Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Archiv für das Schlagwort “Kapitel 8”

Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 8 – Teil 12)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

„Das Ende meiner Geschichte kann in den Geschichtsbüchern des alten Bingh-Reiches und in Lakmis eigenen Aufzeichnungen, die glücklicherweise die Zeiten überdauert haben, nachgelesen werden.

Der URS brachte das tapfere Mädchen ohne Zwischenfälle in Sicherheit. Der pferde- und auch fahrerlose Wagen steuerte in atemberaubender Geschwindigkeit gen Westen an den Rand des Schlachtfeldes und noch ein Stück darüber hinaus in Wüstennacht hinein, bis er stoppte und seinen Passagier entließ. Kaum hatte Lakmi ihr Gefährt verlassen, nahm es wieder Fahrt auf und kehrte auf den Reifenspuren, die es hinterlassen hatte, wieder zurück. Lakmi sah sich um und wurde von Lichtern angelockt, die nicht allzu weit entfernt in einer Senke flackerten. Von TYCHO geführt stieß sie noch in der selben Nacht auf eine winzige Oase inmitten der öden Toten Wüste. An ihr lagerte eine kleine Karawane, die schweren Süßwein aus dem barbarischen Süden gen Karukora beförderte und von ihrem Weg abgekommen war.

Die Oase lag jenseits der Handelsrouten und war nur wenigen Karawanenführern bekannt. Sie wurde wegen ihrer Nähe zu den Schlachtfeldern gemieden, aber ein Sandsturm, dem man ausweichen wollte, hatte den Handelszug zu Lakmis Glück von seinem ursprünglichen Pfad abgebracht. Die plötzlich aus dem buchstäblichen Nichts auftauchende Frau wurde von den erstaunten Händlern freundlich aufgenommen und kehrte mit ihnen gemeinsam nach fünf Tagen zurück in ihre Heimatstadt, in der sich schnell das Gerücht über das Mädchen verbreitete, das die Schlachtfelder des Ewigen Krieges bereist hatte – und wieder heimgekommen war. Es dauerte nicht lange, dann gelangte diese unerhörte Geschichte auch vor den Thron des Namenlosen, der sich in sie verliebte und um sie freite. er musste jedoch noch viele Jahre warten, bis die tapfere Lakmi sein Werben erhörte.

Als erstes jedoch eilte Lakmi zurück zu ihren Eltern, die längst alle Hoffnungen hatten fahren lassen, ihre Tochter einmal wieder lebendig in die Arme schließen zu können. Wie ich euch bereits berichtete, schaffte sie es mit der Hilfe ihres Zauberstabes, ihren siechen Vater Lafar von seiner schweren Krankheit zu heilen. Und als übers Jahr ihre Brüder von ihren Abenteuern zurückkehrten, fanden sie den gesunden Bürstenmacher fröhlich pfeifend und werkelnd in seiner Werkstatt vor. Was war das für eine fröhliche Familienzusammenkunft!

Lakmi-âs-Sekr war jedoch schon längst wieder weitergezogen, denn ihr Fernweh war eine der Krankheiten, die auch ihr TYCHO nicht zu heilen vermochte. Ich kann euch leider nicht mitteilen, ob sie bei ihren Reisen schließlich bis nach Pardais gelangte und dabei ihre Karte vom Weg, der in den Tag führt, benutzte. Ich weiß auch nicht, was aus ihrem Zauberstab TYCHO geworden ist. Aber es gibt schon viele Jahrhunderte das hartnäckige Gerücht, Lakmi hätte beide – die Karte und den Stab -, irgendwo im alten Palast von Karukora verborgen. Vielleicht sind diese Artefakte ja beim Großen Brand verloren gegangen, vielleicht warten sie noch immer auf einen mutigen Entdecker …

Was jedoch Asgëir, den Delphi und Unsterblichen, betrifft: Er wartete noch lange vergeblich bei der Falltür in den Ruinen auf Lakmis Rückkehr aus dem Worum. Endlich jedoch, nach vielen, vielen Monaten – Zeit bedeutete ihm ja wenig-, gab er die Hoffnung auf, schulterte resigniert sein Gepäck und suchte an anderen Stellen auf der Welt nach den restlichen Stäben der Macht, die wiedervereinigt die gewaltigste Waffe, die die Erde je gesehen hatte, wären. Diese Stäbe fanden dann tatsächlich vor gut zehn Jahren im Land des grausamen Zares Sander XII. zueinander und das Schicksal von Asgëir erfüllte sich.“

Alis zögerte nur kurz.

„Aber das ist eine weitere Geschichte nach der Geschichte und ich will sie euch an einem anderen Tag erzählen“, endete er dann mit fester Stimme und wartete geduldig auf den Lohn des Erzählers, den Beifall seiner Zuhörer. Er setzte nach einem kleinen, zögernden Augenblick der Stille tosend ein.

Der Vezir Ómer, den seit geraumer Zeit eine beinahe unwiderstehbare Schläfrigkeit die Augenlider beschwerte, hätte seinen Einsatz, als er endlich, endlich, nach so vielen Worten am Ende von Alis‘ Geschichte kam, beinahe verpasst. Es war der donnernde Applaus, der ihn grunzend aus seinem Halbschlaf aufschrecken ließ. Der kleine Mann mit dem riesigen Turban sprang wie unter Strom gesetzt wieselflink auf die Beine und achtete nicht auf seinen Stuhl, der hinter ihm umfiel und zu Boden krachte. Er war nicht der einzige, der sich erhob. Im Publikum waren viele klatschend aufgestanden, um Alis für seine lange Geschichte zu danken. Manche waren tatsächlich begeistert, aber die meisten schenkten doch nur Beifall, weil sie damit diesen Teil des Abends endlich hinter sich gebracht hatten und nun die Nachspeisen gereicht würden. Auch die Tische mit den Adligen, den Würdenträgern, den vornehmen Gästen und den Diplomaten standen geschlossen von ihren Stühlen auf und applaudierten – alle außer dem Namenlosen selbstverständlich, denn es war nicht mit der Würde seines Ranges als Herrscher vereinbar, vor einem einfachen Märchenerzähler zu stehen. Doch auch er gab freundlichen Beifall.

