Aber ein Traum …

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Silber – Eine Kurzgeschichte

Silber, das ist ja Silber. ein raum zeit zu gehen da wohnt noch keiner Ein Monolog über mich. ein raum zeit zu gehen da wohnt doch einer Zwei, die gemeinsam reden, müde Stimmen. da hat Mehr wäre Lüge, oder vielleicht auch nur hör doch da drüben die stimme lass doch ein Spiel? nicht wahr Auch Wirklichkeit ist Schweigen. da drüben nein da ist alles anders Ich muss es sagen. Die Räume warst hast sind gewohnt. Auch die Gestalt. Wie immer. hat Leerlauf. Leergang oder Mühen: da drüben nein da ist alles anders Es lohnt sich nicht. nein da möchte ich nicht einmal sterben Alles gewohnt, nichts Neues und doch: du fragst mich Ich bin nahe am Schweigen, nach überdecke mit Worten: lösungen fragst du Das ist Silber. du

Ich hab mir den Bart mit einer Haushaltsschere gestutzt. Es war nichts anderes greifbar. Wo ist eigentlich… egal; zögernd überm Waschbecken, dem Alibert zugeneigt, wie immer. Mir selbst entgegen lächelnd. Aber: Werde ich dick? Mein Gesicht war schon schmaler. Vergeistigter. Es ist wie aufgebläht von Wohlleben und Kapitalismus, die Zornfalte ist doch nur noch ein umhegtes Steckenpferd. Jeder verhätschelt was, ein Haustier, eine Frau, so in der Art. Jeder das seine, ich weiß nicht. Ich habe meine Neurosen. Die sind gar nicht so pflegeleicht. Wenn man sie gewohnt ist, wird man Bürger. So wie mein Bruder, der sitzt in seiner teuren Wohnung mit Frau und Kindern. Das ist schon lächerlich bei dem. Rackert sich einen ab, hat sogar geheiratet. Muss man sich mal vorstellen, nein.

Die Schere war klebrig und stumpf. Jeder Schnitt war schwerer als der vorherige. Die Haare blieben wie Schamkräusel am Pissbecken hängen. Dann habe ich einen Pickel entsorgt. Ein Riesending an der Nase, richtig unappetitlich. Da hilft nur noch ausdrücken.

Ich bin ein Feigling. Trau mich nicht ran. Komm, ein bisschen Schmerz. Dann ist alles vorbei, kaum der Rede wert. Wenn es blutet, mach ich aber alles noch schlimmer, das sieht dann eklig aus. Der Pickel wird sicher bluten. Der ist ein Bluter. Ich sehe das. Und ich habe eine Pflasterallergie. Also so kann ich doch nicht unter Leute.

Als Zwischenbemerkung, zur Situation: Sitzen die beiden Mädchen im Sommacal nach der Schule und lassen sich von einem Zuhälter beschwatzen. Ich bin feige und still, knabbere hingebungsvoll am Anisplätzchen zum Kaffee. Draußen auf der Maxstraße holpert ein Bundeswehrlaster vorbei. Ein paar Blicke. Die Bedienung stinkt wieder nach Schweiß. Ich schwänze eine Vorlesung. Eindrücke sammeln, nenne ich das. Das war gestern. Ich habe mir den Bart gestutzt, fingere an einem Pickel. Das ist heute. Morgen? Irgendwie ist gestern bereits morgen. Sitzt da ein Zuhälter mit zwei Schülerinnen im Sommacal und gafft einem kurzen Rock hinterher. Seine fetten Finger tätscheln. Ich nage an einem Keks. Zum Kaffee. Irgendwie ist das Morgen. Und das Wetter? Ja, das Wetter. Das ist dem Monat entsprechend, würde ich sagen. Bald ist Herbst.

Mir ist das zu kalt. Für jemanden, der Schals und Handschuhe mag, gut. Aber mir ist das zu kalt. Vielleicht kommt bald Föhn. Ich spürte zwar nichts, als ich den Pickel ausdrückte, aber mir war, als ob bald Föhn wäre.

Da spritzt der Eiter, klatscht gegen den Spiegel. Und bluten tut es auch. Ich habe es gewusst.

Ich hatte ein Taschentuch in Reichweite. Ich bin ein vorsorgender Mensch. Presste es an die Nase, sah zur Uhr. Noch Zeit. Ein Rätsel will ich sein. Mir und den anderen. Um mich hinter dem Ohr kratzen. Jetzt. Ich habe dort einen grünen Streifen. Ja, hinter dem Ohr bin ich grün. Ha, ha. Das Brillengestell reagiert dort mit meinem Schweiß und oxidiert Grünspan. Nimmt das die Haut auf? Kann man davon Krebs bekommen? Oder eine Bleivergiftung?

Ich möchte mal wieder das Testbildpfeifen in der Glotze hören, gibt es das eigentlich noch? Bei der Rundumversorgung? Früher habe ich am Piepston erkannt, welcher Sender gerade „Nichts“ sendete. Ich habe das geübt. Ich wollte damit in „Wetten das?“ auftreten.

Oder ich zähle meine Bücher. sechstausendsiebenhundertneunundreißig, alphabetisch sortiert von Achternbusch, Herbert bis Zweig, Stefan. Und alles, was es dazwischen gibt. Die achtundertzweiundachzig im Arbeitszimmer nicht mitgerechnet.

Wenn nichts mehr hilft, räume ich die Wohnung auf. Therapie. Das sagte ich schon. Soll mich ablenken und be-chef-tigen. Sie beschützt mich.

Anders gesagt: Zwar habe ich noch ein paar Fragen, aber ich suche keine Antworten mehr. Ich bin nicht mehr so verbissen. Das sind noch die gleichen, selbstverständlich, aber sie sind, wie soll ich sagen, wichtiger? Nein, das ist nicht wahr. Existenzieller? Ja, wahrscheinlich. Aber ein Fremdwort macht nicht immer alles gut.

Also, wo war ich? Ich fange noch einmal an: Es sind die gleichen Fragen wie früher, aber sie sind existenzieller geworden. So in etwa. Gut.

Aber wenn ich es mir überlege. Existentiell?

Ich hab’s. Ich bin den Antworten nicht näher gekommen, aber sie sind nicht mehr ein dominierender Bestandteil meines Lebens. Dominierend dominant. Existentiell dominant. Dominierende Existenz. Schön. Wüsste ich keine Fremdwörter, würde ich welche erfinden. Exdoministenz. Das.

Das ist ein geschickter Themenwechsel. Er funktioniert. Der Selbstschutz. Ich bewundere mich. Ich kenne niemanden, der so viel Eleganz entwickelt, wenn er unbequemen Gedanken ausweicht. Es blutete auch nicht mehr. Die Stelle war gut verschorft und ich bemühte mich, nicht an ihr zu kratzen. Ich konnte mit der Herstellung meines Gesichtes fortfahren. Haare mussten gewaschen werden. Nägel geschnitten. Körperlotion, Toilettenwasser. Heute Abend würde ich perfekt sein. Das hatte ich im Gefühl. Ich war bereits jetzt in der Stimmung.

