Gruppen lautstark unterhielten oder sich an den ausgestellten Bildern und Collagen vorbeischoben. Ich hätte Nix dennoch finden müs­sen, wenn er sich hier aufgehalten hätte. Ich nahm an, dass er sich gerade in einem Nebenraum auf sei­nen großen Auftritt vorbereitete. Also entschloss ich mich, auf ihn zu warten und reihte mich in den Strom ein, der sich im Kreis langsam und kunstbeflissen an den Wänden entlang bewegte. Zum ersten Mal bekam ich einen genauen Über­blick von der erstaunlichen Bandbreite der Kunst von Nix zu sehen, auch wenn ich mich natürlich nicht intensiv mit den Gemälden beschäftigen konn­te. Es hingen vielleicht fünfzig meist großformatige Bilder an den Wänden, durch geschickte Beleuch­tung gelangten sie bemerkens­wert eindringlich und plastisch zur Geltung. Viele der Collagen waren ge­nau so, wie ich sie erwartet hatte. Es waren düstere Schlachtfeste aus unappetitlichen Mate­rialien, die in diesem geballten Auftreten die Magenschleimhäut­e erheblich strapazierten. Aber dazwischen gab es immer wieder Bilder, die ich als echte Meister­werke empfand. In diesem Text ist ihr Genie nicht annä­hernd beschreibbar und das Heran­ziehen von Verglei­chen kann ihnen unmöglich ge­recht werden.

[Zum 37. Teil …]

Die Wahrheit über Jürgen – Ein Künstlerroman (Teil 35)

[Zum ersten Teil]

Ich entschloss mich, mit Nix selbst zu reden und ihm von dem Vorfall in seiner Wohnung zu be­richten. Ich fand, das sei ich ihm und vor allem seiner Freundin schuldig. Gerade zu ihr und zu ih­rer Lage empfand ich ein wütendes Mitleid. Also rief ich von der nächsten Telefonzelle, der ich begegnete, die MBB an, von der ich ja wusste, dass sie zur Vernissage nach München fahren wür­de. Ich wollte sie fragen, ob sie mich mitnehmen könnte. Zu meinem Glück war sie in­zwischen aus ihrem Studio heimgekehrt und es mach­te sich be­zahlt, dass sie eine ziemlich intime Vorliebe für mich hatte. Sie erbot sich sogar, am Abend extra einen Umweg zu machen und mich von daheim abzuholen. Allerdings müsse ich ertragen, dass sie auch die Winther-Brüder, die eine Einladung von Nix hatten, mitnehmen würde; sie habe es den beiden in einem leichtsin­nigen Moment, den sie inzwischen bereue, verspro­chen. Diese Tatsache war für mich fast der Grund, mit der Bahn in die Landeshauptstadt zu fahren, aber die Leere in mei­nem strapazierten Geldbeutel trug den Sieg über die durch die Brüder zu erwar­tenden Nervenschäden davon. Ich biss in den sauren Apfel, eine knappe Stunde mit ihnen auf der Auto­bahn verbringen zu müssen und dabei ihrem Geschwätz schutzlos ausgeliefert zu sein.

Es ging bereits auf fünf Uhr, als ich endlich wieder zu Hause war. Ich hatte keinen Hunger; mir war im Gegen­teil übel und schwindlig. Obwohl ich weder verschwitzt noch schmutzig war, fühlte ich mich un­sauber und hat­te das paranoide Gefühl, der Geruch von Nix Bildern würde noch an mir haften. Er hing trotz meines langen Fußweges noch immer aufdring­lich in meiner Nase. Ich duschte daher intensiv und wechselte meine Kleidung. Dann erst lud ich meinen inneren Müll bei Christine ab, die geduldig auf ein paar Erklärungen für mein abson­derliches Verhal­ten wartete. Es war Zeit, mich mit ihr auszuspre­chen. Ich hatte das klärende Gespräch schon allzu lange hinausgezögert. Ich erzählte Christine endlich von Theresa und be­richtete ihr dann von den seltsamen Ereignissen des Tages, versuchte sie und wohl auch mich selbst von ihrer Harmlosigkeit zu überzeugen. Dass sie eben erheblich merkwürdiger aussahen, als sie es in Wirklichkeit wa­ren, dass alles eine Gaukelei war wie dieser geschlachte­te, geplatzte Kadaver, der mich und Theresa auf den ersten Blick so er­schreckt, sich dann aber mitsamt den Schmeißflie­gen auf dem Gedärm als eine geradezu genia­le At­trappe aus Wachs, Draht, Farbe und Pappe heraus­gestellt hatte. Es war eine Arbeit, die Nix Wo­chen, wenn nicht Monate beschäftigt haben musste.