Deshalb fiel nicht weiter auf, dass der Vezir den Soldaten, die den Raum bei der Eingangstür bewachten, ein aufforderndes Handzeichen machte. Einer von ihren öffnete geschwind die große Flügeltür und der Ser’Asker Paşa Ultem kam mit ein bewaffeten Trupp seiner Männer herein. Die Hände der Soldaten lagen auf ihren Schwertern und hinter ihnen wurde die Tür sofort wieder verschlossen. Der vom Vezir bestochene höchste General Karukoras schritt von seinen treusten Männern gefolgt durch die Tischreihen der Klatschenden langsam nach vorne zur Empore, direkt auf den Namenlosen zu, der ihn überhaupt nicht zu beachten schien. Auch der aufmerksame Hauptmann Galves, der nun hinter seinem Regno stand, und Sahar neben ihm bemerkten davon nichts – der verkleidete Mönch, weil er neidisch Alis‘ Verbeugungen beobachtete und Galves, weil er besorgt sah, dass sein Fürst beim Aufstehen schwankte und sich dann stöhnend gegen die Tischplatte stützte. Hatte der Bär zu viel getrunken? Das konnte Galves sich bei Raul, der lachend ganze Metfässer leerte und anschließend mit seinen stärksten Kriegern rang, eigentlich nicht vorstellen.

Ómer öffnete gerade den Mund, um den Befehl zu geben, den Namenlosen gefangen zu nehmen, da kam dieser ihm zuvor: Mit einer lauten und beißend scharfen Stimme, die dem jungen „Unterwerfer“ niemand im Saal zugetraut hätte – zu allerletzt sein Vezir -, forderte er Ruhe. Überrumpelt blieb Ómer stumm. Der Applaus endete und eine atemlose Stille lag über dem Raum. Alle starrten gebannt nach vorne. Der Blick des Herrschers ruhte jedoch ruhig auf den Elitesoldaten, die gemeinsam herantraten. Jetzt erhob auch er sich gelassen von seinem Platz.

Ser’Asker Ultem!“, sprach der Namenlose den alten Soldaten an, der die Bühne neben Alis erklommen hatte und wenige Schritte vor ihm stehenblieb. „Wer ist dein Herr? „Wer ist dein Herr? Wem gehört deine Treue?“

„Wer meine Männer und mich am Besten bezahlt“, erwiderte der General trocken und zog sein Schwert. Seine Soldaten taten ihm gleich. Der Namenlose schmunzelte unter seiner goldenen Maske und ihre roten Edelsteinaugen sprühten Feuer. Sahar spürte die Gefahr und trat zurück, damit er den Platz hatte, seine versteckte Klinge zu ziehen, die er in den Speisesaal geschmuggelt hatte. Wo war eigentlich die vermummte Dienerin der Miladí da Hiver abgeblieben? Gerade war sie doch noch hinter ihrer Herrin gestanden. Es war, als hätte sie der Erdboden verschluckt. Sahar sah sich um, konnte sie aber nirgendwo entdecken. Dafür bemerkte er, dass die Leibwache des Herrschers in seinem Rücken langsam ihre Piken senkte. Was ging hier vor?

„Und wer bezahlt dich am Besten?“, unterbrach der Namenlose Sahars Gedanken. Ultem und seine Begleiter gingen vor ihrem Herrscher in die Knie und stützten ihre Hände auf ihre Klingen, die sich vor sich hielten.

„Das seid selbstverständlich ihr, mein gnädiger Herr“, sagte er ruhig. Ein abfälliger Blick streifte Ómer, dessen Beine plötzlich butterweich wurden. „Der Vezir ist ein elender Geizhals. Möge die Allerbarmende ihn verfluchen!“ Ultem spuckte aus.

Verraten! Ómers schöner Plan war an den Namenlosen verraten! Wie ein Tier in der Falle warf der Vezir den Kopf hin und her, doch nirgendwo schien es ein Entkommen für ihn zu geben. Doch wer hatte ihm das angetan? Bestimmt sein Rivale Radik Emre, auch wenn er sich nicht vorstellen konnte, wie der törichte Seneschall, der am Rand des Tisches voller Verblüffung seine Augen aufriss, davon erfahren hatte – oder vielleicht … Omers irrender Blick fiel auf Alis, der unauffällig zur Seite trat und dabei süffisant in seine Richtung lächelte.

Der Namenlose beendete das Schauspiel mit einer wegwerfenden Geste.

<p style=“text-align: justify;“„Wachen!“, rief er, „nehmt diese Küchenschabe Ómer und schließt sie weg. Ihr jämmerlicher Anblick macht mich krank.“ Zwei Treuwächter rannten an Sahar vorbei nach vorne und ergriffen den Vezir an den Armen, der sich nicht wehrte und nur erschüttert den Kopf schüttelte. So schnell war noch nie ein hochfliegender Plan vernichtet worden.

Dann verbeugte sich der „Unterwerfer“ galant vor Miladí und dem käsebleichen Bären, auf dessen Stirn dicke Schweißtropfen standen.

„Verzeiht mir bitte dieses unerfreuliche Intermezzo – ein kleines, internes Problemchen, das uns nicht weiter den Abend verderben sollte. Ich bin neugierig, welche Desserts uns der Küchenchef gezaubert hat.“

Die schöne Miladí erwiderte die Geste des Namenlosen mit einem zynischen Lächeln auf den vollen Lippen. In diesem Moment kippte der Regno Raul vornüber und klatschte geräuschvoll mit Bauch und Gesicht auf den Tisch. Durch die Erschütterung kippten alle Kannen und Gläser um und ihr Inhalt ergoss sich wie Blutflecken auf die Tücher. Die Gesandte der Fünf Städte und der Namenlose fuhren zurück. Galves hatte seinem Herrn noch zu Hilfe eilen wollen, aber er kam zu spät. Er beugte sich fassungslos über seinen Herrn und legte zwei Finger seiner Rechten an dessen Hals.

„Mein Regno ist tot“, stellte er dann mit versteinerter Miene fest.

Dann brach in dem Saal das Chaos aus.

