Aber ein Traum …

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Isabella, die Krippenkatze (Teil 5)

[Zum 1. Teil …]

Isabella, die Krippenkatze

Ein weihnachtliches Capriccio von
Nikolaus Xaver Maria Klammer.

weihnachtsband

Der erste Schritt auf dem Weg war getan.

Dargomir von Istafell nickte zufrieden und schob sein blutiges, längst schartig geschlagenes Kurzschwert zurück in die Scheide an seinem Ledergürtel und hängte sich seinen Schild über die Schulter. Dann stieg er mit entschlossener Miene über den Ringwall aus erschlagenen Eynhiriern, den er während seines langen Kampfes auf der Fallbrücke um sich herum aufgestapelt hatte.

Er ging ein paar Schritte, dann blickte er mit zusammengekniffenen Augen unter zornig herabgezogenen Brauen hinauf zu den Zinnen der finsteren Zitadelle Fynstrdarff. Die Regenschwaden, die ihm dabei entgegenpeitschten, wuschen die Blutflecken seiner Gegener aus seinem edlen Gesicht. Fynstrdarffs unüberwindbare Mauern, die aus fugenlosen und neumondsnachtschwarzen Obsidianquadern errichtet waren, stammten direkt aus den Vulkanschmieden des in der Vorväterzeit vom Himmel gefallenen Dribnisfelsens und galten als das härteste Gestein Hygëas. Die messerscharfen und wie groteske Alpträume ineinanderverschlungenen Wehrtürme dieses Bauwerks des Uralten Erzbösen ragten aus der Grabsteinebene vor dem mächtigen Ytselsgebirge so weit in den düstergrauen Himmel, dass ihre Spitzen die massiven Wolkenmassen aufrissen und es rund um die Heimatfeste des Molochs Dar‘Gyr in Ewigkeit regnete und gewitterte.

Dargomir lächelte grimmig und trat dann mit selbstsicherem, aber vorsichtigem Schritt auf das immer geöffnete Ausfalltor zu, das als einziges in die Zitadelle hinein führte. Es hatte schon viele, viele namenlose Recken und berühmte Helden verschluckt, aber noch nie einen wieder freigegeben. Ihre Körper baumelten für jeden leichtsinnigen Ritter zur Warnung in allen Stadien der Verwesung von den Obsidianmauern. Dem mächtigen Paladin Dargomir von Istafell würde dies nicht passieren! Er war der auserwählte Streiter von Belengar, des Gottes der Freien Lande. Mochte ihm Moloch Dar auch weiterhin all seine grausigen Geschöpfe und Monster entgegenschicken, die er in seinen Mauern züchtete; Dargomir würde sich wie ein Felsen in der Brandung dieser Flut entgegenstemmen, die Burg betreten und sie mit dem abgeschlagenen Kopf des Erzbösen in der Hand weider verlassen. So war es ihm vorhergesagt von der legendären Narne Skyd und nichts auf Himmel und Erde würde ihn von seinem Weg abbringen, den das Schicksal für ihn vorgezeichnet hatte. Auch nicht das Gelächter einer gewaltigen, unerträglich lauten Stimme, die ihn von oben herab verspottete:

„Dragomir der Starke kommt mich besuchen!“, rief sie kichernd und ihr Klang dröhnte in den Ohren des Paladins, der sich nur unzureichend schützen konnte, indem er die Hände an die Ohren presste. Es schien, als entstünde diese Stimme direkt in seinem Gehirn. „Welch eine Ehre!“

„Uralter Erböser! Siehe, die Zeit ist den Feind! Stelle dich deinem Schicksal!“, brüllte Dragomir und es gelang ihm tatsächlich, die Stimme in seinem Kopf auf diese Weise zum Schweigen zu bringen. Eine kurze Stille senkte sich über das blutige Schlachtfeld auf der Brücke vor dem einladend geöffenten Burgtor. „Schicke mir nur weiterhin deine ekelhaften Kreaturen und die Untoten, die du ihren Gräbern entrissen und mit deinen schwarzen magischen Künsten wiedererweckt hast, entgegen, du Vater der Lüge. Sie können mich nicht aufhalten, denn ich habe die Macht Belengars. Du jedoch hast deine widerwärtige Existenz endgültig verwirkt, als du meine Iduna ermorden ließest! Ich bin dein Richter! Ich bin dein Henker!“

„Nun, wir werden sehen, größenwahnsinniger Paladin eines kleinen, unbedeutenden Gottes“, wurde ihm dann voller Ironie geantwortet. „Noch hast du nicht einmal den Burghof von Fynstrdarff betreten.“

Dann … erklang ein furchtbares Gebrüll. Darin war nichts Menschliches. Es war der Urlaut ein entsetzlichen Ungeheuers und der Paladin wusste sogleich, was da vom Inneren der Zitadelle direkt auf ihn zukam. Und hier auf der engen Brücke gab es keine Möglichkeit, ihm auszuweichen. Dieses Gebrüll war unverkennbar der Schlachtruf von Dar‘Gyrs Schoßtier, dem entsetzlichen, feuerspeienden Drache Hymyr, der ganze Landstriche mit einem seiner glühenden Atemzüge vernichten konnte. Wo einmal seine Pratzen mit ihren mannsgroßen Klauen die Erde berührt hatten, dort wuchs in tausend Jahren nichts mehr. Dragomir atmete tief ein und suchte seine innere Mitte. Er fasste sich an seine Brust, wo er das Amulett trug, das ihm Iduna kurz vor ihrem Tod geschenkt hatte. Es pulsierte und zuckte in seiner Hand wie ein lebendiges Tier. Wie gerne wäre Dragomir nun auf seinem Ross Padra gesessen, um mit ihm gemeinsam dieser Monstrosität entgegenzutreten! Doch sein treues Pferd hatte den grausamen Ritt über die Grabsteinebene nicht überstanden und der Paladin war vollkommen allein und auf sich gestellt.

Doch er zögerte nicht länger. Jetzt entschied sich das Schicksal von Hygëa für die nächsten zehntausend Jahre, da durfte es kein Hadern und Zweifeln mehr geben! Er zog sein legendäres Zweihänderschwert Windterwynd aus dem Futteral in seinem Rücken. Die glänzenden Muskeln seiner Oberarme spielten wie mächtige Schlangen unter seiner Haut und, da er seine Kampfhaltung einnahm. Windterwynd pfiff in dem Regensturm eine heitere Melodie. Und da schob sich ein gigantisches Maul durch das Tor. Es schien nur vielen Reihen aus spitzen und scharfen Zähnen zu bestehen. Es roch nach Schwefel und Tod.

