Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Archiv für das Schlagwort “Kapitel 2”

Nutzlose Menschen – Roman (Teil NEUN)

[Weiter geht es mit dem 3. Kapitel. Mit Alfons Andernaj hat ein alter Bekannter aus Ein kleines Licht und Die Wahrheit über Jürgen einen prominenten Auftritt.]

*

DRITTES KAPITEL
Ein Fürst der Bohême

Die Parkplatzsuche in der Innenstadt gestaltete sich schwierig und endete, nachdem Klammer die Geduld verloren hatte, im Halteverbot ein paar Schritte von dem Lokal entfernt. Der Doktor hatte nicht übertrieben: Der Brandwirt, in den er Sapher zum Abendessen führte, war tatsächlich eine außergewöhnliche Gaststätte. Sapher hätte, wenn er gefragt worden wäre, als Beschreibung allerdings ein anderes Wort gewählt, er schwankte noch zwischen heruntergekommen und abstoßend; auch die Bezeichnung Bruchbude kam ihm in den Sinn; doch sie schien ihm für diese erstaunlich beliebte Gaststätte zu schmeichelhaft. Die Speisen und die Getränke allerdings waren, so weit er fähig war, dies zu beurteilen, wenn auch nicht gerade reichlich, so doch ausgezeichnet im Geschmack, erlesen, aus frischen Zutaten sorgfältig bereitet und auch alles andere als billig.

Der Brandwirt lag gut versteckt in einem engen Gässchen in der Unterstadt und war von außen ein vollkommen unscheinbares, niedriges Gebäude. Er hatte als Gaststätte eine lange Geschichte, selbst Goethe soll hier am Beginn seiner zweiten Schweizer Reise gegessen haben. Seit den Siebzigern hatte es aber unter ständig wechselnden Pächtern seinen Niedergang vom gutbürgerlichen Speiselokal zur billigen Pilskneipe erlebt und war zum Schluss zur übelriechenden Anlaufstelle der Penner des nahen Nachtasyls verkommen. Vor drei Jahren hatten sich jedoch mit dem neuen Wirt Renommee und Publikum des Brandwirts entschieden verbessert. Er hatte die alte Bestuhlung und die verstaubte, vergammelte Einrichtung so belassen, wie er sie vorgefunden hatte – selbst der heimlich biertrinkende Mönch hing noch in seinem Rahmen über dem Tresen – und hatte nur die Toiletten und die Küche renoviert. Er war aber ein herausragender Koch und lockte mit häufigen Auftritten guter Jazz- oder Bluesmusiker vor allem die Sorte von jungen und zahlungskräftigen Gästen in sein Lokal, um die sich vier Fünftel aller Werbung bemüht. Sie fassten den abgenutzten, schäbigen Wirtsraum als außergewöhnliches, stylisches Ambiente auf. Viel zum Erfolg des Lokales trug auch ein idyllischer, mit Liebe zum Detail hergerichteter Hinterhofbiergarten mit herrlichen, alten Kastanien bei. Hier blieb es selbst in der momentan über der Stadt hängenden Gluthitze angenehm kühl. In den Sommermonaten war dort nur mit viel Glück ein Platz zu finden. Der Wirt organisierte zudem in seinem Biergarten monatlich eine gut besuchte Lesung eines anerkannten Schriftstellers, was das Lokal immer wieder in die Presse und das Gespräch der Stadt brachte.

Leider hatten Klammer und Sapher, weil ihr reservierter Tisch schon vergeben war, in dem wirklich schönen, allerdings auch etwas lauten Garten keinen Platz mehr gefunden, an einem Freitagabend wäre es auch ein Wunder gewesen. So saßen die beiden gegen neun Uhr fast allein im Inneren des Lokales, dessen Rustikalität dem unverbildeten Sapher zwar schon zu Ohren gekommen war, die er jedoch zum ersten Mal zu Gesicht bekam. Sie nahm ihm ein wenig die Freude an dem guten Essen. Der Doktor, der in seinem feinen Anzug einen scharfen Gegensatz zu seiner schmuddligen Umgebung bildete, schien sich im Gegensatz zu Sapher, der bedauerte, dass er sich vorhin noch gut gekleidet hatte, nicht weiter um die abschätzenden, halb belächelnden Blicke der hereinkommenden, kurzärmeligen Jeansträger zu kümmern. Er ließ sich sein Garnelentöpfchen schmecken und kam nicht auf den Grund ihres gemeinsamen Essens zu sprechen. Er plauderte und scherzte leichthin mit Sapher oder dem Wirt, den er Helmut nannte und gut zu kennen schien. Dieser setzte sich, wenn es ihm seine Arbeit in der Küche erlaubte, schweigend zu den beiden und nippte an einem schalen Mineralwasser. Sapher hörte aufmerksam auf einen versteckten Hintersinn in Klammers Worten und fand ihn nicht. Ihm fiel nur eine merkwürdige Zufriedenheit seines Vorgesetzten auf, die sich immer dann auf seinen Zügen spiegelte, wenn er ihn betrachtete. Klammer sah auch häufig auf die Uhr, die an der Wand hing. Er erweckte den Eindruck, dass er auf jemanden wartete. Sapher nahm sich vor, auf der Hut zu sein, denn er hatte wieder das unbestimmte Gefühl, der Doktor plane etwas mit seiner Person. Erneut stellte er fest, wie gut es gut war, dass er im Büro Klammers schwarze Liste gefunden hatte.

Klammer war bei den Resten seines Salates angelangt, als überraschend ein älterer, verwahrloster Mann zu ihnen an den Tisch trat. Er stellte einen hölzernen Hocker, den er bei sich trug, zu Boden und setzte sich ohne zu fragen oder zu grüßen zu den beiden, bestellte lautstark ein Weißbier. Da Klammer kaum von seinen Gurkenscheiben aufsah und auch nicht weiter verwundert oder gar verärgert wirkte, entschied Sapher, ruhig abzuwarten und nichts zu dem unhöflichen Verhalten dieses offensichtlichen Alkoholikers zu sagen. Er sah sich um. Viele Tische standen noch leer. Erst wenn der Biergarten nach elf Uhr schloss, würde es im Wirtsraum voll werden. Der Mann passte in Art und Kleidung in das Lokal; Sapher hielt ihn für einen betrunkenen Penner. Das Hemd und die Hose waren abgetragen und fleckig, er war unrasiert und roch nach Schweiß und Fusel. Er schien etwa in Klammers Alter zu sein und obwohl sich die beiden nicht gegrüßt hatten, war Sapher plötzlich sicher, dass sie sich gut kannten und das schon seit langer Zeit. Er fragte sich, was jetzt zwischen den beiden noch stummen Männern geschehen würde und harrte erwartungsvoll der Dinge, die kommen würden. Als der Mann sein Getränk von der Bedienung erhalten hatte, nahm er zuerst einen langen Schluck, dann kramte er aus der Brusttasche seines Hemds ein schmutziges, kariertes Papier voller Fettflecken, das er langsam entfaltete. Klammer legte seine Gabel zur Seite und betupfte mit der Serviette die Lippen. Der Mann zog noch eine schmale Lesebrille aus dem Hemd, setzte sie auf, rückte sie umständlich zurecht und räusperte sich. Zumindest nahm Sapher an, dass er es tat, es klang jedoch mehr nach einem Aufstoßen. Dann las der Mann mit pathetischem Ton:

»‚Scheiße, Scheiße,‘ sagte sie,
seinen bebenden Schwanz mit gierigen Händen
zur tropfenden Möse führend,
das Gesicht aufgelöst und geil und weich.
‚Närrin der Nacht,‘ dachte er,
‚du siehst das Gras auf den Hügeln des Mondes,
du tanzt auf meinem Grab
und verlachst meinen verzehrenden Hass.‘
und er fickte sie
bis sich der kurze Tod näherte,
und fickte immer weiter,
bis sie ihn starb

Diese Obszönität sollte offenbar eine Art von Gedicht darstellen. Der Mann warf die fettigen, grauen Strähnen seines langen Haares zurück, die Finger als Kamm benützend, rülpste diesmal tatsächlich und sah sich nach Beifall um. Sapher öffnete den Mund und vergaß ihn zu schließen. Die aggressive Vulgarität, der er sich so plötzlich ausgesetzt sah, verwirrte ihn völlig. In seinem Rücken an der Theke rief jemand erheitert »Hört, hört!« und der Wirt sah lachend aus der Küche. Klammers Antlitz blieb völlig bewegungslos. Er nahm ruhig sein Portemonnaie aus der Innenseite seines Jacketts und öffnete es bedächtig. Der Blick des unangenehmen Penners wurde klein und scharf. Der Doktor nahm ein Geldstück heraus, warf es nachlässig auf den Tisch und schob es ihm beiläufig zu.

»Was, nur zwei Mark?«, rief der Mann empört und nahm die Münze trotzdem in die Hand, ließ sie mit einer schnellen Bewegung in seiner Tasche verschwinden.

»Mehr war dein Gedicht auch nicht wert, Alfons«, erwiderte Klammer geduldig und zwinkerte Sapher verschwörerisch zu. Der Mann stand empört auf und er schwankte dabei. Erst jetzt bemerkte Sapher, wie sehr er betrunken war.

»Was verstehst’n du von Poesie, du Kopfmensch? ‚… nix wert‘, das sagst du zu mir, zu dem Dichter, den die Presse den Cesare Pavese der Untergrundliteratur nennt. Ich kleb‘ zwei Tage wie’n Besessener an diesen Zeilen und du machst ’se mit einem Satz zur Sau, grad du, du hast’s nötig, du Versager, du …« Er holte stotternd Atem. »… aber mein Weißbier bezahlste mir doch, oder? Nikki, oder?«, fügte er mit schmeichelnder Stimme hinzu. Klammer nickte beschwichtigend. Der Mann nahm sein schmales Bierglas in die Hand, hob es dem Spender zuprostend und leerte es, den Kopf weit in den Nacken geworfen. Sapher beobachtete fasziniert und abgestoßen zugleich die schluckenden Bewegungen seines dabei stark hervortretenden Adamsapfels. Lärmend stellte der Mann das Glas zurück auf den Tisch, sich nicht um die Schaumreste in seinen Bartstoppeln kümmernd. Dann musste er sich mit beiden Händen an der Tischplatte stützen, um nicht nach vorn zu fallen. Er lächelte über Sapher, der schützend einen Arm vor das Gesicht gehoben hatte.

»Draußen find‘ ich ’n besseres Publikum, is‘ vielleicht nich‘ so fachkundig, aber freundlicher und zahlungswilliger als du«, murmelte er.

