Aber ein Traum …

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Das Spiel – Erzählung (2)

IST DAS EIN SCHREI. DA IST EINE HILFLOSE. HEILLOSE. EINE EINSAME

er warf die Zeitung. wütend. vor sich auf den Tisch. schob sie. um den Abstand zu dem Gelesenen zu vergrößern. mit den Händen. von sich. dann sah er auf. wütend. er suchte jemanden. mit dem er streiten konnte. fand nur mich. ich war allein mit ihm. im Wohnzimmer.

das ist ein Jahr her. nein. es ist September. schon eineinhalb Jahre. mindestens.

zum letzten Mal bin es ich. von dem ich schreibe. gleichzeitig ist es das Ereignis. das Bewegung. alles. brachte. der Anfang meines neuen Lebens.

meine Eltern hatten mich zum Mittagessen eingeladen. ich erinnere mich. es gab falschen Hasen und Erbsen. Nudeln. dann Schokoladenmus. ich war zu früh. ich saß neben Vater auf der Wohnzimmercouch. blätterte. in einer Fernsehzeitschrift. gelangweilt.

er wurde nicht oft wütend. wenn er die Zeitung las. quittierte die Nachrichten mit Nicken. selbstzufrieden. für ihn waren die Neuigkeiten des Tages die Bestätigung. er hatte schon immer gewusst. wie es zuging in der Welt. zornig wurde er nur. wenn seiner Meinung nach falsch über das III. Reich geschrieben wurde. das war allerdings immer der Fall. er war Augenzeuge. wusste alles. besser.

diesmal lagen die Dinge anders. er fühlte sich durch einen Artikel im Lokalteil angegriffen. persönlich. ich konnte ihn in diesem Fall sogar verstehen. er saß neben mir. wohlgenährt. hieb mit der Faust auf den Tisch. zweimal. besann sich. nahm einen Schluck aus seiner Bierflasche. ruhig. ein Tropfen. schaumig. rann ihm über das Kinn. den Hals hinab. er schien ihn nicht zu stören.

das ist seltsam. er ist in meinem Gedächtnis. lebendig. ich denke gerade. die Beerdigung war nur ein Trick von ihm. er lebt noch. in einem Land unerkannt. in mir selbst. vielleicht.

seine Augen hatten sich damals bereits in ihre Höhlungen zurückgezogen. tief. sie lagen im Schatten. dunkel. sie allein erzählten von seiner Krankheit und dem Tod. die Augen. müde. abgeklärt. seine Körpersprache. aufgebracht. wirkte dem Eindruck entgegen.

ich kannte den Grund seines Zorns. ich hatte den Artikel bereits am Morgen gelesen. mich mit gemischten Gefühlen zu Vater gesetzt. er hörte Bruckner. in die Zeitung vertieft war er bereits bei den Sportnachrichten angelangt. ihn trennten nur ein paar Bögen mit Anzeigen vom Lokalteil. ich wollte aber nicht bei Mutter in der Küche bleiben. der ich war ständig im Weg. sie wusste nur den neuen Klatsch über die Schwangerschaft meiner Schwägerin. komplex. schwierig. und gleichzeitig wehleidig. Mutters Hauptthema. da war mir Vater lieber. wenn er klassische Musik hörte. war er schweigsam. gut gelaunt.

ich hoffte. das Essen wäre fertig. bevor er zur die letzten Seite käme. oder er würde seine Entrüstung für sich behalten. doch diese Attacke konnte er nicht verdauen.

hast du das gelesen. fragte er. es hörte sich an wie. hast du das geschrieben.

ich nickte.

der Soldatenverein. in dem Vater Mitglied war. wurde im Verfassungsschutzbericht als verfassungsfeindliche Vereinigung aufgeführt. der Stadtrat hatte deshalb beschlossen. bei der Kranzniederlegung am Kriegerdenkmal am Volkstrauertag eine Abordnung des Vereins nicht zur Feier zuzulassen. daneben stand ein Leitartikel. der die Entscheidung begrüßte. nachdrücklich. und von den ungestraft unter uns lebenden Mördern der Waffen-SS sprach.

