Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 7 – Schluss)

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Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

„Straif.“ Eine Stimme flüsterte seinen Namen. „Ich kenne dich jetzt.“

Die Stimme schien von einer Person zu stammen, die direkt neben dem jungen Krieger stand und sich wegen ihrer Größe zu ihm herab beugte. Er spürte sogar einen eisigen Atem auf seiner Wange. Erschrocken fuchtelte Straif mit den Armen, als würde ihn eine blindwütige, blutdürstige Pferdebremse umschwirren. Er rannte um sich schlagend eilig ein paar Schritte tiefer hinein in die Düsternis der Tunnelröhre. Doch vergebens; die körperlose Stimme blieb bei ihm; ganz nah an seinem Ohr.

„Bürger Straif“, wisperte sie nun mit einschmeichelndem, drängendem Ton, „gehe auf keinen Fall weiter. Du wirst dich verirren und in der Dunkelheit verdursten.“

Die Präsenz des Geistes war atemberaubend und zwingend, doch Straif schüttelte den Kopf. So leicht war er nicht zu übertölpeln. Er hätte nicht zu sagen vermocht, ob eine Frau oder ein Mann mit ihm sprach, doch er war sich ziemlich sicher, dass dies nicht Sadons Stimme war.

„Gehe zurück ans Licht. Meine Goleme werden dir helfen. Ich habe sie geschickt, um dich zu retten. Dein Leben ist mir wertvoll, denn ich habe Großes mit dir vor. Du sollst meine Stimme auf Erden sein.“

„Inet?“, flüsterte Straif und sein Mund war so trocken, dass er die zwei kurzen Silben des Namens des Verführers kaum über die Lippen brachte. Das Angebot des alten Götzen war verlockend, doch er würde den süßen Schmeicheleien dieses Ungeheuers widerstehen. Er war der Fenrir Ulf, der Krieger des Baums und immun gegen die Einflüsterungen eines gefallenen Gottes der Vorgänger.

„Inet?“, wiederholte er ungläubig und fragte sich, ob dieses Gespenst des absolut Bösen, dessen Wirken ihm gerade Sadon so eindrücklich vor Augen geführt hatte, das die Welt beinahe zerstört hatte und noch immer, nach Tausenden von Jahren, ihren endgültigen Untergang plante, tatsächlich mit ihm in der Dunkelheit stand oder nur eine Wahnvorstellung seiner überreizten Nerven war.

Er lauschte angestrengt, könnte aber nichts weiter hören und das erschreckte ihn noch mehr als die körperlose Stimme, die plötzlich neben seinem Ohr aufgetaucht war. Auch von den Deltas war nichts mehr zu hören. Allein ein beständiges Zischen wie von einem undichten Dampfventil und von dem er nicht wusste, ob er es tatsächlich hörte oder es sich nur einbildete, drang als einziger Laut zu ihm.

„Nein, Inet, ich kehre nicht um“, sagte der einsame Mann in der Finsternis. Er sprach so laut und fest, wie ihm möglich war, denn er wollte sich selbst überzeugen.

„Dort hinten im Licht wartet nur der Tod auf mich. Mag sein, dass vor mir in der Dunkelheit Schlimmeres auf mich lauert, aber ich werde mein Glück lieber dort versuchen.“

Er bekam keine Antwort. Nur das Echo seiner eigenen Stimme wurde von den Wänden zurückgeworfen. Da ballte Straif seine Hände zu Fäusten und schritt langsam hinein in die ewige Nacht der tausend Gänge und Hallen unter dem Fjall Tu’DasQ. Er sah kein einziges Mal zurück. Ein Krieger hatte den Felsen des Todes betreten und ein müder, grauer Mann würde lange Zeit später wieder von ihm ausgespuckt werden.

Plötzlich war dann doch noch einmal die Furcht erregende Stimme Inets in Straifs Rücken zu hören:

„Wir werden uns wieder begegnen, Straif. Zeit bedeutet mir nichts. Du besitzt, was mir gehört. Ich werde es mir holen. Dann werde ich meinen Auftrag erfüllen und endlich ruhen können.“

„Nur raus, raus hier!“, dachte Straif und rannte vor der Stimme Inets davon. Er presste dabei die Hände gegen die Ohren, um sie nicht weiter hören zu müssen. Endgültig wurde von der Finsternis des langen Tunnels, von dem er hoffte, er würde ihn wieder an die Oberfläche führen, verschluckt. Doch das Schicksal hatte noch den einen oder anderen Streich für ihn vorbereitet. Deshalb führte ihn dieser stählerne Gang zwar weg von Inets und Sadons Reich zu einem schier bodenlosen, kreisrunden Schacht, an dessen Rand eine metallene Leiter befestigt war. Aber es gab nur einen Weg und der führte hinab, immer tiefer hinunter in die Gebeine der Erde.

Und so begann für Straif die Reise durch die Nacht. Viele Monate sollten vergehen, bis er wieder unterhalb des höchsten Berges der Überlebenden Lande schmutzig, krank und zum Skelett abgemagert auf allen Vieren aus einer Höhle kroch. Trotz des Schattens, den die Wendspitze auf die Ebene zu ihren Füßen warf, brauchte er viele Stunden, bis er seinen an die Schwärze des Untergrunds gewöhnten Blick ungeschützt über das liebliche Tal schweifen lassen konnte. Hier würde von ihm bereits einige Wochen später die erste der Klosterburgen der Gemeinschaft der leidenden Gene gegründet werden, um Inets Plan, die Welt zu zerstören, aufzuhalten: Diese Mönchsfeste nennen wir heute das hohe und einzigartige Italmar, jene einzigartige, durchscheinende Burg des Glaubens, dieses Diamanten unter den Stätten des Kirchenstaats, in dem sogar die Pflastersteine aus Quarzglas gegossen sind, damit das Licht der Wahrheit ungehindert in ihre Straßen fallen kann.

Vierzig mal vierzig Abenteuer hatte Straif im Untergrund erlebt und war dabei Dingen und Wesen begegnet, die sogar für ein Märchen zu unglaubwürdig sind. Oft hatte ihn nur Sadons Schlüsseldolch aus einer Misere geholfen. Und schließlich begegnete der spätere Erzabbas Straif in seiner Reise durch die Nacht auch noch einmal dem fürchterlichen Inet, wie es dieser vorhergesagt hatte. Aber wie sagen die Erzähler Karukoras am Ende ihrer Sagen? Dies ist eine andere Geschichte und sie soll auch ein anderes Mal erzählt werden!«

Sahar verbeugte sich. Ein anerkennender, aber nicht allzu lauter und auch nicht ausdauernder Applaus begleitete seinen Abschied von der Bühne. Der junge Erzähler mochte sich mehr erwartet haben, denn er schüttelte nachdenklich den Kopf und kehrte nicht mehr für eine Zugabe auf die gesalzenen Bretter der Bühne zurück.

