Aber ein Traum …

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Unser Weihnachten, damals … (Teil 4)

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Vor und nach Lukas wurde in den 60ern Hausmusik ge­macht, das heißt, meine Mutter, meine Schwester und auch mein Bruder flöteten(1) oder M. spielte auf dem Ak­kordeon, während die Stegherr-Omi ein aus ihrem Ärmel gefischtes Taschentuch in der Hand zer­knitterte, in das sie still hineinheulte, während sie den in diesem Jahr wieder besonders gelungenen Baum bewunderte. Dazu wurde falsch und nicht allzu textsicher gesungen. In späterer Zeit legte mein Vater dann nur noch seine Weihnachts-Schall­platte auf und vor der Lesung erklang in der Version von Rudolf Schock(2) und den Regensburger Domspatzen »Stil­le Nacht«, danach »Oh, du Fröhliche« (Über diese Rei­henfolge wurde manchmal gestritten). Meist hatte er Proble­me, im schummrigen Kerzenlicht, das der Baum ausstrahl­te, die Nadel des Plattenspielers rich­tig aufzusetzen und es ertönten vor der stillen Nacht mit einem hässlichen Quiet­schen die letzten Takte von Eine Muh, eine Mäh: »Eine Muh, eine Mäh, eine Täterätätä … Ratadschingderatta­bum!«

Der Umbruch von der Live-Hausmusik zum Vinyl ge­schah übrigens während des besinnlichen Teils ei­nes Hl. Abends, als M. sich standhaft weigerte, Musik zu machen, niemand singen wollte und meine Mutter schließlich wü­tend ihre Bibel durch den Raum schleuderte und die Besin­nung in einem monumen­talen Streit gipfelte.

Im Hintergrund M., dann meine Wenigkeit mit schickem Norwegerpulli und rechts die Stegherr-Omi in unserem alten Wohnzimmer in Pfärrle 19.

*

Sie stritten also an Weihnachten, meine Eltern: aus­dauernd, lautstark und bitterböse. Sie zerfleischten sich manchmal gegenseitig in ihrem hektischen Be­mühen, ein gelungenes Familienfest zu feiern. Jeder kannte die Ver­letzbarkeiten des anderen und beson­ders mein Vater hatte ein sicheres Gefühl dafür, was wirklich wehtat und dort stach er mit Vorliebe und ohne Rücksicht auf eigene Verluste hinein.(3) Die Trä­nen meiner Mutter flossen während der Be­scherung und danach reichlich und es waren eben nicht nur Tränen der Rührung über den schönen Baum und die herzzerreißenden Gesänge während der Besinnung, son­dern leider auch oft genug andere, Tränen der Verletzung, der Wut, des Leids.  In meinem Gedächt­nis stritten die bei­den an jedem Weihnachten, Jahr für Jahr für Jahr – aber ich mag mich von meinen Er­innerungen so trügen lassen wie beim Schnee.

Man kann uns also mit Fug und Recht eine dysfunk­tionale Familie nennen, an der jeder Psychologe und Soziologe seine wahre Freude hätte. Jedes von uns Kindern hat aus dieser Familie einige psychische De­formationen und Neu­rosen ins Erwachsenenleben mitgenommen. Doch dabei darf man nicht vergessen, dass sich meine Eltern in jedem Jahr auf Neue gera­dezu verzweifelt darum bemühten, uns ein gelunge­nes und behütetes Weihnachten erleben zu las­sen, uns überhaupt eine glückliche Kindheit zu schen­ken. Es ist ihnen im Großen und Ganzen gelungen. Das war schon damals und – ehrlich gesagt -, auch heute keine Selbstverständlichkeit, wenn ich an die vielen kaputten, ja, traumatisierten Kinder denke, denen ich in meinem Brot­beruf begegne und die so etwas wie eine Familie oder ein Weihnachtsfest nur vom Hörensagen kennen.

Und was die Streitigkeiten meiner Eltern angeht, die ein­mal sogar dazu führten, dass meine Mutter ins Hotel zog, sich einen eigenen Topf kaufte, und wild entschlossen war, sich scheiden zu lassen: Beide le­ben noch; mein Vater noch recht rüstig allein in der Wohnung, die er seit fast vierzig Jahren bewohnt, meine Mutter ist seit acht Jahren vollkommen de­ment und liegt in einem Pflegeheim ganz in seiner Nähe. Sie ist heute 91 Jahre alt gewor­den und längst nur noch ein ausgemergelter, bis auf die Knochen abge­magerter leidender Körper, der, hat er mal die Lider nicht geschlossen, blicklos an die kahle Decke starrt und von Krämpfen gezerrt wird. Die liebende Seele, die ihn einst belebte, ist schon vor Jahren komplett verlo­ren gegangen – der Mensch, der meine Mutter einmal war, ist zwar noch nicht beerdigt, aber schon lange tot. Mein Va­ter besucht sie trotzdem regelmä­ßig, obwohl ihm der Gang den steilen Stephinger Berg hinauf immer schwerer fällt. Dann beugt er sich in ihrem Zimmer zu ihr herab, strei­chelt ihr zärtlich über die Wange und wenn sie dabei tat­sächlich zufäl­lig die Augen öffnet, dann flüstert er:

»Manchmal glaube ich, dass sie mich erkennt …«

*

Bei uns Kindern herrschte nach dem besinnlichen Augen­blick endlich eitle Freude. Wir hatten es ge­schafft, unser Hl. Abend war durch seine schier end­lose Katharsis gegan­gen. Wir rissen die Decken von den Geschenkpaketen und bis man uns ins Bett brachte, spielten wir mit unseren neuen Sachen, klauten dem anderen die Leckereien aus seinem mit Süßigkeiten übervollen »Bunten Teller«. Ich baute an meinen Legos, ließ meine neuen Plastikguss-Cowboys und Indianer(4) ihre ers­ten Abenteuer erleben, blätter­te im neuen Fünf-Freun­de-Buch, ärgerte mich, dass ich wieder keinen Kaufmanns­laden und keine Eisen­bahn bekommen hatte und hatte keine Zeit, mich um die Erwachsenen zu kümmern. Meine Mutter war aber schon wieder bei der Arbeit. Die Ver­wandtschaft, die uns besuch­te, wollte verköstigt wer­den. Diese konsumierte erhebliche Alkoholmengen und kalte Wurst- und Käseplatten, ver­putzte halbe Eier, die mit Mayonnaise und Fake-Kaviar be­legt wa­ren, Fischhap­pen und Schinken, fläzte hemdsärmel­ig und zumin­dest in den 60ern noch kettenrauchend auf den Sofas und Stühlen. Wir Kinder fielen irgend­wann mit rot­glühenden Wangen und vollkommen überdreht vom Spielen in einen unruhigen, fiebern­den Schlaf, die El­tern überfressen und abgefüllt mit Bier, Wein, Sekt und Schnaps.

