Aber ein Traum …

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Kapitel 3 – Teil 4

Ich möchte mich bei den Lesern bedanken, die mir Hinweise auf Tipp- und Logikfehler übermittelten. Gerade im 2. Kapitel gibt es einige besonders peinliche, auch die anderen sind nicht fehlerfrei. Ich werde daher demnächst die pdf- und epub-Versionen aktualisieren.

Holz scharrte an Holz. Es war ein gequält klingendes Geräusch, das trotz des trommelnden Wasserfalls, der sich über mir ergoss, deutlich zu hören war. Ein Riegel wurde bewegt, das bisher verschlossene Tor schwang nach außen auf. Drinnen brannten warme, freundliche Lichter, fielen wie eine umstürzende Wand in den Hof. In dem Türrahmen tauchte wie ein schwarzer Scherenschnitt eine schlanke kleine Frau auf. Vielleicht war es auch ein Kind, das konnte ich noch nicht erkennen. Der Schatten zögerte nur kurz an der Schwelle, rannte dann entschlossen in den Regen hinaus.

Binderseil, rief die Gestalt. Sie sprang mit patschenden nackten Füßen durch die Pfützen, beugte sich besorgt herab. „Linus! Wo bleibst du denn? Die Zeit endet, wir müssen uns beeilen!“ Sie sah nach oben. Im oberen Stockwerk des Pallas waren jetzt ein paar Fenster erleuchtet. Ein gewaltiger Donner ließ das alte Gemäuer erzittern. Der gleichzeitige Blitz warf grelles Licht auf ihr Antlitz. Es war wirklich eine Frau an meiner Seite und sie erschien mir in einem Glanz wie eine rettende Göttin; nachtschwarze, ungebändigte Haare, eine sommersprossige Schönheit mit lila Augen kniete neben mir. Es war das erste Mal, dass ich meine Edaine sah.“

Linus machte in seiner Erzählung eine Pause nd fuhr seiner andächtig zuhörenden Frau durch das knisternde Haar. Sie hatte wie eine gestreichelte Katze die Augen geschlossen und genoß sichtlich die Berührung.

„Meine Edaine, sagte er stolz. „Sie kannte mich bereits, denn ihre Zeitlinie läuft anders als meine. Das ist wie bei diesen keltischen Knotenmustern aus dem Book of Kells. So etwas gibt es. Für manche ist die Zeit ein sich überkreuzendes Flechtwerk, das sie immer wieder an den gleichen Ausgangspunkt zurückbringt. Die Eulenvilla ist solch ein Ort.“ Der Bildhauer verstummte, als hätte er sich verplappert. Er sah Jonas prüfend an. Dieser runzelte verständnislos die Stirn und Linus fuhr eilig mit seiner Geschichte fort:

Gemeinsam mit Pablo gelang es Edaine, meinen Oberkörper aufzurichten und gegen den Ziehbrunnen zu lehnen. Sie schien zu spüren, wie sehr ich fror, denn sie drückte ihren Körper an mich, umklammerte mich fest, murmelte dabei ein paar Wörter, die ich nicht verstand.

Wie soll ich das beschreiben? Ein Strahlen ging von ihr aus. Eine namenlose Kraft ging von ihr auf mich über, ein Teil ihrer Wärme, ihrer Zuneigung, ihrer Lebenskraft. Edaine presste sie praktisch in mich hinein. Auf jeden Fall gelang es ihr, mich zurückzuzerren, mich wie mit einem Seil erneut an ihre Welt zu binden. Ich hatte schon wie eine halbtote Taube ein paar Flügelschläge hinaus aus ihrer Welt gemacht. Ich atmete freier. Jetzt schlug mein Herz wieder, in meine Beine kehrte das Leben zurück. Sie zuckten und es kribbelte in ihnen, als hätte sie sie in einem galvanischen Experiment unter Strom gesetzt.

Kaum zu glauben, aber kurz darauf stand ich, zittrig noch, aber ungestützt, zwischen meinen beiden Helfern in der Halle der Festung, von der aus eine große Freitreppe ins obere Stockwerk führte. Pablo lachte, klopfte mir anerkennend und so fest auf die Schultern, dass ich einen Schritt nach vorn stolperte.

„Was eine Frau bei uns Männern so bewirken kann: Ihr Flüstern hört man weiter als den lautesten Ruf der Pflicht, bemerkte er lakonisch, sich selbst zitierend.

Der große Saal, in den wir durch das Eingangstor getreten waren, war bis auf die hinter Holzbalken verborgene indirekte Beleuchtung vollkommen leer. Obwoh er wie ein Ausstellungsraum wirkte, standen keine Möbel oder Ritterrüstungen herum. Nicht einmal Gemälde hingen an den Wänden. Der ‚Schöpfer‘ hatte sich eine Einrichtung gespart. Wir erholten uns kurz von dem prasselnden Regen, der unsere dünne Kleidung innerhalb von Sekunden bis auf die Haut durchnässt hatte. Nun hatte ich endlich die Zeit, die Frau, die Picasso und mir zur Hilfe geeilt war, näher zu begutachten. Auch der Maler musterte sie anerkennend, wie mir auffiel.