Ómer, der den Eindruck erweckte, dass er während des Vortrags eingeschlafen war – durch seine Maske war das unmöglich auszumachen -, schreckte mit den letzten Worten von Sahar wie von einer Südtarantel gestochen in die Höhe und sah sich aufgeregt um. Doch er hatte sich sofort wieder im Griff, als er bemerkte, dass er von den gekrönten Häuptern an seiner Seite spöttisch beobachtet wurde. Er breitete die Arme aus:

»Wir danken unserem Gast aus den fernen Nordländern für seine spannend erzählte Geschichte, die uns allen einen ausgesprochen interessanten Einblick in die Gedankenwelt der Menschen, die jenseits der Wüste leben, gewährt hat. Nun. Der Abend ist noch jung. Deshalb soll jetzt aber auch endlich der bescheidene Anteil Karukoras zur Kultur des Geschichtenerzählens folgen und auf diesen Brettern zum Vortrag gelangen. Begrüßen wir nun Alis, den Honigzüngigen, mit dem ehrfürchtigen Schweigen, das er verdient«, sagte der Vezir und setzte sich mit einem raschen Seitenblick auf den Namenlosen wieder.

Dieser nickte gnädig und flüsterte Miladi ein paar Worte zu, die die schöne Frau aus den Oststädten mit ihrem glockenhellen, verheißungsvollen Lachen quittierte, das alle Männerherzen in ihrer Nähe in Verzückung versetzte und schneller schlagen ließ. Ihr Lachen unterbrach die ehrfürchtige Ruhe des Saales, an die sich die Vielzahl der Gäste, Bediensteten und Wachen hielt. Falls dieser forcierte und wohl auch absichtliche Affront der Botschafterin Alis missfiel, ließ er er sich jedenfalls nichts davon anmerken.

Einsam, winzig und zerbrechlich wirkte er auf seinen Enkel, der in der Höhe neben Juel halb hinter einem Vorhang verborgen saß und den Auftritt durch einen Schlitz in dem Stoff beobachtete.

»Efin, da ‚at dieser fremde Erzähler doch ein wenig daneben gegriffen«, flüsterte ihm der Meisterdieb zu. »Seine Sage, die isch übrigens schon eintausendmal ge’ört habe, ist zwar leidlich spannend, aber doch nicht etwas, was man anlässlich eines Galadiners ‚ören will. Blutrünstige Wölfe, lebende Leichen, grausame Goleme und rachsüchtige Götter, die können einem doch ganz schön auf den Magen schlagen. Je te prie, das passt in eine Spelunke in der Provinz, aber doch nicht ‚ierher an den Hof des Namenlosen. Isch frage misch, für wen er sie erzählt hat. Vielleicht hatte er ja eine Verabredung mit Ómer, damit sich der alte Geizhals den Gang mit den Hauptgerichten sparen kann. Je me demand si … schließlisch …«

Juel beendete seinen Satz nicht. Er starrte für einen Moment gedankenverloren in die Leere. Dann legte er seine Hand auf Selins Schulter. Der hatte nur Augen für seinen Großvater, der so verloren dort unten vor den mächtigsten Männern der Zeit stand und sich und seine ganze Familie wegen einer seltsamen Karte in Lebensgefahr brachte; einer karte, die für Selin nicht mehr als ein Hirngespinst war. Einen Weg sollte sie zeigen quer durch die Felder des Ewigen Krieges, auf denen jeder Fußbreit Boden ungezählte Male von gewaltigen, stählernen Armeen durchpflügt und zu Staub zermahlen worden war, wo hinter jeder Sanddüne der Tod ein anderes seiner tausend Gesichter zeigte, hinüber auf die andere Seite nach der legendären Stadt Paradis, dem Ort des Friedens, den es allein in der Einbildung eines Narren geben konnte – das war vollkommener Irrsinn!

Nicht zum ersten Mal fragte sich Selin, ob der Alte und sein Freund Muhar wirklich an dieses Ammenmärchen glaubten oder vielleicht doch etwas ganz anderes dahinter steckte. Auch wenn er sich beim besten Willen nicht vorstellen konnte, was das war. Juel unterbrach seine Gedanken.

»Mach dich langsam bereit, Selin. Wir hören uns nur den Anfang des Märchens deines Großvaters an, dann sollten wir davon und uns den inneren Gemächern des Palastes nähern, damit wir uns später in der ersten Verwirrung des Aufruhrs hinein schleichen können. Hast du verstanden?«

Selin nickte abgelenkt. Er war neugierig, welches Märchen sein Großvater vortragen würde.

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Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 7 – Teil 8)

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Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

„Sadon! Bist du das?“, stöhnte er. „Ich habe dich doch getötet.“

Die Frau lachte laut und das bewegungslose und starre Gesicht verwandelte sich kurz in ein hässliche Fratze. Gerade dieser bleiche, verzerrte Ausdruck, der nicht zu der weichen und hohen Stimme passte, machte Straif noch einmal deutlich, dass es keine echte Frau war, die ihm diese magische Scheibe zeigte, nachdem er sie mit seinem Schlüsselgeist zum Leben erweckt hatte, sondern eine erneute Larve für Sadons Seele. Sah Straif nun vielleicht ein Abbild des echten Sadon? Sein Avatar hatte vorhin gesagt, dass er einmal eine Frau gewesen war. Hatte sie im Leben so ausgesehen?

„Du kannst mich nicht töten, Krieger des Baums“, fuhr Sadon fort, nachdem sie sich beruhigt hatte. „Ich bin nur noch ein Flaschengeist, ein in die Maschinen des Fjall eingesperrter Dschinn, dessen Gedanken sein Mârid Inet in seinen Nervennetzen und Datenbanken am Leben erhält. Und weil du meinen Avatar zerstört hast, kann ich nur noch auf diese Weise mit dir in Verbindung treten. Immerhin siehst du mich nun so, wie ich einst war, als ich Faiaba und meinen Bruder an meinen eisigen Herrn verriet.“

„Den Meister aller Niedertracht, des Verrats und der Lüge gibt es wirklich? Der Große Bruder der Bosheit ist nicht nur eine Sage?“, fragte Straif fassungslos. Er hatte die Geschichten über den Daimonengott Inet bisher für ein Ammenmärchen gehalten hatte, eine in den zivilisierten Überlebenden Ländern längst vergessene grausame Götze aus dem alten Oberone-Kult, mit dem höchstens noch die Barbaren des Nordens ihre Kinder erschrecken konnten.

„Selbstverständlich gibt es das eisige Ungeheuer und es ist noch immer so lebendig wie du und ich. Inet, der Verräter, ist schuld am Untergang der Vorgänger und selbst Baruch konnte ihn nur für eine gewisse Zeit aufhalten und nicht vollkommen vernichten.“

Die Frauengestalt, die Sadon für Straif angenommen hatte, warf einen Blick zurück auf die saftige Wiese im Hintergrund des Bildes, als würde sie jederzeit das Auftauchen eines Dritten erwarten.

„Ich habe Inet mit Hilfe einer Feuerwand für den Moment von unserem Gespräch ausgeschlossen, aber meine Hüterroutinen werden ihm nicht lange standhalten können. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er deine Anwesenheit bemerkt.“ Die Frau wandte sich wieder zu Straif, und ihre Stimme klang jetzt drängend.

