Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 7 – Teil 4)

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Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

Nachdem er sich auf diese Weise selbst verarztet hatte, stärkte sich Straif an den kümmerlichen Überresten seines Reiseproviants, die er aus seiner Schultertasche holte. Danach lehnte er sich – das gezogene Schwert griffbereit auf die Oberschenkel gelegt – in einer Ecke gegen die Wand, wo er erschöpft die Augen schloss. Mochten sein Gastgeber oder die Ungeheuer, die oben am Ende der Treppe auf ihn lauerten, noch ein wenig auf ihn warten.

Straif konnte zwar nicht schlafen, aber er fiel in einen fiebrigen und unruhigen Dämmerzustand und fühlte sich tatsächlich ein wenig erholt, als er nach zwei Stunden wieder die Augen aufschlug. Es gab kaum eine Stelle an seinem Körper, die ihn nicht schmerzte und sein verspanntes Kreuz knackte vernehmlich, als er sich aufrichtete.

Zuerst untersuchte er die verschlossene Tür, doch er fand nicht einmal die Stelle, an der ihr Rand war. Die scheinbar makellos glatten Wand wirkte, als hätte es in ihr nie eine Öffnung gegeben. Also blieb Straif nichts anderes übrig, als seufzend sein Schwert in die unverletzte Linke zu nehmen und sich einen anderen Weg zu suchen. Er stieg Stufe für Stufe und sich immer wieder vorsichtig umsehend die Treppe empor. Sie beschrieb einen leichten Bogen und endete nach einigen Absätzen. Dort erweiterte sich der Gang zu einer Art leerem Vorraum, dessen rückwärtige Wand eine weitere Tür verschloss, die sich jedoch nicht sofort vor dem Krieger öffnete, als er sich ihr näherte. Auch hier oben war die fensterlose Anlage gut durch die unvermeidlichen Feuerschalen ausgeleuchtet.

Straif schätzte, dass er sich inzwischen ziemlich genau in der Mitte dieser alten Wallanlage befand und fragte sich, ob sie einmal den Süden vor dem Norden geschützt hatte oder umgekehrt den Norden vor dem Süden. Er sah sich die Tür genauer an. In das silbrige Metall ihrer Oberfläche waren unzählige Schriftzeichen und geometrische Formen eingeritzt, merkwürdig eckige Hieroglyphen, denen der durchaus belesene Kämpfer vorher noch nie in einem alten Buch begegnet war und von denen er nicht einmal den Hauch einer Ahnung hatte, was sie bedeuten mochten und welche Zaubersprüche sie herauf beschworen.

Vorsichtig berührte er mit den Fingerspitzen seiner verletzten Hand die kühle, mit Raureif beschlagene Oberfläche, von der er nicht sagen konnte, ob sie aus Stein oder aus Metall war. Sofort wurden seine Fingerkuppen taub. Das war erstaunlich, wenn er die Wärme berücksichtigte, die die Feuerschalen ausstrahlten. Die Tür reagierte augenblicklich auf den leichten Druck und erzitterte, als würde durch den Kontakt ein verborgener Mechanismus in Gang gesetzt. Die geheimnisvollen Linien und Symbole erwachten mit einem Mal zum Leben, strahlten so hell und grün auf, dass sie den Krieger blendeten. Dann klickte etwas vernehmlich in der Wand und die Tür schwang auf. Straif hob seine Schwerthand vor das Gesicht und wich vorsorglich ein paar Schritte zurück.

Er spähte blinzelnd durch den Kältedampf in den dunklen Raum dahinter und konnte nur weniges erkennen. Hier und da flackerten ein paar kleine rote und gelbe Lichtpunkte in der Finsternis, denen es jedoch nicht gelang, ihre Umgebung zu erhellen. Sie erinnerten Straif an die funkelnden Augen der Fenrir-Wölfe, gegen die er vorhin gekämpft hatte. Er spürte es mit dem Instinkt des Kriegers: Hinter dieser Tür lauerte eine Gefahr, auch wenn er sie noch immer nicht greifen konnte.

„Nun ja“, dachte er, „das Glück steht neben dem Mutigen und führt sein Schwert.“ Jetzt war er schon so weit gegangen, da würde er nicht auf der Schwelle kehrtmachen; seine Neugierde war inzwischen größer als seine Furcht. Er zuckte mit den Schultern und trat hein, stapfte durch die eiskalten Schwaden zu seinen Füßen in die zischende Finsternis.

Kaum hatte er keuchend und hustend den Raum betreten, aus dem es ekelerregend nach Verwesung roch, nahm die Dunkelheit ein Ende. Beim Durchschreiten des Türrahmens hatte er offenbar einen Mechanismus oder eine uralte Techné ausgelöst. Was für ein magischer Zauber der Vorgänger auch immer dahintersteckte: Die nur für Straif einladend geöffnete Tür schloss sich hinter ihm und von der sicherlich fünf Yard hohen Decke erstrahlten gleichzeitig schmale, aber wie das Tageslicht hell leuchtende Röhren auf. Sie schlängelten in einem zufälligen Muster über die Decke, mäanderten und verbanden sich miteinander, als wäre dort oben eine Karte der Flüsse eines unbekannten Landes abgebildet. Manche der Lichtleitungen flackerten unruhig und summten. Ein paar blieben auch dunkel.

Aber der Raum, in dessen Mitte Straif ehrfürchtig trat, wurde trotzdem vollständig ausgeleuchtet. Er war rund und in der Mitte über ein paar Stufen wie eine Arena abgesenkt. Straif schätzte den Durchmesser des Saales auf zehn oder zwölf Yard und er schien nur den einen Eingang zu besitzen, durch den er eben eingetreten und der hinter ihm wieder verschlossen worden war. Er war an seinem Ziel angekommen und sah sich beeindruckt um. Die Wände waren wie die Tür von einer Eisschicht überzogen und funkelten farbig wie ein Saal in einem gläsernen Märchenschloss. Auch waren alle Gegenstände waren von Raureif bedeckt. Nun begann sich ein Ventilator an der Rückwand zu drehen und schaufelte frischere Luft ins Innere des Höhlensaals, in dem es aber weiterhin so aufdringlich nach Winter, Rost, verbranntem Haar und Tod stank, dass Straif erneut husten musste.