Du weißt, wie Edaine aussieht, sie sitzt ja hier vor dir, Jonas. Und jetzt wird es richtig schnulzig. Es war wie bei einem mittelalterlichen Roman: Es war wie in der Geschichte von Iwain und Laudine. Der fahrende Ritter verliebte sich sofort in seine Holde. Meine Edaine war genau der Mensch, der mir in meinem Atelier fehlte, das der ‚Schöpfer‘ über der Stadt in den Olivenhain gezaubert hatte: Diese wundervolle, sanfte Frau, die in dem klatschnassen, halb durchsichtigen Dubliners-Tour-T-Shirt neben mir stand. Ich musterte verstohlen von der Seite ihr makelloses Profil und sah uns dort oben, auf der aufs Meer gerichteten Terrasse nebeneinander in Liegestühlen sitzend, wie wir uns ganz selbstverständlich die Hände reichten, einem Jahrzehnte andauernden Sonnenuntergang zusahen und dabei gemeinsam alt wurden. Ich weiß, das war alles nur ein Traum: Diese ideale Welt, in die ich mich gewünscht hatte, würde wahrscheinlich bald sterben und jene Sonne würde – wenn überhaupt – in unserem Rücken hinter die Hügel und nicht ins Meer tauchen… Hatte ich ein schlechtes Gewissen wegen meiner Freundin zuhause, die noch nicht mal einen Tag tot war, weil ich mich bereits in die nächste verliebte? Nein, hatte ich nicht. Ich überlegte vielmehr, ob Edaine eine Bewohnerin dieser Welt war, oder ob ich sie wie den spanischen Maler in meiner Not erfunden hatte, weil ich Hilfe brauchte. Ich hätte es nicht ertragen, wenn sie sich wieder in Luft aufgelöst hätte.

Ich muss schon ein mieser Charakter sein.

Pablo neben mir hatte die Spannung zwischen meiner Traumfrau und mir bemerkt und kratzte verlegen in den kurzen Haaren über seinem großen Ohr.

„Haben wir nicht noch etwas zu erledigen?“ erkundigte er sich. „Fühlst du dich fit genug?“ Ich spürte in mich, trat ein paarmal fest auf. Was auch Edaine mit mir gemacht hatte, welche druidischen Kräfte sie besaß: Mir ging es wieder gut. Ich war wieder vollkommen im hier und jetzt.

„Wie heißt du?“ wand ich mich an meine Retterin.

Aber Linus! Das weißt du doch…“, sie zögerte, „…nicht.“ Ich hakte sofort nach.

Wir kennen uns“, stellte ich fest.

„Ja“, gab sie zu, „…oder besser: Nein. Aber das ist nicht weiter wichtig. Wir werden uns kennenlernen. Ach, das ist fürchterlich schwierig zu erklären. Ich bin deine Edaine und jetzt retten wir Lina, damit wir verhindern…“ Sie biss sich auf die Lippen. Fast hätte sie mir etwas verraten, das noch eine Weile ihr Geheimnis bleiben sollte. Ich hatte recht gelangweilt ein paar SF-Bücher über Zeitreisen und temporale Paradoxe gelesen, aber das hier war völlig anders und es passierte mir wirklich. Ich entschied mich nicht zum ersten Mal an diesem Tag, meine Fragen zurück zu stellen, auch wenn mich der vertraute Kuss, den mir Edaine nun auf die Wange drückte, noch stärker in Verwirrung stürzte.

Scharrendes Rumpeln war aus dem oberen Stockwerk zu hören. Es klang, als würde ein Möbel verschoben oder eine klemmende Tür geschlossen. Ich nickte. Alles klar – mein Abenteuer konnte weiter gehen und dankbar drückte ich Edaines Hand:

„Was erwartet uns dort oben?

„Waldescher hat sich mit einem Helfer in einem der Zimmer verbarrikadiert. Ich konnte das alleine nicht verhindern. Er will meine Freundin Lina mit sich nehmen, ihr wieder Gewalt antun. Wir müssen sie auch in unserem eigenen Interesse schützen“, erklärte Edaine. Ich hatte erneut tausend Fragen, stellte aber nur die offensichtliche:

Warum?“

Diese Welt existiert nur wegen Lina. Wenn sie sie verlässt oder stirbt, endet alles wie ein abgespulter Faden. Mit Lina retten wir uns selbst. Mein Leben würde enden und du als Krüppel in deine alte Realität zurückkehren. Und Pablo…Sie zuckte mit den Schultern. Nicht, dass meine Frage auch nur annähernd beantwortet war oder ich viel verstanden hatte, aber hier rumstehen und warten, während oben eine Frau gequält wurde, war offenbar keine Option.

Gut, gehen wir es an“, überredete ich mich selbst. Ich trat an die Treppe, stürmte voran, immer zwei Stufen auf einmal nehmend. Pablo und Edaine folgten knapp hinter mir.

‚Jetzt nur nicht stolpern, du tapferer Chevalier‘, dachte ich noch und segelte schon über die letzte Stufe auf einen Teppich, der meinen Fall etwas abbremste. Ich schlug mir die Knie blutig. Unbeholfen rappelte ich mich hoch, eilig, bevor die anderen beiden mir zu Hilfe eilen konnten. Was war ich doch für ein toller Held!

Ich stand in einem düsteren Korridor, rechts eine Fensterreihe mit Blick aufs stürmische, aber weiterhin nahezu unbewegte Meer, wie in dem Gemälde eines Genremalers in aufgepeitschter Wut erstarrt. Links gingen einige geschlossene Türen ab und ganz vorn, in etwa zwanzig Metern Entfernung, schloss sich langsam eine letzte geöffnete: Sie erzeugte dabei das gequälte Geräusch, das ich unten im Saal gehört hatte, scharrte über den hohen Teppich. Offenbar war das Holz der Tür stark verzogen, denn sie wehrte sich gegen diese Bewegung, wahrscheinlich stand sie schon seit Ewigkeiten offen. Da musste ich hinein, bevor sich die Tür endgültig schloss.

