Aber ein Traum …

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Kapitel 4 – Schluss

So traf ich zum ersten Mal deinen und meinen Freund. Er nannte sich hier Tierope, aber sein wirklicher Name war Linus Binderseil. Er nahm die Räder seines Rollstuhls in die Hände und rollte an die Seite meines Lagers. Dann beugte er sich vor und betrachtete mich genau, als wolle er einschätzen, was er von mir zu erwarten hatte. Er schien zu einem befriedigenden Ergebnis zu kommen, denn er nickte lächelnd. Ich befeuchtete meine Lippen.

Günec“, krächzte ich. „Mein Freund Günec ist noch im Berg.“ Tierope – ich werde bei dem Namen bleiben, unter dem ich ihn damals kennenlernte – runzelte die Stirn. Edaine kam ihm zur Hilfe. „Er kam nicht allein. Ich habe Sir Ludger ausgeschickt, nach ihm zu suchen. Aber jetzt in der Nacht, in diesen Höhlenlabyrinthen… Ich habe nicht viel Hoffnung.“ Der Gelähmte wand sich wieder zu mir.

Wir kümmern uns um deinen Gefährten“, beruhigte er mich. „Du bist genau richtig gekommen. Während unsere Reiter Frêneblancs Verteidiger in ein Scharmützel am Torturm der Vorburg verwickelten, ist es uns gelungen, den Schacht an der Ostseite so weit voranzutreiben, dass wir mit ihm die Grundmauern erreichten. Im Moment meißeln wir uns einen Eingang in die hinter ihnen liegenden Kellergewölbe der Feste, das ist ein langwierige Arbeit, denn die Steine sind dort sechs Ellen dick. Mit einer ähnlichen Anstrengung sollte es uns aber bereits übermorgen Abend gelingen, mit einem Trupp heimlich in die Burg einzudringen, der unserer Hauptarmee dann die Tore öffnen kann. Montedolor wird endlich fallen und wir können Lina und ihr Kind befreien. Anschließend kommst du ins Spiel“, erklärte Tierope begeistert.

Nicht, dass ich irgendetwas von dem verstehe, was du mir da erzählst. Wo bin ich hier? Ist das eine Art von Vergnügungspark? Das ist doch nicht real, oder?“ Ich versuchte, mich ein wenig aufzurichten. Sofort war Edaine bei der Stelle, stützte mich und schob mir ein paar Kissenrollen unter. Tierope griff beruhigend nach meiner Hand. Er lachte auf.

Vergnügungspark… So kann man das auch nennen. Du hast keine Ahnung, das ist schon klar. Ich werde dir die ganze Geschichte erzählen.“

Aber erst morgen“, mischte sich Edaine eilig ein, „da haben wir noch genügend Zeit. Jetzt braucht unser Freund erst einmal seine Suppe und dann muss er schlafen.“ Es war Tierope anzumerken, dass ihm diese Entscheidung nicht gefiel, aber er beugte sich seiner resoluten Frau.

Ja, du solltest dich ausruhen“, sagte er und machte Sir Henry, der zwischen den Vorhangspalten gewartet hatte, ein Zeichen. Der Ritter trat beflissen vor und griff sich den Rollstuhl des Gelähmten, machte Anstalten, ihn aus dem provisorischen Krankenlager zu rollen.

Eines noch…“ Tierope wand sich noch einmal neugierig zu mir. „Wie ist eigentlich dein Name?“ Ich nannte ihn und sah fassungsloses Erstaunen auf seinem Gesicht.

Du bist Georg Habakuk? Der Archäologe! Ist das zu glauben? Ich kenne deinen Sohn.“ Er schüttelte ungläubig den Kopf. Bevor ich noch fragen konnte, welchen ‚Sohn‘ er zum Kuckuck meinte, wünschte er mir eine gute Nacht und ließ sich von seinem ritterlichen Pfleger hinausschieben. Edaine schob mir einen Holzlöffel mit einer  versalzenen Hühnerbrühe vor den Mund, die jeden weiteren Diskussionswunsch von meiner Seite beendete.“

‚Was für eine unbequeme Saunaliege‘, dachte Jonas und schob sich etwas nach oben, drückte sein Kreuz durch. ‚Man sollte doch glauben, dass sie einem mehr Komfort bieten für das Geld, das man ihnen bezahlt.‘

Er hoffte, durch seine Bewegung den angespannten Rücken ein wenig zu entlasten, aber das Gegenteil geschah. Der Schmerz in seinen Lenden wurde so stark, dass er nach Luft schnappte und die Augen öffnete. Sofort richtete er sich ganz auf und sah sich staunend um. Wahrscheinlich war er nur kurz eingenickt und hatte geträumt, er würde seinen üblichen Dienstagssaunagang mit seinem Vater unternehmen und neben ihm auf einer der beigen Plastikliegen einschlafen. Stattdessen war er quer auf den mit einer abblätternden, taubengrauen Farbe gestrichenen Balken einer Parkbank gelegen und dabei hatte wahrscheinlich sein Kopf auf dem Oberschenkel von Alban Waldescher geruht. Dieser lächelte Jonas aufmunternd und auch ein wenig belustigt zu.

Es war noch immer Sonntag Nachmittag und noch immer war Jonas mit dem seltsamen Mann unterwegs, der ihm eine so fantastische Geschichte erzählt hatte. Er hatte es noch nicht geschafft, Waldescher loszuwerden. Nur saßen die beiden jetzt nicht mehr beim Sportplatz im Dorf, sondern sie waren bei den mittelalterlichen Wehranlagen spazieren gegangen, die gut erhalten die Altstadt des zehn Kilometer von Jonas Zuhause entfernten Orts umschlossen. Auch wenn sich Jonas im Moment nicht erklären konnte, wie er mit Waldescher ausgerechnet hierher gelangt war. Hatte er den Mann mit dem Auto in die Stadt gefahren oder waren sie die Strecke etwa gelaufen? Das konnte sich Jonas nicht vorstellen. Er wusste noch, wie ihn Alban aufgefordert hatte, ihn bis vor zu dem kleinen, jetzt im Sommer geschlossenen Glühweinstand im Bürgerpark zu begleiten. Dort waren sie durch eine kleine Seitentüre des aus rohen Brettern gezimmerten Kiosks getreten und gleichzeitig aus einer Nische im Mauerwerk des einzigen erhalten gebliebenen Wehrturms herausgekommen. So war es zumindest in der Erinnerung von Jonas hängengeblieben. Das Ganze mutete ihn ein weiteres Mal wie ein merkwürdiger Traum an.