Kiening

Das habe ich mir letzten Samstag auch eingebildet. Letzten Samstag bekam ich einen Feind. Ich stand gut auf und war fit. Es kam ein Brief, der deutlich war; diese Art von Briefen, die auf dem Umschlag schon das Unglück verraten, das in ihnen steckt. Seitdem weiß ich nicht, wo ich beginnen soll. Klammere ich mich an der Zeit fest. Ich versuche auszuharren. Aber alles entgleitet mir. War diese Woche schon? Eine Woche. Sie ist mit einem Augenaufschlag abgetan. Und doch, mal ehrlich, seit dem Tag fühle ich mich im Auge eines Sturms. Die Zeit ruht. Nein, sie ist nur bewegungslos. Sie lügt.

Ja. Sie ist mein Feind.

Lüge, lüge, Lügner. keine sorge nur ein kurzes Inzwischen ist es ja deutlich. Mal wieder nur das gewohnte Bild, nichts Neues. Auch die Worte sind nur Reminiszenz. Aber sie sind wieder ehrlich und ernst gemeint. nein nicht einmal gestorben will ich will so bin ich ein paar sätze machen noch das alles du Hör auf. Muss ich das denn immer wieder sagen? Sei duldsam. Warte auf den Schluss. Auch wenn du dich langweilst. Deine Empfindung ist nur eine Varianz, eine geringfügige Abweichung von der Norm. Die Empirie gibt mir Recht. leben heißt dort lebendig begraben nicht mit mir ich steh auf verfolgte der erde nicht mit mir ich bin keine antwort ich bin ein programm.

Ich stehe also vor dem Nichts. Und das ist wahr, obwohl es wie eine Lüge klingt. Bei Aphorismen lüge ich immer. Weil der Kreter weiß: Die Generalisation ist die Mutter aller Lügen. Ja, sehr wahr. Jeder Philosoph kennt diesen Satz. Nichts. Was ist das? Ich stehe davor. Wovor? Stehe ich? Vielleicht sitze ich doch auch. Ich. Wer ist denn das?

Das ist ausgesprochen kasuistisch. Ich werde immer spitzfindig, wenn ich Zeit habe und langsam ins Sommacal schlendere. Ich weiß nicht, das liegt an den Menschen um mich herum, an der Umgebungskaries, klar: Was weiß ich, Stimmung eben, Über-all-einstimmung. Und dazu ich selbst. Frisch den Bart gestutzt, Haare gewaschen, überhaupt: Gewaschen und gut riechend. In zu enger Kleidung.

Ich werde doch wirklich zu dick.

So elegant, wie es mir möglich ist. Und jetzt bin ich auch noch Kasuist. Die Zornfalte ist tief gefurcht. Mein Kainsmal. Ein Herr-Mann mit inneren Narben. Hessingway. Der schmerzlich-grame Ausdruck um die Augen. Dieses: Welt, ich weine. Welt, ich fluche. Genau so gehe ich den Weg zur Verabredung. Der nachdrückliche Schritt des Helden an einem ganz normalen Abend im Herbst.

Nein, seit Tagen.

Seit Samstagen stehe ich vor dem Nichts. Ich bin am Ende. Es wird mir von Tag zu Tag bewusster. Obwohl ich mich mühe, die Schmerzen zu unterdrücken.

Psychosomagenschmerzen.

Die werden immer stärker. Da, an der Seite, nicht so weit rechts. Dort ist der Punkt. Da, ja. Ich denke, ich habe sie schon länger, nicht erst seit voriger Woche. Ich bin mir sicher. Sie sind schon seit Monaten da, eingeschlossen in Haut und Fleisch – auf unauffällige Weise präsent. Aber deutlich spüre ich sie erst seit einer Woche. Der Brief war wie ein Schalter. Jetzt kann ich die Schmerzen richtig einordnen. Ich glaube, ihre Dimension ist jetzt eine andere, sie strahlen. Und so gesehen gehören sie doch zu meiner gegenwärtigen Situation, sie sind ein Teil von mir. Es kann natürlich auch der Föhn sein. So ein Föhn, der ist doch was. Wenn er kommt.

Eine glänzende Ausrede zumindest. Und jetzt.

Jetzt bleibe ich an einer Auslage stehen, verharre, ich würde sagen, unschlüssig. Ich achte nicht auf den Inhalt des Fensters, ich suche meine Magenschmerzen. Aber ein Es-Teil meines Gehirns muss sich doch für das Dargebotene interessiert haben. Ich starre seit geraumer Zeit in das Schaufenster eines Miederwarengeschäfts, auf Negliges, Satin, Strapse, verpackte Fleischwaren, gemeinsam mit Dekoflitter-flatter appetitlich (Arno Schmidt hätte jetzt „appe-titt-lich“ geschrieben) dargeboten. Ich werfe vorsichtige Blicke zu den Seiten, dann schlendere ich betont gleichgültig weiter.

Ich bin bestimmt rot im Gesicht. Das kommt von der abendlichen Kälte, dem Bier, der frohen Erwartung. Ich verkünde euch eine große Freude.

Kaum. Aber meine Probleme sind mal wieder weit weg. Ich betrachte aufmerksam die Leute. Der hat die gleiche Hose wie ich. Mir steht sie besser. Bei dem schlottert sie, wirft Falten, außerdem ist meine sauberer. Das liegt am Waschmittel. Sie ist sondern rein.

Vielleicht noch einmal zur Situation: Gestern Abend: Fernsehen. Die Augen habe ich in die Glotze gesteckt, ganz nah am Flimmern, bis sich die Gesichter fast in Farbpunkte auflösen. Pointillismus. Bis zum Einschlafen; irgendein Debattierclub, in Ledersessel versunkene Freitaxabendreden. Den Bartwuchs der Wichtigtuer beobachten, selten das Thema gedankenverloren streifend: Damals, ja, da war ich noch. Ich könnte meinen mal wieder stutzen. Heute: Stimmungsvolles glöckchenhelles Schlendern in der Dämmerung. Erfolgshoffnung. Unterstützung der Kondomindustrie.

Bin ich unmoralisch?

Wer vor dem Nichts steht, kann nicht unmoralisch sein. Und morgen, das hatten wir schon. Das ist irgendwie gestern. Also Fernsehen, vielleicht diskutieren sie noch immer. Nur: Morgen ist eine Woche vorbei. So weit, so gut. Andere Gedanken sind stärker, relativieren vieles. Einen anderen Weg gibt es immer. Dieses Nichts ist zu endgültig. Es klingt gelogen wie die Liebe in einer Fernsehserie, talmiglänzende christliche Erbarmherzigkeit.

Zusammengefasst: Ich habe die Lage wohl richtig erkannt, mit „Nichts“ treffend genau beschrieben. Aber realisieren, „Nichts“ Sein lassen, ist mir nicht möglich. Meine Gedanken machen mich nicht schlauer.

Sie machen mich traurig. Eine Woche. Irgendwie ist das Morgen. Irgendwie ist das das „Nichts“. Suizid? Fremdwörter. Selbstmord. Mord.

Ich gehe durch die Nacht. Es ist nun Nacht. Jetzt habe ich meinen Schritt beschleunigte Lichter blenden mir ins Gesicht. Geräusche der Kälte sind um mich. Sie dringen durch den Schal, der mich nicht wärmt. Trauer tragen die Häuser. Eine skurrile Zeit ist das: Dezember. Zeit zwischen den Zeiten. Bewegungslosigzeit zwischen einem Lokal und Daheim, zwischen Frau und Frau. Unterwegs zum Nichts. Heute ist der Tag, an dem ich mit dem Suizid kokettiere.

Ja. Die Fremdwörter.