»Mach das, Alfons«, sagte Klammer ergeben und in seiner Stimme schwang ein mitleidiger Ton, den Sapher noch nie bei seinem Vorgesetzten bemerkt hatte. Der Mann klopfte sich verabschiedend auf den Tisch, eine Geste, die lässig sein sollte, aber nur peinlich wirkte, sammelte sich, leicht nach vorn pendelnd. Dann nahm er seinen Hocker wieder in die Hand und wand sich Richtung Biergarten ab. Sapher sah durch die offene Tür, dass er draußen auf sein mitgebrachtes Podest stieg und lautstark Ruhe und Aufmerksamkeit forderte. Als der Geräuschpegel niedriger wurde, begann er erneut, sein obszönes Gedicht zu rezitieren und dann noch zwei, drei andere, alle im gleichen Stil wie das erste. Als er zu Ende kam, wurde an ein paar Tischen geklatscht, an anderen gepfiffen. Er stieg stolpernd von seinem Hocker und ging bettelnd von Tisch zu Tisch. Sapher konnte nicht sehen, wie erfolgreich er dabei war.

»Wer war denn das?«, fragte er entsetzt. Klammer sah versonnen auf die Reste seines Salates, als er antwortete.

»Das war Alfons Andernaj, er ist hier im Brandwirt ein Stück Inventar.« Er suchte nach Worten. »Die Bohême besitzt nichts und lebt von dem, was sie hat. Die Hoffnung ist ihre Religion, der Glaube an sich ihr Gesetzbuch, Almosen ihr Budget«, sagte er und fügte nach kurzem Zögern »… und im Alter ist Bier ihr Trost«, hinzu. Er war plötzlich in einer larmoyanten Stimmung, die sich auch auf Sapher mitteilte. »Es ist immer eine traurige Sache, als Freund hilflos zusehen zu müssen, wenn ein sympathischer Mensch so abstürzt wie Alfons Andernaj. Was er gerade über sich gesagt hat, ist beinahe wahr, er war einmal ein wirklich begabter Dichter. Jetzt ist er nur noch das zahnlose Wrack, das Sie eben gesehen haben, eine Ruine seiner selbst, ohne Wohnung und Freunde, von den Almosen der Fürsorge und dem Mitleid der Leute dieses Lokales lebend. Helmut füttert ihn mit den Resten aus der Küche durch. Andernajs Schicksal sollte eine Warnung für uns alle sein.«

»Was ist ihm denn passiert?« Klammer blickte auf, in Saphers Augen. Er schien zu überlegen.

»Interessiert Sie das wirklich?«, fragte er nach einer kurzen Pause. Sein Gegenüber sah hinaus zu Andernaj, der sich an einen der Biertische gesetzt hatte und gestenreich mit ein paar Leuten debattierte. Draußen wurde es langsam dunkel, die bunten Lichterketten in den Kastanien leuchteten.

»Ja«, sagte Sapher langsam mit dem Hintergedanken: Wenn du mir von dem Säufer erzählst, erzählst du mir vielleicht endlich auch einmal von dir.

»Gut.« Klammer nickte. »Alfons Andernaj war vor zwanzig Jahren einmal so etwas wie der Fürst der Bohême dieser Stadt. Die Bohême, um diesen verwaschenen Terminus einmal zu definieren, ist der Stand, der nichts ist und alles werden will; und das nur mit Talent und ohne Fleiß. Sie ist die Sammlung von begabten, aber trägen Leuten, die auf ihren Erfolg warten, aber ihre Gedanken und ihre Existenz so wichtig nehmen, dass sie sie nicht mit profaner Arbeit in ihrer Kunst oder gar für den Lebensunterhalt verschwenden wollen. Sie sind meist liebenswerte Schmarotzer mit tausend Bekannten, sie bereichern nachmittags und nachts die Cafés und Kneipen der Stadt mit ihrem Witz und Charme, haben unendlich viel Zeit, alle möglichen Dinge zu beginnen und keines zu beenden, sie sind dauernd auf dem Weg zum Erfolg und werden doch älter, ohne es zu merken oder ihre Position verbessern zu können. Alle Frauen sind vor ihnen gleich.« Er lachte aus einem für Sapher unerfindlichen Grund. »Der Text dieses letzten Glaubenssatzes ist saftiger, aber ich will nicht Alfons kopieren. In unserer Zeit ist es zunehmend unsinnig, zu versuchen, Leute mit Worten zu schockieren oder gar zu verletzen. Die vielfältigen Formen des Beischlafes sind schon so oft in jeder Ausführlichkeit und teilweise Abscheulichkeit beschrieben worden. Man könnte glauben, die Leute liebten sich nur mehr, um dann darüber ein Buch zu schreiben oder sich in einer Talkshow zu exhibitionieren. Ich komme vom Thema ab. Nun, alle Frauen sind sich zwar gleich, aber die Bohême liebt ihr Leben so, dass sie sich bei weitem nicht mehr so achtlos auszutauschen pflegt, wie in der Zeit vor dem Virus. Dies sei nur am Rande bemerkt. Alfons verkörperte einmal den Bohêmeien, den es übrigens weiblich nur selten gibt, in überaus facettenreicher Perfektion. Er war eine echte Bereicherung für die junge, aufbrechende Kultur der Stadt, die es, man soll es nicht glauben, tatsächlich einmal gegeben hat. Kultur definierte ich einmal als die Art, wie die Leute zusammen leben. Alfons war die Avantgarde, falls ich dieses vielbemühte Wort benützen möchte. Er durfte mit seinem exzentrischen Aussehen und Gehabe auf keiner Party fehlen und seine Bonmots machten die Runde. Das war, wie gesagt, spät am Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger, jener goldenen Zeit, als die langen Haare und das Marihuana auch in Bayerns Süden vordrangen und sich alle im Twentythree zum Zelebrieren von Ten Years After, den Doors und Jimi Hendrix versammelten und tatsächlich an den Beginn des Wassermannzeitalters glaubten. Und Alfons war im Twentythree der ungekrönte König. Ein Abend, an dem er dort nicht für Stimmung sorgte und die Platten legte, war ein verlorener. Er nahm übrigens nie Drogen und trug auch sein Haar nur einen Zentimeter lang, aber es war giftgrün gefärbt. Er war eine Erscheinung ähnlich der Baudelaires und er dichtete damals in der Tat ein wenig wie dieser oder wie Jim Morrison oder Kavafis.« Sapher, der er blumigen Erzählung seines Vorgesetzten aufmerksam gefolgt war, zuckte zusammen.

»Wer ist denn das?«, fragte er heiser.

»Konstantin Kavafis? Nun, es ist wirklich keine Schande, aber eine Bildungslücke, wenn man ihn nicht kennt, obwohl er wahrscheinlich der bedeutendste griechische Poet des letzten Jahrhunderts war. Er lebte in Alexandria, war homosexuell und schrieb Poesie in der Nachfolge der Hexameter der klassischen Griechen und den Fleurs du mal. Er war ein geistiger Bruder von Stefan George, den er wahrscheinlich aber nie gelesen hat.

Mitten in Angst und in Argwohns Andrang,
Bei zerrüttetem Geist und verzitterten Augen
Reiben wir uns auf mit Planungen: wie zu bewirken,
Dass uns gelinge die Flucht aus der bestimmten,
Also grausig uns drohenden Gefahr …«

, rezitierte er.

»Und Andernaj?« unterbrach Sapher ungeduldig. Ihm war Lyrik wesensfremd. Der Grieche aus der am Nachmittag im Archiv entdeckten Akte hatte sich also vollends in ein Phantom verwandelt.

Nutzlose Menschen – Roman (Teil ACHT)

»Es liegt auf der Hand. Genau so ist es gekommen. Er hat die Tasche nicht vergessen. Das passt nicht zu seinem Charakter, wie er sich mir darstellt. Er hat die Mappe absichtlich an einen so auffälligen Ort gelegt, damit ich sie finden musste. Selbstverständlich würde ich das hässliche Ding in die Hand nehmen, denn auf dem Sessel ist es ja im Weg. Dass sich die Tasche dabei öffnen und die Papiere herausfallen würden, das hatte er so vorbereitet. Ich bin sicher, die beiden Mappen lagen mit der Öffnung nach unten in ihr. Niemand steckt einen Ordner mit losen Blättern auf diese Weise in eine noch dazu unverschlossene Tasche, die, wenn man sie am Griff hebt, zwangsläufig aufklappen muss!«

Sie holte Luft und sah mit Befriedigung, dass Clara ihr aufmerksam zuhörte. Plötzlich sprudelte ihr Geist von Verdächtigungen über, ganz, als wäre ein Tor geöffnet und sie hatte Mühe, alles zu fassen und mitzuteilen.

»Schau dir doch nur die Seiten an: So durcheinander, wie sie sind, will ich vermuten, dass Klammer sie bereits vermischt in die Ordner gelegt hat, damit wir gezwungen sind, sie aufmerksam Blatt für Blatt einzusammeln und durchzugehen. Wir mussten dabei zweimal auf die Seite 4 stoßen und damit auf seinen Text über Benjamin. Das ist doch so sicher wie das Amen in der Kirche. Der Name Sapher steht dort so oft, dass er uns auffallen muss. Der einzige Schluss: Er hat das alles vorbereitet, weil wir die Seite lesen sollten«. sagte sie immer atemloser und war selbst über ihre scharfsinnigen Schlussfolgerungen erstaunt, von denen sie allerdings nicht wusste, wohin sie sie noch führen würden.

»Du machst mich sprachlos«, sagte Clara und ihr waren ihre Zweifel anzuhören. »Glaubst du denn das alles wirklich?«

»Nochmal: Es liegt auf der Hand. Das ist der einzige logische Schluss.« Gittas Ton wurde gereizter. Sie beugte sich nach vorn. »Wir sind ihm auf den Leim gekrochen.« fügte sie mit einer dramatischen, resoluten Geste hinzu, die sie einem Darsteller in dem Bauerntheater, in dem sie mitwirkte, abgeschaut hatte.

Dieser Tonfall ihrer Freundin erheiterte Clara. Sie war ganz und gar nicht von der zwingenden Logik von Gittas Gedankengängen überzeugt. Über ihr Gesicht huschte die kurze Andeutung eines belustigten Lächelns, die jedoch sofort wieder verschwand, als sie bemerkte, wie wichtig Gitta ihre Anschuldigungen waren. Sie winkte ab und drückte sich wegen ihrer Rückenschmerzen langsam in die Lehne des Sessels. Hoffentlich kam sie später ohne Hilfe aus dem Möbel.
»Es hat also doch etwas genutzt, dass du während Mathe immer Krimis unter der Schulbank gelesen hast. Es stellt sich allerdings die Frage nach dem Motiv, mein lieber Holmes. Was bezweckt Moriarty aka Klammer mit seinem Spiel, das er für dich und Benjamin inszeniert hat?«, fragte sie und konnte sich einen ironischen Ton nicht verkneifen. Gitta fand, Clara hätte in dieser Situation etwas mehr Ernst besser zu Gesicht gestanden. Doch obwohl ihr bereits eine scharfe, verletzende Antwort auf den Lippen lag, zwang sie sich zur Ruhe.

»Ich habe auch keine Ahnung, was er letztlich mit dem ganzen Aufwand bezweckt. Aber es behagt mir nicht, eine Figur in einem Spiel zu sein, dessen Regeln ich nicht kenne«, seufzte sie.