Er sah sich genauer um. Wie der Wechsel auch vonstatten gegangen sein mochte; jetzt zumindest saß er neben Alban auf einer alten Parkbank in den erst kürzlich renovierten, an einen englischen Garten erinnernden Anlagen unterhalb der Schwedenmauer, die ihren Namen einer Belagerung im Dreißigjährigen Krieg durch die Armee von Gustav II. Adolf verdankte. Jonas sah sie förmlich vor sich: Scharen von Landsknechten und Musketieren, die vergebliche Attacken gegen die eingekesselte Stadt unternahmen, die kurze Zeit später durch protestantischen Verrat von Innen in die Hände der marodierenden Schweden fiel. Kanonenfeuer, Schanzen, Verwundete und Sterbende vor einer eilig gezimmerten Brücke über den damals noch tiefen Wassergraben, der heute nur noch ein dünnes Rinnsal war, auf dem Enten schwammen. Dann verblasste dieser Eindruck und Jonas musste lächeln. Er kannte die Bank, auf der er saß, von früher. Her hatte er mit zwölf oder dreizehn hustend seine ersten Zigaretten gepafft. Dort hinten, in dem damals noch ungepflegten und verwilderten Buschwerk, wo jetzt ein Rosenbeet war, hatte er mit einem Mädchen aus der Roten Siedlung erste körperliche Erfahrungen gesammelt. Wie hieß sie noch?

Erstaunlich, dass die Bank nicht der Ordnungswut des städtischen Gartenamts zum Opfer gefallen war, man sie nicht einmal abgeschliffen und neu gestrichen hatte. Wenn er jetzt unter die Holzbalken der Sitzfläche fassen würde, dann würde er bestimmt auch noch die versteinerten Überreste der Kaugummis ertasten können, mit deren Hilfe er versucht hatte, den verräterischen Atem zu übertünchen. Nicht, dass das nötig gewesen wäre. Sein zerstreuter Vater, obwohl überzeugter Nichtraucher, hatte nie auf solche Dinge geachtet. Seltsam, dass Jonas nun mit Alban Waldescher genau auf dieser Bank saß, die von der sich langsam dem Abend zuneigenden Sonne warm beschienen wurde. Er fühlte sich trotz der Rückenschmerzen heimisch und wohl, lehnte sich mit einem kleinen Seufzer zurück gegen die harte Lehne. Hier war er schon ewig nicht mehr gewesen.

Es erwachte ein Teil von ihm, ein Ich, dass er lange vergessen hatte, das unter vielen Schichten seiner selbst wie eine kleine russische Matrjoschka-Puppe in ihm gesteckt hatte und nun wieder zum Vorschein kam. Er sah sein früheres Ich deutlich vor sich, wie es an einem Herbsttag durch das feuchte Laub dieses totgesagten Parks schlenderte und eine Kippe zwischen Ring- und Mittelfinger hielt, dabei schon den Ruhm schmecken konnte, den es einmal als Schriftsteller haben würde, wenn nur sein Roman fertig und veröffentlicht war. Damals hatte er seinen Weg deutlich vor sich im schlammigen Matsch gesehen, durch den er spazierte. Wann hatte er ihn verloren?

Alban Waldescher unterbrach seine larmoyanten Gedanken. Er klatschte sich munter auf die Oberschenkel.

„Ich habe dich nicht gern gestört“, sagte er, „du hast so ruhig und friedlich geschlafen. Aber wir wollen doch später auf das Fest und ich wollte dir noch berichten, wie es weiterging mit mir und meinem Bruder. Wenn wir uns am Donnerstag in dem Café vor dem Renaissancegebäude wiedertreffen werde, solltest du die ganze Geschichte kennen.“

Kapitel 4 – Teil 8

Ruben Frêneblanc?“ fragte ich nach. Dieser Name war in den Geschichtsbüchern, die ich gelesen hatte, nicht aufgetaucht. „Wer ist das?“

Ludger warf einen müden Blick auf mich und schnalzte mit der Zunge. Sein Reittier setzte sich gehorsam in Bewegung. Er lenkte es zur Seite und wir folgten dem Weg hinab zum Lager. Dabei erzählte er zornig.

Du pilgerst durch diese Wüste und hast noch nie etwas von ihrem Fluch gehört? Ein gottverlorener Raubritter ist er, ein Teufel in der Gestalt eines Menschen; nichts weiter. Er überfällt jene, die durch diese Wüste in heilige Jerusalem ziehen, plündert und mordet sie. Er brandschatzt die Siedlungen, egal ob sie christliche oder muslimische Bewohner haben. In den Kerkern seiner Feste hält er Edle gefangen, foltert sie und erpresst von ihren Familien hohe Lösegelder. In allen Städten des Heiligen Landes hat er seine bezahlten Assassinen, der Herr Konrad von Montferrat war eines ihrer Opfer. Der Herrgott verdamme ihn in die tiefste aller Höllen; die furchtbarsten Qualen sind zu milde für ihn. Dieser Verräter pfeift auf den Frieden, den sein Sultan mit den drei Königen ausgehandelt hat. Gut verschanzt in seiner Burg hockt er wie eine fette Spinne in seinem Netz.

Frêneblanc kam mit dem Herrn Barbarossa ins Land, nachdem er daheim im Reich einen Erbstreit gegen seinen Zwillingsbruder verloren und dort nichts als einen Strick um den Hals zu erwarten hatte. Landlos war dieser Zweitgeborene, ein Ausgestoßener, vogelfrei. Wie viele in seiner Lage schloss er sich den Kreuzfahrern des Kaisers an. Allerdings wollte er wohl nie die heiligen Städten von den Ungläubigen befreien, sondern Reichtum und Macht finden. Das war bei Pressburg, da schloss er sich uns an. Dort sah ich ihn zum ersten Mal. Frêneblanc ist ein schwerer, dunkler Mann mit einem mächtigen Bart, ein gewaltiger, aber jähzorniger und hinterhältiger Ritter, der selbst beim Tjosten nicht ehrenvoll kämpft. Er hatte Knappen in seltsamer Kleidung bei sich. Sie ähnelte übrigens der deinen. Und eine Magd gehörte zu seinem kleinen Gefolge, die war schwanger – wahrscheinlich von ihm. Sie gebar den Knaben kurz nach der Einnahme von Philippopel. Das Kind ist nun bald drei Jahre alt. Aber das ist eine Geschichte, die dir ein anderer erzählen soll. Frêneblanc jedenfalls schloss sich wie ich und viele andere vor Akkon der Armee von König Richard an, nachdem der Kaiser so überraschend im Fluss Saleph ertrunken war. Noch vor der Einnahme der Stadt jedoch wechselte der Abtrünnige in der Nacht die Fronten, stellte sich in Saladins Dienste und nahm den Glauben der Ketzer an. Der edle Sultan machte ihn zum Herrn über die Feste Montedolor, die vor dir siehst. Und so belagern wir sie nun im Auftrag des Herzogs Hugo von Burgund, der den Schandtaten des Herrn Frêneblanc nicht länger tatenlos zusehen wollte. Uns führen der arme Herr Tierope von Sculp und seine tapfere Gemahlin, die edle Frau Edaine, zum Sieg. Ich werde euch zu ihnen bringen. Sie erwarten euch seit langem.“

