Aber ein Traum …

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Der Dienstagsroman (III)

(Was bisher geschah: Der junge Missionar Martin Wolfenklau liegt in wilden Fieberträumen in einem schäbigen Zimmer in Singapur und kämpft mit den Geistern seiner Vergangenheit. Die ehemalige Prostituierte Parbati pflegt ihn aufopfernd und er erinnert sich an die gemeinsame Flucht aus dem Rimbu:)

Der Rimbu, das war der ewige, übersinnlichen Mächten unterworfene Regenwald Malaysias, aus dem das Paar geflohen. Urgewalt tropischer Gewitterböen, das Donnern stürzender Riesenbäume und wildes Rauschen hochgeschwollener Gebirgsflüsse beherrschten den Rimbu. Zugleich war er aber auch eine Landschaft majestätischer Ruhe im dämmerigen, undurchdringlichen Unterholz, nur ab und an durchdrungen vom Gebrüll des mächtigen „Großvaters“, des Königstigers; begleitet von den Warnrufen der Affen und tausender Vogelarten, dem Getrampel von Elefanten und behaarten Sumatra-Nashörnern im Unterholz, doch kaum bewegt durch das schattenhafte Vorbeigleiten eines Orang-Utans und das leise Wimmern nie geschauter Nachttiere auf ihrer Flucht vor der jagenden Schlange. Es war eine ängstigende, unheimliche Welt, von der Zivilisation und ihren Gesetzen gemieden. Und in ihrer Mitte, zwischen pechschwarzen Waldwänden am Fuße des mächtigen Berges Gunung Tahan, lag der einsame Landsitz der Gräfin, selten nur erhellt vom magischen Schein eines Mondes, den unerklärliche Ungeheuer Monat um Monat erneut verschlingen.

Die wenigen abergläubischen Menschen in den Dörfern am Berghang trauern oft um hilflose Angehörige, welche unaufhaltsame und merkwürdige Seuchen dahingerafft haben, oder um unglückliche Freunde, die der rachsüchtige Dämon Raktavija bei ihrer unschuldigen Honigsuche aus dem Wipfel eines Bienenbaumes in die alles verschlingende grüne Tiefe stieß. Die schwarze Gräfin trauerte nicht, sie jagte und tötete. Ihr waren Martin und Parbati, eine ihrer indischen Sklavinnen, im letzten Moment entronnen. Für ein kurzes Heute zumindest…

Parbati beugte sich noch weiter herab, ihren Geliebten sanft zu küssen. Doch ihre Zärtlichkeiten waren Martin nun lästig wie die Fliegen, die ihn noch immer aufgeregt umschwirrten, und er wies das Mädchen mit einer schwachen Bewegung in die von ihm gesetzten Schranken. Liebkosungen, auch wenn sie aus übervollem Herzen stammten, lenkten ihn nur von seinem Ziel ab. Dafür hatte er jetzt keine Zeit. Martin besann sich auf seine Erziehung, hatte genug von kurzfristiger Befriedigung, die für die Ewigkeit nicht zählt. Zwar hatte er alle Stellungen des Fleisches, welche der schönen Inderin während ihrer heidnischen Erziehung aus uralten Überlieferungen beigebracht wurden, mit ihr und anderen Huren, ja selbst mit der schrecklichen Gräfin versucht und im Rausch gewisser Kräuter auch genossen, aber die lange Flucht durch die Hölle Malaysias hatten ihn geläutert, der Fieberbrand der Malaria das sündhafte Begehren scheinbar für immer vertrieben.

Meine Aufzeichnungen, Parbati! Ich muss den Engel warnen, bevor noch größeres Unrecht geschieht. In der Owen Road gegenüber dem Serangoon Plaza ist eine Poststelle. Lauf, sonst ist es womöglich zu spät!“ Erregt versuchte er, sich weiter aufzurichten, gleichzeitig schoss ein beißender Schmerz in seinen Schädel. Martin kniff verzweifelt die Augen zusammen. Das konnte nicht sein, nicht so bald! „Es geht schon wieder los!“, stieß er mühsam hervor, „Schnell, bring die Aufzeichnungen zur Post und halte dich nicht auf! Sie sucht nach uns, ich weiß es.“

Und er hörte es. Er hörte plötzlich ihre Stimme. Sie klang vom Fenster zu ihm herüber, rief ihn, zerrte ihn hinunter.