_______

Ende des 8. Kapitels

[Hier gehts zum 9. Kapitel …]

Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 8 – Teil 11)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

Lakmi trat ohne Zögern ein und sofort schloss sich die Tür. Die Wände erzitterten. Kurz hatte sie ein ungewohntes, hohles Gefühl im Unterleib, das allerdings sofort wieder verschwand. Irrte sie sich oder wurde sie mitsamt dem Raum in die Höhe gezogen? Bevor sie sich darüber weiter Gedanken machen konnte, war der Aufzug, in dem sie stand, auch schon an seinem Ziel angekommen und seine unscheinbare Tür öffnete sich an der Rückseite einer gewaltigen Halle, in der sich Lakmi wie eine Ameise unter Machmouts fühlte. Linkerhand standen eine kaum übersehbare Anzahl von Kriegs- und Flugmaschinen und hohe, gepanzerte Wägen auf mannshohen Rädern, deren Sinn dem Mädchen nicht deutlich wurde. Alles war um ein Vielfaches größer und beeindruckender, als die Wächtergoleme, denen sie bislang in den Kasematten unter den Ebenen begegnet war. Und das war noch nicht alles: Auf der rechten Seite ruhte ein bewegungsloses Heer mechanischer Soldaten, Reihen um Reihen um Reihen bildeten sie dort – es mussten hunderttausende sein! Die einzige Bewegung, die es hier unten in der schlafenden Halle gab, wurde wieder von den Deltas erzeugt. Diesmal waren es Myriaden von ihnen, die überall etwas zu reparieren oder zu erneuern hatten und auf ihren undurchschaubaren Wanderungen zwischen all dem Kriegsgerät unterwegs waren. Hier lag endlich auch Schnee auf dem Boden zwischen den Beinen der eisernen Soldaten. Nach ihm hatte Lakmi bisher vergeblich Ausschau gehalten. Zuerst hielt sie ihn für weißen Wüstensand, aber als sie mit ihren dünnen Schuhen in ihn hineintrat und bis zu den Knöcheln einsank, erkannte sie, was das war. Leider blieb ihr nicht die Zeit, hinunter zu greifen und das kalte Wunder, das uns mein würdiger Vorredner so eindrücklich beschrieben hat, in die Hand zu nehmen und zwischen den Fingern schmelzen zu lassen, denn ihr Zauberstab drängte sie weiter.

TYCHO zog Lakmi zwischen den schwerbewaffneten Legionen hindurch zu einer Rampe am anderen Ende der Halle hin, die dem Mädchen meilenweit entfernt schien. Atemlos schlich sie sich mit ihrem Führer, dessen blaues Licht nur noch ganz schwach leuchtete, durch die erstarrte Armee. Jene würde sich – wahrscheinlich auf den Befehl von EDY hin – mit dem Ausbruch der Nacht in Bewegung setzen und eine weitere sinnlose Schlacht gegen ihre ebenso mächtigen Widersacher ausfechten. Wovon träumten diese Golemsoldaten mit ihren erloschenen Augen, die seit Jahrtausenden Krieg führten? Lakmi wagte kaum zu atmen und der Weg, der ihr schier endlos erschien, zog sich immer länger und länger dahin. Die Spur, die sie im Schnee hinterließ, wurde hinter ihr immer länger und nur selten von eiligen Deltas durchkreuzt.

Was würde mit ihr geschehen, wenn sie noch bei Dämmerung hier unten war? Welch ein Hass musste in den Herzen der Erbauer dieser Maschinen gekocht haben, wenn ihre zu Stahl gewordenen Mordgelüste sie selbst um Jahrtausende überlebt hatten?

Endlich, nach einem eiligen Fußmarsch von über zwei Meilen, erreichte Lakmi mit halb erfrorenen Füßen die Rampe, die mit einer leichten Steigung nach oben und wahrscheinlich an die Oberfläche führte. Doch ihr Zauberstab wollte nicht, dass sie die Rampe, die dem Aufmarsch der Armee diente, betrat. Er führte sie zur Seite, an der sich eine durch ein Gitter eingefasste Wendeltreppe hinauf und durch die Decke drehte. Auch sie endete in einem kleinen, leeren Raum. Als Lakmi durch dessen Tür schließlich wieder ins Freie trat, traf sie – inzwischen an die kalten und düsteren unterirdischen Hallen gewöhnt – die Hitze und Helle der Wüste wie ein Schlag ins Gesicht. Sie taumelte und lehnte sich gegen die Wand des Bunkers, aus dem sie getreten war. Erst jetzt bemerkte sie, dass sie seit vielen Stunden nichts mehr gegessen und getrunken hatte.

Verzweifelt sah sich Lakmi um. Es war bereits spät am Nachmittag. Außer dem niedrigen Gebäude gab es in ihrer Umgebung nur staubige Dünen, Sand und zu Glas gekochte Flächen, die im unbarmherzigen Sonnenlicht wie Seen funkelten. An manchen Stellen ragten Schrott und verbogene Eisenteile aus dem toten Boden; Überbleibsel der nächtlichen Schlachten. Wohin auch immer sie TYCHO gebracht hatte: Das Mädchen war weit, weit weg von den Überresten der alten Stadt, bei denen der Delphi auf sie wartete, und auch von ihrem Gepäck und ihren Vorräten, die dort lagerten. Lakmi begann an der Macht ihres Stabes zu zweifeln. Er hatte sie zwar aus der unterirdischen Festung geführt, jedoch nur mitten hinein in das Schlachtfeld, dessen Rand sie niemals bis zur Nacht erreichen konnte. War es ihr Los, das erste menschliche Opfer dieses Krieges seit Jahrhunderten zu werden?

Lakmi begann an der Macht ihres Wunderstabes zu zweifeln. Sie konnte nicht einmal zurück in die Kasematten gehen und sich irgendwo in einem Winkel verstecken, denn die Tür des Bunkers, die hinter dem Mädchen zugefallen war, hatte an ihrer Außenseite keine Klinke. Lakmi wog den Stab.

„Ach, TYCHO,“ fragte sie resignierend, „was sollen wir denn jetzt tun?“

Diesmal legte ihr der Stab keine Worte in den Mund oder zog sie in eine Richtung. Er summte leise in ihren Händen und das blaue Licht an seiner Verdickung erlosch. Da saß sie nun, besaß mit der Landkarte und dem Stab der Macht zwei der wertvollsten Gegenstände der Welt, und konnte sich nicht mit ihnen in Sicherheit bringen.

Doch ihr, meine geduldigen Zuhörer, die ihr mir bisher so treu zugehört habt, ihr wisst es schon: Lakmi-âs-Sekr, die man auch die Unerschrockene nannte, überlebte und kehrte zu ihrem Vater heim, den sie mit Hilfe ihres Zauberstabs heilte. Sie würde noch viele Reise in alle vier Winkel der Welt unternehmen, bevor sie die Hauptfrau des „Harmonischen Bambusrohrs“, des siebten Namenlosen von Karukora, wurde und ihre Erlebnisse für uns Nachgeborene aufschrieb.