Über Ludgers Bericht, dem ich, von starken Kopfschmerzen und Schwindelgefühl geplagt, kaum folgen konnte, waren wir bei dem Eingang zu dem befestigten Kreuzfahrerlager angelangt. Die Wachen hatten uns schon von weitem erkannt und schoben die Barrieren zur Seite. Wir ritten mitten durch das Lager zum Ufer des Oasensees, wo die Zelte der Anführer standen, was durch ihre Größe und die Schilde deutlich wurde, die vor den Eingängen an Stangen hingen. Das ganze Lager war in Bewegung; es war, als hätte jemand mit einem Stock in einen Ameisenhügel gestochen. Überall zogen sich Kämpfer mit Hilfe ihrer Knappen ihre Rüstungen an, nestelten an den Lederriemen ihren Hosen, kümmerten sich um ihre Pferde, überprüften den Sitz der Gurte, ölten Scharniere oder schliffen ihre Schwerter. Viele knieten im Gebet vor den an allen Kreuzungen errichteten kleinen Altären und ließen sich von wehrhaft gekleideten Priestern die Eucharistie geben. Andere übten miteinander die Aufstellungen ihrer Trupps, trainierten mit leinenumwickelten Schwertern den Kampf Mann gegen Mann oder schossen Pfeile auf Strohpuppen. Diener zogen auf Wägen große Steine zu den Katapulten. Nur wenige Frauen waren zu sehen, diese wenigen kümmerten sich um die Feuerstellen oder eilten mit irgendwelchen Besorgungen beschäftigt zwischen den Zelten herum. In einer unbeschreiblichen babylonischen Sprachverwirrung hallten Befehle, Beschimpfungen und Stoßgebete durch die Oase. Offenbar stand der abendliche Angriff auf die Burg kurz bevor.

Wir kamen in dem Gewimmel nur langsam voran und Ludger musste einige Umwege machen, bis wir endlich vor dem Zelt der Befehlshaber standen. Vor dem weiten, von einem weißen Tuch überspannten Eingang waren rechts und links an den Stangen zwei Schilde angebracht, die wahrscheinlich die Wappen des Herrn Tierope und seiner Gattin zeigten: Das linke zeigte eine goldene Harfe auf grünem Grund und mutete mir recht irisch an, das rechte war abstrakt, rotgoldene Rauten und davor ein schwarzer Gegenstand, den man mit viel Phantasie für eine seltsam verformte Taube halten konnte.

Ludger saß von seinem Falben ab, band mich los und half mir beim Absteigen. Das heißt, er ließ mich einfach auf seine Schultern kippen und trug mich ins Innere des geräumigen Zeltes, das mit Teppichen ausgelegt und notdürftig durch Tücher in mehrere Räume unterteilt war. Der Ritter setzte mich in einen Sessel und verneigte sich dann vor einer kleinen, jungenhaft wirkenden Frau, die mit ein paar Männern um einen Tisch stand und mit ihnen in einem altertümlichen Französisch offenbar den Angriffsplan besprach. Sie trug ein langes Kleid in der Farbe ihres Schildes und hatte ihre langen, schwarzen Haare zu einer kunstvollen Frisur hochgesteckt. Obwohl sie von den ebenfalls nicht hochgewachsenen Rittern deutlich überragt wurde, dominierte sie eindeutig den Raum. Von ihr ging eine hoheitsvolle Autorität aus, wie ich sie noch selten erlebt hatte. Sie war der Anführer, das war sofort klar. Ich starrte nur noch, war längst nicht mehr fähig, all die Eindrücke zu verarbeiten. Ich wollte nur noch schlafen und dann aus diesem Albtraum erwachen. Mir war schwindlig und jetzt wurde mir auch schlecht.

Den Pilger fand ich in den Felsen,“ sagte Ludger neben mir. „Er braucht eure Hilfe, edle Frau Edaine.“ Die Frau musterte mich überrascht und trat dann schnell zu mir, sah mir aufmerksam ins Gesicht, legte ihre Hand auf meine schweißnasse Stirn. Dann fühlte sie meinen Puls.

Kannst du mich verstehen?“ fragte sie. Ich nickte, aber ich war nicht mehr in der Lage ihr zu antworten. Ich wollte ihr von Günec erzählen, der auf Hilfe wartete, aber es gelang mir nicht. Ihre dunklen, fast violetten Augen wirkten besorgt. Ging es mir wirklich so schlecht?

Er hat die Hitze“, stellte sie entschlossen fest und wand sich an Ludger, „die Diener sollen kühles Wasser und Lumpen holen und ihm ein Lager richten. Er muss liegen, die Beine höher als der Kopf. Sir Henry, unterrichte meinen Mann! Sag ihm: Der Gesandte sei endlich gekommen.“ Einer der Ritter am Tisch trat vor, deutete eine Verbeugung an und eilte durch einen der Vorhänge. Edaine und richtete sich auf und schüttelte den Kopf.

Bist du endlich bei uns“, murmelte sie und stützte mich, denn ich wäre fast vom Stuhl gekippt. „So lange haben wir auf dich gewartet. Ich hätte allerdings nicht gedacht, dass du halbtot aus der Wüste zu mir geschleppt wirst“, hörte ich noch.

Danach geht alles durcheinander in meiner Erinnerung. Ich muss auch eine Weile ohne Bewusstsein gewesen sein. Später lag ich auf jeden Fall ausgekleidet in einem Bett. Kerzen und Öllampen flackerten, es war irgendwann in der Nacht. Meine Beine waren durch eine Kissenrolle hochgelegt und eine Pflegerin wusch meinen Körper mit einem feuchten Tuch. Ich schämte mich wegen meiner Nacktheit, aber ich war so erschöpft, dass ich nicht einmal meinen Arm heben konnte. Die Vorhänge meines kleinen Krankenlagers teilten sich und Edaine sah herein.

