Aber ein Traum …

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Die Abenteuer von Karl-Heinz, dem Weihnachtshund – Teil ZWEI

 

Rabenhorn war gerade einge­nickt, da klopfte es kurz und bestimmt an der Tür. Als sie sich öff­nete, glaubte der Lektor zu träumen:

Seine Mundwinkel klappten nach unten – nicht vor Er­staunen, eher schon aus purem Entsetzen. Durch die Tür schob sich ein riesiger, schwarzer und zotte­liger Hund. Falsch, das war kein Hund mehr: Das war ein Kalb, ein Bär, ein Minotaurus, ein Oger!

Eine Woge muffigen Gestanks nach nassem, unge­pflegtem Fell schlug dem Lektor entgegen, der sich keine ande­re Hilfe wusste, als eiligst auf seinen Schreibtisch zu stei­gen. Rabenhorn hatte Angst vor großen bösen Hunden, und dieser hier war bestimmt der größte und böseste Hund, dem er jemals so nahe gekommen war. Da half es auch nicht, dass das Tier eine Nikolausmütze trug und ei­nen grün-rot gestreif­ten Schal. Der Hund jedenfalls trotte­te nä­her, legte seine riesige Hundeschnauze auf den Tisch, sah treu­herzig nach oben zu dem panischen Lektor und sab­berte genussvoll dessen Tischkalender voll.

„FRÄULEIN WIESENGARD!“, schrie Rabenhorn nach sei­ner Vorzimmerdame. „FRÄULEIN WIESEN­GARD! Hier steht ein gar schrecklicher Hund! Meine Liebe, Sie haben einen Hund in mein Büro gelassen! Bringen Sie das bitte sofort in Ordnung.“

„Wuff“, machte der Hund.

Fräulein Wiesengard jedoch antwortete nicht. Wahr­scheinlich hatte das gigantische Vieh Fräulein Wiesengard zuerst gefressen, bevor er hereinkam. Ob das Monstrum jetzt wohl satt war? Rabenhorn sah sich vorsichtig um. Vom Schreibtisch auf die Fensterbank und aus demselben in die Tiefe sprin­gen? Das war im 8. Stock keine schlaue Idee. Telefo­nieren? Das konnte vielleicht diesen Mörder­hund reizen. Ihn mit Friederbuschs fettem Manuskript in die Flucht schlagen? Das wäre mutig, aber Raben­horn war nicht mutig, keinesfalls schon lebensmüde, aber der Ge­danke hatte etwas. In diesem Augenblick öffnete sich wie­der die Tür. Der leibhaftige Egon M. Friederbusch stand im Rahmen und lachte sich schief.

„Komm, Karl-Heinz, sei lieb“, rief er endlich, „der Onkel will nicht mit dir spielen. Karl-Heinz!“ Er klopfte auffor­dernd auf seine Oberschenkel, doch der Hund ignorierte ihn völlig. Friederbusch zuckte bedauernd mit den Schul­tern.

„Schlecht erzogen, tut mir leid. Er ist mir zugelau­fen.“

Rabenhorn sah von oben auf den Schriftsteller, dann auf den Hund. Langsam wich die Panik. Er wäre jetzt gerne von seinem Schreibtisch herunterge­stiegen, denn er spür­te, dass er sich lächerlich mach­te. Aber ein kurzer Blick­kontakt mit dem Monstrum ließ ihn oben verharren.

„Das ist Ihr Hund, HERR Friederbusch? Ja, sind Sie denn völlig wahnsinnig geworden?“, forderte er kei­ne Ant­wort, sondern Trost; dabei bemüht er sich, lei­se und ruhig zu sprechen, damit der Hund bloß nicht nervös wurde. „Den Esel haben Sie hoffentlich nicht dabei“, fügte er noch mit Galgenhumor hinzu.

„Das nicht, aber etwas viel Besseres …“, erwiderte der Autor.

Die Überraschung war gelungen, auch wenn dem Lektor plötzlich der singende Esel doch lieber gewe­sen wäre: Her­ein schwebte ein strahlender Engel mit einer Tupper­schüssel in der Hand, eine Schneeköni­gin, blond, blauäu­gig blin­zelnd, mit grell geschmink­ten Lippen und nur mit einem langen Nerz, der in der Farbe des Winters schim­merte, be­kleidet: Marie-Theres Kienbauer, wie der Herr oder ein Chirurg sie in einer Schapslaune erschaffen. Sie wirkte auf Ra­benhorn, als käme sie frisch von einer Schönheits-OP und sie schwebte tatsächlich wie ein mit Helium ge­füllter Ballon einige Handbreit über dem Bo­den! Ra­benhorns Kinnlade klappte nach unten, fast wäre er von seinem Schreibtisch gefallen, auf dem er immer noch als die Un­würde in Person hockte.

Die Schneefrau Marie-Theres, Hetäre dieses Schaf­scheiß dichtenden Dichters und gestrenge Chefin, schwebte nicht einem Flöckchen gleich zu Boden, nein, Schwerkraft spielte für sie keine Rolle. Gerade­zu mühelos flog sie jetzt zur De­cke empor und nahm Platz auf der Hängelampe. Dort ent­nahm sie ihrer Tupperdose, die sie mit einem schmatzen­den Ge­räusch öffnete, ein Spruchband, entroll­te es und ließ es von der Decke flattern. Güldene Lettern in Leipzi­ger Fraktur:

Einladung zu meiner Weihnachtsparty mit Schichtkohl, an­schließend menage a trois!

Solche Feinheiten wie den Schriftfont nahm des Lektors geschultes Auge noch wahr, bevor er vom Schreibtisch auf den Sisalteppich stürzte, mit all sei­nen verbliebenen Kräf­ten darum rang, gleich und auf der Stelle ohnmächtig zu werden, aber von Karl-Heinzens feucht-sorgender Zunge und seinem wi­derlichen Mundgeruch daran ge­hindert wurde. Der Monsterhund schleckte ihn hartnä­ckig wieder zu­rück ins Bewusstsein, dem er so verzwei­felt entkom­men wollte.

„Ja, ja, mein Lieber!” Egon M. Friederbusch grinste sar­donisch. „Sie stecken jetzt wohl mitten in einem, will sa­gen: meinem Weihnachtsmärchen. Kommen Sie, genießen Sie das Wunder! Der Höhepunkt war­tet auf uns.”

Und aus weiter Ferne sang dazu ein besoffener Esel:

„Wenn zur Weihnacht die rote Sonne im Meer versinkt,
und vom Himmel die bleiche Sichel des Mondes blinkt,
dir ‘n geiler Donkey vom Ufer zum Abschied winkt …“

Dann geriet alles ein wenig durcheinander: Menage a deux! Marie-Theres kam über ihn, und sie wurden ge­schichtet wie Kohl, im Fass gärte ihr Saft zu saftig Weini­gem. Und während sie Karl-Heinzens Zunge englisch brie­ten, im Rosenrot seines Inneren lustvoll schwelgten, klang von draußen das Jingle Bells, das wie das Glocken­geläut ei­ner großen Nikolausver­schwörung über ihre Lei­ber hin­weg fegte. Und dunstvoll roch ihr Gebäck nach Zimt. ge­paart mit dem rosmarinmus der holden mariethe­res. es ge­ronn zu lustvollen. gaumenfreuden. des Riesen­hundes rau­es bellen verhaucht. in der Kehle des Genie­ßers. sein schwanzwedeln. es würzt die suppe der begehrl­ichkeit. zack. sein fell. zack. getrocknet und gepul­vert. zack. lindert husten und schleim. doch wenn er kommt. zackzack-oh. lindert er ihre dürre. ah. und wasser füllt die abendmahl­schale mit wein der frühe der nacht erwacht lacht sacht …

Rabenhorn applaudierte: Was für ein Text! Endlich ge­hobene, erhabene Literatur! Das war moderne Dichtung!

…hallelujatanztenengelgleichchimärenausplatzendenringen. Um die Welt.

Zack!

Hart schlug Rabenhorns Kopf auf dem unnachgie­bigen Sisalboden seines Büros auf.

Gleichzeitig und genau in dem Augenblick, in wel­chem Rabenhorn vor den erstaunten Augen von Egon M. Frie­derbusch und der Verlegerin Marie-Theres Kienbauer mit brünstigen Fieberphantasien von seinem Schreibtisch her­nieder und gen Hölle des Sisalbodens stürzte …

Während sich ihm die Zeit dehnte und er in einem Weih­nachtsrausch befangen, der jedoch nur ein Schwä­cheanfall aufgrund eines überraschenden mit Macht zu Tage treten­den grippalen Infektes war, verursacht durch den Schock, den der Hund in ihm ausgelöst …

Während er von einer Himmelsleiter der Glücks­eligkeit ins Antlitz der Herrn blickte, welcher ihm mit seiner gro­ßen, weichen und feuchten Zunge lie­bevoll ableckte – es war natürlich Karl-Heinz, wel­cher solches tat – und ihm da­bei war, als würde eine getragene Stimme nur für ihn mo­derne Dichtung vortragen, eben da …

… nahm am anderen Ende der Stadt, jenseits des Flus­ses, dort, wo der soziale Woh­nungsbau scheußlich bittre Sumpfblüten wachsen ließ und nur Le­bensmüde und Triebtäter sich des Nachts aus den Häusern trauten, ein Ereig­nis seinen Lauf, das, obgleich sich daran Personen beteilig­ten, die Rabenhorn vollkommen unbekannt waren, später auf das Leben des Lektors einen bedeuten­den, um nicht zu sagen, den bedeu­tendsten Ein­fluss gewann:

Es öffnete sich mitten auf dem Bürgersteig vor einer schmud­deligen und traurigen Döner-Bude knirschend ein Kanaldeckel, klappte dann langsam in die Senkrechte, um anschließend von der Wucht der Schwerkraft gezogen scheppernd auf den Beton zu klatschen. Anschließend stieg ein Mann aus dem rauchen­den und stinkenden Un­tergrund, sich nicht im Geringsten an den Blicken der Fußgänger störend, die einen weiten Bogen um ihn mach­ten. Neugierig sah er sich um und schnüffelte, das Ge­sicht zu einer angewiderten, empörten Grimasse verziehend, in die Luft.

