Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

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Wochenlese 14. Juli – 20. Juli 2014

I. Sommerlektüren

In Bayern und BW stehen die Sommerferien ins Haus, in den anderen Bundesländern haben sie bereits begonnen. Unis stehen leer, Autoschlangen auf der Brennerautobahn und Touristen in der Mittagshitze vor bemerkenswerter Architektur. Sogar die Politiker machen Urlaub (es sei denn, sie machen gerade Krieg).

Grund genug für jede Zeitung oder Zeitschrift, ihren von der vielen Freizeit überforderten und gelangweilt am Baggersee in der Sonne flätzenden Lesern ein paar Literaturvorschläge an die Hand zu geben, damit sie diese Zeit  überstehen. Unter dem klassischen Motto „Endlich Zeit fürs Lesen“ werden eher leichte Lektüren empfohlen, um die langen, beschäftigungslosen Stunden, die solche freien Tage eben mit sich bringen, einigermaßen sinnvoll zu füllen.

Ich finde diese Argumentation etwas zweifelhaft. Wenn mir Lesen wichtig ist, ist immer Zeit für diese Tätigkeit da. Man muss sie sich nur nehmen. Das ist eine Frage der Präferenzen. Wahrscheinlich geht es aber vielen wie mir in den Sommermonaten: Sie sind mehr Körper und Geist und für anspruchsvolle Literaturen in den langen Sommertagen eher weniger zu begeistern, denn die Hitze macht träge und denkfaul. Geistige Höhenflüge passen besser zum „Bücherherbst“ und auf die Buchempfehlungen zu Weihnachten. Deshalb will ich mich anschließen und in der nächsten Zeit eher leichtere Lektüreempfehlungen aussprechen, die mir perfekt in diesen Sommer zu passen scheinen. Den Anfang macht

Leonardo Padura, Ketzer, Unionsverlag 2014.

Padura (*1955, Havanna) ist allein schon deswegen interessant, weil er ein kubanischer Autor ist, der zwar heimatstolze, aber durchaus kritische Bücher schreibt, in denen man viel über Land und Leute, aber auch über die kubanische Küche und ihre Vorliebe für schwarze Bohnen lernen kann[1]. Seine Werke werden zudem von Roman zu Roman besser (und dicker). Mit seinem alter ego Mario Conte hat Padura zudem einen sympathischen Serienhelden geschaffen, den  man gerne auf seinen Abenteuern begleitet. So sind die ersten vier Mario-Conte-Romane („Das Havanna-Quartett„) noch klassische, ein wenig zu schwitzige, an ihren Vorbildern klebende Kriminalromane, die dem Film noir und den hardboiled-Helden eines Dashiell Hammett oder eines Ross Macdonald verpflichtet sind, aber  auch noch einigen Ballast von den gebrochenen Helden eines Hemingway mit sich herumschleppen. Den lange Jahre in Kuba lebenden Amerikaner hat Padura übrigens in einem weiteren Conte-Roman in die Handlung eingebaut (programmatischer Titel: „Adiós Hemingway„). Conte ist neben Håkan Nessers Ermittler Van Veeteren übrigens der zweite feingeistige Kommissar, der seinen Polizeiberuf nicht mehr erträgt und in den späteren Romanen als Antiquariatsbuchhändler auftritt. Die beiden letzten recht umfangreichen Mario-Conte-Romane sind Geschichtsstunde, moralphilosophische Lektion und spannende Krimilektüre in einem: „Der Nebel von gestern“ und die hier noch einmal nachdrücklich empfohlenen „Ketzer„. Aufhänger des Buches ist die verwickelte Suche nach einem verschollenen Rembrandgemälde. Die vielfältig und sorgsam verschlungenen Handlungspfade führen uns aus den Lebzeiten des berühmten Barockmalers über das  jüdische Leben im Kuba der 40’er und 50’er Jahre ins Heute. Nicht zuletzt ist diese Familiengeschichte mit Kriminalhandlung eine Meditation über Religion und Tradition, über die Weitergabe von Schuld und Sühne über Generationen hinweg. „Ketzer“ ist eine ideale Sommerlektüre, wenn einem die übliche Krimikost zu banal und Dostojewskij gerade zu anstrengend und zu wenig „Samba“ ist.

Pedura

II. Veröffentlichungen

Da ich meinen Jahresurlaub schon zu Pfingsten genoss und über den August fleißig an meinen Texten weiterarbeiten und hier bloggen will, ein kurzer Überblick über meine Projekte in der kommenden Zeit. Mit dem „Abdruck“ des 4. Kapitels von „Aber ein Traum“ habe ich bereits begonnen. Demnächst wird zusätzlich das komplette 3. Kapitel hier als E-Book zum Download bereitstehen. Auch „Brautschau“ setze ich fort. Nach dem „Prolog“ folgt „Ein Zwischenspiel“, dann geht es mit dem 7. Kapitel weiter. Den „Prolog“ und die Kapitel 1 – 6 werden hier demnächst ebenfalls gemeinsam als nochmals überarbeitetes E-Book zu finden sein. Das sind dann etwa 250 Buchseiten, also ebenfalls eine umfangreiche Sommerlektüre.

Morgen starte ich die Erzählung „Stromausfall“, ebenfalls basierend auf einem Gemälde meines Freundes Bernd Wurzer. Es ist keine leichte Lektüre, sondern ein komplexer, gerade im Einstieg auch sperriger Text, der wie eine mathematische Beweisführung angelegt ist, auf jegliche Arabesken und meine übliche „ausufernde“ Erzählweise verzichtet. Zudem hat die Erzählung eine weibliche Hauptfigur und mir ist schon mehrmals vorgeworfen worden, ich könne mich nur unzureichend in Frauen eindenken. Mit „Stromausfall“ führe ich übrigens einen Erzähler ein, wie er meines Wissens in der Literatur noch nicht vorgekommen ist. Es ist ein gewagtes Experiment, diesen Text zu bloggen. Ich bin gespannt, ob es überhaupt jemanden unter meinen wenigen Lesern gibt, der mir auf dem Handlungspfad dieser Geschichte folgen will und sich gar dazu äußert…

Hier noch das Bild zum Text, wieder eine geniale Arbeit von Bernd:

Stromausfall

Bernhard Wurzer, Gewitterstimmung im Allgäu – Öl auf Leinwand, 1986

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[1] Egal, wie grausig die Morde und wie gefährlich die Recherchen sind: Der moderne Ermittler ist ein Gourmet, der auch gerne selbst mal den Kochlöffel schwingt und den Leser an den Rezepten teilhaben lässt. Wenn die erste Riege der zeitgenössischen Ermittler, z. B. die Comissarios Brunetti und Montalbano, der Chef de Police Bruno, der Grieche Charitos oder der Anwalt Guerrieri etwas gemein haben, dann ist es ihre Vorliebe für gutes, reichhaltiges Essen. Man muss sie sich alle wohlgenährt vorstellen. Das ist ein bemerkenswerter Paradigmenwechsel in der Kriminalliteratur, denn ihre kettenrauchenden, hageren Vorgänger haben sich eher für Whisky und schöne, geheimnisvolle Frauen als für die gehobene Gastronomie interessiert. Der erste, der solch eine Figur in der Literatur einführte, war meines Wissens J. M. Simmel mit dem Thomas Lieven aus „Es muss nicht immer Kaviar sein„.

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