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(1) Durch die schlechten Erfahrungen haben es meine El­tern gar nicht erst versucht, mich an einem Instrument auszubilden. Zudem galt ich als vollkommen unmusika­lisch.

(2) Es kann auch René Kollo oder ein anderer Heldenten­or gewe­sen sein, da bin ich mir nicht mehr sicher. Ich bin zu faul, meinen Vater zu besuchen und in seiner sehr übersichtlichen Plattensammlung nachzusehen. Über den Ver­such meiner Schwester, doch einmal bei der Besinnung statt Herrn Schock Mahilia Jackson die »Silent Night« singen zu lassen, breite ich den Mantel des Schweigens.

(3) Dabei war sein Herz selbst voller innerer Wundmale, die nur oberflächlich vernarbt waren und sofort wieder aufbrachen, wenn Alkohol im Spiel war. Als 17jähriger Sol­dat der Waffen-SS war er während des Kampfs um Berlin verwundet und für fünf Jahre in russische Kriegsgefan­genschaft gekommen, wo er an jedem Tag um sein Überle­ben kämpfen musste und als kranker, gebrochener Mann zurückkehrte, dem die Nazis sei­ne Jugend und seine Idea­le geraubt hatten.

(4) Auch so beginnen Schriftstellerkarrieren: Im Jahr 1968 be­kam ich eine Cowboy-Postkutsche mit Kutscher und ein paar bösen Indianern geschenkt und ich spielte am 1. Feiertag da­mit auf dem Wohnzimmerteppich. Im Hintergrund lief der Fernseher und von den Nachrichten, die dort liefen, bekam mein Cowboykutscher seinen Namen: Johnson, benannt nach dem damaligen amerikanischen Präsidenten. Mein Johnson erlebte viele, viele Abenteuer und war einige Jah­re später ge­meinsam mit dem tapferen Cheyenne Siosi (der Name beruht auf einem Lesefehler) der Held meiner ers­ten Schreibversu­che.

Unser Weihnachten, damals … (Teil 3)

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Danach ging es endlich mit der Schtrossaboh (Tram) nach Hause. Von der Haltestelle an der Frauentor­straße war es nicht mehr sehr weit bis zum Pfärrle 19, wo wir unter dem Dach gegenüber vom Alten Kautzengässchen wohnten(1). Obwohl sie höchstens drei oder vier Stunden gedauert haben mögen, sind mir diese endlosen Wandernachmittage mit abschlie­ßendem Friedhofsbesuch am Hl. Abend in meiner Er­innerung als die längsten verblieben, die ich je erlebt­e – nicht einmal der Vormittag vor den Sommerfe­rien in der Schule dauerte so lang.  Ich habe diese Nach­mittag grundsätzlich als eisig kalt, düster, grauver-hangen und neblig im Gedächtnis; ob­wohl sicher auch mal die Sonne schien oder Schnee auf der Land­schaft glitzerte. Um mal ein Klischee zu bemühen: Zeit ist durch und durch relativ und vom Empfinden und der Tagesform abhängig. Am Hl. Nachmittag tropfte sie so zäh und feucht aus den niedrigen Wol­ken und dehnte sich so weit aus, dass sie mindestens für zwei Leben auszureichen schien. Der Versuch, uns Kinder auf diese Weise ruhiger zu stellen und gar müde zu machen, ging selbstver­ständlich schief und nach hin­ten los. Je län­ger der Marathon-Lauf durch die pitto­resken Landschaften rund um Augsburg an­dauerte, um so hippeliger, kin­discher und aufgeregter wurden wir.

In der Zwischenzeit hatte meine Mutter, die in Ber­lin auf­gewachsen ist und in einer Art Torschlusspanik in den Sü­den der Republik geheiratet hatte, jedoch den besten Nach­mittag in ihrem Jahreslauf und ihrer verfloss deshalb viel schnel­ler. Die Stegherr-Omi war zu Verwandtschaftsbesuchen und anschließend zum Rosenkranz und zur Kindermesse  gewatschelt(2). Meine Mutter hatte also ihre Ruhe in der sonst so quirligen Wohnung. Sie machte es sich, wie sie es aus­drückte, »besinnlich«, zündete ein paar Kerzen an, trank Tee und genoss ihr Leben. Sie wusste sehr gut, dass dies nur eine kurze Atempause war und danach die übliche Weihnachtskatastrophe folgen würde, die jedes Jahr aufs Neue damit begann, dass sie die Würstchen, die es vor der Bescherung zum schnellen Abendessen gab, zu lang im Topf beließ und oft auch noch mal schnell aufkochen ließ. Deshalb waren sie natürlich alle bis auf die fette Knacker, die sie als Gourmet-Höhepunkt als Curry-Wurst genoss, ge­platzt und nur der Senf konnte ihnen noch etwas Ge­schmack geben. Und unweigerlich war dies der Grund für den ersten Hl. Abend-Streit meiner Eltern, wenn mein Va­ter und wir durchgefroren vom Fried­hof kamen und, nach­dem wir unsere Hände am kal­ten Wasserhahn aufgewärmt hatten, am Esstisch in der Küche Platz nahmen.

*

Ich gehe als typischer Babyboomer, der im längsten und kältesten Schneewinter des 20. Jahrhunderts ge­boren wurde, inzwi­schen mit Siebenmeilenstiefeln auf die 60 zu und gehöre also endlich ebenfalls zu den älte­ren, weißen und »toxischen« Männern, die das Narra­tiv des 21. Jahrhunderts dominieren und jede andere Stimme mit ihrer Wortgewalt, ihrem Rassismus und ihrem misogynen Antifeminismus unterdrü­cken. So behauptet es zumindest das Imago, das heu­te unsere Gesellschaft be­stimmt und sich damit einen recht merkwürdigen Feind zugelegt hat, der aller­dings nur in den Köpfen mancher Leute existiert. Gut so, in die­ser Rolle fühle ich mich wohl und ihr Grund­stein wurde sicherlich an den Hl. Abenden gelegt, bei de­nen ich als Kind das Vergnügen hatte, sie im Krei­se mei­ner kleinbürgerlichen und typisch bundesrepu­blikanischen Familie miterleben zu dürfen. Was dort bei der Bescherung im kleinen – in unserem privaten Mi­krokosmos geschah – war, wenn auch leicht verspä­tet, paradigmatisch für die westdeutsche Gesellschaft Ende der 60er bis in die Mitte der 70er Jahre. Das Zeitgenössische hielt Einzug.