„Das hier ist nicht Betlehem, oder?“ Jemand tippte Dragomir von hinten vorsichtig auf die Schulter. Der Paladin fuhr zutiefst erschrocken herum. Ein seltsames Trio stand hinter im auf der Brücke und sah sich eingeschüchtert um. Sie waren aus einer merkwürdigen Tür aus Licht getreten, aus der es widerwärtig nach Unrat und Schsm stank. Die Gruppe bestand aus einem nassen, müffelnden und großen Hundvieh, einem merkwürdigen Esel mit roter Gnomenmütze zwischen den Langohrohren und einer Laterne im Maul, in der ein magisches Licht flackerte und einem kleinen, unscheinbaren Männlein, das der Gottesstreiter mit einem Atemzug hätte umblasen können. Das mickrige Kerlchen hatte ihn eben angetippt und fuhr nun verschüchtert fort: „Dann wollen wir nicht länger stören. Wir sehen ja, dass sie beschäftigt sind.“

Der aus dem Nichts aufgetauchte Mann – ein Zauberer von den fernen Schwürbleranfurten aus der tristen Nordmark vielleicht? Diese Magier sollten ja recht seltsam sein! – deutete erschrocken nach hinten. Verflucht und alles Pech der Hölle! Dragomir hatte den Drachen vergessen, der sich inzwischen durch das Tor gequetscht hatte, durch das er gerade so hindurchpasste und sich nun zu seiner vollen Größe aufgerichtet hatte! Deswegen wurde es ihm im Rücken plötzlich so heiß! Etwas kinsterte verbrannt und ein Feuerstoß traf den Paladin wie ein geschleuderter Speer direkt in sein geschultertes Schild. Der harte Flammenstrahl ließ ihn nach vorne taumeln. Dragomir ächzte und stolperte gegen den kleinen Schwächling, der so unvermutet aufgetaucht war. Friederbusch fiel nach hinten und setzte sich in den blutigen Matsch der Holzbrücke, der von der Hitze qualmte und in Brand geriet.

„Nein, dies ist nicht Bethlehem, bei den schwefelgelben Wasserfällen von Skydaris! Ich weiß überhaupt nicht, wo oder was das sein soll, dieses Beth— Krötenschleim nochmal!“, rief der Paladin und wirbelte auf seinen Füßen herum, ließ dabei seinen Bihänder kreisen. Die gewaltige Götterklinge traf den jadeharten Hals des Ungeheuers und brachte ihn wie einen Schrank mit Untertassen zum Klirren und Wanken. Doch vollkommen unbeeindruckt senkte sich das enorme Maul und schnappte nach Dragormir, der sich nur mit einer kühnen Seitwärtsrolle in Sicherheit bringen konnte. „Und ich bin gerade wirklich beschäftigt. Verdammnis!“, zischte er in Richtung des Trios. Dann drang von Neuem auf den Drachen des Erzbösen ein, der ihm für einen Moment seine ungeschützte, vernarbte Flanke zuwandte, wo ihn vor Jahrzehnten der Neunte Herr von Taigard verwundet hatte. Dies war die einzige Stelle, wo Hymyr verletzt werden konnte!

Der Weihnachtshund nahm Friederbusch am Kragen und zog ihn ein wenig zurück aus der Gefahrenzone.

„Ich gebe zu, das war ein kleiner Irrtum“, räumte Karl-Heinz kleinlaut ein und wirkte ein wenig ärgerlich. Von seinem verbrannten Fell kräuselte sich ein kleiner Rauchfaden empor. Er stupfte Friederbusch mit der Schnauze an, der mit dem Hintern im dampfenden Schlamm wie in einer Sauna saß und fasziniert den entscheidenden Kampf des mutigen Helden mit dem geflügelten, giftiggrünen Drachen verfolgte, der den Ritter um eine Haushöhe überragte. Sein größter und sehnlichster Wunsch, einmal wirklich in ein Fantasy-Abenteuer zu geraten, war eben spektakulär in Erfüllung gegangen. „Offensichtlich war das die falsche Abzweigung und bestimmt die falsche Tür, durch die wir gestolpert sind. Die führte uns wohl geradewegs in die Unwahrscheinlichen Welten. Gut, dann haben wir das jetzt auch gesehen. Aber jetzt gehen wir besser wieder. Kommst du auch oder willst du noch ein wenig zugucken?“

[Die Fortsetzung folgt am nächsten Sonntag.]

Isabella, die Krippenkatze (Teil 4)

[Zum 1. Teil …]

Isabella, die Krippenkatze

Ein weihnachtliches Capriccio von
Nikolaus Xaver Maria Klammer.

weihnachtsband

Die von der Haustür des Nachbarn gestohlene Laterne, die Singing Sam an ihrem Bügel im Maul trug, schickte das unsichere, flackernde Licht ihrer künstlichen LED-Kerze in die Finsternis. Der Esel ging voran und konnte wegen seiner Last im Moment weder singen noch reden -, was die beiden, die ihm folgten, nicht eben als Nachteil empfanden.

„Was willst du damit sagen, es würde keine Krip­penkatze geben?“, fragte Friederbusch noch immer vollkommen verwirrt und wandte seinen Kopf zu­rück zu dem Weihnachtshund, der direkt hinter ihm ging. Was er sagte, hörte sich an wie:

Wms wmisd dm dmd sgnm, ms wümde kne Kmdmkm­den gmbn?“, denn der Autor vermied es, durch die Nase zu atmen, denn der Gestank in den Kanälen tief unter der Stadt war grauenvoll. Karl-Heinz verstand ihn trotzdem, denn als fünfhundertjähriger Weihnachtshund verstand er alle Sprachen, Dialekte und Tierlaute der Welt.