Der eisige Raum erinnerte ihn an eine Schauspielbühne und noch mehr an den Hohen Ratsaal von Lux, der zwar um einiges größer war, den aber einer der alten Könige im schlichten Stil der Vorgänger hatte errichten lassen. Doch diese Anlage hier war keine Kopie, sondern tatsächlich aus der Zeit vor der Großen Welle.

Oberhalb der Bühne, die Straif nun aufmerksam und misstrauisch um sich blickend betrat, dort, wo bei einem Theater die Zuschauer und in Lux die Ratsherren saßen und disputierten, standen links und rechts im Rund jeweils sechs klobige Sitze aus Stein und direkt gegenüber des Eingangs ein dreizehnter, größerer,der wie der Thron eines Fürsten wirkte und auf einem Podest ruhte. In den exakt gleichen Abständen dazwischen hatte man rechteckige, mannshohe Kästen aufgestellt. An deren Oberflächen blinkten in einem unregelmäßigen, hektischen Rhythmus die farbigen Lichter, die Straif zuerst gesehen hatte. Diese merkwürdigen Vorgängermaschinen erzeugten auch den Raureif durch den Dampf, den sie ausstießen und der – schwerer als die Luft – den Boden bedeckte. Von Streif in Bewegung gebracht schwappte er wie eine milchige Suppe über seine Knöchel. Seine Eiseskälte war auch durch die schweren, pelzgefütterten Wanderschuhe hindurch deutlich spürbar.

Was Straif jedoch wie durch einen Stromschlag zusammenzucken und entsetzt aufschreien ließ, war, dass in jedem der Sitze im Rund um ihn herum jemand saß und ihn zu beobachten schien. Es waren seltsam tonnenförmige, dabei silbrig glänzende Gestalten, die nur entfernt an Menschen erinnerten. Eine Vielzahl von dünnen, metallenen Gliedmaßen wuchsen aus ihren Körpern und endeten in scharfen, dreifingrigen Klauen oder in spitzen Nadeln, die rot leuchteten. Ihre „Köpfe“ wirkten wie umgestülpte Eimer. Die an ihnen angebrachten Augen waren Glasperlen, die dünne Lichtstrahlen aussandten, die als grüne Punkte munter auf Straifs Kettenhemd tanzten. Jedes der grotesken Wesen war durch ein paar Leitungen mit der Maschine neben sich verbunden und vollkommen reglos. Auch diese blinkenden, metallenen Kästen waren über Kabel miteinander verknüpft.

»Goleme!«, keuchte Straif fassungslos.

Es war das erste Mal, dass er diesen sagenumwobenen künstlichen Menschen begegnete, aber er erkannte sie sofort. Und sie waren nicht wie die wenigen von ihnen, die man manchmal in Bergwerken fand und auf den Marktplätzen der Dörfer oder den Altären der Hindersöhne ausgestellt wurden, verrostet, ausgeweidet und seit sechs Jahrtausenden kaputt und ohne Leben, sondern offensichtlich funktionstüchtige Exemplare, die jederzeit in der Lage schienen, sich auf ihn zu stürzen und in Stücke zu reißen. Verglichen mit den Golemen, von denen einer es mit einem ganzen Rudel aufnehmen konnte, waren die Wölfe draußen harmlos gewesen!

Doch obwohl die grünen Lichtpunkte ihrer Augen auf Straif ruhten und in sein Inneres zu blicken schienen, bewegten sich die Maschinenmenschen nicht. Von ihnen schien im Augenblick keine Bedrohung auszugehen. Straif wandte sich deshalb nach ein paar Schrecksekunden zu der dreizehnten Gestalt, die ihm direkt gegenüber auf ihrem vereisten Thron saß und etwas besonderes darzustellen schien. War das der König der Goleme? War von ihm die Einladung ausgegangen?

Er trat näher heran, um sich dieses Wesen genauer anzusehen. Damit löste er erneut einen Mechanismus aus. Links und rechts von dem Thron-Podest standen wieder breite Feuerschalen, die mit schwarzen Steinen, die wie Kohle aussahen, gefüllt waren und bisher nur schwach geglüht hatten. Doch plötzlich flammte aus beiden eine mächtige Feuerzunge empor und beleuchtete die Gestalt auf dem hohen Sitz, deren Gesicht vorher durch den Schatten einer von Raureif überzogenen Kapuze verborgen geblieben war. Sie trug unter dem schwarzen Umhang schlichte, blaue Kleidung und ihre in Lederhandschuhen steckenden Hände ruhten entspannt auf den Lehnen des Sitzes. Obwohl auch diesen Körper merkwürdige Röhren mit den Maschinen neben ihm verbanden, saß dort kein Golem, sondern … ein Mensch! Allerdings erkannte Straif sofort, dass der Mann schon vor ewigen Zeiten gestorben war. Trockene, papierdünne und graue Haut überspannte das merkwürdig zerknitterte, von Eiskristallen glitzernde Gesicht, das durch das Feuer sichtbar wurde. Die Augenhöhlen unter den geschlossenen, eingesunkenen Lidern waren hohl und leer, die dünnen Lippen zu einem ewigen Zähnefletschen zurückgezogen. So musste der Tod lächeln, wenn er kam, um einen Sterbenden zu holen. Dieser Mann war wohl schon zu Lebzeiten keine Schönheit gewesen, aber seine starre, grinsende Leichenfratze war ein Anblick, den Straif in einem ganzen Leben nicht mehr vergessen würde.

Er erschauderte: Der junge Krieger stand unbezweifelbar vor der Mumie eines Vorgängers, dessen Knochen eigentlich schon vor tausenden von Jahren zu Staub hätten zerfallen sollen. Er erkannte das an den strohigen, nachtschwarzen Haarbüscheln, die zwischen Kapuze und Gesicht hervorlugten, denn seit Menschengedenken hatten Männer Glatzen. Gleichzeitig ließ seine Anspannung nach und er senkte erleichtert sein abwehrbereit nach vorne gestrecktes Schwert.Von der verwitterten Leiche, die hier schon beinahe dreitausend Jahre lag, schien ihm keine Gefahr auszugehen.

