Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Archiv für das Schlagwort “Krankheit”

Vorgezogene Blogpause

Eine schöne Bescherung

Das ist der Nachteil, wenn man wie ich seinen Blog und seine literarische Arbeit als „Ein-Mann-Betrieb“ betreibt: Falle ich aus, ruht die Arbeit komplett.

Das heißt in meinem Fall: Es wird vor Weihnachten keine weiteren Texte mehr geben, keine Isabella-Folge (Hans-Dieter Heun wird es mir danken), keine Kindheitserinnerungen und keine „Andere Art der Liebe“, weil mich gestern rücksichtslos und hinterhältig eine heftige Erkältung mit allen unangenehmen Begleitsympthomen überfallen und niedergerungen hat, an der wohl oder übel ich zwischen den Jahren laborieren werde. Ein Ende der Qualen ist im Moment nicht absehbar, jeder Tag bringt noch einmal eine neue Steigerung meiner Leiden, die meine etwas genervte, im Feiertagsstress eigentlich auf meine Hilfe angewiesene Frau Klammerle leicht abschätzig als „Männerschnupfen“ abtut. Da sie als Kinderkrankenschwester im Intensivbereich täglich mit Entscheidungen zwischen Leben und Tod konfrontiert wird, ist sie da wahrscheinlich etwas vorurteilsbeladen und professionell deformiert. Die Meinungen, wie ernst meine Erkältung ist, gehen also weit auseinander. Wie dem nun auch sein mag, ob meine Leiden Hypochondrie oder lebensbedrohend sind: Ich huste jedenfalls, räuspere, schnupfe, fiebere und schniefe. Der Kopf ist dick, der Hals ist rau, die Glieder schmerzen, mich friert und die Stimmung ist flau und wenig weihnachtlich. Es ist mir augenblicklich unmöglich, mit laufender Nase, bellendem Husten und Kopfschmerzen auch nur eine einzige sinnvolle Zeile auf’s Papier zu bringen oder gar eine Geschichte schreiben. Nicht einmal das Lesen gelingt mir! Was für ein Jammertal.

Deshalb muss ich mein literarisches Schaffen in der nächsten Zeit stark einschränken und mich mit Hausmittelchen kurieren, die diese bevorstehende Woche Erkältung auf sieben Tage einzuschränken helfen. Ich muss also auch diesen Blog früher als gedacht für einige Zeit bis ins neue Jahr hinein ruhen lassen, meiner Frau ihre ayurvedischen Teemischungen wegtrinken,  jammern, klagen, schneuzen, mich selbst bemitleiden und in eine dicke Decke gehüllt vom Sofa aus gelangweilt dem heftigen Regen beim Fallen zusehen.

All meinen Freunden und Followern, zufällig oder absichtsvoll vorbeisurfenden, allen, die mich mögen oder auch nicht, wünsche ich friedvolle, besinnliche Feiertage im Kreise ihrer Liebsten, Gesundheit, Glück und weiterhin Gefallen an meiner Literatur.

Grüße aus dem feuchten, aber weihnachtlichen Augsburg.

Bis bald, Euer Nikolaus.

Ein kleines Weihnachtsgeschenk habe ich aber noch:

Meine Bücher kosten ab sofort in ihrer E-Book-Version in allen Online-Shops der Buchhändler nur 99 Cent. Ich selbst verdiene daran nichts. Gebt meiner Literatur bitte eine Chance.

Wenn euch also noch ein Werk aus meinem Buchkatalog fehlt, dann schlagt schnell zu!

 

Das Zeichen des Lebens (5. Brief)

5. Brief: 22. Juni

(geschmiert, kaum leserlich)

Er nickt, nimmt gierig einen Zug von der zwischen Ring- und Zeigefinger gehaltenen Kippe; nickt wieder, brabbelt:

„Das hat er gesagt. Ich glaube …“ Den zitternden Daumen in die Jeanstaschen gesteckt. Zerfurchtes Gesicht. „Übrigens …“ Er wendet sich nach links, zu einem Mädchen, das sich bemüht, ihn nicht zu bemerken. Er betatscht die unwillige am Rücken, ruft dann laut: „Prost!“

Unmut bei der Bedienung: „Das ist ein normales Café. Benimm dich. Die Gäste wollen ihre Ruhe haben.“ Noch ein Zug von der Kippe. Schnelles Kopfschütteln. Trotziges Schuldbewusstsein. Vornüber gebeugter Versuch der Ernüchterung. Fettiges Haar über die Halbglatze gekämmt. Vielleicht fünfundvierzig und schon beinahe tot. Säufer. Schwierigkeiten, das Weißbierglas zu fassen. Leichtes Schwanken, umsehen. Ein langer Schluck. Der Adamsapfel hüpft. Die Tasche des Mädchens fällt fast vom Barhocker. Er macht einen unbeholfenen Versuch, sie aufzustellen und damit alles schlimmer. Das Mädchen stellt die Tasche eilig weg, auf ihre andere Seite. Nach zähem Ringen mit einem Feuerzeug und der inzwischen erloschenen Zigarette, sie wieder zum Qualmen zu bringen, folgt eine gezielt gerade Gang zur Toilette. Kurze Erleichterung der Leute am Tresen und ich kann endlich an meinem Tisch etwas langsamer Schreiben, muss nicht die Handlung in Echtzeit mitstenografieren. Ich habe erneut Tee bestellt – mit Zitrone.

Er kommt wieder. Des Dramas 2. Akt. Er nimmt die Tasche des Mädchens, stellt sie wieder auf den Barhocker neben sich. Stirnrunzeln und Überlegungen des stämmigen Kellners, ob er einschreiten soll. Offenbar hat er bewusst den Platz der Bedienung eingenommen. Der Säufer raucht Roth-Händle. Er kennt viele Arten, sich langsam umzubringen. Er bemüht sich nun um Gespräche mit den leicht abrückenden Leuten neben ihm, versucht vergebens, ihre Aufmerksamkeit für seine Geschichten zu erlangen. Das Mädchen zahlt, geht eilig. Er reicht ihr – vollendeter Kavalier der alten Schule – ihre Tasche.