ich glaube. Vater hat sich nicht wegen der Entscheidung der Stadt getroffen gefühlt. die er schon erwartet hatte. er war auch nicht aus politischen Überzeugungen Mitglied des Vereines. vielmehr wegen der Geselligkeit und den Kegelabenden. regelmäßig. eingetreten.

es war das Wort Mörder. mit dem er bezeichnet worden war. das ihn getroffen und eine Wunde. tief. innerlich. aufgerissen hatte. die nie heilen konnte. die aber nach außen verschorft war.

ich stellte mich auf einen Disput mit ihm ein. in der Richtung etwa. die Waffen-SS wäre keine Verbrecherorganisation. sondern nur eine Kampftruppe wie alle anderen gewesen. normal. zwar ein Eliteverband. hatte aber nie etwas mit Konzentrationslagern zu tun. Das waren die Totenkopfverbände von Himmler. nicht die Waffen-SS. Soldaten wie andere auch.

ich hatte das tausendmal von ihm gehört. vor allem. wenn er getrunken hatte. mich interessierte nicht die Kollektivschuld dieses Verbandes an Kriegsverbrechen. das war ein Problem für Historiker.

dahinter versteckte sich Vater. mich beschäftigte immer nur er selbst. seine Schuld. seine Unschuld.

aber er erstaunte mich. in ihm war etwas vorgegangen. das Wort Mörder hatte etwas ausgelöst. eine Erinnerung. quälend.

er begann. erst stockend und unsicher. er berichtete von einem Kameradschaftsabend. damit verband sich ein Kriegserlebnis. es war ein Kreis. These und Antithese. ohne Lösung. er gab viel von sich her. es war das einzige Mal.

es war ein Kameradschaftsabend seines Soldatenvereines auf Landesebene. man traf sich in einem Lokal eines kleinen Städtchens am Rhein. dessen Namen ich längst vergessen habe. wenn ihn Vater überhaupt erwähnt hat. man wollte bei Kaffee und Kuchen und gutbürgerlichem Abendessen Geselligkeit üben. Vorstände und Schatzmeister wählen. da Mutter so etwas zu langweilig erschien fuhr Vater allein. gleichzeitig fand im selben Lokal in einem anderen Raum ein Treffen von ehemaligen elsässischen Angehörigen der LVF. der Legion des Volontaires francais statt. das war eine unter Marschall Petain rekrutierte Freiwilligenarmee zur Unterstützung der Deutschen in Russland. im Vorfeld war bereits vergeblich versucht worden. diese beiden Treffen zu verhindern. da beide Vereine ordnungsgemäß angemeldet waren und der Wirt. ein Stadtrat des CDU. auf keinen Fall auf seinen Profit verzichten wollte. war aller Widerspruch vergebens gewesen.

Deshalb hatten Bürgerinitiativen. DGB. Jungsozialisten und Grüne eine Kundgebung organisiert. viel Polizei war da. verhinderte. den Sturm der Demonstranten auf das Lokal. einhundert Leute ungefähr. die Wut dieser Menschen war ehrlich. einen schwülen Nachmittag lang hatten sie die Unbequemlichkeit auf sich genommen und versucht. die Treffen mit Gesängen. Gedichtrezitationen. Ansprachen und Sprechchören zu stören. jetzt waren viele heiser. ermüdet. gereizt. Sie empfanden das Polizeiaufgebot als Provokation. ganz vorn standen ein paar ältere Männer. die KZ-Häftlingskleidung trugen. ob sie Sinti. Homosexuelle. Zwangskastrierte. Juden. politisch Verfolgte waren. weiß ich nicht. es waren Menschen. Opfer. den erneuten Anfängen wehren. sie diskutierten erregt mit den Uniformierten. die sich hinter ihrer Pflichterfüllung verschanzten. sonst waren hauptsächlich junge Leute da. unbequem wollten sie sein. diesen Verbrechern ihre Meinung ins Gesicht schreien.

