Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

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Samstag, 12.09.20 – Von Lesebändchen, Attila und diesem Sommer

Samstag, 12.09.2020

Die liebe N., die meine Schwiegertochter in spe ist(1), arbeitet seit Anfang dieses Jahres als fertig ausgebildete Buchhändlerin in der Filiale einer Buchkette in Neuburg a. D. (2). Wie ich erfahren musste, ist sie noch skrupulöser und vorsichtiger im Umgang mit ihren Büchern als ich – und das will schon etwas heißen. Für N. sind Bücher ein sakrosanktes Heiligtum, das mit Ehrfurcht und Demut betreten werden muss und sie wohl auch ungern weiterverleiht. Ihre Bücher sehen noch ungelesener als meine aus. Da gibt es keinen umgebogenen Rücken, der Schutzumschlag ist nicht zerknittert, keine Seite wird durch einen Fettfleck verunziert – sie könnte ihre Bücher wieder zurück in die Buchhandlung stellen und noch einmal als neu verkaufen. Kürzlich lieh sie mir einen fetten Fantasyroman (3) und an ihm beging ich ein Verbrechen, das sie mir noch nicht ganz verziehen hat. Der Band besitzt als Service des Verlags ein eingenähtes Lesebändchen und wie immer begann dieses bereits, sich unten zu zerfleddern. Es war die einzige Stelle, an der erkennbar war, dass N. das Buch bereits vor mir gelesen hatte. Nun habe ich die Eigenart, dieser Entropie des geflochtenen Stoffbands dadurch entgegenzuwirken, indem ich es ganz unten mit einem Knoten versehe und es anschließend zwischen der letzten Seite und dem Einband deponiere. Denn ich finde Lesebänder, mit denen ich dann ununterbrochen zwanghaft neurotisch spielen muss, unpraktisch und benutze lieber Einmerker (4), die ich beim Lesen zur Seite legen kann. Vollkommen gedankenlos machte ich nun auch beim entliehenen Buch diesen Knoten, den ich so festzog, dass er sich nicht mehr auflösen lässt. Damit beschwor ich ein gewaltiges Donnerwetter über meinem Haupt zusammen. Schließlich würde das Buch im Regal auf diesem Knoten stehen und einen Abdruck in den Seiten erzeugen, wie mir N. erklärte. Ich weiß nicht, ob sie mir noch einmal ein Buch ausleihen wird.

Entschuldige, N.! Es wird nie mehr passieren; ich passe auf. Und um so mehr bewundere ich dich, dass du dich auf das Abenteuer einer Ehe mit Sohn Nr. 2 einlassen willst, dessen unbekümmerte, destruktive Art, die er schon als Kleinkind kultivierte und als Jugendlicher perfektionierte, viele, auch liebgewonnene Teile unserer Einrichtung und unsere Nerven schwer in Mitleidenschaft gezogen hat und mich vorzeitig ergrauen ließ, so dass Frau Klammerle schon vorgeschlagen wurde, doch ein Tagebuch wie die Mutter von Michel aus Lönneberga zu schreiben. Ich witzelte damals, die Klammers würden von den Hunnen abstammen und der Zweitname von Sohn Nr. 2 wäre „Attila“. Nun, du wirst ihn dir schon zurechtbiegen. Das ist meiner Frau mit mir auch gelungen. Und meine Eskapaden waren teilweise noch zerstörerischer (5).

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Apropos „Attila“! Gestern stellte jemand auf der Ratgeberseite des SZ-Magazins die Frage, wie man die veganen, inzwischen peinlichen Kochbücher von Hildmann am Besten entsorgen könne; weil man ihn nicht weiter unterstützen wolle. Zum Glück besitze ich keine Werke dieses von manchen Leuten als Avocadolf titulierten Herrn, der wohl inzwischen alle Murmeln aus seinem löchrigen Säcklein verloren hat, sich im Bürgerkrieg mit Kinderblut saufenden Echenswesen des Deep State wähnt und feuchte Träume von Politikerhinrichtungen und einer Militärdiktatur hat. Eigentlich gibt es Einrichtungen für solche Menschen, aber aus mir unerfindlichen Gründen rennt Attila noch immer in der Gegend herum und verbreitet seinen Nazi-Irrsinn über das Internet. Mir war er schon vor seinen aktuellen Aussetzern suspekt, als er vor einigen Jahren in einer Folge des „Perfekten Dinners“ (Frau Klammerle liebt diese Sendung!) darüber schwadronierte, ob Veganer Oralsex haben könnten. Aber darf man deswegen seine Kochbücher ins Altpapier schmeißen oder sie gar verbrennen? Schließlich mache ich nicht einmal einen Knoten in das Lesebändchen eines Buchs. Hat man in Deutschland nicht schon genug Bücher vernichtet? Es ist ja nicht so, dass Attilas gebundene Tofuschnitzel-Rezepte (die nicht einmal urheberrechtlich geschützt sind) und Fitnessempfehlungen mit dem „Mythus des 20. Jahrhunderts“ oder mit „Mein Kampf“ vergleichbar sind. (6) Dass man den Avocadolf nicht finanziell unterstützen will, verstehe ich. Aber ist es so schlimm, seine Rezepte aus Büchern, die man vor Jahren erworben hat, nachzukochen? Vielleicht ist es das Beste, diese „unwürdige Lektüre“ im Keller zu vergraben und es der Nachwelt zu überlassen, was mit ihr zu geschehen hat.