Aber zuerst musste nach den klassischen geplatzten Würstchen mit Kartoffelsalat von uns Kindern abge­spült und abgetrocknet werden, während der Haus­herr im Wohnzimmer die letzten Vorbereitungen zum feierlichen Teil traf und anfangs noch die echten, spä­ter dann die elek­trischen Lichter am Baum entzünde­te. Das musste schnell gehen, denn bald wurden die Eltern meines Vaters und weitere Verwandtschaft zum Weihnachtsabendessen er­wartet und dann musste die Bescherung abgeschlossen sein. Traditio­nell wurde der Höhepunkt des Abends dann von mei­nem Vater mit einem Glöckchen eingeläutet, das wir allerdings meist überhörten. Glück, heißt es, sei die ewige Wiederkehr des ewig Gleichen. Wenn das stimmt, war mein Weihnachten sehr glücklich, denn sein ritualisierter Ablauf änderte sich kaum. Er sah in seinem besinnlichen Teil vor der Bescherung stim­mungsvolle Musik und die Le­sung der Weihnachtsge­schichte vor, die meine Mutter mit ihrer uralten, zer­fletterten Lutherbibel in der Fassung von 1912 unter­nahm. Das war der einzige Moment im Jahr, in dem diese zum Vorschein kam – danach verschwand die Bi­bel wieder für 365 Tage in einem Schrank. Mei­ne Mutter las salbungsvoll und getragen, aber nie­mals fehlerfrei. Sie stolperte immer über die gleiche Stelle, bei der sie ihren Finger anfeuchten und um­blättern musste. Sie begann klassisch mit Lukas 2.1:

Es begab sich aber zu der Zeit, daß ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, daß alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zu der Zeit, da Cyrenius Landpfleger von Syrien war.

… und endete bei 2.20:

Maria aber behielt alle diese Worte und beweg­te sie in ihrem Herzen. Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott um alles, was sie gehört und gesehen hat­ten, wie denn zu ihnen gesagt war.

Obwohl ich wirklich abgelenkt war und während ih­rer Lesung ungeduldig abzuschätzen versuchte, was sich für Geschenke für mich unter dem Tücherhügel unter dem Baum verbargen, kann ich diesen anti­quierten Text noch immer auswendig. Ich hatte als Kind natürlich merkwür­dige Vorstellungen davon, wie eine Schätzung ab­lief; ich stellte sie mir als eine große Waage vor, auf der man gewo­gen wurde. War­um der römische Kaiser sich für das Ge­wicht seiner Untertanen interessierte, war mir aber ein Rätsel. Auch die Worte, die Maria in ihrem Herzen bewegt­e, stellte ich mir wie das Schaukeln vor, mit dem man ei­nen Säugling in den Schlaf wiegt. Auch hier tauchte wie­der das Bild einer Waage auf, was mich doch ziemlich verwirrt­e. Meine Schwester M.(3) hat mir mal erzählt, sie be­mühte sich immer, mich bei der Lesung nicht anzusehen, weil sie sonst einen Lachkrampf be­kommen hätte. Ich muss dabei wirklich wie ein über­fahrener Frosch ausgese­hen haben.

Nikolaus & Nikolaus

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(1) Im Erdgeschoss befand sich eine Bäckerei und es roch im Hausgang immer herrlich nach frischen Brezen und Brot. Unsere Nachbarin, die diesen Geruch nicht ausste­hen konn­te, versprühte deshalb immer Toiletten-Lavendel­duft im Treppenhaus und ich rieche noch heute diese selt­same Mi­schung, wenn ich die Augen schließe und in mei­ner Vorstel­lung zu unserer alten Wohnung emporlaufe. Was haben wir als Kinder diese Frau gehasst! Doch dies ist eine andere Ge­schichte, die ich ein andermal er­zählen werde.

Im Stockwerk unter uns wohnte übrigens der mit mir etwa gleichaltrige Roland Krabbe, der heute als Herr Braun ge­meinsam mit dem unsäglichen Silvano Tuiach der bekanntes­te Augsburger Ka­barettist ist. Ursprünglich wollte er Pfarrer werden, also ei­gentlich ins gleiche Metier. Laut meiner Mut­ter habe ich oft mit ihm gespielt, aber ich kann mich nicht daran erin­nern und ich denke, ihm geht es ebenso.

(2) Das »Watscheln« ist wörtlich zu nehmen, denn sie hat­te die dürrsten und krummsten O-Beine, denen ich jemals außer­halb von Lucky-Luke-Comics in meinem echten Leben begeg­net bin. Je­der Cowboy wäre neidisch auf ihre Schteckerlfias gewesen.

(3) M. ist übrigens kein Pseudonym, um sie vor der Öffentlich­keit zu schützen. So nenne ich meine Schwester eben, die ziemlich genau 9 Jahre älter als ich ist. Früher riefen wir sie meist »Trulle«. Sie musste als die Älteste unter uns Geschwis­tern als erste gegen die fatale Familienaufstellung rebellieren und dies fiel in die unruhi­gen Jahre nach der klassischen 68er-Revolution. Sie hörte Hendrix, verkaufte irgendwann ihr Akkordeon, um eine Stereoanlage zu erwerben und ging auch noch eine Mesalliance mit einem Künstler ein. Mein Vater, der sehr schnell mit har­ten Urteilen bei der Hand war, riss ihr Jimi­Hendrix-Plakat von der Wand, weil er keine »Menschenfres­ser« im Haus dulde­te, teilte Ohrfeigen aus und prophezeite ihr eine Karrie­re als Prostituierte. Mir hat er übrigens später geweis­sagt, ich würde als Müllmann enden. Allein mein Bru­der fand Gnade unter seinen allzu gestrengen Augen. Tat­sächlich war M. bis zu ihrer Pensionierung Förder­lehrerin an einer Augsburger Grundschule und ich, naja, mir muss von Frau Klammerle sehr nachdrücklich befoh­len werden, den Müll vors Haus zu bringen.