Doch er hatte sich getäuscht.

Als hätte sie seine Gedanken gelesen, richtete sich die Mumie wie eine von Fäden gezogene Marionette plötzlich in ihrem Sitz auf und obwohl sich ihr Mund nicht bewegte, hallte plötzlich eine tiefe, laute Stimme durch den Saal.

»Sei gegrüßt, Wanderer. Ich habe lange auf dich gewartet«, sagte sie in einem für Straif nur schwer verständlichen und seltsam altertümlichen Wendisch.

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Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 7 – Teil 3)

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Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

Ohne weiter auf das verendende Tier zu achten, hob Straif erneut seine tropfende Klinge empor. Sie blitzte kurz auf, schien ungeduldig auf den nächsten Angriff zu warten. Doch der blieb erst einmal aus, denn die verrohten Ungeheuer der Eiswüsten stürzten sich sofort gierig auf ihren waidwunden Bruder und zerrissen das wehrlose Tier vor den Augen von Straif, ohne sich auch nur im geringsten um ihn zu kümmern. Allein die nachtschwarze Leitwölfin blieb auf ihrem Platz abseits des Geschehens sitzen und starrte dem jungen Krieger direkt in die Augen. Doch auch sie war im Moment mehr an dem Spatz in der Hand, als an der Taube auf dem Dach interessiert. Fast spielerisch richtete sie sich auf, sich einmal um sich selbst drehend. Ein kurzes Bellen markierte ihren Anspruch auf die gerissene Beute und die anderen Wölfe wichen sofort von den blutigen Fetzen zurück, die gerade noch einer der ihren gewesen waren.

Straif erkannte die Chance, die sich ihm bot und er nutzte sie. Er schob seine Waffe zurück in die Scheide, wirbelte herum und rannte davon. Die Eiswölfe folgten ihm nicht, doch ihr grässliches, gieriges Jaulen und Schmatzen verfolgte ihn während seiner Flucht und trieb ihn an. Endlich erreichte er den Felsen. Er wäre fast gegen ihn gerannt, so plötzlich tauchte er vor ihm auf. Seine Wand schien ihm unnatürlich düster und glatt. Sie ragte senkrecht wie ein fugenloses Mauerwerk empor. Nirgendwo war ein Einschnitt, den er erklimmen, ein Spalt, in den er sich zwängen, eine Höhlung, in der er sich vor den Wölfen schützen konnte.

Ein Bellen an seinem Ohr! Straif riss den Kopf zur Seite, die Rechte griff zum Schwert, aber es war zu spät. Die Wölfin war ihm doch gefolgt und sie warf ihn mit dem Schwung ihres Sprunges um. Er ging unter dem schweren Gewicht des Tieres zu Boden. Sofort war das geifernde Ungeheuer über ihm und die Fangzähne suchten seine Kehle.

»Es ist vorbei. Du hast verloren!«, dachte Straif noch und erlitt dann einen grausamen Schmerz, den ihm die Wölfin in den schützend vor den Kopf gehaltenen Unterarm biss. Sein eigenes Blut tropfte ihm schwer ins Gesicht und die Wärme prickelte auf seinen Wangen. Straif schrie, sein Verstand verflüchtigte sich in diesem Schrei. Bald fühlte er eine Dunkelheit, in der er versank. Das letzte, was er vor seiner Ohnmacht sah, waren die fiebrig gelben, tellergroß erscheinenden Augen des Fenrir-Muttertiers, die ihm plötzlich allwissend und sehr weise erschienen.

Der für Momente verschwundene Schmerz in seinem Arm kehrte mit zorniger Heftigkeit zurück und riss Straif ohne Erbarmen aus seiner Bewusstlosigkeit. Trotz des Schocks, der ihn am ganzen Körper zittern ließ, fiel ihm auf, dass das Gewicht des Ungeheuers nicht mehr auf ihm lastete. Er kniff die Augen zusammen und sammelte sich. Sein Wille schaffte das Unmögliche: Der junge Mann machte an der Schwelle zum Tod kehrt und fand einen Weg zurück in die Wirklichkeit. Der Schnee, in dem er halb begraben lag, half ihm dabei.

Mit der Unterstützung seines unverletzten Armes richtete er den Oberkörper auf und öffnete vorsichtig die verklebten Augen. Die Wölfe waren nicht mehr in seiner Nähe. Er konnte sie nicht einmal mehr jaulen hören. Die einzigen Geräusche, die an seine Ohren drangen, waren das stete Heulen des Windes und ein Knirschen weit über ihm, das er nicht einordnen konnte. Straif lag vollkommen allein gelassen am Rand des düster aufragenden Todesfelsens in einer Schneewehe. Er atmete tief ein und aus und sein jagender Puls beruhigte sich etwas.

Er atmete tief ein und aus und sein jagender Puls beruhigte sich etwas. Obwohl er dankbar war, dass die monströse und seltsame Fenrir-Wölfin von ihm abgelassen und während seiner kurzen Ohnmacht verschwunden war, fiel ihm auf, dass etwas nicht stimmte. Er blickte die glatte schwarze Felswand hinauf, von deren Gipfelplateau das mahlende Knirschen zu ihm herab drang. Er blinzelte wegen der nassen Flocken, die ihm ins Gesicht trieben. Aber jetzt war er sich sicher: Diese steinerne, aus geschmolzenem Vulkangestein errichtete Wand war nicht durch eine Laune der Natur oder wie das Raue Gebirge durch den Druck der Großen Welle nach dem Sturz entstanden, sondern ein mächtiges, meilenlanges Bauwerk aus einer längst vergangenen Zeit, das zumindest in einer Höhe einen Vergleich mit dem Südwall nicht scheuen musste. Auch hier im Norden hatte jemand eine Grenzmauer errichtet, die die Jahrtausende fast unbeschadet überstanden hatte, weil sie fast vollkommen unter Eis und Schutt begraben lag. War der Fjall TuDasq etwa ein Vorgängerbauwerk oder wie der Wall erst zweitausend Jahre später in der Zeit der Reichskriege entstanden? Wobei „erst“ ein etwas unpassender Begriff war, denn beide Daten lagen auch für Straif schier endlos weit zurück in einer vom Nebel der Jahrhunderte verschleierten Vergangenheit, über die er nur übertriebene und bruchstückhafte Geschichten kannte.