„Uhrzeit?“ Nicht einmal die wollen sie ihm verraten. Er wendet sich um, wiederholt seine Frage in den Raum. Schweigen.

„Zehn nach zwei“, rufe ich und weiß, dass ich einen Fehler begangen habe. Er fixiert mich, schnappt sich sein fast leeres Glas, kommt zu mir herüber. Jetzt –

(sauber geschrieben)

– abends

Es geht alles immer weiter. Ich lasse den Text, den ich heute Nachmittag geschrieben habe, absichtlich so stehen. Er macht zwar beim Lesen Mühe, aber er beschreibt genau den ersten Eindruck, den ich von dem Säufer hatte. Versteh: Ich habe versucht, sofort zu reagieren, zeitgleich genau das zu erfassen, was sich vor mir am Tresen abspielte, während ich von meinem Tisch aus – wieder war ich im gleichen Café; ich bin dort allmählich ein Stammgast – beobachtend schrieb. Ich hoffe, du kannst meine Schmiererei trotzdem lesen, denn die kurzen, abgehakten Sätze gefallen mir ganz gut. Ich glaube, auf diese Weise könnte ich einen Roman schreiben; ja, das kann ich mir wirklich gut vorstellen. Es macht Spaß und ich habe ja endlos Zeit hier.

Aber die Sache mit dem Säufer ging noch weiter – sehr interessant weiter, übrigens. Er packte sich also sein Weißbier, kam zu mir an den Tisch, setzte sich und begann sich mit mir zu unterhalten. Ich legte meinen Stift zur Seite und versuchte ihn wie ein Diktiergerät zu belauschen. Jetzt – wieder ‚Zuhause‘ – überlege ich schon die ganze Zeit, wie ich diese Begegnung, dieses Gespräch aufs Papier bringen kann. Ich bin zu dem Entschluss gekommen, es mit einem Dialog zu versuchen – weißt du, wie in einem Theaterstück, bei besonders wichtigen Handlungen allerdings mit Regieanweisungen. Ich hoffe, ich habe unsere Worte noch getreu im Kopf. Also:

Säufer: (setzt sich mir gegenüber an den kleinen, runden Tisch – er beugt sich weit nach vorn und stößt ihn dabei beinahe um – im Hintergrund belauscht uns fürsorglich der Kellner) Was?

Ich: Es ist sehr genau zehn Minuten nach zwei.

Säufer: (starrt mich eine Weile verständnislos an, dann nickt er heftig) Hast du eine Zigarette?

Ich: Ich rauche nicht.

Säufer: Recht so, das ist richtig. Ist nicht sehr gesund. (hustet bekräftigend) Aber … was soll man machen? (zieht eine Packung Roth-Händle hervor) Willst du eine?

Ich: Ich rauche nicht.

Säufer: (starrt mich wieder an – Pause) Richtig. Bist du hier häufiger? Ich bin zum ersten Mal da. Ist aber ganz nett, vielleicht zu viele junge Leute. Sonst bin ich immer in einem anderen Lokal. (wendet sich um, deutet unsicher umher) Weißt du, da hinten. Das heißt … (er kneift die Augen zusammen) „Zum Weißen Hahn“, ja, „Zum Weißen Hahn“. (lacht) Aber heute bin ich halt mal hier. Das ist auch ganz nett. Der Durst, weißt du, ich habe es nicht mehr bis zum … „Weißen Hahn“ geschafft.

Ich: Warum erzählst du mir das?

Säufer: Wie?

Ich: Warum erzählst du mir das?

Säufer: Also im „Weißen Hahn“ kostet ein Helles dreizwanzig, hier kostet ein Weißbier vierfünfzig. wenn ich hier zwei Weizen trinke, dann krieg ich dort … also das sind neun, dann krieg ich da hinten fast drei Bier, oder so …

Ich: Wenn du hier zehn Weißbier trinkst, kriegst du dort 14 Helle. (Säufer lacht ungläubig) Allerdings ist Weizen gesünder.

Säufer: … gesünder?

Ich: Ja. Die Hefe macht das aus. Weißt du, ich habe gestern im Radio etwas darüber gehört. In Hefe ist unglaublich viel Vitamin B – oder war es C? Egal. Es ist gesünder.

Säufer: Warum redest du so viel Mist? (er macht eine Kunstpause – ich bin sprachlos) Ja, Mann, willst du mich etwa verarschen? Was bist du für einer? Bist du blöd, oder was? Du bist so komisch.

Ich: Ich kann das verstehen. Ich habe manchmal ähnliche Eindrücke. Da sieht man jemanden, denkt, der sei ganz normal und dann – ganz plötzlich – verändert sich etwas und alles ist seltsam. Ich möchte sagen: verdorben.

Säufer: (rutscht langsam auf seinem Platz hin und her, sieht sich ein paar Mal um) Mann, Mann … (er hat einen Geistesblitz) Du bist aus dem Irrenhaus da oben.

Ich: Ja. (Kellner, der bis jetzt geduldig zugehört hat, sieht auf, kommt näher und der Alkoholiker steht gleichzeitig schwankend auf) Aber was willst du denn. Ich tue doch niemandem etwas. Ich sitze hier und trinke Tee, das ist alles. Komm, du bist doch auch nur ein Säufer. Wo ist da der Unterschied? (Säufer wendet sich ab, torkelt zurück an den Tresen und schüttelt beständig den Kopf – der Kellner beugt sich zu mir herab) Haben Sie gewusst, dass die Neigung von sogenannten Geisteskranken zu Gewalttaten unter zwei Prozent liegt? Das ist exakt so hoch wie bei den sogenannten Gesunden. (Kellner zieht die Mundwinkel nach oben, redet weiter beschwichtigend auf mich ein) Ein Säufer hat Angst vor mir und er ist in Ihrem Café eher geduldet als ich. Das ist doch pervers. Ich bin zwar Psychotiker und mit mir ist manchmal etwas nicht ganz in Ordnung, aber … (wütend) Ich bin fast geheilt! (auch die Stimme des Kellners wird schärfer – immer mehr Gäste sehen zu uns) Okay. Du forderst das heraus. Verdammte Arschlöcher seid ihr alle! (ich werfe Geld auf den Tisch, ab)

Ich könnte lachen: Verstehst du? Ich bekomme Lokalverbot und ein Kainsmal auf die Stirn gebrannt! Wegen nichts! Den Säufer lassen sie Leute anpöbeln.