„Du bist erwacht. Das ist gut“ Sie trat mit einem Tablett in den Händen herein, auf dem sie eine kleine Arzneiflasche und einen Teller Suppe balancierte. Hinter ihr folgte der Ritter, den sie Sir Henry genannt hatte. Er schob eine Art von primitivem Rollstuhl vor sich her. Auf ihm saß ein älterer Mann. Er schien sich wirklich zu freuen, mich zu sehen.

So traf ich zum ersten Mal deinen und meinen Freund. Er nannte sich hier Tierope, aber sein wirklicher Name war Linus Binderseil.“

Kapitel 4 – Teil 7

Obwohl er auf eine Fortsetzung der Geschichte seines Vaters brannte, machte dieser keine Anstalten mehr, weiterzuerzählen. Es war für seinen Sohn nicht einmal mehr erkennbar, ob er sich überhaupt noch daran erinnerte, sie vorhin begonnen zu haben. Auf der Fahrt in die Therme wirkte er so geistesabwesend und in dem Irrgarten seines zerrütteten Verstands gefangen, dass Jonas bereits fürchtete, die Krankheit habe eine neue Stufe erreicht, die sich bereits in der Angstattacke der vergangenen Nacht manifestiert hatte. Die meiste Zeit brabbelte Habakuk in sich zusammengesunken ein paar unverständliche, vokalreiche Silben, auf denen er immer wieder wie auf einem zähen Kaugummi herumbiss. Vielleicht war er wieder ins Aramäische oder in sonst eine seiner vergessenen Sprachen verfallen, die er einmal so gut beherrscht hatte. Sonst war er vollkommen lethargisch und Jonas musste, im Bad angekommen, den alten Mann bei der Hand führen; vom Parkplatz zu den Kassen, dann zu den Umkleiden, ihn ausziehen, zur Toilette und dann in den Saunabereich führen. Die Reaktionen der Badegäste, missbilligende, mitleidende und abgestoßene Seitenblicke, die heimlich auf ihn und seinen Vater fielen, waren ihm längst nicht mehr peinlich, schließlich unternahm er diesen Badeausflug seit Jahren an fast jedem Dienstag.

Erst beim ersten Saunagang, als die beiden bereits einige Zeit in der trockenen Hitze sotten, wurde Habakuk senior wieder munter. Er sah sich auf einmal neugierig und lächelnd in der überfüllten Kammer um und verrieb gutgelaunt den Schweiß auf seiner eingefallenen Brust. Er gluckste dabei wie ein fröhliches Kind. Schließlich fiel sein nun wieder wacher und aufmerksamer Blick auf den Sohn, der ihm schräg gegenüber auf einem Badetuch saß und den hageren, aber noch straffen Körper nachdenklich musterte. Jonas suchte die Narbe, von der er ihm erzählt hatte, fand sie aber nicht. Ob es nun an der Temperatur in der finnischen Sauna lag, die seine Lebensgeister und seine Erinnerung in Gang brachten oder daran, dass er plötzlich wieder seinen Sohn erkannte, er setzte seine Erzählung genau an dem Punkt fort, an dem er sie im Auto unterbrochen hatte:

Das war in meinem geschwächten Zustand nicht einfach, Ludgers Maulesel zu besteigen. Aber mit der Hilfe des Kreuzritters gelang es mir. Er erklärte mir, dass er auf einem Erkundungsritt und wir nur wenige Meilen von seinem Lager entfernt waren, das seine Kreuzfahrerarmee bei der El-Aqsir-Oase aufgeschlagen hatte, von der ich übrigens noch nie etwas gehört hatte. Er schätzte, wir könnten lange vor Sonnenaufgang dort sein und bis dahin würde ich es schon noch schaffen“, erzählte Habakuk und erntete die erstaunten Blicke aller in der Sauna Schwitzenden. Soweit es möglich war, rückte man pikiert links und rechts ein wenig von ihm ab. Jonas sprang sofort auf, nahm seinen Vater wieder an die Hand und führte den unverdrossen Erzählenden aus der Sauna. Habakuk ließ sich alles widerstandslos gefallen und nicht weiter in seinem Bericht stören. Auch während Jonas ihn kalt abduschte, ihn in seinen Bademantel steckte und anschließend trockenrieb, ihn anschließend auf die Empore über dem Schwimmbecken zu den Liegen führte, erzählte der Alte weiter.

Er berichtete von dem langsamen Ritt über den in der prallen Sonne kochenden Tafelberg, der Ritter auf seinem gerüsteten Falben voraus; er selbst halb dahinter auf dem ihn nur widerstrebend tragenden Maultier, das sich nur vorwärts bewegte, weil sein Zaumzeug über einen Lederriemen am Sattelknopf des Pferdes befestigt war. Mehrmals war er am Rand einer Ohnmacht und wäre einmal fast von seinem Reittier gestürzt. Ludger bemerkte das Schwanken seines Begleiters, hielt an, holte ein festes Seil aus der Satteltasche und band Habakuk kurzerhand auf seinem Grautier fest. So setzten sie ihre Reise fort.

Jonas konnte der ausführlichen Erzählung von dem Ritt zur Oase erst wieder aufmerksamer folgen, nachdem er seinen Vater glücklich auf die Saunaliege transportiert, diese nach hinten gekippt und sich neben ihn gesetzt hatte. Dabei fühlte er sich ein wenig wie ein Therapeut bei einer tiefenpsychologischen Sitzung, während der sein Patient unter Hypnose mit weit aufgerissenen Augen in die hohe gläserne Deckenkuppel starrte und dort nicht den blauen bayerischen, sondern den staubgelben Himmel der lebensfeindlichen Arava-Wüste erblickte, wie er ihn vor über vierzig Jahren erlebt hatte.

Trotz meiner unbequemen Lage und dem groben, schmerzhaft in die Oberschenkel einschneidenden Strick, mit dem mich Ludger auf mein unwilliges Reittier gefesselt hatte, muss ich doch eingeschlafen sein. Ich erinnere mich an wirre Träume von Gänge-Labyrinthen und Höhlensystemen, die sich vor mir verbogen und verengten. Mir war, als würde ich noch immer mit Günec verzweifelt durch den Berg unter mir kriechen. Wie bei Fieberträumen üblich, erlebte ich immer und immer wieder den gleichen Augenblick: Plötzlich gab der Fels unter meinen Füßen nach, ich stürzte durch den Boden und fiel in ein endloses Nichts.