Ich rannte los.

Kapitel 3 – Teil 3

Da sich niemand gemeldet hat, dem meine bisherige Vorgehensweise misshagt – allerdings bekam ich auch keine gegenteilige Nachricht – mache ich weiter. Es gilt wie bisher: Für alle Anmerkungen bin ich dankbar. Ich möchte versuchen, diesen Roman gemeinsam mit meinem „Publikum“ zu schreiben.

Ich drehte erschrocken den Kopf. Neben mir stand ein stämmiger, älterer Mann, den ich auf den ersten Blick für einen Fischer hielt. Er trug wie ich dünne Segeltuchschuhe und eine kurze, ausgewaschene Jeans, dazu allerdings ein blau-weißes, quergestreiftes Shirt mit langen Ärmeln. Sein ovaler Schädel, auf dem nur noch ein dünner, kurzgeschnittener und weißer Haarkranz wuchs, die hohe Stirn, die dunklen, dabei schalkhaften und neugierigen Augen und hochgezogenen Brauen, die gerade, fleischige Nase, seine dicken, halb lächelnden Lippen zwischen tief eingegrabenen Mundwinkeln, ein prägnantes Kinn – all das schenkte ihm das Aussehen der Portraitbüste eines spätrömischen Kaisers. Ich war mir in diesem Augenblick sicher, dass ich diesen Mann schon oft auf Abbildungen gesehen hatte. Ich sah ihm zweifelnd in die Augen. War er die versprochene Hilfe?

Die brauche ich wirklich, Pablo“, erwiderte ich, denn plötzlich wusste ich, wer da neben mir stand – so absurd das auch sein mochte, denn schließlich war er ja schon vor fünfzehn Jahren gestorben. Aber ich hatte mir vorgenommen, mich über nichts mehr zu wundern. „Ich muss da rauf“, deutete ich auf den Pfad, „es geht um Leben und Tod.“ In welcher Sprache unterhielten wir uns eigentlich? Mein Französisch war zu schlecht, um mich frei zu artikulieren und spanisch sprach ich überhaupt nicht. Dass er deutsch konnte, war mir neu. Aber das gehörte wahrscheinlich zu meinem Traum. War diese Welt hier vielleicht eine Kopie der Côte d’Azur um die Ortschaft Antibes? Gab es dort solch einen gewaltigen Dom oder eine Kreuzfahrerburg?

Ich meine, spielt das überhaupt eine Rolle?

Der Alte hat den stämmigen Maler vielleicht einfach aus meinem Unterbewusstsein gezogen und manifestiert‚, ging mir zuerst durch den Kopf, als wir den Weg hinauf zur Burg in Angriff nahmen und ich mich mit dem ganzen Gewicht meines Oberkörpers auf Pablos hilfsbereite Schultern stützte. Ich verwarf diesen Gedanken aber wieder, denn ich konnte mir nicht vorstellen, dass die Macht des Mannes so weit ging. Ich wehrte mich gegen die Vorstellung, wie er mit seinen Fingern in meinem Gehirn wühlte und dabei ausgerechnet die eine Person zu Tage förderte und zum Leben erweckte, die ich so sehr bewunderte. Es war viel wahrscheinlicher, ich hatte Pablo in meiner Not selbst gerufen, ihn, den Schutzheiligen aller Künstler, auf dass er mir zur Seite stand. Wie dem auch war, ich lag in seinen starken Armen und ich konnte mir trotz der Situation eine Frage nicht verkneifen:

Pablo – welches ist dein Lieblingsbild?“ Ich meine – verstehe mich recht – diese Chance musste ich doch einfach nutzen! Picasso lachte kurz auf und seine warmen dunklen Augen blitzten in dem sonnengebräunten Gesicht.

Bilder? Die sind nichts für den echten Schöpfer. Das sind nur Fingerfertigkeiten, allerdings gut zu verkaufen. Ein paar Pinselstriche, dicke schwarze Tinte. Unser täglich Brot gib uns heute.“ Er packte mich noch fester an. Er spürte die Schwäche, die durch meinen Körper glitt. „Der echte Schöpfer formt mit seinen Händen, packt den Lehm, zwingt ihm seinen Willen auf, haucht ihm Leben und Schicksal ein. Das Vorbild für unsere Arbeit ist Galatea – nicht die Propoetide von Salvadore, sondern die von Pygmalion. Wir sind keine Alltagsmenschen, keine Masse. Wir ringen mit der Welt, aber sie zwingt uns nicht in den Staub. Wir packen sie, heben sie in die Luft, wirbeln sie herum und drücken ihr unseren Stempel auf – für alle Zeiten. Wer danach die Welt sieht, wird auch uns sehen! Das ist der Mythos des Schaffenden.“ Jetzt war alles klar: Dieser Picasso, der ein Loblied auf den Bildhauer anstimmte, stammte aus meiner Fantasie, auch wenn er erstaunlicherweise ein paar Wörter verwendete, deren Bedeutung ich nicht kannte.