Sie verschwieg dabei ihre Vermutung, der ihrer Auffassung nach schwule Klammer könnte vielleicht planen, den durchaus knabenhaften und schüchternen Benjamin zu verführen. Vielleicht wollte er deshalb einen Keil zwischen sie und ihren Mann treiben. Auch wenn das weit hergeholt erschien und Benjamin nie Interesse am eigenen Geschlecht zeigte, befürchtete Gitta doch, sein charismatischer Vorgesetzter könnte ihn beeinflussen. Diesen Verdacht konnte sie jedoch Clara nicht mitteilen, denn sie war sicher, dass ihre Freundin sie nur auslachen würde.

»Aber eines ist mir klar«, fuhr sie deshalb fort, »was er mit Benjamin vor hat, ist sicher nicht zu seinem Nutzen. Auf der anderen Seite weiß ich allerdings auch nicht, wie er ihm heute Abend schaden könnte. Das alles sagt mir nur mein Gefühl. Es ängstigt mich.«

»Und? Was willst du jetzt machen – aufspringen und hinter den beiden her rennen, um deinen Mann aus den Klauen des Unholdes befreien?«

»Ach, was!«, erwiderte Gitta gereizt, obwohl sie genau dies im Sinn hatte. Nun war es an Clara, ihren Scharfsinn unter Beweis zu stellen.

»Eben. Lass dir von deinem Watson eines sagen: Das Gefühl irrt meist und du siehst die Sache viel zu dramatisch. Das Leben ist keine soap opera und kein Lavendelbett.« Sie spielte auf den Titel ihres ersten Romans an, mit dem sie bekannt geworden war. »Der – das gebe ich gerne zu – seltsame Text von Klammer ist aus seinem Zusammenhang gerissen und mir war vieles unverständlich. Dir sicher auch. Das ist ein typischer ‚Schaut-her,-wie-intelligent-ich-bin‘- Text. Aber ich denke, er hat nur das verrätselt ausgedrückt, was jeder Vorgesetzte über die Leute unter ihm denkt: Sie sind Spielzeuge für ihn, die er zu seinen Zwecken beliebig nutzen kann – das ist der Zynismus der Mächtigen. Es ist wahr: Klammer hat nun wirklich keine hohe Meinung von deinem Mann. Aber da kann ich ihm nur …« Sie stockte und beendete den Satz lieber nicht. »Aber Klammer hat nicht geschrieben, er wolle ihm irgendwie will. Das unterstellst du ihm, weil er dir Furcht einflößt. Wenn wir aber doch davon ausgehen, dass du recht hast und diese ominöse Seite nicht nur durch einen Zufall in unsere Finger geriet …« Gitta schüttelte energisch den Kopf. »… wenn wir das also vermuten, dann bleibt doch die Frage, warum er wollte, dass du von seinen Plänen informiert bist und er uns dann diese Information auf so umständliche Weise zukommen ließ. Und wenn er tatsächlich so genau plant, dann muss er auch damit rechnen,durchschaut zu werden. Nein, das ist mir alles zu abenteuerlich. Nochmal: Dies ist kein Roman, sondern das Leben«, sagte Clara wegwerfend. Dabei warf sie einen neugierigen Blick auf die Tasche Klammers.

Gitta nickte, wirkte allerdings noch lange nicht überzeugt.

»Ich weiß nicht, ob ich mich verrannt habe«, erwiderte sie zögernd. »Wahrscheinlich sehe ich alles zu dramatisch. Vielleicht will Klammer genau diesen Zweifel in mir wecken. Aber bei einem bin ich mir sicher: In der Tasche ist noch eine dritte Mappe. Sie hätte ebenfalls herausfallen müssen, tat es aber nicht. Ich denke nicht, dass es an mir lag. Dazu habe ich zu langsam reagiert. Ich glaube, Klammer will, dass wir sie uns ebenfalls ansehen. Vielleicht wissen wir dann auch mehr.«

Clara richtete sich mit einem Ruck auf. Ihr fuhr zwar ein scharfer Schmerz wie ein Messerstich in die Lendenwirbel, aber die gleiche Bewegung hätte sie auf keinen Fall langsamer ausführen können, ohne ächzend zurück in die Lehne zu sinken. Sie kniff die Augen zusammen und als sie sie wieder öffnete, hing eine Träne zwischen ihren Wimpern. Gitta, die wusste, dass ihre Freundin nicht bemitleidet werden wollte, übersah bewusst das Leid in ihrem Gesicht.

»Ich bin sehr neugierig«, sagte Clara mit heiserer Stimme und versuchte den Schmerz mit einem gequälten Lächeln zu überspielen. Gitta holte die Mappe aus Klammers Tasche. Es war ein Heftordner, in dem etwa vierzig Seiten steckten. Sie nahm die Mappe mit Daumen und Zeigefinger und hob sie an der Falz in die Luft, wackelte mit ihr.

»Siehst du, da kann nichts herausfallen«, stellte sie triumphierend fest. Diese Vorführung schien ihr die Beweiskette für die Unredlichkeit von Saphers Vorgesetzten abzuschließen. Clara nahm ihr achselzuckend den Ordner aus der Hand und öffnete ihn, holte die Blätter aus ihrer durchsichtigen Prospekthülle und legte sie sich auf die Knie. Auf dem Umschlag stand in der Handschrift des Doktors:

»Familienbande – Eine veraltete Novelle von Dr. Nikolaus H. Klammer« Sie las den Titel laut und steckte die Seite anschließend unter den Stapel. Die nächsten Blätter waren maschinengeschrieben. Gitta fasste sich überrascht an den Kopf. Clara, die sich heimlich dazu gratulierte, weil sie so etwas Ähnliches schon vermutet hatte, blies trotzdem kurz die Backen auf und ließ einen langgezogenen Pfiff hören.

»So, so, eine Novelle hat der Herr geschrieben. Da bin ich jetzt aber gespannt. Damit löst sich ja einiges von dem großen Geheimnis auf. Unserem Herrn Klammer ist sein Beamtenleben nicht aufregend genug und er versucht sich in der Kunst. Ich habe so etwas schon länger vermutet. Das erklärt, weshalb ich ihm so häufig auf literarischen Veranstaltungen begegne.«

»Was soll denn damit erklärt sein?«, warf Gitta trotzig ein.

»Stell dich nicht dumm. Der feine Herr Doktor hat literarische Ambitionen. Siehst du denn nicht, dass sich dadurch sein seltsamer Text über Benjamin als ein Bruchstück eines harmlosen Essays erweist? Er schreibt Bücher und die Personen, die er in ihnen auftauchen lässt, holt er sich aus dem wirklichen Leben. Ich gebe zu, ich mache das auch nicht anders. Deshalb beschäftigt er sich mit Benjamin. Er will über ihn schreiben oder hat es schon getan. Ich glaube, diese ominöse Seite war nichts weiter als ein Ausschnitt aus seiner Literaturtheorie, in der er dies darlegt.«

Gitta antwortete nicht sofort. Obwohl es einleuchtend klang und ihre Freundin vermutlich recht hatte, wollte sie nicht von ihrer Meinung abgehen, dass sie ihren Mann für gefährdet hielt. Klammers Interesse an Benjamin ging ihr zu weit über die professionelle Neugierde eines Schriftstellers hinaus. Und sie wusste auch, warum:

»Aber er schreibt nicht davon, er würde Benjamin nur beobachten. Er sieht sich als Lenker seines Geschicks. Und schließlich ist ihm mein Mann unsympathisch … er wird sicher nicht freundlich über ihn schreiben.«

Clara überkam große Lust, wegen dieses Einwandes zu lachen, aber dann kniff sie die Augen zusammen und sie richtete ihre scharfe, spitze Nase wie eine Waffe auf Gitta.

»Denkst du, dein Mann macht sich auch nur annähernd so viele Sorgen um deinen guten Ruf, wie du um den seinen? Hört er dir überhaupt zu, wenn du ihm von deinem Ärger erzählst?«, fragte sie ernst und ließ damit zum ersten Mal erkennen, dass sie, obwohl die beiden sich nie darüber unterhielten, sehr wohl wusste oder ahnte, wie es tatsächlich um Gittas Ehe stand. »Meinst du nicht, er ist alt genug und kann auf sich selbst aufpassen? Komm, lass uns ein bisschen in Klammers Novelle lesen.«

Gitta, der wegen der überraschenden Fragen ihrer Freundin das Herz bis zum Hals schlug, versteifte sich innerlich. Sie reckte beleidigt das Kinn nach vorn.

»Ich kann mir vorstellen, was das für ein Unsinn ist. Das interessiert mich nicht«, sagte sie und fügte in einem Anflug von Masochismus hinzu: »Lass uns lieber endlich Musik machen.«

Clara schüttelte energisch den Kopf.

»Das ist ja alles nicht wahr. Natürlich willst du genau so wie ich wissen, was dort steht. Warum muss ich dich immer zu allem zwingen?« Clara hatte sich entschlossen, Gitta wie eines ihrer Kinder zu behandeln, wenn es trotzte. Sie hatte festgestellt, dass es manchmal die einzige Art war, wie sie jemanden zu seinem eigenen Vorteil bewegen konnte.

»Setze dich bequem hin.« Sie deutete auf die Couch. »Für Telemann bleibt uns später noch genug Zeit. Du hast wieder nicht geübt, da will ich wetten.«
Gitta schoss erneut das Blut in den Kopf und sie leistete tatsächlich brav der Aufforderung ihrer Freundin Folge. Clara machte Licht an der Stehlampe hinter ihr, denn langsam wurde es in dem Raum zu dämmrig, um ohne ihren Schein zu lesen. Sie räusperte sich. Was sie jetzt zu sagen hatte, fiel ihr schwer. Ihr Tonfall wurde sanft, beschwichtigend.

»Und entschuldige bitte, was ich über deine Ehe gesagt habe, denn da du selbst nicht mit mir darüber reden willst, geht es mich vermutlich auch nichts an. Aber ich bin nicht blind und ich sehe, wie du leidest. Ich kann das sehr gut nachvollziehen, glaube mir. Ich sitze mit meinem Norbert im gleichen Boot. Ich wäre eine schlechte Freundin, wenn ich nicht versuchen würde, dir zu helfen.«

Gitta öffnete den Mund, um etwas Unfreundliches zu erwidern, doch Clara ließ sie nicht zu Wort kommen.

»Sage jetzt bitte nichts. Lass uns doch später darüber reden. Aber denke bitte über Folgendes nach: Bedeutet es dir wirklich so viel, was Klammer mit Benjamin unternimmt? Ich habe festgestellt, dass du seit geraumer Zeit froh bist, wenn dein Mann nicht zu Hause ist und du dich nicht mit ihm auseinandersetzen musst. Du brauchst mir also keine Besorgnis vorzuspielen. Und jetzt sei still, lehne dich zurück und hör zu! Das wird bestimmt interessant. Ich verspreche es dir«, sagte sie und begann, sofort aus Klammers Werk vorzulesen, um Gitta das Wort abzuschneiden.