Ich erwachte wieder, als Ludger die Tiere zügelte und wusste lange nicht, wo ich war. Auch nachdem die Erinnerung zurückgekehrt war, fühlte ich mich noch in einem Traum gefangen. Denn der Ausblick war zu fantastisch, um wahr zu sein. Der Tempelritter hatte sein Pferd vor einer Klippe angehalten. Wir waren im Lauf des Nachmittags über die Hochebene geritten und nun am Abbruch auf der anderen Seite angelangt. Dort lief der Berg etwas flacher als gegenüber in ein weites Tal aus. Es war sogar so etwas wie ein provisorischer Weg zu erkennen, eine von Hufen und Stiefeln festgestampfte und mit großen Steinen markierte Sandpiste, die in einem langgestreckten Bogen hinabführte. Unten floss von einem kargen Grünstreifen und hohem trockenen Schilf umgeben tatsächlich ein kleiner Rinnsal, der von dem Quellwasser einer Oase weiter hinten gespeist wurde. Dort konnte ich ein recht großes mittelalterliches Heerlager erkennen, Zelte füllten die Ebene, insgesamt waren es sicherlich einige hundert. Man hatte Gatter für die Pferde errichtet, Katapulte und Rammböcke auf Rädern waren zu sehen. Außen herum lief ein niedriger Befestigungswall aus zugespitzten Palmenstämmen, die man offenbar direkt dem kargen Baumbestand der Oase entnommen hatte. Erstaunlich viele Menschen, wohl Ritter wie mein Retter neben mir, saßen neben den Zelten vor offenen Feuern und Kochstellen oder waren geschäftig in den Gassen unterwegs. Es wimmelte zwar auf der Ebene wie auf einem Ameisenbau, aber alles schien mir gut organisiert und durchdacht zu sein.

Der erstaunlichste Anblick allerdings erhob sich hinter der Ebene auf dem nächsten Hügel, der den vom Staub diesigen Horizont begrenzte, über dem eine bereits tiefstehende Sonne glühte. Dort stand eine trotzige, große Burganlage und offensichtlich wurde sie von den Rittern von der Oase belagert. Einige der Mauern der Burg waren eingestürzt, Belagerungstürme waren nahe an sie herangeschoben, überall auf dem Hügel standen Schanzanlagen und waren Gänge gegraben, die den Angreifern Schutz vor den Bogenschützen bieten konnten, deren Silhouetten oben auf den Zinnen und in den gekreuzten Fenstern zu erkennen waren. An zwei Stellen qualmten dicke Rauchwolken, hier mussten strohgedeckte Dächer oder Ställe in Brand geraten sein. Im Moment waren keine Kampfhandlungen zu sehen. Das war bei der jede Kraft aus den Körpern ziehenden Hitze auch nicht zu erwarten. Angegriffen wurde in der Morgenfrische oder in der Nacht. Vielleicht wollte man die Festung auch aushungern.

Ludger deutete mit Ingrimm auf die Burg: „Das ist Montedolor, die Burg des Teufels. In ihr hat sich Ruben Frêneblanc, der Abtünnige, mit seinen Mordgesellen verschanzt. So Gott will, wird die Feste der Ketzer mit dem Beistand der heiligen Jungfrau morgen endlich fallen. Dann ist der Weg frei nach St. Abraham, das wir mit dem Kreuz und dem Schwert in der Hand wieder der Herrschaft des edlen Sultan Saladin entreißen werden.“

Wenn mich meine Geschichtskenntnisse nicht täuschten, sprach er über die Ortschaft Hebron, die fünfunddreißig oder vierzig Kilometer entfernt irgendwo im Südwesten lag und wie viele Städte des Gelobten Landes auf eine über dreitausendjährige wechselvolle und blutige Geschichte zurückblicken konnte, in der sich Muslime, Juden und Christen gegenseitig massakriert hatten. Gab es hier überhaupt noch einen Flecken staubiger Erde, über dem nicht das Blut ein Mensches vergossen worden war?

Kapitel 4 – Teil 6

Mit meinem Hustenanfall verging das Gefühl von traumhafter Unwirklichkeit, auch wenn der neben mir kauernde Mann einer anderen Welt entsprungen schien oder besser gesagt, einer anderen Zeit. Denn mein Retter trug über einer leichten Lederrüstung und einem abgenutzten Waffenrock einen schmutzigen, einstmals weißen Überwurf, den ich zuerst für die Tracht eines Wüstenbewohners gehalten hatte. Aber vorne auf dem dünnen Stück Stoff, mitten auf seiner Brust, prangte unübersehbar ein großes rotes, an den Kanten etwas ausgefranstes Kreuz, das sogenannte Tatzenkreuz der Templer, das dann später der Malteserorden übernommen hat. Das war ein Anblick, dem man im modernen Judäa eher selten begegnete. Ich rieb mir über die Augen. Dieser Mann war doch tatsächlich wie ein Tempelritter aus dem zwölften Jahrhundert gekleidet! War mein Retter geisteskrank oder wurde in der Nähe ein Kreuzfahrerfilm gedreht? Die Ausstattung sah erstaunlich echt und lange getragen aus. Eher wollte ich vermuten, dass ich doch einen Hitzeschlag hatte und mir mein Gehirn diesen mittelalterlichen Ritter vorgaukelte.

Ich richtete mich nun selbst auf und packte mit beiden Händen den Schlauch des als Templer Maskierten, trank so lange in gierigen Schlucken, bis er den nun fast leeren Lederbehälter mit sanfter Gewalt wieder an sich nahm. Er hatte die ganze Zeit in seinem kaum verständlichen Kauderwelsch auf mich eingeredet, schwieg aber nun und schätzte meine Kleidung ebenso neugierig ab, wie ich die seine musterte. Er hatte ein offenes, von der Sonne verbranntes Gesicht mit erstaunlich hellen, durchsichtigen Augen und trug einen unordentlichen, bereits mit grauen Haaren vermischten rötlichen Vollbart. Seine schmale Nase lag dabei so flach, dass sie im Profil kaum auszumachen war. Das Haupt verbarg er unter einer Art Palästinensertuch, das um einen spitzen Helm gewunden war. ‚Das ist ein Sarazenenhelm‘, fiel mir ein. Ich hatte so etwas wie auch die restliche Kleidung des Ritters schon so häufig auf Abbildungen gesehen, dass mir seine Kleidung nicht so fremd schien wie ihm offenbar die meine.