„Du hast zwar meinen Avatar vernichtet, bist aber doch in den Besitz von Baruchs Schlüssel gelangt. Das war zwar von mir nicht so beabsichtigt, aber allein das Ergebnis zählt. Der Schlüssel ist für den Augenblick in Sicherheit. Höre mir genau zu: Mit ihm hast du dir eine schwere Bürde auferlegt. Der Schlüssel ist die Seuche, die den Herrn der Lüge überwinden kann; er ist die Hoffnung für unsere Welt. Er allein kann Inet noch aufhalten und der böse Gott würde alles tun, um ihn in seine Hände zu bekommen. Inet muss zerstört werden, sonst wird er mit Hilfe des schwarzen Máni die Welt verbrennen. Noch lebt sein alter Widersacher Oberone, der Herr der Wälder und des Getiers darinnen. Du musst ihn finden und wecken. Die Johannisnacht ist bald vorüber und er allein wird wissen, was zu tun ist, um Inet aufzuhalten. Auf dem Schlüssel befinden sich die Aufzeichnungen und Bücher von Baruch bewahrt, hoffentlich sind die Daten nicht zu sehr beschädigt worden. Du musst sie Oberone geben, verstehst du? Er ist in Pars.“

Straif begriff überhaupt nichts. Was verlangte Sadon da von ihm?

„Niemand kann nach Pars. Die alte Hauptstadt der Vorgänger liegt in den Jenseitigen Landen weit westlich von Ygdras. Dorthin führt kein Weg. Dort kann man nur den Tod finden“, widersprach er.

Jetzt tauchte wieder ein Lächeln auf den schmalen, verkniffenen Lippen der Frau auf, die sich Sadon nannte.

„Es gibt immer einen Weg. Man muss ihn nur finden. Aber ich sehe schon, du bist noch nicht überzeugt. Dann werde ich dir etwas zeigen, das du hoffentlich nicht vergisst.“

Sadon und die traumhafte Landschaft auf der Scheibe verschwanden und machten albtraumhaften Bildern Platz, die ganz offensichtlich den Untergang der Vorgänger zeigten. Straif sah Erdbeben, die so gewaltig waren, dass sie ganze Gebirge aufwarfen und die Erde wie eine Eierschale platzen ließ, aus der glühendes Gestein, giftiger Dampf und meilenhohe Flammenzungen drangen. Überall waren Zerstörung, Explosionen, Krieg, Feuer. Der Tod erntete allgegenwärtig und reich. Er worfelte die Menschen wie Weizenspreu. Gigantische Städte, die ihre wunderschönen, schlanken Häuser wie erhobene Finger in unglaubliche Höhen streckten, wurden Opfer von Flammen und die Vorgänger starben wie Fliegen. Schließlich rollte eine himmelhohe Welle heran und begrub die Welt der stolzen ersten Menschheit unter sich.

Schließlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, tauchte Sadons verhärmtes Gesicht wieder auf. Es zeigte sich weiterhin keine Regung auf ihrem eingefrorenen Antlitz, aber eine einzelne Träne rann ihr die Wange hinab.

„Milliarden und aber Milliarden Menschen starben am schon ersten Tag nach dem Sturz des bleichen Máni und der dadurch ausgelösten Flutwelle des großen Ozeans und dies war nur der Anfang. Allein die Landstriche, die ihr heute die Überlebenden Lande nennt, überstanden die Katastrophe, doch auch dort waren die Zerstörungen gewaltig und ihre Opfer ungezählt. Seit damals sind gut dreitausend Jahre vergangen und viele Wunden haben sich geschlossen. Aber Inet, der dies alles verursachte, harrt in seinem Kerker aus Eis auf den Tag der Rückkehr des Schwarzen Máni. So lange sein flammender Turm auf Kap Marelona leuchtet, wird er weiterhin den Weltenbrand planen. Er wartet geduldig auf seine Gelegenheit, auch noch den Rest der Menschheit auszurotten, denn dies ist der Auftrag, den ihm seine Herren, deren Knochen längst zu Staub geworden sind, eingeflüstert haben. Selbst wenn es bis zum Erscheinen Mánis noch lange ist, wird es so geschehen, wenn nicht Oberone mit Baruchs Schmetterling fliegt. Die Last und die Aufgabe, dies zu verhindern, liegt nun auf deinen Schultern. Wenn du mir noch immer nicht glaubst, dann lies die Bücher des Baruch und du wirst alles verstehen.“

Sadon sah sich erneut um.

„Jetzt fliehe! Ich kann dich nicht länger verbergen.. Die Deltas sind dir auf die Fährte gekommen und auch Inets Blick ruht inzwischen auf dem Fjall Tu‘DasQ.“

Die Scheibe färbte sich schwarz. Von allen Seiten waren seltsame Geräusche zu hören, als würden gleichzeitig hunderte von Fingernägeln an den Wänden kratzen. Straif sprang auf, Dann er zog den Schlüsseldolch heraus und steckte ihn zurück in die Gürteltasche. In der Nähe der Rückwand klappten plötzlich mehrere Luken an der Decke auf und aus ihnen quollen rattengroße, rechteckige Goleme, die sich wie Spinnen auf spitzen Nadelbeinchen bewegten und in Rudeln in alle Richtungen ausströmten. Das mussten die Deltas sein, von denen Sadon eben gesprochen hatte, tierhafte Maschinenwesen, die unter Inets Befehl standen. Immer mehr von ihnen kletterten mit hektisch klickenden Gliedmaßen aus den Öffnungen und bewegten sich wie schwarze Heuschreckenschwärme auf Straifs Standort zu. Er fragte sich, was ihre Aufgabe war, Im Augenblick schien ihm keine Gefahr von ihnen auszugehen.

Doch dann verlor der vorderste der Deltas seinen Halt an der Decke, fiel und landete auf Straifs Schulter. Augenblicklich bohrten sich seine nadeldünnen Füßchen mühelos durch den wattierten Wams und durch seine Haut. Panisch schlug Straif den kleinen Golem mit der Hand weg und als dieser auf dem Boden auf dem Rücken lag und hilflos mit seinen Beinchen zappelte, schlug er zur Sicherheit mit der schwarzen Scheibe zu, die er noch immer in der anderen Hand hielt. Sie zerbrach dabei und auch der Delta rührte sich nicht mehr. Dafür begannen die anderen einen ohrenbetäubenden Lärm. Sie stoppten, wippten mit ihren kleinen Körpern auf der Stelle auf und ab und begannen wie aufgeregte Mäuse zu fiepen. Der Schock über die brutale Zerstörung eines der ihren ließ sie zögern. Alle, auch die Deltas, die bisher in eine andere Richtung unterwegs gewesen waren, wandten sich nun allerdings zu ihm. Sie richteten ihre vorderen Beinchen wie Waffen in die Höhe und mit einem gemeinsamen Aufschrei nahmen sie den Marsch wieder auf und bewegten sie sich auf den Krieger zu, der den nutzlosen und zerbrochenen Rahmen fallen ließ.