Unser Weihnachten, damals … (Teil 2)

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Der Hl. Abend selbst begann mit unbeschreiblichem Grauen vor dem Mittagessen. Die Vorfreude und Auf­regung meiner Geschwister und mir stellte sich erst nach diesem wahrhaften Mahl des Schreckens ein – es war der Stacheldrahtzaun ums Paradies. Denn es gab immer die Innereien des Federviehs, das am 1. Feier­tag mit Knödeln und Blaukraut und – »zur Feier des Tages« – einem Glas halbtrockenen Moselweins ver­zehrt wurde: Das war das so­genannte, in einem Säck­lein mitgelieferte »Gänseklein«, das zusammen mit Hals und Füßen des Tiers so lange zerkocht wurde, bis es eine ekelhafte, gallertartige Masse entstanden war. Bei den Gedan­ken daran wurde uns Kindern schon in den Wochen vorher schlecht. Aber wir wur­den klassisch erzogen – was auf den Tisch kommt, muss auch gegessen werden und wenn es den ganzen Tag dauern sollte So zog sich das Essen ge­fühlt über Stunden hinweg dahin, während unsere Jugend auf diese Weise verschwendet wurde und dieser verfluch­te Teller nicht leerer werden wollte, sondern nur langsam erkalte­te; die graue, durchsichtige Sauce wie auf einem Pudding gelierte und zu einer ungenießba­ren Knöcherlsülze erstarr­te. Während man mit dem Löffel in ihr herumstocherte. und beim des Schlucken die Luft anhielt, schmatzte die Stegherr-Omi neben einem am merkwürdig gebogenen Halsstück, das sie in den Händen hielt. Sie fiezelte, saugte und schleck­te glibbrige Fleischteilchen aus den Knochen und Sehnen und seufzte vor Glück, während ihr dünner Mund vom Fett glänzte. Kein Wunder, dass ich seit meiner Voll­jährigkeit Vegetarier bin.

Was für ein furchtbarer Beginn und in meiner Erin­nerung dauerte er länger als der ganze Rest des Ta­ges, der vor der Bescherung noch mit einer weiteren Qual für die drei bemitleidenswerten Geschwister aufwartete. (1)

Auch jenes grausame, geradezu finsterböse, an eine dun­kelschwarze und blutige Satansmesse erinnernde Mittags­mahl des Hl. Abends, das wie an allen ande­ren Tagen pünktlich um 12:00 Uhr »genossen« wurde, war irgend­wann gegessen und lag tonnenschwer und unverdaulich wie ein Wackerstein im Magen. Danach ruhte der Herr; will sagen, mein Vater genehmigte sich friedlich und satt sei­nen kurzen Mittagsschlaf, auf den er niemals verzichtete und der bei dem heute über Neunzigjährigen den halben Tag andauert. Für seine drei Nachkommen begann nun eine zerdehnte Zeit des Sodbrennens und des Wartens und das Weih­nachtsfieber setzte massiv ein. Diese nervöse, bis zur Bescherung anhaltende und sich langsam in ihren Symptomen steigernde Idiosynkrasie ist, denke ich, noch in keinem medizinischen Fachartikel beschrie­ben worden, aber recht weit verbreitet und epide­misch. Auch meine eigenen Kinder litten zeitweise bis über ihre Adoleszenz hinaus heftigst an ihr. Vor allem Sohn Nr. 2 war regelmäßig am Nachmittag des Hl. Abends schwers­tens am Weihnachtfieber erkrankt.

Bei mir äußerte sich dieses saisonale Fieber mit hef­tiger, motorischer Unruhe – heute würde man eine ADHS dia­gnostizieren -, flauem Darmgrummeln und Durchfall (diese Symptome wurden vielleicht auch durch das »Gänseklein« verursacht). Dazu kam äu­ßerste Gereiztheit, die mit erhöh­ter Temperatur und Schlafmangel gepaart war. Obwohl es keinen Grund dafür gab, wuchs meine exaltierte Aufge­wühltheit mit dem Fortschreiten des Nachmittags in geometri­scher Weise an und wurde, da es höchst viral ist, von meinen gleichfalls am Weihnachtsfieber leidenden Geschwistern noch wechsel­weise verstärkt. Zwar hielten meine Eltern die Wohnzim­mertür den ganzen Tag über verschlossen, aber ich wusste genau, dass es nicht das Christkind war, das die Ge­schenke brachte, sondern meine Mutter, die sie irgend­wann am Nach­mittag aus ihrem schlechten Versteck im Schlafzim­mer der Eltern holte und unter den Baum legte. Wir bekamen nichts vom Christkind geschenkt, sondern et­was zum Christkind. (2) Ich wusste, mir würden  na­hezu alle meine Wünsche, die ich am Ersten Advent auf meinen Wunschzettel gemalt oder gekritzelt hat­te, erfüllt werden, denn wir waren ja – wie bereits er­wähnt – nicht arm und meine Eltern ließen sich gera­de an Weihnachten nicht lumpen. Auch hatte ich nor­malerweise bereits im Vorfeld heimliche Erkundigun­gen eingezogen und bei passender Gelegenheit den Schlafzimmerschrank durchwühlt. Gruschdln nennt man das auf gut Augschburgerisch. Trotz allem litt ich schwerst am »Warten-aufs-Christkind«-Syn­drom.

Nach seinem Mittagsschlaf, der regelmäßig laut­stark von den Streitigkeiten seiner Kinder unterbro­chen wurde, nahm mein Vater das Problem auf seine Weise in die Hand. Seine Kur war eine ausgedehnte, nachmittägliche Wande­rung durch westliche Wälder, nördliche Felder, zum südli­chen Hochablass und quer durch östliche Äcker(3), die ihn und uns Geschwister in seinem Schlepptau schließlich un­fehlbar kurz vor 17:00 Uhr zum Alten Ostfriedhof führte, wo er vor der Aussegnungshalle ein weihnachtliches Blas­konzert der Freiwilligen Feuerwehr anhörte und die Ker­zen am Grab seiner ersten Frau anzündete. Meist traf man hier auch Verwandtschaft, die ihre eigenen Grä­ber besuch­te. (4)

Obwohl wir auch übers Jahr regelmäßig zu festen Terminen wie z. B. an Allerheiligen auf den Friedhof gingen und ich zu den Verstorbenen damals keinerlei Bezug hatte, überwältigte mich dort gerade an Weih­nachten mehr als an den anderen Tagen eine bedrü­ckende, fast beängstigend morbide Stimmung und mich beschäftigte die Frage, ob die Toten dort in der schweren, feuchten Erde so froren wie ich und ob ih­nen auch so langweilig war. Wahrscheinlich waren dies die einzigen Momente in meiner Kindheit, in de­nen ich mich mit meiner Sterblichkeit befasste.

Die Kälte des alten Ostfriedhofs an Weihnachten.