doch die Ewiggestrigen hielten die Fenster geschlossen. zeigten sich nicht. obwohl sie sich nicht wohl in ihrer Haut fühlten. mein Vater gab zu. er hatte vor dem Mob da draußen Angst. versuchten sie dennoch. ihr Programm zu erledigen. abzuhaken. trotzig. sie entwickelten eine Fröhlichkeit. hysterisch. obwohl ihre Redner sehr laut sprechen mussten. um die Störungen von außen zu übertönen. sie beendeten ihr Treffen früher. als sie ursprünglich wollten. nach dem Abendessen kam der Moment der Stille. es wollte keine Stimmung entstehen. kein Erinnern an die ach so guten Kriegszeiten. weinselig. alle saßen sie auf ihren Stühlen. verschüchtert. voller Furcht. selten äußerte sich einer zu den Sprechchören. hastig. zornig. sie drangen durch die geschlossenen Fenster. durch die zugezogenen Vorhänge zu ihnen. dann war da diese unausgesprochene. uneingestandene Angst..

Schließlich entschloss man sich doch. es gemeinsam zu versuchen. die Versammlung jetzt aufzulösen. hinaus zu treten zu den Protestierenden. als sie nach draußen kamen. unsicher auf dem von der Polizei geräumten Platz vor dem Lokal standen. nicht mehr als zehn Männer. begann einer der älteren Demonstranten ein Wort zu rufen. das sofort von der Menge aufgegriffen wurde. wütend. endlich sah man den Feind von Angesicht zu Angesicht.

Mörder. wie eine Explosion löste sich die aufgestaute Emotion aus hundert Kehlen. die abschirmende Polizeikette. die beschäftigt war. einen Durchgang für die Eingekesselten zu schaffen. wankte.

langsam. man hat Stolz. traten die alten Männer. die ehemaligen Soldaten der Waffen-SS. durch die entstandene Öffnung. mitten durch die Reihen der brüllenden Menschen. Vater war bemüht. hielt sich in der Mitte. hasserfüllte Demonstranten versuchten nach ihm zu greifen. ihn. den sie Mörder schimpften. zu berühren. ganz so. als müssten sie sich überzeugen. es gab ihn tatsächlich.

dann riss die Kette. zwei der Polizisten stolperten. wurden zu Boden gerissen. dieses Wort. das die Menge rief. wurde zu einem Aufschrei. Triumph. Vater rannte. so schnell er konnte. das war vielleicht wirklich das klügste. er spürte einen Hauch Wut in seinem Nacken. das machte ihm Beine.

seine Kameraden waren tapferer oder möglicherweise auch nicht so schnell. bevor die Polizisten eingreifen konnten. fielen einige der Demonstranten über die alten Nazis her. als die Polizei das Handgemenge endlich trennte. waren zwei der Kameraden durch Schläge zu Boden gegangen. einer hatte eine tiefe Stichwunde im Oberschenkel. er hatte viele um sich herum mit seinem Blut besudelt.

Vater war schnell ein gutes Stück entfernt. nur eine junge Frau gab die Verfolgung nicht auf. stumm. hartnäckig. blieb sie auf seiner Spur. beide waren längst in einen gemächlicheren Dauerlauf gefallen. der beider Atem zuträglicher war. ich kann nicht sagen. warum sie ihn noch verfolgte. Vater hielt nicht an. er sah sich nicht um. wähnte sich noch immer von einem größeren Trupp gejagt. schließlich ermüdete die Frau doch. sie blieb stehen. nach Atem schnappend. rief. als würde sie um Hilfe schreien.

Mörder. du Mörder. bleib doch endlich stehen.

Vater sah sich um. verharrte erstaunt. der Abstand zwischen den beiden betrug weniger als zehn Meter. sie waren allein auf dieser Straße.