Ich werde mich hüten, Attila mit Autoren der Weltliteratur zu vergleichen, aber wohin führt das, wenn ich das Werk nicht von seinem Schöpfer trenne? Viele Künstler waren misogyne, rassistische und unsympathische Schweinehunde, manche von ihnen waren Betrüger, sogar Mörder. Wahrscheinlich müsste ich die Hälfte der Weltliteratur verbrennen, wenn ich die Schöpfung für den Schöpfer verantwortlich mache und sie in Sippenhaft nehme. Wollen wir wirklich in solch einer schönen, neuen Welt leben?

*

Wie der letztjährige ist auch dieser Sommer wie ein alternder Rock’n’Roller, der immer wieder auf Tournee geht und einfach nicht in den Ruhestand will. Es ist jetzt Mitte September, aber die Blätter der Bäume sind alle noch grün (6) und die Rosen blühen. Morgens liegt zwar schon ein warmer, feuchter Nebel über den Schmutterwiesen, aber er löst sich rasch auf und das Thermometer nähert sich am Nachmittag der 30°-Marke an und soll sie nächste Woche auch überschreiten. Von Herbst ist noch wenig zu sehen, wenn man mal vom Federweißen in den Kühlregalen der Supermärkte und der Tatsache, dass es später hell und früher dunkel wird, absieht. Es herrscht geniales Wanderwetter! Von mir aus kann das noch bis Mitte Dezember so weitergehen. Trotzdem haben Frau Klammerle und ich gestern Abend gemeinsam beschlossen, dass es Zeit wird, den gefühlt endlosen Corona-Sommer langsam zu verabschieden, damit dieses entsetzliche, quälende Jahr voller privater und öffentlicher Katastrophen endlich zum Abschluss kommen kann. Wir erzwingen das jetzt und leben im Herbst (Das passt auch inzwischen zu unserem biblischen Alter!) Vielleicht kommt ja doch einmal etwas besseres nach. Deshalb genossen wir gestern unsere erste Kürbiscreme-Suppe und ich werde mir jetzt meine Herbstlektüren oben auf den SUB legen. Demnächst mehr davon!

Ich wünsche dir ein schönes Wochenende, liebe unbekannte Leserin. Bis bald.


Oh, ja, heute gebe ich wieder fröhlich meiner zwang- und fetischhaften Obsession für Fußnoten nach!

(1) Sie und Sohn Nr. 2 haben sich kürzlich verlobt und werden im Frühsommer 2021 endlich auch heiraten. Die jungen Leute von heute sind merkwürdigerweise wieder so romantisch und machen um die ganze Heiratssache einen Riesenaufstand. Frau Klammerle und ich haben uns 1987, nachdem wir einige Jahre zusammengelebt hatten, ohne uns gegenseitig an die Gurgel zu gehen (Naja, meistens zumindest …), gemeinsam beschlossen, dass wir jetzt heiraten. Zeit wurde es ja und die finanziellen Vorteile lagen auf der Hand. Da gab es keine Verlobungszeit, keinen Verlobungsring, keinen Kniefall im Licht eines kitschigen Sonnenuntergangs, sondern nur einen einfachen Behördengang mit Eltern und Trauzeugen. Wir haben übrigens nach unserer standesamtlichen Vermählung im April später im Jahr für die liebe Verwandtschaft auch noch größer und kirchlich geheiratet (In der Woche darauf bin ich aus der katholischen Kirche ausgetreten). Das war am 12. September – also genau heute vor 33 Jahren und dies war dann schon eher eine traditionelle Veranstaltung mit weißem Brautkleid und großer Feier. In der Folgezeit erwachte ich mehrmals schweißgebadet aus dem Alptraum, ich müsse noch ein drittes Mal heiraten. Und, ja, weil du es bist, meine neugierige, unbekannte Leserin, gibt es hier ein kleines Foto vom 12. September 1987. Es sieht aus, als würde Frau Klammerle vor Glück schweben.

(2) Neuburg an der Donau ist ein sehenswertes Residenzstädtchen mit einer hübschen Altstadt und einem Renaissanceschloss, um das herum alle zwei Jahre ein schönes historisches Fest gefeiert wird. Der Ort liegt am Donauradweg. Das musst du einfach mal besuchen und dabei in der Rosengasse die Buchhandlung aufsuchen, in der N. arbeitet. Sie wird dich fachkundig und freundlich beraten. Da das Sortiment dort recht übersichtlich ist, kann man leider keines von meinen Büchern erwerben, was wirklich, wirklich schade ist.