Dein Leben ist meine Kraft, die das Leben in ganzer Größe gebiert“, flüsterte ihm die Stimme sein Innerstes und seinen Glauben erschütternd zu. „Und diese Kraft verschlingt es auch wieder, wenn die Zeit des Gehens kommt.“

Nein“, schrie Martin voller Pein, „nur das Trachten des Fleisches führt zum Tod. Römer, acht, elf! Römer, acht, elf! Geh, lass mich allein!“

Mein Licht, was sprichst du da? Außer uns ist doch niemand hier!“ Angstvoll musste auch Parbati erkennen, wie trügerisch der Moment der Ruhe gewesen.

Meine Rettung, die Aufzeichnungen! Sie sieht uns! Schnell!“

Der rote Mund der schönen Inderin flüsterte an seinem Ohr: „Nicht jetzt, mein Gebieter. Ich verspreche dir, ich gehe gleich morgen früh. Außerdem haben wir auch keine Singapore-Dollars mehr.“ Sie zögerte, ihr war ein Gedanke gekommen. „Ich kann dich nicht alleine lassen, mein Ein und Alles! Du brauchst jetzt meine Kraft.“

Parbati sank am Lager ihres Geliebten in die Knie, umgriff seine sich in wilden Atemstößen hebende Brust. Noch einmal riss Martin die Augen auf, starrte auf die junge Frau, die ihn fest in ihrer Umklammerung hielt. Mit einer letzten Anstrengung wollte er sich befreien, doch der verzweifelten Kraft von Parbati war er nicht gewachsen. Martin sank zurück, die letzte Chance vertan.

Und die Stimme beherrschte ihn: „Ich bin drei und ich bin eins. Meine Augen sehen die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Schau durch meine Augen.“

Martin wand sich herum, fiel zurück durch alle Zeiten.

Martel, i muaß dei Mutter sprechn, mei Kua is krank und brauchd a Salbn.“

Martin stand vor dem alten Vierseithof, der malerisch auf einem sanften Hügel über dem Briggidoi, dem Tal der Vils, lag.

Ende des 1. Kapitels

(…Fortsetzung folgt!)

Der Dienstagsroman (II)

(Was bisher geschah: Der junge Missionar Martin Wolfenklau liegt in wilden Fieberträumen in einem schäbigen Zimmer in Singapur und kämpft mit den Geistern seiner Vergangenheit. Aber er ist nicht allein…)

Das Grauen gab Martin Kraft. Mit ungeheurer Anstrengung gelang es ihm, seinen Oberkörper so weit zu heben, dass er den Kopf wenden konnte, weg von der Hammelkeule und dem grellen Licht der Tempelkuppel, die wie ein Menetekel waren. Seine matte Blicke suchten die liebliche Gestalt Parbatis. Sie allein konnte ihm nun helfen. Der Kranke war sicher: Sie war da, sie würde ihn nicht verlassen! Er hatte sich nicht getäuscht, zusammengekauert ruhte ihre schmale Gestalt am Kopfende seines Lagers in einem abgewetzten Rattansessel, das Kinn erschöpft auf die Brust gesunken. In ihren Händen hielt sie kraftlos einen Fächer, mit dem sie wohl für eine Weile die Fliegen verscheucht hatte. Vergeblich. Wäre Martin nur ein wenig kräftiger gewesen, hätte er mit seiner Hand ihr Gesicht berühren können. Parbati schlief trotz des Lärms, der vom geschäftigen „Little India“ heraufdrang – Autohupen, Knattern der Motorradrikschas, Hundegekläff, feilschende, keifende, zeternde und flehende asiatische Stimmen, kreischende Musik, die klang, als würde jemand eine Säge über die Saiten seiner Geige ziehen.