Ich werde mir ein neues Café suchen müssen.

– Ernst.

Das Zeichen des Lebens (4. Brief)

4. Brief: Mitte Juni

Eine Geschichte:

Er sieht in den Spiegel. Er sucht sich. Es fällt ihm schwer, mit seinem Blick durch die steinharte Hülle aus Selbstbewunderung und Koketterie mit der gespiegelten Person zu dringen, sich selbst zu sehen. Selbst als es ihm gelingt, sind es nur Augenblicke, dann zwingt ihn etwas in sich, zu lächeln, die Wangen einzuziehen, zu zwinkern. Eine Maske fällt vor das Gesicht. Doch auch in den Sekunden der Wahrheit sieht er in die Augen eines Unbekannten, sieht er unvertraute Züge. Er fremdet sich an. Nichts, so glaubt er, ist ihm unähnlicher als sein Spiegelbild. Es ist falsch, Talmi, seitenverkehrt. Wo kann er selbst in dieser verworrenen, vielschichtigen Gestalt finden? Wo in diesem nachdenklich forschenden Gesicht? Sicher, diese Kleidung kennt er. Aber der Körper, der sie ausfüllt …

Das alles ist so anders, als er es fühlt. Und wo in diesem Spiegel ist der Mensch, der er ist? Er sieht nur eine Hülle, eine Form, Zerfließendes – unhaltbar: Nichts, das er greifen, in der Hand halten kann, nichts, das er fühlen, vielleicht auch nur schmecken oder hören, das „He, das bin ich“ sagt. Allein Leere starrt ihm gleichgültig in die Augen.

Bin ich das? Wirklich? Ich …

Er versucht, der Melodie dieses Wortes „Ich“ nachzuspüren. Dann ist es verklungen, aufgesaugt von der Zeit, verloren für ewig. Erneut zwinkert er sich zu und hat ’sich‘ wieder. Gleichgültig will er sich abwenden – das heißt: Er versucht es. Aber dies will ihm nicht gelingen. Ein plötzlicher Schmerz packt ihn an der Schulter, lässt ihn starr stehen. Sein Atem beschleunigt sich. Jetzt ist er schnell, er jagt hechelnd, während er in den Spiegel blickt.

Er merkt, etwas hat sich verändert. Es ist nicht viel. Vielleicht nur der Blickwinkel. Das Sofa, das hinter ihm steht, das er fast mit seinem Körper verdeckt: Es hat sich verwandelt. Es wirkt verzerrt, auf eine geheimnisvolle Weise transparenter, unecht.

Flach.

Da sieht er: Auch seine eigene Reflektion ist anders. Er steht noch immer vor einem Fremden. Das ist es nicht. Es ist eher etwas in den Augen – sie sind verschoben, falsch. Sie schielen nicht und haben auch nicht die falsche Farbe oder Größe. Dennoch, sie sind anders. Auch die Nase: War sie nicht einmal fleischiger, nein, sie war …

Ich weiß doch nicht! Erneut will ich mich abwenden, diesmal voller Abscheu. Es gelingt mir wieder nicht. Diesmal bin ich erstaunt. Auch der Schmerz ist heftiger geworden. Mir ist, als würde ich versuchen, mich in einer Eisernen Jungfrau umzudrehen. Das ist ein seltsamer Schmerz, einem Unwohlsein nicht unähnlich, aber viel heftiger und drängender. Wie eine Unregelmäßigkeit der Wirbelsäule. Vielleicht ist sie verbogen oder die Nerven zu kurz. Vorsichtig versuche ich, meine Hand zu heben, sie nur ein ganz klein wenig nach vorne zu drücken. Ich scheitere schnell. sie rutscht zwar zitternd höher, auf keinen Fall aber nach vorne. Es scheint mir, als tauche sie in zähflüssigen Sirup. Dann wird die Bewegung komplett gebremst. Sie endet und meine Fingerspitzen berühren festes Glas.

Wie eine Chimäre tanzt eine Erkenntnis durch mein überhitztes Gehirn. Ich weiß plötzlich alles, aber ich verstehe es nicht. Ich besitze die Tatsachen, aber nicht ihre Transzendenz. Das ist wie eine fremde Sprache; ein unbekannter Code. Ist das ein Grund der Änderung, was er sieht: Ist das Spiegelbild? Nein. Es ist richtig. Es ist echt. Das heißt, er sieht sich, wie er wirklich ist. Er sieht aus dem Spiegel heraus. Er ist sein eigenes Spiegelbild. Er will schreien, als bereits —