Sie tat es flüssig und gut; durch die vielen Lesungen und den täglichen Vortrag von Geschichten für ihre Söhne war geübt. Dass sie dabei einen etwas antiquierten Märchenonkelton hatte, passte hervorragend zu der Novelle, die erstaunlicherweise in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhundert spielte.

Gitta rieb sich unentschlossen die Hände an den Oberschenkeln und hörte anfangs nicht aufmerksam zu. Sie versuchte, sich über die Intensionen ihrer Freundin klar zu werden und dachte darüber nach, ob diese womöglich recht hatte – sie nämlich nur deshalb eine Gefahr für ihren Mann konstruierte, weil sie sich ihrer Gleichgültigkeit ihm gegenüber schämte. Was sie fürchtete, war vielleicht nicht, dass Benjamin tatsächlich etwas zustieß, sondern dass er, von Klammer beeinflusst, etwas tat, das endgültig über den Fortbestand ihrer Ehe entschied und das bislang gut verborgene Zerwürfnis entblößte. Dann jedoch wurde sie fast gegen ihren Willen in den Handlungsfluss von Klammers Geschichte gezogen. Er war weit von ihren Alltäglichkeiten entfernt und kam ihrem eigenen Literaturgeschmack entgegen. Dass die Geschichte von einer ihr verhassten Person stammte, geriet wegen des Erzählfadens, der von Klammer flüssig und interessant gesponnen wurde, in den Hintergrund und mutete ihr seltsam an. Auch Clara, die eigentlich nur die erste Seite hatte vortragen wollen, verfing sich nun in Klammers Erzählung und las weiter.

Nutzlose Menschen – Roman (Teil SIEBEN)

»Wie geht es dir?«, fragte Gitta routinemäßig, als sie in das Wohnzimmer gingen.

»Mir geht es gut«, log Clara mit der selben Geläufigkeit, obwohl sie heute wegen der Schmerzen in ihrem Rücken kaum sitzen konnte. Niemand sollte sich durch ihre Krankheit belästigt oder sich gar verpflichtet fühlen, sie zu bemitleiden. Claras große Angst war es, lästig zu fallen.

»Lass uns gleich Musik machen, ich brauche das jetzt.« Sie trat dabei zum Klavier und legte Flöte und Noten auf den Hocker.

»Hast du das zweite Largo der B-dur-Sonate in der letzten Woche geübt?« Gitta nickte, obwohl sie keine Zeit dafür gefunden, seit dem letzten Treffen die Tasten des Klaviers nicht berührt hatte.

»Ich habe in den ersten Takten noch immer erhebliche Schwierigkeiten mit den Tempi«, schränkte sie zögernd ein. Wenn sie ehrlich zu sich war, musste sich sich eingestehen, dass sie das gemeinsame Projekt überforderte. Obgleich die Sonaten von der Flöte getragen wurden und das Klavier nur untergeordnete Begleitung und Akkorduntermalung darstellte, stieß Gitta doch an die Grenzen ihres Könnens, das für den Hausgebrauch am Weihnachtsabend gerade ausreichte. Natürlich übte sie zu wenig, ihr anderen Aktivitäten ließen ihr auch keine Zeit dazu. Sie enttäuschte Clara von Treffen zu Treffen. Diese dachte allerdings nicht daran, zu resignieren, dazu hatte sie zu viel Arbeit investiert. Außerdem bereitete ihr das Projekt trotz der nur langsamen Fortschritte noch immer Vergnügen. Gitta suchte nach einer Ausrede, die die unvermeidliche Blamage, wenn sie eingestehen musste, dass sie das Largo noch immer nicht fehlerfrei spielen konnte, hinauszögerte.

»Wir haben Prosecco, aber er ist noch nicht kalt. Willst du vielleicht einen Kaffee?«, erkundigte sie sich, um das Unvermeidliche hinauszuzögern und und trat wie zufällig an die Anrichte, um einen Blick auf die Papiere ihres Mannes zu werfen. Doch Benjamin hatte die Schublade, an der sie vergebens rüttelte, verschlossen und den Schlüssel abgezogen. Er trug ihn wahrscheinlich bei sich. Sie schüttelte erstaunt den Kopf. Das war eine Verhaltensweise, die sie noch nicht an ihm kannte. Hatte er wirklich so wenig Vertrauen zu ihr? Gleichzeitig schoss ihr das Blut in den Kopf, denn sie wollte ja tatsächlich hinter ihm her spionieren.

»Bei der Hitze? Hast du nicht etwas Kühleres und, wenn möglich, ohne Alkohol?« erwiderte Clara. »Du solltest doch wissen, dass ich keinen Prosecco oder Kaffee vertrage, davon bekomme ich schreckliches Sodbrennen. Das trinken nur meine Romanfiguren, wenn sie den Sonnenuntergang über der Toskana bestaunen.«

Gitta hastete mit schlechtem Gewissen in die Küche, um eine Karaffe Eistee und passende Gläser zu holen. Clara steckte in der Zwischenzeit ihr Instrument zusammen und ordnete die von ihr selbst geschriebenen Notenblätter. Als Gitta das Tablett mit den Getränken auf den niederen Couchtisch stellte, fiel ihr Blick zufällig auf den Sessel, der neben ihm stand. Dort ruhte friedlich Klammers Aktentasche. Sie war aus grauem, abgewetztem Leder und an den Ecken aufgestoßen und auffällig schäbig. Es war ein überaus hässlicher Gebrauchsgegenstand, dessen Griff und die Mitte der Unterseite durch jahrelanges Benutzen fettig und dunkel gefärbt worden waren. Diese scheußliche Tasche wollte Gitta nicht zu dem bis ins winzigste Detail sorgfältig gepflegten Mann passen, der nicht gerade von Armut gezeichnet war. Sie mutmaßte, dass ihn wahrscheinlich sentimentale Gründe veranlassten, dieser alten, abgegriffenen Aktenmappe die Treue zu halten.

»Das passt nicht zu ihm«, sagte sie halb zu sich und meinte weniger die Tasche, sondern auch die Tatsache, dass Klammer sie hier vergessen hatte. Benjamin stellte ihn in seinen Erzählungen,als einen kleinlichen Perfektionisten dar, der eigentlich nie etwas vergaß. Anderseits hatte er sich gerade als leicht verkalkt präsentiert oder zumindest mit der Senilität des nahenden Alters kokettiert. Clara hob verwundert den Kopf von ihrer Flöte, auf der sie probeweise ein paar Töne geblasen hatte.

»Was hast du gesagt?«

»Ach, es ist nichts weiter. Benjamins Vorgesetzter hat nur seine Aktenmappe hier liegengelassen«, erläuterte Gitta und hob sie zur Demonstration vorsichtig am Griff in die Höhe. Dabei sprang sofort der seitliche Verschluss auf und die zweiteilige Tasche klappte plötzlich weit auseinander. Zwei Ordner, die in ihrer Mitte gesteckt hatten, fielen heraus und es verteilten sich eine große Anzahl loser Blätter auf dem Sessel und dem Boden. Obwohl Gitta mit blindem Instinkt sofort reagierte und zugriff, konnte sie doch nur noch verhindern, dass der Inhalt eines dritten Ordners das Schicksal der anderen teilte. Erschrocken stand sie, die Tasche an sich gezogen und mit beiden Händen an den Oberkörper gepresst, in dieser Flut von Papieren, die sie wie eine Welle umspülten. Clara lachte auf. Der Anblick, den ihre Freundin bot, hatte tatsächlich etwas Komisches.

»Wie die schaumgeborene Venus siehst du aus«, stellte sie fest und legte ihre Flöte vorsichtig auf das Klavier. »Wie konnte denn so etwas passieren?«

Gitta starrte auf die Bescherung und zuckte zur Antwort mit den Schultern. Langsam legte sie die Tasche und die letzte gerettete Mappe zur Seite. Dann bückte sie sich ergeben und begann, die verstreuten Blätter einzusammeln. Sie waren teilweise bis weit unter den Tisch gesegelt.

»Alles durcheinander!«, seufzte sie, war aber tief in ihrem Inneren über den unerwarteten Aufschub vor dem Üben nicht undankbar. Clara begann, ihr beim Aufsammeln zu helfen. Sie verzog wegen der Schmerzen in ihrem Rücken qualvoll das Gesicht, als sie sich zum Boden herunterbeugte.

Die beiden Frauen legten zuerst alle Blätter auf den Tisch, dann begannen sie, sie nach ihren Seitenzahlen zu sortieren. Das ging leichter, als sie zuerst befürchtet hatten, denn obgleich die beiden Akten wild durcheinander gemischt waren, waren sie zum Glück leicht zu unterscheiden, da die eine handschriftlich war und aus verblichenem, kariertem Papier bestand, die andere ein mit vielen Grafiken vermischter Computerausdruck war.

Clara ordnete den mit Tinte handgeschriebenen Text, einen Entwurf, der ein Organisationsproblem im Amt behandelte. Dabei bewunderte sie mit dem Kennerblick einer Autorin die bemerkenswerten, peniblen und gut lesbaren Schriftzüge Klammers, deren Buchstaben wie gedruckt wirkten. Es war eine schöne, dabei jedoch völlig unpersönliche Handschrift. Es hätte sie interessiert, was ein Graphologe aus ihr heraus gedeutet hätte. Plötzlich stutzte sie.

»Was ist denn das? Hör mal!«, rief sie verblüfft und hockte sich im Schneidersitz auf den Boden. Gitta verharrte im Sortieren und setzte sich halb auf den Couchtisch. Sie hatte wieder jene düstere Vorahnung, die sie, wenn sie an Klammer dachte, nicht abschütteln konnte. Sie hob den Kopf wie im Trotz, auf eine schlechte Nachricht gefasst. Clara bemerkte Gittas Stimmung nicht, da sie auf das Blatt in ihren Händen sah. Dann las sie vor:

»… gerade aus dieser Erfahrung heraus sind mir so verabscheuenswerte, weil in ihrer mittelmäßigen Boshaftigkeit langweilige Kreaturen wie Benjamin Sapher, den ich im zoologischen Sinne zur Spezies der Aasfresser rechnen will, zur Klassifizierung und Typisierung innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft Deutschlands ideal. Wie mein großes Vorbild will ich Menschen in der Gesellschaft gestalten, die diese Gesellschaft zu Unmenschen verunstaltet hat. Die Natur hat nur die Dummen geschaffen, die Albernen verdanken wir der Gesellschaft. Sie sind das einzige, weil wahre Thema für den zeitgenössischen Autor. Sie allein lohnen den Verbrauch von Papier und Talent. Das Gesetz des Schriftstellers, das ihn zu einem solchen macht – und ich scheue mich nicht, das zu sagen – ihn dem Politiker ebenbürtig und vielleicht sogar überlegen macht, ist eine Entscheidung über die menschlichen Dinge, wie auch immer sie ausfällt, ein absolute Hingabe an Prinzipien. Machiavelli, Hobbes, Leibniz, Kant und Montesquieu sind die Wissenschaft, die die Staatsmänner anwenden. ‚Ein Schriftsteller muss in der Moral und in der Politik feste Meinungen haben, er muss sich als einen Erzieher der Menschen betrachten; denn um zu zweifeln, bedürfen die Menschen keinen Lehrer‘, hat Bonald gesagt…«

Clara machte eine Pause. »Verstehst du das?«, fragte sie, nachdenklich den Kopf schüttelnd.