Bevor sie ihn wie eine Flut überschwemmten und mit ihren scharfen Gliedmaßen zerrissen, blieb Straif nur die Flucht. Gegen solch eine Übermacht, die er erst durch seine Tat auf sich aufmerksam gemacht hatte – hatte er, unbewaffnet, erschöpft und verletzt wie er war, nicht die geringste Chance. Deshalb schlängelte er sich zwischen Tischen und Gerätschaften hindurch und versuchte, dabei so viel Staub wie nur möglich aufzuwirbeln, um die Deltas, die offenbar auf Bewegungen reagierten, zu verwirren. Sein Ziel war ein offener Durchgang im Hintergrund der Abstellkammer. Doch die Tiergoleme waren flinker als er, sie flitzten nicht nur der Schwerkraft trotzend über die Decke auf ihn zu, sondern begannen auch von den Seiten, ihm den Weg abzuschneiden. Sie waren inzwischen so zahlreich, dass es aussah, als wären die Wände selbst lebendig geworden und machten Jagd auf ihn. Schnell schmolz sein kleiner Vorsprung dahin. Doch es gelang ihm gerade noch, mit einem kühnen Sprung durch den Durchgang der Einkesselung zu entkommen und er stolperte in eine Röhre, in der nicht automatisch das Licht anging. Schnell schluckte ihn die Finsternis und der stieß sich den Fuß an einem unsichtbaren, harten Gegenstand, den er nicht gesehen hatte. Er fluchte und tastete sich weiter voran in die Schwärze vor ihm. Sie rettete ihn vor den Deltas. Wie er richtig erkannt hatte, benötigten sie Licht, um sich zurechtzufinden und hielten deshalb an dem Durchgang an und verfolgten ihn nicht weiter. Sie stießen zwar verärgert wirkend ihr Pfeifen aus und auch ihre Füßchen kratzten auf dem Metall der Wände, aber sie wagten es nicht, den finsteren Gang zu betreten. Hatte er sie so einfach abgeschüttelt?

Straif sah zurück zu dem schon weit entfernten Lichtfleck des Ausgangs. In diesem Moment spürte er, dass er nicht allein in der Röhre stand. Jemand war bei ihm. Seine Nackenhaare sträubten sich.

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Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 7 – Teil 7)

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Der Weg, der in den Tag führt
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Aber vielleicht gab es doch noch eine Chance für ihn, lebend aus dieser Mausefalle herauszukommen, denn die Wand, gegen die ihn eben die Wucht der Explosion geschleudert hatte, hatte beim Aufschlag seines Körpers ein wenig nachgegeben und dabei so hohl geklungen, als gäbe es hinter ihr einen weiteren Raum. Straif rutschte an die feuchte Wand heran und schlug gegen sie – kein Zweifel, sie war nur aus dünnem Eisenblech geformt und erzitterte unter seiner Faust. Was hinter ihr lag, vermochte Straif nicht einmalzu vermuten. Er hätte jetzt einiges dafür gegeben, wenn er durch Wände hätte sehen können. Doch er besaß eine andere Fähigkeit und die war für einen Krieger viel wichtiger: Er gab niemals auf und konnte sich blitzschnell auf neue Situationen einstellen. Eine kleine Galgenfrist blieb ihm noch, denn der Ventilator neben ihm lief zwar inzwischen stotternd und unrund, aber noch immer schaufelte er Frischluft ins Innere, was zwar die Flammen weiter anfachte, aber den meisten Rauch von ihm fernhielt.

Er musterte aufmerksam die etwas eingebeulte, nieten- und augenscheinlich auch fugenlose Wandung und entdeckte an dieser Stelle einen dünnen Türspalt und so etwas ähnliches wie ein Schlüsselloch. Hier war ein niedriger Durchgang, durch den er hinauskriechen konnte! Er musste ihn nur öffnen. Zuerst drückte Straif mit seinem ganzen Gewicht gegen die Türklappe, stemmte sich gegen sie, doch sie widerstand mühelos seinen Bemühungen, beulte sich nur ein wenig nach Innen und nahm sofort wieder ihre ursprüngliche Form an, wenn er mit seiner Anstrengung nachließ. Verzweifelt sah sich Straif nach seinem Schwert um, aber sein suchender Blick konnte es in der brennenden Hölle hinter ihm nicht finden. Diese von den Tag-Zwergen meisterlich geschmiedete Waffe, die in den vielen Jahren, in denen er sie gebraucht hatte, fast schon ein Teil von ihm selbst geworden war, musste er wohl für immer verloren geben. Dafür fiel sein Blick aber auf die abgeschlagene Hand des Untoten, die wie ein Käfer auf dem Rücken in seiner Nähe lag. Etwas erregte seine Aufmerksamkeit. Was funkelte da neben dem Leichenteil? War das nicht jenes seltsam geformte kleine Stück grün überzogenes Metall, das Sadon ihm angeboten hatte und sah es nicht wie ein Dolch oder – besser – wie ein Schlüssel aus? Ein Schlüsseldolch!

Eilig fischte er nach dem Gegenstand. Obwohl ihn die Flammen fast erreicht hatten, lag das geheimnivolle Relikt aus vergangenen Tagen kühl in seinen Händen. Zum ersten Mal betrachtete er das flache Metallstück näher. Die an einer Seite abgerundete und zur anderen spitz und lang und schmal zulaufende Platte hatte die Farbe von Messing, für das sie allerdings zu leicht war, und darüber war ein verwirrendes grünes Labyrinth an Linien und rechteckigen Flächen lackiert worden, das Straif an die Muster auf der Eingangstür erinnerte. Ein paar kleine schwarze Blöcke, die wie tote Fliegen an einem Leimstreifen wirkten und unzählbahr vieln silbrigen Flügel und Beinchen von sich strecken, klebten wie zufällig angebracht auf beiden Seiten der Platte. Das Material, aus dem sie geformt waren, konnte Straif auf die Schnelle nicht bestimmen und es war ihm im Moment egal. Mit zitternder linker Hand nahm er den uralten Vorgänger-Gegenstand wie einen Schlüssel zwischen Daumen und Zeigefinger und versuchte, ihn in die schmale Vertiefung in der Wand zu stecken. Einen Versuch war es wert.

Und tatsächlich: Der Schlüsseldolch passte perfekt, ja, es fühlte sich an, als würde jemand auf der anderen Seite an ihm ziehen und ihn fast aus Straifs Fingern reißen. Trotz des Feuersturms und des Getoses des überforderten Ventilators hörte Straif deutlich das scharfe Einrasten von Sadons – oder Baruchs – Schlüssel. Augenblicklich zischte eine brusthohe Klappe in ihre Aussparung am Boden und erzeugte in der Wand einen Notausgang. Die Bewegung war so schnell, dass sie auch für das scharfe Auge des Kriegers kaum wahnehmbar war. Der erleichterte Sraif konnte problemlos gebückt in den quadratischen Tunnel dahinter treten. Selbstverständlich vergaß er dabei nicht, seinen Schlüssel wieder abzuziehen und in die Gürteltasche zu stecken.

Obwohl hier keine Lichter brannten und die Tür nach wenigen Schritten von ihm wieder nach oben sauste und ihn dadurch zu seiner Erleichterung von der Feuerhölle der Golem-Arena ausschloss, lag der leicht abwärts führende Tunnel nicht vollkommen im Dunkeln. Auf der rechten Seite war ein engmaschiges Gitterwerk, die seinen Gang von der Röhre des Ventilators abgrenzte. Von dort fiel genug Licht herein, um sich zu orientieren und so viel kühle, frische Luft, dass Straif erst einmal stehen blieb und den belebenden Windhauch genoss. Er hätte am Liebsten hier auf der Stelle gerastet, aber er fühlte sich noch nicht sicher, solange er noch innerhalb des Fjall Tud’AsQ war. Auch wenn seine Muskeln nach der Überanstrengung schmerzten und unkontrollierbar zuckten und die Aufregung seinen Pulsschlag jagen ließ, ging er weiter, um sich einen Ausgang zu suchen. Er wollte es lieber waffenlos erneut mit den Wölfen aufnehmen, als noch länger in dieser Vorgängergruft zu bleiben.