Und dies geschah so: Die Sonne stand bereits nur noch zwei Handbreiten aufgebläht über dem Firmament als eine flimmernde, orangene Kugel, deren unterer Rand durch die Hitzeschlieren der Wüste abgestumpft war. Das tapfere Mädchen hatte schon alle Hoffnungen fahren lassen, als plötzlich eine dünne Staubfahne über den Dünen wehte. Sie konnte keine durch ein mutwilliges Spiel des Windes entstandene Windhose sein, sondern wurde durch ein bald sichtbar und nun schnell größer werdendes Gefährt geschaffen, das sich Lakmi und dem Bunkerausgang in erheblicher Geschwindigkeit näherte. Es war ein scheinbar von Zauberkraft angetriebener, achträdriger Wagen, der sich mühe- und übrigens auch beinahe geräuschlos durch den zu Staub zerriebenen Sand auf sie zubewegte.

Lakmi kniff die Augen zusammen.

„URS“, stellte sie fest und stand auf, wartete auf den Wagen. TYCHO, der den URS angefordert hatte, hatte ihr das merkwürdige Wort eingeben und auch eine Vorstellung davon, was URS eigentlich war. Sie hatte ein Bild vor Augen, das sie selbst zeigte, wie sie ins Innere des Wagens stieg, dort auf einem der am Boden festgemachten niedrigen Sitze Platz nahm und sich anschließend ungefährdet an den Rand des Schlachtfelds kutschieren ließ. URS – das wusste sie mit einem Mal, als hätte sie es in der Schule gelernt – das waren Transportfahrzeuge, die Menschen und Material durch die Tote Wüste fuhren und auch Reisende und Flüchtende nach Pardais brachten, wenn diese den richtigen Schlüssel besaßen.

„Danke, TYCHO“, sagte sie, als alles so geschah, wie ihr es der Zauberstab gezeigt hatte.

[Hier geht es weiter …]

Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 8 – Teil 10)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

„Ihr Narren …“, murmelte EDY, nun merklich leiser, resignierend. Sein aufgeblähter Kopf flackerte und wechselte mehrmals die Farbe, dann verschwand er für einen Moment.

Gleichzeitig begann der Stab, der aufrecht genau in der Mitte des runden Tisches in einem Loch steckte, an seiner birnenförmigen Verdickung oben zu blinken. Er tauchte den Worum auf diese Weise in ein gespenstisches, blaugrünes Licht. Lakmi runzelte die Stirn.

Konnte es wirklich so einfach sein? War es die ganze Zeit direkt vor ihren Augen gewesen? War dies vielleicht jener Stab der Macht, nach dem Asgëir suchte?

Kurzentschlossen kletterte sie auf den Tisch, beugte sich herab und ergriff den Stab. Für seine Länge von etwa einem Fuß wirkte er zu dick und zu klobig. Aber das ihr vollkommen unbekannte Material, aus dem er hergestellt worden war, fühlte sich glatt und warm an. Er ließ sich mühelos aus seiner Verankerung in der Tischplatte lösen und glitt ohne Widerstand aus der Öffnung, in der er bisher einen Finger tief gesteckt hatte. Für einen Moment blitzte eine knisternde Funkenstrecke zwischen der stumpfen Unterseite des Stabes und dem Loch. Lakmi richete sich auf.

Da erschien direkt vor ihr erneut der Kopf von EDY. Sie wich erschrocken vor dem Gespenst zurück und wäre dabei beinahe rückwärts vom Tisch gefallen.

„Wage es nicht!“, explodierte die Stimme des Dschinn in ihrem Kopf und Lakmi hatte das Gefühl, ihr würde in diesem Augenblick der Kopf platzen. Sie knickte ein und fiel schwer auf ihre Knie.

„Stecke den Stab zurück in sein Interface. Niemals darf er mit seinen restlichen Komponenten zusammen kommen! Ihre gebündelte Macht würde die Welt zerreißen.“

EDYs Stimme überschlug sich und hallte wie der Donner einer Kanone. Sterne aus Licht tanzten vor Lakmis Lidern, die sie krampfhaft geschlossen hatte. Tränen liefen ihre Wangen hinab und der Schmerz, der in ihr tobte, war kaum mehr auszuhalten. Verzweifelt presste sie ihre freie Hand gegen ihre Stirn, doch das half nicht gegen den Druck, der von innen gegen ihren Schädel prallte.

„Schweig endlich“, schrie sie in höchster Not. „Schweig! Schweig …“

Sie klammerte sich mit dem Rest ihres Verstandes an dem Wort fest, damit er von dem Orkan in ihrem Inneren nicht unrettbar davon geweht wurde. Sie wusste: Nur noch dieses „Schweig!“ stand zwischen ihr, dem Wahnsinn und dem Verlust ihrer Seele. EDY war dabei, sie zu brechen.

Doch da vibrierte mit einem Mal der Stab in ihrer Hand, erwachte zum Leben. Das blaue Licht an seinem dicken Ende leuchtete gleißend auf und tauchte den Worum in ein helles Türkis, als befände er sich im Inneren eines funkelnden Opals. Von dem Licht ging eine seltsame, beruhigende Wirkung aus. EDYs Kreischen wurde augenblicklich leiser und leiser und war dann nur noch in heiseres Flüstern in Lakmis Ohren. Gleichzeitig ließen ihr Schädelweh nach und sie wurde sich der Anwesenheit eine weiteren Geists in ihrem Kopf bewusst. Von ihm ging ein wortloses und wohltuendes Summen aus; in einem Tonfall, mit dem eine Mutter ihr schreiendes Kind beruhigt. Wie in dem Tisch, so musste auch in dem Stab ein mächtiger Dschinn wohnen und seine Kraft war wohl noch größer als die von EDY. Ohne zu wissen auf welche Weise, hatte Lakmi ihn gerufen und nun stand er ihr bei. Der Stab lag dabei angenehm warm und leicht zitternd in ihrer Hand und passte dort so selbstverständlich hin, als wäre er mit ihren Fingern verwachsen. Auf eine unbestimmbare Weise fühlte sich dieser Zauberstab so an, als wäre er schon immer ein Teil von ihr gewesen. Er war wie ein Stück ihrer selbst, das sie irgendwann einmal verloren und nun wiedergefunden hatte.