Morgens, nach dem Frühstück

Liebe Christine,

gestern Abend wurde ich von der Schwester unterbrochen. Du weißt ja, ich muss um elf Uhr ins Bett. Dann ist „Hüttenruhe“. Das war grade gestern bedauerlich, denn heute Früh ist alles vorbei. Ich weiß nicht mehr, wie ich die Geschichte, die ich angefangen habe, fortsetzten wollte. Ich habe nicht einmal mehr einen Hauch von einer Ahnung. Ich finde keine Kraft und habe auch keine Lust mehr, an ihr weiter zu schreiben. Im Nachhinein betrachtet, finde ich sie wirklich seltsam. Weißt du, das liegt wahrscheinlich nicht daran, dass ich gar kein Schriftsteller bin. Ich kann jedoch etwas, das ich beginne, nicht mit dem Schwung beenden, den ich am Anfang hatte. In ihm, heißt es doch, liege ein Zauber. Schon nach ein paar Stunden – spätestens am nächsten Tag – ist mir rätselhaft, wozu ich überhaupt eine Geschichte begonnen habe, noch dazu eine, die keine Aussage, keine Kritik oder zumindest Spannung und einen originellen Einfall enthält. Das aber scheint mir doch eine Grundvoraussetzung zu sein. Eine andere Geschichte darf man überhaupt nicht schreiben. Frag mich aber nicht, warum das so ist. Ich bin doch kein Literaturkritiker. Ich habe das hier von einem jungen Mann gehört. Er sagte, das gehöre verboten, aber die heutige Literatur fördere trotzdem nur noch Fluchtgeschichten zu Tage, die – ich zitiere: – ‚die Starallüren des introvertierten Schreibers pervertieren.‘ Der Satz stamme übrigens seinem Essay über einen Roman von … ach, ich weiß den Namen gerade nicht und ich bin zu faul, um aufzustehen und nachzusehen – irgend ein Moderner, Beliebter, der sich früher mal bei der Bachmannpreisverleihung aus Protest mit einer Rasierklinge das Mal auf seiner Stirn aufgeschnitten habe. Kannst du dich an so etwas erinnern? Ich nicht. Wie schnell doch Skandale keine mehr sind! Wenn der das tut, ist es übrigens eine Provokation, mache ich das, das mit der Rasierklinge – was der Herr verhindern möge – dann bin ich wahnsinnig. Das ist der Hauptunterschied zwischen mir und einem exzentrischen Künstler. Wäre ich Schriftsteller oder Maler, dann würde meine Psychose nur ein Merkmal meiner interessanten, tiefen und wahren Persönlichkeit sein. Verrückt? Wie man es nimmt. Es ist eigentlich ganz einfach. Die schwarzen Schafe sind die weißen. Kain ist Abel – und umgekehrt. Egal.

Ich habe versucht, für das Kind Geschenkpapier aufzutreiben und war dazu an einem meiner freien Tage in zwei Schreibwarenhandlungen und in einem Kaufhaus. Aber nirgendwo hatten sie weihnachtliches Papier. Verstehst du, ich habe hier zehn Geschenke herum liegen und finde einfach nicht das richtige, um sie einzupacken – irgendetwas mit Engeln, Christbaumkugeln oder Glocken. Inzwischen habe ich auch begriffen, warum das so ist. Nachdem mich die Verkäufer ansahen, als käme ich vom Mond und mit dem Finger auf mich zeigten, habe auch ich eingesehen, dass gar nicht Vorweihnachtszeit ist. Es ist mitten im Jahr. Auf eine ganz seltsame Weise hatte ich da einen Knacks. Ich war immer der Meinung, es wäre Advent. Ich war erschüttert, als ich meinen Irrtum bemerkte. Wie konnte ich nur so irre gehen? Ich decke mich mit Spielsachen ein und es ist Juni. Seltsam, nicht? Alle außer mir, die Blaukittel, die Schwestern und diese Doktorandin, die neuerdings immer um mich herumschwirrt, haben sich darüber gefreut, dass ich Idiot das endlich kapiert habe.

Diese Frau ist übrigens das letzte. Mit an Hysterie grenzender Munterkeit und schmalztriefender Freundlichkeit behandelt sie mich herablassend, als wäre ich dement oder ein Kleinkind. Ich meine – gut, am Anfang wäre ich wahrscheinlich verhungert, wenn man mich nicht gefüttert hätte. Weil ich das Essen einfach deshalb vergaß, weil ich viel zu viel mit anderen Dingen beschäftigt war. Aber das ist doch lange vorbei, aber sie scheint das noch nicht verstanden zu haben. Sie ist anscheinend der Meinung, ich sein komplett doof und mir wäre auch nicht zu helfen. Sie schreibt irgendeine Arbeit über mich – ich werde mir mal ein Exemplar besorgen, wenn sie fertig ist – aber sie behandelt mich wie den letzten Dreck. Sie redet in Babysprache mit mir, zeigt zu allem gütiges Verständnis und würde mich wahrscheinlich noch ermutigen, wenn ich mir vor ihren Augen einen runterholte. Kurz, das Weibsbild ist widerlich. Ich muss mich aber trotzdem zweimal in der Woche mir ihr ‚unterhalten‘. Am Anfang habe ich mich noch darüber gefreut, weil das eine willkommene Abwechslung war und das Mädchen – verzeih, wenn ich das anspreche – sieht auch ganz passabel aus. Das ist ein Genuss, wenn ich bedenke … Na ja. Auf jeden Fall entpuppten sich die Gespräche mit ihr als eine schlechte psychiatrische Schmierenkomödie. Sie muss ihr Fachwissen aus dem Reader’s Digest beziehen.

Sonst geht es mir wirklich ganz gut. Grüße doch bitte eine Mutter von mir. Ist sie mir noch immer böse. Dann entschuldige dich doch in meinem Namen. Ich hoffe, sie kann mir endlich verzeihen, das ich an Weihnachten so ausgerastet bin. Besuche mich bitte bald.

– Ernst.

Das Zeichen des Lebens (3. Brief)

3. Brief: 27. Mai

Christine,

ich weiß, ich habe dir erst vorgestern geschrieben. Es ist möglich, dass du meinen letzten Brief noch nicht erhalten hast. Aber ich muss dir einfach schon wieder einen neuen senden. Ich halte es im Moment ohne einen Kontakt zu dir kaum aus. Ich sehe und höre dich zwar nicht, aber wenn ich mit Papier und Stift an dem Sekretär im Ruhesaal sitze, ist es doch ein wenig so, als würde ich mit dir reden. Du bist doch der einzige Mensch, der mich diese Qual, die ich erleide, ertragen lässt, diese seltsame Kur in diesem Irrenhaus. Ich weiß, ich darf dieses Wort nicht benutzen: Irrenhaus. Der Blaukittel, der alle meine Briefe liest, wird diese Stelle schwärzen, bevor man meine Mitteilung an dich weiterleitet. Aber ich musste das einfach einmal aufschreiben. Es tut gut: Irrenhaus. Es ist ehrlich: Irrenhaus. Noch passender wäre vielleicht: Irrengefängnis. Irren-KZ, ganz verfehlt ist aber: Erholungsheim, Heilanstalt. Das „Heil“!, das ist so bösartig und sarkastisch wie das Nazimotto am Tor von Dachau.