Ömer Özgür, schnauzbärtiger Ostanatolier und stolzer Besit­zer des Bosporus-Imbiss‘, träumte sich gerade frös­telnd aus sei­nem Straßenverkaufsfenster in ein Restau­rant am Strand des sonnen- und wärmeüberfluteten Bo­drum, als sich der Mann aus dem Untergrund wie der leibhaftige Scheitan vor ihm auf­richtete. Ömer war zwar einige seltsame Aufzüge gewöhnt, schließlich wohnten ei­nige seiner besten Kunden in der nächs­ten Straße im Männerasyl, aber solch einen Menschen hatte er noch nie gese­hen.

Der Fremde sah aus, wie sich der theaterbegeisterte Tür­ke den shakespeareschen Macbeth vorstellte: Ein großer, hagerer, dabei kräftiger, in Gliedern und Muskeln stark gebauter Mann – scheinbar in den Fünfzigern. Sein Ge­sicht mochte einmal gut­aussehend gewesen sein, denn noch funkelten die großen Augen unter den schwarzen, buschigen Augenbrauen mit jugendli­chem Feuer hervor. Jedoch seine Kleidung, Mantel, Barett, ge­kräuselter Kra­gen, kurze, aufgeplusterte Hosen, darunter ein dunkelgrün­er Strumpf – hing da nicht etwa auch ein schmaler Degen an seiner Seite? – schienen aus einem an­deren Jahrhun­dert zu stammen. Erstaunlicherweise hatte die seltsame Klei­dung jedoch nicht unter dem Abwasser­kanal gelitten, dem der Mann eben entsprungen war, son­dern war farbenfroh und sau­ber; ein Kunststück, das Ömer durchaus zu schätzen wusste.

„Bin ich hier richtig im bildhübschen Bromberg an der Fiesel, der edlen Fürstenstadt mit ihren wohlgenährten Pfeffersäcken und deren liebreizenden Töchtern? Sprich, Muselmann!”, de­klamierte der Fremde zu Ömer mit schö­ner, gleichwohl schon lange nicht mehr geübt klingender Bassstimme. Und Ömer konnte nur nicken. Solch eine Sprache kannte er von der Büh­ne, nicht aus dem Leben, in dem jeder Deutsche mit ihm so sprach, als sei er dämlich und wäre bereits von einem Konditio­nalsatz überfordert. Wollte der Fremde sich lustig machen und ihn beleidigen oder meinte er sein geschwollenes Geschwätz Ernst?

„Dann, oh Sohn des Propheten, sage mir: Wo kann ich den ed­len Herrn Johann Emanuel Kienbauer finden, der allhier ein an­gesehen Buchgeschäft führt? Sieh, Abge­sandter der Pforte, ich war einige Jahre nicht mehr im Lande und will einem Freund die Hände reichen”, fuhr der Fremde fort und lächelte hinter­sinnig. Ömer hingegen staunte und schwieg, während er für sich die Sätze des Unbekannten in verständliches Deutsch übersetzte. „Aber verzeihe mir meine Ungeduld, rechtgläubiger Herr der Töpfe und Fleischspieße, deren sottene Wohlgerüche gar lecker­lich in meine Nase stechen, der ich einige Jahrhun­derte auf solch feine Genüsse verzichten musste. Ich ver­gaß, meine Wenigkeit vorzustellen.”

Er machte eine dramatische Pause und verneigte sich tief.

„Ich bin Carlos Niccolo Diego Pedro Lamentoso Siesta Ortega y Cuerno del Cuervo“, und der Fremde in den Pluderhosen schlug sich mit Macht auf die Brust, voll­führte dann plötzlich einige seltsame Koboldsprünge, schrumpfte dabei ein wenig und bekam einen Buckel, „aber du darfst mich Karldinal-Rum­pelstilz nen­nen, ich bin’s, der Echte Karl-Nickel! Der Karlni­ckelaus! Du hast sicherlich von mir gehört. Mein Ruf eilt mir voraus. Aber eigentlich, Sohn des Orients, ist Karl-Nickel nicht nur mein Name, sondern auch meine Berufung. Ha! Seit Jahr­hunderten schon züchte ich in den Abwässern dieser schö­nen Stadt Karlni­ckel, eure Abwässer erlauben ihnen näm­lich ein be­sonders langes Leben. Verstehst du?”

„Klar doch, schon krass!” Ömer verstand … Bahnhof. Aber Ir­ren sollte man immer recht geben.

„Das musst du auch, denn wir sind uns gar nicht so fremd. Du betreibst dein Geschäft und ich das meine, mein Freund. Nun höre er mir einfach mal zu:”
Er klatschte im Rhythmus in die Hände.

„Heute koch ich, morgen brau ich und übermorgen ma­che ich der Kienbauer ein Karlnickel! Kommt dir das nicht türkisch vor?”Der Rumpelstilz brach in schallendes Ge­lächter aus! Ömer Özgür konnte nur nicken, obwohl er ei­gentlich den Kopf schüt­teln wollte. Er griff unauffällig nach seinem Schabefleisch­schaber.

„Jedoch”, erneut zwei Sprünge, der Degen schlug Fun­ken auf der Straße; das war furchteinflößend, „vor fünf­hundert Jahren wurde mir langweilig, ewig nur Karlni­ckel zu produzieren. Das sind auch ganz gefährliche Zeitgenossen! Diese kleinen Biester, diese! Mit denen will ich nichts mehr zu tun haben! Wusel, wu­sel, fress, fress, ah! Schrecklich. Folglich verlegte ich mich auf die Auf­zucht von … Trommelwirbel! Je nun, von Weihnachts­hunden. Tada! Und was soll ich dir sagen, mein Freund vom Bospo­rus, nach unerheblichen Anfangsschwierigkeit­en – einige Nach­geburten entwickelten ein Eigenleben und mutierten zu singen­den Schmuseeseln – glückten mir die bes­ten, die langlebigsten und die treuesten Weih­nachtshunde, die unsere Welt je gesehen. Ich bin wahrhaft stolz auf sie, und jeder von ihnen trägt auch meinen Na­men: Karl-Ludwig, Karl-Fried­rich, Karl-Marx und Karl-Heinz. Letzterer jedoch ist nun in eurem lieblichen Brom­berg in geheimer Mission für mich un­terwegs. Ganz ge­heim! Es ist wegen der Karlnickel. Pst! Des­halb, oh mein getreuer Musel­mann, musst du mir helfen.”

Er blickte zurück zu dem Loch, aus dem er eben gekro­chen war.

„Komm mit mir hinab. Allein bin ich zu schwach.”

 

„Und Marie-Theres kam über ihn, wurde geschichtet wie Kohl und im Fass gärte ihr Saft zu saftig Weinigem, während sie Karl Hein­zens Zunge englisch brieten: Hallelu­ja!…”

So hätte Friederbusch schreiben müssen, so wird zeitge­mäß gedichtet! Ich sage nur einen Namen und den mit der nötigen Ehrfurcht: Durs Grünbein! Ha! Selbst in den Gedanken seiner Ohnmacht erfüllte Ra­benhorn noch seinen Job. Durs und nicht anders, und Friedi wäre ein Gro­ßer. Mit einem Weih­nachtshund jedoch, mit Singing Sam, diesem ab­sonderlichen Schmu­seesel und mit gefährlichen Karl­nickeln aus dem Ab­grund wird dieser Schreiber­ling zugrunde gehen … und eigentlich: In Bezug auf sein schamloses Verhalten hier im Büro war das so­gar wün­schenswert!

Rabenhorn erschrak, erwachte fast aus den bunten Bil­dern seiner Phantasmen. Moment, hatte er gerade von langlebigen Karlnickeln geträumt? Was war denn das für ein Unfug? Wie kam er denn darauf? Er kniff seine Augen fest zu. Aber das Fieber ließ ihn nicht los.