»Nicht ganz. Aber lies weiter«, erwiderte Gitta leise und hielt eine Hand vor den Mund, nagte an einem Knöchel des Zeigefingers.

»Ja, gut: Wenn er also eine Botschaft hat, die verstanden werden soll, muss er gleich dem Politiker seine Kunst am schwierigsten, weil lebenden Objekt und seinem gesellschaftlichen Sein erproben.
(Hier sei eingeworfen, dass gewisse Leute aus ihrer bourgeoisen Psychologie heraus meine Deklaration hochtrabend und großsprecherisch finden werden. Sie haben dem Romancier unterstellt, dass er Politiker werden wollte. Meine einzige Antwort ist, dass ich einer Verpflichtung gehorchte. Schriftsteller mit einem Ziel müssen stets das Gelände sondieren. Wer nun aber seinen Stein in das Gebiet der Ideen trägt, wer einen Missbrauch anprangert, wer das Schlechte markiert, damit es beseitigt werde, der gilt als unmoralisch. Der Vorwurf der Immoralität, der keinem mutigen Autoren je erspart geblieben ist, wird übrigens immer zuletzt erhoben, wenn man einem Dichter sonst nichts mehr zu sagen weiß. Wenn er in seinen Schilderungen wahr ist, wenn er durch Plackerei bei Tag und Nacht dahin kommt, die schwierigste Sprache der Welt zu schreiben, die des Alltags, dann wird ihm das Wort ‚unmoralisch‘ ins Gesicht geworfen. Wenn man die Gesellschaft ganz kopiert, wenn man sie in ihrer unermesslichen Agitation zu fassen sucht, so kann, so muss eine solche Komposition, ein solches Werk mehr Böses als Gutes haben.)
Ich habe Sapher bewusst für meine Ziele gewählt und erprobe meine Kunst damit an der einzig lohnenden Herausforderung, der Wirklichkeit. Sapher ist unwägbarer als jede erfundene Figur, die ja einen gut überschaubaren, weil niemals zu komplexen Charakter besitzt und den Schriftsteller mit ihren Handlungen trotz gelegentlicher Ausnahmen nur selten überraschen kann. Der Autor kann, auch ohne der allmächtige oder allwissende Erzähler zu sein, die Handlungen der von ihm entworfenen Figur im Großen und Ganzen klar einschätzen und im Voraus bestimmen. Ein lebender Mensch wie Benjamin Sapher hingegen, der ‚Wahrheit‘ besitzt, handelt oft der Logik und dem Rhythmus des Erzählens zuwider, tappt unter Umständen nicht in die Fallen der Inszenierung, übersieht Offensichtliches, hört nur mangelhaft zu, oder, was dem Autor das Schlimmste ist, er tut vielleicht überhaupt nichts, er handelt nicht, weil er müde ist, Hunger hat oder sein Wasser abschlagen muss.
Wenn ich also als höchste Probe meiner Kunst, als ‚Chef-d‘ oevre‘, eine Geschichte aus meinem Sapher mache, Autor der Realität bin, sind tausend Unwägbarkeiten in der Rechnung. In jeder Sekunde verzweigen sich die Wege der Gelegenheiten eines Menschen ins Unendliche. Trotzdem, und dies gibt mir den Mut, es zu versuchen, wird sich Sapher doch meist so verhalten, wie ich es wünsche. Obwohl er immer alle Optionen hat, ist es doch mit beinahe erschreckender Präzision einschätzbar, wie er sich in einer von mir vorgegebenen Situation verhalten wird. Ich muss mir nur die Mühe machen, mich haarklein mit ihm auseinanderzusetzen, so, wie ich es in den letzten Jahren mit vielen Menschen getan habe.
Das hört sich fader und nüchterner an, als es ist. Natürlich muss Interesse für einen Menschen vorhanden sein, der nun in der Tat das Prädikat ‚durchschnittlich‘ verdient hat. Ich werde ihn in Inszenierungen verführen, in denen er zeigen kann, …«

Clara hielt inne und senkte erstaunt das Papier. Klammer hatte einen interessanten Stil, auch wenn er arg gekünstelt und umständlich auf sie wirkte. Er klang in ihren Ohren wie dem 19. Jahrhundert entsprungen.

Gitta, die ihr mit steigendem Unbehagen zugehört hatte – ein Gefühl, das sich langsam in eine nicht in Worte fassbare Unruhe, ja, Furcht, gesteigert hatte – fühlte so etwas wie einen feinen Nadelstich in der Lunge, sonst nichts. Was Klammer geschrieben und ihre Freundin mit einer in vielen Lesungen trainierten Sicherheit vorgelesen hatte, erzeugte in ihr eine merkwürdige Leere, dem Empfinden ähnlich, das man hat, wenn man in einem Traum in eine nur aus einem anderen Traum gekannte Landschaft zurückkehrt. Ihr wurde schwindlig und sie war froh, dass sie bereits saß.

»Warum hörst du auf?«, fragte sie mit gequälter, brüchiger Stimme. »Lies weiter.«

Clara, von Gittas heftiger Reaktion überrascht, zog die Augenbrauen zusammen.

»Das war alles auf dieser Seite. Mehr steht da nicht. Lass uns die nächste suchen, sie müsste die Seitennummer 5 tragen …«, Clara begann in den übrigen Blättern zu kramen und wurde schnell fündig.

»Das ist 5!«, rief sie erfreut und hob ein weiteres Blatt. Sie sah kurz darauf, dann schüttelte sie erstaunt den Kopf.

»Aber das hier ist etwas ganz anderes … irgendein Wirtschaftszeug. Das hat keinen Zusammenhang mit der anderen Seite. Es ist zwar das gleiche Papier, auch die gleiche Handschrift, aber die Texte passen nicht zusammen. Das ist ja seltsam! Und schau …«, sie stutzte und hob noch ein Blatt, »hier ist noch einmal eine Seite 4. Sie gehört eindeutig zu den anderen. Es sieht so aus, als sei Klammer das Blatt mit dem Text über deinen Mann nur zufällig zwischen diesen Bericht gerutscht. Was meinst du?«

Sie sah zu Gitta, die mit halb geöffnetem Mund völlig abwesend zur geöffneten Terrassentür hinaus sah, wo die Abendsonne den Himmel über den Reihenhäusern mit rotem, warmem Licht färbte. Es war wolkenlos und still. Für einen Moment war nur das schrille Kreischen einer Schwalbe, die hoch oben nach Beute segelte, zu hören.

»Gitta?«, wiederholte Clara. Ihre Freundin sah in dieser Versunkenheit nicht gerade intelligent aus. Die Angesprochene senkte den Blick.

»Das glaube ich nicht«, sagte sie langsam und so düster, als ob sie eine sibyllinische Offenbarung ausspräche.

»Bitte?«

»Ich glaube nicht an Klammers Zufälle.« Gitta nickte, sich damit Mut zu ihrer Meinung machend. »Du hast es doch gerade mit seinen eigenen Worten vorgelesen: Bei ihm ist nichts dem Zufall überlassen. Er hat alles um sich herum inszeniert. Ich wette, er wollte, dass wie dieses Blatt finden und lesen«, sagte sie, plötzlich atemlos von diesem Einfall. Verzweifelt versuchte sie, ihre Gedanken zu ordnen. Clara wechselte ihren Sitzplatz auf dem Boden mit einem bequemeren im Sessel und schenkte sich ein Glas Eistee ein. Kopfschüttelnd sah sie zu ihrer Freundin, die auf der Tischplatte sitzen blieb.

»Denkst du das allen Ernstes?«, munterte sie Gitta zum Weitersprechen auf.

Nutzlose Menschen – Roman (Teil SECHS)

»Darf ich Ihnen inzwischen etwas anbieten? Einen Kaffee vielleicht?«, fragte Gitta, erneut mit dem unangenehmen Vorgesetzten ihres Mannes allein gelassen.

»Ich weiß Ihr freundliches Angebot zu schätzen, denn ich bin ein begeisterter Liebhaber einer guten Tasse Kaffee, aber in Anbetracht unserer Eile muss ich leider dankend ablehnen. Ich hoffe doch, Ihr Mann wird nicht allzu lang brauchen, sich ein Hemd und eine Hose überzuziehen. Mehr wird wohl nicht von Nöten sein, denn die Hitze lässt ja auch in der Nacht kaum nach. Es wird sonst ein wenig knapp, ich sagte es bereits. Bis in die Innenstadt zurück brauchen wir sicher zwanzig Minuten und ich will gar nicht an die dumme Parkplatzsuche denken. Dabei wollte ich …« Er biss sich auf die Lippen. Dann holte Klammer tief Luft, betrachtete Gitta in kurzer Konfusion, setzte zu einem weiteren Wort an, aber er unterbrach sich und schmunzelte.

»Jetzt wollte ich Sie doch etwas fragen, Frau Mammensohn-Sapher, und mir ist entfallen, was. Nicht nur das Gedächtnis Ihres Mannes scheint so löchrig wie ein Sieb zu sein, dieser Hitzesommer brennt auch Löcher in mein Hirn. Stellen Sie sich vor, ich habe gestern meine eigene Telefonnummer vergessen – das war sehr peinlich. In der letzten Zeit muss ich mit Sorge feststellen, dass sich meine Erinnerungslücken kumulieren. Es kann für einen Mann in meiner Position fatal sein, sich wichtiger Dinge nicht mehr gegenwärtig zu sein. Ich frage mich, wie so etwas passieren kann. Ich habe mich leider nie für Geriatrie interessiert. Wie die meisten fühlte ich mich ewig jung und dann – von einem Tag zum anderen – uralt. Vielleicht verkalke ich wirklich unaufhaltsam wie Hindenburg und verlaufe mich bald in meinem eigenen Wohnzimmer. Vielleicht befinde ich mich auch im Anfangsstadium einer Krankheit.«

»So sehen Sie mir aber nicht aus, Herr Klammer. Sie sind doch noch nicht alt«, entgegnete Gitta und lief in der sicheren, auswendig beherrschten Spur einer alltäglichen Konversation. Dabei beobachtete sie Benjamins Vorgesetzten genau. Er hatte sich tatsächlich für sein Alter, sie schätzte ihn auf über fünfzig, ausgezeichnet gehalten, auch wenn sie überzeugt war, dass er der Natur etwas nachhalf, sich zum Beispiel maniküren ließ, die Haare zumindest an den Schläfen färbte, wahrscheinlich auch sein Gesicht kosmetisch behandelte und perfekt rasiert war. Selbst an Hals und Oberlippe war kein Haar vergessen. Obgleich er viel zu warm angezogen war, schwitzte er nicht, roch im Gegenteil angenehm und leicht nach Sandelholz. Sie war noch nie einem Mann begegnet, der in einer so weiblich-eitlen Art auf sich achtete. Diese Äußerlichkeiten waren der Grund für Gittas Meinung, dass Klammer homosexuell war. Dabei kam ihr vage der Verdacht, dies alles könnte auch nur eine Maske sein – eine zugegeben nahezu perfekte Maske, die eine Persönlichkeit verbarg, die ihr völlig unbegreiflich und geheimnisvoll war und die Welt mit vollkommen anderen Augen betrachtete.