Straif ging wegen der Verletzung seiner Wade vor Schmerzen humpelnd einen Schritt weiter und wäre beinahe durch eine weitere Explosion hinter der Wand, die die alte Feste in ihren Grundmauern erschütterte, von den Füßen gerissen worden. Das Beben war gewaltig und ließ den Boden wackeln. Die Rotorblätter des Ventilators schrien wie tausend gepeinigte Katzen auf. Eine Feuergarbe raste durch die Nachbarröhre. Die Tür in Straifs Rücken hielt, aber sie blähte sich wie eine volle Schweineblase nach Innen und schimmerte plötzlich ölig. Wäre der Krieger noch in dem anderen Raum gewesen, hätte ihn dieser Flammenstoß wahrscheinlich wie ein Spanferkel gegrillt. Streif hatte es jetzt sehr eilig, weiter zu kommen und Abstand zwischen sich und den Brand zu bringen. Er biss die Zähne zusammen und stolperte weiter.

Nach kurzer Zeit zweigte sein Tunnel von der Ventilator-Röhre ab und endete nach ein paar Schritten vor einer weiteren, diesmal normal hohen Tür, aus der im Gegensatz zu den anderen ein normaler Hebel als Verschluss ragte. Straif legte ihn um und öffnete mit einiger Anstrengung die in ihren Angeln quietschende Tür, aus der dabei Rost und Schmutz rieselten. Ihm wurde dabei bewusst, wie viel er von seinen Kräften verloren hatte. Er würde dringend ruhen müssen, wenn er nicht vor Erschöpfung zusammenbrechen wollte. Er schob die widerspenstige Tür zur Seite und trat in den dahinterliegenden Raum, der mit blinkenden Vorgänger-Gerätschaften in allen Größen und den seltsamsten Formen vollgestellt war.

Sofort ging das kuriose Deckenlicht an. Straif fühlte sich beobachtet. Woher wusste der Fjall so genau, wo er sich aufhielt? Er sah sich ängstlich um, abr hier standen keine Feuerschalen, keine Goleme oder gar Untote in den Nischen, um sich auf ihn zu stürzen. Es wirkte, als hätte man sie vor Urzeiten einfach in diese Kammer geschoben, ohne auf Ordnung zu achten. Der Staub lag zwei Hände hoch auf den Gegenständen und dem Boden und hing wie alte, zerrissene Fahnen und Spinnweben von oben herab. Diesen Raum hatte seit Jahrhunderten, wahrscheinlich sogar seit Jahrtausenden, niemand mehr betreten.

Straifs Schritte durch die labyrinthische, zugestellte Enge zwischen den Maschinen wirbelten so viel von dem Dreck auf, dass ihm die Augen tränten und er wieder husten und niesen musste. Da fiel sein Blick endlich auf ein Möbelstück, das zwar seltsam aussah, dessen Funktion er aber erkannte: Es war ein ebenfalls unter eine dicken Staubschicht begrabener, aber bequem aussehender Stuhl, der jedoch nicht auf vier Beinen, sondern auf Rollen stand. Aber das konnte Straif egal sein. Er ließ sich sofort mit einem Aufstöhnen auf den Polstern nieder und sackte in sich zusammen. Die Gelenke des Sitzmöbels äfften seinen erleichterten Ausruf nach, aber es klang bei ihnen eher nach einem zornigen Protest. Der zu Tode erschöpfte Krieger ignorierte das Geräusch und schloss die Augen. Sofort kreiste eine aschefarbene Dunkelheit vor ihm, die von platzenden, orangefarbenen Ringen unterbrochen wurde. Wenn er jetzt einschlief, würde er erst wieder in Stunden erwachen.

Straif wurde schwindlig und er riss die Augen auf. Es fiel ihm schwerer als die Hand zu heben. Bevor ihm die Lider zum Tonnengewicht geworden waren, hatte er etwas gesehen, das seine Aufmerksamkeit erregt hatte. Jetzt musste ihm nur noch einfallen, was. Er beugte sich ein wenig vor. Direkt vor seinem Stuhl stand eine Art niedriger Tisch, auf dem einige Vorgängerartefakte lagen, unter anderem eine dünne, blinde Glasscheibe, die vielleicht mal ein Spiegel gewesen war. An der Unterseite ihres Rahmens war eine jedoch eine schmale Öffnung angebracht, deren Zweck er begriff. Sie hatte er gesehen, bevor ihn der kurze Schlaf übermannt hatte.

Dies war ein weiterer Platz für seinen Schlüsseldolch. Er nahm die schwarze Scheibe – sie war erstaunlich leicht und ungefähr so breit und hoch wie sein Unterarm – in die Hand und holte den Schlüssel wieder aus der Gürteltasche, probierte ihn aus. Er passte. Und es geschah etwas vollkommen Merkwürdiges und Unerwartetes: Die schwarze Scheibe erwachte zum Leben. Sie hellte sich auf und sie zeigte wie Fensterglas einen Ausblick auf eine sanfte Wiesenlandschaft, einen Hügel, auf dem die langen Gräser im Wind schwankten. Der Himmel, über den gemächlich ein paar Wolken trieben, war makellos blau. Nur, dass es eben keine Welt war, die Straif hinter der Scheibe sah, sondern eine in ihr. Was war das für ein Vorgänger-Zauber? Doch das Bild, das er sah, war so lebendig und plastisch, dass er vergeblich versuchte, durch den Rahmen hindurch in das Trugbild zu greifen und beinahe die Würze ihrer Luft zu atmen vermeinte. Der Anblick erinnerte ihn an die Lichtungen im Wald von Ygdras und nahm ihn gefangen. Er hatte Heimweh und fragte sich, ob es ihm auf irgend eine Weise gelingen konnte, die friedliche Welt hinter der fingerdünnen Glasscheibe zu erreichen. Von der Seite trat eine Gestalt auf die Wiese und näherte sich langsam. Es war eine Frau und sie trug einen weißen Umhang, der ihr ein priesterliches Aussehen gab. Sie sah Straif vollkommen ausdruckslos in die Augen. Ihm war klar, dass dies nur ein Trugbild und kein lebendiger Mensch war.

„Ich gratuliere dir, Straif Geris Bar, den die Zwerge Fenrir Ulf nennen“, sagte sie plötzlich mit viel Spott in der Stimme. Straif ließ vor Schreck beinahe die Scheibe, mit der er in eine andere Welt blicken konnte, fallen.

„Sadon! Bist du das?“, stöhnte er. „Ich habe dich doch getötet.“

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Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 7 – Teil 6)

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Durch den Befehl des untoten Sadon zum Leben erweckt schoben die zehn funktionstüchtigen Goleme ihre wie von Quecksilber überzogenen, glänzenden Körper nach vorne, klapperten aufgeregt zwitschernd mit ihren dünnen Gliedmaßen und begannen erstaunlich flink, Straif ganz ähnlich wie die Wölfe vorhin einzukreisen. Die an ihrer Spitze glühenden Finger hielten sie dabei immer direkt auf ihn gerichtet, deuteten auf ihn. Waren dies Vorgänger-Waffen, die dem Krieger unbekannt waren?