Mörder. wiederholte sie. du verdammter Mörder.

bei den letzten beiden Wörtern brach ihr die Stimme. jetzt weinte sie fast. Vater hielt seine stechende Seite. die Frau. sagte er erstaunt zu mir. die war in deinem Alter. sie könnte meine Tochter sein.

er wusste nicht warum. aber in diesem Moment nahm er ihren unerhörten Vorwurf ernst. er glaubte ihr den Ernst ihres Anliegens. weil sie ihm über ein so lange Strecke gefolgt war.

wissen sie überhaupt. was sie da sagen. rief er zurück.

wer sind sie. wollen sie denn mein Richter sein.

genau das hat er zu ihr gesagt. wollen sie mein Richter sein. ich an ihrer Stelle hätte diese Frage bejaht. wie gerne wäre ich an ihrer Stelle gewesen. was war das für eine Gelegenheit. warum hat Vater mir nie diese Frage gestellt. warum gab er mir nie die Chance. ihn zu richten.

ich hätte den ersten Stein geworfen.

die Frau jedoch verließ der Mut. ihr Zorn war verraucht. nachdem sie ihren Mörder vor Gesicht hatte. der ein Mensch. ein Vater war. sie wand sich um und ging. ohne noch ein Wort zu sagen.

damit hätte für Vater die Angelegenheit erledigt sein können. doch der Vorwurf der Frau hatte eine Erinnerung in ihm geweckt. die er lange vergessen geglaubt hatte. die jedoch. in seinem Unterbewussten versteckt. weiter in ihm arbeitete. als er zum Bahnhof ging und später. im Zug. der ihn durch die Nacht nach Hause brachte. hatte er beständig das Erlebnis von damals vor Augen.

damals wurde er als Achtzehnjähriger in der Apokalypse von Berlin eingesetzt. um das Leben jener Ungeheuer. die ihn um seine Jugend betrogen hatten. ein paar lächerliche Tage verlängern zu helfen. er war einer von denen. die für ihren Führer gern gestorben wären. schon die geographische Nähe zu ihm erfüllte Vater mit Ehrfurcht. jung. wie er war. führte er wegen seines Status als SS-Mann bereits einen Trupp Soldaten zu verbissenen Straßenkämpfen gegen russische Stellungen und Panzer.

kurzfristig von seinem Trupp getrennt. rennt er durch ein Wäldchen. dort. am Tiergarten. in der Nähe wird geschossen. es riecht nach Rauch. die Russen sind schon Unter den Linden. aus den wenigen übrig gebliebenen. zerschossenen Häuserruinen wehen weiße und auch rote Fahnen. die einen verräterischen runden. helleren Fleck in ihrer Mitte aufweisen.

auf einer kleinen Lichtung. einer Kreuzung von zwei Kieswegen. stößt Vater fast mit einem russischen Soldaten zusammen. der aus einer anderen Richtung gerannt kommt. kaum zwei Meter trennen sie. sie verharren. nur ein Reflex. eine kurze Feuergarbe der Maschinenpistole genügt. sie zerfetzt die Brust des Gegners. schleudert ihn in zwei ruckartigen Bewegungen zurück. zu Boden. er ist tot.

erst jetzt sieht Vater. sieht bewusst die Leiche. die wie eine hingeworfene Marionette vor ihm liegt. der Tote ist jung. sicher. nicht viel älter als Vater damals. er ist nicht bewaffnet.

dann wird erneut geschossen. jetzt ganz in der Nähe. Vater rennt weiter. flüchtet sich ins etwas dichtere Unterholz. am nächsten Tag wird er verwundet und gerät in Gefangenschaft. er läuft dem Feind in einem Hinterhof direkt in die Arme.

das war es. was Vater erzählte. nahe zu mir vorgebeugt. bevor uns Mutter zum Essen rief. er brachte seine Geschichten zum Schluss nicht mehr zusammen. er hatte keine Zeit mehr. eine Konsequenz. eine Moral zu ziehen. vielleicht war er auch nicht fähig dazu. nach dem Essen machte er seinen Mittagsschlaf. als er wieder erwachte. war ich bereits gegangen.

was mir Vater erzählt hatte. arbeitete in mir. er hatte mir sein Problem weitergegeben. aber keine Lösung. ich weiß. er wusste keine. er hatte keine Ahnung. wie er seine Vergangenheit verarbeiten sollte. ob er Mörder oder Opfer war.

er hat nie dieses angefangene Gespräch mit mir fortgesetzt. als ich ihn das nächste Mal sah. war er wie immer. unnahbar. zynisch. krank. aggressiv gegen meine Art zu leben eingestellt. als er starb. ließ er mich mit der Frage nach der Schuld allein zurück. er stahl sich aus der Verantwortung. floh in Krankheit und Tod. alles das blieb unbewältigt in mir übrig. das konnte ich nicht einfach beiseite schieben. um zur Tagesordnung zurückzukehren.