Und es ging ein Raunen durch die Straßen. Ein Flüstern durch die Gassen. ER war auferstanden aus den Einge­weiden der Stadt, suchte seinen Nachkommen, um zu ret­ten, was noch zu retten war. ER, der ER seit Jahrhunder­ten rumorte wie schwer­verdaulicher Schichtkohl. Karl-Ni­ckel, der Karldinal­großfürst, genannt Karldinalkaiser und im Volksmund Karl­nalrumpelstilz. Doch jetzt war ER da. Und der Karlnikolaus suchte, schnüffelte, fand. Er war mitten unter uns, mitten im Advent. Angekommen wie angekündigt in den Archiven der Stadt, wo die geheimge­haltene Weissagung hinter sieben Türen ängstlich verbor­gen gehal­ten wurde. ER, der Herr und UR-UR-UR-UR-und-so-weiter-und-so-weiter-und-so-fort-URAH­NE des Geschlechts derer von Ceratias-Corvus.

Und ein Schauern fegte durch die kalten Schluchten aus Schichtbeton und Schichtkohl, durch Nachtschichten und Tag­schichten, durch alle Schichten der schlichten Bevölke­rung.

Aber nur das feine, ahnungsdralle Gemüt des Lek­tors Jan Philipp Rabenhorn erfasste den Ernst der Gegenwart mit einem visionären Blick seines dritten Auges hinter sei­ner fieberigen Stirn: Karl-Nickel war adveniert und er plante etwas! Friederbusch hatte seine Aufgabe erfüllt, Verkünder und Vorbote zu­gleich, er war nur das hohle Gefäß, das der Rumpel­stilz zum Klingen gebracht. Der echte Karl-Heinz leckte ihm über die schweißnasse Stirn, aber das be­merkte er kaum. Rabenhorn sprang im Fieber­wahn auf. Er sah eine blinkende Kienbauer in ihrer halb­en Nacktheit vom Leuch­ter herabsinken.

„Marie-Theres, schnell weg von hier! Er kömmt über dich! Er wird dich nehmen, füllen, schichten wie Kohl. Karl-Ni­ckel, der inkarlnalische, der unter­gründige, er ist aufge­fahren aus den Katakomben. Nichts wie weg hier! Sonst bist du dran!”

Mit diesen Worten fasste er Marie-Theres Kienbau­er, die Herrin des Kienbauer-Imperiums, beim einge­bildeten Schweifstern und schleifte sie zur Tür hin­aus. Frieder­busch und sein Hund blickten ihnen fas­sungslos nach.

 

[Hier geht die unfassbar spannende Geschichte weiter …]

Die Abenteuer von Karl-Heinz, dem Weihnachtshund – Teil EINS

 

»Es war einmal ein uralter Weihnachtshund, der trottete müde, fast schon vor Schwäche torkelnd, auf dem win­terlichen Trottoir. Seine Flucht durch Nacht, Nebel und bit­teren Gestank hatte ihn bis an den Rand der völligen Erschöp­fung gebracht. Der Weih­nachtshund trug eine zer­schlissene rote Zipfelmütze. Sein Bart war silbern und eisig hart vom bitteren Frost. Auch stand sein kurzer Atem weiß in der klirrend kalten Win­terluft, denn der schwere Sack, den er sich umgebunden hat­te, war voll mit Nüssen und Hundeku­chen und drück­te auf Lun­ge und Rücken. Seine Pfoten schmerz­ten dar­über hinaus von dem Viehsalz, das allzu eifrige, der früh­morgendlichen Schnee­räumungspflicht bewusste Bür­ger auf’s Trottoir gestreut, damit niemand sich vor ihrer Haus­türe ein Bein oder gar Schlimmeres brach.

Ja, es war wahrhaft keine gute Zeit, diese Adventszeit, für ei­nen mit den vielen Jahren seines Lebens ergrauten Weihnachts­hund: Die Nase triefte; der Alte spürte die Grippe, sein Weih­nachtsbellen war rau, und verzweifelt versuchte er sich an die Verse von „Oh du fröliche …” zu erinnern.

Seine Weihnachtslaune war wahrhaft im Hundearsch, und die Pflicht, bei diesem Sauwetter zu bescheren, drück­te doch schwer auf auf seine einfache Hundeseele. Der Weihnachtshund dachte tatsächlich für einen kurzen Au­genblick: ‘Ach, wäre ich doch nur ein Osterhund! Wie viel schöner muss es wohl sein, auf einer grünen, von der war­men Frühlingssonne beschienen­en Wiese viele bunte Eier und auch mal einen Scho­ko-Hasen zu legen.’

Aber auf einmal, in seiner allertiefsten Depression, da hörte er ein glockenhelles Stimmchen: „Schau einmal, Mama, schau, da läuft doch glattauer ein echter Weih­nachtshund!“

„Oh ja”, antwortete die Mutter verzückt, „endlich mal ein Kö­ter, dessen Kacke auf dem Bürgersteig nur nach Tannennadeln und Lebkuchen duftet. Und schon denkt man doch gleich viel lie­ber ans Christkindl.”

Da aber wurde es dem alten Hund richtig warm ums Herz. War doch nicht alles so grau, wie es ihm seine far­benblinden Au­gen vorgegaukelt hatten? Gab es wirklich noch Hoffnung und Liebe in dieser tristen Welt, die ihm so aufs Gemüt drück­te? Ge­rade wollte er auf die freundli­chen Menschen zuwanken, ihnen mit seiner kalten, feuch­ten Schnauze die Knie reiben und sie mit seinen Nüssen erfreuen, als plötzlich …

Ein durchdringendes Sirren von eiskaltem Stahl zer­schnitt den Morgen, bohrte sich schmerzhaft in sein rech­tes, halbtaubes Ohr. Doch die Reflexe des Weihnachthun­des funktionierten noch im­mer: Trotz der erlittenen Stra­pazen, trotz des Alters, trotz der Kälte, trotz der Grippe! Gedankenschnell wich – ja, in winterli­cher, christlicher Wahrheit, so hieß unser Weihnachts­hund – ich sage, Karl-Heinz wich der Schlinge des fiesen Hun­desfängers mit ei­nem atemberaubenden Reflex aus, sprang los. Aber rutschten ihm die Hinterläufe weg! Er schlitterte über das Eis der nächst­besten gefrorenen Pfütze auf die freundliche Mutter und das lieb­liche Kind zu, landete mit Sack und Pack …«

Jan Philipp Rabenhorn senkte das Blatt, von dem er gele­sen hatte und legte es dann so eilig, als habe er sich die Finger daran verbrannt, zu den an­deren Seiten des mit sauberer, fast kindlicher Hand­schrift geschriebenen Sta­pels Papier. Er seufzte. Dann nahm er seine schmale Lese­brille ab und rieb sich mit der freien Hand über die Au­gen, ver­suchte vergebens mit festem Druck der Wirklich­keit ein an­ders Bild aufzupressen.

„Karl-Heinz, der Weihnachtshund …”, murmelte er fas­sungslos und zitierte damit den Titel des fetten Manu­skripts, das er zu bearbeiten hatte, „ein winter­liches Mär­chen.“

Rabenhorn drehte sich im ergonomisch geformten Sessel von seinem ausladenden Schreibtisch in Ma­hagoni-Imitat weg und sah aus dem Fenster seines Büros, in dem er im 8. Stockwerk des Kienbauer-Ver­lagshauses residierte. Al­lein schon die Höhe der Eta­ge unterstrich seine bedeuten­de Stellung als leiten­der Lektor und Verlagsdirektor. Über ihm, di­rekt unter dem Dach, befanden sich nur noch die Ta­gungsräume des Verwaltungsrats und die ausge­dehnte Zimmerflucht von Marie-Theres Kienbauer, der Witwe des großen Hubert Emanuel Kienbauer. Doch im Gegen­satz zu dem allzu früh verstorbenen und zumindest von Raben­horn auch viel beweinten Verblichenen leitete sie zwar die wirtschaftlichen Be­lange des Verlages, das litera­rische Pro­gramm über­ließ sie aber in aller Regel ihrem Cheflektor, denn sie fand die neue Bunte wesentlich aufre­gender als den neuen Kehlmann.

Während Rabenhorn in den amorphen, allzu düster grau­en Himmel starrte – amorph war übrigens eines seiner Lieb­lingswörter, fast so schön wie Socke oder Kakadu – da überleg­te er, was wohl der alte Kienbauer zu dieser Ge­schichte ge­sagt hätte, die heute der erfolg­reichste Au­tor des Verlages als lang erwartetes Meis­terwerk persön­lich bei der Vorzim­merdame von Ra­benhorn vorbeige­bracht hatte. Wahr­scheinlich hätte er den handgeschriebe­nen Text sofort im Ofen ver­brannt und seinen Autor, den großen Egon M. Frie­derbusch, gleich mit dazu.

„Karl-Heinz, der Weihnachtshund …”, wiederholte Ra­benhorn kopfschüttelnd, „ein Weihnachtsmärchen von Egon M. Friederbusch, dem Autor von Edwin Egart und die Last des Schweigens und Edwin Egart 2: In Alwins Zau­bergarten.