Straif stand wie betäubt. Gegen solch eine Übermacht konnte er nicht siegen. Er überlegte fieberhaft. Wo war die Schwachstelle dieser grotesken Kreaturen? Es musste einfach eine geben! Aber zuerst musste er ihrem Ring entkommen, mit dem sie ihn fangen wollen. Noch war er nicht ganz geschlossen, denn zwei der Goleme konnten ja dem Auftrag ihres Meisters nicht gehorchen, weil die Zeit die Räder in ihrem Inneren hatte verrosten lassen. Sie verharrten weiterhin stumm und bewegungslos am Rand der Arena neben den summenden Maschinen. Aber dem Krieger blieben nur noch Augenblicke!

Gedankenschnell quetschte sich Straif durch eine der Lücken und entging nur knapp den nach ihm greifenden Klauenhänden. Er fiel halb gegen einen der kaputten Goleme und dieser kippte aus dem Gleichgewicht gebracht einfach zur Seite. Allzu standfest waren diese Gegner ja nicht, aber er durfte sie nicht unterschätzen!

Wie zur Bestätigung traf ihn in diesem Augenblick ein brennend heißer Schmerz an der Wade. Überrascht blickte Straif nach unten und sah vorne aus seinem Schienbein einen nadeldünnen, roten Lichtstrahl austreten, der wie ein dünner, gespannter Bindfaden von dem Finger eines der Goleme ausgehend, die Luft durchschnitt und dabei mühelos wie ein glühendes Messer durch einen Block Butter durch sein Bein gedrungen und vorne wieder ausgetreten war.

Der Lichtstrahl bohrte ein dampfendes Loch in die Maschine, die direkt vor Straif stand. Deren funkelnde Lichter erloschen mit einem Schlag. Während der Kämpfer vor Schmerzen schreiend auf die Knie stürzte, schlug die Maschine Funken und stand mit einem Mal rauchend in Flammen. Gleichzeitig erstarrte der Golem, der mit der Apparatur verbunden war, wieder zu einer Statue und seine grünen Augenlichter wurden grau.

Sadons Stimme überschlug sich:

»Verflucht! Wir brauchen den Bewahrer lebendig. Ihr sollt ihn fangen und nicht in Scheiben schneiden! Schließlich soll mein Geist später nicht in einem Krüppel hausen.«

Straif fasste sich stöhnend an die Wunde am Bein. Sie blutete nicht, denn der gefährliche rote Strahl hatte sie wie das erhitzte Werkzeug eines Arztes kauterisiert und sie war durch den eisigen Dampf, der weiterhin den Boden bedeckte, betäubt. Verzweifelt biss sich Straif auf die Lippen. Aber jetzt erkannte er, wie er Sadon besiegen konnte, auch wenn er noch nicht wusste, wie er es anstellen sollte. Wenn – wie ihm gerade vorgeführt worden war – dessen Geist nicht in dem regungslosen Leichnam, sondern wie bei den Golemen in der Maschine links von seinem Thron hauste, dann war Straif gerettet, wenn er diese irgendwie zerstören konnte. Sein Schwert, das er bei seinem Sturz hatte fallen lassen und außer seiner Griffweite in die Arena geschlittert war, schien ihm dafür nicht geeignet. Er benötigte so etwas Ähnliches wie den Todesstrahl dieser Goleme. Es war eine einfache Rechnung: Sie lebten in der Kälte, deshalb konnte Hitze sie vernichten.

Mühsam richtete er sich auf und stolperte weiter, an der eben erstarrten Menschmaschine vorbei. Dabei gab er ihr mit der flachen Hand einen Stoß gegen die eiserne Brust. Es klang metallisch und hohl und der Golem stürzte durch den Schlag zur Seite, riss dabei einen seiner Gefährten, der gerade nach Straif schnappen wollte, mit sich zu Boden. Wie ein Käfer lag er unter dem anderen begraben auf dem Rücken und zappelte mit seinen dünnen Gliedmaßen. Entweder hatten die Jahrtausende in der Eishöhle ihnen übel mitgespielt oder sie waren von ihren Erbauern nicht besonders stabil konstruiert worden; wäre der Strahl aus ihren Fingern nicht gewesen, dann hätten sie für Straif vielleicht gar keine so große Gefahr dargestellt und er hätte sie einfach überrumpeln können. Aber allein ihre Übermacht – acht von ihnen waren noch beweglich und rückten wieder bedrohlich auf ihn zu – konnte ihn erdrücken.

»Wie lange soll ich noch warten?«, ließ sich Sadon wieder hören. Erklang da zum ersten Mal Unsicherheit in seiner Stimme?

Straif sammelte sich. Er suchte den ruhenden Punkt in seinem Inneren, um sich zu ihm zurückzuziehen und das Chaos um sich herum auszublenden. Das hatte er in den Jahren seiner Ausbildung zum Krieger des Baums immer und immer wieder geübt. Das nächste Augenzwinkern würde entscheiden, ob er diesen Kampf überlebte oder zur willenlosen Puppe wurde, die an den Fäden von Sadons Maschinengeist tanzte.

Jetzt!

Straif wurde ganz Reflex und Instinkt. Er tauchte unter dem Arm eines Golems hindurch, sprang weiter nach vorn und schlug dabei ein Rad, landete mit beiden Füßen auf der rutschigen Oberfläche der brennenden und qualmenden Maschine vor sich, nur um sich einen Moment später zur Seite durch die Luft zu drehen. Tödliche rote Strahlen aus den Fingern der Omegas durchschnitten vergeblich die Stelle, an der er eben noch balanciert hatte und brachten die Wand dahinter orange glühend zum Kochen. Straif aber stand längst nach einem weiteren Salto im Rücken der grausigen Mumie auf den Armlehnen ihres Throns.

Das alles ging so geschmeidig und flink in Bruchteilen von Sekunden vor sich, als würde Straif einen täglich geübten Geschicklichkeitsparcour absolvieren. Doch die scheinbare Leichtigkeit, mit der er sich einem Murlan gleichend durch den Raum bewegte, täuschte. Der an vielen Stellen seines Körpers blutende und schwer verwundete Krieger hatte bei seinem tänzerischen Ausweichmanöver seine letzten Energien verbraucht und die schwerste Herausforderung stand ihm noch immer bevor. Immerhin würden die Goleme mit der Mumie, hinter die er sich wie hinter einen Schild duckte, nicht mehr wagen, auf ihn zu schießen.

Sadons Flüche und wirre Wortfetzen ausspeiende Stimme überschlug sich erneut und er kreischte wie ein Tobsüchtiger. Straif konzentrierte sich ein weiteres Mal. Sein nächster Sprung musste die Entscheidung bringen!

Er stieß sich von der festen Schulterlehne des Throns ab und streckte gleichzeitig die Beine nach vorne, donnerte dann mit den Sohlen seiner Stiefel gegen den Rand der Feuerschale, die neben dem Gerät stand, aus dem Sadons tollwütige Stimme erklang. Dabei schickte er an alle Götter, die ihm in der Schnelle einfielen, ein verzweifeltes Stoßgebet, dass die Schale nicht zu fest ihn ihrem steinernen Fundament verankert war.