Was soll ich sagen. Narzissmus. Ein paar Worte vielleicht zu diesem Thema. Vergiss nicht, alles schon gehabt. Diesmal ist es etwas deutlicher und weniger Weihrauch. Aber trotzdem eine Wiederholung. Die zur Seite ins Unwesentliche gerutschte Vaterfigur, Dominanz der Mutter. delegation legende familie hausmachertherapie Hilft da nur für kurze Zeit die Kunst. Nimm doch die Romantiker, da wird es auf jeder Seite, die du liest, deutlicher. Die sind fast zu typisch. Der Doppelgänger, wo kommt der her? Narziss, Ödipus. Und dann, natürlich: Ich bin die Wonne der Welt, die meinen Neidern die Freude vergällt. Wie gut, dass einem jeden nur sein eigener Zustand behagen muss. Und die Moral, wo bleibt die Moral? das positive ja ein gespenst in seiner weiteren entwicklung hast hat sich verlaufen der katzenjammer die ärmsten da will ich nicht einmal begraben willl ich will bin ja pfahl bin ja spieß bin ja produziere meine eigenen totengräber ja du Der Untergang der Moral und der Sieg des Narzissmus sind gleich unvermeidlich. Vielleicht hilft da nur noch der Glaube: Es macht den Wert und das Glück des Lebens aus, in etwas Größeres aufzugehen, als man selbst ist. Heute ist euch der Retter geboren. lachhaft das ist ja da möcht ich nicht mal sterben Ja, wir haben es doch erlebt, gehört, wie moderne Deutsche das „Gegrüßet seist du, Maria“ aufgaben und an seine Stelle „Heil Hitler“ setzten. Was also bleibt? ich liebe mich

Jeder Platz ist gewohnt, von mir be-sitzt. Weniger der im Schlauch zum Klo; am Besten ist doch ein Vierertisch von an der Fensterfront. Vielleicht nicht gerade bei der Tür. Da zieht es im Winter. Ich habe genau den richtigen Platz erwischt, war kein Problem. Es ist die Zeit. Wenn die Nachmittagskaffetrinker heimgehen, das Abendpublikum noch vergeblich einen Parkplatz auf der Maxstraße sucht. In einer halben Stunde, weiß ich, wird es nicht mehr möglich sein, noch einen einigermaßen brauchbaren Stuhl zu finden.

Ich habe ein Pils bestellt. Schmeckt heute anders und wärmt nicht. Aber der bittere Geschmack löscht am besten den Durst.

Ich bin königshöflich zu früh. Was musste ich auch vom Capitol aus rennen? Jetzt kommt die Lange weilende Zeit der Sammlung. Ich habe nicht einmal ein Buch dabei, das habe ich ganz vergessen. Es macht immer Eindruck, wenn man etwas Kluges liest, dann setzt sich auch keiner zu einem. Man will ja nicht stören. Sie nehmen einem höchstens die Stühle weg. Also werde ich ernst und tiefsinnend warten, den Zeigefinger auf den Mund gelegt. Die Augen weit geöffnet, die Backen eingezogen. Das macht mich gleich etwas dünner. Penetrierend auf der Suche nach Augenkontakt. So wirke ich. Interessant vergeht doch die Zeit am schnellsten. Ich beobachte. Ich höre. Ich rieche. Warum muss ich eigentlich immer an einem Tisch sitzen, für den diese Landschweißpomeranze zuständig ist?

Da fällt mir Rudi ein. Den hasst sie, weil er einmal ohne zu zahlen das Lokal verlassen wollte; aus Schussligkeit, so ist er eben. Fertigte sie dann auch noch von oben herab ab. Abfertigte sie dann von oben her ab. Ab.

Nun, er kann noch viel arroganter sein als ich. Jetzt ist er ihr persönlicher Zechpreller. Das hat sie auch den anderen Bedienungen der Kellnerinnenmafia deutlich gemacht. Rudi sitzt nun unter liebevoll aufmerksamer Bewachung im Sommacal und einigen anderen Lokalen. Wenn er auf’s Klo geht. Egal. Und ihre Abneigung gegen ihn kriege ich auch zu spüren. Sie behandelt mich mit ausgesuchter, zuvorkommender Unfreundlichkeit. Wieder eine blöde Sache, die ich Rudi zu verdanken habe. Ich hoffe, ihm fällt nicht ein, heute ins Sommacal zu gehen.

Gestern haben die Unrasierten im Fernsehen über Narzissmus als psychische Krankheit geredet. Nach einer Stunde Worte um die Ohren, links und rechts, war ich überzeugt, dass Rudi und ich, nein, dass ich und Rudi, das heißt, dass eigentlich nur ich ein klassisch zu nennender Vertreter dieser Neurotikergruppe bin. Und ein Satz mit dreimal dass, das ist doch was. Na, dann auf mich: Prost.

Wenn ich so sitze. Ja, dann geht es mir gut. Viel zu gut. Und morgen ist mal wieder erst in einem Jahr. In einem Jahr. Unsinn! Morgen. Eine Farce ist das, butterweich gerührt, nur ein Geschmack. Das Heute.

Diese bewegungslose Lüge der Ruhe ist mein wirklicher Feind, die Falle, falle, der ich Farfalle bolgnese. Doch unter der Oberfläche bewegt die Unruh mein Uhrwerk. Tick, tack. Mein rechtes Augenlid ist wieder in regelmäßigen Abständen von hek-tic-schem Zittern befallen. Das hatte ich jetzt schon Jahre nicht mehr. Das letzte Mal in den Tagen vor dem Abitur.

Ausgedrückter Pickel und Magen schmerzen. So kann ich doch heute nicht mehr weiterleben. Jetzt ist es schon an der Zeit zu sterben. Die besten Heute hatte ich schon Gestern. Morgen kommt „Nichts“ mehr. Es kann nur noch schlechter werden. Träume, Tag für Tag. Schon wieder Suizid, werde ich doch manisch. Depressifremdwort. Nein. Kein Selbstmord. Was ich bräuchte, wäre anders. Dramatisch originell. Das bin ich mir schuldig. Vom einem Schulbus überrollt, an einem Staubsauerrohr erstickt, von einem Elefanten totgeschissen. Aber doch keine lange Krankheit, TBC, AIDS oder so. Krebs.

Oder ich heirate, arbeite, ziehe Kinder groß, werde der Bruder meines Bruders. Auch ein Selbstmord, wahrscheinlich der längste und quälendste. Aufhängen soll schnell gehen, wenn das Genick bricht. Sonst röchelt man noch drei Minuten und macht sich in die Hose. Alles ist besser als so weiter zu leben. Warum eigentlich?

Das hat man mir eingeredet. Meine Eltern waren so professionelle Einredner. Mein Vater. Und inzwischen habe ich keine Chance mehr. Ich kann mich kaum bewegen. Die Gitterstäbe meines Gefängnisses sind zwar kaum stärker als Strohhalme, aber ich habe einfach nicht mehr die Kraft, aufzustehen und sie einzureißen.

Lieber schließe ich die Augen und träume sie mir weg.

So lange bis alles zu Ende ist. Fehlt mir nur noch die Frau.

Und da kommt sie schon herein. Sie hat mir keinen Korb gegeben. Sie sieht mich nicht. Ich winke. Jetzt, sie lächelt. Vielleicht hat sie mich gar nicht mehr erkannt. Gerade gut sieht sie aus. Und ich bin heute in der richtigen Stimmung. Das merkt sie. Fangen wir mal an: Hallo, setz dich. Wie geht’s? Ich bin noch nicht lang hier. Ach. Ganz gut. Du siehst fantastisch aus. Ehrlich, ich bin hingerissen. Wenn ich nicht sitzen würde, würde ich umfallen. Ja.