Glaube mir, niemand ist hier wirklich daran interessiert, mich zu „heilen“ – dadurch ginge ihnen schließlich eine ordentliche Geldquelle verloren. Es ist allen völlig gleichgültig – so nett und aufmerksam und besorgt und hilfsbereit sie auch tun – was mit mir passiert. Hauptsache ich bleibe am Leben und weiterhin schön irre. Und falls einer noch nicht verrückt sein sollte: Hier schaffen sie dich, glaube mir. Die schaffen jeden. Ich habe hier einen jungen Mann kennengelernt, der war am Anfang ganz normal. Offenbar hat er bei einem Tobsuchtsanfall seine Mutter ins Krankenhaus geprügelt, aber das hatte einen guten Grund: Sie hat ihm seine Freundin vergrault. Allein wegen diesem verständlichen Wutanfall ist er hier. Bei der Polizei hat er sich dann auch etwas daneben benommen. Deshalb haben sie ihn hier her gebracht. Nochmal, er war vollkommen normal, als er ankam – so weit es so etwas überhaupt gibt. Es ist doch erstaunlich, wie viele Menschen in unserer Gesellschaft ihr Lebtag normal funktionieren, wenn man bedenkt, wie grausam sie ist. An dem jungen Mann haben sie jedenfalls das volle Programm abgespult und an seinem Verstand herumgepfuscht, weißt schon, ihn mit Drogen stillgelegt und … na ja … Nachdem er eingeliefert wurde, haben wir ein paar Mal gegeneinander Schach gespielt und er hat mich immer nach wenigen Zügen besiegt. Wir haben uns erkannt, wir haben beide das Mal auf der Stirn. Jetzt weiß er nicht einmal mehr, wie das Spiel geht. Er hat vergessen, wie die Figuren ziehen. Es ist schrecklich, barbarisch, was sie mit ihm gemacht haben. Er ist nur noch ein Wrack, debil und körperlich ruiniert. Verstehe, ich habe ihn genau beobachtet. Er kann ein Zittern nicht mehr unterbinden und trägt Windeln, starrt Löcher in die kotzgrüne Wand.

Immer, wenn ich ihn sehe, könnte ich weinen. Ich meine, das gelingt mir nicht, das ist ja klar. Du weißt, ich habe das verlernt. Manchmal spüre ich zwar den Druck, aber …

Aber ich bemerke, dass ich mal wieder viel zu viel von mir selbst rede. Das ist wie eine Sucht bei mir: Es gibt Tage, an denen interessiere ich mich nur für mich selbst. Vielleicht liegt es an den Gesprächen mit dem Blaukittel, in denen reden wir immer über mich.

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Habe ich dir schon unser Erholungsheim beschrieben? Ich glaube schon, dass ich es bereits getan habe, aber ich weiß es nicht mehr. Egal: Das ist eine ausgesprochen großzügige Anlage, die wie ein U einen weiten Park umrahmt, der jetzt trotz der Vorweihnachtszeit voller grüner Bäume steht – keine Koniferen, weißt du, sondern Laubbäume, Eichen, Buchen, Eschen. Ich versuche, diesem Geheimnis auf die Spur zu kommen, aber ich habe bisher keine plausible Erklärung gefunden. Es ist in dem Park auch nicht kalt. Man kann ohne zu Frieren zwischen blühenden Blumen spazieren gehen und im Schatten der Büsche auf den Bänken sitzen: Es muss so um die 20° C haben. Dass die Klimaveränderung hier so krass wirkt, glaube ich nicht. Vielleicht liegt es an dem Heizungssystem der Anlage, wir haben überall Fußbodenheizung. Ich glaube, die Rohre laufen durch den Park, der dadurch wie ein Wintergarten oder besser ein Treibhaus aufgewärmt ist. Allerdings ist über uns keine Glasdachkonstruktion – ich habe das nachgeprüft. Eine Inversionswetterlage möglicherweise. Seltsam, nicht wahr? Du musst dir das bildhaft vorstellen: Es ist Winter und ich sehe, wenn ich aus meinem Fenster in den Park sehe, das üppige Grün einer großen Trauerweide. Ich glaube, das haben sie absichtlich so eingerichtet, um uns irre zu machen.

Die Abteilungen sind hier streng von einander getrennt: Die Internen und die Exis – so nennen wir die Freigänger, zu denen auch ich zähle – die Neurotiker und dann, im „Bunker“: Die schlimmen Fälle. Wer einmal im „Bunker“ ist, kommt nicht mehr zurück. Ich bin auf Station II, aber ich soll verlegt werden. Ich werde auf Psycho I kommen, obwohl ich dem Blaukittel tausendmal erklärt habe, dass ich mir meine Rückenschmerzen nicht einbilde, sondern organische Gründe haben. Gut, der Umzug hat Vorteile, ich werde noch häufiger Ausgang haben. Vielleicht kann ich dich dann sogar an irgend einem Wochenende besuchen.

Das ist auch gleich die wichtigste Neuigkeit, die ich habe. Du siehst: Für mich ist es hier einigermaßen erträglich und mir geht es immer besser. Aber für andere ist hier die Hölle, das reale Gegenstück zu Dantes 7. Kreis, aber durch die Infamie der Hoffnung von ihm unterschieden und deshalb noch entsetzlicher, noch grausamer, als sich das der Dichter ausmalen konnte. Nichts ist schlimmer als enttäuschte Hoffnungen, Vertröstungen auf den nächsten Tag, an dem die erneuten Hoffnungen erneut enttäuscht werden.