„Schweig“, sagte Lakmi ein letztes Mal und EDYs Stimme verstummte endgültig. Sein durchscheinender Kopf verschwand.

Lakmi kletterte zitternd vom Tisch und sah sich in dem in das blaue Licht getauchten Worum um. Im Türrahmen standen noch immer die Wächtergoleme. Sie klickten aufgeregt mit ihren Gliedmaßen, aber sie kamen nicht herein und gehorchten auch weiterhin dem Befehl von EDY, nicht weiter mit ihren Geschossen aus rotem Licht um sich zu schießen. Aber was war das? Zwischen ihren Beinen wimmelte es mit einem Mal, als wäre der Boden in Bewegung geraten. Hunderte oder tausende – wer vermag das schon zu sagen? – der kleinen Spinnengoleme krabbelten aufgeregt in den Worum, flossen wie ein Schwall Wasser ins Innere, teilten sich aber vor dem tapferen Mädchen, umfluteten den Platz, auf dem sie stand und vereinigten sich erst hinter ihr wieder, als wäre sie ein Felsen in einem Fluss, der dessen Lauf zufällig im Weg lag. Schnell wurde der ganze Tisch in ihrem Rücken von ihnen bedeckt. Offenbar war ihr Auftrag, ihn zu reparieren und wie es aussah, kamen die Deltas schnell voran. Sie waren es, die jede zerstörte Kriegsmaschine auf der Stelle reparierten und so lang sie selbst nicht ausfielen – sofern das möglich war -, würde die Schlacht der Golemarmeen andauern.

Es war an der Zeit, die Flucht zu ergreifen, bevor EDY wieder zu Leben erwachte. Lakmi deutete mit ihrem Stab auf die monströsen Gestalten, die vor der Tür standen und sie mit grünen Augen betrachteten. Sie hatte die Angst, sie könnten es sich jederzeit anders überlegen und sich auf sie stürzen.

„Geht“, sagte sie mit fester Stimme und wusste dabei, dass sie ihr und ihrem Zauberstab gehorchen würden. Tatsächlich wandten sie sich auf ihren Befehl hin ab und rollten und stapften davon, gaben den Durchgang frei. Trotzdem trat Lakmi sehr vorsichtig hinaus und schwenkte den Stab dabei in alle Richtungen. Sie wusste nicht, was das schlichte, pechschwarze Rohr alles bewirken konnte und ob es gar wie die Goleme Feuerblitze spucken konnte, aber es schien den mechanischen Soldaten gehörigen Respekt eingeflößt zu haben. Die fünf Goleme, die auf EDYs Ruf herbei geeilt waren, hatte den Vorraum bereits wieder verlassen und die beiden Wächter links und rechts der Tür waren auf ihrem Schienen ganz nach außen zu den Wänden der Halle hin gerollt, wo sie erstarrt standen und Lakmi ihre Rücken zuwandten. Mutiger geworden schritt das Mädchen vorwärts, wobei sie sich bemühte, nicht zufällig auf die letzten Nachzügler der Deltas zu treten, die auf ihren vielen Spinnenbeinchen hektisch über den Boden huschten. Der Eingang zum Worum schloss sich hinter ihr. Lakmi bündelte ihren Geist.

„Stab,“ flüsterte sie, „wie soll ich dich nennen?“ Der Dschinn schwieg. Sie konnte keine Antwort vernehmen, so sehr sie auch in ihr Inneres lauschte. Offenbar konnte er nicht wie EDY direkt in ihrem Kopf reden. Dennoch sprang ihr mit einmal ein Wort auf die Lippen. Sie wusste nicht, woher es gekommen war.

„TYCHO“, sprach sie es aus. „Heißt du so? TYCHO?“

Lakmi lächelte. Also war es möglich, sich mit dem Zauberstab zu verständigen, auch wenn es eine große Anstrengung bedeutete und das Gespräch sehr einseitig und bruchstückhaft war.

„Ja, das ist dein Name“, sagte sie und spürte dabei den bitteren Geschmack von Kummer und Verlorenheit, das Gefühl, unvollständig zu sein und den brennenden Wunsch, wieder eins zu werden. Ihr fiel ein, was Asgëir und EDY gesagt hatten: TYCHO war nur ein Stück eines Meisterstabes, den man einst in fünf Teile zerbrochen hatte. Und nun sehnte er sich danach, sich mit den anderen vier wieder zu verbinden.

„TYCHO. Du musst mich an die Oberfläche bringen“, dachte sie und starrte dabei auf den Stab in ihrer Hand. Längst hatte sie ihr Zeitgefühl verloren und wusste nicht, ob es außerhalb der Tunnel Tag oder Nacht war. „Aber bringe mich an einen sicheren Ort außerhalb der Grenzen der Schlachtfelder.“ Konnte sie dem Dschinn auf diese einfache Weise Befehle geben oder war es nur Zufall gewesen, dass er zweimal ihren Wünschen gehorcht hatte? Und wie viele standen ihr überhaupt zu? Waren es die traditionellen drei Wünsche der Märchen oder würde ihr TYCHO so lange gehorchen, so lange sie ihn in Händen hielt?

Wie dem auch war, der Zauberstab bewegte sich wie von selbst und begann, Lakmi in eine Richtung zu ziehen, auf eine Wand zu, an der für sie keinerlei Durchgang zu erkennen war. Sie musste fest zupacken, damit der Stab ihr nicht durch die Finger schlüpfte. Lakmi wusste aus ihrer Erfahrung mit dem Wächtergolem, der sie zum Worum geführt hatte, dass ihre Sinne hier unten in dem unsicheren Licht oft in die Irre gingen. Und tatsächlich: Während sie, von TYCHO gezwungen, vorwärts ging, gab die vorher makellos glatte Wand einen Durchgang in einen quadratischen Raum frei. Er war klein, fast nur eine Nische in der Wand.

Lakmi trat ohne Zögern ein und sofort schloss sich die Tür. Die Wände erzitterten. Kurz hatte sie ein ungewohntes, hohles Gefühl im Unterleib, das allerdings sofort wieder verschwand. Irrte sie sich oder wurde sie mitsamt dem Raum in die Höhe gezogen?