Was sie zu dieser Meinung brachte, war ein winziger Riss in der glatten Hülle Klammers, durch den sie einen Blick auf den sonst so sorgfältig verborgenen Menschen dahinter werfen konnte. Der Doktor schien zwar die Ruhe und Ausgeglichenheit selbst zu sein, aber sie sah, dass die Hand, mit der er jetzt den Kragenknopf unter der Krawatte öffnete, zitterte. Er hatte deshalb erhebliche Schwierigkeiten mit dieser gleichgültigen Geste.

»Verzeihen Sie bitte, aber ich muss mich ein wenig erleichtern«, sagte er dabei entschuldigend und runzelte ärgerlich die Stirn. Ihm kam wohl selbst in den Sinn, dass er einen Fauxpas beging. Seine Überlegenheit war plötzlich so vollkommen verschwunden, als hätte es sie nie gegeben. War Klammer nervös, aus einem unbekannten Grund erregt? War er nur durch den anstrengenden Arbeitstag übermüdet oder war das Zittern schon das erste Vorzeichen des Alters, an dessen Schwelle er vielleicht tatsächlich stand, oder der eben erwähnten Krankheit? War dies nun der echte Klammer oder eine weitere seiner Masken, die wie die Häute einer Zwiebel übereinander lagen?

Gittas Blick wanderte zu seinen Augen. Das zupackende, durchforschende und kalte Grau seiner Iris verwirrte sie erneut, wie jedes Mal, wenn sie den Fehler beging, sich von ihm einfangen zu lassen. Kurz hatte sie das unangenehme Gefühl, nackt und durchschaut vor einem unheimlichen Fremden zu stehen. In diesem Blick war keine Freundlichkeit, keine Wärme, nur sezierende Schärfe und in den Augenwinkeln die Überlegenheit eines abgebrühten Zynikers. Wenn es nicht nur ein Märchen war, dass Augen ein Spiegel der Seele und des Erlebten sind, dann musste Gitta dem Eindruck Recht geben: Diese Augen hatten im Laufe ihres Lebens mehr gesehen, als für den Geist, dem sie die Welt abbildeten, gut sein konnte. Ein Nazimörder musste solch mitleidlose, dabei müde und abgelebte Augen haben.

Und im gleichen Augenblick nahm sie viele ihrer Gedanken zurück, denn sie erkannte plötzlich, worin das Verwirrende seines Blickes in der Hauptsache begründet lag. Klammer hatte einen leichten Silberblick. Sein rechtes Auge bewegte sich nicht völlig parallel mit seinem Pendant, driftete immer wieder einen Hauch nach innen. Dieser Sehfehler war allerdings so gering, dass ihn nur ein sehr aufmerksamer Beobachter bemerken konnte. Obwohl also ein kaum nennenswerter, latenter Strabismus für den irritierenden Ausdruck seiner Augen verantwortlich zeichnete, blieb bei Gitta doch ein Unbehagen, das in diesem Moment übermächtig wurde. Sie starrte zum Boden und eine Gänsehaut lief an ihren Oberarmen herab. Obwohl sie sich selbst wegen ihrer Gedanken ausschimpfte, hatte sie gleichzeitig eine irrationale, sympathetische Furcht, ihren Mann an diesem Abend allein mit Klammer fortzulassen. Sie konnte die Besessenheit spüren, die in den Bewegungen des Beamten lag, einen Wahn, der, so verrückt es klang, ihren Mann und auch ihre sorgfältig gehütete Ehe gefährden konnte. Sie verschränkte die Arme und überwand den Klumpen intuitiver Angst, der in ihr entstanden war.

Klammer war nichts weiter als Benjamins Vorgesetzter, der erste von vielen in der komplexen Leiter der Behördenhierarchie, ein unangenehmer Mann, aber doch ein nicht allzu bedeutender. Was konnte er schon sagen oder tun, das ihren Mann in Bedrängnis bringen konnte? So etwas zu glauben, war lächerlich, grenzte an Aberglauben und an die mittelalterliche Furcht vor dem Bösen Blick. Trotzdem hätte sie nun gern mit Benjamin geredet, ihm eine Warnung zukommen lassen.

»Ich werde mal sehen, wo Benjamin bleibt …«, wollte Gitta deshalb als Ausflucht sagen, kam aber nur bis zur Hälfte, denn sie wurde von ihrem Mann unterbrochen, der geschäftig und noch immer aufgeregt ins Wohnzimmer trat. Er trug eine weite, dunkle Hose und dazu ein weißes, kurzärmliges Hemd, sogar eine gedeckte Krawatte hatte er umgebunden. Gitta nickte bewundernd. Benjamin sah gut aus, obwohl ihm anzumerken war, dass er sich nur dem Anlass und der Eleganz von Klammer gebeugt hatte. Er fühlte sich in der guten Kleidung, in der ihn seine Frau so gerne sah, unwohl und ihm war bereits jetzt viel zu heiß. Schweiß stand glänzend auf seiner Stirn und ein dunkler Fleck war unter seinen Achseln zu sehen.

»Ich bin so weit«, sagte er überflüssigerweise und genoss den anerkennenden Blick Gittas, »von mir aus können wir jetzt gehen.« Klammer hob die Hand. Sie zitterte nicht mehr.

»Nach Ihnen«, erwiderte er und sagte, sich zu Gitta wendend: »Ich fahre Ihren Mann selbstverständlich später wieder zurück. Ich wünsche Ihnen viel Freude bei Ihrer Hausmusik.«

Auch die Überheblichkeit war in seine Stimme zurückgekehrt. Er folgte Sapher. Gitta folgte den beiden bis zur Haustür her und beobachtete, wie sie in Klammers Auto stiegen und davon fuhren. Sie sah sorgenvoll hinter dem BMW des Doktors her, bis er an der Kreuzung aus ihrem Blick geriet.

Sie wollte gerade die Tür hinter sich schließen, da hörte sie von der anderen Straßenseite ihren Namen rufen. Clara Szczesny kam im Laufschritt näher, den schmalen Koffer mit ihrer Flöte in der einen, großformatige Notenblätter in der anderen Hand. Sie war etwas außer Atem, als sie zu Gitta trat und sie flüchtig mit den Lippen an der Backe berührte. Gitta fiel dabei auf, dass ihr Mann es eben versäumt hatte, sie zu küssen. Er hatte sich nicht einmal verabschiedet.

»Hallo, Gitta«, rief Clara. »War das gerade dein Mann in diesem tollen Auto?« Gitta nickte. Ihr wäre lieber gewesen, ihre Freundin hätte noch ein wenig auf sich warten lassen, denn sie hätte sich gern die geheimnisvollen Papiere angesehen, die Benjamin vor seinem Chef in der Schublade verborgen hatte.

»Er hat heute ein Geschäftsessen mit seinem Chef. Komm rein.«

»Ach, das war Klammers Schlitten? Die scheinen ja gut von unseren Steuern zu leben, diese Beamten.« Ihre lange Nase wurde noch eine Spur spitzer. »Schade, ich hätte den legendären Chef von deinem Mann gern einmal gesprochen. Ich kenne ihn nur von einigen Lesungen und Vernissagen vom Sehen.«

Clara Wicht, die nur auf einen Doppelnamen verzichtet hatte, weil ihr Mädchenname Göttlicher gelautet hatte und die Kombination Göttlicher-Szczesny auf den Titeln ihrer Bücher zu lächerlich geklungen hätte, war Gittas beste Freundin. Sie kannten sich seit ihrer Schulzeit so gut wie Geschwister, trafen sich, dadurch begünstigt, dass sie in der gleichen Straße wohnten, fast täglich und tauschten sich über die Dinge ihres Lebens aus. Nur die Sorgen um ihre Ehe klammerte Gitta aus, sie waren, so lange sie sie selbst nicht recht einschätzen konnte, ein Tabu. Die eine Ausnahme in der ansonsten rückhaltlosen Ehrlichkeit war nicht zuletzt darin begründet, dass Clara inzwischen Kinder hatte und scheinbar eine Musterehe führte.

Hätte Gitta ihre Freundin mit einem Schlagwort beschreiben müssen, so hätte sie nassforsch gewählt. Sie kannte niemanden, der mit sich und seinem Leben so eins war wie Clara, der so vollständig auf dem Boden der Tatsachen ruhte, sicher und gewitzt auftrat und niemals einen ernsthaften Selbstzweifel hegte. Ihre Freundin gehörte zu den seltenen Menschen, denen, obwohl sie intelligent sind, nie Zweifel über ihre Taten kommen, die nie Unsicherheit zeigen und ihre Entscheidungen hinterfragen, immer das Recht für ihre Seite beanspruchen. Dazu war Clara ganz im Gegensatz zu Gitta penibel, geradezu pathologisch ordentlich. An sich stießen sie solche Charakterzüge ab. In diesem Fall jedoch überwog die gegenseitige Sympathie. Gitta hatte im Gegenteil das Bedürfnis, ihre willensstarke Freundin möglichst häufig um sich zu haben. Sie spürte, dass Clara ihr eine oft notwendige Ergänzung war. Anders als Gitta suchte sie den Verantwortlichen für Schwierigkeiten und Probleme mit anderen nie bei sich selbst. Sogar wenn ihr ihre Schuld glaubhaft gemacht wurde, führte sie noch ein selbstbewusstes, trotziges »Aber …« auf den Lippen. Mit Claras tatkräftige Unterstützung und Hilfe konnte Gitta zu jeder Zeit rechnen und sie nahm deshalb lieber ihre Freundin als den meist trägen Mann zur Rückendeckung mit, wenn sie sich mit Kreditinstituten, dem Staat oder der Justiz auseinanderzusetzen hatte. Claras Auftreten war so resolut und bestimmt, dass sogar die verbiestertsten Beamten handzahm wurden und im begrenzten Rahmen ihrer Möglichkeiten zuvorkommend wurden. Ein Auftritt von ihr im Finanzamt war legendär.