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(1) Physische Gewalt kam übrigens vor, zählte aber eigentlich weniger zu den Erziehungsmethoden meiner Eltern, auch wenn ihnen im­mer wieder einmal die Hand »ausrutschte«. Meist – ich gebe es zu – hatte zumindest ich es auch verdient; wenn ich z. B. mit einem Nahtauftrenner das frisch genähte Kleid meiner Mutter in Lametta zerschnitt (hat Spaß ge­macht!) oder meinen Vater, der mich an einem Sonntagnach­mittag zu einer seiner Wanderungen zwingen wollte, mit dem klassischen Götz-Zitat beschied, denn ich wollte lieber »Bill Bo und sei­ne Bande« von der Augsburger Puppenkiste sehen – was ich dann mit schmerzender Backe auch tat, während er wütend und allein durch die Schwarzen Wälder stapfte. Mei­ne Mutter hat an diesem Nachmittag übrigens zum ersten und einzigen Mal in meinem Leben leckere Bratäpfel ge­macht und ich glaube noch immer, dass es da einen Zusam­menhang gab.

(2) Meine Kindheit und Jugend fand in der tiefsten baye­risch-schwäbischen Provinz statt; man kann sich gar nicht mehr vorstellen, wie stumpf, grau und fade Augsburg, das unter ei­nem spießbürgerlichen Leichentuch erstickte, da­mals war. Dort gab es selbstverständlich keinen Weihnachtsmann oder gar ei­nen Santa Claus, sondern nur das Christuskind und den Niko­laus. Es gab auch keine Rentiere, keine Coca-Cola-Trucks und schon gar kein »Rockin‘ around the christmas tree«, son­dern Ochs und Esel, die Straßenbahn und »Still ruht der See«. Weihnachten war eine ernste Sache, kein Spaß.

(3) Mein verschlossener und extrem schweigsamer Vater war ein Meister darin, bei Wanderungen Abkürzungen zu nehmen, die sich im Nachhinein als gut getarnte Umwege herausstell­ten. »Ist es noch weit?« – »Nein, wir sind gleich da«, war der am häufigsten zu hörende Dialog, den wir mit ihm führten.

(4) Dabei fällt mir eine herrliche Geschichte über meinen längst verstorbenen Onkel Siegfried ein, der der geizigste Mensch war, den ich in meinem Leben kennengelernt habe. Gegen ihn ist Balzacs Vater Goriot ein Verschwender. Er hatte für das Grab seiner Mutter vor Jahren die erheb­liche Anschaf­fung eines Adventskranzes mit vier Kerzen unternommen, die er allerdings nie entzündete, da er den ural­ten, braunen Kranz in jedem Jahr wiederverwendete und nicht jedesmal neue Kerzen kaufen wollte – für ihn, der ernsthaft sein Klopa­pier abzählte, damit niemand zu viel verwendete, wäre das eine ungeheuerliche und sinnlose Geldverschwendung gewe­sen. Als wir schon erwachsen wa­ren,  haben meine Schwester und ich an einem Weih­nachtsabend heimlich doch diese Ker­zen angezündet. Sie brannten in der Hl. Nacht nieder und an­schließend auch gleich noch der ganze staubtrockene Ad­ventskranz und da­nach die Buchsbegrünung und die Erika-Bepflanzung des Grabes. Er hat nie erfahren, dass wir das gewesen waren und auch meine Eltern hielten dicht, als er am 2. Feiertag entsetzt von der Grabschänderei berichtete. Im nächsten Jahr hatte Onkel Siegfried übrigens einen neuen Kranz und Kerzen aus Kunststoff, die nicht brennbar waren (wir haben trotzdem vergeblich versucht, sie anzuzünden).

Unser Weihnachten, damals … (Teil 1)

Ich hatte diesen Text schon im letzten Advent auf meinem Blog. Inzwischen habe ich ihn für mein Buch „Noch einmal daran gedacht“ überarbeitet, erweitert und stelle deshalb in den Wochen bis Weihnachten die aktualisierte Fassung ein.

Unser Weihnachten, damals … – Wahrgelogenes

»Wie das war?«, fragt ihr. »In meiner Kindheit an Weih­nachten?« In erster Linie war es merkwürdig. Inzwischen habe ich ja ein biblisches Alter von bald 60 Jahren erreicht. Für die Nachgeborenen liegen meine Kindheit und Jugend so weit zurück in der Vergangenheit, dass meine Söhne sie sich schwarz­weiß und ärmlich vorstellen, mit Bratäpfeln und Schneeverwehungen bis zum ersten Stock hinauf und einem gestrengen finsteren Nikolaus, dessen Knecht Rupprecht die Rute allzu locker in der Hand sitzt.

Oh, du Fröhliche, als ich noch ein kleiner Bergbauernbub war und in den schwarzen Westlichen Wäldern durch hüfthohen Schnee stapfte …

Strammdeutsches Proto-AfD-Nazi-Weih­nachtsgedöns also mit all seinen Konsequenzen, mit viel Alkohol und La­metta und möglichst wenig Christentum.

Tatsächlich war alles ganz anders – oder zumindest ein bisschen, wenn ich mich denn recht entsinne. Ein wenig Wehmut ist auch dabei, wenn ich heute dar­über schreibe; da bin ich wie Friedrich Nietzsche, der sich heimlich an das Grab sei­nes toten Gottes schleicht, um ein paar verstohlene Tränen zu vergie­ßen. Wahr ist sicherlich, dass mich die Weihnach­ten meiner Kindheit geprägt und einige von ihnen auch nachhaltig traumatisiert haben und ich sie während der Adventszeit zu gleichen Teilen fürchtete und her­beisehnte. Natürlich war wenigstens in meinen Erin­nerungen früher viel mehr Schnee, Kälte (und Lamet­ta) und der Schnee lag von Anfang November bis in den März hinein als geschlos­sene Decke auf der Stadt und dem Umland. Wir gingen je­den Tag nach der Schule zur Lueginsland-Festung hinüber, um dort mit unseren Schlitten den Hang an der alten Stadt­mauer hinunterzurutschen. Damals war sogar des­halb die Thommstraße unterhalb des Schlittenbergs für Autos gesperrt – und das mitten in der Stadt. Aber Erinne­rung ist trügerisch. Auch in den späten 60er und den 70er Jahren gab es weihnachtliche Wärme­perioden und Tau­wetter. Es blühten vorzeitig die Schneeglöckchen und die Krokusse und der Hl. Abend war nur selten weiß. Schnee, der für einen Sechsjäh­rigen hüfthoch liegt, geht Erwachsenen gerademal bis zum Knie und in all den Jah­ren lag höchstens vier-, bis fünfmal genug Schnee zum Ro­deln. Wenn man diese Wetter allerdings mit dem klimakatastro­phalen Heute vergleicht, waren die Winter meiner Ju­gend eisig, hartnäckig, gewaltig und so endlos wie die verregneten und kalten Sommer.