[Hier geht es weiter …]

Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 8 – Teil 9)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

„Was ist dein Wunsch, General?“, fragte der Kopf, ohne die Lippen zu bewegen. Tote, stahlgraue Augen lasteten ohne eine erkennbare Regung auf dem Mädchen. Tote, stahlgraue Augen lasteten ohne eine erkennbare Regung auf dem Mädchen. Der kalte Blick riss das Mädchen aus ihren Gedanken. Vor diesem Dschinn musste sie auf der Hut sein; er war gefährlich, das spürte sie.

Lakmi hätte nicht zu sagen vermocht, woher die laute und gut verständliche Stimme kam. Wie auch der riesige Golem, der Lakmi an diesen Ort geführt hatte, redete der Dschinns in ihrer eigenen Sprache. Er sprach sogar in dem singenden, die Mitlaute vernuschelnden Dialekt Karukoras, den oberhalb des Marat niemand verstand. Konnte es aber sein, dass sie Worte nur in ihrem Kopf hörte? Sie räusperte sich und trat näher. Für eine Flucht war es längst zu spät.

„Wie ist dein Name, Dschinn?“

„Ich wurde früher EDY genannt. Ich bin übrigens kein Dschinn, sondern ein nur ein Backup“, erwiderte der Kopf. Seine Stimme klang dabei ein wenig ungeduldig, wie Lakmi fand. Sie ignorierte den zweiten Satz, den sie nicht verstanden hatte.

„Gut, EDY. Dann zeige mir den Weg, der in den Tag führt.“

Das Bild der wehenden Fahne auf dem Tisch verschwand. Stattdessen erschien dort eine Landkarte, die einen Ausschnitt der Toten Wüste von oben zeigte. Der Maßstab war recht groß gewählt. Lakmi konnte die Ufer des Meers und vor der Küste die Insel Sirtmar erkennen Am von ihr aus oberen Rand des Tisches machte sie die himmelhohen Mauern des Großen Südwalls aus, den der legendäre König Launin kurz vor dem Fall der Reiche aus den Felsen eines Gebirges als Grenze hatte errichten lassen. Er teilt auch heute noch die Welt von West nach Ost in eine zwei Hälften. Das auf der Landkarte rot schraffierte Gebiet dazwischen – es misst unfassbare 500 Meilen im Durchmesser –, das waren die Ebenen des Ewigen Krieges. Eigentümlicherweise knickte der nahezu unüberwindliche Festungswall des Königs hinter dem Helmgebirge scharf nach Süden ab und verlief sich dann mitten in den Ebenen. Wo der Große Wall im Nichts der ewigen Schlachtfelder endete – vielleicht durch die nicht enden wollenden Kriege der Golemarmeen geschliffen -, begann eine gepunktete, blaue Linie, die leicht ostwärts die Schlachtfelder querte und mitten in den Ebenen zu einer flachen Erhebung führte, auf der ein großes, rotes Viereck eine Stadt andeutete, die Lakmi größer schien als alle fünf Oststädte zusammen.

„Was ist das?“, fragte Lakmi und deutete auf das Quadrat.

„Das ist die Enklave“, antwortete EDY prompt. „Der Ort, den dein Volk Pardais nennt.“

„Und vom Ende des Südwalls führt ein sicherer Weg dorthin? Wie ist es dort?“

„Meine Augen sehen nicht nach Pardais hinein, General, denn das ist mir verboten. Aber die neutrale Enklave war einst ein sicherer, friedlicher Ort, zu dem sich die Zivilbevölkerung zurückziehen konnte, wenn die Schlachten tobten. Pardais war eine mächtige Festung. Einst endeten hier die Mauern des Südwalls.“

„Du weißt also nicht, ob dort noch Menschen leben?“

„Diese Information steht mir nicht zur Verfügung. Ich kann darüber nicht einmal eine Mutmaßung anstellen. Seit ich den Dienst aufgenommen habe, hat noch nie jemand Paradis verlassen oder besucht.“

„Ist der Weg denn sicher? Auch in der Nacht, wenn die Kriegsmaschinen aufeinanderprallen?“

„Wenn du einen Passagierschein hast und ihn an einem der Transittore benutzt, wird dich eine U.R:S. sicher zur Enklave bringen“, erwiderte EDY.

Lakmi erkundigte sich nicht, was eine „Urs“ sei. Sie interessierte sich für etwas anderes und deutete an den rechten Rand des Tisches, wo die Darstellung in einem verschwommenen Nebel endete.

„Was ist dort – ich meine, im Osten hinter den Ebenen?“

EDY zögerte.

„Auch diese Frage kann ich dir nicht genau beantworten, General. Verzeih mir meine Unzulänglichkeiten. Am Anfang des Krieges brach, wie du weißt, auch das Satnet zusammen und meine Drohnen können nicht so weit gen Osten blicken. Doch dort ist nach der Großen Welle ein Bruchstück des zerstörten Maní eingeschlagen, der die Kontinentalplatte zerrissen hat. Der Aufprall hat einen gewaltigen Krater erzeugt, der sich inzwischen wahrscheinlich mit Meerwasser gefüllt hat. Dort gibt es kein menschliches Leben mehr.“

Lakmi hatte genug gehört. Es schauderte sie bei der Vorstellung, wieviel Leid und Tod der Krieg der Vorgänger erzeugt hatte. Und zumindest hier war er noch immer nicht vorbei.

„Ich hätte gerne eine Abschrift dieser Karte.“

„Ich höre und gehorche.“

Prompt klappte an der Seitenkante des Tisches ein kleines Fach heraus. In ihm lagen eine Papierrolle und ein flacher, rechteckiger Gegenstand. Er war grün und etwas kleiner als Lakmis Handfläche.

„Dies sind ein Ausdruck der Karte und der Passierschein. Pass vor allem auf ihn gut auf, denn er ist ein Schlüssel, ohne den du die Enklave nicht erreichen kannst“, erläuterte EDY.

Lakmi nahm die beiden Gegenstände und verstaute sie in den Taschen ihrer Kleidung. Sie wollte sich schon verabschieden, da fiel ihr ein, dass sie einen Auftrag hatte. Beinahe hatte sie den Wunsch des Delphi vergessen.