Einer dieser heidnischen Götter musste tatsächlich auf der Seite des mutigen Kriegers stehen, denn durch den Stoß kippte der helllodernde Brand tatsächlich aus und ein wahrer Bergrutsch aus glühenden Kohlen und einer hitzig flammenden Flüssigkeit ergoss sich auf den Boden und flutete wie eine Welle am Strand gegen die Maschine.

Straif konnte nicht beobachten, welche Wirkung sein Angriff hatte, denn er fiel schwer auf den Rücken und schlug sich beim Sturz den Kopf an Sadons Sitz an. Halb betäubt rollte er nach hinten und entging deshalb ein weiteres Mal knapp den Todesstrahlen der Goleme, die blubbernde Löcher in die Stelle bohrten, auf der er gerade noch gelegen hatte. Dadurch wurde die ölige Flüssigkeit, die über die Stufen in die Arena rann, stärker entfacht und entzündete den Mantelsaum von Sadons Avatar, der wie eine mit Petroleum verschmierte Fackel augenblicklich in Flammen aufging. Der Untote machte noch wie ein Schlafwandler einen tappenden Schritt nach vorne, bevor er grotesk langsam, sich dabei wie ein entflammtes Blatt im Wind drehend, von seinem Podest kippte und in sich zusammenbrach.

Dann zerplatzte mit einem Donnerschlag die überhitzte Maschine, mit der der Avatar Sadons bisher verbunden gewesen war und seine kreischende Stimme verstummte endlich. Sie wurde nach einer Sekunde gespenstischer Stille von einem ohrenbetäubenden Sirenenlärm abgelöst, den offenbar die verwirrten Goleme verursachten.

Sie versuchten zuerst noch, den auf sie zurollenden Kohlen und dem brennenden Öl auszuweichen, die die sich nach oben biegenden Bodenplatten, die sich in einen zähflüssigen Teer verwandelten und entsetzlich stanken, in qualmenden Brand steckten. Als hätten sie den Befehl dazu bekommen, begannen sie alle auf einmal, sich wie irrsinnig geworden im Kreis zu drehen, stürzten schließlich übereinander und bildeten ein unbeschreibliches Chaos aus Blechleibern, Insektenbeinen und mechanischen Ärmchen.

Eine weitere der Maschinen explodierte plötzlich und … gerade als sich Straif wieder aufrappeln wollte … noch eine – diesmal direkt in seiner Nähe. Er wurde von der Wucht des Flammenstoßes wie ein geworfener Stock gegen die Wand neben dem Ventilator geschleudert. Deren Eisüberzug begann bereits zu schmelzen und Wasser lief in kleinen Rinnsalen an ihr herab. Die leuchtenden Bänder an der Decke zerplatzten und Funken und Glassplitter regneten zu Boden. Überall brannten nun die Gerätschaften und die Schläuche, die sie verbanden und sie stießen einen schwarzen und beißenden Qualm aus, in dem die Flammen unheimlich irrlichterten.

Hatte es vorhin noch so ausgesehen, als würde Straif erfrieren oder von Wölfen oder Golemen zerrissen werden, standen jetzt die Chancen gut, dass er entweder verbrennen oder in dem fetten, wirbelnden Ruß ersticken würde. Straif wollte auflachen, aber sein Mund erzeugte nur ein gequältes Husten. Diese Fülle an Todesgefahren wurde ihm langsam zu grotesk, um sie noch ernst nehmen zu können. Seine Lage war viel zu unwirklich. Der Tod sollte sich endlich mal entscheiden, auf welche Weise er ihn unter die Wurzeln des Ygdras schicken wollte, wo die verstorbenen Krieger des Baumes in der Halle der Helden ein ewig währendes Festmahl feierten.

Er keuchte. Wie viele Atemzüge konnte er noch machen, bis der Rauch ihn betäubte?

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Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 7 – Teil 5)

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Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

Die Stimme erklang nicht direkt aus der Mumie, sondern aus einem der seltsamen Maschinenkästen, mit denen sie verbunden war. Vielleicht steuerte dieser auch den toten Körper und benutzte ihn als seine Marionette. Über die Vorgänger gab es so viele Sagen und Geschichten, dass es Straif nicht gewundert hätte, wenn sie in der Lage gewesen waren, Tote zum Leben zu erwecken. Er war jedenfalls vom Grauen gepackt und vermochte nur stotternd zu antworten:

»Du … hast auf mich gewartet, Schatten aus der Vergangenheit?« Straif wich zurück und fasste sein Schwert wieder fester. Die dürre, klapprige Mumie wäre kein ernstzunehmender Gegner für ihn; auch wenn ihm in diesem Moment der ketzerische Gedanke kam, wie man denn eigentlich einen Toten töten konnte.

»Ja. Denn du bist der Dis’Qiper

Dis’Qiper – das Wort sagte Straif überhaupt nichts und er hatte auch keine Ahnung, was es bedeutete. Doch um ihn herum begannen mit einem Mal die Goleme zu flüstern. Auch sie erwachten aus ihrem Maschinenschlaf und ihre Fingerklauen klickten dabei aufgeregt.

»Du bist der neue Bewahrer, Bürger.«

Straif warf seine Blicke nach rechts und links und sah atemlos, wie sich die zwölf Goleme langsam aus ihren Sitzen aufrichten und mit zischenden, knirschenden und vielgelenkigen Beinen vor ihre Sitze traten und dort wieder regungslos verharrten. Aber alle starrten ihn drohend mit ihren kalten, grünen Augenknöpfen an, während ihre Stimmen von allen Wänden des Saal als Echo zurück geworfen wurden. Alle deuteten mit ihren rotglühenden Fingern auf ihn.

»Dis’Qiper. Der Bewahrer.«

Straif versuchte Mut zu fassen, auch wenn ihm gleichzeitig heiß und kalt wurde und ihm trotz der Kälte der Schweiß über das Gesicht lief. Er wandte sich wieder an den Untoten, der offenbar der Befehlshaber der Goleme war.

»Und wer bist du, du grauenvolle Gestalt?«, fragte er. »Was willst du von mir?«

Die Mumie hob ganz langsam den Kopf, legte ihn zur Seite und schien ihn mit ihren leeren Augenhöhlen aufmerksam zu beobachten. Ein namenloses Grauen würgte in Straifs Hals.

»Man nennt mich Sadon máni bechhet und dies will ich dir überreichen.«

Der Leichnam hob seine rechte, zur Faust geballte Hand, drehte sie nach oben und öffnete sie. Irgendetwas Flaches, Schmales, das ein wenig an einen kleinen Spielzeugdolch erinnerte, lag auf der Handfläche, doch es interessierte Straif nicht. Er verdaute noch den Namen, den ihm der Tote genannt hatte.

»Du bist der schwarze Sohn von Launin, dem Weisen? Jener Verräter, der aus Eifersucht beinahe seinen Bruder Ksaver, den Roten, erschlug und daran schuld trägt, dass des Máeriqas Tochter, die holde Faiaba, auf ewig in einem Sarg aus Eis ruht?«, erwiderte Straif fassungslos.

Die Maschine, die den Untoten zu steuern schien, begann hektisch zu flackern. Offenbar hatten Straifs Worte etwas in ihr ausgelöst.