„Wuff, ich weiß nicht, wie die Katzen-Viecher es geschafft haben. Aber die ursprüngliche Weihnachtsgeschichte wurde vollkommen verändert“, antwortete er geduldig und erzählte zum zehnten Mal seine Geschichte. Er benötigte Friederbusch und seine zehn Finger mit den abspreizbarem Dau­men, deshalb musste er ihn in der Kanalisation von Bromberg bei Laune halten. „In der Version, die ich kenne – der alten, einzig wahren – kam keine einzige Katze vor. Da schlummerte das Jesuskindlein bei Ochs und Esel allein in der Krippe. Irgendjemand hat in der Vergangenheit herumge­pfuscht und ich bin überzeugt, dass es einige beson­ders bescheuerte Katzen waren … nicht, dass es auch noch andere gäbe.“

Friederbusch, der Katzen mochte und es nicht dul­den wollte, wenn man unfreundlich über diese herrlichen, geschmeidigen und anschmiegsamen Tiere sprach, die Gott wahrscheinlich extra für Schriftsteller erfun­den hatte, drehte sich halb nach hinten und wollte empört etwas einwenden, denn war der Meinung von Charles Bukowski: Er mochte Hunde lieber als Menschen, aber er mochte Katzen lieber als Hunde. In seinem Eifer stolperte er tollpatschig über den scharfkantigen Rand des gemauerten Weges, der eine Handbreite über der stinkenden Abwasserbrühe in der Mitte des Kanals verlief und trat mit dem rechten Fuß tief in die eklige Flüssigkeit hinein, die eiskalt in seinen Schuh schwappte. Warum hatte er nur auf Karl-Heinz gehört und sich sommerlich gekleidet, anstatt seine hohen Winterstiefel anzuziehen?

Schsm!“, schimpfte er und zog sein Bein aus der Brühe. Er war nicht dabei gewesen, beim gewaltigen, apokalyptischen Kampf gegen den Karlnickel-König, aber Jan Philipp Rabenhorn, sein Lektor beim Kienbauer-Verlagshaus, hatte ihm später erzählt, es habe damals hier unten alles hübsch weihnachtlich nach Tannennadeln, Oran­genschalen, Lebkuchen und Mandelkern gerochen, die Wände hätten heimelig geleuchtet und in den klaren Wassern der Kanäle wären allerlei muntere Makronenfischlein, Zimtseesterne und Bethmännchenkrebse geschwommen. Doch diesmal müffelte es nur nach dem Abfall, den die Menschen oben in der Stadt gedankenlos in ihren Toiletten ent­sorgten. Es herrschte, von der trüben Lampe abgesehen, die Singing Sam im Mund hielt, stockfinsterschwärzestnachtene Dunkelheit in der muffigen Kanalröhre vor und die einzigen Tiere, die zwischen den unidentfizierbaren Brocken durchs Wasser flitzen, waren riesige, aufgeschreckte Ratten. Wahrscheinlich hatte Rabenhorn seine rosigen Kanal-Erinnerungen seinem nicht unerheblichen, jahrzehntelangen Konsum von lange gelagertem irischem Whiskey zu verdanken.

„Fein, fein“, murmelte Friederbusch kaum verständlich, zog sich den durchweichten Segeltuchschuh und den Socken mit einem Nikolaus-Motiv aus. Ersteren entleerte er auf den Boden, den Strumpf, den er als kleine Anspielung an seinen Konkurrenten Nikolaus Xaver Maria Klammer trug, wrang er aus, bevor er beide wieder über seinen feuchten Fuß zog. Es quietschte, wenn er einen Schritt machte. „So weit, so gut. Katzen sind ins biblische Jahr Null gereist …“

„Es gibt kein Jahr Null“, unterbrach ihn Karl-Heinz gereizt. Er spürte ein Jucken zwischen den Nasenwurzeln. Wie hatten es die Menschen nur bis zum heutigen Tag geschafft, sich nicht aus Dummheit selbst auszurotten? „Wie oft soll ich dir das noch erklären? Es gibt ein Jahr Eins vor und ein Jahr Eins nach Christus. Aber keine Null, die wurde erst im 5. Jahrhundert erfunden. Und die Katzen müssen sich übrigens ins Jahr 6 v. Chr. geschlichen haben, und zwar exakt zum Ante Diem VII Kalendas Apriles, den heutigen 26. März und haben dort in die Zeitlinie eingegriffen. Der 26. März istder historische und tatsächliche Geburtstag von Jesus und nicht der 24. Dezember, den wir heute feiern. Aber behalte dieses Geheimnis der Alchimisten, das ich vom Karlnalrumpelstilz persönlich erfuhr, für dich.“

Friederbusch bekam Kopfschmerzen. War diese Geschichte ein spannendes Weihnachtsmärchen oder ein fader mathematisch-historischer Exkurs? Mathe und Geschichte waren seine absoluten Leidensfächer in der Schule gewesen. Die eine verstand er nicht, die andere pfuschte ihm ständig ins Handwerk. Ihm ging dieser neunmalkluge Weihnachtshund langsam gehörig auf die nassen Socken. Warum hatte er sich nur zu diesem Abenteuer überreden lassen?

„Das sei mal dahin gestellt,“ mumpfelte er in sich hinein. Als Fantasy & Science Fiction-Autor kann ich das Konzept einer Zeitreise mit all ihren Konsequenzen für die Gegenwart verstehen, aber ich habe doch noch zwei, drei Fragen. Wäre dies ein Buch, wäre es meine Aufgabe, dem verwirrten Leser mit genau diesen Fragen auf die Sprünge zu helfen. Also, Frage Eins: Wenn die Katzen die Zeit verändert haben, warum weiß ich nichts davon und du und Sam schon?“

„Du vergisst, dass wir mystische Geschöpfe sind, geschaffen von einem Rumpelstilz in den Karlnickelwäldern, von denen nurmehr unser Großer Pinkelbaum oben auf dem Marktplatz steht. Wir schweben über den Zeiten und sind uns ewig gleich. Wir vergessen nichts.“

Singing Sam, der Weihnachtsesel

Sam zwinkerte Karl-Heinz ironisch und zweifelnd zu, aber der alte Weihnachtshund entschied sich, ihn zu ignorieren. Friederbusch nickte. „Hm… Frage Zwei: Wie gelangen wir nach Palästina und ins Jahr Null?“

„Weihnachtsstollen- und Lamettabruch! Bei Herodot und Polybius! Was habe ich dir gerade erklärt, du Null, du? Es gibt kein Jahr Null!“ Er sammelte sich. Schriftsteller! Gab es noch uneinsichtigere, starrköpfigere und dümmere Gesellen – von Politikern einmal abgesehen? Dann hob Karl-Heinz stolz den Kopf. Seine Stimme wurde feierlich und getragen und ihr Echo trug sie weit in die Finsternis, die mit einem Mal wie die Angstpfeife einer mittelalterlichen Orgel brummte.