Doch diese Mauer, unter deren Schatten er sich duckte, war keine tote Ruine. Sie strahlte Macht und Boshaftigkeit aus, als wäre sie gerade eben erst von ihren Erbauern verlassen worden. Wie einen Geruch dünstete sie aus dem spiegelglatten und speckig glänzenden Obsidian, aus dem sie errichtet war, dieses Böse aus. Sein Instinkt warnte Straif vor einer Gefahr, die größer war als die Eiswölfe, größer als alle Ungeheuer, denen er in den Überlebenden Ländern je begegnen mochte. Konnte diese Bedrohung der Grund sein, aus dem die Wölfe geflohen waren? Hatte ihre feine Witterung sie aufgenommen, ihr Instinkt sie gewarnt? Hatten sie das Böse gespürt, aber auch das Licht und die Wärme?

Straif bekam eine Gänsehaut, als er sich seine Gedanken bewusst machte: Licht? Wärme?

Der junge Mann drehte ungläubig den Kopf. Tatsächlich: Hinter ihm, nur wenige Fuß entfernt, war eine Öffnung in der Wand entstanden. Eine Tür hatte sich lautlos nach Innen geschwungen und einen Eingang in die bislang so fugenlos erscheinende schwarze Felswand gezaubert. Falls er noch Zweifel gehegt hatte, ob der Fjall von Menschen errichtet worden war, wurde Straif damit auf eindrucksvolle Weise bewiesen, dass der Felswall ein uraltes Bauwerk war, das ihn seltsamerweise gerade freundlich und unmissverständlich dazu aufforderte, einzutreten. Aus dem unauffälligen Türrahmen, durch den gerade ein Mann aufrecht eintreten konnte, fiel ein scharf geschnittener, aber unruhig flackernder Lichtschein auf den Schnee. Die Wärme eines kräftigen Feuers dampfte in ihm und der nur wenige Fuß entfernt sitzende Straif konnte sie auf seinem nassen Rücken und seinem Gesicht spüren.

Obwohl er von Ygdras aus bei einer Expedition seines alten Korps ein Stück weit in die zerstörten Jenseitigen Lande vorgedrungen war und viele Geschichten über die tödlichen Waffen und Gifte gehört hatte, die die Vorgänger überall auf der Welt hinterlassen hatten, blieb ihm keine Wahl. Die geöffnete Tür und die Wärme wirkten auf ihn wie eine für leichtsinnige Wanderer ausgelegte Köderfalle, doch wenn er die Nacht überleben wollte, musste er aus dem Eis und der Kälte heraus und diese offensichtliche Einladung annehmen, auch wenn sie eine Falle war.

Schwerfällig stand Straif auf, trat, sich aufmerksam umsehend, näher und spähte den Lichtkegel meidend ins Innere. Nichts deutete auf eine Bedrohung hin. Er konnte den Anfang eines festgemauerten Gangs erkennen. Er endete nach wenigen Yard an einer Treppe, die nach oben führte. An beiden Seiten waren Feuerschalen in der Wand eingelassen, in denen heiße Ölflammen, die unheimliche Schatten warfen, tänzelten. Doch niemand schien sich in dem vollkommen leer wirkenden Gang aufzuhalten. Der junge Mann lauschte in sich hinein, doch sein sonst recht zuverlässiger Sinn für Bedrohungen schwieg. Er warf einen letzten Blick zurück auf die eisbedeckte Hochebene, wo sicherlich hinter der nächsten Schneewehe das Wolfsrudel auf ihn lauerte. Dann trat er entschlossen ein.

Er war nur wenige Schritte in den Gang getreten, als sich die Tür hinter ihm wieder schloss. Genau so lautlos, wie sie sich geöffnet hatte, fiel sie zu. Straif konnte auch auf dieser Seite keinen Riegel oder Türgriff erkennen: Was immer ihn ins Innere des Felsens des Todes gelockt hatte, es hatte ihn eingefangen. Er saß wie eine Maus in der Falle. Es gab für ihn kein Zurück mehr, sondern nur noch den einen Weg die Treppe hinauf. Straif hatte keine Ahnung, was ihn dort erwarten konnte. Mutlos setzte er sich auf die erste der steinernen Stufen. Ihm fiel dabei auf, dass sie blank gescheuert waren und keinerlei Staub auf ihnen lag, als hätte eine Gruppe Dienstmädchen sie erst kürzlich nass abgewischt. Und doch war Streif sich sicher, dass er der erste seit einer Ewigkeit war, der diesen Gang betreten hatte.

Aber Straif war längst über das Sich-Wundern hinaus und genoss die Wärme und die augenblickliche Sicherheit, die ihm der Eingang bot. Jetzt konnte sich endlich um seinen verletzten Arm kümmern, in den die Wölfin vorhin ihre Reißzähne geschlagen hatte. Der wattierte Ärmel seines Wamses war zerfetzt, hatte aber die größte Wucht des Bisses aufgehalten. Die noch immer blutende Wunde sah schlimmer aus, als sie war. Er spürte von ihr im Augenblick nur eine stumpfe Taubheit. Die Knochen schienen ihm unversehrt und auch die Schlagader des Armes war nicht betroffen. Aber ein großes Stück Fleisch war herausgerissen und als Straif vorsichtig den zerrissenen Ärmel zurückrollte, brannte es an dieser Stelle höllisch. Dies war nicht die erste Verwundung des Kriegers und er wusste, was er tun musste. Er reinigte die Wunde so gut es ging mit Wasser aus seinem Schlauch, dann biss er die Zähne zusammen und presste seinen Unterarm ein paar Augenblicke gegen eine der glühend heißen Feuerschalen, um die Blutung zu stillen. Fast wäre er dabei wieder ohnmächtig geworden.