Mit der Rede, die nicht die seine war, sondern ich ihm offensichtlich in den Mund legte, schleppte er mich die steinernen Stufen der Vorburg hinauf über die Zugbrücke und das verwitterte, weit offenstehende Tor in den schmalen Hof der Feste, der von einem weiteren, diesmal allerdings verschlossenen Eingang beherrscht wurde. Gleichzeitig wurde es düsterer und erstaunlich kühl. Das lag nicht nur den hohen Mauern, die den Hof eingrenzten, sondern auch daran, dass sich die schwarzen, an ihren Rändern wie verwesend grünen Gewitterwolken jetzt über die am Firmament festgenagelte Sonne legten und mit einem Schlag aus dem ewigen Nachmittag eine frühe Dämmerung machten. Es war auch ein Donnergrollen zu hören, ein mächtiger, brummender Maschinenton, laut vibrierend und in den hohen Mauern der Burg nachklingend.

Picasso trug mich zu dem kleinen Ziehbrunnen in der Mitte des leicht abschüssigen, mit bauchigen Pflastersteinen gedeckten Areals. Er lehnte mich vorsichtig gegen die Ummauerung des Brunnens. Dabei sah er sich neugierig um, wirkte nicht weiter erschöpft. Jetzt erhellte für einen Augenblick der erste Blitz die Szene und warf ein groteskes Schlaglicht in den Hof. Der Donner ließ nicht lange auf sich warten, aber noch regnete es nicht. Pablo trat zum verschlossenen Tor und rüttelte vergeblich an der Löwenkopfklinke. Dann schlug er mit der flachen Hand gegen das Holz und versuchte, durch die Ritzen zwischen den Brettern ins Innere zu spähen.

Was machen wir jetzt?“ wand er sich an mich. Ich konnte nur resignierend den Kopf schütteln. Seit Pablos unverhofftem Auftauchen hatte ich mich absolut auf ihn verlassen und die Verantwortung von mir abgewälzt. Glaube mir, ich dachte in diesem Moment, mich nie mehr auch nur aufrichten zu können. Die Lähmung, die mich heute an den Rollstuhl fesselt, begann in diesem Innenhof der Burg. Ich war dabei, mich in einen resignierten Krüppel zu verwandeln. Auch wenn Picasso nur eine Projektion meiner Vorstellungskraft war, strahlte er doch so viel Stärke und Selbstvertrauen aus; Eigenschaften, die mir gerade vollkommen abgingen. Und deshalb sollte meine noch nicht einmal richtig begonnene Rettungsaktion bereits am ersten Hindernis, einer verschlossenen Tür, enden? Nein, ein Scheitern war nicht akzeptabel, nicht für mich und nicht für diese Welt, mein Wunderland Oz, in das ich mich hinein gewünscht hatte.

Ich versuchte mich verzweifelt aufzurichten, mich an der Mauer in meinem Rücken nach oben zu drücken. Gleichzeitig schnitt wieder dieser Schmerz in meine Lenden, gegen dessen Gewalt ich völlig wehrlos war. Ich sackte erneut in mich zusammen, fiel zur Seite auf den Boden. Welche Ironie: Jetzt war ich in der gleichen Lage wie der alte Mann vorhin, dabei war ich doch als Held und Retter aufgebrochen!

Blitz und Donner schlugen gemeinsam ein, das Gewitter stand nun direkt über der Festung. Pablo trat besorgt an meine Seite, kniete sich neben mich. Noch ein Blitz, jetzt spürte ich erste, eisig kalte Tropfen auf meiner Haut. Im nächsten Augenblick brach eine wahre Sintflut los. So dicht fiel der Regen, dass ich von einem Moment auf den nächsten das Gefühl hatte, ich würde ertrinken. Pablo versuchte, mich wieder aufzurichten, aber ich lag wie ein nasser und schwerer Sack Kartoffeln in dem kleinen See aus Regenwasser, der sich am Brunnen sammelte.

Jetzt war es so weit: Meine Rückkehr stand bevor, ich spürte das Zerren. Ich hatte plötzlich keine Schmerzen mehr, aber ich konnte meine Füße nicht mehr bewegen, spürte sie nicht einmal.. Ich hatte auch kein Gefühl in den Beinen und musste mich mit einem Blick vergewissern, ob sie noch da waren. Bleich, wie ein totes faules Aas lagen sie im Wasser, ragten aus der kurzen Jeanshose wie etwas Fremdes, das noch nie zu mir gehört hatte. Ich wusste, ich sah das Ergebnis meines Sturzes die Treppe hinab, ich war an mein Ende gekommen, die Zeit war abgelaufen. Die Welt des Alten löste sich auf, ich war dabei, in den Winter zurückzukehren.

Das konnte nicht sein! Ich kniff die Augen zusammen, konzentrierte mich.

Kapitel 3 – Teil 2

Zum ersten Teil des 3. Kapitel bekam ich die private Nachricht, ich würde eventuelle Leser überfordern, weil er nicht ans 0., sondern an das 2. Kapitel anknüpfe, das er ja fortsetzt. Daher meine Frage: Soll ich das schrittweise Veröffentlichen des 3. Kapitels stoppen und zuerst die Kapitel 1 und 2 – obwohl es sie als Gesamtdownload auf diesen Seiten gibt –  in den Blog setzen oder so weitermachen?
Ich bin für jede Anmerkung und jeden gefundenen Fehler dankbar.