Weißt du übrigens, das ich partiell geschäftsunfähig bin? Ein Blaukittel hat es mir erklärt. Ich bin auf der rechtlichen Stufe eines Zwölfjährigen. Oh, selige Jugend, über welche Schleichwege finde ich zu dir zurück? Es ist so, wenn ich mir auf dem Weihnachtsmarkt von meinem wöchentlichen Taschengeld eine Tasse Glühwein kaufen will, darf ich das. Will ich dem Kind allerdings ein Fahrrad zum Fest schenken, brauche ich die Einwilligung meines gerichtlich bestellten Betreuers oder – deine? Bist du jetzt meine Erziehungsberechtigte? Das ist lustig, nicht wahr? Hat aber auch seine Vorteile: Ich könnte mit einer Steinschleuder eine Schaufensterscheibe zertrümmern und du müsstest zahlen. Ich kann die Leute auf der Straße anpöbeln und die Polizisten beleidigen und keiner kann mir was. Ich habe übrigens vor, genau das zu tun; ich habe schon eine Liste von Leuten abgefasst, die ich demnächst beschimpfen, bespucken und beleidigen werde, allen voran die Repräsentanten dieses Scheißstaats, die sich auf unsere Kosten vollfressen und betrügen – aber nicht die Arbeit machen, für die wir sie gewählt haben. Sie haben zwar ein paar wenige Nazigesetze wieder aus dem BGB gestrichen, aber der Rest ist seit der Kaiserzeit unverändert. Unglaublich, nicht wahr? Man könnte mich zum Beispiel gegen meinen Willen in eine Irrenanstalt stecken, ohne mich vorher einem Arzt vorzuführen oder einen Gerichtsbeschluss zu bewirken. Mich wundert, dass es in Deutschland von Nazis und nicht von Kommunisten wimmelt (Hallo, Bernhard).

Niemand will sich mit uns beschäftigen. Man sperrt uns ein, riegelt uns von der ach so normalen Welt da draußen außerhalb des Parks ab und sollten wir tatsächlich einmal aufgrund eines Verfahrensfehlers oder als geheilt entlassen werden – unsere Rehabilitierung ist nicht einmal das Papier wert, auf der sie geschrieben wurde. Sozialisierung bedeutet nur eine langsam schwächer werdende Dosis Neuroleptika.

Wie geht es denn dem Kind? Grüße es von mir, seinem armen, entmündigten Vater, der bald hier heraus kommt – möglichst noch vor Weihnachten. Ich möchte das Fest mit euch feiern. Ich liebe dich und das ist keine Phrase.
-N.

Das Zeichen des Lebens (2. Brief)

2. Brief: 12. Mai

Liebe Christine,

habe ich dir schon erzählt, was mir letztens im Café passiert ist? Du weißt ja, einmal in der Woche habe ich ‚Ausgang‘. Der Weißkittel hat dafür ein klangvolles und elegantes Fremdwort mit der Vorsilbe: ‚Re-‚, aber ich habe es wieder einmal vergessen. Es ist seltsam, mein Gedächtnis lässt mich sonst nicht im Stich, aber ausgerechnet bei diesem Wort ist in meinem Kopf eine Sperre, ein Türsteher, der sagt: ‚Du kommst da nicht rein!‘ Ich kann und kann mir das Wort nicht merken. Ich habe es erst kürzlich auf einen Zettel geschrieben – gleich nach einem Gespräch mit dem Weißkittel – und es mir dann selbst einen ganzen Vormittag vorgeflüstert, immer wieder auf’s Neue. Ich habe versucht, seinem Klang nachzuspüren, seine Stimmung zu verstehen, denn auf eine seltsame Weise bedeutet mir dieses Wort etwas, hat es eine dunkelgrüne, nach Salbei riechende Synästhesie. Aber bereits nach dem Mittagessen war es mir wieder entfallen.

Egal. Auf jeden Fall durfte ich raus – mitten unter der Woche und mit einem Zwanzig-Euro-Schein bewaffnet. Mehr wollte mir der Weißkittel nicht zugestehen, obwohl ich ihn darum gebeten habe. Ich wollte doch ein Weihnachtsgeschenk für den Jungen kaufen; es ist doch bald Weihnachten? Ich habe mir in der kleinen Stadt ein Café gesucht. Hier oben gibt es nicht so viele und die meisten sind von den Touristen und Kurgängern überlaufen. Aus einem haben sie mich auch schnell wieder hinaus komplimentiert. Sie müssen mir angesehen haben, wo ich herkomme. Vielleicht liegt es auch nicht an meiner Kleidung, die mich verrät – ich bin als einziger den winterlichen Temperaturen angemessen angezogen –  sondern an meinem Geruch. Denn die Bedienung hat die Nase gerümpft, als sie mich mit großen Gesten zur Tür hinaus drängte. Das muss an der Wäscherei liegen, mein Anzug riecht immer etwas – wie soll ich sagen: säuerlich? – Nein, anders. Aber, nun, durch diesen Geruch kann man uns von den anderen unterscheiden. Manchmal glaube ich, sie mischen uns absichtlich einen Geruchsstoff ins Waschmittel, das „Achtung, Irre!“ bedeutet.