„Ich benötige noch etwas, EDY. Gib mir den Stab der Macht, der sich in deinem Besitz befindet.“

Täuchte sich Lakmi oder erzitterte kurz der Boden unter ihren Füßen? Sie stolperte einen Schritt nach hinten. EDY kniff die Augen zusammen und sein glattes, dunkles Gesicht wirkte plötzlich misstrauisch und – ja -, auch ein wenig ängstlich. Seine Stimme dröhnte nun so laut in Lakmis Kopf, dass sie schmerzte:

„Wozu benötigst du den Stab, General? Wer hat dich beauftragt, ihn zu besorgen?“

Ein orangefarbenes Licht leuchtete an der Decke auf und auf der Tischfläche erscheinen Worte, die in einer Schrift geschrieben waren, die das Mädchen nicht kannte. War ein Alarm ausgelöst worden? Lakmi hatte den Eindruck, sie sein von einer zur anderen Sekunde in Lebensgefahr geraten. Vorsichtig wich sie weiter zurück zur Tür, die sich zischend hinter ihr öffnete.

Asgëir will den Stab und du gibst ihn mir!“, befahl sie trotzig, denn sie wusste: Sie durfte auf keinen Fall Schwäche zeigen, wenn der Dschinn ihr weiterhin gehorchen sollte.

Doch dann presste sie sich erschrocken die Hand gegen den Mund. Sie hatte vergessen, dass der Delphi ihr befohlen hatte, seinen Namen unter keinen Umständen zu verraten. Aber hätte sie ihn überhaupt verschweigen können, wenn EDY direkt in ihrem Kopf war und ihn ihren Gedanken wühlte? Sicherlich konnte er sie lesen.

„ Asgëir!“, schrie der Herr des Worums auf. „ Asgëir, der Unsterbliche, er ist hier – der verfluchte Widersacher, der sich mit Inet verbündet hat! Wehe! Fünf Stäbe, um einen zu formen. Wehe! Niemals darf mein Stab in die Hände dieses Ungeheuers geraten. Wachen! Ergreift den General! Er ist ein Verräter.“
Lakmi, die bereits durch die Tür fliehen wollte, drehte sich um. Schwere Schritte waren in ihrem Rücken zu hören. Nicht nur einer, der hünenhaften Kriegsgoleme und die beiden Türwächter standen in dem Gewölbe vor dem Worum, sondern vier oder fünf von diesen unbesiegbaren Metallriesen näherten sich mit nach vorne gestreckten, rotglühenden Fingerspitzen, doch sie traten nicht durch die Tür. Sie war offenbar ein Tabu, das sie nicht überschreiten konnten.

Lakmi sprang mit einem beherzten Hecht zur Seite. Gerade noch rechtzeitig! Lichtblitze zuckten und trafen nicht sie, die noch vor einem Wimpernschlag am Kreuzungspunkt der tödlichen Strahlen gestanden waren, sondern den runden Tisch hinter ihr, über dem EDYs aufgeblähtes und vom Zorn verzerrtes Gesicht schwebte.

„Ihr Narren! Feuer einstellen“, brüllte der Dschinn in Lakmis und wohl auch im Kopf seiner eisernen Soldaten, denn sie senkten sofort ihre Arme. Doch es war zu spät. Der Tisch färbte sich in kaltes Grau und aus den Löchern, die die Strahlen in seine Oberfläche geschmolzen hatten, stiegen dünne Rauchfahren empor. Wieder wurde der Erdboden unter Lakmi erschüttert, die sich gerade auf ihre Füße sprang und sich in eine Ecke des Worums flüchtete, wo sie von der Tür aus im toten Winkel stand und nicht befürchten musste, von den heißen Strahlen der Goleme getroffen zu werden. Schlagartig erlöschten alle Lichter in dem Worum.

„Ihr Narren …“, murmelte EDY, merklich leiser. Sein aufgeblähter Kopf flackerte und wechselte mehrmals die Farbe, dann verschwand er für einen Moment.

[Hier geht es weiter …]

Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 8 – Teil 8)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

Die Deltas nahmen von der erschrockenen Lakmi keinerlei Notiz. Nachdem sie sie eine Weile beobachtet hatte, kam sie sogar zu dem Schluss, dass diese kleinen Goleme sie überhaupt nicht wahrnahmen. Eines der krabbelnden Metalltiere lief ihr mit seinen unzähligen spitzen Beinchen sogar über den Fuß, ohne sich davon auf seinem Pfad beirren zu lassen. Also kümmerte sich unsere tapfere Heldin nicht weiter um diese seltsamen Arbeitstiere aus schimmerndem Metall, deren Wege sie eh nicht durchschauen konnte und die diese auch über die Wände und sogar über die Decke führte. Lakmi betrachtete besorgt die Zeichnung von Asgëir, die sehr detailliert war und sie bisher gut durch das Trojaspiel unter der Erde geleitet hatte. War sie an irgendeiner Stelle falsch abgebogen oder hatten die Deltas in der Zwischenzeit einfach die Innenarchitektur verändert, Wände hochgezogen oder eingerissen?

Doch die Lösung war viel einfacher, wie sie mit einem Mal beschämt feststellen musste: Sie hatte die Wegbeschreibung schlicht verkehrt herum gehalten und war über eine Stunde in die falsche Richtung gegangen! Das war zwar bei der nahezu symmetrischen Anordnung der Räume und Gänge ein verständlicher Irrtum, doch sie konnte von Glück reden, das sie nicht in eine Falle gelaufen war.

Gerade wollte Lakmi umkehren und ihre Suche nach dem Worum noch einmal von vorne – diesmal in der richtigen Richtung – beginnen, als sich plötzlich wie ein Vorhang eine Tür an einer der Wände öffnete, die sie bis dahin für massiv gehalten hatte. Dieses Labyrinth war ja durchgängig wie ein durchlöcherter Termitenbau – und ebenso bevölkert. Doch leider nicht nur von diesen flinken, harmlosen Spinnen, sondern auch von Golemen in annähernd menschlicher Gestalt.