Ich habe mich etwas schlauer gemacht; das Internet macht es möglich. In den Jahren zwi­schen 1968 und 1980, aus denen ich meine Weih­nachtserinnerungen für diesen Text geschöpft und sie zu einem beispiel­haften Hl. Abend zusammengebas­telt habe, hat es in Augs­burg immerhin vier weiße Weihnachten gegeben – nämlich ’70, ’73, ’75 und ’76. Das sind immerhin doppelt so viele wie es sie seit der Jahrtausendwende gab, wo nur in den Jah­ren 2001 und 2010 Schnee lag. In diesem Jahr hat es geregnet. (Und für alle, die noch immer nicht an einen Klima­wandel glauben: Zwischen 1960 und 1970 gab es so­gar sieben Jahre, in denen es an Weihnach­ten schneite.) Aber genug von der Statistik und zurück zu dem kleinen, dickli­chen Jungen, der nun so kurz vor dem Höhe­punkt seines Jahres vor Aufregung zittert und der nur noch das kurze Fegefeuer des besinnli­chen Teils des Hl. Abends vor sich hat, bis er endlich ins Para­dies ein­treten kann und mit seinen neuen Legos und sei­nen Cowboy-Mänschgerle (Männer; die Geschichte findet im Schwabenland statt) spielen darf.

Obwohl also die Erinnerungslücken und die nach­träglichen Korrekturen der Einbildungskraft so groß wie der Christbaum auf dem Rathausplatz sind, will ich doch versuchen, einen archetypischen, paradig­matischen 24. Dezember aus meiner Kindheit zu be­schreiben. Die Familie bestand aus sechs Personen und würde 2018 wahrscheinlich zum Prekariat ge­zählt; damals konnten wir problemlos vom Angestell­tengehalt meines Vaters leben und gehörten zur klas­sischen bürgerlichen Schicht; jener heutzutage so häufig beschwo­renen Mitte, die in unserer Gesell­schaft im 21. Jahrhundert verloren geht: Dies waren meine Eltern, meine beiden fünf und zehn Jahre älte­ren Geschwister und – als eine Art Hausmädchen und Queen-Mom zugleich – die Mutter der ersten, bei der Ge­burt meines Bruders verstorbenen Frau mei­nes Vaters, die »Stegherr«-Omi. Das war ein resolutes und zähes höchst katholisches kleines Energiebün­del (1), die uns mehr erzog und sich um uns Kinder kümmerte als meine vor ihrer Dominanz kapitulie­renden Mutter und vor deren Teppichklopfer wir oft unter die Küchenbank fliehen mussten.


Ich darf vorstellen: Meine Geschwister, meine Mutter und die Stegherr-Omi.

Das Vorspiel zum Hl. Abend war in aller Regel kata­strophal: Mein Vater hatte oft schon am Ersten Ad­vent irgendwo ei­nen billigen Weihnachtsbaum erwor­ben oder aus eine ob­skuren Quelle bezogen. Das wa­ren damals selbstverständ­lich keine widerstandsfähi­gen Nordmanntannen, sondern anämische Fichten und es ge­lang ihm deshalb nur selten, den Baum am 23. Dezember vom Lagerkeller in den vierten Stock zu tragen, ohne dass dieser unterwegs im Treppen­haus die Hälfte seiner Nadeln verlor. Oder, was min­destens zweimal geschehen ist, alle. Dann flog der Baum mit Flüchen begleitet vom Küchenbal­kon aus hinunter in den hinteren Hof. Meist musste mein Va­ter also noch ein­mal im Wettrennen mit den Öff­nungszeiten los und sich einen neuen Baum besor­gen, der dann krumm, ungleich­mäßig gewachsen und windschief war – und immer zu groß. Folglich wurde er mit Zange, Baumsä­ge und Bohrer bearbeitet, gekürzt, dort ein Ast abgesägt und hier ei­ner in einer Lücke hinzugefügt. Nachdem mein Vater dieses Werk vollendet hatte und der Baum dabei schon wieder tüchtig Nadeln verlor, war er meist noch hässlicher als vorher. Aber nun wurde er ja ge­schmückt und dies war allein das Vorrecht meines Vaters. Mit einer Flasche Asbach Uralt schloss er sich vor unseren neugierigen Blicken im Wohn­zimmer ein. Aus der gewaltigen übers Jahr in den Keller verbann­ten Weihnachtspappkiste kramte er viel Lamet­ta, Kugeln, Engelsfiguren, Wachsmo­deln, echte Kerzen, in späteren Jahren auch eine Lichter­kette und »schmückte« in stundenlanger Arbeit. Als dann der Baum endlich fertig aufgeputzt war, war der Wein­brand leer, er lag neben der Krippe unter dem nied­rigsten Astkranz, sang Weihnachts­lieder und zumin­dest in seinen Augen erstrahlte der herr­lichste Baum aller Weihnachten in feierlichem Glanze. (Meine Mut­ter würde dann später alles noch einmal um- und die ärgsten Geschmacklosigkei­ten abhängen.)

 

Unser Baum in all seiner Scheußlichkeit

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(1) Zu meinem Erschrecken stelle ich gerade fest, dass diese 1903 geborene Frau, die mir so greisenhaft erschien, Ende der 60er gar nicht mal so viel älter war, als ich es heute bin.

Bei den Großeltern (Ein Roman-Fragment) – Teil 3

Ein weiterer Ausschnitt aus meinem demnächst erscheinenden Buch „Noch einmal daran gedacht“.

Bei den Großeltern

4. Die Jarmulke

Mit Beginn der Sommerferien 1977 war ich endgültig in der Schule gescheitert. Nachdem ich bereits die 6. Klasse wiederholt hatte, endete nun meine Karriere im Gymnasi­um mit vier Fünfern und zwei Sechsern und der eindeuti­gen Empfehlung der Lehrerkonferenz, mich zurück in die Hauptschule zu befördern, da ich – allgemeiner Tenor – für eine weiterführende Schule zu dumm war. Meine Eltern hielten mich weniger für dumm als vielmehr für faul und meldeten mich in einer Realschule an, die ich dann ab dem Schuljahr 77/78 besuchte. Dort änderte sich meine Lebens­situation völlig. Ich war plötzlich der Älteste in der Klasse und war dadurch als unverhofftes Alpha-Tier auf den Pos­ten des Klassensprechers abonniert. Ich blieb zwar weiter­hin lernunwillig – zumindest was den Schulstoff anging, – erreichte jetzt aber ohne mich für schulische Angelegenhei­ten zu interessieren durchschnittliche Noten und war nie in Gefahr, das Klassenziel nicht zu erreichen. Und das wichtigste: Ich hatte plötzlich Freunde.