Die für ihre einfühlsamen Frauenromane bekannte Bestsellerautorin Clara Szczesny war also ein bemerkenswert robuster, aus der Masse herausragender Charakter; doch eine mutwillige Gottheit hatte sie mit einem dürren, wie ausgezehrten, halb entseelten Körper verspottet, der sie dem hölzernen Pinocchio verblüffend ähnlich machte. Ihre schmalen Handgelenke konnte ein Kind umfassen und dieser Körper war Hort einer Vielzahl von Krankheiten und Beschwerden, die ihr jeden Tag ihres Lebens zum quälenden Kampf machten. Die Schwangerschaften hatte sie wohl umsorgt in Krankenhausbetten liegend verbringen müssen und beide Söhne hatten das Licht der Welt nur durch einen Kaiserschnitt erblicken können. Auf die Kinder hatte sich allerdings diese Hinfälligkeit nicht vererbt; sie strotzten mit einer lauten, im Vergleich zur Mutter geradezu rücksichtslosen Konstitution. Clara jedoch hatte sich ihre ohnehin angeschlagene Gesundheit mit den innerhalb einer Jahresfrist aufeinander folgenden Schwangerschaften endgültig ruiniert: Sie litt unter hartnäckigen, allergischen Ausschlägen am ganzen Körper, chronischen Rückenschmerzen und musste sich wegen knotigen Geschwüren im Unterleib mehrmals Operationen unterziehen. Sie beklagte sich jedoch nie, jede Form der Hypochondrie lag ihr fern. Sie litt und schwieg, nahm ihr Schicksal wahrscheinlich deshalb so leicht, weil ihre Familie sie stärkte und sie nach außen hin mit ihrem Mann eine gelungene, eine glückliche Ehe führte. Claras Ausgleich zu Krankheit und verschleißenden Mutterpflichten war ihr ihre Musen, die Literatur und die Musik, denen sie mit beinahe fanatisch zu nennender Leidenschaft ergeben war. Pünktlich wie ein Vorortszug erschien jedes Frühjahr ein neuer Roman von ihr und sie studierte seit Jahren nebenher am Konservatorium Komposition, spielte ausgezeichnet mehrere Instrumente, wobei das bevorzugte die Querflöte war, auf der sie wie besessen in jeder freien Minute übte. Sie beherrschte die Flöte meisterhaft, die Schattenseite allerdings war, dass sie, in unnatürlicher Körperbeugung gegen die Lippen gehalten, für weitere körperliche Unbilden verantwortlich zeichnete, für Verspannungen, gar Sehnenentzündungen sorgte.

Gitta bewunderte zwar diesen Fanatismus, oder – besser formuliert – sie staunte ihn an, konnte ihn aber nicht nachvollziehen. Ihr, die tausend Dinge begann und keines beendete, häufig Kompromisse einging und voll von Halbheiten war, war dieser ausschließende Eifer, dieses extreme Ringen um Perfektion, fremd. Da sie nie Zeit fand und beständig den Zeigern der Uhr hinterher hetzte, war ihr auch ein Rätsel, wie Clara, die doch viele ihrer Nachmittage in Warte- und Behandlungszimmern von Ärzten verbringen musste, die divergierenden Dinge ihres Lebens, Familie auf der einen, Kunst auf der anderen Seite, unter einen Hut bringen konnte, ohne dass eines unter der Bevorzugung des anderen litt. Aber es gelang ihr offenbar und das, so sah es zumindest für Gitta aus, mühelos.

Allerdings zahlte Clara, die in der Nacht höchstens vier bis fünf Stunden schlief und ihre Texte im Morgengrauen schrieb, bevor sie die Kinder und ihren Mann weckte, einen hohen Preis. Obwohl die beiden Freundinnen im selben Alter waren, wirkte die Musikerin wie Mitte Vierzig; sie ging gebeugt und abgehärmt durchs Leben. Ihr von Natur aus hübsches Gesicht hatten ein Gitternetz von Falten und durch den allergischen Ausschlag entstellende Narben gezeichnet. In die Winkel des schmalen, verkniffenen Mundes hatte sich ein unangenehmer, verbitterter Zug eingegraben, der auf den ersten, oberflächlichen Blick leicht über ihre in den Augen sitzende Fröhlichkeit und offene Lebensbejahung täuschen konnte.

»Wie geht es dir?«, fragte Gitta routinemäßig, als sie in das Wohnzimmer gingen.

»Mir geht es gut«, log Clara mit der selben Geläufigkeit, obwohl sie heute wegen der Schmerzen in ihrem Rücken kaum sitzen konnte. Niemand sollte sich durch ihre Krankheit belästigt oder sich gar verpflichtet fühlen, sie zu bemitleiden. Claras große Angst war es, lästig zu fallen.»Lass uns gleich Musik machen, ich brauche das jetzt.« Sie trat dabei zum Klavier und legte Flöte und Noten auf den Hocker.

Nutzlose Menschen – Roman (Teil FÜNF)

»Es tut mir leid, aber er hat mir nicht gesagt, dass wir Sie erwarten«, erwiderte Gitta reserviert. Sie war noch nicht auf den Gedanken gekommen, Klammer hereinzubitten. Er schüttelte erstaunt den Kopf.

»Was soll ich denn davon halten? Er kann doch nicht einfach vergessen haben, dass wir verabredet sind. Wir haben ein paar wichtige Dinge zu besprechen. Ich habe deshalb Ihren Mann heute Vormittag zum Essen eingeladen; der Tisch ist bereits bestellt. Ich hoffe, Sie haben sich nicht die Mühe gemacht, eine Vesper vorzubereiten.«

Gitta verneinte. Eine Pause entstand und die beiden sahen sich stumm an. Dann gab sie sich einen Ruck, genau den Moment zu spät, der ihr Schweigen peinlich machte.

»Wir haben noch nichts gegessen. Benjamin sitzt im Garten und ich glaube tatsächlich, dass er das Treffen vollkommen vergessen hat.« Sie machte endlich die Geste, die den Doktor aufforderte, hereinzukommen. »Ich werde ihn holen.« Klammer putzte sich sehr sorgfältig die Schuhe ab, dann kam hinter ihr in den Hausflur geschlendert.

»Das ist mir sehr peinlich«, sagte er, aber sein belustigter Ton strafte seine Worte Lügen, »hoffentlich macht es Ihnen nichts aus, wenn ich Ihnen heute Abend so unvermutet Ihren Mann entführen will.«

Gitta schüttelte abwesend den Kopf. Erneut entstand eine Pause. Ihr wurde bewusst, dass sie barfuß war und nur ein dünnes, vom Schweiß geflecktes Alltags-T-Shirt und eine enge Radler-Hose trug, während Benjamins Vorgesetzter in Anzug und Krawatte vor ihr stand, was ihm viel Autorität und Wichtigkeit verlieh. Es hätte sie sich nicht gewundert, wenn er nun wie ein Oberlehrer begonnen hätte, sie wie einen schlampigen Schüler streng zu examinieren.

»Das ist überhaupt kein Problem«, sagte sie. »Ich habe heute Abend schon etwas vor. Eine Freundin kommt zum gemeinsamen Musizieren und das ist nichts für Benjamin. Er hat kein Verständnis für Klassik, vor allem für Kammermusik. Da ist er froh, wenn ihm eine Ausrede auf dem Tablett serviert wird und er die Wohnung verlassen kann.« Gitta wunderte sich über ihre Mitteilsamkeit und lachte vorsichtig, verstummte aber sofort, als Klammer nicht einstimmte.

»Nicht wahr, Sie spielen Klavier, Frau Mammensohn-Sapher?«, fragte er ernst und beteiligt. »Welche Stücke denn?«

Über dieser Frage, in der eine vorsichtig dosierte Bewunderung schwang, stieg der Doktor in ihrer Achtung. Sie war ohne es zu wollen geschmeichelt und vergaß darüber, sich zu wundern, woher Klammer wusste, welches Instrument sie spielte.

»Im Moment üben wir die Blockflötensonaten Der getreue Music-Meister von Georg Philipp Telemann ein. Clara, das ist meine Freundin, mit der ich spiele, hat sie für Querflöte und Klavier eingerichtet. Sie studiert Komposition am Konservatorium.«

»Ah, die Flötensonaten von Telemann!«, rief Klammer überraschend schwärmerisch aus. »Das ist herrliche Musik, da ist der Komponist auf der Höhe seiner sinnlichen Meisterschaft! Diese Sonaten sind so virtuos und dabei doch affektgeladen, eine geniale Synthese aus der eher heiteren, gelösten italienischen und der bierernsten, sakralen deutschen Spielart des Barock; sie stehen in der Tat irgendwo zwischen Locatelli und Bach. Sie spielen also den Part des Generalbasses, der Orgel?«

Sieh an, dachte Gitta, er kennt sich aus. »Ja, dadurch klingen die Sonaten wie neu, nicht mehr so – wie soll ich sagen – klerikal, sondern romantisch, fast ein wenig nach Mendelssohn, da ist ein ganz besonderer Reiz dabei«, erklärte sie und hatte plötzlich Lust, sich näher mit Klammer über ihre Musik auszutauschen.

»Der unvergleichliche und dabei so bitter als Vielschreiber unterschätzte Telemann; er hat es verdient, dass man sich seiner Kunst annimmt! Nun, sie wohnen ja auch in der Clementi-Straße, da liegt eine Affinität zu meisterlicher, aber nahezu vergessener Musik nahe.« Dass Klammer wusste, dass die Straße, in der sie wohnte, nach einem bedeutenden, aber heute völlig unbekannten Komponisten aus der Mozartzeit benannt war, was außer Gitta und ihrer Freundin Clara, die es ihr gesagt hatte, wahrscheinlich niemand in ganz Waldkirch wusste, sprach für ein beeindruckendes Allgemeinwissen des Beamten, über das Benjamin schon häufig Erstaunliches geraunt hatte.

»Sie kennen selbstverständlich die Kammermusik von Rossini?«, fuhr er fort. »Nicht? Leider kennt man heute nur noch seine Opern, die, so schön sie sind, sein übriges Schaffen verdecken. Dabei ist es auf seine Weise, wenn auch das Wort genial zu hochgegriffen wirkt, doch zumindest einzigartig. Gut, er ist von Mozart beeinflusst, aber das hat noch keinem Komponisten geschadet. Ich habe da ein ganz entschieden missionarisches Bedürfnis. Ich werde Ihrem Mann mal eine Aufnahme von den frühen Streichquartetten Rossinis mitgeben. Er war gerade erst zwölf Jahre alt, als er sie schuf.« Für einen Moment wirkte Klammer, als würde er nun eine Melodie summen, die ihm durch den Kopf ging, aber dann entspannte sich sein fuchsschlaues Gesicht. »Machen Sie denn nur Hausmusik oder besteht die Möglichkeit, ihre Fassung der Sonaten in einem Konzert zu genießen?«

Bevor Gitta antworten konnte, hörte sie die Stimme ihres Mannes von der Veranda her:

»Wer ist denn gekommen, Schatz?«

Sie wusste nicht, ob ihr diese Unterbrechung recht war. Klammer schob sich eilig an ihr vorbei ins Wohnzimmer.