Nur eine Darstellung fand ich bei meiner oberflächlichen Untersuchung des Kirchenschiffs überraschenderweise nicht: Es gab nichts Eschatologisches hier, nichts Dämonisches, Blutiges, nur die positiven Seiten des Glaubens waren zu sehen: Ich fand keinen Engelssturz, keinen Luzifer, kein jüngstes Gericht mit der so beliebten Darstellung der Höllenqualen, nicht einmal eine Kreuzigungsszene, keine Pieta, keinen von Pfeilen durchbohrten Michael, kein abgeschlagenes Märtyerhaupt; alles war ins Glückliche, Helle gewendet, die Sünde und ihre unappetitlichen Folgen komplett ausgeklammert. Das imposante Gemälde auf dem Hochaltar zeigte auf einem Flügel Jesu’ Geburt, auf dem anderen die Bergpredigt, dazwischen hockte der Heiland als Pantokrator: Ein abgeklärter, strahlender Herrscher blickte milde auf die irdischen Dinge.

Bei dieser Gelegenheit fiel mir noch eine andere Seltsamkeit auf, die ich vorher übersehen hatte: Auf dem Stützpfeiler des Taufbeckens waren nicht wie ich erst vermutet hatte vier, sondern fünf Evangelisten in der schlichten kindlichen Einfalt der frühen Romanik dargestellt: neben Mensch, Stier, Löwe und Adler, deren Vielzahl an Flügeln miteinander zu einem kunstvollen Ornament verwoben waren, fand ich noch eine weitere Tiergestalt, jedoch mit einem menschlichen Antlitz: Sie sollte wahrscheinlich einen Ziegenbock darstellen, der keine Flügel, aber einen Fischschwanz um seinen Körper gewunden hatte. Noch erstaunlicher war jedoch der Eindruck, dass eben jene mit mächtigen nach innen geschwungenen Hörnern ausgestattete satyrhafte und heidnische Wasserspeiergestalt, die sich da klammheimlich unter die Apostel geschlichen hatte, trotz der schlichten Ausführung unverkennbar die Züge des Mannes trug, den ich neben mir im Arm hielt.

Ich wollte ihn schon fragen, was er sich dabei gedacht habe, ob er sich als Apostel oder als Marsyas sah, als er sich von mir losmachte und ein paar unsichere Schritte nach vorn tappte, wo er einen Platz in der hinteren Reihe der Kirchenbänke fand. Er winkte mich zu sich, nun flüsternd, als wäre dies die einzige angemessene Lautstärke in dem Dom.

Ich weiß, du hast viele Fragen“, kam er mir zuvor, „und ich will dir auch gerne die Antworten sagen, so weit ich sie selbst kenne, aber jetzt müssen wir uns beeilen. Ich kann den Lauf der Dinge nicht mehr lange bremsen, das ist wider die Natur und zerstört mehr als es bewahrt. Dieser Tag wird einmal enden. Vorher musst du hinauf zur Burg und Lina holen. Sie ist der einzige Sinn von dem allen hier und wenn mein Bruder es schafft, sie fortzubringen, wäre mein Spiel verloren. Noch wehrt meine Lina sich gegen seinen Willen.“

Dein… Bruder?“

Ja, mein verrückter Bruder, der glaubt, er wäre Linas Mann. Aber jetzt gehe, geh! Ich werde dir jemanden schicken, der dir vielleicht helfen kann – eine Frau, der du vertrauen sollst – und vielleicht noch jemanden weiteren.Er lächelte kurz. „Ich habe ihn schon in deinen Gedanken gefunden.“

Ich zögerte, wollte Einwände machen, aber er hob sofort abwehrend die Hand.

Beeile dich“, drängte er, „jedes Zögern kann Folgen haben, die nicht wieder gut zu machen sind. Ich sage es noch einmal: Wenn mein Bruder es schafft, Lina mit sich zu nehmen, habe ich verloren. Die Welt stirbt – und wir mit ihr. Du bist meine letzte Karte, die eine Chance, die uns geblieben ist. Du bist mein Joker! Mit dir rechnet er nicht, dein freier Wille, der dich wegen meiner Schwäche hierher geführt hat, kann alles noch ins Gute wenden. Du wolltest hier sein. Nun mach auch etwas draus.“ Er sackte in sich zusammen; das Sprechen hatte ihn über Gebühr angestrengt. Seine Stimme war nun kaum mehr zu verstehen. „Geh!“ flehte er mich an, „geh endlich und rette das Mädchen. Sei der Held.“ Er schloss die Augen, erstarrte wie die tote Welt, die er beherrschte. Von ihm konnte ich nichts mehr erwarten.

Verwirrt stolperte ich aus der Kirche auf den leeren Domplatz. Hier draußen war es noch heißer und stickiger geworden. Neu waren ein paar dünne Wolkenschleier über dem Meer, auf dessen Wellenkämmen sich Schaumkronen gebildet hatten. Es roch salzig und feucht. Ich gebe es zu: Plötzlich begann das Ganze, mir Spaß zu machen. Hatte mich vorher die surreale Situation erschreckt und mir das Nichts hinter den Häuserfassaden Angst gemacht, fand ich nun einen gangbaren, halbwegs bequemen Weg, mich der Situation zu stellen. Es war das beste, das Ganze wie ein – wenn auch sehr stoffliches – Gespinst anzunehmen und die absurden Wendungen so selbstverständlich wie in einem Traum zu tragen. Hier in dieser Welt konnte ich in der Tat ein Held sein, eine Rolle spielen, die mir durchaus lag und zu mir passte.