Er war mein Vater. wir waren verwandt und uns ähnlich.

ist das verständlich. kann ich mich verständlich machen. ersticken nicht die Worte meine Empfindung.

es sind nie kriminelle Neigungen in mir gewesen. für Mörder hatte ich nur Abscheu.

das war eine billige Lüge. ich habe sie selbst geglaubt. nun. schließlich. ehrlich.

da ich schon in dieser Stimmung bin. ein gutes Gefühl. werde ich jetzt von dem Erbe reden. endlich. das hat mein Vater mir gegeben. von ihm kann ich mich nicht befreien. selbst wenn ich nur noch Englisch rede. da ist Auschwitz und Zyklon B. das Land. das Ostfront hieß. da ist er selbst. mit der Vergangenheit. die er nie bewältigte. ich habe bis jetzt davon geschwiegen. habe mir ängstlich verboten. bin geflohen. habe verdaut. das ist das Ergebnis.

die Gewalt ist übergegangen zu mir. vom Mörder. ich spreche es aus. vom Mörder. der mein Vater ist. gab er es mir mit seinen Genen oder mit der Hand. mit der er mich streichelte. er hat sich aus seiner Verantwortung gestohlen als er starb. er hat mich allein übrig gelassen.das letzte Wort wurde nicht gesprochen.

Dass der Soldat. durch den Wald hastend. mein Vater war. er dem anderen Soldaten begegnet. nur ein Reflex und der ist tot.

das ist die Marionette. die ich bin. die Flucht. die scheitern muss. das Spiel. das ich verlieren werde.

Aber ein Traum – Roman (6. Kapitel – Teil 6)

Ich habe es dir schon einmal gesagt, Abakoum: Wenn du die ganze Wahrheit erfahren willst, musst du deinen Zweifel ablegen. Ich weiß schon, ich klinge wie einer dieser durchgeknallten Sektenführer. Manchmal fühle ich mich schon selbst wie einer dieser Verkünder ihrer verschrobenen Weisheiten, aber eines musst du mir glauben: Solange du Zweifel hast, wird es dir nicht gelingen, die Mauern zu sehen, gegen die du tagtäglich anstürmst.

Mir ist das schon klar. Es ist schwer zu schlucken, denn du hast noch nie von einem europäischen Krieg in den späten 60ern gehört, noch dazu von einem, in den die Schweiz verwickelt war. Aber dies ist auch nicht hier in deiner Welt passiert, sondern in der pervertierten, aus dem Takt geratenen Spiegelwelt meines Bruders Ruben, einer Welt, die sich schließlich selbst zerstörte und implodierte. Sie war nur eines der geplatzten Bläschen im Schaum, aus dem das Universum besteht, das seinem inneren Druck und seinen Widersprüchen nicht mehr standhielt. Aber das geschah erst zwanzig Jahre später und ist eine Geschichte, die dir unser gemeinsamer Freund Linus in der nächsten Woche erzählen wird. Von einem anderen Standpunkt aus hat er dir schon davon berichtet. Aber vergiss das. Ich will das Ganze für dich nicht noch komplizierter machen, indem ich noch eine oder zwei Spiegelebenen einführe. Lassen wir den Erzähler und den Leser beiseite.