Parbati…“ Martin flüsterte. Doch die geschwächte Stimme vermochte nicht, durch ihre Erschöpfung zu dringen. Die Anstrengungen der Flucht vor der schrecklichen Gräfin – fort aus dem sündigen Landsitz hoch im Dschungel Malaysias mit seinen ständigen Verführungen zu tabuloser Fleischeslust und ungehemmtem Drogenkonsum – hatten augenscheinlich auch die Körperkräfte der Hure überstiegen. Martin konnte jedoch keine Rücksicht auf den Schlaf des Mädchens nehmen, zuhause, in der fernen Heimat, brauchte eine Engelsgleiche seine dringende Warnung.

Parbati“, wiederholte er drängender. Der Mund war trocken, die Zunge klebte aufgeschwollen am Gaumen, er konnte nicht lauter rufen. Er müsste etwas trinken, doch er konnte das Glas mit der trüben Flüssigkeit nicht erreichen, das neben der Inderin wie die Trauben des Tantalos auf einem Bambusschemel stand. Martin versuchte zu schlucken, sich zu räuspern, umsonst, die Zunge war im Wege. Seine Finger tasteten verzweifelt über die schweißfeuchte Brust, nahmen, was die Fliegen nahmen, und netzten den Mund.

Parbati!“

Die schöne junge Frau schreckte hoch. Sofort hob sie ihren Arm, nahm ihr Wedeln mit dem Fächer wieder auf. Ihre Mandelaugen huschten voller Liebe über Martins abgemergelten, nackten Körper, den nur ein dünnes Laken bedeckte. Erst in diesem Augenblick bemerkte sie, dass der Kranke erwacht war. Mit Schamröte auf den Wangen, weil sie, die ewig wachen wollte, eingeschlafen war, sprang Parbati auf, eine schlanke Hand strich eilig den lila Seidensari glatt. Dann beugte sie sich zu ihm, fühlte gewissenhaft die Stirn des Geliebten. Dieser konnte in ihrem Gesicht die Freude über die scheinbare Besserung seines Zustandes lesen, die sie wohl ihrer Pflege anrechnete, aber in Wahrheit doch nur eine boshafte und kurze Spielerei des Fiebers war. Martin spürte schon wieder krallende Finger, die ihn zurück in das brennende Land Kalis zerren wollten.

Parbati trocknete mit weichem Tuch sein Gesicht, gab ihm ein wenig Papayasaft zu trinken. Anschließend beugte sie sich zu ihm herab und streichelte beruhigend seine zuckenden Schläfen. Der unauffällige Hibiskusgeruch und ihre sanften Berührungen erinnerten Martin einen Moment lang an die tanzenden Schmetterlinge zwischen den blühenden Pflanzen in den Bergen des Rimbu.

(…Fortsetzung folgt!)

Diese Folge des Dienstagsromans ist meinem lieben Co-Autor Hans-Dieter Heun gewidmet, der heute auf Tabor seinen Geburtstag feiert. Alles Gute, HD. Ich hoffe auf viele tolle Ideen und weitere Bücher von dir!

Der Dienstagsroman (I)

(Ab heute werde ich jeden Dienstag einen Abschnitt des Liebes-Grusel-Krimi-Heimat-Fantasy-Arzt-Romans veröffentlichen, den ich mit Hans-Dieter Heun gemeinsam schreibe. Der atemlos spannende Fortsetzungsroman hat noch keinen Titel.)

1. Zwei Frauen hielten sein Leben, die dritte wollte es vernichten

 Das Fieber machte seinen ersten Fehler. Es gönnte sich in seiner Überheblichkeit einen Waffenstillstand, zog sich zuversichtlich in eine Festung im krampfenden Unterleib seines Opfers zurück und sammelte dort geduldig weitere Erreger für den letzten, tödlichen Sturmlauf gegen das Leben von Martin Wolfenklau.