Doch wie konnte diese Mumie eines Vorgängers ausgerechnet der Sadon aus der Sage sein? Diese zwei Brüder, die sich um eine Prinzessin stritten, waren doch nur Fantasiegestalten, Figuren eines albernen Volksmärchens, das vom Fall der Drei Reiche berichtete und einen romantischen Grund für ihre Kriege fand, die in Wahrheit nur aus wirtschaftlichen Interessen geführt worden waren und dem Sieger nicht mehr als eine Handvoll Staub gebracht hatten. Das passte auch historisch nicht: Die Schlacht um Hossberg, bei der sich König Launin, Fürst Mériquas und Turini Sud – der Vorfahr unseres überaus freigiebigen Gastgebers Alis – mit ihren Armeen gegenseitig zerfleischten und damit unfreiwillig das dunkle Zeitalter einläuteten, war zwar bereits über siebenhundert Jahre her, aber der Untergang der Vorgänger durch den Sturz des bleichen Máni und die dadurch ausgelöste Große Welle lag noch einmal fast zwei Jahrtausende in der Vergangenheit. Doch dies war wirklich kein Moment, den pingeligen Historiker zu spielen. Dass in diesen dunklen Zeiten, in denen die meisten Menschen das Lesen und Schreiben verlernt hatten und sich nur darum kümmerten, den Tag zu überleben, mit dem sie erwacht waren, in den Köpfen der Dorfältesten ein paar nur mündlich überlieferte Geschichten und Märchen durcheinander gerieten und sich Sagenkreise überschnitten, war auch nicht weiter verwunderlich.

Der grausige Leichnam, der sich für Sadon, den legendären Sohn des verlorenen Mondes ausgab, unterbrach Straifs Gedankengang. Obwohl sich seine Miene nicht bewegte, lag doch ein Hauch von Spott und Erheiterung im Tonfall des Toten:

»Ein Eissarg? Ich würde diese Geschichte zwar ein wenig anders erzählen, aber ja, Ksaver war mein Zwillingsbruder und diese – wie nennst du sie doch gleich – Faiaba liegt in der Tat unter dem Gynashort beerdigt. Aber ich trage keine Schuld an ihrem Unglück. Sie war schon krank und es gab für mich …«

Die Mumie senkte ihren scheußlichen Schädel. Dabei legte sie ihre Finger ans Kinn und parodierte auf diese makabere Weise einen nachdenklichen Mann.

»Doch genug von der Vergangenheit! Die Generatoren, die diesem zufällig ausgewählten Körper ihre Lüge vom Leben einflüstern, werden nicht ewig arbeiten können und schließlich habe ich vom Proff selbst den Auftrag, diesen Schatz in der rechten Hand meines augenblicklichen Avatars dem neuen Dis’Qiper zu überreichen, jenem Auserwählten, dem es gelungen ist, die Tore von Fjall TuDasQ zu öffnen. Also dir.«

Erneut streckte der Leichnam seine Rechte auffordernd nach vorne. Straif wich noch einen weiteren Schritt zurück und seine Augen suchten verzweifelt einen Ausweg aus seiner misslichen Lage. Inzwischen konnte er sich sehr gut vorstellen, wohin das Ganze führen würde und was von ihm verlangt wurde. Er war entschlossen, sein Leben so teuer wie möglich zu verkaufen. Auch zehn der zwölf Goleme traten in die Arena. Die anderen beiden blieben knisternd und verschmort riechend an ihrem Platz. Waren sie einfach kaputt gegangen wie ein paar der alten leuchtenden Röhren an der Decke?

»Nimm aus meiner Hand die Aufzeichnungen des Baruch und deinen Platz an Stelle dieses verbrauchten Avatars ein, damit ich in dir weiterleben kann«, fuhr die Stimme fort und Straif verstand endlich.

Diese Mumie war nicht Sadon, sondern ein Unglücklicher, dessen Leib er vor langer Zeit übernommen hatte. Sadons Geist befand sich in der aufgeregt blinkenden Maschine und er steuerte seine Marionette, die er Avatar nannte, bis über dessen leiblichen Tod hinaus. Und wie viele Avatare hatte dieses Ungeheuer im Verlauf der Jahrtausende schon gleich Straif eingefangen und zu seiner Hülle gemacht? Der junge Krieger kniff die Augen zusammen und die Knöchel an seiner Schwerthand wurden weiß.

»Du willst, dass ich den Platz dieses Leichnams einnehme?«, fragte Straif mit staubtrockener Zunge. »Warum?«

»Weil die Aufzeichnungen des Baruch um jeden Preis bewahrt werden müssen. Nur durch sie kann die Welt vor ihrem endgültigen Untergang bewahrt werden. Mein Chronometer sagt mir, dass erst die Hälfte der Zeit bis zu Mánis Rückkehr vergangen ist. Diese lachhafte, hässliche Hülle, die du vor dir siehst, habe ich nie gemocht und sie wird bald zu Sand zerfallen. Doch du bist jung und stark. Deinen Körper werde ich einige hundert, vielleicht sogar tausend Jahre konservieren können, bis ein neuer Bewahrer über meine Schwelle tritt. Mir hätte zwar zur Abwechslung mal ein weiblicher Avatar gefallen, denn schließlich war ich ja selbst einmal eine Frau, aber ich kann mir nicht aussuchen, wer sich zu mir verirrt. Fürchte dich nicht, Bürger. Du bist zu Großem ausersehen. Mit deiner Hilfe wird am Ende Baruchs Schmetterling fliegen – und ich werde an Bord sein!«

»Du musst vollkommen verrückt geworden sein, wenn du glaubst, was du da sagst. Bei den zweihundertvierundsechzig Daimonen der Hölle, ich bin nicht dein Dis’Qiper! Ich bin Straif Geris Bar, den die Alben Fenrir Ulf nennen und bin ein Krieger des Baums. Mich kriegst du nicht – weder im Leben noch im Tod.«

Straifs Schwert schwang durch die eisige Luft und trennte mühelos den noch immer auffordernd noch vorne gestreckten Handschuh der Mumie vom Unterarm. Er flog mit ihrem grausigen Inhalt und jener grünen, dolchförmigen Platte, die angeblich Baruchs Aufzeichnungen bewahrte – wer auch immer dieser Baruch war -, in eine Ecke des Raums. Straif nahm sichernd seine Schwertstellung ein. Auch wenn er mit seiner Linken nicht so geübt wie mit seiner Rechten war, wusste er sich durchaus zu verteidigen, aber keiner der Goleme machte Anstalten, sich ihm zu nähern.

»Bürger«, flüsterten ein paar Stimmen durcheinander, »Bürger, die Notstandsverordnungen … Paragraph 58 … Widerstand … Bürger.«

»Ruhe!«, übertönte sie Sadon und augenblicklich verstummten die Goleme. Der Avatar des Seelendiebs hatte sich nicht bewegt. Noch immer streckte die Leiche ihren Armstumpf, aus dem Staub auf den Boden rieselte, von sich. Dann drehte sich langsam der Kopf mit den leeren, schwarzen Augenhöhlen zu Streif.

»Du weigerst dich also, die Ehre anzunehmen und mir als Hülle für die Ewigkeit zu dienen?«, fragte Sadon ruhig, aber er – oder sie? – klang dabei drohend. Dann begann Sadon oder das, was in der Maschine von ihm übrig geblieben war, schallend zu lachen.

»Als ob du eine Wahl hättest, Straif Geris Bar! Omegas, schnappt euch den Dis’Qiper!«

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