Egon M. Friederbusch, der ganz allein mit seinen Bü­chern um den Zauberlehrling Edwin Egart für den Ver­lagserfolg verantwortlich zeichnete …

Egon M. Friederbusch, auf dessen dritten Egart-Ro­man ganz Deutschland voller Ungeduld wartete. Und er hatte nichts besseres zu tun, als eigenhändig – ohne Computer, Textprogramm und Rechtschreib­hilfe – ein grauenhaftes 264-Seiten-Machwerk über … über Weihnachtshunde zu verfassen …

Egon M. Friederbusch, der Geliebte von Marie-The­res Kienbauer …

Egon M. Friederbusch, der nicht einmal Oh, du fröh­liche richtig schreiben konnte …

Rabenhorn, in dessen Seele sich wie ein Luftballon eine große, innere Leere aufblies, starrte weiter be­harrlich zum Fenster hinaus, entschlossen, sich erst zu bewegen, wenn es dort draußen über den Dä­chern der Stadt zu schneien be­gann.

Da klingelte das Telefon auf dem Schreibtisch. Ma­rie Kienbauer war am Apparat. Rabenhorn hasste dieses Weib aus ganzem Herzen, das kaum verwit­wet schon die Gelieb­te eines Zauberlehrlings- und jetzt Hundeschrift­stellers ge­worden war. Nebenbei bemerkt, war sie eine grauenhafte Hobbyköchin, die so etwas Unsägliches wie Schichtkohl fa­brizierte und die üppigen Ergebnisse ihrer Kochkünste ger­ne er­kaltet in Tupperschüsseln gestopft unter ihren Ange­stellten verteilte. An solchen Tagen hängte Raben­horn ein Schild vor die Tür, auf dem Bin auf irgendei­ner Buchmesse stand und schloss sein Büro von In­nen zu.

Einmal hatte er eine Einladung zum Abendessen nicht ab­lehnen können, die wohl auch noch in der lüsternen Ab­sicht ausgesprochen wurde, ihn über ihre Gourmetkü­che in ihr Schlafzimmer zu locken. Er, ein gestandener Ra­benhorn und stadtbekannter Feinschmecker, konnte es nicht verhindern: Er hatte ihr nach den tapfer herunterge­würgten Kohlroula­den auf das teure Designersofa ge­kotzt. Nun ja, seit­her war das Verhältnis etwas frostiger, aber sie hatte sich zu Rabenhorns Erleichterung nach ei­nem ande­ren Objekt ihrer Begierde umgesehen und es in dem Er­folgsautor Friederbusch gefunden. Der hatte wohl Ge­schmacksnerven aus grünem Gartendraht.

„Rabenhorn!” Ihre aufgeregte Stimme schrillte oh­renpeifend in seine trüben Erinnerungen an zer­matschten Schichtkohl mit fettigem Hack. „Raben­horn, haben Sie schon das Manuskript von Frieder­buschs Karl-Heinz, der Weihnachtshund gelesen? Ehr­lich, ich bin überwältigt. Ich sage Ihnen, das ist schlichtweg ein Hammer!”

Friederbusch musste wahrhaft ein As im Bett sein. Eine andere Erklärung gab es nicht. Rabenhorn räus­perte sich: „Wenn ich ehrlich bin, nur bis zu der Stel­le, wo der Hun­defänger aufgetaucht ist.”

„Da sind Sie doch noch ganz am Anfang! Raben­hörnchen, Sie müssen sofort weiterlesen! Unbedingt! Das ist Weltlite­ratur, die Friedi da geschrieben hat. Nun machen Sie schon, und ich erwarte eine aus­führliche Stellungnah­me von Ih­nen. Bald, sonst lasse ich Sie die Plakate von Pe­gida-Anhängern kor­rigieren!” Und zackig aufgelegt. Der Führer hat ge­sprochen.

Friedi! Ha! Was war denn das? Die Kienbauer mischte sich in seine Kompetenzen? Das war ja ganz was Neues. So ging das nicht, er war der Cheflektor. Vorbei mit dem Vor­satz, sich nicht zu rühren. Nun war Machtkampf an­gesagt! Andererseits: Die Zeiten waren schlecht. Gute Lektoren, die niemand benötig­te, gab es wie Sand am Meer. Seufzend nahm Raben­horn erneut das Elaborat über den Weih­nachtshund in die Hand und suchte die Stelle mit dem Hunde­fänger. Und auf einmal bannte ihn die Hand­lung, denn es wurde dramatisch. Doch ein ech­ter Frieder­busch?

»… und landete mit Sack und Pack, sich fast über­schlagend, auf dem roten Plastikschlit­ten, den das Kind hinter sich herzog. Erschrocken ließ die Klei­ne los. Durch den unge­stümen Sprung des alten Weih­nachtshundes schoss der Schlitten ungebremst über die Bürgersteigkante auf die spiegeln­de, glatte Straße. Zorni­ges Hupen, ein Möbelwagen – Aufschrift: Sicher von Heim zu Heim – versuchte noch zu bremsen. Verge­bens!

Karl-Heinz, machtlos auf dem Schlitten, sah das Weiße in den Augen des Möbelwagenfahrers, das Weiße und darin sein eige­nes Ende. Aus, vorbei! Die ihm von seinem Herrchen selbst ge­stellte Aufgabe, nach vielen Jahren des Ruhestands erneut her­renlose Hunde mit Nüssen und Hundekuchen unter dem gro­ßen Pinkelbaum zu besche­ren, wurde durch einen simplen Mö­belwagen verhindert. Nur noch Sekundenbruchteile im Advent, und der Hun­detod durfte Weihnachten feiern. Versagt, eindeu­tig, er hatte es verdient, in der Hölle für stinknormale Köter zu braten. Ergeben senkte der alte Hund sein Haupt.

Urplötzlich: „Iiaah, Iiaah und Iiooh!” sang eine mächtige Stim­me gegen sein Verderben an. Ein Freund in aller­höchster Not?

Es war so, denn eine kräftige Zunge wickelte sich um Karl-Heinzens Lenden, wischte ihn von dem Schlitten und zog ihn unwiderstehlich in die warme Sicherheit ei­ner rauchigen Knei­pe. Uff, das war gerade noch einmal gut gegangen. Karl-Heinz wag­te zu blinzeln, und Freu­dentränen quollen, als er den Freund er­kannte: Kein Zweifel möglich:

Es war Singing Sam, der singende Kuschelesel.«

Rabenhorn blickte wie­der versonnen aus dem Fens­ter. Er seufzte. Diesen Schmarren von 264 Sei­ten sollte er noch weiter lesen? Musste er sich das wirklich antun? Er, der Cheflektor des Kien­bauer-Imperiums? Und das nur, weil der vertrottelte Friederbusch ein Weih­nachtsmärchen geschrieben hatte und sich einbildete, es auch publizieren zu müssen? Einzig und allein, weil die Kienbauer auf Friedi flog?

Das verlangte man von ihm, von Jan Philipp Raben­horn, der Klassiker lektoriert hatte wie Die Schwalbe oder gar Wie das Schwarz in den Himmel kam? Ande­rerseits: Er war fünf­undfünfzig und die Zeiten schlecht. Abertausende jobsu­chende Germanisten und Germanistinnen lagerten vor den Toren der Ver­lage und waren bereit, für ein paar aufmun­ternde Worte und ein schlecht kopiertes Prakti­kumszeugnis zu arbeiten. Selbstredend hatten die keine Ahnung, aber das zählte doch heute nicht mehr, wo Fast- und E-Books den Markt überschwemmten wie die fett­triefenden Buletten der Burgerketten die Mägen der Schnellhungri­gen.

Jan Philipp Rabenhorn seufzte erneut, diesmal lau­ter und länger. Dann wandte er sich wieder dem ver­hassten Manu­skript zu …

»„Hey, das war aber knapp, Alter“, Sams Eselsohren wa­ckelten vorweihnachtlich und seine seine Nase leuchte­te rot, „voll krass. Nur gut, dass ich gera­de rein zufällig in mei­ner Stammlocation chillte. Ich find‘ eigentlich so gut wie nie die Chicks, äh, die Zeit, mal voll gemütlich abzuhängen. Voll krass, dieser Möbelwa­gen. Das war der VW-Diesel unter den Möbel­wägen! Der hätte dich doch so ‚was von uncool ins Off be­fördert.“ Sams Eselsaugen glänzten verdächtig, selbstver­ständlich nur aus reinem Zufall. Er schlug seine Vorder­hufe knallend zu­sammen. “Zack! Deckel zu! Und ab ins Hunde-Jen­seits. Ins Pa­radies darfst du ja nicht, wie die Bibelfesten unter uns beiden wissen. He, he, für den treu­en, grauen SUV, der den Herrn läs­sig nach Ägypten schmuggelte, gilt das stressige Verbot nicht. Ich bin viel zu fly dazu. Oneway-Ticket to Para­dise, oh yeah …” Sam würde doch nicht wieder zu singen be­ginnen? Karl-Heinz beeilte sich, den Redefluss des angeheiter­ten Esels, von dem er übrigens nur die Hälfte verstand, zu un­terbrechen.