„Wer vom Fleisch bestimmt ist, kann Gott nicht gefallen“, entgegneten die rissigen Lippen des Todkranken. Quälend langsam tauchte er aus den heißen Wellen seines Leidens, in denen er zu ertrinken drohte. Seine halb bewusstlos geflüsterten Worte waren aber der rettende Strick, an dem er sich zurück in die Welt ziehen konnte, die er schon halb verlassen hatte. Endlich öffneten sich eitrig verklebte Augen – es waren bodenlose, schwarzumrandete Höhlen in einem eingefallenen, grauen Gesicht – und Martins stumpfer Blick fiel auf unzählige, fette Fliegen, die voller Eifer auf einer grünlich schmierigen Hammelkeule krabbelten. Ungeschützt der Schwüle einer Nacht in Singapur ausgesetzt, hing das modernde Fleisch im Fensterkreuz über seinem Krankenlager. Eine überwältigende Melange aus Kalk und der Stinkfrucht „Durian“, Chili, Curry und anderen Gewürzen, für die Martin keine Namen hatte, kroch ätzend in seine Nase.

Der Kranke nahm die aufgeregt schwirrenden Schmeißfliegen kaum wahr, auch nicht, dass die schillernden Insekten nicht nur an der stinkenden Keule, sondern bereits an dem kalten Schweiß leckten, der seine nackte Brust bedeckte. Martin machte auch keine Bewegung, sich der Quälgeistern zu erwehren. Er konzentrierte sich auf den Gedanken, den er aus der langen Fiebernacht mitgebracht hatte, seinen Gedanken, der ihm die Klarheit und die Ruhe schenkte, die er brauchte, um seine Aufgabe zu vollenden.

„Das Trachten des Fleisches führt zum Tod“, antwortete er daher der Stimme, sammelte stur seine verbliebene Kraft, „das Trachten des Geistes aber führt zu Leben und Frieden.“

Martin wusste, ihm blieb nur noch wenig Zeit, bevor ihn der nächste Malariaanfall in das Land aus Feuer, Schmerz und Tod zurückzog, dem er gerade noch einmal entkommen war. Die Stimmen lockten, riefen ihn. Sich jetzt einfach zurücklehnen und aufgeben, sich verirren, verlieren: Wie schön, wie einfach wäre das.

Aber seine Aufgabe war zu wichtig, er musste erklären und sie warnen, sie, die Richtige, Einzige, die er doch sein Leben lang geliebt hatte, nur sie. Diese Liebe hatte er viel zu spät erkannt – und er hatte sie verraten…

„Römer, acht, elf“, dachte Martin und riß seine Augen weit auf. Die drei Wörter hallten in seinem Schädel wie die Melodie eines Liedes, das man nicht vergessen kann, „Römer, acht, elf.“

Durch die Fenstergaze konnte Martin hinter der Hammelkeule nur einen Katzensprung entfernt die beleuchtete Kuppel eines Hindutempels erkennen, sie ragte strahlend über die Dächer der Häuser der schmutzigen kleinen Parallelstraße der Belilios Road. Martin erkannte sofort, was er da sah und ihn fror trotz der schwülen Hitze: Es war der Sri Veerama Kaliamman Tempel, niemandem geringeren als der schwarzen Todesgöttin Kali geweiht. Kali, die Entsetzliche, die eine Halskette aus den Köpfen und einen Rock aus den abgeschlagenen Armen ihrer Opfer trägt; Kali, die schreckliche Gräfin, sie trinkt das Blut ihrer Opfer. Ihre drei Augen sehen die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft und es ist immer der Tod…

Nein, noch war Martin ihr nicht entkommen, die Flucht war noch nicht geglückt. Kalis Macht warf einen Lichtstrahl bis in das Dämmerdunkel dieses schäbigen Hotelzimmers! Ihre Stimme klang noch in seinem Ohr.

(…Fortsetzung folgt!)

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