Sagen wir einfach, dort drüben bei Ruben war aus dem kalten Krieg ein heißer geworden. Die Armeen des Warschauer Pakts und der NATO hatten sich wie die Mächte des 1. Weltkriegs in Mitteleuropa ineinander verbissen und verkeilt und verwüsteten die eben aus dem Trümmern des 2. Weltkriegs wieder auferstandenen Länder aufs Neue. Berlin war längst gefallen, weite Teile Skandinaviens und der beiden deutschen Staaten ein Schlachtfeld mit einer vollkommen unübersichtlichen Frontlinie, auf dem Kapitalismus und Kommunismus sich ihre Vorrangstellung zerfleischten. Hier auf dem Boden des alten Europas war das Vietnam dieser Welt. Noch fand der Krieg konventionell statt – was immer dieser Euphemismus bedeuten mag – und hatte niemand gewagt, die Atombombe einzusetzen. Gerade auf sowjetischer Seite scheute man noch davor zurück. Aber das war wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis die Beraterstäbe der lokalen Ausgaben von Breschnew und Lyndon B. Johnson sich gezwungen sehen würden, auf diese ultima ratio zurückzugreifen. Gewaltige Flüchtlingsströme wälzten sich heimatlos und verzweifelt durch die zerstörten Länder, in denen jede Staatsmacht oder Infrastruktur innerhalb kürzester Zeit zusammengebrochen war. Überall herrschten Anarchie, Diktatur oder die blanke Willkür lokaler Despoten, marodierender Milizionäre, Söldnertruppen, einfacher Räuberbanden oder verwilderter Armeen. Ziel der Flüchtigen waren der Süden und der Westen Europas, doch dort strandeten sie in menschenunwürdigsten Verhältnissen in provisorisch errichteten Auffanglagern an den Ufern der Meere. Italien, Griechenland, Spanien oder Portugal wurden der Menschenmassen, die ihre Länder überschwemmten, nicht mehr Herr und auch dort brachen unter dem Ansturm sämtliche staatlichen Ordnungen zusammen.

Die humanitäre Katastrophe in Europa kann mit Worten kaum beschrieben werden. Zusätzlich zu dem Massensterben durch die kriegerischen Handlungen gab es an allen Orten Plünderungen und Vergewaltigungen, es wurde gebrandschatzt und gemordet. Überall fanden entsetzliche Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung statt. Ernten wurden vernichtet, wohin man auch sah, es gab nur Hunger, Folter, Leid und Tod. Krankheiten und Seuchen, die das moderne Europa längst vergessen und überwunden glaubte, brachen aus und Epidemien rafften Hunderttausende dahin. Schlepper verdienten Unsummen damit, zahlungskräftige Flüchtlingen Überfahrten auf Seelenverkäufern ins vermeintlich sichere Nordafrika und nach Vorderasien zu verkaufen. Allein die Schweiz hatte sich in Mitteleuropa mühsam ihre staatliche Souveränität bewahren können. Sie fuhr ihre seit Jahrhunderten bewährte Strategie, sich als neutraler Geldmarkt für die kriegsführenden Parteien zu öffnen und zugleich ihre Grenzen gegen alle zu verschließen, die Zuflucht auf dem vollen Rettungsboot in den Alpen suchten.

René und ich waren also im Auge des Sturms gelandet, als wir von der Bergflanke in die Welt von Ruben gestürzt waren.

„Krieg?“, staunte ich den Hüttenwirt fassungslos an und begriff kaum, was er da sagte. Der Bergbauer wandte sich zu mir.

„Ihr wisst, Jungen, ich muss euch bei der Gendarmerie melden.“ Er warf einen seltsamen Blick auf meine vom Ausheben von Hernis Grab verschmutzte Kleidung.

„Ihr seid keine Schweizer und nach normalen Wanderern seht ihr mir auch nicht aus. Wo sind denn eure Eltern? Wisst ihr das überhaupt?“

Ich wich etwas zurück, während René einen Schritt zur Seite trat. Er hielt den Kopf gesenkt. Der Mann hob beschwichtigend die Arme.

„Ihr müsst euch nicht vor mir fürchten, Buben. Euch wird nichts geschehen. Für euch ist der Krieg erst einmal vorbei. Es gibt Lager, in die wir die versprengten Jugendlichen ohne Begleitung bringen, die über die Grenze kommen. Dort werden sie euch gut behandeln und ihr werdet etwas …“

Der Gastwirt stockte mitten in seinem Satz und seine Augen wurden groß. Plötzlich lief ihm ein Blutfaden aus der Nase. Er röchelte, dann stolperte er nach vorn und fiel in meine Arme. Ich hielt den schlaffen, erstaunlich schweren Körper fest und starrte verblüfft auf das große Fahrtenmesser, das auf seiner linken Seite bis zum Griff in seinem Rücken steckte.