»Ich habe eine Rüge, Herr Sapher. Aber trotzdem wünsche ich Ihnen einen Guten Abend«, rief er aufgeräumt.

Gitta war sich nicht sicher, aber der Name hatte aus Klammers Mund wie Gaffer geklungen. Achselzuckend brachte sie schnell den Blumenstrauß in die Küche, wo sie ihn achtlos auf den Tisch warf. Dann folgte sie dem Vorgesetzten ihres Mannes eilig ins Wohnzimmer, denn sie wollte nichts von dem Gespräch der beiden verpassen. Sie musste sich beherrschen, um nicht lauthals zu lachen. Die beiden Männer, die sich gerade über der Lehne eines niedrigen Sessels – auf dessen Sitzfläche Klammer jetzt erst seine abgewetzte Aktentasche ablegte – die Hand reichten, boten in der Tat durch ihre Gegensätzlichkeit einen erheiternden Anblick. Dies lag in erster Linie an ihrem zur Salzsäule erstarrten Mann, der sich plötzlich schamvoll bewusst wurde, dass er nahezu nackt vor seinem überaus korrekt gekleideten Vorgesetzten stand. Er war für den Moment zu keiner Entgegnung von Klammers Gruß fähig. Gitta, die Erbarmen mit seiner steifen Hilflosigkeit hatte, sprang schnell in die Bresche, um ihm die Gelegenheit zu verschaffen, sich von seiner Überrumpelung zu erholen.

»Wir planen in der Tat im Spätherbst einige öffentliche Auftritte mit den Sonaten; aber bis dahin haben wir noch fleißig zu üben«, sagte sie und erreichte, dass sich Klammers Aufmerksamkeit wieder zu ihr wandte. Kurz war auf seinem Gesicht eine Frage zu sehen, während der er offensichtlich nicht wusste, wovon sie sprach. Klammer sank in ihrer Achtung wieder ein gewaltiges Stück, denn er ließ sie dadurch spüren, dass das eben im Flur geführte Gespräch von seiner Seite nur eine höfliche und unwichtige Konversation gewesen war, die er sofort wieder vergessen hatte. Da ihr sehr viel an ihrer Musik lag, schmerzte sie diese Gleichgültigkeit, die sie auch auf ihre Person gemünzt begriff.

»Und wo wird das Konzert stattfinden? Hier in Waldkirch?«, fragte er endlich. Gitta zuckte mit den Achseln.

»Natürlich nicht, hier gibt es nur Reihenhäuser. Außerdem ist es auf dem Land schwer, Publikum zu solchen Veranstaltungen zu locken. Der nächste Kulturverein ist in Diebolz«, sagte sie schroff. Sie wünschte sich, dass Klammer bemerkte, dass er sie beleidigt hatte. »Wir spielen in der Stadt im Konservatorium und wahrscheinlich auch im Haus der Kunst. Feste Termine gibt es allerdings noch nicht, da wir – wie gesagt – noch in der Vorbereitung sind, aber ich denke, Ende Oktober, Anfang November wäre realistisch«, erläuterte sie. Benjamin machte ihr in Klammers Rücken ein Zeichen, fortzufahren. Erst jetzt bemerkte sie seine seltsame Haltung. Er hielt seine linke Hand die ganze Zeit verkrampft hinter seinem Rücken verborgen. Dabei wich er langsam zur Wand zurück und benahm sich sonderbar. Gitta nickte andeutungsweise, um ihm zu verstehen zu geben, dass sein Signal bei ihr angekommen war.

»Wissen Sie, Herr Klammer, jetzt, im Sommer, und dazu in der Urlaubszeit, interessiert sich niemand für barocke Musik oder Kunst im Allgemeinen. Da hören die Leute lieber Verdaulicheres und liegen in der Sonne, so ungesund das in der heutigen Zeit auch ist. Aber im Oktober sind die Semesterferien vorbei und es wird auch wieder früher dunkel. Diese kirchliche, adventhafte Musik von Telemann, so empfinden wir sie zumindest heute, benötigt eine ruhigere Stimmung als die Hektik dieses heißen Sommers«, fuhr sie fort und wunderte sich selbst, woher sie so viele Worte fand. Klammer hörte ihr allerdings – den Kopf wie ein aufmerksamer Papagei leicht zur Seite geneigt – sehr interessiert zu. Ihr schien, als habe sie diesmal den Ton angeschlagen, der vonnöten war, ihn in ein Gespräch zu ziehen.

»Das ist eine aufmerksame Beobachtung von Ihnen«, erwiderte er freundlich. »Obgleich ich kein Freund der katholisch-gnostischen, leider auch cartesianischen Trennung von Geist und Körper bin, muss ich doch zugeben, wie naheliegend dieser Dualismusglaube ist, wenn ich bedenke, dass die Menschen in der Regel im Sommer mehr Körper, im Winter mehr Geist sind. Ich selbst ertappe mich dabei, dass ich, je länger die Tage werden, umso weniger lese und kaum noch ins Theater gehe, ein Umstand, dem die Veranstalter mit ihren sommerlichen Ferien oder Open-Air-Aufführungen Rechnung tragen. Vielleicht ist dies ein archetypisches Vermächtnis von weit entfernten, wechselwarmen Vorfahren – wer kann das schon ausschließen? Der profane Grund ist, denke ich, sicher auch die Kleidung, die im Winter verbirgt und einmummt, was in den heißen Tagen ohne Scham von jedem exhibitioniert wird. Sogar die öffentliche Moral ist in der kalten Jahreszeit um ein Vielfaches puritanischer und man denkt intensiver über die Dinge und den Sinn des Lebens nach. Weihnachten oder Ostern sind im Hochsommer undenkbar«, holte Klammer vor der von diesem unvermuteten philosophischen Erguss überschwemmten Gitta mit einem als vorwurfsvoll interpretierbaren Blick auf ihren durch das T-Shirt durchscheinenden BH aus. Er machte sich aber sofort mit einer wegwerfenden Handbewegung, die deutlich machen sollte, dass er nur plauderte, an eine Antithese, schwärmte von den warmen südlichen Gefilden, in denen es immer Sommer sei und die die Künstler auch in unseren Tagen trotz Umweltverschmutzung und Massentourismus noch immer mit unwiderstehlicher Magie anziehen und sie zu großen Werken inspirieren.

Gitta hörte nur mit einem halben Ohr zu. Während sie Klammers abwegige Ansprache eifrig benickte, sah sie mit den Augenwinkeln auf ihren Mann. Nun wusste sie endlich, warum sich Benjamin so seltsam verhielt. Er hatte die geheimnisvollen Papiere, in denen er gelesen hatte, in der Hand und wollte anscheinend nicht, dass sein Vorgesetzter sie zu Gesicht bekam. Dankbar nutzte er den unbeobachteten Augenblick in dessen Rücken, um die Unterlagen in einer Schublade der Anrichte verschwinden zu lassen. Er verschloss die Lade mit sichtbarer Erleichterung, zog den Schlüssel ab, steckte ihn in die Hose. Klammer war gerade beim Winter des Lebens – in dem meist der Körper vor dem Geist zu sterben beginne – angelangt, als ihn Benjamin zu Gittas Erleichterung endlich unterbrach:

»Ich hatte unsere Verabredung vollkommen vergessen«, sagte er entschuldigend. »Diese Hitze scheint mir den Verstand wegzuschmelzen. Ihr Vorschlag kam zu spontan und nebenbei. Wahrscheinlich habe ich Sie deshalb auch nicht beim Wort genommen.« Klammer drehte sich herum und legte die Stirn in Falten. Er brummte unwillig.

»Das sollten Sie aber grundsätzlich tun«, erwiderte er sehr ernst. »Ich habe sofort nach unserem interessanten Gespräch einen Tisch im Brandwirt bestellt. Das ist ein ganz außergewöhnliches Lokal in der Unterstadt. Man isst dort herausragend. Helmut Arndt, er ist Wirt und Koch in einer Person, hatte im vorigen Jahr sogar einen Michelin-Stern für seine Küche. Der Brandwirt war das einzige Restaurant in der Gegend mit dieser Auszeichnung. Aus mir völlig unverständlichen Gründen wurde er ihm allerdings im Winter wieder aberkannt. Ich verstehe nicht, was in den Köpfen der Gourmetkritiker vorgeht, nach welchen Maßstäben sie ihre Entscheidungen treffen. Objektivierbar sind sie sicher nicht! Die Kritik im Allgemeinen gehört zu jenen seltsamen, fast mythisch zu nennenden Spielen zwischen klugen Menschen, die ihre Zeit eigentlich nützlicheren Dingen opfern sollten. Das sind Spiele, deren, von außen besehen, komplexe, meist nur mündlich überlieferte Regeln ich nicht begreifen kann, auch nicht begreifen will. Die Börse gehört ebenfalls zu diesen kleinen Spielen, manchmal auch die Politik«, ereiferte sich Klammer und schwieg dann nachdenklich, wie beleidigt. Das Ehepaar Sapher öffnete einmütig den Mund, um zu dem unerhörten Verlust des Gourmetsterns Stellung zu beziehen, doch beiden fiel nichts dazu ein. Mit der Noveau Cousine hatten sie nichts im Sinn. Gingen sie zum Essen, was eher selten vorkam, dann schnell zum Italiener in Diebolz oder zu einem Griechen – Höhepunkt des Raffinements war am Hochzeitstag eine Pekingente im Hongkonghaus. Obwohl dies kein Grund war, verlegen zu werden, wurden es beide. Gitta wusste nicht genau, warum, Benjamin, weil er sich wieder seiner Unwissenheit schämte. Klammer sah von einem zum anderen, dann sagte er:

»Ich habe den Tisch für acht Uhr bestellt und das ist es jetzt bereits. Helmut wird die Reservierung nicht ewig aufrecht erhalten. Wollen Sie in der Badehose gehen? Es gibt zwar keinen Kleiderzwang im Brandwirt, aber sie sind vielleicht doch etwas zu leger angezogen.«

Sapher sah verwundert an sich herab, er hatte in der Zwischenzeit verdrängt, wie er gekleidet war. Er wurde rot.

»Nein, natürlich nicht, ich ziehe mich um. Ich bitte Sie um einen Augenblick Geduld«, erwiderte er und ging unsicher um Klammer und den Sessel herum, trat eilig aus dem Raum, warf seiner Frau im Vorbeigehen einen anerkennenden Blick zu. Kurz darauf war zu hören, wie er auf der Treppe zu den oberen Räumen stolperte und polternd fiel, das Ganze untermalt von einem kaum unterdrückten Fluch. Obwohl Klammer den Kopf zur Tür wand, ging er mit keiner Regung seines wieder ausdruckslos gewordenen Gesichts auf Saphers Missgeschick ein. Er schob eine Hand in die Hosentasche und sah sich in dem Raum um.

»Darf ich Ihnen inzwischen etwas anbieten? Einen Kaffee vielleicht?«, fragte Gitta, erneut mit dem unangenehmen Vorgesetzten ihres Mannes allein gelassen.

Beitragsnavigation