Der Weihnachtshund musste sich erst den Schleim aus der brennenden Kehle räuspern, ehe er antworten konnte: „Danke, Sam! Man sollte alte Hunde wie mich nicht mehr bei so einem Sauwetter vor die Türe jagen. Ich weiß über­haupt nicht, war­um ER mich ausgerechnet in diesem Jahr noch einmal auf die Große Tour geschickt hat, wo ich doch seit einhundertunddrei­unddreißig Jahren nicht mehr in Bromberg an der Fiesel war. Ehrlich, ich finde mich hier gar nicht mehr zurecht. Das ist hier auf Er­den so hektisch geworden und so laut. Es stinkt. Da wundert es mich nicht, dass es in Deutschland nicht einmal mehr einen Kai­ser geben soll …”

„Komm Alter, chill mal. Vergiss doch den Beckenbauer, hab null Bock auf die korrupte Fresse. Schlag ’ne Weih­nachtskugel drüber, Bro, wie wir modernen Esel sagen. Und dann, Charly, trinkst du erst mal ’nen Pott von mei­nem Eselstraum. Ich sag dir was: Gei … el, Alter, voll das Gesöff. „Sams Eselstraum“ ist wahrhaft der heißeste Punsch zwischen hier und der Bronx. Die fetteste Droge, die jemals ein Esel braute. Donkeybuisness, abso­lut der Burner. Da hebst du ab wie Superman, grinst dir ei­nen und es geht dir so gut, als ob dir Lassie persönlich an den Nüssen knabbert.“

Ja, Singing Sam war schon ein wahrer Freund …«

Rabenhorn hustete rau. Das wurde immer stärke­rer Tobak! Hätte jemand anderer als Frieder­busch solch einen Text geliefert und hätte ihn die Kienbau­er nicht zum Lesen gezwungen, das Manuskript wäre längst im Altpapier gelandet. Es war zum Heulen. Da la­gen noch der wundervolle Roman eines jungen Debütanten über eine amour fou, dessen Titel Die neunhundertneunundneunz­ig Jahre alte Fee, die von einer Parkbank sprang und ver­schwand noch verändert werden musste und das nobelpreisverd­ächtige neue Werk von Nikolaus Xaver Maria Klam­mer auf seinem Schreibtisch und warteten auf seine pflegende Hand. Aber er hatte sich mit diesem gro­tesken Machwerk auseinanderzusetzen! Frieder­busch musste ja schon völlig schwachsinnig oder größenwahnsinnig ge­worden sein, so etwas Unaus­gegorenes aus der Hand zu geben. Ein Schafscheiß war das!

Und es sollte noch toller kommen, denn der Lektor war erst auf Seite 37.

»Der Weihnachtshund trank, schmatzte und schlürfte und sab­berte den „Esels­traum” und spürte in sei­nen Gliedern die aufstei­gende Wärme eines sanf­ten, dann gewaltig durch den Schlund wieder auf­steigenden Feuers, der Mutter al­ler Sodbrände. In allen Gliedern regte es sich zu einer Überra­schung! Seitdem er einmal in einer Sakristei Messwein aufge­schlürft, den ein völlig besoffener Pfarrer auf dem Boden ver­schüttet, hatte er sich nicht mehr so wohl gefühlt. Vergessen die Gaben­verteilung unter dem großen Pinkelbaum, vergessen die Beschwerden seines weit über sechshundertjährigen Kör­pers, er fühlte sich schlichtweg „Pudel”-wohl, obwohl er sich relativ si­cher war, dass keiner dieser hochnäsigen Kerle seinen bunten Stammbaum befleckt hatte.

Karl-Heinz betrachtete den Kuschelesel mit neuen Au­gen. Der stimmte gerade hingebungsvoll den einen Schla­ger an, welcher ihn bei allen Damen rund um den Erdball berühmt gemacht hat­te:

„Iiaah, Iiaah und auch Iiooh!
Will dein Stecher nicht mehr kuscheln,
Selbst nach Penne arabiata mit zu viel Muscheln,
Sind sie leer, des Typen Eier,
Hol zum Teufel ihn der Geier!
Denn du brauchst ihn wahrhaft nicht,
Den Wicht,
Du kennst ja schließlich … Saaaam!“
(Letzterer Reim leise, fast flüsternd vorgetragen)
„Iiaah, Iiaah und auch Iiooh,
Sam, der Esel, macht dich froh.
Das beste Grauohr für die Liebe,
Seitensprung und Seitenhiebe.
Iiaah, Iiaah und Yeah für die Triebe!”

Ehrlich, so übel klang dieses Lied nach dem zweiten Esels­punsch nicht (oder war es gar schon der dritte?) und auch der Typ selbst, der hatte was. Zumindest war er nicht mehr der graue Langweiler, der er früher gewesen. Wenn der Weih­nachtshund richtig überlegte, war das alte, abgenutzte Cha­grinleder schon ein bisschen des Ku­schelns wert. Es störte Karl-Heinz nicht, dass Sam ausge­sprochen männlichen Ge­schlechts und stockbesoffen war. Das war er schließlich auch. In seinem runzli­gen Hunde­alter nahm man doch alles mit, was sich bot – im Himmel wie auf Erden. Er winkte dem ausgespro­chen depressiv wirkenden Kellner, der sich gerade in vergebli­cher Hoff­nung ein Küchentuch über die Ohren schlang: „He, mein Freund, noch ei­nen Liter von dem Stoff!”, und dabei blin­zelte er Sam, der gerade die dritte von unzähligen weite­ren Strophen begann, vielverspre­chend zu.«

Rabenhorn wurde schlecht, dieses blödsinni­ge Lied eines kuschelnden Esels schmerz­te ungeheuer sein feines, onomatopoetisch geschultes Gehör und der Refrain reimte sich nicht einmal. Was zu viel war, das war wirklich zu viel! Gut, Friederbusch war der Haus­autor, noch dazu der erfolgreichste, und es war in allen ihm be­kannten Verlagen gute Po­litik, die Geld bringenden Hausautoren mit Samt­handschuhen zu streicheln. Doch wie weit sollte die­se Übung gehen, musste er, ein Raben­horn, Germa­nist und Philosoph, sich aus reiner Existenz­angst die­sem Schwachsinn beugen? Nur, weil Friedi was mit der ranzigen Kienbauer hatte? Er besaß doch noch sei­nen Stolz … und an Weihnachtshunde und sin­gende Ku­schelesel glaubte er schon gar nicht, auch wenn Frieder­busch sie hier in seiner Heimatstadt Bromberg an der Fie­sel auftreten ließ, in der es tat­sächlich in der Mitte der Alt­stadt einen vom Volks­mund sogenannten Großen Pinkel­baum gab, um den herum der jährliche Christkindlsmarkt statt­fand.

Doch Jan Philipp Rabenhorn sollte eines Besseren belehrt werden. Schließlich herrschte die Gnaden bringende Weih­nachtszeit:

Ein Piepen seines Tablets ließ ihn auffahren. Eine E-Mail war angelangt. Als Absender prangte unüber­sehbar Ma­rie-Theres Kienbauers Adresse. „Öffnen Sie die Anlage!“, war der bündige, ein wenig bedroh­lich wirkende Text.

Rabenhorn tat wie ihm angeordnet, obwohl er eine wei­tere Einladung zu einem Schichtkohl-Essen, wel­chen sie in der Adventszeit gerne mit Zimt und Hirschhornsalz würz­te, befürchtete. Aber auf dem Touchscreen entrollte sich ein funkelnder Farbentep­pich in Rot-Grün-Gold. Daraus schäl­te sich ein er­staunlich realistisch wirkender, wenngleich zipfel­mützenbewehrter Hund in einem roten Mantel. Gleich daneben entstieg ein ebenso echt ausse­hender Esel mit Schlitten im Schlepptau einer grauen Wolke, aus der fortwährend glitzernde Schneeflocken fie­len und langsam den unteren Rand des Desktops füllten. Der Schlitten barg als einziges Weihnachtspräsent ein ge­waltiges Buch, auf dessen rotbraunem Um­schlag eine gol­dene Schrift blinkte: „Karl-Heinz, der Weihnachtshund“. Jetzt erst bemerkte Ra­benhorn die Laufschrift am unteren Rand des Bildes, in­zwischen halb im künstlichen Schnee begraben:

„Nur bei Kien­bauer: Die Sensation! Das neue Weihnachtsmärchen von Egon M. Friederbusch, dem Autor der erfolgreichen Egart-Serie. Schon jetzt ein Klassiker.“

Rabenhorn konnte nicht länger hinsehen. Wer hatte denn diese Geschmacklosigkeit mit Hilfe von Photo­shop verbro­chen? Die schreienden Farben und die grelle Auf­machung taten ihm körperlich weh.

„Wenigstens passt das Bild zum Text”, murmelte er und schloss eilig die unerfreuliche App auf dem Dis­play sei­nes Tablets. Der künstliche Computerschneehaufen blieb trotzdem unten lie­gen. Dann blickte er hinaus in den grau­en Advents­himmel, lehnte sich weit in seinem Sessel zu­rück und wartete auf den Feierabend. Im Gegensatz zu dem special effect auf seinem I-Pad ließ der Schnee in der Wirklichkeit auf sich warten.