Er deutete auf mich und sagte etwas, in dem mir nur die Wörter Outremer, Tedeschos und, wie faszinierend, Sala addin, also ‚Saladin‘, einigermaßen verständlich waren. Dann schlug er mit einer großen Geste auf das rote Kreuz auf seiner Brust und neigte grüßend den Kopf.

Io nome est Siere Ludger de Cloterny, io son le Maestre da Rocco Akkon…“ Es war mir nicht möglich, mehr als nur ein paar Brocken seines babylonischen Sprachenwirrwarrs zu verstehen. Er klang mir nach einer halbgaren Mischung aus den verschiedensten romanischen Sprachen und einem späten Küchenlatein. Ich war auch nicht in der Verfassung, mich meiner lateinischen und italienischen Sprachkenntnisse zu besinnen. So war das einzige, was ich aus dem Wortschwall heraushörte, dass sich mein Retter „Ludger“ nannte, sich als ehemaligen Kreuzfahrer sah und damit seiner Legende treu blieb. Ich antwortete ihm auf deutsch, während er mir unter die Schulter griff und mir aufhalf, nannte ihm meinen Namen und bedankte mich für die Rettung. Verblüffend – sofort wechselte der Mann ebenfalls in ein leicht schwäbisch gefärbtes Deutsch. Damit war mir klar, dass ich durchaus nicht im Zeitalter von Richard Löwenherz gelandet war. Trotzdem, ein Unbehagen blieb und er beharrte standhaft auf seiner Geschichte:

Das erklärt einiges“, sagte er und stützte mich, weil ich recht wacklig auf meinen Beinen stand, „ihr seid aus dem Reich. Kamt ihr mit Friedrich Rotbart ins Outremer gezogen? Der Herr sei seiner Seele gnädig. Et expecto resurrectionem mortuorum, et vitam venturi saeculi. Amen.“ Er bekreuzigte sich umständlich, dann lächelte er: „Oder wandert ihr auf Pilgerpfaden gen Jerusalem? Die Festung Montjoie steht auf einem anderen Berg. Ihr seid weit ab von eurem Weg.“

Wenn ich auf das Spiel des vermeintlichen Ritters einging, was ergab sich daraus? In welcher Zeit war ich dann gelandet? Ludger hatte Friedrich Barbarossa erwähnt. Der deutsche Kaiser war auf dem dritten Kreuzzug verunglückt. Wann war das, 1170, 1180? Ich rekapitulierte, was ich von meinen lange zurückliegenden Geschichtsvorlesungen noch wusste. Das Mittelalter hatte mich nie so fasziniert wie die Antike; es ist eine dunkle, primitive Welt, ein tausend Jahre währender, blutiger und bitterer Rückschritt in der Menschheitsgeschichte, den allein das Christentum zu verantworten hat. Eine in ihren Dimensionen kaum überblickbare, gigantische Schuld vor den Menschen, der Natur und Gott, die es bis heute nicht gesühnt, ja, sich nicht einmal dazu bekannt hat.

Palästina war im 12. Jahrhundert in den Händen des Sultans Saladins, des al-Malik an-Nasir, ebenso Ägypten und Syrien. Löwenherz eroberte während des dritten Kreuzzugs die Küstenstädte Akkon und Jaffa zurück, musste Jerusalem allerdings den Sarazenen überlassen. War nicht der französische Kaiser ebenfalls in diese äußerst blutige Auseinandersetzung verwickelt? Wie hieß er noch? Ein paar Namen und Daten schwirrten in meinem Kopf. Ach Jonas, das Alter ist ein grausamer, hässlicher Ort: Wenn ich nur daran denke; es ist so frustrierend, wie viel ich schon einmal gewusst und dann wieder vergessen habe. Guy de Lusignan und Konrad von Montferrat, die legendären Könige von Jerusalem, Berhard von Clairvoux, Papst Gregor oder war es schon Urban? Der Alte vom Berge und seine Assassinen… Ivanhoe, Robin Hood.

Ich wusste über diese Zeit so wenig, dass ich unmöglich in meiner eigenen Fantasie oder aber einem Traum gefangen sein konnte. Also blieben nur zwei logische Möglichkeiten: Dieser Ludger log das Blaue vom Himmel herunter oder er war komplett irre. Aber er hatte mir das Leben gerettet und war der einzige Mensch, der mir in der Gluthitze dieses Tafelberges zur Hilfe gekommen war. Da durfte ich nicht wählerisch sein. Mit seiner Unterstützung würde ich bestimmt wieder zurück in die Zivilisation finden; schließlich musste der Mann ja von irgendwo her kommen und ein Ziel haben. Niemand machte einfach einen Ausflug hier oben, so verrückt konnte auch kein Mann sein, der sich für einen Tempelritter hielt.Und er hatte sich perfekt für seine Rolle vorbereitet, das musste ich ihm lassen.

Der Kreuzfahrer wartete kurz und mich neugierig musternd auf eine Antwort von mir. Als von mir keine kam, deutete er schulterzuckend nach hinten, wo tatsächlich nicht weit entfernt ein Pferd und ein bepacktes Muli bereitstanden und mit ihren Schnauzen vergeblich den Wüstensand nach ein paar trockenen Gräsern durchwühlten. Der mitleiderregend dünne Falbe, dessen Widerrist kaum höher als der eines Ponys war, trug einen Umhang mit dem Templerkreuz über der Kruppe, einen hohen Sattel, daran befestigt Steigbügel, die wie Metallschuhe geformt waren und einen schweren eisernen Schutz über dem Mähnenkamm.

„Komm, ich bringe dich an einen sicheren Ort. Dort können wir reden. Aber erst einmal müssen wir dich vor der Sonne schützen, mein armer Freund, sie leckt dir sonst den Verstand aus dem Kopf.“ Ludger fasste mich entschlossen unter der Schulter und ging mit mir die wenigen Schritte zu seinem Pferd, gegen dessen Flanke er mich vorsichtig lehnte. Das Tier wand interessiert den Kopf und schnaubte mir ins Gesicht.

„Wird es denn gehen?“ fragte er. Ich nickte zuversichtlich, obwohl mir bei dieser Bewegung schwindlig wurde. Ludger kramte in seiner Satteltasche und beförderte ein langes, schmales Tuch und eine kleine elfenbeinerne Dose ans Tageslicht. Aus dem Tuch formte er mir mit schnellen, geschickten Griffen eine improvisierte Kopfbedeckung und band sie mir um den Kopf.