„Höre, kleiner, unbedeutender Mann und verneige dich vor dem Unbegreiflichen, dem Wesen der Weihnacht: Die Wurzeln des Großen Pinkelbaums reichen tief und breiten sich unter Bromberg in alle Himmelsrichtungen aus. Er ist ein Ableger des gewaltigen Weltenbaums Yggdrasil. Seine Wurzeln führen überallhin, haben sich hineingebohrt in alle Zeiten, Geschichten, Räume und Orte, die du dir mit deinem kleinen Verstand nur vorstellen kannst und viele, viel mehr, die weit über ihn hinausgehen. Die Miriaden von Karlnikel haben sich jahrhundertelang ins Erdreich gebohrt, haben sich entlang dieser Wurzeln ausgebreitet, haben ihre Gänge und Wege an ihnen entlang gegraben, sich von ihnen ernährt und dabei die Anfänge dieser Katakomben unter der Stadt errichtet, die das Karlnalrumpelstilz mit Hilfe seiner Geschöpfe später befestigte und zu dieser unterirdischen Welt unter der Welt ausbaute. Von hier aus kommst du im Wortsinn überall hin: In andere Welten zum Beispiel, tatsächliche und erfundene und eben in alle möglichen und unmöglichen Vergangenheiten und Zukünfte. Du gelangst durch die Gänge nach Pangea und zu den Tümpeln, in denen sich die ersten Amöben tümpelten und fraßen. Du kannst den Bau der Pyramiden bestaunen und die Invasion der schlotzig-klebrigen Dreifüßer vom Arkturus im Jahr 25672. Du gelangst an Orte, die so fremd sind, dass sich dein Verstand verflüchtigt, wenn du sie erblickst, direkt hinein in die staubigen, regenbogenfarbigen Ringe des Enceladus,zwischen die platzenden Galaxienschmieden von Isbekan, die schwarz-weißen Löcher von Telvis und sogar bis in den Keller von Tabor. Meine unfehlbare Nase wird uns leiten.“

Friederbusch wartete geduldig, bis der Nachklang von Karl-Heinzens Stimme verstummt war. Das waren zwar gewaltige Worte gewesen, aber für ihn als Fantasy-Autor war das nur Hausmannskost. Er hätte das tausendmal besser, dramatischer und epischer formulieren können. Aber schließlich hatten die drei Helden an diesem Tag noch etwas anderes vor. „Frage Drei und dann gebe ich Ruhe: Und wie sind die Katzen in die Vergangenheit gelangt? Auf dem gleichen Weg?“

Karl-Heinz machte eine wegwerfende Pfotenbewegung. „Nur ein Weihnachtshund kann den Weg hier unten finden. Diese Schrödiger-Katzen – pff … Die sind eh nicht ganz von dieser Welt. Man weiß nie, ob sie da sind oder nicht. Ihre Natur ist nicht so stofflich wie die anderer Lebewesen, sie ist durchlässiger. Sie diffundiert. Eine Katze kommt überall hin, wenn sie will. Und diese wollten offenbar …“

„… ins Jahr Null!“

Durch die Gänge hallte das einsame und verzweifelte Heulen eines frustrieren Weihnachtshundes.

[Zum 5. Teil …]

Isabella, die Krippenkatze (Teil 3)

[Zum 1. Teil …]

Isabella, die Krippenkatze

Ein weihnachtliches Capriccio von
Nikolaus Xaver Maria Klammer.

weihnachtsband

Eine Gruppe von Claqueuren, die Murrle vor seiner Rede genau unterwiesen hatte, fauchte und heulte eindrucksvoll. Der uralte Perserkater hob seinen Schwanz und formte ein Fragezeichen mit ihm. Der Beifall verstummte sofort. Atemlos lauschte nun die aufgepeitschte Menge seinen weiteren Worten:

„Ihr glaubt, dass man da einfach nichts machen könne, dass die Dinge seien, wie sie sind? Ihr irrt euch gewaltig! Was für erbärmliche Schmusekatzen seid ihr alle! Keinen Mumm in den Knochen. Einer entschlossenen Katze wird alles gelingen, glaubt mir. Deshalb werde ich – ja, ihr habt richtig gehört: Ich, Baron Maunzger Sperlingstod von Horrkrall! – diese unerträgliche Schande ausmerzen. Und wenn es das Letzte ist, was ich auf dieser Welt noch tun werde. Beim gestiefelten Kater, bei Mikesch, Karlo und dem edlen Murr! Dreimal schwarzer Kater: Es ist das mindeste, dass auch wir Katzen in der Bibel erwähnt werden. Wir haben ein Recht darauf. Und wir werden es uns holen, wenn die Menschheit es uns nicht gewährt …“

„Und wie willst du das anstellen, Baron Maunzger?“, knurrte eine tiefe Stimme von hinten und unterbrach den von seiner eigenen Sprachgewalt beeindruckten Murrle. Der einäugige Cassius, ein zäher, dürrer, aber großer Kater, Sieger ungezählter Schlachten und Kämpfe und Stammvater ebenso unzähliger Nachkommen im Viertel, schob sich vorsichtig und geduckt nach vorne. „Sollen die Vatikan-Katzen vielleicht den Papst bestechen?“

Cassius war über diese vom Altvater Murrle überraschend einberufene vorweihnachtliche Versammlung nicht erfreut, da sie ihm ein Liebesabenteuer versalzt hatte und auch noch ausgerechnet in seinem Viertel stattfand, in dem er als Blockwart das große Wort führte. Der massive Katzenauflauf würde für Wochen alle Mäuse und Ratten, die dem unbemenschten Cassius zur Nahrung dienten, aus der Gegend vertreiben. Er wünschte sich deshalb, dass die Sache schnell erledigt war und er wieder zu seinen selbst bei den nicht allzu moralischen Straßenkatzen doch recht verrufenen Geschäften zurückkehren konnte. Allerdings hatte er auch Respekt vor dem Alten, der den Rat schon geleitet hatte, als Cassius noch ein süßes, kleines Kätzchen war und täppisch hinter einem zufälligen Lichtreflex hinterherjagte. Deshalb duckte er sich auch entschuldigend und eingeschüchtert, als Murrle einmal kurz und beleidigt fauchte.

„Ich danke dir für deinen Einwand, Cassius von der Seuchgasse“, stellte der Älteste trotzdem freundlich fest, auch wenn die sarkastische Betonung der niedrigen Herkunft des Straßenkaters für schadenfrohes Gelächter unter den anderen Katzen sorgte. „Ich hätte euch nicht belästigt und zu dieser Versammlung eingeladen, wenn ich nicht einen Plan hätte. Ich würde es ja alleine machen, doch ich muss es euch gestehen: Mein Alter …“ Obwohl außer den mit Sardinen bestochenen Beifallsjublern niemand einen Einwand machte, hob Murrle abwehrend eine Pfote. Er brachte dadurch ein paar der weißen Haarbüschel, die ihn im Lichte der Straßenlampe hartnäckig umtanzten, in Bewegung.