Ich sah hinüber zur Burg, die sich den Strand aufwärts auf einer ins Meer ragenden Klippe erhob und wie ein mahnender Zeigefinger über der Stadt drohte. Sie schien mir näher gerückt, als wäre die trotzige Klippe ein mächtiger Dampfer, den der Wind gegen den Strand drückte. Jetzt konnte ich auch einen Weg erkennen, der, von niedrigem Mastix und schimmligem Salbei gesäumt, aufwärts bis vor die gewaltig in die Höhe ragenden, massiven Mauern dieser alten Malteser-Feste führten. Ich sah kurz zurück zu der Dompforte, dann ging ich die breite Promenade zum Strand hinunter, die Trutzburg fest im Blick, die mit jedem Schritt düsterer und bedrohlicher wirkte.

Ich zuckte erschrocken zusammen: Jetzt löste sich ein mächtiger dunkelgrauer Fels von der imposanten Zyklopenmauer dort oben; gegen alle Gesetze der Schwerkraft fiel er nach oben in den milchigen Himmel über der Klippe. Er war das einzige, das sich außer mir bewegte und das war das schockierendste, da war plötzlich eine Bewegung, die die leichenhafte Starre der Welt besudelte. Ich kniff meine im grellen Licht halb geblendeten Augen zusammen und starrte auf die Erscheinung, die rasch empor stieg und dabei noch an Größe zunahm. Ich erkannte zu meiner Erleichterung, dass ich mich getäuscht hatte: Der Stein entpuppte sich als Teil einer Gewitterwolke, die sich hinter der Burg zusammenballte. Deren oberen Rand hatte ich für den unregelmäßigen Abschluss der gewaltigen Wehranlage gehalten, die sich nun als viel niedriger herausstellte. Dennoch hielt ich diesen über den Himmel segelnden Schmutz für ein schlechtes Zeichen, nicht, weil ich Angst hatte, nass zu werden, sondern weil ganz offensichtlich die Kräfte des Alten weiter nachließen und er den endlosen Nachmittag nicht weiter aufrecht erhalten konnte.

Hier am Strand allerdings war alles noch unverändert: Selbst wenn ich mich bemühte, konnte ich an den wie festgefrorenen schaumigen Wellen keine Bewegung erkennen, was das Emporstreben der Wolke noch unheimlicher machte. Ich entschied, mich besser zu beeilen und wechselte in einen Dauerlauf, der mich die Mole eines alten Hafens entlang zur Klippe mit der Burg führte. Immer mehr graue, ins schmutzig-grüne chanchierende Wolken stiegen dort in den Himmel.

Obwohl ich nicht gerade trainiert war und körperliche Anstrengungenmied, fiel mir das Laufen leicht und ich konnte sogar noch Geschwindigkeit zulegen. Doch dann stach ein plötzlicher Schmerz grausam tief unten in meinen Rücken. Es fühlte sich an, als würde dort etwas durchtrennt, ein Wirbel mit brutaler Wucht verschoben. Ich wäre beinahe gestürzt, weil ich plötzlich die Kontrolle über meine Beine verlor. Ich blieb hektisch nach Atem ringend stehen und spürte meinen jagenden Puls am Hals klopfen. Etwas war in mir kaputt gegangen und zerbrochen. Mir kamen die letzten Momente vor meinem Wechsel in diese Welt in den Sinn: Da stürzte ich die Treppe vor meiner Wohnung hinab. War ich in diesem Augenblick auf dem Zement des Hofs aufgeschlagen? Endete jetzt mein Traum?

Ich sah verzweifelt hinauf zur Burg. Ich stand inzwischen am Fuß der Klippe, auf der sie thronte, am Beginn eines ausgetretenen Pfades, der sich wie eine große Schlange in weitläufigen Serpentinen hinauf wand. Das war ein Fußmarsch von vielleicht noch einer Viertelstunde, wenn hier Zeit eine Bedeutung gehabt hätte. Aber im Moment konnte ich mir nicht vorstellen, auch nur einen Schritt weiterzugehen. Der Schmerz in meinen Lendenwirbeln schien es mir unmöglich zu machen; er trieb mir Tränen der Verzweiflung in die Augen.

Ich hörte den Schrei einer Frau, er schallte vom Bergfried herab, verstärkt und vervielfacht durch eine Laune des Echos. Sie rief um Hilfe und dabei klang ihre Stimme resigniert, ein letzter, verzweifelter Widerstand gegen ein Schicksal, dass sie nicht ertragen konnte. Sie schrie, ohne etwas zu erhoffen, aus Verzweiflung, aus Trotz. Sie musste wissen, dass es in dieser leeren Welt niemanden gab, der ihr helfen konnte.

Aber genau deshalb war ich doch hier, hatte mich der Alte in der Kathedrale von meiner Welt in seine gebracht, im dem Augenblick, als ich sie während meines Sturzes sehnsüchtig berührte, weil ich sie mir herbeisehnte. Er hatte mich ergriffen und mich als seinen ‚Joker’ geholt. Das war ich, die unwägbare Karte in diesem mir nicht verständlichen Spiel, das er mit seinem Bruder ausfocht, ich war das Zünglein an der Waage und da stand ich nun, von einem Schmerz, wie ich ihn noch nie empfunden hatte, zur Bewegungslosigkeit verdammt.

Kann ich etwas für Sie tun? Sie sehen mir so aus, als könnten Sie Hilfe brauchen“, sprach mich plötzlich eine Stimme aus dem Nichts an.