„Die Salbe hilft gegen die Sonnenröte, sie brennt ein wenig beim Auftragen. Aber dann kühlt sie“, erläuterte er, während er das Döschen öffnete und zwei Finger von einer scharf riechenden Salbe nahm, die er mir dick auf den Wangen und auf der Nase verstrich. „Sie hat mir die here Frouw Edaine gemischt. Sie…“

„Edaine? Vater!“ Jonas biss sich sofort auf die Lippen, aber er hatte seinen erstaunten Ausruf nicht unterdrücken können. Er hatte den alten Mann mitten in seiner merkwürdigen Geschichte unterbrochen und diesmal setzte er sie nicht mehr fort. Georg Habakuk verstummte sofort, aber er sah nicht zu seinem Sohn hinüber. Nach einem kurzen Moment, in dem er verwirrt an sich herabsah, begann er mit seiner Linken, an seinem Sicherheitsgurt zu kratzen, der ihn offenbar störte. Obwohl er noch angeschnallt im Beifahrersitz saß und die Tür des Autos geschlossen war, versuchte er dann, sich aufzurichten, was ihm freilich misslang. Aber er versuchte es erneut und dann noch einmal, strengte sich immer mehr dabei an, stieß sich dabei mit den Füßen ab und stemmte sich mit durchgebogenem Rücken gegen den Gurt. Er wirkte auf seinen Sohn wie ein gefangenes Tier und er beeilte sich, ihn von der Fesselung zu befreien. Das half. Er beruhigte sich sofort und blieb nun sitzen.

„Wir gehen jetzt ins Bad“, sagte der Demenzkranke für sich und wiederholte seine Worte wie ein fröhliches Mantra. „Wir gehen ins Bad. Mein Sohn und ich. Wir gehen ins Bad.“

Jonas gab sich geschlagen, startete den Motor seines Wagens und reihte sich wieder in den Verkehr der Straße ein. Er hoffte, dass ihn nicht die Polizei wegen seines nicht angeschnallten Beifahrers anhielt.

Kapitel 4 – Teil 4

Mir war dieser Satz schon ein wenig anders formuliert in den „Fragmenten der Vorsokratiker“ von Diels und Kranz begegnet; wie es auf diesem Papyrus anschließend weiterging, war mir allerdings vollkommen neu. Es erschütterte mein Weltbild:

So ist das Wort des Redners wie ein Getreide, das der Sämann auf den Acker streut. Einiges fällt auf Stein, vieles auf die festgetretene Erde und nur wenige Samenkörner auf den fruchtbaren Boden.“

Wir haben in deiner Jugend oft Wanderungen in den Bergen unternommen, Jonas. Du kennst das Gefühl, wenn man auf schmalem Pfad und rutschigem Untergrund plötzlich glaubt, weder einen Schritt vorwärts noch einen rückwärts machen zu können, ohne abzustürzen. Man blockiert sich mental selbst und ist in dieser Situation vollkommen hilflos, wenn einen niemand bei der Hand nimmt und über diese Stelle führt. So ging es mir beim stillen Übersetzen der weiteren Textzeilen: Ich wusste exakt, was ich da für ein Werk vor mir hatte, aber mein Verstand weigerte sich, es zu glauben. Ein Nichtgeisteswissenschaftler mag das einfach mit einem Schulterzucken abtun, aber für mich war das der größte Moment in meinem Leben.

Da gab es keinen Zweifel. Ich war auf eine Abschrift der Téchnē des Sophisten Gorgias von Leontinoi gestoßen, den Platon in seinem bekannten Streitgespräch mit Sokrates als überhebliche Witzfigur aburteilte. Die Téchnē ist jedenfalls ein seit der Antike verschollenes Werk über die Redekunst, das Gorgias mit diesen einleitenden Worten begann.

Verstehst du die Bedeutung? Wenn schon die erste der hier gelagerten Schriftrollen, zudem eine von mir vollkommen zufällig ausgewählte, eines der großen verlorenen Bücher des klassischen Altertums barg, welche Dinge mochten dann in den anderen Amphoren auf eine Wiedergeburt warten? Selbst wenn in allen anderen Gefäßen nur Staub und Papierbrösel zu finden waren: Allein durch diese Entdeckung würde unser Bild von den Essenern von Qumran und damit auch von Jesus Christus revolutioniert werden. Konnte es bei dieser frappierenden Übereinstimmung mit dem Gleichnis von Sämann möglich sein, dass der Nazarener die Bücher des Gorgias gelesen und sie in seinen eigenen Predigten und Gleichnissen verwendet hatte? Mein Gott, man muss sich das mal vorstellen…“

Georg Habakuk seufzte und schwieg. Er starrte von seiner eigenen Erinnerung aufgewühlt aus der Scheibe der Beifahrertür, einen Punkt an einem nur ihm selbst sichtbaren Horizont fixierend. Sein Sohn, der sein Auto in der Zwischenzeit auf einem kleinen, leeren Rastplatz neben der Schnellstraße geparkt hatte, wartete geduldig. Er nahm an, dass sein Vater so vollkommen in seine Geschichte eingetaucht war, dass er nicht die schmuddeligen Abfalltonnen und das Toilettenhäuschen sah, sondern sich gerade in der Kaverne mit Günec und den wertvollen Papyrusrollen wähnte, den wertvollsten Fund seiner Karriere in Händen.

Jonas wollte ihn dabei nicht stören, hatte auch Angst, dass der alte Mann in seiner Verwirrung das Thema wechseln würde, wenn er ihn jetzt ansprach und eine Fortsetzung forderte. Jonas selbst konnte die Begeisterung seines Vaters, die diesen im Moment überwältigte und der Worte beraubte, kaum nachvollziehen. Was bedeuteten ihm auch die Schriften eines Sophisten, der vor zweieinhalbtausend Jahren gelebt hatte? Gorgias? War es so wichtig, ob ein Evangelist bei ihm abgeschrieben hatte? Viel interessanter war doch die Frage, was das alles mit ihm selbst und mit dem Geheimnis seiner Geburt zu tun hatte. Er hoffte, Georg Habakuk würde sich endlich fangen und auf die Dinge zu sprechen kommen, die wirklich wichtig waren. Warum hatte ihm nur Binderseil nicht mehr erzählt! Er schien doch die ganze Geschichte zu kennen. Bei seinem Vater war es reine Glückssache, ob er seine Erzählung zuende brachte oder sie einfach vergaß.

Endlich befreite sich der alte Mann aus seiner Starre, rutschte sein Blick hinunter auf seine leeren Hände, die er überrascht musterte. Dann fuhr er endlich in seiner Erzählung fort.