„Ich weiß, meine lieben Freunde und Miezengesichter, ich weiß das doch. Allerdings mache ich mir keine Illusionen. Einmal werde ich euch verlassen müssen, ihr Treuen. Der Tag ist nicht mehr fern. Sieben Leben habe ich aufgebraucht, vielleicht auch die neun, die nur den englischen Katzen zustehen – ich habe nicht mitgezählt. Der Katzentod ist in diesen Tagen mein steter Begleiter. Jeden Abend sehe ich sein hohles Grinsen im Silberspiegel meines leer gefressenen Whiskas-Fressnapfs. Die Tage meiner wilden Abenteuer sind lange vorbei. Doch, doch. Für mich wird es langsam Zeit, die Verantwortung in die scharfen Krallen anderer, jüngerer und gesünderer, Katzen zu legen.“ Sein Blick fiel auf Cassius, der gerade das Gerücht Lügen strafte, Katzen könnten nicht rückwärts laufen und sich eilig in der Menge verbarg, denn er wollte auf keinen Fall dieser jüngere und gesündere sein. „Aber diese empörende Sache mit der Bibel bringe ich noch in Ordung. Das wird mein Vermächtnis an die Katzenökumene. Doch dazu benötige ich einen Freiwilligen, der mit mir die Ehre der Katzenökumene wieder aufrichtet.”

Cassius, der Straßenkater aus der Seuchgasse

Schweigen. Stille. Nicht einmal ein Pfotenscharren – auch nicht von den Claqueuren. Einige hielten sogar die Luft an.

Ganz weit hinten leckte sich gerade anmutig eine kleine Katze an einer verfilzten Stelle über ihr flauschiges Fell. Da sie plötzlich die lastende Ruhe um sich herum bemerkte, sah sie sich neugierig um. Die hübsche und schwarz-weiß Katzendame war zur falschen Zeit am falschen Ort, das war ihr durchaus bewusst. Aber irgendetwas zog sie immer wieder auf geradezu magische Weise fort von ihrem gepflegten, sauberen Zuhause mit Fußbodenheizung und immer gut gefüllter Brekkies-Schale, wo sie verwöhnt und verhätschelt wurde und sogar im Bett ihres Menschen schlafen durfte. Es zog sie hin zu den dunklen, feuchten und schmuddligen Gassen, den Gefahren und dem Gestank der Hinterhöfe und Anlagen – und dort ausgerechnet zu dem zwar glut-, aber einäugigen und geheimnisvollen Cassius, dem so viele Katzen rollig zu den Pfoten lagen. Sie nannte diese Süchte bei sich selbst ihre Mrs-Hide-Phasen, denn die Katzendame war eine der seltenen belesenen Feliden. Oft kauerte sie neugierig auf der Rückenlehne des Lesesessels ihres Menschen, schnurrte und las mit ihm gemeinsam in seinen aufregenden Büchern, die von Abenteuern in fremden Ländern und längst vergangenen Zeiten erzählten. Wenn dann ihr Mensch ermattet über den Seiten einschlief, schlich sie sich manchmal sogar heran und blätterte heimlich um, um zu erfahren, wie es in dem Roman weiterging.

‚Ach‘, dachte sie, ‚warum verliebe ich mich immer wieder in den falschen Kerl? Ich bin doch aus gutem Hause. Es gibt so herzenswarme, treue und brave Kater. Doch die interessieren mich nicht. Ich suche mir immer die Nichtsnutze und Hundlinge aus! Und warum war ausgerechnet heute Abend meine Sehnsucht so groß und drängend, dass ich mich durch die Katzenklappe ins kalte Freie zwängte und das Abenteuer in den Abtritten und Seuchgassen suchte? Was tue ich hier bei dieser Versammlung? Ich wollte doch auf den Gartenzäunen singen, im Garagenclub tanzen, vielleicht ein wenig Lachstatar aus den Mülltonnen des Zwei-Sterne-Lokals dort hinten naschen und eine nette Herrengesellschaft genießen. Doch jetzt bin ich in eine finstere Verschwörung geraten. Mädchen, sei gescheit und halte dein hübsches Mäulchen. Mach dich klein und grau in der Nacht! Geh zurück zu deinem Menschen!‘ Aber genau bei diesen Gedanken blies ihr ein mutwilliger Windhauch einen von Murrles räudigen Haarballen direkt vor ihre Nase, wo er aufreizend auf- und abschwebte. Der Dame kitzelte es im Näßchen. Sie nieste und schon zuckte ihre Pfote empor.

‚Diese dummen Katzeninstinkte bringen mich noch einmal ins Grab‘, kam ihr in den Sinn. Aber da war es bereits zu spät. Sie schlug nach dem Büschel und maunzte dabei zierlich. Da alle im Rund absolute Katzenstille bewahrten, klang der Ruf wie ein Schrei.

„Ha!“, rief der uralte Murrle sofort, „es gibt sie doch noch, die mutigen Katzen! Dass da eine ist, die in dem Fell des Raubtiers steckt, das wir einmal waren, konnte ich schon gar nicht mehr glauben! Auf diese Weise haben wir einmal die Welt und die Menschheit erobert!“ Der alte Kater sprang von der Kiste, auf der er gesessen war und knickte dabei mit den rheumatischen Hinterläufen ein. Dann schlich er auf die Dame zu, die sich verwirrt umsah und nicht glauben konnte, dass sie gemeint war. Sie bemerkte, wie Cassius sein sehendes Auge fest zukniff. Murrle baute sich vor ihr auf und seine Helfer schoben sich unauffällig in den Hintergrund, um ihr den Fluchtweg abzuschneiden.

„Wir haben also eine Freiwillige, die mich in die Vergangenheit begleiten wird. Darf ich deinen Namen erfahren, holde Dame?“ Er stubste sie vorsichtig mit der Schnauze an. Geschmeichelt verbeugte sich das Katzenmädchen, auch wenn sie noch immer nicht begriff, was eigentlich gerade geschehen war.

„Man nennt mich die Immerschöne, Gottes Schwur. Ich bin Isabella.”

[Zum 4. Teil …]

Sweet Glowwine to go und some other adventliche Sorgen

Von allem viel zu viel

Die Deutschen sterben aus!