(3) Es war „Im Sturm der Echos“, der vierte und abschließende (?) Band der „Spiegelreisenden“ von Christelle Dabos. Das Buch ist ein klassisches Beispiel dafür, wie eine Autorin ihre wirklich hübsch begonnene Fantasy-Saga komplett an die Wand fahren kann. Hätte sie doch besser wie George R. R. Martin auf einen Schlussband verzichtet. Der unübersichtliche, auf 600 Seiten zerdehnte Roman – immerhin ein Buch, das für jugendliche Leser gedacht ist – geht übertrieben brutal, ja geradezu sadistisch mit seinen Protagonisten um, deren Handeln und Denken vollkommen unverständlich und nie nachvollziehbar ist. Figuren und Erzählfäden, die in den Vorbänden sorgsam aufgebaut wurden, werden beiseite gewischt und spielen plötzlich keinerlei Rolle mehr. Die sogenannte „Auflösung“ ist makaber und unverständlich, vollkommen wirr, kryptisch und ließ mich fassungslos zurück. Erzähle mir niemand, er hätte den Plot auch nur ansatzweise verstanden. Nein, es war kein Vergnügen, das Buch zu lesen – es war wirklich eine Qual.

(4) Sowohl Frau Klammerle wie auch ich vertrauen eher schmalen Karton- oder Metallstreifen als dem geflochtenen Lesebändchen, das ja auch nicht in alle Buchbindungen eingenäht ist. Haben wir keinen zur Hand, behelfen wir uns mit einer Postkarte. Unser Problem ist nur, dass diese immer wieder auf magische Weise zu verschwinden scheinen, weil wir sie am Tatort unserer Lesereisen liegenlassen, sie in den ins Regal zurückgestellten, gelesenen Büchern vergessen, sie sich einfach in Luft auflösen oder von kleinen Bücherwürmern gefressen oder von Aliens entführt werden. Wir müssen also ständig für Nachschub sorgen.

(5) So habe ich einmal einen Küchentisch in die Luft gejagt, als ich mit Wunderkerzen experimentierte, mit einem Säbel mehrere Wohnzimmerstuhl-Lehnen zerhackt und Tintenflecken (ich jagte mit dem Füller eine Fliege) in den Vorhängen entfernt, indem ich sie kurzerhand aus ihm herausschnitt.

(6) Zumindest südlich der Donau, wo es in den letzten Monaten immer wieder ausreichend regnete. Sogar mein Kirschbaum, der normalerweise im September schon fast kahl ist, hat kaum verfärbte Blätter. Aber je weiter man nach Norden fährt, um so ausgetrockneter und verdörrter wird die Landschaft. Im Spreewald, in dem Frau Klammerle und ich letzthin Urlaub machten, ist das Wasser so knapp geworden, dass man alle Schleusen zwischen den labyrinthischen Wasserläufen gesperrt hat und wir unser Paddelboot mehrmals mühsam über Land ziehen mussten. Allerdings gab es dort auch kaum Mücken, während sie einem hier in Diedorf jeden der herrlichen Spätsommerabende vermiesen.

Freitag, 19.06.20 All diese Jahre …

Freitag, 19.06.2020

„Unser eigenes Älterwerden bemerken wir am deutlichsten, wenn unsere Kinder älter werden.“ Dieser Satz ist eine Binsenweisheit, aber er ist nichtsdestotrotz wahr. Heute hat mein Sohn Nr. 1, über den ich hier schon das eine oder andere Mal geschrieben habe, seinen 30. Geburtstag. Er ist damit schon vier, bzw. drei Jahre älter, als Frau Klammerle und ich es bei seiner Geburt waren – die gefühlt erst vor ein paar Wochen stattfand.(1)

Tatsächlich ist aber der 19. Juni des Jahres 1990 so lange vergangen, als wäre er anderen Personen in einem anderen Leben begegnet. Doch er ist einer der wenigen Tage, die mir bis in ihre Einzelheiten hinein in die Erinnerung eingebrannt sind. Dieser Dienstag vor 30 Jahren hat mein Leben (und freilich auch das von Frau Klammerle) vollkommen umgekrempelt und unsere Lebensziele neu definiert.

Es war ein heißer Tag, der ganze Juni 1990 war im Gegensatz zu dem in diesem Jahr sonnengeflutet und hochsommerlich. (2) Und wir lebten in einer anderen, sorgloseren Welt. Die Mauer war zwar einem halben Jahr gefallen,  es gab – zumindest  auf dem Papier – zwar noch zwei deutsche Staaten, aber der Ostblock war Geschichte und die blutigen Geburtswehen des heutigen Europas in den Balkankriegen hatten noch nicht begonnen. Noch waren die Revolutionen unschuldig und hoffnungsvoll. Nr. 1 in den deutschen Charts war Mathias Reim mit „Verdammt, ich lieb‘ dich!“ Es herrschte ein Gefühl der Erleichterung und des Optimimus‘ vor. Und es war Sommer und was für einer! Beckenbauers robuste Fußballnationalelf, die sich 1990 ihren 3. Stern eroberte, spielte an diesem Tag gegen Kolumbien und dieses Match war auch im Krankenhaus den meisten Leuten wichtiger als die Geburt von Nr. 1, den Frau Klammerle just während der Partie am frühen Abend  um 18:49 Uhr zur Welt brachte. Damals … Meine Hände zuckten gerade kurz von der Tastatur zurück. Es ist merkwürdig in diesem Zusammenhang von „damals“ zu schreiben, aber zu meinem Erschrecken passt es. Das war tatsächlich „damals“. Ich fühle mich gerade, als würde ich meinem Vater lauschen, wenn er vom Krieg erzählte. Also:

Damals gab es noch keine Handys, aber die Hebamme machte kurz nach der Geburt eine Polaroid-Aufnahme. Sie zeigt, inzwischen stark nachgedunkelt, zwei frischgebackene, durchschwitzte, vor Glück fast platzende Eltern mit einem zufrieden lächelnden, dunkelhaarigen, später strohblonden Neugeborenen (3100 g) zwischen sich. In meinem Gesicht steht eine faszinierte Verwirrung und auch Unsicherheit, die auch noch eine ganze Weile anhalten sollte. War mir da schon bewusst, dass mit diesem Gast, der sich für länger bei uns einnisten wollte, mein Leben in einen neuen Abschnitt eingetreten war? Dass ich mir von einem Moment auf den anderen Verantwortung aufgeladen hatte und mein Leben vorkommen umkrempeln musste?(3) Ich war damals, mit 27, noch immer damit beschäftigt, erwachsen zu werden. (4) Wir wohnten in einer billigen 3-Zimmer-Wohnung in der Augsburger Jakobervorstadt. Frau Klammerle arbeitete bereits als Kinderkrankenschwester in der Frühgeborenen-Intensivstation des Krankenhauses, in dem Nr. 1 das Licht der Welt erblickte. Ich tänzelte und pubertierte noch. Ich war in meiner ersten Phase als Autor und schrieb meine „Jahrmarkt“-Romane, hielt Lesungen, plante Theaterstücke, verplemperte meine Zeit im „Sommacal“ und im“Anna Pam“ und versuchte vergeblich, berühmt zu werden. Nebenzu prokrastinierte ich zuerst BWL, dann Informatik und das wenige Geld, das ich verdiente, kam über eine selbstständige Dozententätigkeit in der Hauptsache für die Papierfabrik Haindl herein, bei der ich Mitarbeiter-Schulungen in Bürosoftware (5) abhielt. Die ließ ich mir zwar schamlos gut bezahlen, aber sie fanden unregelmäßig und in großen Abständen statt. Bereits morgen würde ich einen dreitägigen Kurs in einem so überhitzten Raum unter dem Dach einer Firma leiten, dass dort ständig die Computer ausfielen und man auf den Netzteilen Spiegeleier braten konnte.

Schon bald würde Haindl in die Wirtschaftskrise der frühen 90er schlittern und auf meine Dienste verzichten; mein Informatikstudium scheitern. Und meine Bücher? Ach, eine Absage und eine Erniedrigung nach der anderen! Um überhaupt über die Runden zu kommen – Frau Klammerles Gehalt als Kinderkrankenschwester war lächerlich niedrig -, jobbte ich als Postzusteller und begann dann eine neue Ausbildung. Während unserer Arbeitszeiten (Frau Klammerle machte meist Nachtwachen) passte oft meine Mutter auf Sohn Nr. 1 und drei Jahre später auch auf Nr. 2 auf. Wir waren arm, es war anstrengend, aber im Nachhinein betrachtet, war es wahrscheinlich die glücklichste Zeit unseres Lebens.

Also gut, dann bin ich also alt! (Im Gegensatz zu Frau Klammerle, der es irgendwie gelingt, niemals alt zu werden) Heute wird gefeiert. Nr. 1 ist 30 geworden und er ist uns wohlgeraten. Längst ist er von zuhause ausgezogen, hat nach dem Abi in Freiburg und dann in Tübingen Biologie studiert und hat – ja, ich bin stolz – einen Masterabschluss mit einem Einser-Schnitt. Er arbeitet in einer internationalen Firma, die bioanalytische Dienste anbietet. Diese Arbeitsstelle hat ihn durch Zufall wieder nach Augsburg gebracht. Aber jetzt klingelt es an der Tür. Dort steht er mit einem selbstgebackenen Kuchen in der Hand.

Ein paar Tage später auf unserer Wohnzimmercouch. Ich wirke noch immer etwas verunsichert.

_________________________

(1) Nr. 1 hat selbst noch keine Familienplanung im Sinn; ja, er ist noch nicht einmal der Frau begegnet, mit der er eine gründen möchte. Er ist noch zu haben. Falls du, liebe Leserin dieses Blogs, ernstgemeintes Interesse daran haben solltest, mit ihm in Kontakt zu treten und es dich nicht abschreckt, dass du dadurch unter Umständen auch mich persönlich kennenlernst, dann schicke mir eine Mail. Ich leite sie an meinen Sohn weiter.

(2) Dieser Hitzesommer 1990 taucht übrigens in einigen der Geschichten, die ich in dieser Zeit schrieb, wieder auf; besonders in meinem Roman „Nutzlose Menschen“ (überall im Buchhandel erhältlich) und in der Erzählung „crisis“.