[Zur Fortsetzung →]

Es weihnachtet sehr: Karl-Heinz, der Weihnachtshund kehrt zurück

Vorankündigung:
Traut euch und lest – Karl-Heinz beißt nicht
(Oder nur ein ganz klein wenig)

Obwohl ich inzwischen in jenem biblischen Alter bin, in dem gefühlt alle drei Monate Weihnachten gefeiert wird und mich mit dem Fest der Feste höchstens noch eine sentimentale, will sagen: larmoyante* Zwiespältigkeit verbindet, die ich irgendwie aus meiner Kindheit ins Alter herübergerettet habe, hat es mich nach diesem langen Herbst doch vollkommen überrascht, von Frau Klammerle von einem Tag auf den anderen mein trautes Heim mit geschäftiger Plätzchenbackerei, Kerzen- und Engelsdekorationen, Leuchtketten, Tannenzweige und kitschigen Nikolausfiguren durcheinander gebracht zu sehen. Plötzlich steht wieder einmal die Frage im Raum, wer was, warum und wie viel geschenkt bekommt, wer wann und wie zu Besuch kommt und ob wir nicht in diesem Jahr endlich einmal auf einen Weihnachtsbaum verzichten wollen.

engele

Unser „Ich hänge sinnfrei von der Lampe“-Engel. Frau Klammerle und ich lieben ihn; alle anderen seufzen leise bei seinem Anblick.

Der Augsburger Christkindlesmarkt öffnete bereits am Montag geschäftstüchtig seine Pforten und die anderen Weihnachtsmärkte im Wilden Westen der Stadt ziehen an diesem 1. Adventswochenende nach. Allüberall glitzern nun wieder kleine, bläulich-kalte LED-Ketten und begehrliche Kinder- und Christbaumkugelverkäuferaugen. Menschenmassen schieben sich durch die Buden und es bilden sich lange Schlangen an den Würstchen- und den Glühweinständen. Nur mich hat es diesmal kalt erwischt. In blindem Wahn übersah ich die mahnenden Vorzeichen, blendete die Lebkuchenangebote und Schokoweihnachtsmänner in den Auslagen der Geschäfte und die Werbe-Emails von Tschibo, Amazon, Zalando et al. vollkommen aus. Um so härter und unvorbereitet trifft diesmal die sogenannte staade Zeit direkt in meine Weichteile. Ich hatte vergessen, dass Weihnachten der Igel ist, gegen den der Hase Zeit noch jeden Wettlauf verloren hat. Extreme-Christkindles-Market-Going, endlose Weihnachtsfeiermarathone und sodbrennenerzeugendes Glühpunschkampftrinken prägen diese kurzen Tage und langen Nächte. Ja, ja … tschingel bells.

karl-heinz© Dagmar Herrmann, 2013

2013 war ich besser vorbereitet und hatte dem Anlass angemessen auch auf meinem Blog einige adventliche Texte und Artikel eingestellt. Dabei war unter vielem anderen auch in fünf Fortsetzungen der erste Entwurf von „Karl-Heinz, dem Weihnachtshund“ zu finden, einer Erzählung, die ich gemeinsam mit meinem leider inzwischen etwas entfremdeten Freund und Kupferstecher Hans-Dieter Heun ausgeheckt habe, obwohl inzwischen etwa 90 % des Textes aus meiner Feder stammen und der Rest von mir sorgfältig überarbeitet wurde. Allein die Idee des alten, weisen Weihnachtshundes ist Heun’sche Originalerfindung. Bei mir wäre die tierische Hauptfigur eher eine Katze geworden (siehe auch die Fortsetzung des „Weihnachtshundes“).

Der Alte Mann vom Berge, auf dessen großartigen Roman „Feenliebe“ ich bei dieser Gelegenheit besonders empfehlend hinweisen will, hatte allerdings vom Ende der erbaulichen, abenteuerlichen, zwerchfellerschütternd lustigen, herzerwärmenden, gar grusligen und intellektuell fordernden Weihnachtsgeschichte um sabbernde Hunde, singende Esel, Schichtkohl, Große Pinkelbäume, verwirrte Lektoren und mannstolle Verlegerswitwen, gefährliche Karlnickel, düstere Geheimnisse im Untergrund und einen levantinischen und shakespearesüchtigen Dönerbuden-Besitzer eine vollkommen andere Vorstellung als ich. Er ist bei Dürrenmatt in die Lehre gegangen und der Meinung, dass eine Geschichte erst dann zu Ende erzählt ist, wenn sie ihre schlimmste oder – bei ihm – die groteskeste Wendung genommen hat. Konsequenterweise ließ er den „Weihnachshund“ daher in seiner Version in einem Blutbad apokalytischen Ausmaßes enden. Ich hingegen wollte Seele und Magen meiner Leser nicht belasten und fand einen anderen, höchst versöhnlichen und auch weihnachtlich-harmonischen Schluss, den ich persönlich für den gelungeneren, zumindest aber weitaus sympathischern halte. Wer das wie HDH anders sieht, kann sich gerne über Facebook persönlich an ihn wenden und sich dort nach seiner Schlachtplatte erkundigen.

An den kommenden vier Adventsonntagen werde ich die Geschichte von Karl-Heinz, dem Weihnachtshund hier erneut als Fortsetzungs-Adventsgeschichte bloggen. Wer möchte, kann das Meisterwerk bei mir auch als Büchlein für den Gabentisch erwerben.

HDH und ich wünschen viel Spaß und herzerwämende, heiter-besinnliche Momente beim Lesen. 😉

____________

* Damit habe ich dieses Lieblingswort der Spiegel-Redakteure auch einmal benutzt.

Isabella, die Krippenkatze (Teil 5)

[Zum 1. Teil …]

Isabella, die Krippenkatze

Ein weihnachtliches Capriccio von
Nikolaus Xaver Maria Klammer.

weihnachtsband

Der erste Schritt auf dem Weg war getan.

Dargomir von Istafell nickte zufrieden und schob sein blutiges, längst schartig geschlagenes Kurzschwert zurück in die Scheide an seinem Ledergürtel und hängte sich seinen Schild über die Schulter. Dann stieg er mit entschlossener Miene über den Ringwall aus erschlagenen Eynhiriern, den er während seines langen Kampfes auf der Fallbrücke um sich herum aufgestapelt hatte.

Er ging ein paar Schritte, dann blickte er mit zusammengekniffenen Augen unter zornig herabgezogenen Brauen hinauf zu den Zinnen der finsteren Zitadelle Fynstrdarff. Die Regenschwaden, die ihm dabei entgegenpeitschten, wuschen die Blutflecken seiner Gegener aus seinem edlen Gesicht. Fynstrdarffs unüberwindbare Mauern, die aus fugenlosen und neumondsnachtschwarzen Obsidianquadern errichtet waren, stammten direkt aus den Vulkanschmieden des in der Vorväterzeit vom Himmel gefallenen Dribnisfelsens und galten als das härteste Gestein Hygëas. Die messerscharfen und wie groteske Alpträume ineinanderverschlungenen Wehrtürme dieses Bauwerks des Uralten Erzbösen ragten aus der Grabsteinebene vor dem mächtigen Ytselsgebirge so weit in den düstergrauen Himmel, dass ihre Spitzen die massiven Wolkenmassen aufrissen und es rund um die Heimatfeste des Molochs Dar‘Gyr in Ewigkeit regnete und gewitterte.

Dargomir lächelte grimmig und trat dann mit selbstsicherem, aber vorsichtigem Schritt auf das immer geöffnete Ausfalltor zu, das als einziges in die Zitadelle hinein führte. Es hatte schon viele, viele namenlose Recken und berühmte Helden verschluckt, aber noch nie einen wieder freigegeben. Ihre Körper baumelten für jeden leichtsinnigen Ritter zur Warnung in allen Stadien der Verwesung von den Obsidianmauern. Dem mächtigen Paladin Dargomir von Istafell würde dies nicht passieren! Er war der auserwählte Streiter von Belengar, des Gottes der Freien Lande. Mochte ihm Moloch Dar auch weiterhin all seine grausigen Geschöpfe und Monster entgegenschicken, die er in seinen Mauern züchtete; Dargomir würde sich wie ein Felsen in der Brandung dieser Flut entgegenstemmen, die Burg betreten und sie mit dem abgeschlagenen Kopf des Erzbösen in der Hand weider verlassen. So war es ihm vorhergesagt von der legendären Narne Skyd und nichts auf Himmel und Erde würde ihn von seinem Weg abbringen, den das Schicksal für ihn vorgezeichnet hatte. Auch nicht das Gelächter einer gewaltigen, unerträglich lauten Stimme, die ihn von oben herab verspottete:

„Dragomir der Starke kommt mich besuchen!“, rief sie kichernd und ihr Klang dröhnte in den Ohren des Paladins, der sich nur unzureichend schützen konnte, indem er die Hände an die Ohren presste. Es schien, als entstünde diese Stimme direkt in seinem Gehirn. „Welch eine Ehre!“

„Uralter Erböser! Siehe, die Zeit ist den Feind! Stelle dich deinem Schicksal!“, brüllte Dragomir und es gelang ihm tatsächlich, die Stimme in seinem Kopf auf diese Weise zum Schweigen zu bringen. Eine kurze Stille senkte sich über das blutige Schlachtfeld auf der Brücke vor dem einladend geöffenten Burgtor. „Schicke mir nur weiterhin deine ekelhaften Kreaturen und die Untoten, die du ihren Gräbern entrissen und mit deinen schwarzen magischen Künsten wiedererweckt hast, entgegen, du Vater der Lüge. Sie können mich nicht aufhalten, denn ich habe die Macht Belengars. Du jedoch hast deine widerwärtige Existenz endgültig verwirkt, als du meine Iduna ermorden ließest! Ich bin dein Richter! Ich bin dein Henker!“