Immer weniger Kinder werden geboren, ganze Dörfer veröden zu Geisterstäd­ten. Kirchen und Gasthäuser müssen schließen; es lohnt nicht mehr, Postboten von Tür zu Tür zu schicken, man schickt Drohnen und Roboter auf Rädern. Die wenigen, die überhaupt noch Brie­fe bekommen, sollen sie gefälligst selbst bei den seltenen Post-Service-Schaltern abholen, die sich in den staubi­gen Ecken irgendwelcher  Zeitschriftenläden in der fer­nen Stadt verstecken. In der Lausitz ist wieder Wolfsge­heul über den vereinsamten, aber durch meinen Soli blühen­den, Landschaften zu hören und die Rudel lauern den vereinzelten Rentnern auf, die sich aufgrund ihrer Al­tersarmut nur noch eine Billigbusreise mit Wärmede­ckenverkaufsvorführung in der Provinz leisten können.

Jeder kennt diese Nachrichten. Immer, wenn den Re­dakteuren dieser Tage nichts mehr einfällt, Trump sei­nen Mund hält – schließlich muss er ja auch mal schla­fen oder Golf spielen -,  irgendein Model einmal nicht mit halb- oder vollkom­men nacktem Hintern in eine Kamera winkt oder uns ausnahmsweise kein Großer Koalitionär die Welt und die Migration erklärt, dann wird die Titelseite der Zeitung mit der Horrormeldung von der gefährdeten Tierart „Deutscher“ befüllt und uns ein großes, textsparendes Diagramm gezeigt, das einem Pilz ähnelt. Das aber ei­gentlich eine Pyramide sein sollte – oder so ähnlich. Die Renten, die Sorgen … Diese Meldung erscheint seit Jahrzehnten in schöner Regelmäßigkeit und wird ebenso erregt debattiert und kommentiert wie die gerade heutzutage so bedeutende Frage, ob man weiterhin dulden sollte, dass der Hl. Nikolaus zum Weihnachtsmann amerikani­siert wird und immer häufiger keine Mitra, sondern eine rote Mütze trägt.(1) Auch das Aussterben der Deutschen ist nur eine dieser absonderlichen Weltverschwörungs­theorien wie Chemtrails und die Illuminaten. Warum fällt nur mir allein das auf?

Diese Lüge ist schnell entlarvt. Jeder kann selbst das Ex­periment machen und morgen Nachmittag versuchen, mit einem übervollen öffentlichen Verkehrsmittel in die vorweihnachtlich geschmückte Innenstadt zu fahren –  falls er sich überhaupt in die enge, von Körperdünsten dampfende Straßenbahn hineinquetschen kann – um sich an­schließend durch verstopfte Fußgängerzonen zu schie­ben, damit man im Kaufhaus seiner Wahl endlich einmal frühzeitig ein Geschenk für die Liebsten zu erwerben. In der qualvollen Enge allerorten, dem Gestoße, dem Gerempel und Gedränge, dem Gequetsche und Gequängel, den endlosen Schlangen an den Kassen, wird der Gedanke, der Deutsche sei in seiner Existenz bedroht, zur Groteske. Denn all die agoraphoben Bürger haben sich demons­trierend versammelt und genießen es, ohne Ängste über den übervollen mit Buden und Glühweinständen vollge­stopften Rathausplatz zu wandeln, wenn sie sich zwi­schen den zermalmenden Menschentrauben überhaupt willentlich vorwärtsbewegen können und nicht einfach von der Flut aus schwitzenden Leibern, Einkaufsta­schen und Kinderwägen mitgerissen und an Orte und Örtchen abgetrieben werden, an die sie niemals gelan­gen wollten.

Oder er sollte in diesen Tagen auf einen Christkindels­markt gehen, um dort einen übersüßten, Sodbrennen er­zeugenden Glühwein, eine verkohlte Bratwurst in einer staubtrockenen Semmel oder als Vegetarier eine undefi­nierbare, fetttriefende Masse – die sich aus welchem Grund auch immer „Kartoffelpuffer“ nennt – zu genießen und sich dazu vom Band überlaut schmalzige Weihnachtslieder interpretiert von Wham!, Heino, den Regensburger Domspatzen und Freddy Quinn in die Ohren blasen lassen. „Oh, du fröliche“ (sic!), um den Herrn Friederbusch aus meinem Weihnachtsmärchen „Karl-Heinz, der Weihnachts­hund“ zu zitieren.

Es ist ein Gelüst, das mich – ich gebe es unumwunden zu – zur Adventszeit ebenso suchtartig packt wie das ge­neralstabsmäßige Vernichten aller Plätzchen von Frau Klammerle, die diese gerade in mühe- und liebevoller Kleinarbeit zubereitet hat. Dies ist übrigens eine ab- und suchtartige Ab­hängigkeit, die mich längst nicht mehr glücklich macht (der Glühmarkt, nicht das Vertilgen der „Loibla“), son­dern wie die Qual einer unerwiderten, manischen Liebe in mein Herz sticht. Ich bin in dem Alter, in dem man erkennt, dass früher tatsächlich mehr „Lametta“ war und weniger Menschen, die sich gegenseitig zwischen den Buden zerquetschten, es war noch keine abendfül­lende Beschäftigung, einen Glühpunsch zu ergattern und anschließend einen klebrigen, wackligen Bistrotisch zu finden, auf dem man das dampfende Getränk abstel­len kann.

Es beginnt schon mit dem Problem, dass mein Dorf kei­nen Weihnachtsmarkt hat. Da man in Diedorf nicht ar­beitet oder lebt, sondern nur zum Schlafen aus der Stadt herausfährt, ist das wahrscheinlich auch überflüssig, verlangt aber von mir – der ich ja ein bekennender und begeisterter Anhänger der Sportart Extreme-christkind­lesmarket-going bin – dass ich den Witterungsverhält­nissen zum Trotz ins Auto steigen und fahren muss, wenn ich nicht Frau Klammerle überreden kann, dies zu tun. Wenn ich dann doch einen Parkplatz gefunden habe – meist so weit vom Geschehen entfernt, dass ich gleich hätte laufen können – und mich tatsächlich wie ein Dschungelforscher durch den dampfenden Urwald zum Glühweinstand durchgekämpft habe und bei der Gelegenheit meinen armen studenti­schen Namensvetter St. Nikolaus über den Haufen ge­rannt habe, der dort für einen Hungerlohn von einer gie­rigen Kindertraube umgeben Nuss und Mandelkern ver­teilen muss, kommt das nächste Problem.