Und so weiter und so weiter und so weiter. Das Wetter, ihre Ohrringe, was machst du an Weihnachten, meine künstlerischen Ambitionen, die Steuerreform. Die ganze Nummer. Atmosphäre. Und so weiter. Quod erat. Quod esset. Ach, das sage ich nur zu mir. Weißt du, ich bin mein bester Gesprächspartner. Da krieg ich immer die Antwort, die ich will. Ja, das Pils ist jetzt hier von einer anderen Brauerei. Ist immer noch besser als Hasen.

Und so weiter.

Ja.

Ja, genug Gerede. Es kommt nichts mehr außer Wiederholungen. Das war ein Resümee, ein euphemistischer Schwanengesang. Zum letzten Mal diese Figur und letzten Mal diese Nähe. Selbstgespräch, gelangweiltes. Das muss einmal ein Ende haben. Ich wollte was ich will das will ich nicht was ich bin das bin ich nicht was ich will das will ich nicht was ich bin das bin ich nicht Was ich wollte. Ich wollte einen Schlussstrich, etwas, mit Worten zugedeckt. Einlullen wollte ich mich. Und Wirk. Was? Ach, ja. Wirklichkeit. Ja. Na, auch Wirklichkeit. Ein wenig zumindest. Zu wenig, um zufrieden zu sein, zu viel, um es als Lüge abzutun. Also doch auch ein wenig Gold, denn geschwiegen wird viel. Verschwiegen die Hauptsache. was ich will das will ich nicht was ich bin das bin ich nicht was ich will das will ich nicht was ich bin das bin ich nicht Die fehlt im Bewusstmachungsprozess. Ich hatte nicht die Möglichkeit, mich mit ihr zu konfrontieren. Dazu war ich zu schwach, da habe ich Silber geredet.

Doch ich bin nahe am Schweigen. So nah war ich noch nie. Ich überdecke es nur noch mit Worten.

was ich will du fragst nach lösungen nach lösungen fragst du mich

Mein neues Buch – „Noch einmal daran gedacht“

NOCH EINMAL DARAN GEDACHT

Neuerscheinung!

Ir sult sprechen willekommen:
der iu maere bringet, daz bin ich.
allez daz ir habt vernomen,
daz ist gar ein wint: nû fraget mich.
Walther von der Vogelweide

Wie versprochen steht nach dem erfolgreichen 1. Band „Noch einmal daran gedacht“ nun mein zweiter Band mit Artikeln aus meinem Blog in den virtuellen Regalen der Online-Buchhandlungen und ist beim Buchhändler des Vertrauens bestellbar. Selbstverständlich kann man wie immer auch mein neues Buch direkt über meine Wenigkeit erwerben; E-Mail genügt:

Noch einmal daran gedacht
Die besten Essays aus meinem Blog
„Aber ein Traum“
260 Seiten, illustriert
7,99 € als Taschenbuch und
2,49 € als Ebook

Ich habe auch diesen neuen Band so billig wie möglich gemacht und verdiene selbst nichts daran.

In „Noch einmal daran gedacht“ habe ich eine Auswahl aus meinen

      • halbautobiografischen Wahrlügen-Texten, aus meinen
      • originellen Essays und Glossen über die Literatur und das Schreiben,
      • Buchkritiken und
      • Kurzgeschichten

versammelt und gebe mal wieder ein paar tiefere und heitere Einblicke in mein Autoren- und Familienleben. Der umfangreiche Band ist üppig illustriert und enthält 103 Fußnoten(1).

Wer Vergnügen an kurzweiligen, mit Humor, Geist und Esprit geschriebenen Texten und meinen Gedankensplittern hat, wer Sprache liebt und sich gerne auf das Abenteuer „Denken“ einlässt, wird sich mit dem Buch in der Hand wohlfühlen und es genießen. (Und es haben sich sogar ein paar Gedichte zwischen die Prosa gemogelt – Entschuldigung!)

Um es – salopp übersetzt – mit meinem alten Kumpan Freund Walter zu sagen:

Heißt mich willkommen!
Der, der euch neue Gedanken und Geschichten bringt – das bin ich.
Und alles, was ihr vorher gehört habt, ist nur ein Furz.
Jetzt erzähle ich!

 

Das Inhaltsverzeichnis – Da ist für jeden etwas dabei!

Jetzt müssen nur noch mein Lektor und ich ein paar kleinere Korrekturen erledigen und hier und da noch etwas feilen – dann steht nichts mehr zwischen euch und dem Lesevergnügen!

Auch mein alter Kumpan Wolfgang hat schon sein Wohlgefallen an meiner „Wahrheit und Dichtung“ bekundet.

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(1) Ich weiß, mit Fußnoten habe ich ein kleines Problem; ich bin süchtig nach ihnen. Ich liebe sie einfach, auch wenn mir durchaus bewusst ist, dass es für einen Leser dadurch nicht leichter wird, meine Texte zu genießen.(1a)

(1a) Aber sind wir mal ehrlich: Wollen wir, dass uns alles leichtgemacht wird?

Vorankündigung: „Noch einmal daran gedacht“

Neuerscheinung!

Ir sult sprechen willekommen:
der iu maere bringet, daz bin ich.
allez daz ir habt vernomen,
daz ist gar ein wint: nû fraget mich.
Walther von der Vogelweide

Nach dem erfolgreichen 1. Band „Noch einmal daran gedacht“ steht nun mein zweiter Band mit Artikeln aus meinem Blog in den Startlöchern:

Noch einmal daran gedacht
Die besten Essays aus meinem Blog
„Aber ein Traum“
260 Seiten, illustriert
demnächst als Softcover und als Taschenbuch

 Heute erhielt ich mein Korrekturexemplar vom Verlag und ich bin zuversichtlich, dass der Band in zwei Wochen im Internet und im traditionellen Buchhandel erhältlich sein wird. Wie immer wird es eine Taschenbuch- und eine billige EBookausgabe geben. In „Noch einmal daran gedacht“ habe ich eine Auswahl aus meinen halbautobiografischen Wahrlügen-Texten, aus meinen originellen Essays und Glossen über die Literatur und das Schreiben, Kritiken versammelt und gebe mal wieder ein paar tiefere Einblicke in mein Autoren- und Familienleben. Der Band ist üppig illustriert und enthält über 100 Fußnoten(1). Wer Vergnügen an kurzweiligen, mit Humor, Geist und Esprit geschriebenen, Gedankensplittern hat und Sprache liebt, wird sich hier wohlfühlen. Und es haben sich sogar ein paar Gedichte zwischen die Prosa gemogelt.

Um es noch einmal mit meinem Freund Walter v. d. V. zu sagen:
Heißt mich willkommen!
Der, der euch neue Gedanken und Geschichten bringt – das bin ich.
Und alles, was ihr vorher gehört habt, ist nur ein Furz.
Jetzt erzähle ich!

Das Inhaltsverzeichnis – Da ist für jeden etwas dabei!

Jetzt müssen nur noch mein Lektor und ich ein paar kleinere Korrekturen erledigen und hier und da noch etwas feilen – dann steht nichts mehr zwischen euch und dem Lesevergnügen!

Zwei Brüderbücher – endlich vereint!