Das war in den Ferienmonaten bei meinen Berliner Groß­eltern alles noch nicht absehbar. Zu ihnen kam ein geschei­terter, einsamer Pubertierender, dessen Faulheit und des­sen soziopathisches, an Autismus grenzendes Verhalten man heute als die Träumer-Variante von ADS diagnostizie­ren und mit starken Ritalindosen korrigieren würde. Unter den Symptomen meines Aufmerksamkeitsdefizits leide ich noch heute und zu meinem Bedauern habe ich es auch mei­nen Kindern vererbt.

Ich war also vierzehn Jahre alt, als ich endgültig im Gym­nasium scheiterte und meine Mutter mich zu ihrer Erleich­terung über die Sommerferien nach Berlin abschob. Auch wenn ich natürlich ein völlig anderes Bild von mir hatte, war ich wie viele leidgeprüfte Jugendliche in diesem Alter: stark pubertierend, picklig und dick. Voller moralischer Bedenken der eigenen Sexualität nachforschend, verlebte ich damals meine Tage in einem Heldentraum, in dem sich meine wuchernde Phantasie und mein wundes Selbstver­trauen in einer faschistoiden, von Fernsehen und Heftro­manen geprägten Vorstellungswelt ein Ventil suchten. Ob­gleich ich nur ein mageres Œuvre an Wildwest- und Sci­ence-Fiction-Geschichten zustande gebracht hatte, die zu­dem mangels Fleiß und Konzept stets unvollendet blieben, hielt ich mich doch für einen früh gereiften, genialen Schriftsteller, dessen Entdeckung durch ein begeistertes Publikum längst überfällig war.

Nur wenige Zeit zuvor war ich allerdings noch ganz Kind gewesen. Der Wechsel fand in den wenigen Wochen zwi­schen Ostern und dem Sommer statt. Aus einem mit dem Vater verbrachten Ägyptenurlaub in den Osterferien hatte ich mir eine gestrickte, auffällig gefärbte Fellachenkappe mitgebracht, die ich auf Lord Kitcheners Nilinsel zum Spottpreis von einer Mark erworben hatte. Sie wurde mir das zugleich unnützeste und dabei wichtigste Kleidungs­stück, das ich je besessen habe. Vorher hatte ich der Sonne wegen eine Schirmmütze getragen, die ich als treuer Leser von der Comic-Zeitschrift ZACK geschenkt bekommen hat­te und an ein um Bakschisch bettelndes Kind weitergab. Wenn ich Fotos von diesem Ägyptenaufenthalt, auf denen ich mit dem Basecap zu sehen bin, mit einer Aufnahme vergleiche, die nur sechs Wochen später bei einem Jugend­lageraufenthalt in Österreich gemacht wurde und auf der ich jene orientalische Kappe trage, die an die »Jarmulke« eines gläubigen Juden erinnert, dann ist deutlich der Sprung vom Kind zum pubertierenden Jugendlichen zu er­kennen. In meiner Erinnerung liegen die beiden Ereignisse auch weiter auseinander, als sie es tatsächlich sind; es ist eine Kluft zwischen ihnen, die breiter als nur sechs Wo­chen ist.

Was war der auslösende Effekt, der mich so genau den Beginn meiner Pubertät datieren lässt? War es der mich überwältigende Eindruck der fremdartigen Kultur, der mich fassungslos machte und mich dabei mit einem Elend konfrontierte, das ich nie geahnt noch gar gesehen hatte und dessen Bilder ich mir auch heute noch deutlich vor Augen rufen kann? Oder war es nur das Scheitern am Gymnasium, denn die­ses Ereignis war der erste Bruch, den mein Selbstbewusst­sein erleben musste? Nun, die Schale »Kind« platzte plötz­lich auf und aus dem Ei kroch ein Pubertierender, der die ersten Züge meiner heutigen Persönlichkeit entwickelte. Aus einem Grund, den ich nicht genau entschlüsseln kann, war mir die Kappe, die ich praktisch nur zum Schlafenge­hen ablegte, bei meinen ersten unsicheren Schritten Stütze und Halt; unter ihr fühlte ich mich geborgen, be-»hütet«. Gleichaltrige Bekannte bemerkten den Fetischcharakter dieses Kleidungsstückes schnell und es war oft das Ziel von Spott und Diebstahl. Ich litt unter den Grausamkeiten, aber die Kappe wurde mir dadurch noch heiliger.

Auch bei meinen Freunden in der katholischen Jugend­gruppe, den einzigen, die ich damals besaß, endete die Kindheit. Bei den Weiterentwickelten, oder, besser formu­liert, den Attraktiveren, gab es erste Verwirrungen mit dem anderen Geschlecht. Als zwei meiner Freunde um das gleiche Mädchen buhlten, baute ich diese Geschichte in meinen Heldenträumen aus, verschärfte den Konflikt und stellte mich in Erzählungen als unglücklich zerrissen in die Mitte der in Wahrheit nicht existierenden dramati­schen Handlung. Es war also nur mein literarisches Inter­esse geweckt und kein Mitfühlen mit den Nöten der Ver­liebten. Mein schönster Traum war es übrigens, dass sich jenes Mädchen zu mir hingezogen fühlte.

Zusammenfassend: Zu den Großeltern nach Berlin kam in jenem Sommer erstmals kein Kind mehr.

Der Sonntag war im Haus der Großeltern ein großes Ereig­nis; obwohl auch er feste Regeln besaß, waren doch die sei­nen vom Gleichlauf der anderen Tage unterschieden. Es wurde morgens länger geschlafen. Trotzdem war ich müde: In den Räumen, die ich im ersten Stock des Hauses für mich allein bewohnte, stand ein ausgemusterter, aber funktionstüchtiger Schwarzweiß-Fernseher stand und das Samstagabendprogramm war das interessanteste und längste der Woche. Mir hatten es vor allem die beiden Ost­kanäle angetan, die wir zuhause nicht empfangen konnten und in denen ich ganz erstaunliche Dinge zu sehen bekam. Zudem hatte das Ostfernsehen den Reiz des Verbotenen, da die Großeltern befürchteten, mein junger, formbarer Geist würde vom »schwarzen Kanal« beeinflusst. Diese Sorge war allerdings unbegründet, da ich Western und Kri­mis und nicht politische Bildung suchte.