„Nun, wir werden sehen, größenwahnsinniger Paladin eines kleinen, unbedeutenden Gottes“, wurde ihm dann voller Ironie geantwortet. „Noch hast du nicht einmal den Burghof von Fynstrdarff betreten.“

Dann … erklang ein furchtbares Gebrüll. Darin war nichts Menschliches. Es war der Urlaut ein entsetzlichen Ungeheuers und der Paladin wusste sogleich, was da vom Inneren der Zitadelle direkt auf ihn zukam. Und hier auf der engen Brücke gab es keine Möglichkeit, ihm auszuweichen. Dieses Gebrüll war unverkennbar der Schlachtruf von Dar‘Gyrs Schoßtier, dem entsetzlichen, feuerspeienden Drache Hymyr, der ganze Landstriche mit einem seiner glühenden Atemzüge vernichten konnte. Wo einmal seine Pratzen mit ihren mannsgroßen Klauen die Erde berührt hatten, dort wuchs in tausend Jahren nichts mehr. Dragomir atmete tief ein und suchte seine innere Mitte. Er fasste sich an seine Brust, wo er das Amulett trug, das ihm Iduna kurz vor ihrem Tod geschenkt hatte. Es pulsierte und zuckte in seiner Hand wie ein lebendiges Tier. Wie gerne wäre Dragomir nun auf seinem Ross Padra gesessen, um mit ihm gemeinsam dieser Monstrosität entgegenzutreten! Doch sein treues Pferd hatte den grausamen Ritt über die Grabsteinebene nicht überstanden und der Paladin war vollkommen allein und auf sich gestellt.

Doch er zögerte nicht länger. Jetzt entschied sich das Schicksal von Hygëa für die nächsten zehntausend Jahre, da durfte es kein Hadern und Zweifeln mehr geben! Er zog sein legendäres Zweihänderschwert Windterwynd aus dem Futteral in seinem Rücken. Die glänzenden Muskeln seiner Oberarme spielten wie mächtige Schlangen unter seiner Haut und, da er seine Kampfhaltung einnahm. Windterwynd pfiff in dem Regensturm eine heitere Melodie. Und da schob sich ein gigantisches Maul durch das Tor. Es schien nur vielen Reihen aus spitzen und scharfen Zähnen zu bestehen. Es roch nach Schwefel und Tod.

„Das hier ist nicht Betlehem, oder?“ Jemand tippte Dragomir von hinten vorsichtig auf die Schulter. Der Paladin fuhr zutiefst erschrocken herum. Ein seltsames Trio stand hinter im auf der Brücke und sah sich eingeschüchtert um. Sie waren aus einer merkwürdigen Tür aus Licht getreten, aus der es widerwärtig nach Unrat und Schsm stank. Die Gruppe bestand aus einem nassen, müffelnden und großen Hundvieh, einem merkwürdigen Esel mit roter Gnomenmütze zwischen den Langohrohren und einer Laterne im Maul, in der ein magisches Licht flackerte und einem kleinen, unscheinbaren Männlein, das der Gottesstreiter mit einem Atemzug hätte umblasen können. Das mickrige Kerlchen hatte ihn eben angetippt und fuhr nun verschüchtert fort: „Dann wollen wir nicht länger stören. Wir sehen ja, dass sie beschäftigt sind.“

Der aus dem Nichts aufgetauchte Mann – ein Zauberer von den fernen Schwürbleranfurten aus der tristen Nordmark vielleicht? Diese Magier sollten ja recht seltsam sein! – deutete erschrocken nach hinten. Verflucht und alles Pech der Hölle! Dragomir hatte den Drachen vergessen, der sich inzwischen durch das Tor gequetscht hatte, durch das er gerade so hindurchpasste und sich nun zu seiner vollen Größe aufgerichtet hatte! Deswegen wurde es ihm im Rücken plötzlich so heiß! Etwas kinsterte verbrannt und ein Feuerstoß traf den Paladin wie ein geschleuderter Speer direkt in sein geschultertes Schild. Der harte Flammenstrahl ließ ihn nach vorne taumeln. Dragomir ächzte und stolperte gegen den kleinen Schwächling, der so unvermutet aufgetaucht war. Friederbusch fiel nach hinten und setzte sich in den blutigen Matsch der Holzbrücke, der von der Hitze qualmte und in Brand geriet.

„Nein, dies ist nicht Bethlehem, bei den schwefelgelben Wasserfällen von Skydaris! Ich weiß überhaupt nicht, wo oder was das sein soll, dieses Beth— Krötenschleim nochmal!“, rief der Paladin und wirbelte auf seinen Füßen herum, ließ dabei seinen Bihänder kreisen. Die gewaltige Götterklinge traf den jadeharten Hals des Ungeheuers und brachte ihn wie einen Schrank mit Untertassen zum Klirren und Wanken. Doch vollkommen unbeeindruckt senkte sich das enorme Maul und schnappte nach Dragormir, der sich nur mit einer kühnen Seitwärtsrolle in Sicherheit bringen konnte. „Und ich bin gerade wirklich beschäftigt. Verdammnis!“, zischte er in Richtung des Trios. Dann drang von Neuem auf den Drachen des Erzbösen ein, der ihm für einen Moment seine ungeschützte, vernarbte Flanke zuwandte, wo ihn vor Jahrzehnten der Neunte Herr von Taigard verwundet hatte. Dies war die einzige Stelle, wo Hymyr verletzt werden konnte!

Der Weihnachtshund nahm Friederbusch am Kragen und zog ihn ein wenig zurück aus der Gefahrenzone.

„Ich gebe zu, das war ein kleiner Irrtum“, räumte Karl-Heinz kleinlaut ein und wirkte ein wenig ärgerlich. Von seinem verbrannten Fell kräuselte sich ein kleiner Rauchfaden empor. Er stupfte Friederbusch mit der Schnauze an, der mit dem Hintern im dampfenden Schlamm wie in einer Sauna saß und fasziniert den entscheidenden Kampf des mutigen Helden mit dem geflügelten, giftiggrünen Drachen verfolgte, der den Ritter um eine Haushöhe überragte. Sein größter und sehnlichster Wunsch, einmal wirklich in ein Fantasy-Abenteuer zu geraten, war eben spektakulär in Erfüllung gegangen. „Offensichtlich war das die falsche Abzweigung und bestimmt die falsche Tür, durch die wir gestolpert sind. Die führte uns wohl geradewegs in die Unwahrscheinlichen Welten. Gut, dann haben wir das jetzt auch gesehen. Aber jetzt gehen wir besser wieder. Kommst du auch oder willst du noch ein wenig zugucken?“

[Die Fortsetzung folgt am nächsten Sonntag.]

Isabella, die Krippenkatze (Teil 4)

[Zum 1. Teil …]

Isabella, die Krippenkatze

Ein weihnachtliches Capriccio von
Nikolaus Xaver Maria Klammer.

weihnachtsband

Die von der Haustür des Nachbarn gestohlene Laterne, die Singing Sam an ihrem Bügel im Maul trug, schickte das unsichere, flackernde Licht ihrer künstlichen LED-Kerze in die Finsternis. Der Esel ging voran und konnte wegen seiner Last im Moment weder singen noch reden -, was die beiden, die ihm folgten, nicht eben als Nachteil empfanden.

„Was willst du damit sagen, es würde keine Krip­penkatze geben?“, fragte Friederbusch noch immer vollkommen verwirrt und wandte seinen Kopf zu­rück zu dem Weihnachtshund, der direkt hinter ihm ging. Was er sagte, hörte sich an wie:

Wms wmisd dm dmd sgnm, ms wümde kne Kmdmkm­den gmbn?“, denn der Autor vermied es, durch die Nase zu atmen, denn der Gestank in den Kanälen tief unter der Stadt war grauenvoll. Karl-Heinz verstand ihn trotzdem, denn als fünfhundertjähriger Weihnachtshund verstand er alle Sprachen, Dialekte und Tierlaute der Welt.

„Wuff, ich weiß nicht, wie die Katzen-Viecher es geschafft haben. Aber die ursprüngliche Weihnachtsgeschichte wurde vollkommen verändert“, antwortete er geduldig und erzählte zum zehnten Mal seine Geschichte. Er benötigte Friederbusch und seine zehn Finger mit den abspreizbarem Dau­men, deshalb musste er ihn in der Kanalisation von Bromberg bei Laune halten. „In der Version, die ich kenne – der alten, einzig wahren – kam keine einzige Katze vor. Da schlummerte das Jesuskindlein bei Ochs und Esel allein in der Krippe. Irgendjemand hat in der Vergangenheit herumge­pfuscht und ich bin überzeugt, dass es einige beson­ders bescheuerte Katzen waren … nicht, dass es auch noch andere gäbe.“

Friederbusch, der Katzen mochte und es nicht dul­den wollte, wenn man unfreundlich über diese herrlichen, geschmeidigen und anschmiegsamen Tiere sprach, die Gott wahrscheinlich extra für Schriftsteller erfun­den hatte, drehte sich halb nach hinten und wollte empört etwas einwenden, denn war der Meinung von Charles Bukowski: Er mochte Hunde lieber als Menschen, aber er mochte Katzen lieber als Hunde. In seinem Eifer stolperte er tollpatschig über den scharfkantigen Rand des gemauerten Weges, der eine Handbreite über der stinkenden Abwasserbrühe in der Mitte des Kanals verlief und trat mit dem rechten Fuß tief in die eklige Flüssigkeit hinein, die eiskalt in seinen Schuh schwappte. Warum hatte er nur auf Karl-Heinz gehört und sich sommerlich gekleidet, anstatt seine hohen Winterstiefel anzuziehen?