Anschließend riss er sich den Ärmel mit den Zähnen und der anderen Hand an der Schulter ab und benutzte ihn als notdürftigen Verband. Der Schmerz war pochend und Straif würde sein Schwert nicht mit seiner verletzten Rechten halten können, aber wenn die Wunde sich nicht entzündete, würde ihn in einigen Wochen nur noch ein Narbengewebe an sie erinnern.

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Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 7 – Teil 2)

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Zwl

Meine geduldigen Zuhörer, ihr wollt mich an dieser Stelle vielleicht unterbrechen und mich fragen: Sahar, wer war denn dieser Straif, von dessen Todeskampf du uns erzählst? Woher kam er denn, welche war die Sprache seiner Heimat? Welche Mutter hat ihn geboren, wo ist er aufgewachsen und zu welchem Stamm gehörte er?

All diese Fragen kann ich euch nicht beantworten, denn viele der Antworten weiß ich selbst nicht. Straif Sadon Ulf, der Felsen Baruchs, wie man ihn später nannte, war ein bei den Kämpfern des Baums sorgfältig ausgebildeter Söldner und ein Krieger, aber er hatte davor keine Vergangenheit, von der ich berichten kann. Er besaß nur eine Zukunft und diese stand im Moment auf wackligen, ja, auf tönernen Füßen. Dieser starke Mann, bereits in seinen jungen Jahren ein Veteran aus vielen Kämpfen und Schlachten,  war ein noch nicht eingelöstes Versprechen. Das einzige, was ich euch im Augenblick von ihm nennen kann, ist sein Ziel, das er allerdings nie erreichen würde. Es wollte nach Fronstjin. Dieser Name stand in jener Zeit nur für eine weitere elende Ansammlung halb in der Erde vergrabener Holzhütten, die sich an eine schlammige Furt über den kurzen und nur wenige Monate im Jahr eisfreien Flusses Hrimthur schmiegte. Dort suchte ein Kriegsherr nach Söldnern und dessen Heer wollte sich Straif anschließen.

Heute ist Fronstjin eine weitere Perle unter den weißen Städten, die die Halskette um das hohe Gradmir – die Hauptstadt des Zares von Litna – bilden. Längst haben dort die Elektrizität und die Moderne Einzug gehalten und es führt eine häufig befahrene Bahnstrecke unter dem Newton-Gebirge und dem Berg Trudgelmir durch einen meilenlangen, erst vor dreißig Jahren wiederentdeckten Vorgänger-Tunnel von Écuyer bis in die nördliche Stadt und weiter nach Sordil an der Eismeerküste.

Aber in den Zeiten von Straif war Fronstjin vollkommen abgeschnitten von der restlichen Welt und wurde von einem zähen und bleichen Barbarenvolk mit grünen Augen und roten Bärten bewohnt, das für seinen eigenen Bedarf magere Wollschafe züchtete und aus Eislöchern des nahen Hrimthur-Sees die großen und schmackhaften Fiskri-Dorsche angelte, deren Rogen wir gerade an der überaus üppigen Tafel des Vezirs genießen durften.Was für ein ärmliches Leben führten sie damals im Norden! Und doch brannten in den Herdstätten der niedrigen Langhäuser warme und einladende Feuer und die Fronstjiner waren ein fröhliches Volk, das Fremde gastfreundlich und mit warmen Herzen in seiner Mitte willkommen hieß.
Doch lasst uns zu dem einsamen Wanderer zurückkehren! Der Gedanke an diese nur wenige Meilen unter ihm im Flusstal liegende und doch für ihn wahrscheinlich unerreichbare Siedlung ließ Straif voller Verzweiflung aufschluchzen. Er stolperte ungeschickt und stand für einen kurzen Augenblick still.

Da hörte er es.

Er hörte ein Heulen. Andauernd und dumpf hallend kroch es wie ein Nebelfetzten über den Schnee, den die heraufziehende Dämmerung fleckig machte. Hinterhältig schlich es sich zu ihm heran und schien sein jagendes Herz mit einem bitterkalten Griff zu packen. Straifs Pulsschlag setzte einmal aus, er erstarrte zur Eissäule und der gierige Wind zerrte an dem Regungslosen. Seine erschütterte Seele weigerte sich, zu glauben, welches Wort sein Verstand ihm zuflüsterte:

»Eiswölfe!«, entsetzte er sich.

Allzu deutlich vernahm er nun den Ruf der einzigen Raubtiere, die in der Schneewüste leben und dort nach ihrer Beute jagen: Schafe, Machmouts und die schweren, langsamen Woll-Einhörner. Aber auch einen einsamen Wanderer oder gar ein unbefestigtes kleines Dorf verschmähen sie nicht. Ihr wollt sie vielleicht mit den Murlanen oder den Schakalen der Grauen Wüste vergleichen, meine Zuhörer, doch gegen die Eiswölfe sind eure Raubtiere nur Schoßhunde für verwöhnte Prinzessinnen. Sie sind die furchteinflößendsten Geschöpfe von ganz Frostje, auch wenn man sie heute nur noch selten sieht und sie inzwischen ein beliebtes Ziel für die Jäger am Hofe des Zares sind. Eiswolfe sind schier unvorstellbar grausame Bestien, größer und schwärzer als der Tod selbst. Die Tag-Zwerge, die im Gezweig des Weltenbaums von Ygdras ihr Leben in endlosen Festen feiern, hatten Straif, der eine Zeitlang bei ihnen gewohnt und die Schriften der Weisen von Udgârt studiert hatte, zwar nach diesen Ungeheuern Fenrir Ulf – den Schreckenswolf – genannt, doch weder die Zwerge noch er selbst waren jemals diesem Schrecken der Eiswüste begegnet. Und auf eine nähere Bekanntschaft legte Straif auch keinen großen Wert.

Aber das Heulen kam näher – die Hetzjäger waren eindeutig in Straifs Richtung unterwegs. Die Wölfe, wahrscheinlich ein Rudel, das sich um ein dominantes Muttertier versammelte, hatte die Witterung eines einsamen und vermeintlich hilflosen Opfers aufgenommen.