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(1) Ich weiß, mit Fußnoten habe ich ein kleines Problem; ich bin süchtig nach ihnen. Ich liebe sie einfach, auch wenn mir durchaus bewusst ist, dass es für einen Leser dadurch nicht leichter wird, meine Texte zu genießen. Aber sind wir mal ehrlich: Wollen wir, dass uns alles leichtgemacht wird?

Donnerstag, 10.10.19 Inspirationen und Wahres Lügen

Donnerstag, 10.10.19

I. Ein Künstlerschicksal

Dieter Kühn „Sehen und Warten. Meditation existenziell“ Kaltnadel/Ätzradierung 1972

Dieter Kühn „Sehen und Warten. Meditation existenziell“
Kaltnadel/Ätzradierung 1974

Diese Radierung von Dieter Kühn (bitte nicht mit dem leider kürzlich verstorbenen und von mir sehr geschätzten Autor gleichen Namens verwechseln) mit dem etwas sperrigen Titel „Sehen und Warten. Meditation existenziell“ hängt in meiner Wohnküche und war eine der Inspirationen für den Roman „Aber ein Traum“.

Der wirklich nicht allzu bekannte Künstler Kühn war in den Siebzigern der Freund meiner älteren Schwester M. und er hatte mit schweren psychischen Problemen zu kämpfen, die ihn schließlich in den Suizid trieben. Als sich meine Schwester wegen seiner psychotischen und sogar ihr Leben bedrohenden Schübe von ihm trennte, vernichtete sie in ihrer Wohnung systematisch alle Erinnerungsstücke an ihn und zerstörte dabei Fotos, Gemälde, beeindruckende surrealistische Bleistift- und Tuschezeichungen und auch Texte, Verse und Briefe des Malers. Allein diese Radierung überlebte die verzweifelte Auslöschung ihrer ersten großen Liebe, weil sie sie zufällig als Hintergrund-Passepartout für ein Poster von Jimi Hendrix benutzt und dort vergessen hatte. Irgendwann in den Achzigern gelangte dann das Bild in meinen Besitz und seitdem begleitet es mich. Ich begegne ihm an fast jedem Tag.

Das Motiv ist natürlich im Zeitkontext zu sehen: Sartre, Camus, Dali – man beachte die Brillen –  Surrealismus, Existenzialismus, Black Soul, die frühen Pink Floyd, LSD, die Heideggersche „Geworfenheit des Menschen“ und freier Sex. Wer das Plattencover von Isaak Hayes‘ „Black Moses“ kennt, weiß auch, warum ihm das  Männergesicht (auf der Radierung übrigens seitenverkehrt und leicht verändert, so dass es tatsächlich nach dem Maler selbst aussieht) so bekannt vorkommt. Aus der Kapuze von Hayes Hoody ist eine Art Haare/Federn/Taubenkopf-Kappe geworden. Die Frau daneben, die gemeinsam mit dem Künstler in die ungewisse und im nachhinein betrachtet, kurze Zukunft sieht, ist übrigens meine Schwester. Auf ihrer Stirn, die wie die vertrocknete und aufgeplatzte Erdkruste wirkt, beobachten uns zwei Katzenaugen. Damit ist sie gut beschrieben. Die Schemen im verwaschenen Hintergrund sollen wahrscheinlich ebenfalls die beiden darstellen – geworfene, dem Schicksal ausgelieferte Figuren wie in einem „Mensch-ärgere-dich-nicht“-Spiel.

Mir erzählte dieses Bild eine ganz andere Geschichte: Alban Waldescher (der in meinem Roman wie der Mann auf dem Bild aussieht) und Lina Brunswick habe ich direkt aus der Radierung gefischt. Seit einigen Jahren sehe ich nicht mehr meine Schwester und Dieter Kühn, sondern meine beiden Figuren in dem Bild.

II. Traumorte

Sovana1Hier im Hohen Dom der Ortschaft hatte ihr Schöpfer jedoch ganze Arbeit geleistet. Nachdem sich meine Augen an den dunklen Raum gewöhnt hatten, erschien mir der Dom als Archetyp, als die Kirche schlechthin. Der Kirchenbau wirkte wie die eklektische Zusammenschau aller Kirchen, die ich bisher gesehen hatte. Es war die platonische Idee einer Kirche. Mein Bildhauerherz jubelte bei diesem Anblick.

Ich denke, mein hilfsbedürftiger Gott, den ich weiterhin stützte, hatte diesen heiligen Raum eben erst erschaffen, indem er aus seinem oder meinem Gedächtnis das Bild eines Kircheninterieurs formte und dabei vor allem katholische Vorstellungen verwirklichte. Ich weiß, es klingt verrückt, aber genau diesen Eindruck hatte ich, als ich in dem erstaunlich kühlen Raum auf der ausgetretenen Grabplatte eines einstmals Mächtigen stand, die würzige Luft schnupperte und meine Augen über Emporen und barocke Seitenaltäre und bemalter Wände voller Bibeldarstellungen und Heiligenlegenden ähnlich denen der Assisimaler glitt. Ein buntglasiges, rundes Fenster hinter mir in der Höhe über dem Eingang warf feuchte Lichtflecke auf die speckigglatten Marmorfliesen, die schwärzlichen Beichtstühle und eine Kanzel. Vor ihr stand ein meisterliches romanisches Taufbecken, das von auf den ersten Blick irritierenden, allegorischen Darstellungen der Evangelisten getragen wurde. An den filigranen, wie Weizenbündel empor drängenden Säulen hingen nachgedunkelte Gemälde aus einer späteren Epoche. Sie waren voller dynamischer Bewegung, auf denen Heilige in allen Graden der Verzückung den Himmel schauten. Der Flügelaltar hinten am Ende des Hauptschiffs war rein gotisches Schnitzwerk, das sich von seiner breiten, die ganze Apsis überspannenden Basis in unglaubliche Höhen hinauf wand, flankiert von der ganzen göttlichen Armee an Aposteln, Heiligen und himmlischen Heerscharen, Engeln, Erzengeln, Seraphen und Cherubinen und all den Heldengestalten, die die katholische Glückseligkeit aufzubieten hat.

Nur eine Darstellung fand ich bei meiner oberflächlichen Untersuchung des Kirchenschiffs überraschenderweise nicht: Es gab nichts Eschatologisches hier, nichts Dämonisches, Blutiges, nur die positiven Seiten des Glaubens waren zu sehen: Ich fand keinen Engelssturz, keinen Luzifer, kein jüngstes Gericht mit der so beliebten Darstellung der Höllenqualen, nicht einmal eine Kreuzigungsszene, keine Pieta, keinen von Pfeilen durchbohrten Michael, kein abgeschlagenes Märtyerhaupt; alles war ins Glückliche, Helle gewendet, die Sünde und ihre unappetitlichen Folgen komplett ausgeklammert. Das imposante Gemälde auf dem Hochaltar zeigte auf einem Flügel Jesu’ Geburt, auf dem anderen die Bergpredigt, dazwischen hockte der Heiland als Pantokrator, ein abgeklärter, strahlender Herrscher blickte milde auf die vergänglichen Dinge.