Aber schließlich habe ich dann doch noch ein Café gefunden, in das ich passte. Es war gerade richtig möbliert, dunkel, mit in der Höhe nach oben versetzten Stühlen und Tischen; gerade an der Grenze zwischen Geschmack und Kitsch in der Ausstattung. Die Bilder an der Wand hätte man tatsächlich als Kunst bezeichnen können, ohne ausgelacht zu werden. Ich meine freilich, so weit ich etwas davon verstehe. Mir haben sie allerdings nicht gefallen. Sie waren recht aufdringlich und viel zu bunt und ich habe mich mit dem Rücken zu ihnen gesetzt. Das heißt, das ‚Sitzen‘ ist mir erst nach einer ganzen Weile gelungen. Ich spürte nämlich mal wieder dieses unangenehme, wie soll ich es nennen: ‚Gefühl?‘; eine Unregelmäßigkeit in der Wirbelsäule, einem Ziehen nicht unähnlich und dabei recht schmerzhaft, weshalb ich sehr aufrecht neben dem Stuhl stehen musste. Hast du ‚Die Buddenbrooks‘ gelesen? Selbstverständlich hast du das, schließlich bist du doch die Leserin von uns beiden. Auf jeden Fall ergeht es mir da wie Christian Buddenbrook, wenn du dich erinnerst. Der hat das Gefühl, auf der linken Seite seien seine Nerven zu kurz. Das ist sein sogenanntes ‚Leiden‘. Nur ist mein ‚Leiden‘ handfest und nicht wie beim Buddenbrook psychosomatisch. Erst als mich der Kellner misstrauisch musterte, gelang es mir, mich doch noch zu setzen. Aber das tat mir schon arg weh! Ich bestellte mir mit ruhiger Miene – nur nicht auffallen! – einen Schwarztee mit Zitrone, keinen Earl-Grey, nein, einen ganz normalen Tee mit einer Zitronenscheibe zum Ausdrücken. Du wirst dich jetzt bestimmt wundern, denn du weißt ja, dass ich Zitronen verabscheue. Ich hätte auch lieber etwas anderes getrunken, aber bevor mir das Richtige einfiel, hatte ich meine Bestellung schon abgegeben. Und weil ich mich beobachtet fühlte, drückte ich brav die saure Scheibe in den Tee und klärte ihn mit einem Löffel. Ich überzuckerte mein Getränk, damit es für mich halbwegs genießbar war. Und ich bemerke, wie ich dich und mich mit Nebensächlichkeiten aufhalte. Das ist ein alter Fehler von mir, aber – verstehe mich recht – ich will dich die Stimmung erleben lassen, die ich hatte, als der Mann sich neben mich setzte.

Es ist manchmal ganz seltsam. Es gibt Leute, die kannst du dein Leben lang betrachten, ohne sie wirklich zu sehen; ich meine, sie bewusst aufzunehmen. Zum Beispiel ist es mir unmöglich, mich des Aussehens oder nur der Haarfarbe der Pflegerin, die mir morgens mein Bett macht, zu erinnern. Da ist einfach ein leeres Loch in meinem Gedächtnis, wo eigentlich ihr Kopf sein sollte. Der Weißkittel hat auch dafür ein Fremdwort, das habe ich mir interessanterweise gemerkt, obwohl es viel schwieriger ist als das andere – ein richtiger Zungenbrecher: ‚Prosopagnosie‚. Sag das mal ohne zu Lachen fünfmal hintereinander! Aber das Gesicht des Mannes, der sich neben mich setzte, vergesse ich nie. Es hat sich in mir – wie soll ich sagen: ‚eingebrannt?‘. Egal, es ist da, hier im Zimmer. Es ist bei mir, während ich den Brief an dich schreibe. Ich kann es sehen und dir beschreiben, während ich auf die weiße Wand blicke. Er war jung, aber noch – nein, ich darf nicht die Vergangenheitsform benutzen. Ich rede ja nicht von einem Toten. Nein. Die Beschreibung von ihm muss anders sein – ungewöhnlich, wortreich, geschwätzig. Sie muss wie er selbst sein.

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Was mir zuerst auffällt, sind seine Hände. Sie zittern. Nicht so, dass es offensichtlich ist, man muss schon genau hinsehen. Vielleicht liegt das an der Länge und an der Grazie seiner Finger, jenes Zittern, weißt du, wie besonders hohe Pappeln in einem Wind schwanken, den außer ihnen niemand zu spüren scheint. Meine eigenen Stummelfinger zittern nie. Ich weiß das, weil ich sie lange beobachtet habe; du glaubst gar nicht, zu was man hier oben im Winter alles Zeit findet. Vielleicht ist der Grund für sein Zittern aber auch, dass er ein starker Raucher ist: Die Fingerspitzen sind gelb vom Nikotin und er leidet unter Entzug, weil hier das Rauchen verboten ist. Dann sehe ich, sein rechter Zeigefinger ist angeknabbert und zwar nur dieser. Eine dünne, dunkelrot entzündete Schorfschicht zeigt, dass ihm nicht zufällig dieser Nagel abgebrochen ist, sondern er sich erst kürzlich betätigt hat. Die anderen Fingernägel sind normal lang, fein zugeschliffen und schön. Keiner der Nägel besitzt allerdings ein Bett, sie schieben sich aus einer klaffenden Lücke unter der Haut. Dieser eine, wie lepröse Nagel ist aber interessant: Auf der einen Seite kaut er nervös an den Fingern, zum anderen hat er die Konzentration und die Willensstärke, es ausschließlich am Zeigefinger zu tun. Er hat ein Buch hervorgezogen, kaum dass er neben mir saß, noch bevor er bestellte. Robert Musil: ‚Zögling Törleß‘. Er sollte lieber den ‚Mann ohne Eigenschaften‘ lesen. Der Kellner spricht ihn an, zweimal, bis er reagiert. Dann haucht eine Gottheit Leben in sein unfertiges Tongesicht, Augen sehen auf, ein Lächeln, das so zögernd kommt, als müsse er erst noch überlegen, wie das geht: zu lächeln, erscheint. Er ist in der Realität angekommen, hat sich die Maske ‚Mensch‘ aufgesetzt.

Er sagt: „Ich möchte, ich will … wissen Sie, jetzt bin ich ehrlich überrascht. Einen Augenblick.“ Unverbindliches, aber bereits leicht angesäuertes, mit den Augen rollendes Lächeln des Kellners. „Etwas besonders vielleicht, ja, einen Saft.“

Kellner: „Einen Orangensaft? Wir haben auch Apfel, Johannisbeere, Maracuja und Birnensaft.“

Er: „Einen Kirschsaft, bitte.“

Kellner: „Wir haben keinen Kirschsaft. Einen Johannisbeersaft vielleicht?“

Er: „Wie? Einen Kirschsaft bitte.“ Hört er schlecht oder – wie ich vermute – grundsätzlich nicht zu, wenn jemand mit ihm spricht?