In der Nacht zu jenem Sonntag, über den ich nun schrei­ben werde, den 23. August 1977, hatte ich einen im »Zwölf-Uhr-Mittags«-Stil gedrehten Film mit Kirk Douglas und Anthony Quinn gesehen, der mir noch Jahre als atembe­raubend spannend in der Erinnerung blieb und mich da­mals lange am Einschlafen hinderte. Beim späteren Wie­dersehen des Westerns war er einer von vielen; am er­staunlichsten war noch, dass die mich damals so sehr be­eindruckenden Schwarzweißbilder in Wirklichkeit farbig sind; diese Entdeckung hatte etwas von der Erkenntnis, dass es außer mir keinen Nikolaus gibt.

Jener Sonntag, dessen Frühstück ich schlaftrunken über mich ergehen ließ, war ein ganz besonderer: Zum Kaffee am Nachmittag wurden spezielle Gäste erwartet, nämlich ein erst am Wochenende zuvor aus der DDR geflüchteter Verwandter, ein Arzt der Ostberliner Charité, der mit Frau und zu diesem Zwecke betäubten Kleinkindern für viel Geld im Kofferraum des Wagens eines Diplomaten Repu­blikflucht begangen hatte. Der Arzt hatte sich für seine Flucht ausgerechnet einen Abend gewählt, an dem meine Großeltern mit einer Tante in den Osten der Stadt gefah­ren waren, um andere Verwandte zu besuchen. Ich war al­lein im Haus geblieben und erwartete sie gegen zehn Uhr wieder zurück. Da jedoch die Flucht vor ihrer Heimkehr bekannt wurde, hielten sie die DDR-Zöllner am Kontroll­punkt auf, ließen sie ohne Angabe von Gründen mehrere Stunden im Auto sitzen, bis sie sie dann doch fahren lie­ßen.

Nun, nach einer Woche hatte sich die meiste Aufregung ge­legt und die vergrößerte Familie wurde zum Nachmittag erwartet. Ich war fest entschlossen, einen Kriminalroman über »Republikflüchtige« zu schreiben, den ich »Das Loch in der Mauer« nennen wollte. Beim Frühstück fragte mich die Großmutter, wer denn »Elvis Presley« sei, sie hatte beim Friseur gelesen, dass er in der vorigen Woche verstor­ben wäre. Ich hatte zwar von ihm gehört, konnte aber auch keine nähere Auskunft geben, denn ich stand mit zeitge­nössischen Musikern und deren Klängen damals fast eben­so sehr auf Kriegsfuß wie meine Großmutter selbst; aus meinem Kassettenrecorder ertönten stundenlang die An­fangstakte von Tschaikowskijs b-moll-Klavierkonzert. Das war so ziemlich die einzige Art von Musik, die mir gefiel. Ein paar Jahre später blamierte ich mich noch, als eines Mor­gens ein betroffener Klassenkamerad mit atemloser Stim­me berichtete, dass man in der Nacht John Lennon ermor­det habe und ich ihn erst fragen musste, wer das denn sei.

Was ich den weiteren Vormittag gemacht habe, ist nicht mehr in meiner Erinnerung, ich weiß nur noch, das Wetter an diesem Tag war unbeständig und die Großmutter be­schloss, das nachmittägliche Kaffeetrinken im Hause statt­finden zu lassen. Wahrscheinlich habe ich gelesen, aber nicht Literatur, sondern ein ZACK-Heft, das gerade Girauds großartige Graphic-Novel „Blueberry“ abdruckte. Einer der Räume des ersten Stocks glich ein wenig einer Schiffskabine, er hatte ein kleines Fenster und seltsamer­weise war die Decke zur Wand hin auf zwei Seiten stark abgerundet. Das war mein Lesezimmer, wenn das Wetter mich daran hinderte, im Garten sitzen zu können. Hier wartete ich am frühen Nachmittag, sah aus dem Fenster auf die kleine Straße, einer im tatsächlichen Sinne des Wortes Sackgasse mit nur fünf Häusern im Rund und hielt nach den Autos der Besucher Ausschau. Als ich sie endlich eintreffen sah, schlüpfte ich in meine Schuhe, stürzte atemlos die ersten Stufen der steilen Treppe hinab, kehrte noch einmal um, weil ich meine „Jarmulke“ vergessen hat­te. Niemand sollte mich ohne dieses Kleidungsstück sehen, das mir wie ein Ausrufezeichen hinter meinen besten Cha­raktereigenschaften war. Bereits in ein Gespräch mit mei­ner Cousine vertieft, kehrte ich kurze Zeit später knapp hinter den anderen Verwandten ins Haus zurück und trat ins Wohnzimmer, das bereits für den Nachmittagskaffee gedeckt war. Die Großmutter werkelte in der Küche, vom Großvater war nichts zu sehen.

Plötzlich spürte ich eine feste, energische Hand auf mei­nem Kopf, die mir meine Kappe mitsamt ein paar Haarbü­scheln herunter riss. Aufschreiend wand ich mich herum. Halb erwartete ich, dass mein kleiner Cousin mir wieder einen Streich gespielt hatte. Aber diesmal war er unschul­dig. Er saß draußen im Regen auf der Schaukel. Auch mei­ne Cousine und die andere Verwandtschaft drehten er­staunt den Kopf. Mein Großvater stand hinter mir. Er war ein wenig kleiner als ich, aber in diesem Moment eine be­eindruckende Erscheinung. Seine Hand, die Hand eines Schlossers, hielt er fest um die Kappe geklammert. Er fun­kelte mich böse an, dann wurden seine Augen milder.

„Wir tragen im Haus keine Mützen. Das ist hier Tradition“, sagte er und steckte die Kappe ohne einen weiteren Kom­mentar in seine weite Hose. Er lächelte und verließ den Raum. Ich hatte kein Verhaltensrepertoire, rieb mir den schmerzenden Kopf und schämte mich. Meine Cousine ki­cherte. Ich suchte nach einem Mauseloch, in dem ich mich verkriechen konnte und flüchtete in den Garten. Lieber wollte ich nass werden, als mich hier weiter anstarren zu lassen. Ich hörte, wie hinter mir gelacht und gesprochen wurde.

Ich hatte diese Kappe bereits seit drei Wochen vor den Au­gen meines Großvaters in seinem Haus getragen und er hatte sie nie seiner Beachtung für Wert befunden. Woher kam also plötzlich diese Überreaktion, wenn es überhaupt eine war? Warum demütigte er mich vor der Verwandt­schaft und dem Mädchen, das ich beeindrucken wollte? Weshalb wählte er exakt diesen Moment, an dem ich mich am sichersten fühlte – war das Gedankenlosigkeit oder ein Plan?

Die Mütze hat er mir übrigens nicht wieder zurückgegeben und ich habe mich nie getraut, ihn nach ihr zu fragen. Sie tauchte nie wieder auf. Ich habe sie auch nicht gefunden, als wir das Haus nach seinem Tod ausräumten.

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