Kapitel 3 – Teil 1

Nachdem ich in den letzten Wochen das „Nullte“ Kapitel meines Romans „Aber ein Traum…“ Schritt für Schritt veröffentlichte, folgt nun in der gleichen Weise das 3. Kapitel. Zur Erinnerung: Die Kapitel 1 und 2 sind auf diesen Seiten als pdf herunterladbar und können dann am PC oder am Reader gelesen werden. Es macht keinen Sinn, das 3. Kapitel vor den ersten beiden zu lesen, da es das 2. Kapitel direkt fortsetzt.
Weiterhin – denn deswegen mache ich es ja – bin ich für alle Arten von Anmerkungen und Kommentaren zu dem Text dankbar. Ich habe auf diese Weise schon einige Fehler ausmerzen können.

DREI

Lina Brunswick!“ Jonas schreckte in die Höhe, als hätte ihn jemand mit einer Nadel gestochen. Linus unterbrach seine Geschichte und sah den alten Freund verwundert an. Auch Edaine hob amüsiert lächelnd den Kopf. Jonas schämte sich ein wenig und glaubte, sich entschuldigen zu müssen:

Ja. Ich dachte für einen Moment, der Name würde mir etwas sagen – aber da habe ich mich wohl getäuscht.“ Damit sagte er die Wahrheit. Kurz hatte er geglaubt, der Frauenname würde eine Erinnerung in ihm wecken. Doch jetzt war ihm das alles wieder entfallen.

Ich glaube eher, du warst eben am Einschlafen“, lachte Linus und wirkte ein wenig beleidigt. „Meine Geschichte muss ja ganz schön langweilig sein.“ Jonas senkte schuldbewusst den Kopf. Wahrscheinlich war er tatsächlich kurz eingenickt, auch wenn er sich einbildete, nichts von der absonderlichen Geschichte versäumt zu haben.

Und? Muss noch jemand aufs Klo oder kann ich weitermachen?“ Niemand antwortete ihm. Linus zuckte mit den Achseln und fuhr mit seiner Erzählung fort.

Binderseils Geschichte (Schluss)

Wenn du glaubst, ich stürzte mich schnell in dieses Abenteuer und befreite Dornröschen wie der Prinz mit einem Kuss, dann muss ich dich enttäuschen. Auch wenn beim Erzählen der Eindruck entstehen mag: Dies ist kein Märchen. Ich starrte auf den Mann, der in meinen Armen langsam wieder zu Kräften kam und mir wurde zum ersten Mal richtig bewusst, wie surreal und absurd meine Situation war. War ich bislang einfach meinem Instinkt gefolgt, ohne nur einmal richtig nachzudenken, wurde mir meine Lage langsam klarer. Ich fühlte mich, als würde ich aus einem tiefen Schlaf erwachen.

Wie lange war ich schon in dieser Kulissenwelt gefangen, in der nur Wind und Wasser und der alte Bärtige und ich hier auf dem gespenstisch leeren Domplatz lebendig schienen? Es fühlte sich wie eine Ewigkeit an, wie die Erinnerung an eine andere Existenz, als mich ein nasser, kalter Februarmorgen ausgespuckt hatte und es war noch lange nicht das Ende dieses Tages erreicht; eines Tages, der endlos war. Das Wort ‚gestern’ war mir zu einer leeren Worthülse verkommen, einem Klang, der keine Bedeutung mehr hatte. Wie Rücklichter in einem dichten Nebel tauchten Erinnerungsfetzen an mein Erwachen am Morgen auf: Matte Regentropfen an meiner kaputten Fensterscheibe, das schamlose Eindringen der Staatsmacht in mein Privatestes, die Hausdurchsuchung, der unnötig grobe Zugriff der Polizisten, die sinnlose Verwüstung meiner Wohnung, mein Sturz die Außentreppe hinab, ein Sturz, der auch ein Stoß sein konnte. Schließlich stand mir der Tod meiner Freundin wieder vor Augen, meine zitternde Hand, die die neben mir im Bett liegende Nackte berührte, meine Fingerspitzen auf der eisigen, klebrigen Haut, die plötzliche Erkenntnis, dass ich nur mehr eine Hülle berührte, mich die Seele meiner kunst- und jazzbegeisterten Schönheit für immer verlassen hatte – all das drängte sich mir jetzt mit unwiderstehlicher Macht auf. Es war ein mächtiger, alles mit sich reißender Strom an Erinnerungen; Bruchstücke nur, Momentaufnahmen. Bisher hatte ich sie verdrängt, besser gesagt, sie waren beiseite geschoben worden von der Macht der neuen, überwältigenden Eindrücke meiner neuen, sommerlichen Welt, die mir trotz ihrer Leere und Bewegungslosigkeit lebendiger erschien als mein altes Winterdasein. Umso kräftiger kamen sie mir jetzt zurück ins Gedächtnis.