Dennoch blieb mir ein bohrendes Unbehagen, denn die verschmierten, geronnenen Blutspuren an den Wänden und Fenstern des Ateliers, die merkwürdige archaische Formen und obzöne Wörter nachbilde­ten, waren mei­ner Meinung nach echt ge­wesen. Hatte Pauli nicht er­zählt, Nix hätte verbun­dene Hände? War der Maler nach dem Streit mit Emilio Parma wieder in einen Selbstgeißelungs­wahn verfallen, hatte er sich mit seiner Rasierklinge die Handflächen zerschnitten und dann sein Atelier auf diese grausige Weise geschmückt? Die Diagnose meiner Freundin war kurz und vernichtend: Sie hielt Nix für geis­teskrank oder zumindest für schwer verhaltensge­stört. Er stelle eine Gefahr für sich und andere dar; eine Bedrohung, die man auf dem schnellsten Wege in eine geschlossene Anstalt zu schaffen habe. Ich wollte es bei weitem nicht so krass sehen, war aber durch die grotes­ke Schallplattensammlung und das viele Blut unsicher geworden. War Nix noch ein um Wahrheit und Er­kenntnis ringender Künstler, der auf seiner Suche außergewöhnliche, ra­dikale Wege einschlug? Oder war er tatsächlich schlicht verrückt geworden – hat­ten ihn seine tägliche Beschäfti­gung mit den Nacht­seiten der menschlichen Existenz, sein intimer Um­gang mit Tod, Blut und Verwesung und der Druck von Öffentlichkeit und reicher Verwandtschaft um den Verstand gebracht? Hatten ihn seine Mühlräder zer­malmt? Ich weiß das heute noch nicht endgültig zu beantworten. Ungeduldig fieberte ich auf mein Tref­fen mit ihm hin.