Straif blinzelte den verkrusteten Schnee von seinen Lidern und spähte angestrengt in das aus Dunkelheit und Schneetreiben gewobene Nichts vor sich. Die für die Verhältnisse des Newton-Massivs niedrige Felsbarriere, die seine Augen so verzweifelt suchten, war eigentlich nur eine etwas markanter, schroffe Klippe, die den Hangabbruch hinunter ins rettende Tal markierte. Der Krieger hatte sie bis zum Abend erreichen wollen, um in einer ihrer Zerklüftungen oder Nischen die frostige Nacht zu überstehen. Auch wenn er sie bei den schlechten Sichtverhältnissen mehr erahnte als sie wirklich zu sehen und sie sich wohl nur als Vision herbei wünschte, war Straif der Felswand sicherlich nähergekommen. Grau und schmutzig schien sie dem Jüngling wie eine bedrohlich aufziehende Gewitterfront knapp über den Horizont hinaus zu ragen, allerdings noch immer einen Fußmarsch von vielleicht fünf oder zehn Furlong entfernt zu liegen. Hinter dieser Wand, die die alten Wenden Fjall TudAsq – Felsen des Todes – getauft hatten, begann der steile und serpentinenreiche Steig hinunter nach Fronstjin. Es waren halsbrecherische, vereiste Stufen, die dort in den Felsen geschlagen waren, auf denen Straif jedoch kein Eiswolf würde folgen können.

Doch dieser Abstieg lag für ihn so fern und verloren wie die Tage der Vorgänger. Zuallererst musste Straif den Fjall überhaupt einmal lebend erreichen und dann auch noch einen erklimmbaren Einstieg in ihn finden. In einer höher gelegenen Höhle oder Spalte in seiner fast lotrechten Wand würde er vielleicht einen Unterschlupf finden, der ihn vor seinen Verfolgern schützen konnte. Auf jeden Fall musste er jetzt sofort seine Entscheidung treffen. Sollte er den Bestien hier auf der Ebene entgegentreten oder besser sein Heil in der Flucht versuchen?

Straif befreite kurzentschlossen den Oberkörper von seinem steif gefrorenen Umhang, den er ohne Bedauern zur Seite warf, weil der ihn von nun an nur noch behindern würde. Darunter trug der junge Krieger einen wattierten Wams und ein leichtes Kettenhemd, das ihn vielleicht vor einem heimtückischen Verräterdolch oder einem verirrten Pfeil, aber niemals vor den Reißzähnen eines wilden und ausgehungerten Frostje-Fenrir beschützen könnte. Straif rannte los. Er lief so schnell und gut, wie es die Schneewehen zuließen, die der Wind über seinen Pfad geblasen hatte. Immer wieder brachen seine Füße durch die dünne, vereiste Oberfläche, die der Reif auf dem lockeren Schnee gebildet hatte und er kam mehrmals gefährlich ins Stolpern.

Aber Straif trieb sich selbst an – vorwärts, nur vorwärts. Er wusste, was auf dem Spiel stand und jetzt fror er auch nicht mehr. Doch die Wärme, die in seinem Körper entstand und ihn aus seiner Steifheit weckte, war trügerisch. Sie würde seinen Untergang nur beschleunigen, wenn er nicht bald einen geschützten Ort fand. Der Krieger versuchte, seine Kräfte einzuteilen. Lange konnte allerdings diese Geschwindigkeit nicht mehr aufrecht erhalten, mit der er durch den Schnee hetzte. Schon jetzt keuchte er verzweifelt und der Dampf seines Schweißes hing wie eine Rauchfahne über ihm. Doch er kam dem Felsen des Todes näher; das machte ihm Hoffnung. Immer deutlicher und bedrohlicher ragte er vor ihm auf und bald hatte Straif die Hälfte der Strecke zurückgelegt. Vielleicht würde er den Wölfen doch entkommen. Er machte eine kurze Pause, um wieder zu Atem zu kommen.

Seine Hoffnungen hatten ihn betrogen: Er spürte die Wölfe mehr, als er sie hörte. Sie waren nun ganz in seiner Nähe. Straif umfasste den Griff seines Schwertes und drehte sich vorsichtig um, zog dabei die scharfe Waffe aus ihrer Scheide. Es waren vier oder fünf Schatten, die sich plötzlich wie Daimonen aus dem grau-schwarzen Nichts der Dämmerung schälten; ein kleines Rudel von gewaltigen, tiefschwarzen Wesen, deren Schultern sich in der Bauchhöhe des nicht eben kleinen jungen Mannes befanden. Gelbe Augen funkelten böse in der Finsternis. Straif machte einen Ausfallschritt und suchte festen Halt auf dem rutschigen Untergrund. Dann nahm seine Kampfstellung ein, das Schwert hielt er dabei stoßbereit waagerecht ausgestreckt direkt neben seinem Kopf, den anderen Arm schützend vor einer Kehle angewinkelt.

Knurrend und vorsichtig, dabei einen enger werdenden Halbkreis beschreibend, kam der erste und mutigste, vielleicht auch hungrigste Fenrir heran. Aus seinem Maul mit den furchterregenden Reißzähnen tropfte Geifer und fiel in den Schnee. Mit einem heiseren Bellen hatte er den anderen Tieren des Rudels vorher deutlich gemacht, dass dies seine Beute war. Die Wölfe jagten zwar gemeinsam, aber nur einer erlegte ihr Opfer, von dem als erste das riesige Muttertier kosten durfte, das sich in einiger Entfernung hielt und ruhig zusah, wie ihr Rudel ihr Opfer schlug.

„Komm nur, komm“, flüsterte Straif entschlossen und machte eine auffordernde Handbewegung. Die Zeit des Weglaufens war vorbei. Jetzt war er ganz Krieger und bildete mit seiner Waffe eine tödliche Einheit. Der Wolf zögerte, schnüffelte aufgeregt. Er roch es: Irgendetwas stimmte nicht mit dieser Beute; eine nicht greifbare Gefahr schien von dem seltsamen Wesen, das aufgerichtet auf zwei Beinen ging, auszugehen. Wahrscheinlich war der Fenrir noch nie einem Menschen begegnet.