Waldescher-widderBei dieser Gelegenheit fiel mir noch eine andere Seltsamkeit auf, die ich vorher übersehen hatte: Auf dem Stützpfeiler des Taufbeckens waren nicht wie ich erst vermutet hatte vier, sondern fünf Evangelisten in der schlichten kindlichen Einfalt der frühen Romanik dargestellt: neben Mensch, Stier, Löwe und Adler, deren Vielzahl an Flügelnmiteinander zu einem kunstvollen Ornament verwoben waren, fand ich noch eine weitere Tiergestalt, jedoch mit einem menschlichen Antlitz: Sie sollte wahrscheinlich einen Ziegenbock darstellen, der keine Flügel, aber einen Fischschwanz um seinen Körper gewunden hatte. Noch erstaunlicher war jedoch der Eindruck, dass eben jene mit mächtigen nach innen geschwungenen Hörnern ausgestattete satyrhafteund heidnische Wasserspeiergestalt, die sich da klammheimlich unter die Apostel geschlichen hatte, trotz der schlichten Ausführung unverkennbar die Züge des Mannes trug, den ich neben mir im Arm hielt.

Auszug aus dem 4. Kapitel „Aber ein Traum“

In „Aber ein Traum“ verliert sich immer wieder das, was wir euphemistisch als Realität kennzeichnen. Die Handlungsorte, in die sich die Protagonisten verlaufen, sind Traum-, Wunsch-, auch Anderswelten, die vielleicht zwischen der Wirklichkeit angesiedelt sind, vielleicht davor oder danach, vielleicht darüber oder daneben. Stabilität, Zeit und Räumlichkeit erscheinen als lächerliches Wunschdenken, ein verzweifeltes Festhalten an einer Konvention, auf deren Ebene allein eine zwischenmenschliche Interaktion möglich ist.

Wie unzulänglich diese Form des Begegnens oft ist, sehe ich in den täglichen ärgerlichen Missverständnissen, die ich auch mit Menschen habe, die mir sehr nah sind, oder in der Tatsache bestätigt, wie häufig mir jemand begegnet, dessen Augen ihm ein grotesk anderes Bild von der Welt übermitteln – dessen Lebensäußerungen ich vollkommen verständnislos gegenüber stehe. Als würde dieser Mensch aus einer anderen Zeit oder einem anderen Universum stammen.

Dsovana2ie überschätzte gemeinsame Sprache ist ein chimärenhaftes Konstrukt voller Fehlinterpretationen und Fettnäpfchen. Sie schadet oft mehr, als sie nutzt. Wenn ich schon fassungslos vor den Lebensäußerungen meiner Zeitgenossen stehe, um wieviel ferner sind mir dann erst die unübersehbare Masse der Toten, die diesen kurzen Gang durch die Realität vor mir durchschritten.

Doch ab und an finde ich eine Heimkehr, betrete eine alte Kirche, die manchmal wie in einer Botanisiertrommel die Seelen der längst Vergangenen bewahrte und ihre Spiritualität atmet: In den Kunstwerken, den Mauern, dem Licht…

Ein solcher Ort ist der romanische Duomo von Sovana in der südlichen Maremma, dessen Anfänge im 8. Jahrhundert liegen und der, da der Ort – inzwischen ein Museeumsdorf vor der Renaissance aufgegeben wurde, nie gotisch oder barock modernisiert wurde. Dass Sovana inmitten einer etruskischen Nekropole liegt, ist wahrscheinlich kein Zufall.

Hier fand ich einen der Traumorte des Romans „Aber ein Traum“.

III. Die Musik zum Buch

apppoeLiest man den Titel des Romans „Aber ein Traum“ und hat ein paar der Blogeinträge verfolgt, kann man vermuten, mich hätte der amerikanische Autor Poe inspiriert. Die Wahrheit ist komplizierter. Zwar hat mich Poe in meiner Jugend beeindruckt und ich habe ihm ja auch eine meiner Geschichten gewidmet, aber er ist nur indirekt mit dem Roman verknüpft.

Ich habe bereits von dem Maler und seinem Schicksal berichtet, dessen Radierung „Sehen und Warten“ über meinem Küchentisch hängt. Er hat Anfang der Siebziger Jahre einen renommierten und damals mit tausend Mark recht hochdotieren Kunstpreis der Stadt München gewonnen. Ob es schon ein Zeichen seiner beginnenden psychischen Erkrankung, ein Statement oder einfach der Leichtsinn eines Künstlers war, vermag ich nicht zu beurteilen, aber er gab das gesamte Geld an einem Nachmittag für Schallplatten aus (Auch mein Maler Jonas Nix aus „Die Wahrheit über Jürgen“ ist von ihm beeinflusst). Ein Teil der Vinylscheiben verblieb später im Besitz meiner Schwester – die hat sie nicht zerstört. Unter dieser Musikauswahl fand ich – viele Jahre später – die Musiker, die meine heiße Liebe zur Klassischen Musik ablösten. Nachdem ich, bis ich etwa achtzehn war, nur die aufdringlichen slawischen Romantiker gehört hatte (Tschaikowsky, Rachmaninoff, Dvorak et al.), rückten nun sehr folgerichtig die Progrocker in mein Gesichtsfeld, also die Jon-Lord-lastigen Deep Purple-Platten, Jethro Tull, die frühen Genesis, Bo Hannson, Mahavishnu Orchestra, ELP, Eloy, Mike Oldfield und Pink Floyd, um nur ein paar zu nennen. Manches war wirklich ein Kulturschock für mich.

Von allen gab es die eine oder andere Scheibe in der üppigen Sammlung meiner Schwester, manches kaufte ich mir. Auf dem Pink Floyd-Album „Atom Heart Mother“ (Ich liebe es!) ist der 13minütige Titel Alan’s Psychedelic Breakfast und dort taucht auch der Name Alan Parsons auf dem Cover auf. Deshalb schaffte ich mir von dessen Gruppe ihr Debutalbum „Tales of Mystery and Imagination“ an, ein Konzeptalbum über Edgar Allan Poe, das eine Zeitlang bei mir im Dauerbetrieb lief. Ich kann noch heute zum Leidwesen von Frau Klammerle jedes Lied mitsingen. Dann entdeckte ich den Blues und die Platte verstaubte im Regal.

Die Erfindung der CD brachte es mit sich, sich zwangsweise einige der Lieblingsalben ein zweitesmal zu kaufen, darunter war auch die „Tales of Mystery and Imagination“. Ich legte die CD in den Player, öffnete schon den Mund, um: „Thus quoth the Raven, Nevermore, nevermore, never!“ mitzugröhlen, als zu Beginn der CD etwas völlig anderes passierte. Nach ein paar psychedelischen Klängen rezitierte eine sonore tiefe Stimme das Gedicht „A dream within a dream“. Auf dem Beizettel der Silberscheibe war dann zu lesen, dass diese Stimme zu Orson Welles gehörte, der für Alan Parsons kurz vor seinem Tod noch zwei Poe-Gedichte eingesprochen hatte und diese endlich im Gegensatz zur Schallplatte in der Enhanced Version enthalten seien.

Und so stammt über den Umweg Dieter Kühn – Progrock – Pink Floyd – Alan Parsons Projekt – Erfindung der CD und Orson Welles der Titel zu meinem Roman direkt von E. A. Poe. Ich danke allen Beteiligten.

A Dream Within A Dream

Take this kiss upon the brow!
And, in parting from you now,
Thus much let me avow-
You are not wrong, who deem
That my days have been a dream;
Yet if hope has flown away
In a night, or in a day,
In a vision, or in none,
Is it therefore the less gone?
All that we see or seem
Is but a dream within a dream.