Kurz nach sieben Uhr holte mich dann die MBB wie versprochen ab. Sie tat mir den Gefallen und ließ mich vorne bei ihr sitzen. Die Winther-Brüder – die es ja nur im Doppelpack gibt – hatten es sich be­reits auf dem Rücksitz bequem gemacht. Obwohl sie zwei Jahre aus­einander sind, gleichen sie sich von Natur aus wie ei­neiige Zwillinge. Da diese Ähnlich­keit aus irgendeinem dunklen Grund den beiden Unzertrennlichen nicht ge­fällt, hatten sie sich mal wieder in dem Versuch lächer­lich gemacht, sie zu verbergen. Der jüngere, nämlich Hans-Albert, hatte sich bemüht, seinen spärlichen Haarwuchs durch eine kurzgelockte Dauerwelle zu be­schönigen und sein Bruder Jochen-Maria trug einen dunklen, eben­so unecht wirkenden Schnauzbart. Beide dufteten frisch gewaschen und waren unauffällig,  aber doch sichtbar geschminkt, was ihnen eine reichlich dekad­ente, transsexuelle Aura verlieh. Doch an die­sen An­blick war man gewöhnt, er erzeugte nicht je­nes kaum beherrschbare Gefühl in mir, jeden Mo­ment in schallen­des und kränkendes Gelächter aus­brechen zu müssen. Nein, der Grund war die Klei­dung der beiden, die sie sich für diesen Abend ge­wählt hatten: Sie hielten sie si­cher für exzentrisch und extravagant, einer aufsehener­regenden Vernis­sage in München angemessen. Aber sie war grauen­voll kindisch und komisch. An Jochen-Maria fiel fiel mir zuerst ein zylindri­sches, samtrotes Ungetüm von Kopfbedeckung auf, das er, wohl um seinen ebenfalls schütteren Haar­wuchs zu ver­bergen, im Auto nicht abgenommen hatte. Er war des­halb gezwungen – halb auf seinem Bruder liegend –, den Kopf unbequem zur Seite ge­kippt, die ganze Fahrt über geduldig in dieser Stel­lung auszuharren. Er trug eine Art von römischer Tracht, nämlich Toga und Tunika in einer herrlichen Farb­kombination, in speichelgrün und eiter­gelb, wie er in aller Ausführlichkeit erläuterte. Das sollte seine spöttische Hommage an Jonas Nix sein. Er hatte auch stilechte Sandalen an und fror er­bärmlich, auch wenn er das nicht zugab. Man konn­te die Gänse­haut sehen, die seine Beine und Arme empor kroch. Hans-Albert war wärmer, aber nicht weniger erhei­ternd bekleidet. Er trug einen schwarz-rot-goldenen Pullover, der selbstgestrickt aussah und dazu einen, man höre und staune, ka­rierten, knöchellangen Rock, der das Feminine sei­ner Gestalt unterstrich und von ihm selbst als mit­teleuropäischer Herbstkilt bezeichnet wurde. Natür­lich hatte er Stiefel mit hohen Pfennigab­sätzen an. Die Brüder Winther wohnten zusammen in einem Haus in der Bleiche, in dem sich auch ihre gemein­same Ga­lerie befand. Sie bezeichneten sich beide als Ma­ler. Ob­wohl der Ältere sich auf Akte und der Jün­gere auf Landschaften spezialisiert hatte, waren ihre durch Ver­wendung von Naturmaterialien schmutzig-erdbrau­nen Bilder einander zum Ver­wechseln ähnlich. Beider Ar­beiten waren durchaus geschmackvoll und dekorativ, waren aber, da sie ihren Stil seit Jahren selbst kopierten, doch mehr als Kunsthandwerk einzuschätzen. Dies je­doch im besten Sinne des Wortes. Selbstverständlich waren sie da völlig anderer Meinung und verkünden über­all, wo sie auftauchen, überzeugt und unüberhör­bar ihre seltsame Kunsttheorie. Jedes Gespräch bogen sie innerhalb kürzester Zeit daraufhin um. Ihre Mei­nung war, wenn man sie zum ersten Mal hörte, zwar abwegig, aber durchaus noch interessant, auch beim zweiten Mal ließ sich noch gut über sie reden. Inzwischen hatte ich ihr Thema aber sicherlich schon zwan­zig Mal gehört und eine gepflegte Langeweile machte sich im Auto breit, als die beiden prompt – wir waren noch nicht einmal aus der Stadt heraus – wieder damit begannen, mir und der MBB auseinan­derzusetzen, was man unter Vererdung, Verschlam­mung und tektonischer Leidenschaft der Verwer­fung in ihrer Kunst zu verstehen habe. Zudem wa­ren sie wie immer einer Meinung und bestätigten sich einander in ihr. Da MBB sich stumm mit dem Lenkrad beschäftigte, war ich mit den beiden Schwätzern allein gelassen, deren rein physische und vor allem rhetorische Überlegenheit es mir ver­wehrte, auf ein anderes Thema abzuweichen. Leider war es auch nicht möglich, die beiden als eine Art von lästiger, aber unvermeidbarer Störung zu be­trachteten, die man stumm von den eigenen Gedan­ken abgelenkt ertragen kann, da sie sehr wohl dar­auf achteten, dass ihr jeweili­ger Gesprächspartner ihren Gedankenflügen folgen konnte und sich zu ih­nen äußerte.

[Zum 36. Teil …]

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