Dann ging alles sehr schnell. Der Wolf ging in die Hinterbeine und setzte zum Sprung auf den Hals seines Opfers an. Straif wich zur Seite. Seine messerscharfe Klinge wirbelte neben ihm durch die trübe Luft, das Schwert drang in den Leib des Tieres und durchtrennte dessen für einen kurzen Moment ungeschützten Unterleib. Der Wolf fiel ungeschickt und Blut spritzend einen Schritt neben dem Kämpfer in den Schnee und taumelte steifbeinig zur Seite, die hervorquellende rosafarbene Schnur seiner Eingeweide hinter sich herziehend. Nach einigen unsicheren Schritten brach der Frenrir zusammen.

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Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 7 – Teil 1)

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7. Kapitel
Sahars Geschichte

Juel schob seine mit Federn geschmückte Maske gerade, lehnte sich, soweit es sein Schmerbauch zuließ, über die Brüstung der Galerie und schnupperte gierig in die Luft.

»Nach unserem kleinen Raubzug müssen wir unbedingt noch in der Küche vorbeischauen«, bemerkte er zu Selin, der neben ihm stand und mit offenem Mund auf die brodelnde Menschenmenge unter sich herab sah, die auf ihn den Eindruck machte, er würde auf einen wimmelnden und aufgeregten Ameisenhaufen blicken. Gerade eben waren die Ehrengäste eingetroffen und alle gemeinsam hatten sich auf den Weg in den angrenzenden Saal gemacht, wo die Speisen gereicht werden sollten und danach sein Großvater seinen großen Auftritt vor dem erlauchten Publikum haben würde. Er wollte Juel seinen Zweifel mitteilen, dass sie später noch die Gelegenheit finden würden, etwas von den übrig gebliebenen Speisen zu naschen, machte sich aber noch rechtzeitig klar, dass der Dicke seine Bemerkung nicht ernst meinen konnte. Es fiel Selin schwer, sich auf diesen Mann einzustellen, bei dem er nie wissen konnte, ob er scherzte oder ernsthaft mit ihm sprach. Er schloss den bereits geöffneten Mund wieder und entdeckte Alis und Muhar, die bereits von ihrer Audienz beim Vezir zurückkehrten.

»Das ging aber schnell«, begrüßte Juel die beiden, nachdem sie sich einen Weg zwischen den Gaffern auf der Galerie zu ihnen gebahnt hatten. Verschwörerisch zogen sie sich in einen Winkel zurück, in dem sie nicht belauscht werden konnten. Alis nickte nachdenklich.

»Ómer war in Eile, weil der Regno seinen Zeitplan durcheinander gebracht hat. Vor mir tritt noch ein Märchenerzähler auf und zwar ausgerechnet dieser Fremdländer, der mir gerade überall auf den Bazaaren Konkurrenz macht. Das sei der Wunsch von Raul IV. gewesen, dem er selbstverständlich entsprechen muss. Wahrscheinlich will der Lamarger beweisen, dass seine eigene Kultur zumindest ebenso bedeutend ist wie unsere.«

Alis sah zum Tisch der gekrönten Häupter hinunter, die sich gerade hingebungsvoll mit den Vorspeisen beschäftigten. Er deutete auf Sahar, der weit am Rand der Tafel neben Galves saß, mit dem er in ein angeregtes Gespräch vertieft war.

»Das sitzt der Kerl. Ich glaube, er ist ein gefährlicher Mann, auch wenn er wie ein Geck gekleidet ist.«

Juel sah ebenfalls hinunter. Er runzelte die Stirn und kratzte sich am kahlen Schädel.

»Von irgendwo ‚er kenne isch ihn«, murmelte er. »Isch weiß aber nicht, wo isch ihm schon mal begegnet bin und wann das war. Isch ‚abe nur das Gefühl, dass es schon eine ganze Weile ‚er ist. Ah, ma mémoire … wenn der Kerl nur nicht diese Maske tragen würde. Isch müsste näher an ihn ‚eran, aber isch weiß nicht, wie.«

Muhar nickte schon die ganze Zeit zustimmend und schrieb:

»Der Auftritt des Nordmannes passt dem Vezir nicht, aber er hat keine Wahl. Auch wenn sich dadurch sein Putsch gegen den „Unterwerfer“ verzögert, den er – vermute ich – direkt nach den Märchen eingeplant hat. Der letzte Satz von Alis soll dann offenbar das Signal zum Aufstand sein«, lasen Juel und Selin gemeinsam seinen Zettel. »Ihr wisst schon: „Dies ist eine andere Geschichte …“«

»Deshalb will Ómer wahrscheinlich, dass ich mich kurzfasse«, ergänzte Alis nachdenklich. »Ich überlege noch, ob ich ihm diesen Gefallen tun soll. Auf jeden Fall muss ich jetzt wieder hinunter in den Saal und mich vorbereiten. Etwas Essen würde auch nicht schaden.« Er drehte sich zu seinem Enkel und ergriff seine Hand.

»Wenn der Tumult im Speisesaal losgeht und Alis Soldaten die Treuwächter überwältigen, dann hängt alles an dir und dem Ludo sorriento, den uns die Gilde so großzügig zur Seite gestellt hat«, sagte er und wandte sich zum Gehen. Der Stumme eilte an seine Seite.

Juel deutete eine Verbeugung an.