(3) Selbstverständlich ging das nicht von heute auf morgen. Frau Klammerle würde noch eine ganze Weile die einzige Erwachsene in unserer Familie bleiben. Vielleicht ist sie das heute wieder …

(4) Ein Schwabe wird erst mit 40 g’scheit.

(5) Das war die Goldgräberzeit, in der in allen Büros die ersten PCs auf den Tischen standen. Lotus 1-2-3, D-Base und Symphony, DOS-Einführungen. Vielleicht erinnert sich noch jemand. Ich besaß einen IBM-AT-Rechner (16 Mhz), auf dem ich meine Vorbereitungen machte und auch meine Texte abtippte, die ich dann auf einem Nadeldrucker aus der virtuellen Existenz ins Dasein holte. Wenn ich den Rechner morgens einschaltete und er dann über 5 1/4 Zoll-Diskette sein Betriebssytem lud, konnte man noch bequem eine Tasse Tee kochen, bis er sich erschöpft mit „A:>_“ meldete. Nicht nur an den Kindern merke ich, wie alt ich geworden bin …

Vorankündigung: Jahrmarkt in der Stadt – Band 2

Ja, der Sommer war groß. Aber jetzt ist wirklich es an der Zeit. Auch wenn dieser Oktober noch immer ein wenig nach Juni riecht, schlendere ich nun in meinen persönlichen Bücherherbst hinein, in jene zum Lesen und Schreiben prädestinierte dunkle Jahreszeit, in der man vor dem offenen Kamin am Buchenfeuer in seinem Lehnstuhl sitzt, Lebkuchen isst, am schwarzen Tee mit Wildkirscharoma nippt und über sein Leben und die verlorenen Chancen des vergangenen Sommers nachsinnt.

Wie heißt es doch so schön am Ende von Rilkes berühmten „Herbsttag“:

Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Mitte November (den genauen Termin erfahrt ihr noch) werde ich mit „Die Wahrheit über Jürgen“ den 2. Band meines „Jahrmarkt in der Stadt“-Zyklus‘ veröffentlichen. Meine Helfer und ich arbeiten gerade am  Endlektorat.

Jahrmarkt in der Stadt – Band 2
Die Wahrheit über Jürgen
Ein Künstlerroman von
Nikolaus Klammer
(270 Seiten, als Softcover oder E-Book bald überall im Buchhandel erhältlich)

Der Mensch dürstet nach dem Bösen, aber er vermag es nicht,
ihm seine Seele zu verschreiben.
Deshalb schlägt er krumme Wege ein:
Die Neurose, das Gelächter … oder die Kunst.

Eine Stadt Mitte der 90er Jahre in der bayerischen Provinz: Die Bilder des Malers Jonas Nix sind eine künstlerische Sensation und Tagesgespräch bei den Kulturschaffenden. Doch liegt der Erfolg wirklich in der Qualität seiner düsteren, blutigen Werke begründet oder eher an seinen verwandtschaftlichen Beziehungen zu einem Stadtrat?

Der junge Journalist Georg Hauser, der mit dem Maler in die Schule gegangen ist, beginnt nachzuforschen und die Personen im Umfeld von Nix zu befragen. Er wird dadurch in ein Familiendrama verwickelt, das bald auch sein Leben bedroht und ihn vor die existenzielle Frage stellt:

Wie weit würdest du für deine Kunst gehen?

Der „Hobbyautor“ und wie ich das hasse!

Ein Schriftsteller ist eine Person,
die sich der Illusion hingibt,
es werde ein weiteres Buch von ihr erwartet.
Reinhard Lettau

„Und? – Was machen Sie beruflich?“

Jeder Künstler kennt diese Frage, die ihm immer wieder bei Lesungen, Vernissagen, nach Konzerten oder Theateraufführungen von einem wohlmeinenden, durchaus interessierten Publikum gestellt wird. Sie rangiert neben „Woher haben Sie eigentlich ihre Ideen?“ unangefochten auf Platz Eins der häufigsten und zugleich dämlichsten Fragen, die man einem Kunstschaffenden stellen kann.

Freilich üben die meisten Künstler noch mindestens einen Brotberuf aus, denn in unserer gierigen Möglichst-billig-oder-wenn’s-geht-gleich-Gratis-Gesellschaft und der kriminellen Mitnahme-Mentalität, die im Internet herrscht (1), können nur wenige ausschließlich von ihrer Kunst leben und auch diese werden nicht einmal annähernd adäquat bezahlt. Wenn der Künstler nebenher kellnert, in einem Büro Akten sortiert, Kinder oder Erwachsene unterrichtet oder Alte pflegt, Post austrägt, Fliesen legt oder Webseiten gestaltet (alles Dinge übrigens, die ich schon einmal während meiner Karriere gemacht habe), fragt ihn dort auch niemand, was er denn neben diesen Jobs sonst noch beruflich mache. Dabei ist doch immer dieser Brotberuf, dem ich nur gezwungenermaßen nachgehe, um mich und meine Familie durch den Winter zu bringen, derjenige Job, der bei mir immer erst an zweiter Stelle kommt. Oder meint hier jemand ernsthaft, Goethe war in erster Linie Weimarer Geheimrat, unterschrieb begeistert Todesurteile und verwaltete den örtlichen Bergbau? Jeder Autor würde wie Arno Schmidt sofort eine monatliche Rente von Herrn Reemtsma akzeptieren, damit er nur noch schreiben kann. Nebenbei: Wenn mich jemand mäzenatisch unterstützen möchte, nur zu …