Der, der eben durch die neu entstandene Tür auf dünnen, knackenden Beinchen zu ihr hereintrat, war ein gewaltiges Exemplar, ein wahrer und erschreckender Hühne. In der Selbstsicherheit seines Auftretens konnte Lakmi erkennen, dass er ein ranghoher und intelligenter Maschinenmensch war, ein Anführer. Im Gegensatz zu den wunderlichen Spinnenleibern, die ganz offensichtlich seine Nähe zu suchen schienen, entdeckte der Meistergolem den Eindringling sofort. Der groteske Eimerkopf, der so hoch oben auf seinem Zylinderkörper saß, dass er Lakmi überragte wie sie selbst einen Nachtalb aus den Minen von Berghoch, drehte sich zu ihr und ein Blick aus zwei grünen, strahlenden Facettenaugen traf sie, als wolle der Golem sie bis auf ihre Seele durchleuchten. Er hob einen Finger, dessen Spitze bedrohlich rot zu leuchten begann.

Jetzt musste sich das besänftigende Zauberwort bewähren, denn es gab sonst keinen Ausweg mehr für das tapfere Mädchen. Ihr war klar, das blecherne Ungeheuer würde sie mit seinen Klauenhänden zerreißen, wenn der Delphi sie angelogen hatte. Aber tatsächlich: Nachdem Lakmi die geheimnisvollen Silben zwar stockend, aber fehlerfrei gesprochen hatte, senkte der Golem seinen grünen Blick und seinen brennenden Finger und sprach:

„Das ist wahr und recht und ich gehorche!“

Mutiger geworden trat Lakmi einen Schritt auf den gewaltigen Maschinenmenschen zu.

„Führe mich in den Worum zum Tisch des Dschinn!“, und schickte ein Gebet zur Allerbarmerin. Hoffentlich war sie verstanden worden.

Ohne eine Erwiderung drehte sich der Golem herum, was bei ihm bedeutete, dass sich nur sein tonnenförmiger Körper einmal halb um die eigene Achse drehte und seine Beine dabei stillstanden. Anschließend verließ er auf seinen dünnen Füßen trippelnd den Spinnenraum durch die Tür, durch die er gerade hereingetreten war. Lakmi folgte dem Golem, der ein schnelles Tempo vorlegte und sich kein einziges Mal nach ihr umsah. Es gelang ihr kaum, Schritt zu halten, als er sie durch die verwirrende Vielzahl der Gänge und Räume ins Herz der Anlage führte. Leider hat uns Lakmi nicht überliefert, welche Wunder sie alles in den unterirdischen Katakomben sah und erlebte, bis sie mit dem Giganten endlich den Worum erreichte.

Wie es Asgëir prophezeit hatte, standen links und rechts vom Eingang grimmige und mit Schwertern bewaffnete Wächtergoleme. Doch Lakmi musste sich nicht vor ihnen fürchten, denn die Gestalten glitten bereitwillig auf ihren Schienen zur Seite, al sich das Mädchen mit ihrem Begleiter näherte. Ebenso gehorsam öffnete sich die Tür, die zu dem Allerheiligsten der gewaltigen unterirdischen Anlage führte. Lakmi trat ehrfürchtig in die ihr versprochene Schatzkammer. Ihr hünenhafter Begleiter blieb am Eingang zurück; obwohl so mächtig war, hatte er keine Befugnis, den Raum zu betreten.

Das Mädchen hätte nicht genau zu sagen gewusst, was sie sich von dem Worum erwartet hatte, aber sie fühlte sich ein wenig enttäuscht. Sie war mit den Ammengeschichten über die vom Golde funkelnden Schatzhöhlen der Vorgänger und ihrer Städte aufgewachsen und kannte die Sage von der Stadt Bridon unter dem Gynashort. Sie hatte sich daher etwas wesentlich Beeindruckenderes erwartet als einen staubigen, nicht einmal allzu großen Raum, an dessen Wänden seltsame, blinkende Kisten standen und in dessen Mitte unter einer großen Deckenlampe ein kreisrunder Tisch mit einer bernsteinfarbenen, matt glänzenden Platte stand. An ihn konnte stehend vielleicht ein Dutzend Menschen Platz finden.

Unsicher trat Lokwi an den Tisch heran. Doch nichts geschah.

„Dschinn“, fragte sie, „bist du da?“

Ihre Stimme löste endlich eine Reaktion aus. Über der Mitte des Tisches, in die ein armdicker Stab eingelassen war, erschien wie aus dem Nichts ein leicht durchscheinender und viel zu großer menschlicher Kopf, dessen Geschlecht sie trotz der Glatze nicht einschätzen konnte. Wahrscheinlich war diese Vision weder Mann noch Frau, sondern der Geist, nach dem sie gerufen hatte. Lakmi wartete einen Moment erwartungsvoll, wurde aber nur schweigend und sehr vorwurfsvoll angeblickt. Sie flüsterte eingeschüchtert ihr Zauberwort, das die Goleme ihrem Willen unterwarf. Sie wurde erhört und es geschah doch noch etwas Wunderbares, das sie mit dem Worum halbwegs versöhnte:

Mit einem Mal leuchteten die glatten Wände in allen Regenbogenfarben und spiegelten die Lichtpunkte, die nun immer hektischer auf den Vorderseiten der Metallkisten wie die Sterne am Nachthimmel aufleuchteten – es waren an jeder einhundert oder eintausend. Wer vermag das schon zu zählen? Auch in den Tisch in der Mitte kam Leben. Auf seiner Platte waren zuerst Farbschlieren zu erkennen, die sich wie Rauch im Wind bewegten und ineinander verdrehten. Dann erschien ein Bild, das eine wehende Fahne zeigte. Sie war blau und gelb und stellte eine geballte Faust dar, die über einem Hexagon schwebte. Das Bild hatte eine erstaunliche Tiefe. Es hätte Lakmi nicht gewundert, wenn sie mit ihrer Hand in die Tischplatte hineingreifen konnte und dann den Stoff der Flagge spüren konnte. Diese Faust musste das Hoheitszeichen der alten Macht sein, deren Worum sie betreten hatte und deren Kriegsmaschinen noch immer Schlachten gegen Feinde ausfochten, deren menschliche Befehlshaber genauso wie die eigenen längst zu Staub zerfallen waren. Lokwi hatte diese Flagge noch nie gesehen; welches Volk auch immer unter diesem wuchtigen Symbol in den Krieg gezogen war: Die Geschichte hatte es längst vergessen.

„Was ist dein Wunsch, General?“, fragte der Kopf und riss das Mädchen aus ihren Gedanken. Sie räusperte sich und trat näher.

„Zeige mir den Weg, der in den Tag führt.“

„Ich höre und gehorche.“

[Hier geht es weiter …]

Beitragsnavigation