»Ich werde dich nicht enttäuschen, Großvater«, flüsterte Selin und hatte, noch während er die Worte aussprach, größte Bedenken, ob er sie wirklich wahrmachen konnte. Plötzlich wühlte Aufregung wie ein Haufen Sandwürmer in seinem Bauch und es stieg eine heiße, beklemmende Hitze aus seinem Innersten empor. Bisher hatte er noch immer nicht völlig glauben können, dass der Moment käme, an dem der Plan seines Großvaters in die Tat umgesetzt würde. Irgendetwas, hatte er gedacht, würde geschehen, ein Umstand dazwischen geraten, der die Ausführung des tollkühnen Diebstahls in einem der bestbewachten Gebäude der Welt verhindern – oder doch zumindest verschieben würde. Dann hätte er sein bisheriges Leben fortsetzen, für seine Prüfungen lernen und weiterhin glühende Liebesschwüre mit Semira tauschen können. Aber als er nun Alis und Muhar wieder in der Menge verschwinden sah, wusste Selin: Dies war alles nur ein frommer Wunsch gewesen. Egal, was passieren würde und wie die ganze Sache ausging, ob es ihnen gelingen würde, den „Weg, der in den Tag führt“ an sich zu bringen und sie anschließend durch die Kavernen unter dem Palast entfliehen und auf alten Diebeswegen aus der Stadt entkommen konnten – weiter wollte Selin im Augenblick nicht denken – oder ob sie ertappt, gefoltert und hingerichtet würden und ihre Leichen anschließend für Monate von den Palastmauern herabhingen und vermoderten: Die Entscheidung war gefallen, alles dies würde heute Nacht noch geschehen … auf die eine oder auf die andere Weise. Wie endlos entfernt erschien dem jungen Mann plötzlich der Sonnenaufgang dieses Tages, der ihn lernend auf dem Dach des Wohnhauses gefunden hatte!

Als würde er in diesem Augenblick in Selins Herz blicken, stellte sich Juel neben ihn und klopfte ihm auf die Schulter.

»Wir ‚aben noch ein wenig Zeit«, sagte er, »lass uns einen günstigen Ort suchen und den Märchen lauschen. Vielleicht fällt mir dann auch noch ein, woher ich diesen Märchenerzähler aus dem Norden kenne.« Er zögerte, weil ihn mit einem Mal eine alte Erinnerung überfiel, die er nur selten an sich heran ließ, weil sie zu schmerzhaft war.

»Es wird alles gut gehen, glaube mir«, sagte der Meisterdieb dann, »isch bin schon in viel misslicheren Situationen gewesen und habe mich immer wieder aus ihnen ‚erausgewunden. Ich finde immer einen Ausweg. Das ist meine Spezialität. Die Tränenreiche ist auf meiner Seite und auf der Seite meiner Begleiter … zumindest ab und an.«

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»Die meisten von euch, meine südlichen Freunde«, begann Sahar seine Sage, nachdem er sich versichert hatte, dass er die ungeteilte Aufmerksamkeit aller Zuhörer hatte, »kennen den Winter nicht und haben noch nie den Schnee gesehen, deshalb lasst ihn mich euch zuerst beschreiben. Eine Schneeflocke ist ein kleiner, weicher Stern, der durch die Wolken zum Boden fällt, sich dabei weiß glitzernd um sich selbst dreht und wendet und im leichten Wind mutwillig wie ein eisiger Schmetterling tanzt. Fällt er auf deinen Handrücken, spürst du von ihm einen winzigen, eiskalten Mückenstich. Doch bevor du dir den ausgefransten Schneestern genauer betrachten kannst, taut er schon, schmilzt auf deiner warmen Haut zu einem köstlich kühlen Tau. Die Kinder in meinem Land versuchen, die Schneeflocken mit ihren Zungen zu fangen und sie erzählen sich, dass sie die gefrorenen Schweißperlen der dunkelsten unter den Wolkenriesen seinen. Eine auf die Spitze der Zunge segeln zu lassen, soll Glück bringen!

Fällte der Schnee jedoch auf die ewig gefrorene Erde der Tundra, so schmilzt er durchaus nicht, sondern er bleibt liegen und verbindet sich mit all den anderen Flocken, die sein Schicksal teilen, verwebt sich zu einer immer höher anwachsenden, blendend weißen Decke, die alles bedeckt, unter sich erstickt, abtötet, erfriert – egal, ob Pflanze, Tier, Mensch, Baum, Gebäude oder Berg. Die Konturen verschwimmen, die Welt wird kleiner, fast gemütlich, doch sie ist menschenfeindlich, gefährlich, sie verzeiht keinen Fehler. Ja, Schnee ist eine Todesfalle.

Bewohner von Karukora! Meine Geschichte spielt vor gut zweieinhalbtausend Jahren in den dunklen Jahrhunderten nach dem Fall der Drei Länder, nach deren schrecklichem Krieg alle Zivilisation, Kultur und Wissen, Mitmenschlichkeit und Friede für immer verloren schienen und die Menschen ganz langsam aus dem Albtraum zu erwachen begannen, der unsere Welt verwüstet und in einen Ort der Tränen und Verzweiflung verwandelt hatte. Sie beginnt im fernen Frostje im ewigen Eis, hoch im Norden der Welt, dort, wo der dämmrige Tag nur einige kurze Stunden und die Nacht oft ewig andauert. Schnee taumelte feucht aus den grauen, tiefen Wolken und er fiel so dicht und schwer, dass Straif nur wenige Fuß weit sehen konnte. Er stapfte müde und verzweifelt über das unter seinen Schritten knirschende, blendend-weiße Leintuch einer namenlosen Hochebene. Sie erstreckte sich weit unterhalb des vergletscherten Berges Trudgelmir, dessen Sattel der junge, tapfere Mann von Süden her überschritten hatte. Über dieser tief verschneiten Tundra, die längst alle Umrisse und Landmarken unter ihrer kalten Last verloren hatte und deren Horizont mit den Wolken verschmolz, tanzten munter die Schneeflocken, doch es war ein Totentanz, zu dem sie den verlorenen Jüngling aufforderten.

Straif hielt seinen rohen, löchrigen Mantel fest an den Körper gepresst und versuchte auf diese Weise, so etwas wie Wärme, zumindest einen Schutz vor der erbarmungslosen Kälte, die ihn umwirbelte, zu erzeugen, aber es gelang ihm nicht. Das Gegenteil war der Fall. Er fror immer heftiger, wie Fieberschauer jagte der Frost Schmerzen durch seine Beine, mit denen er bei jedem Schritt bis zu den Knien in den Schneewehen versank. Sie gehorchten seinen Befehlen kaum mehr und drohten, ihm ihren Dienst zu versagen. Er wusste mit jedem vorsichtigen Atemzug, der wie Feuer in seinen Lungen brannte, deutlicher, dass er am Erfrieren war und sein Ziel wohl niemals mehr erreichen würde.

sahar

Sahar, der Märchenerzähler

[zum 2. Teil]