Nein. Schriftsteller zu sein, ist kein Hobby –  es ist eine Lebensentscheidung, ein Ausdruck der Persönlichkeit. Ein Muss. Entweder man lebt – oder man schreibt. Es gibt nichts drittes. Die Literatur ist eine eifersüchtige Geliebte. Trotzdem macht in den letzten Jahren die leicht despektierliche Formulierung vom „Hobby-Autoren“ die Runde, als ob jeder, der nicht zumindest ein Werk gebunden und gedruckt in einem Verlag veröffentlicht hat und Mitglied im PEN ist, ein Dilettant wäre und nur aus Spaß in seiner Freizeit schreiben würde; ganz wie jemand, der morgens gerne mit Stöcken durch den Wald rennt, Gerichte von Johannes Lafer nachkocht, Joga macht oder in der Toskana Töpferkurse besucht. Ein Autor ist niemand, der gelangweilt nach einer Möglichkeit sucht, dem inneren horror vacui durch ein Hobby zu entkommen, der in die Freizeit die Nichtigkeit des eigenen Daseins projiziert. Dieser Billig- und Verächtlichmachung seiner Werke ist man als Autor ständig ausgeliefert. Sie ist eine Frechheit und Anmaßung, eine Beleidigung. Niemand würde einem Schreiner beim Regalbau reinreden oder ihn gar kritisieren, behaupten, er könne das alles viel, viel besser, wenn er nur wolle.(2) Aber beim Schreiben: Da ist jeder plötzlich ein Fachmann und Kritiker – wahrscheinlich, weil er es in der Schule irgendwann mehr oder weniger korrekt gelernt hat, Erlebnisaufsätze und Erörterungen auf’s Papier zu kritzeln und ein Powerpoint-Referat zu halten. Manche Kritiker gleichen einem katholischer Pfarrer, der von der Kanzel herab arrogant über die Empfängnisverhütung richtet.

Mein selbstgebauter Stuhl

Apropos Schreiner – ich habe auch schon mal einen Stuhl gebaut. Er darf gerne kritisiert werden.

Freilich gibt es auch solche, die durch Internet- oder gewisse Bezahlverlage massiv und aufdringlich an die Öffentlichkeit drängen und mit ihren nicht lektorierten und banalen Liebes-, Vampir- und Sadomaso-Geschichtchen, autobiografischen Dramen oder banaler Fan-Fiction den Markt überfluten. Leider kann man das Schreiben nicht lernen, auch wenn einem Volkshochschulkurse, Unidozenten und Workshop-Leiter etwas anderes einreden wollen. Schreibseminare sind Unfug, es gibt in der Literatur kein Malen nach Zahlen. Entweder man ist Autor – oder man ist keiner. Wer übers Schreiben redet, ist in der Regel kein Schriftsteller. Wobei sich also der Autor nicht über seinen Seiten-Output oder seinen Erfolg, sondern über seine innere Einstellung und über seine Leser definiert. Auch bei Autoren sollte man zwischen Künstlern und Kunsthandwerkern unterscheiden.

Trotzdem sind auch diese „Freizeit-Schreiberlinge“ von der Bedeutung ihrer Werke überzeugt, denn sie zerren sie aus ihrer Schreibtischschublade ins Licht eines Publikums. Damit haben die Texte keinen Tagebuchcharakter mehr, sind kein „Steckenpferderzeugnis“ für den Privatgebrauch wie eine selbst getöpferte Tasse. Sie sind an einen Dritten gerichtet; sie sind – damit ich auf meinem Blog auch einmal den leider allzu früh vergessenen Jean-Paul Sartre zitiere – „ein Appell an die Freiheit des Anderen, die literarische Schöpfung zum Abschluss zu bringen“. Und ein literarisches Werk ist eben erst dann vollendet, wenn es den Anderen findet, an den es gerichtet ist, den Leser. Der Akt des Lesens ist ebenso schöpferisch wie der des Schreibens- und manchmal ist er ebenso mühsam und quälend. Auch Lesen ist eigentlich kein Hobby. Das wird oft vergessen.

Manchmal, wenn ich die Bestsellerlisten bei Amazon durch-„scrolle“, kann ich mich allerdings nicht dem Eindruck entziehen, es gäbe mehr Autoren als Andere, als Leser … Aber zum Abschluss der literarischen Schöpfung ist es vollkommen gleichgültig, wie viele das Werk lesen, es muss nur gelesen werden. Auch das ist ein Grund, aus dem ich diesen Blog führe. Ich suche diesen einen Leser. Und er wird hier reichlich fündig.