„Egal. Es ist alles verloren gegangen und schon so lange her. Vielleicht war es ja nur ein Traum. Weißt du Jonas, manchmal erwache ich in der Nacht und diese Erinnerung an Qumran, die Höhle, die Pergamente und all das, was danach noch geschah, fühlt sich falsch an, wie das Zerrbild, das ein schlechter Schlaf geboren hat. Wenn du nicht wärst und Günec nicht alles bestätigt hätte, hätte ich das Ganze längst abgetan und dem Albtraum einer Nacht zugerechnet.

Ich kann mich nicht erinnern, wie lange ich im Dunkel der Amphorenhöhle stand, mit dem zitternden Licht meiner Stirnlampe grell den Papyrus in meiner Hand ausleuchtete und fieberhaft übersetzte, was  Georgias in der Einleitung zu seinem Handbuch der Rhetorik geschrieben hatte. Irgendwann lenkte mich ein Stöhnen von Günec ab, der starke Schmerzen in seinem verletzten Bein hatte. Ich schämte mich für meine Gedankenlosigkeit und Selbstsüchtigkeit und widerstand der Versuchung, die nächste Amphore zu öffnen. Ich schob die wertvolle Schriftrolle zurück in ihr Tongefäß, das sie über Jahrtausende vor Hitze, Dreck und Zerfall bewahrt hatte, legte es behutsam auf die Erde vor der antiken Bibliothek und holte endlich den Rucksack, in dem die Erste-Hilfe-Ausrüstung verstaut war.

Nachdem ich mit ihrer Hilfe meinen Freund verarztet hatte, teilte ich unsere spärlichen Wasservorräte auf zwei Feldflaschen auf und packte meinen eigenen Rucksack mit dem allernötigsten. Günec, bei dem die Schmerzmittel langsam wirkten, beobachtete mich nachdenklich bei meinen Vorbereitungen:

„Was willst du unternehmen?“ fragte er. Ich konnte seiner Stimme anhören, dass er langsam in seinen typisch muslimischen Fatalismus steuerte. Ich glaubte jedoch nicht an „Kismet“ und war entschlossen, mich nicht einem Schicksal zu beugen, das uns in diese gefährliche Situation geführt hatte. Ich deutete auf die senkrechte Felsspalte im hinteren Bereich der Höhle, von der mit Wüstensand vermischt ein wenig Frischluft zu uns hereinwehte und durch die auch ein wenig Dämmerlicht in das Dunkel fiel. Wenn mir meine Augen keinen Streich spielten, vor denen noch immer die griechischen Buchstaben meiner Lektüre tanzten.

„Ich werde uns Hilfe holen, was sonst? Ich denke, dort hinten ist ein Ausgang. Wenn ich mal raus aus den Höhlen bin, werde ich schnell zurück ins Lager finden. Das wird nicht lange dauern. Und beim Abendessen können wir dann allen von unserer unglaublichen Entdeckung erzählen. Sie werden diese Kaverne nach uns benennen: Die Nasawi-Habakuk-Höhle!“ Günec lachte bei dem Gedanken, aber ich merkte ihm an, dass ich ihn nicht ganz überzeugt hatte. Er hatte Angst.

„Beeile dich bitte. Es ist nicht gerade meine Vorstellung von einem gelungenen Nachmittag, hier im Dunkel der Habakuk-Nasawi-Höhle zu hocken, mein Freund“, erwiderte er und versuchte trotz seiner Verzweiflung auf meinen leichten Ton einzugehen.

„Zumindest geht dir nicht der Lesestoff aus“, sagte ich und näherte mich der schmalen Felsspalte. Ich hörte Günecs Gelächter noch lange als Echo in meinem Rücken.

Ich hatte richtig vermutet: Durch den Spalt drangen ein wenig Licht und wüstenheiße, aber frische Luft in meine Höhle; der Durchgang war jedoch so schmal, dass ich mich nur gewalttätig durchzwängen konnte. Ich quetschte zuerst den Rucksack, die Stirnlampe und meine Jacke durch die Öffnung, die in ihrer Tiefe vielleicht einen halben Meter ausmachte. Obwohl ich damals ziemlich hager war, blieb ich trotzdem auf halbem Weg zwischen den zwei Höhlen stecken. Panisch ruderte ich mit den Armen und Beinen und suchte suchte einen Punkt, an dem ich mich abstützen und weiterstemmen konnte. Der Fels drückte auf meine Lungen und fast wäre ich erstickt.

Mit meinen letzten Reserven gelang es mir aber, mich langsam zentimeterweise durch die Engstelle zu schieben. Wenn ich später mit den Helfern wieder auf diesem Weg zurückkäme, würden wir schweres Werkzeug brauchen, um die Öffnung zu vergrößern, damit eine Bahre hindurchpasste.

Ich riss mir bei meiner Anstrengung die Kleidung auf und die Haut blutig, aber endlich gelang es mir, auf die andere Seite zu kommen. Ich war vom Schweiß vollkommen durchnässt, was mir sicher dabei geholfen hatte, den engen Spalt zu überwinden und brauchte eine Weile gegen eine Kante gelehnt, bis ich wieder zu Atem kam und Günec ein letztes Mal Mut zurufen konnte. Was ich ihm verschwieg: Diese neue Kaverne war eine Enttäuschung. Sie war vollkommen leer und barg keine weiteren Fundstücke.  Sie hatte zwar einen Ausgang zur Oberfläche, aber dieser war eine fast kreisrunde Öffnung in der Decke der Höhle. Durch sie fiel schräg das Abendlicht zu mir hinab, jedoch war sie für mich unerreichbar. Die Wände waren viel zu bröcklig, als dass ich an ihnen hätte emporsteigen können. Ich musste mir einen anderen Weg suchen. auf keinen Fall wollte ich mich wieder zurück zu Günec quetschen. Ich sah mich aufmerksam um und entdeckte tatsächlich einen Gang, der vielversprechend war und leicht nach oben führte. Er war zwar recht breit, aber nur etwa hüfthoch und zwang mich, ihm auf allen Vieren zu folgen, den Rucksack vor mir herschiebend. Nach etwa zehn Metern verzweigte er sich. Ich wählte die linke Seite, die mir leichter begehbar schien. Bald endete dieser Weg vor einer massiven Felswand. Ich kehrte um, wählte die andere Gasse. Bald kam ich an die nächste Kreuzung und dann an noch eine. Ich war in einem Labyrinth aus Gängen gefangen.

Meine Odyssee im Bauch des Berges begann.

 

 

 

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