Schsm!“, schimpfte er und zog sein Bein aus der Brühe. Er war nicht dabei gewesen, beim gewaltigen, apokalyptischen Kampf gegen den Karlnickel-König, aber Jan Philipp Rabenhorn, sein Lektor beim Kienbauer-Verlagshaus, hatte ihm später erzählt, es habe damals hier unten alles hübsch weihnachtlich nach Tannennadeln, Oran­genschalen, Lebkuchen und Mandelkern gerochen, die Wände hätten heimelig geleuchtet und in den klaren Wassern der Kanäle wären allerlei muntere Makronenfischlein, Zimtseesterne und Bethmännchenkrebse geschwommen. Doch diesmal müffelte es nur nach dem Abfall, den die Menschen oben in der Stadt gedankenlos in ihren Toiletten ent­sorgten. Es herrschte, von der trüben Lampe abgesehen, die Singing Sam im Mund hielt, stockfinsterschwärzestnachtene Dunkelheit in der muffigen Kanalröhre vor und die einzigen Tiere, die zwischen den unidentfizierbaren Brocken durchs Wasser flitzen, waren riesige, aufgeschreckte Ratten. Wahrscheinlich hatte Rabenhorn seine rosigen Kanal-Erinnerungen seinem nicht unerheblichen, jahrzehntelangen Konsum von lange gelagertem irischem Whiskey zu verdanken.

„Fein, fein“, murmelte Friederbusch kaum verständlich, zog sich den durchweichten Segeltuchschuh und den Socken mit einem Nikolaus-Motiv aus. Ersteren entleerte er auf den Boden, den Strumpf, den er als kleine Anspielung an seinen Konkurrenten Nikolaus Xaver Maria Klammer trug, wrang er aus, bevor er beide wieder über seinen feuchten Fuß zog. Es quietschte, wenn er einen Schritt machte. „So weit, so gut. Katzen sind ins biblische Jahr Null gereist …“

„Es gibt kein Jahr Null“, unterbrach ihn Karl-Heinz gereizt. Er spürte ein Jucken zwischen den Nasenwurzeln. Wie hatten es die Menschen nur bis zum heutigen Tag geschafft, sich nicht aus Dummheit selbst auszurotten? „Wie oft soll ich dir das noch erklären? Es gibt ein Jahr Eins vor und ein Jahr Eins nach Christus. Aber keine Null, die wurde erst im 5. Jahrhundert erfunden. Und die Katzen müssen sich übrigens ins Jahr 6 v. Chr. geschlichen haben, und zwar exakt zum Ante Diem VII Kalendas Apriles, den heutigen 26. März und haben dort in die Zeitlinie eingegriffen. Der 26. März istder historische und tatsächliche Geburtstag von Jesus und nicht der 24. Dezember, den wir heute feiern. Aber behalte dieses Geheimnis der Alchimisten, das ich vom Karlnalrumpelstilz persönlich erfuhr, für dich.“

Friederbusch bekam Kopfschmerzen. War diese Geschichte ein spannendes Weihnachtsmärchen oder ein fader mathematisch-historischer Exkurs? Mathe und Geschichte waren seine absoluten Leidensfächer in der Schule gewesen. Die eine verstand er nicht, die andere pfuschte ihm ständig ins Handwerk. Ihm ging dieser neunmalkluge Weihnachtshund langsam gehörig auf die nassen Socken. Warum hatte er sich nur zu diesem Abenteuer überreden lassen?

„Das sei mal dahin gestellt,“ mumpfelte er in sich hinein. Als Fantasy & Science Fiction-Autor kann ich das Konzept einer Zeitreise mit all ihren Konsequenzen für die Gegenwart verstehen, aber ich habe doch noch zwei, drei Fragen. Wäre dies ein Buch, wäre es meine Aufgabe, dem verwirrten Leser mit genau diesen Fragen auf die Sprünge zu helfen. Also, Frage Eins: Wenn die Katzen die Zeit verändert haben, warum weiß ich nichts davon und du und Sam schon?“

„Du vergisst, dass wir mystische Geschöpfe sind, geschaffen von einem Rumpelstilz in den Karlnickelwäldern, von denen nurmehr unser Großer Pinkelbaum oben auf dem Marktplatz steht. Wir schweben über den Zeiten und sind uns ewig gleich. Wir vergessen nichts.“

Singing Sam, der Weihnachtsesel

Sam zwinkerte Karl-Heinz ironisch und zweifelnd zu, aber der alte Weihnachtshund entschied sich, ihn zu ignorieren. Friederbusch nickte. „Hm… Frage Zwei: Wie gelangen wir nach Palästina und ins Jahr Null?“

„Weihnachtsstollen- und Lamettabruch! Bei Herodot und Polybius! Was habe ich dir gerade erklärt, du Null, du? Es gibt kein Jahr Null!“ Er sammelte sich. Schriftsteller! Gab es noch uneinsichtigere, starrköpfigere und dümmere Gesellen – von Politikern einmal abgesehen? Dann hob Karl-Heinz stolz den Kopf. Seine Stimme wurde feierlich und getragen und ihr Echo trug sie weit in die Finsternis, die mit einem Mal wie die Angstpfeife einer mittelalterlichen Orgel brummte.

„Höre, kleiner, unbedeutender Mann und verneige dich vor dem Unbegreiflichen, dem Wesen der Weihnacht: Die Wurzeln des Großen Pinkelbaums reichen tief und breiten sich unter Bromberg in alle Himmelsrichtungen aus. Er ist ein Ableger des gewaltigen Weltenbaums Yggdrasil. Seine Wurzeln führen überallhin, haben sich hineingebohrt in alle Zeiten, Geschichten, Räume und Orte, die du dir mit deinem kleinen Verstand nur vorstellen kannst und viele, viel mehr, die weit über ihn hinausgehen. Die Miriaden von Karlnikel haben sich jahrhundertelang ins Erdreich gebohrt, haben sich entlang dieser Wurzeln ausgebreitet, haben ihre Gänge und Wege an ihnen entlang gegraben, sich von ihnen ernährt und dabei die Anfänge dieser Katakomben unter der Stadt errichtet, die das Karlnalrumpelstilz mit Hilfe seiner Geschöpfe später befestigte und zu dieser unterirdischen Welt unter der Welt ausbaute. Von hier aus kommst du im Wortsinn überall hin: In andere Welten zum Beispiel, tatsächliche und erfundene und eben in alle möglichen und unmöglichen Vergangenheiten und Zukünfte. Du gelangst durch die Gänge nach Pangea und zu den Tümpeln, in denen sich die ersten Amöben tümpelten und fraßen. Du kannst den Bau der Pyramiden bestaunen und die Invasion der schlotzig-klebrigen Dreifüßer vom Arkturus im Jahr 25672. Du gelangst an Orte, die so fremd sind, dass sich dein Verstand verflüchtigt, wenn du sie erblickst, direkt hinein in die staubigen, regenbogenfarbigen Ringe des Enceladus,zwischen die platzenden Galaxienschmieden von Isbekan, die schwarz-weißen Löcher von Telvis und sogar bis in den Keller von Tabor. Meine unfehlbare Nase wird uns leiten.“

Friederbusch wartete geduldig, bis der Nachklang von Karl-Heinzens Stimme verstummt war. Das waren zwar gewaltige Worte gewesen, aber für ihn als Fantasy-Autor war das nur Hausmannskost. Er hätte das tausendmal besser, dramatischer und epischer formulieren können. Aber schließlich hatten die drei Helden an diesem Tag noch etwas anderes vor. „Frage Drei und dann gebe ich Ruhe: Und wie sind die Katzen in die Vergangenheit gelangt? Auf dem gleichen Weg?“

Karl-Heinz machte eine wegwerfende Pfotenbewegung. „Nur ein Weihnachtshund kann den Weg hier unten finden. Diese Schrödiger-Katzen – pff … Die sind eh nicht ganz von dieser Welt. Man weiß nie, ob sie da sind oder nicht. Ihre Natur ist nicht so stofflich wie die anderer Lebewesen, sie ist durchlässiger. Sie diffundiert. Eine Katze kommt überall hin, wenn sie will. Und diese wollten offenbar …“

„… ins Jahr Null!“

Durch die Gänge hallte das einsame und verzweifelte Heulen eines frustrieren Weihnachtshundes.

[Zum 5. Teil …]

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