Kellner (ungeduldig): „Sehen Sie selbst, hier auf der Karte: Orange, Apfel, Johannisbeere, Maracuja und Birne. Gerne auch als Schorle.“

Er: „So, ja. Dann … dann will ich bitte einen Kaffee.“

Kellner: „Eine Tasse oder …?

Er: „Ach, wissen Sie was:  Bringen Sie mir ein Pils.“

Er lächelt noch, als der Kellner sich achselzuckend abwendet, dann rutscht alles Prägende wieder von seinem Gesicht ab wie ein Tropfen von einer Öljacke. Er ist wieder ein hastiger Entwurf, den sein überarbeiteter Schöpfer unfertig zur Seite gelegt hat; schlägt sein Buch auf. Mich – auf dem Stuhl direkt neben ihm – hat er anscheinend noch nicht bemerkt, geschweige denn, als er sich zu mir setzte, gefragt, ob denn Platz sei. Ich sehe mich um. Es sind viele der Tische unbesetzt. Dann beobachte ich seine Kleidung. Er trägt ein tief ausgeschnittenes T-Shirt mit dem schreienden Logo einer Metal-Band, ein paar kärgliche Haare und der Hahnenkamm des Brustbeins sind zu sehen. Wen will er beeindrucken? Sonst: obligate Jeans, langweiliges kurzärmliges Hemd (und das im Dezember!), alles wirkt ein wenig schwul. Sein Haar, es ist kurz, fast militärisch, dunkelblond, leicht fettig und sehr dick. Er sieht kurz auf. Vielleicht ist ihm ein Geräusch zu Ohren gekommen. Er bemerkt, dass ich ihn beobachte und es scheint ihm nicht im Geringsten peinlich. Er lächelt wieder sein verlorenes Lächeln. Dann taucht er wieder in sein Buch, das Lächeln versteint. Er ist nicht einmal neugierig genug, noch einmal aufzusehen, um zu kontrollieren, ob ich ihn noch immer beobachte. Es zuckt in meinen Mundwinkeln, ihn jetzt anzusprechen. Wird er mir besser zuhören, als dem Kellner, der sehr umständlich und langsam vorne an der Theke das bestellte Pils ins Glas laufen lässt und damit noch einige Minuten beschäftigt ist. Ich fühle, da ist eine Seelenverwandtschaft mit dem jungen Kerl neben mir. Er trägt das Mal. Wie lange ist es her? Ich weiß es nicht – so lange. Da – mir gegenüber – ich könnte ihn berühren, sitzt ein Freund aus dem Osten von Eden, aus dem Lande Nod … und ich bin feige. ‚Sprich‘, feuere ich mich an, ’sage etwas, rede! Er wird dich beim ersten Wort erkennen, in seine Arme nehmen und es wird schön sein.‘

Jetzt legt sich ein Druck auf meine Augenlider; sie beginnen zu flackern. Ich spüre: Meine Hand ist feucht. Als ich vorsichtig mit den Fingern nachspüre, ist der Schweiß kalt. Er ist kalt und schmierig. Es ist trotzdem warm in dem Café, es ist allein die Stimmung, die sich verändert hat. Alles ist nun verschoben, alles wankt. Oder bin das etwa ich? Der Kellner sieht immer wieder zu uns: Versteh‘ – ich muss hier raus.

„Zahlen“, rufe ich. Der Kellner nickt, druckt meine Rechnung aus und legt den Papierstreifen auf das Tablett mit dem Pils, das er noch immer nicht fertig gezapft hat. Mein Nachbar sieht endlich wieder auf – er hat den Stimmungsumschwung selbstverständlich bemerkt. Er wendet den Kopf, zielt mit zusammen gekniffenen Augen auf mich. „Ich brauche dein Verständnis nicht. Ich kotze drauf. Ich möchte nur allein sein“, sage ich und wieder: „Zahlen!“.  Kain tut einen Moment so, als sei er erstaunt, aber er kann mich nicht mehr täuschen. Ich werfe ein paar nicht abgezählte Münzen auf den Tisch, rufe etwas – ich weiß nicht mehr, was – es ist nicht wichtig. Dann stemme ich mich gewaltsam in die Höhe. Der Schmerz in der Wirbelsäule ist wieder da. Ich habe ihn nicht überlisten können. Mein Rückgrat, Christian Buddenbrook, mein Leiden.

Ich gehe aufrecht nach draußen und verharre vor der Tür. Ich drehe mich um und sehe, wie mich die beiden drinnen durch die große, erblindete Glasscheibe begaffen. Freilich, sie merken, das etwas nicht mit mir stimmt. Vielleicht haben sie sogar Angst vor mir. Es wäre schön, wenn sie jetzt Angst vor mir hätten. Aber Kain ist ein guter Schauspieler. Ich habe Lust, ihnen die Zunge herauszustrecken.

Na ja, ich war also mal wieder in einem Café und es ist nicht ganz so gelaufen, wie ich es mir vorgestellt habe. Vom restlichen Geld habe ich dem Jungen übrigens ein Lego-Auto gekauft. Du weißt schon, für Weihnachten. Glaubst du, ob er sich darüber freuen wird? Ich habe das kleine Modell zusammengebaut, das hat mir viel Spaß gemacht. Es steht vor mir auf dem Tisch, an dem ich diesen Brief geschrieben habe. Ich werde es dir schicken, nachdem ich mir Geschenkpapier besorgt habe.

-N.

PS Wie geht es dir so, Christine? Dein letzter Brief war seltsam. Mach dir doch bitte keine Sorgen. Man kümmert sich um mich. Mir geht es gut.

 

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