Ich weinte. Zum ersten Mal empfand ich ehrliche Trauer, schmerzte der Verlust wie eine frische Wunde. Er kehrte überraschend zurück, ich war völlig unvorbereitet. Ich hielt den kraftlosen Alten in den Armen, der weiter um meine Hilfe flehte und meine einzige Reaktion waren Jammer und Tränen. Der eingekapselte, durch die Erlebnisse verdrängte Schmerz sprengte sich gewaltsam aus seiner Nussschale, er machte meine Brust eng und mein Atmen zum stoßhaften Schluchzen. Ich schämte mich entsetzlich, denn ich hatte über all den neuen Eindrücken, über diesem Geschenk des Wiedergeborenseins, der Chance, völlig neu an einem anderen Ort von vorn beginnen zu können, vergessen zu trauern. Noch schlimmer, mir war meine Liebe wie etwas vollkommen Unwichtiges, längst hinter mir Gelassenes einfach entfallen. Sie war nur noch eine ferne Erinnerung, ein Traum, den man im Erwachen vergisst. A dream within a dream…

Gib es zu, Jonas, dir ist es doch ebenso ergangen. Du hast über meiner Geschichte längst nicht mehr an das Mädchen gedacht, neben dessen totem Leib ich am Morgen erwacht war und mir ist es ebenso gegangen. Meine Jazzlady war Teil meines alten, mir selbst entfremdeten Lebens, in das ich überhaupt nicht mehr zurückkehren wollte. Der lange, heiße Nachmittag war meine Existenz, die ich nicht aufgeben, um die ich kämpfen wollte.

Das ist mir nicht gelungen. Du siehst ja, ich sitze hier und erzähle dir, es gab also einen Weg zurück. Wie das gegangen ist, werde ich dir jetzt berichten. Also schlafe mir nicht wieder ein; es könnte auch für dich wichtig werden.

Der alte Mann, den ich in den Armen hielt, wollte also, dass ich seine Tochter für ihn rettete, weil er selbst nicht mehr dazu in der Lage war. „Kann ich denn nicht zuerst dir etwas helfen? Du scheinst es ebenfalls nötig zu haben“, sagte ich, nachdem ich meinen überraschenden Tränenfluss wieder etwas unter Kontrolle hatte. Erst wollte der Mann Einspruch erheben, dann nickte er.

Bringe mich aus der Sonne, dann werde ich schon wieder Kräften kommen.“ Ich fasste ihn fester und schob uns gemeinsam in die Höhe. Er war wieder so stark, dass er stehen konnte, ohne mit den Beinen wegzuknicken, zitternd zwar und einen Arm aufstützend auf meine Schulter gelegt.

Warte“, sagte er, „ich öffne die Tür.“ Er kniff die Augen zusammen und konzentrierte sich auf eine Fähigkeit jenseits meiner Vorstellungswelt. Nahm ich gerade an einem Schöpfungsakt teil?

Gut, bring mich bitte in den Dom.“ Er empfand wahrscheinlich wie ich, dass dort der einzig richtige Platz für ihn war, für den etwas angeschlagenen Gott dieser Welt, in die ich gefallen war. Ich schleppte den schweren Mann mühsam die Stufen zum Dom empor und öffnete die großen Flügeltüren, indem ich sie, mich mit ihm gemeinsam gegen ihr sprödes Holz lehnend, aufstemmte. Sie schwangen widerstrebend und rostig ächzend nach Innen. Es war nach meinem eigenen Haus der erste Raum, den ich hier betreten konnte, ohne frustriert an einer fest verschlossenen, wie versiegelten Tür zu scheitern. Ich stellte mir nach meinen Erfahrungen mit der Schaufensterscheibe, die mich ins Nichts hatte blicken lassen, die Häuser ähnlich konstruiert vor wie die Gebäude in den berühmten ‚potemkinschen Dörfern’, sie waren eine hübsche Fassade, aber eben nichts dahinter.

Hier im Hohen Dom der Ortschaft hatte ihr Schöpfer jedoch ganze Arbeit geleistet. Nachdem sich meine Augen an den dunklen Raum gewöhnt hatten, erschien mir der Dom als Archetyp, als die Kirche schlechthin. Der Kirchenbau wirkte wie die eklektische Zusammenschau aller Kirchen, die ich bisher gesehen hatte. Er war die platonische Idee einer Kirche. Mein Bildhauerherz jubelte bei diesem Anblick.

Ich denke, mein hilfsbedürftiger Gott, den ich weiterhin stützte, hatte diesen heiligen Raum eben erst erschaffen, indem er aus seinem oder meinem Gedächtnis das Bild eines Kircheninterieurs fischte, es formte und dabei vor allem katholische Vorstellungen verwirklichte. Ich weiß, es klingt verrückt, aber genau diesen Eindruck hatte ich, als ich in dem erstaunlich kühlen Raum auf der ausgetretenen Grabplatte eines einstmals Mächtigen stand, die würzige Luft schnupperte und meine Augen über Emporen und barocke Seitenaltäre und bemalter Wände voller Bibeldarstellungen und Heiligenlegenden ähnlich denen der Assisimaler glitt. Ein buntglasiges, rundes Fenster hinter mir in der Höhe über dem Eingang warf feuchte Lichtflecke auf die speckigglatten Marmorfliesen, die schwärzlichen Beichtstühle und eine Kanzel. Vor ihr stand ein meisterliches romanisches Taufbecken, das von auf den ersten Blick irritierend allegorischen Darstellungen der Evangelisten getragen wurde. An den filigranen, wie Weizenbündel empor drängenden Säulen hingen nachgedunkelte Gemälde aus einer späteren Epoche. Sie waren voller dynamischer Bewegung, auf denen Heilige in allen Graden der Verzückung den Himmel schauten. Der Flügelaltar hinten am Ende des Hauptschiffs war rein gotisches Schnitzwerk, das sich von seiner breiten, die ganze Apsis überspannenden Basis in unglaubliche Höhen hinauf wand, flankiert von der ganzen göttlichen Armee an Aposteln, Heiligen und himmlischen Heerscharen, Engeln, Erzengeln, Seraphen und Cherubinen und all den Heldengestalten, die die katholische Glückseligkeit aufzubieten hat.

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