„Ich hätte gerne einen Glühwein.“

Verständnislos sieht mich der Verkäufer an, deutet stumm auf das Schild über seinem Haupt und ich merke: Es gibt keinen Glühwein mehr … Es gibt heißes Bier mit „Stich“, kochenden Amaro im Weinglas, Marillen-, Mira­bellen-, Heidelbeer-, Holunder-, Brombeer-, Kirschwein, drei Sorten Kinderpunsch, Eierpunsch, „Eggnog“, war­men Weißwein mit und ohne Zucker, vegan, aus biologi­schem Anbau, fair gehandelt oder einfach aus dem Te­trapack, Jägertee, Tee mit Schuss, mit Rum, mit Whis­ky, mit Absinth, mit Kandis und mit Rahm. Es gibt Grog. Von hinten werde ich gegen die Theke und schmerzhaft an den Topf gepresst, in dem ein Glüh­punsch seit Stunden vor sich hin köchelt und inzwischen außer Alkohol so ziemlich alles enthält, was ungesund ist. Ich deute kurzentschlossen auf das Heizgerät:

„Zweimal“, rufe ich kurzentschlossen, ohne zu ahnen, was dort drinnen vor sich hin blubbert – eh egal, das kos­tet alles dasselbe und es schmeckt auch gleich widerlich. Ich zah­le den Punsch und einen ungeheuerlichen Pfand, den ich nie einlösen werde, da die Schlange vor der Rückgabe, an der ich mich als letzter anstellen würde, länger ist als die vor der Getränkeausgabe, verschütte die Hälfte über einer von einer Rentnerin gezogenen Einkaufstasche auf Rädern und als ich endlich Frau Klammerle im Gewühl wiederentdecke, ist das pappige Gesöff kalt und ungenießbar.

Die Deutschen sterben aus? Ha! Jedenfalls nicht in der Vorweih­nachtszeit. (3)

Nikolaus Klammer

 

 

 

 

 

 


(1) Ich – Nikolaus M. Klammer – trage im Winter übrigens meistens eine schwarze Baskenmütze. Das wollte ich nur mal bemerken.

(2) Ich erinnere an das wundervolle Weihnachtsmärchen, das man im Advent gratis auf meinem Blog lesen kann. Aber ich will dafür eigentlich über­haupt keine Werbung machen, denn die Qualität spricht für sich. Doch jetzt mal ehrlich: „Karl-Heinz, der Weihnachtshund“ ist wirklich eine tolle Geschichte; wer sie nicht liest, wird sich noch in Jahren Vorwürfe wegen dieses Versäumnis­ses machen!

(3) Diese Glosse und viele, viele weitere findet sich in meinem wunderbaren Buch:

Noch einmal davon gekommen

Dieser schöne Band ist für wenig Geld überall im Buchhandel erhältlich und ein ideales Weihnachsgeschenk für jung und alt. Kommt Leute! Unterstützt mal zur Abwechslung einen hungernden Autor.

Isabella, die Krippenkatze (Teil 2)

[Zum 1. Teil …]

Isabella, die Krippenkatze

Ein weihnachtliches Capriccio von
Nikolaus Xaver Maria Klammer.

weihnachtsband

Friederbusch blieb nichts anderes mehr zu tun, als den Kopf hinaus in die Kälte und die Dunkelheit zu strecken, um zu kontrollieren, ob seine neugierigen Nachbarn in ihren Fenstern standen und starrten – was sie selbstverständlich auch taten und sich kopfschüttelnd in ihrer Meinung über die Herren Künstler im Allgemeinen und den Herrn Friederbusch im Speziellen bestätigt fühlten. Dann schloss er eilig die Haustür hinter den beiden unerwarteten Eindringlingen, die er tatsächlich schon ein paar Jahre nicht mehr gesehen hatte – seit der unerfreulichen Affäre um Herbert, das Osterkarlnickel, nicht mehr. Er wusste zwar, dass Karl-Heinz inzwischen bei Jan Philipp Rabenhorn, dem gestrengen Lektor des Kienbauer-Verlags, lebte – wo sich Sam das ganze Jahr über herumtrieb, hatte er keine Ahnung und wollte es eigentlich auch nicht wissen –, aber es gelang ihm inzwischen recht gut, sich in seinem alltäglichen Leben einzureden, dass Weihnachtshunde und singende Esel eine jener Wahnvorstellung waren, die für die Psychose von Fantasy-Autoren typisch sind. Nur auf diese Weise konnte er einigermaßen normal in seinem Leben funktionieren und seinen Alltag bewältigen, ohne nackt und schreiend durch die Gassen von Bromberg  zu laufen.

Karl-Heinz streckte schnüffelnd den Kopf durch die Wohnzimmertür.

„Wo, beim alten Pinkelbaum, hast du deine Bibel herumliegen, Friedi?“, fragte er leise knurrend und ihm war anzumerken, dass er sich um eine ruhige Stimme bemühte. „Du besitzt doch eine, oder?“

„Aber selbstredend. Wo, meinst du, klaue ich denn all meine Geschichten? Manchmal brauche ich einfach die Eingebung des Herrn …, also, das Alte Testament und Shakespeare. Wozu brauchst du denn meine alte Kommunions-Bibel?“

 Der Hund bellte kurz und streng und fletschte sein noch immer beeindruckendes Gebiss. „Hole sie einfach.“

„Augenblick. Ich habe sie oben in meinem Schreibzimmer“, antwortete der Autor und stolperte beflissen die Treppe hinauf.

„Und bring was zum Trinken mit, Bro! Ich meine damit etwas Richtiges, nicht diese Kamillenteepisse, nach der es hier stinkt“, rief ihm Sam hinterher, der sich vergeblich damit abmühte, die Kühlschranktür mit seinen Vorderhufen zu öffnen und einige dampfende – wie nennt man das eigentlich – Eselsäpfel (?) auf die schwarzen Schieferfliesen der modernen Küche klatschen ließ. „Disst voll, deine Einrichtung, Alter. Das ist Diskriminierung, sollteste mal eselsgerecht ausbauen. Schräg, Bro.“

Friederbuschs alte Bibel stand zwischen dem Rechtschreib-Duden und dem Großen Büchmann (Geflügelte Worte von Aristoteles bis Zappa; 40. Auflage. Ullstein, Frankfurt/M. und Berlin 1995). Ins Erdgeschoss zurückgekehrt, musste er erst den Staub vom Goldschnitt blasen, bevor er das dicke, zerlesene Buch öffnete.

„Auf geht’s. Lukas, 2, 11. ff., lies vor“, forderte der Hund aufgeregt. Sogar Sam hielt jetzt den Mund. Der Autor blätterte.