„Was hast du getan, René? Hast du den Verstand verloren?“, stammelte ich fassungslos und hielt den Mann aufrecht, denn ich hatte das Gefühl, dass er noch zu retten war, solange ich ihn nur stützte. René zuckte mitleidlos mit den Schultern. Obwohl er alles andere als schuldbewusst wirkte, war seine Stimme doch unsicher:

„Du hast doch gesagt, dies hier wären keine echten Menschen, sondern nur Marionetten, die allein in der Fantasie deines durchgeknallten Bruders existieren. Habe ich eben einer dieser Puppen die Fäden durchgeschnitten – Na und? Kannst ihn ja wieder zum Leben erwecken, wenn du willst. Aber möchtest du wirklich, dass er uns bei den Bullen verpfeift und wir in ein Lager kommen?”

Endlich legte ich meine Last sanft und vorsichtig zu Boden. Ich schüttelte den Kopf. Nein, das wollte ich nicht. René sprach sich mit seinen Worten selbst Mut zu, das hörte ich. Er wollte von mir eine Bestätigung, dass er richtig gehandelt und keinen brutalen Mord begangen hatte. Doch die erwartete er von mir vergebens. Zu erschüttert war ich von dem Geschehenen. Der Mann war in meinen Armen gestorben und obwohl er nur ein Spiegelbild des echten Hüttenwirts in meiner Welt war, hatte es sich echt angefühlt. Ich bekam Zweifel, ob die Menschen hier tatsächlich nichts empfanden, sondern nur die Echos von Gefühlen waren, die aus der Wirklichkeit herüber tönten. Dr. Hernis erster Tod – sein plötzliches Verschwinden letztes Jahr im Speisesaal – war viel zu abstrakt gewesen, um es ernst zu nehmen und wirklich Schuldgefühle zu entwickeln. Er war einfach weg. Erst sein zweiter Tod vor ein paar Stunden war auch sein tatsächlicher gewesen, doch das war nur ein Unfall. Selbst wenn der Hüttenwirt in meiner Welt munter und lebendig sein mochte: Mir die Hände blutig gemacht, das hatte ich erst jetzt. René mochte Ähnliches empfinden, aber er würde lieber durch die Hölle gehen, als das zuzugeben.

„Wie haben heute eine gute Quote“, sagte er und seine Stimme überschlug sich dabei beinahe. „Das war schon der zweite; wer weiß, ob er der letzte bleibt.“

In diesem Moment bekam ich zum ersten Mal Angst vor ihm und mir wurde klar, dass ich ihn loswerden musste – und zwar bald. Ich hatte den Eindruck,hilflos dabei zuzusehen, wie er sich mit schnellen Schritten dem Wahnsinn näherte.

René beugte sich herab zu der Leiche und zog mit einem Ruck das Messer aus dem Körper. Als hätte es die Wunde verschlossen gehalten, sprudelte sofort ein Schwall Blut heraus, der das blaue Leinenhemd dunkel einfärbte. René funkelte mich von unten an, das tropfende Messer zielte auf mich. Ihm war ein neuer Gedanke gekommen.

„Das kannst du doch rückgängig machen? Ich meine, du wirst ihn jetzt einfach verschwinden lassen?“, bettelte er.

Mir schien, er fürchtete sich vor meiner Antwort. Wahrscheinlich konnte ich das, aber nicht im Moment. Ich war noch viel zu durcheinander, um mich auf etwas anderes konzentrieren zu können, als auf meinen Fluchtinstinkt. In diesem Augenblick sandte die Sonne rote Strahlen auf den gegenüberliegenden Berghang. Es war ein letztes, schmerzhaftes Aufblitzen, bevor sie endgültig verschwand und uns in der Dunkelheit und Finsternis dieser trostlosen Welt zurück ließ. Die Klinge in Renés Faust funkelte noch einmal. Unsere Blicke trafen sich.

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