Wenn er denn will …


(1) Eine einfache Google-Suche nach meiner Literatur bringt gut zwanzig Fundstellen im Netz, wo man meine geraubten Bücher gratis herunterladen kann. Ich weiß nicht, ob ich glücklich oder traurig sein kann, dass wohl niemand dieses (virenverseuchte) Angebot annimmt, da mich eh kaum jemand liest.

(2) Ein – selbstverständlich – inzwischen ehemaliger Freund hat mal behauptet, wenn er Bücher schreiben würde, wären sie viel besser als meine. Und die Berliner Berge wären viel höher als die Bayerischen – wenn sie denn welche hätten.

E-Book-Version von Nutzlose Menschen

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In den letzten Wochen habe ich hier die ersten zwei Kapitel von Nutzlose Menschen veröffentlicht. Obwohl dieser Roman einer der besten Texte ist, die ich je geschrieben habe und sowohl inhaltlich wie auch sprachlich problemlos mit den meisten aktuellen Veröffentlichungen auf dem Belletristikmarkt mithalten kann, ist die Aufmerksamkeit, die dieser hier hergeschenkte Roman beim Internetpublikum erweckt, mager wie immer und die Zugriffszahlen auf den Text tendieren gegen Null. Es will mir einfach nicht gelingen, mit meiner Literatur ein Publikum zu erreichen. Warum gelingt anderen scheinbar ohne Anstrengung, worum ich mich vergeblich mühe? Ich weiß es nicht. Auch Andere Welten, Andere Zeiten, meine zweite Seite mit meiner Genre-Literatur, dümpelt im flachen Wasser der Interesselosigkeit.

Trotzdem werde ich die bisher erschienenen Kapitel hier auch als Leseprobe in den gängigen EBook-Formaten zum kostenlosen Download direkt aus meinem Dropbox-Speicher ermöglichen. Doch auch das Interesse an meinen Gratis-Büchern ist gering und ich frage mich, woran das liegt. Sind meine Erzählungen und Romane uninteressant? Überschätze ich mich und meine literarische Kraft? Erreiche ich mit meinem Blog keine Leser oder besitzen diese einfach keinen E-Book-Reader?

Dabei ist doch das elektronische Buch die großartigste Erfindung seit dem Buchdruck. Der Traum, ein Buch zu haben, das aus vielen Büchern besteht, ist alt. Der vermutlich erste, der ein solches Buch beschrieb, ist E.T.A. Hoffmann in seinem Märchen „Die Brautwahl“, (im 3. Buch der Serapionsbrüder, hier als E-Book) in dem der Bibliomane Tusmann als Trostpreis ein Buch mit leeren Seiten erhält, das sich jedoch in seiner Tasche in alle Bücher verwandeln kann, die er sich wünscht. Als ich als Jugendlicher diese Geschichte zum ersten Mal las, wollte ich ebenfalls nicht den Hauptgewinn – die Hand der holden, aber etwas exzentrischen Albertine Voßwinkel (eine typischen Hoffmann-Emanze) – sondern genau diesen Band: Ein Buch, das sich in alle Bücher der Welt verwandeln kann. Heute ist dieser feuchte Traum wahr: Man stellt solche Lesegeräte her und ich besitze eines, war wahrscheinlich einer der ersten, die sich so etwas angeschafft haben. Früher war das nur SF, Captain Picard lief zwar Ende der Achziger auf der „Enterprise-D“ mit so einem Gerät herum – dort „Padd“ genannt, lange bevor sich Apple diesen Namen patentieren ließ – , aber ich musste meine Texte noch auf der Schreibmaschine oder auf meinem PC XT mit Lotus 1-2-3 tippen (eine gute Vorübung für den Html-Code). Elektronische Bücher waren in der Regel nur Gebrauchsanweisungen für Computerspiele und die Augen schmerzten beim Lesen an den Röhrenmonitoren. Damals suchte ich verzweifelt in Antiquariaten nach verlorenen Büchern, zum Beispiel nach gewissen Balzac-Werken oder den philosophischen Romanen von F.M. Klinger; manches fand ich in Ostberliner Buchhandlungen, aber in Westdeutschland gab es damals keine Balzac-Gesamtausgabe, Klingers „Dschafar, der Barmecide“ war nicht einmal antiquarisch aufzutreiben. Das ZVAB gab es noch nicht und das Suchen nach den Büchern verbrauchte mehr Zeit als das Lesen.