I stand amid the roar
Of a surf-tormented shore,
And I hold within my hand
Grains of the golden sand-
How few! yet how they creep
Through my fingers to the deep,
While I weep- while I weep!
O God! can I not grasp
Them with a tighter clasp?
O God! can I not save
One from the pitiless wave?
Is all that we see or seem
But a dream within a dream?

Edgar Allan Poe

Bei den Großeltern (Ein Roman-Fragment) – Teil 3

Ein weiterer Ausschnitt aus meinem demnächst erscheinenden Buch „Noch einmal daran gedacht“.

Bei den Großeltern

4. Die Jarmulke

Mit Beginn der Sommerferien 1977 war ich endgültig in der Schule gescheitert. Nachdem ich bereits die 6. Klasse wiederholt hatte, endete nun meine Karriere im Gymnasi­um mit vier Fünfern und zwei Sechsern und der eindeuti­gen Empfehlung der Lehrerkonferenz, mich zurück in die Hauptschule zu befördern, da ich – allgemeiner Tenor – für eine weiterführende Schule zu dumm war. Meine Eltern hielten mich weniger für dumm als vielmehr für faul und meldeten mich in einer Realschule an, die ich dann ab dem Schuljahr 77/78 besuchte. Dort änderte sich meine Lebens­situation völlig. Ich war plötzlich der Älteste in der Klasse und war dadurch als unverhofftes Alpha-Tier auf den Pos­ten des Klassensprechers abonniert. Ich blieb zwar weiter­hin lernunwillig – zumindest was den Schulstoff anging, – erreichte jetzt aber ohne mich für schulische Angelegenhei­ten zu interessieren durchschnittliche Noten und war nie in Gefahr, das Klassenziel nicht zu erreichen. Und das wichtigste: Ich hatte plötzlich Freunde.

Das war in den Ferienmonaten bei meinen Berliner Groß­eltern alles noch nicht absehbar. Zu ihnen kam ein geschei­terter, einsamer Pubertierender, dessen Faulheit und des­sen soziopathisches, an Autismus grenzendes Verhalten man heute als die Träumer-Variante von ADS diagnostizie­ren und mit starken Ritalindosen korrigieren würde. Unter den Symptomen meines Aufmerksamkeitsdefizits leide ich noch heute und zu meinem Bedauern habe ich es auch mei­nen Kindern vererbt.

Ich war also vierzehn Jahre alt, als ich endgültig im Gym­nasium scheiterte und meine Mutter mich zu ihrer Erleich­terung über die Sommerferien nach Berlin abschob. Auch wenn ich natürlich ein völlig anderes Bild von mir hatte, war ich wie viele leidgeprüfte Jugendliche in diesem Alter: stark pubertierend, picklig und dick. Voller moralischer Bedenken der eigenen Sexualität nachforschend, verlebte ich damals meine Tage in einem Heldentraum, in dem sich meine wuchernde Phantasie und mein wundes Selbstver­trauen in einer faschistoiden, von Fernsehen und Heftro­manen geprägten Vorstellungswelt ein Ventil suchten. Ob­gleich ich nur ein mageres Œuvre an Wildwest- und Sci­ence-Fiction-Geschichten zustande gebracht hatte, die zu­dem mangels Fleiß und Konzept stets unvollendet blieben, hielt ich mich doch für einen früh gereiften, genialen Schriftsteller, dessen Entdeckung durch ein begeistertes Publikum längst überfällig war.

Nur wenige Zeit zuvor war ich allerdings noch ganz Kind gewesen. Der Wechsel fand in den wenigen Wochen zwi­schen Ostern und dem Sommer statt. Aus einem mit dem Vater verbrachten Ägyptenurlaub in den Osterferien hatte ich mir eine gestrickte, auffällig gefärbte Fellachenkappe mitgebracht, die ich auf Lord Kitcheners Nilinsel zum Spottpreis von einer Mark erworben hatte. Sie wurde mir das zugleich unnützeste und dabei wichtigste Kleidungs­stück, das ich je besessen habe. Vorher hatte ich der Sonne wegen eine Schirmmütze getragen, die ich als treuer Leser von der Comic-Zeitschrift ZACK geschenkt bekommen hat­te und an ein um Bakschisch bettelndes Kind weitergab. Wenn ich Fotos von diesem Ägyptenaufenthalt, auf denen ich mit dem Basecap zu sehen bin, mit einer Aufnahme vergleiche, die nur sechs Wochen später bei einem Jugend­lageraufenthalt in Österreich gemacht wurde und auf der ich jene orientalische Kappe trage, die an die »Jarmulke« eines gläubigen Juden erinnert, dann ist deutlich der Sprung vom Kind zum pubertierenden Jugendlichen zu er­kennen. In meiner Erinnerung liegen die beiden Ereignisse auch weiter auseinander, als sie es tatsächlich sind; es ist eine Kluft zwischen ihnen, die breiter als nur sechs Wo­chen ist.

Was war der auslösende Effekt, der mich so genau den Beginn meiner Pubertät datieren lässt? War es der mich überwältigende Eindruck der fremdartigen Kultur, der mich fassungslos machte und mich dabei mit einem Elend konfrontierte, das ich nie geahnt noch gar gesehen hatte und dessen Bilder ich mir auch heute noch deutlich vor Augen rufen kann? Oder war es nur das Scheitern am Gymnasium, denn die­ses Ereignis war der erste Bruch, den mein Selbstbewusst­sein erleben musste? Nun, die Schale »Kind« platzte plötz­lich auf und aus dem Ei kroch ein Pubertierender, der die ersten Züge meiner heutigen Persönlichkeit entwickelte. Aus einem Grund, den ich nicht genau entschlüsseln kann, war mir die Kappe, die ich praktisch nur zum Schlafenge­hen ablegte, bei meinen ersten unsicheren Schritten Stütze und Halt; unter ihr fühlte ich mich geborgen, be-»hütet«. Gleichaltrige Bekannte bemerkten den Fetischcharakter dieses Kleidungsstückes schnell und es war oft das Ziel von Spott und Diebstahl. Ich litt unter den Grausamkeiten, aber die Kappe wurde mir dadurch noch heiliger.

Auch bei meinen Freunden in der katholischen Jugend­gruppe, den einzigen, die ich damals besaß, endete die Kindheit. Bei den Weiterentwickelten, oder, besser formu­liert, den Attraktiveren, gab es erste Verwirrungen mit dem anderen Geschlecht. Als zwei meiner Freunde um das gleiche Mädchen buhlten, baute ich diese Geschichte in meinen Heldenträumen aus, verschärfte den Konflikt und stellte mich in Erzählungen als unglücklich zerrissen in die Mitte der in Wahrheit nicht existierenden dramati­schen Handlung. Es war also nur mein literarisches Inter­esse geweckt und kein Mitfühlen mit den Nöten der Ver­liebten. Mein schönster Traum war es übrigens, dass sich jenes Mädchen zu mir hingezogen fühlte.

Zusammenfassend: Zu den Großeltern nach Berlin kam in jenem Sommer erstmals kein Kind mehr.

Der Sonntag war im Haus der Großeltern ein großes Ereig­nis; obwohl auch er feste Regeln besaß, waren doch die sei­nen vom Gleichlauf der anderen Tage unterschieden. Es wurde morgens länger geschlafen. Trotzdem war ich müde: In den Räumen, die ich im ersten Stock des Hauses für mich allein bewohnte, stand ein ausgemusterter, aber funktionstüchtiger Schwarzweiß-Fernseher stand und das Samstagabendprogramm war das interessanteste und längste der Woche. Mir hatten es vor allem die beiden Ost­kanäle angetan, die wir zuhause nicht empfangen konnten und in denen ich ganz erstaunliche Dinge zu sehen bekam. Zudem hatte das Ostfernsehen den Reiz des Verbotenen, da die Großeltern befürchteten, mein junger, formbarer Geist würde vom »schwarzen Kanal« beeinflusst. Diese Sorge war allerdings unbegründet, da ich Western und Kri­mis und nicht politische Bildung suchte.