„Ähh … hier, ja, das ist die Weihnachtsgeschichte: Euch wurde heute in der Stadt Davids ein Retter geboren, der ist Messias und Herr. Und dies soll euch zum Zeichen sein. Ihr werdet ein Kind finden, in Windeln eingehüllt und neben einer wunderschönen, kuschligen Katze in einer Krippe liegend.‘ Friederbusch zögerte. Ihm war das betretene Schweigen seiner Besucher unheimlich. Seine Augen wanderten zwischen den beiden hin und her. „Soll ich noch weiterlesen?“

Karl-Heinz winkte niedergeschlagen mit der Pfote ab.

„Nein, nein, das reicht schon“, erwiderte er mit deutlicher Resignation in der Stimme, „das gibt mir bereits den Rest.“ Der Weihnachtshund spürte plötzlich wieder sein Alter von sechshundertvierunddreißig Jahren in den müden, morschen Gelenken. Sam hätte wahrscheinlich gesagt, er wäre voll zu alt für den Scheiß. Doch im Moment war auch er schockiert:

„Alter, das reicht so was von … Das ist ja krasser als ich vermutete, voll der stabile Fake, ey. Ich check’s nicht.“ Sam schüttelte verzweifelt den Kopf. Er und der Weihnachtshund tauschten einen langen Blick.

Friederbusch klappte das Buch zu. „Kann mir mal einer sagen, wo das Problem liegt? Und warum ihr damit zu mir gekommen seid?“

„Sag mir erst noch: Was ist das für eine Katze, die Lukas da erwähnt?“

„Na, das weiß doch wohl jedes Kind. Lebst du hinter dem Mond, Hund? Deshalb gibt es ja überall in der Weihnachtszeit Katzenzungen, Schokoladenkatzen-Hohlfiguren und Marzipankatzenpfoten zu kaufen: Das ist Isabella, die Krippenkatze. Du kennst doch das Lied: ‚Süßer die Katzen nie maunzen, als in der Weihnachtszeit.’“

Karl-Heinz blieb die Spucke weg. Sein verzweifeltes Jaulen war rau und jämmerlich.

„Bro …“, murmelte Sam entsetzt, „da läuft was so was von schief, ey.“

„Es ist ein Skandal“, fauchte der alte Perser Murrle mit sich vor Zorn überschlagender Stimme in kaum verständlichem Falsett. Murrle! – ausgerechnet Murrle, das war der grausam höhnische Name, den sein gedankenloser Mensch dem edlen Tier gegeben hatte. Denn eigentlich hieß dieser schon beinahe zwanzig Jahre alte und zahnlose Methusalem Baron Maunzger Sperlingstod von Horrkrall, war Edler vom Hohen Hohenstein auf Werthersberg und war der Eine Kater, der gleicher war als alle anderen Katzen; dessen Pfotendruck im Katzenrat von Bromberg am schwersten wog und die tiefsten Abdrücke hinterließ. Auch dass man in seinen jungen Jahren an seinen Kronjuwelen herumgeschnitten und sein Miauen deshalb selten gehörte und in den empfindlichen Ohren der feliden Zuhörer schmerzhaft klirrende Höhen erreichte, änderte nichts daran, dass seine Meinung im Rat der Katzen bedeutend und gewichtig war.

Murrles Fell war längst räudig geworden und er verlor bei jeder Bewegung büschelweise weiße Haare, die im Lichte der Straßenlaterne wie dicke Schneeflocken herumwirbelten. Manchmal wusste er nicht mehr so genau, wo er war und wie all die jungen Streuner hießen, die ihm ergriffen lauschen, doch heute waren ihm von seinem Alter und seiner Vergesslichkeit wenig anzumerken. Der Abraham unter den Katern schnüffelte kurz an dem kleinen Beutel mit getrockneten Baldrianblättern, den er um den Hals trug; ein mildes Aufputschmittel, nach dem er ebenso süchtig war wie sein Mensch nach dem beißenden und stinkenden Qualm seiner Zigaretten.

„Ein Skandal“, wiederholte der Perser mit plötzlich glitzernden, wie brennenden Augen und wartete er dann ungeduldig, bis es im sichtlich erregten Kreis der um ihn versammelten Vertreter der Katzen-Kommune der pfahlbürgerlichen Stadt ruhiger wurde. Dann legte Murrle seine samtige Pfote auf das zerfledderte Buch, das neben ihm aufgeschlagen auf dem umgedrehten Deckel einer Mülltonne lag. „Seht hier, das ist das große Buch der Menschen! Ich habe es studiert.“

Anerkennendes Schurren glitt wie eine La-Ola-Welle durch den Kreis der Versammelten. Grüne, kreisrunde Augen funkelten in der Nacht. Nur wenige Katzen lasen gerne und wenn sie es taten, dann genügte ihnen ein kurzer Blick auf die verwirrend sinnlosen Schlagzeilen der Menschenzeitungen, auf denen sie so gerne schlummerten.

„Ja, ich habe es gelesen, das heilige Buch – von seinem wüsten und leeren Beginn bis zu den Plagen, die Gott über denjenigen bringen wird, der auch nur ein Wort zu SEINEM Text hinzufügen oder von ihm entfernen wird. Doch diesen Fluch des Herrn will ich gerne über mich kommen lassen, wenn es mir gelingt, das große Unrecht auszumerzen, das ich zu meinem Erschrecken in diesen Zeilen fand: Denn in der Bibel werden über 130 Tierarten erwähnt – allen voran die Menschen, aber auch Schafe, Ziegen, Kamele, Wale, Pferde, Enten, Bienen, Schweine, sogar Mücken  – die Liste ist lang. Selbst die bösartigen Hunde haben einen Platz in dem Buch der Bücher gefunden, auch wenn ihrer nicht das Himmelreich ist. Aber ausgerechnet über uns Katzen, meine lieben jungen Freunde, über Katzen jedoch steht dort nichts! Das ist ein Skandal, nein, das ist noch schlimmer: Das ist Katzenlästerung – blasphemia ailouros! Hat nicht Gott die Katze erschaffen und den Hund nur der Mensch? Sind wir Katezen nicht SEIN großartigstes Werk, die Vollendung SEINES Schaffens?“, steigerte sich Murrle in seinen heiligen Zorn und von überall her im Rund wurde zustimmend gemaunzt und aufgeregt mit aufgeplusterten Schwänzen gezittert. Auch wenn der älteste Katzenfürst von Bromberg nicht von allen verstanden wurde – er hatte einen recht altertümlichen, von einem Leben mit den Menschen geprägten Dialekt und benutzte Wörter, die den meisten unter ihnen unbekannt waren -, stimmten ihm doch alle aus Prinzip in seiner Schlussfolgerung zu: Es war ein Skandal! Und es war beschämend!

[Zum 3. Teil …]

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