Mit dem E-Book-Reader besitze ich Tusmanns Zauberbuch allerdings nur fast: Trotz der Bemühungen von Google (die haben im Übereifer sogar einen alten Roman von mir digitalisiert, dessen Ausdruck friedlich in der Staatsbibliothek ruhte), den Gutenberg-Seiten oder mobileread etc., sind noch lange nicht alle meine Bücherwünsche greifbar und auch die Auswahl an neueren Büchern ist begrenzt. Durch das Urheberrecht, das Bücher erst 70 Jahre nach dem Tod des Autors freigibt, liegen manche Schätze in den Archiven der Verlage, die sie weder als gedrucktes noch als digitales Buch freigeben. Auf diese Weise wird Literatur getötet. Besonders unrühmlich tut sich da der Schweizer Diogenes-Verlag hervor, der zwar nach langem Zögern – selbstverständlich grotesk überteuert – seine Verkaufsschlager als E-Book anbietet, aber seinen Backkatalog in Frieden schlummern lässt. Ein Beispiel unter vielen: Der geniale William Faulkner, der immerhin Nobelpreisträger für Literatur ist, vom dem Diogenes gedruckt nur eine nach einer Neuübersetzung schreiende kleine Auswahl anbietet. Ihn gibt es als E-Book – überhaupt nicht, zumindest nicht auf deutsch. Bis ich die „Snopes-Trilogie“ lesen kann, muss ich – wenn ich legal bleiben will – also noch mindestens bis 2043 warten. Mit Balzac oder Joseph Conrad geht Diogenes ähnlich schlampig um. Trotz dessen: Der E-Book-Reader ist für mich die beste Erfindung seit dem Rad. Tatsächlich lese ich inzwischen häufiger auf meinem Gerät als im gebundenen Buch. Und wem der typische Geruch fehlt: Es gibt ein Parfüm, das nach Buchseiten riecht: „Paper Passion“ von Geza Schön, das bei Amazon fälschlich unter der Kategorie „Bücher“ eingeordnet ist. Madonna zählt schon den danach duftenden …

Ein E-Book ist eine digitale Datei, die in der Regel einen vom Browser lesbaren Html-Code beinhaltet, der komprimiert (ge-“zippt“) und häufig mit einem die Dateirechte einschränkenden Schutz versehen wurde, den man „DRM“ nennt. Dieser Schutz kann das Kopieren oder Drucken einschränken, die Leserechte zeitlich begrenzen (bei Leihbüchern aus der Stadtbücherei) oder vorschreiben, mit welchem Programm oder Reader man die Buchdatei öffnen kann. Amazon setzt z. B. auf ein eigenes Format (azw), um zu erreichen, dass nur im eigenen Shop E-Books gekauft werden. Der eine oder andere kennt das vielleicht noch aus den Anfangszeiten des digitalen Musikdownloads, als mp3-Dateien ebenfalls mit DRM geschützt waren oder von den Schutzmechanismen bei Computerspielen, die in der Regel allerdings wesentlich aufwändiger sind. Dieser Kopierschutz stellt für Hacker und Datendiebe in der Regel keinerlei Hindernis dar, sondern vergrätzt eigentlich nur den normalen Benutzer, der unnötig gegängelt wird. Denn obwohl das E-Book inhaltlich identisch mit dem analogen Buch ist, kauft man lediglich eine Datei und erhält nur ein Leserecht, das jederzeit wieder aberkannt werden kann und auch nicht übertragen werden kann, also weitergeb- oder verkaufbar ist. Dieser geniale Clou der Verlage bringt das Buch nicht in den Besitz des Käufers, sondern es wird ihm vom Rechteinhaber nur geliehen.

Wahrscheinlich deshalb gilt auf E-Books auch nicht der ermäßigte Steuersatz von 7 %, sondern der volle, was das virtuelle Buch, das ja eigentlich nur einer lesen darf und anschließend wieder vernichten sollte, unverhältnismäßig teuer macht. Inkonsequenterweise unterliegt das E-Book aber trotzdem der deutschen Buchpreisbindung und kostet in jeder Internetbuchhandlung den gleichen Preis. Daher verwundert es nicht weiter, dass es leichter ist, ein E-Book, an dem man interessiert ist, aus den illegalen Quellen des Internets zu fischen, als es offiziell zu erwerben. Der Laie sieht den professionell gemachten Download-Seiten oft nicht einmal an, dass er aus einer illegalen Quelle schöpft. Oft sind diese Bücher auch noch besser redigiert und erscheinen schneller als die offizielle E-Book-Ausgabe.

Ähnlich ging es sicher den Payrusrollenbesitzern, als sie die ersten Pergamentbücher in Händen hielten (Erstaunlicherweise hatten sie nicht ganz unrecht, denn das Prinzip der Papierrolle kehrt mit dem E-Book und den Internet-Blogs wieder zurück. Es wird nicht mehr geblättert, sondern wieder ge-“scrollt“). Aus den oben genannten Gründen stehen auch viele etablierte Autoren den E-Books skeptisch gegenüber, haben sie doch die durchaus berechtigte Angst, durch die massenhaften Urheberrechtsverletzungen und Raubkopien noch weniger Geld mit ihrem Werk zu verdienen. Auch wenn die Download-Zahlen auf Raubkopiererseiten einen die Haare zu Berge stehen lassen, wenn man sie mit seinen offiziellen Verkaufszahlen vergleicht, darf der Autor allerdings nicht vergessen, dass nur ein verschwindend geringer Anteil der illegal heruntergeladenen Bücher auch wirklich gekauft worden wäre. Leider gibt es mehr Downloader als Leser. Zudem wurde das Urheberrecht zu allen Zeiten mit den Füßen getreten und ein paar der bedeutendsten Werke der Weltliteratur (z. B. Shakespeare) kennen wir nur durch den Fleiß der Raubkopierer.

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