In der Nacht zu jenem Sonntag, über den ich nun schrei­ben werde, den 23. August 1977, hatte ich einen im »Zwölf-Uhr-Mittags«-Stil gedrehten Film mit Kirk Douglas und Anthony Quinn gesehen, der mir noch Jahre als atembe­raubend spannend in der Erinnerung blieb und mich da­mals lange am Einschlafen hinderte. Beim späteren Wie­dersehen des Westerns war er einer von vielen; am er­staunlichsten war noch, dass die mich damals so sehr be­eindruckenden Schwarzweißbilder in Wirklichkeit farbig sind; diese Entdeckung hatte etwas von der Erkenntnis, dass es außer mir keinen Nikolaus gibt.

Jener Sonntag, dessen Frühstück ich schlaftrunken über mich ergehen ließ, war ein ganz besonderer: Zum Kaffee am Nachmittag wurden spezielle Gäste erwartet, nämlich ein erst am Wochenende zuvor aus der DDR geflüchteter Verwandter, ein Arzt der Ostberliner Charité, der mit Frau und zu diesem Zwecke betäubten Kleinkindern für viel Geld im Kofferraum des Wagens eines Diplomaten Repu­blikflucht begangen hatte. Der Arzt hatte sich für seine Flucht ausgerechnet einen Abend gewählt, an dem meine Großeltern mit einer Tante in den Osten der Stadt gefah­ren waren, um andere Verwandte zu besuchen. Ich war al­lein im Haus geblieben und erwartete sie gegen zehn Uhr wieder zurück. Da jedoch die Flucht vor ihrer Heimkehr bekannt wurde, hielten sie die DDR-Zöllner am Kontroll­punkt auf, ließen sie ohne Angabe von Gründen mehrere Stunden im Auto sitzen, bis sie sie dann doch fahren lie­ßen.

Nun, nach einer Woche hatte sich die meiste Aufregung ge­legt und die vergrößerte Familie wurde zum Nachmittag erwartet. Ich war fest entschlossen, einen Kriminalroman über »Republikflüchtige« zu schreiben, den ich »Das Loch in der Mauer« nennen wollte. Beim Frühstück fragte mich die Großmutter, wer denn »Elvis Presley« sei, sie hatte beim Friseur gelesen, dass er in der vorigen Woche verstor­ben wäre. Ich hatte zwar von ihm gehört, konnte aber auch keine nähere Auskunft geben, denn ich stand mit zeitge­nössischen Musikern und deren Klängen damals fast eben­so sehr auf Kriegsfuß wie meine Großmutter selbst; aus meinem Kassettenrecorder ertönten stundenlang die An­fangstakte von Tschaikowskijs b-moll-Klavierkonzert. Das war so ziemlich die einzige Art von Musik, die mir gefiel. Ein paar Jahre später blamierte ich mich noch, als eines Mor­gens ein betroffener Klassenkamerad mit atemloser Stim­me berichtete, dass man in der Nacht John Lennon ermor­det habe und ich ihn erst fragen musste, wer das denn sei.

Was ich den weiteren Vormittag gemacht habe, ist nicht mehr in meiner Erinnerung, ich weiß nur noch, das Wetter an diesem Tag war unbeständig und die Großmutter be­schloss, das nachmittägliche Kaffeetrinken im Hause statt­finden zu lassen. Wahrscheinlich habe ich gelesen, aber nicht Literatur, sondern ein ZACK-Heft, das gerade Girauds großartige Graphic-Novel „Blueberry“ abdruckte. Einer der Räume des ersten Stocks glich ein wenig einer Schiffskabine, er hatte ein kleines Fenster und seltsamer­weise war die Decke zur Wand hin auf zwei Seiten stark abgerundet. Das war mein Lesezimmer, wenn das Wetter mich daran hinderte, im Garten sitzen zu können. Hier wartete ich am frühen Nachmittag, sah aus dem Fenster auf die kleine Straße, einer im tatsächlichen Sinne des Wortes Sackgasse mit nur fünf Häusern im Rund und hielt nach den Autos der Besucher Ausschau. Als ich sie endlich eintreffen sah, schlüpfte ich in meine Schuhe, stürzte atemlos die ersten Stufen der steilen Treppe hinab, kehrte noch einmal um, weil ich meine „Jarmulke“ vergessen hat­te. Niemand sollte mich ohne dieses Kleidungsstück sehen, das mir wie ein Ausrufezeichen hinter meinen besten Cha­raktereigenschaften war. Bereits in ein Gespräch mit mei­ner Cousine vertieft, kehrte ich kurze Zeit später knapp hinter den anderen Verwandten ins Haus zurück und trat ins Wohnzimmer, das bereits für den Nachmittagskaffee gedeckt war. Die Großmutter werkelte in der Küche, vom Großvater war nichts zu sehen.

Plötzlich spürte ich eine feste, energische Hand auf mei­nem Kopf, die mir meine Kappe mitsamt ein paar Haarbü­scheln herunter riss. Aufschreiend wand ich mich herum. Halb erwartete ich, dass mein kleiner Cousin mir wieder einen Streich gespielt hatte. Aber diesmal war er unschul­dig. Er saß draußen im Regen auf der Schaukel. Auch mei­ne Cousine und die andere Verwandtschaft drehten er­staunt den Kopf. Mein Großvater stand hinter mir. Er war ein wenig kleiner als ich, aber in diesem Moment eine be­eindruckende Erscheinung. Seine Hand, die Hand eines Schlossers, hielt er fest um die Kappe geklammert. Er fun­kelte mich böse an, dann wurden seine Augen milder.

„Wir tragen im Haus keine Mützen. Das ist hier Tradition“, sagte er und steckte die Kappe ohne einen weiteren Kom­mentar in seine weite Hose. Er lächelte und verließ den Raum. Ich hatte kein Verhaltensrepertoire, rieb mir den schmerzenden Kopf und schämte mich. Meine Cousine ki­cherte. Ich suchte nach einem Mauseloch, in dem ich mich verkriechen konnte und flüchtete in den Garten. Lieber wollte ich nass werden, als mich hier weiter anstarren zu lassen. Ich hörte, wie hinter mir gelacht und gesprochen wurde.

Ich hatte diese Kappe bereits seit drei Wochen vor den Au­gen meines Großvaters in seinem Haus getragen und er hatte sie nie seiner Beachtung für Wert befunden. Woher kam also plötzlich diese Überreaktion, wenn es überhaupt eine war? Warum demütigte er mich vor der Verwandt­schaft und dem Mädchen, das ich beeindrucken wollte? Weshalb wählte er exakt diesen Moment, an dem ich mich am sichersten fühlte – war das Gedankenlosigkeit oder ein Plan?

Die Mütze hat er mir übrigens nicht wieder zurückgegeben und ich habe mich nie getraut, ihn nach ihr zu fragen. Sie tauchte nie wieder auf. Ich habe sie auch nicht gefunden, als wir das Haus nach seinem Tod ausräumten.

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