Aber ein Traum …

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Verlosung von „Noch einmal davon gekommen“

 

Was bin ich doch für ein großzügiges Kerlchen: Um das neue Jahr zu feiern, verlose ich bei LOVELYBOOKS 3 (in Worten: DREI) Exemplare meines Kurzgeschichtenbands „Noch einmal davon gekommen“. (1)

Ich habe in ihm die meiner bescheidenen Meinung nach besten Glossen, Kolumnen, Artikel und „Freitagsaufreger“ aus 4 Jahren „Aber ein Traum“-Bloggeschichte zusammengetragen (2), diese gründlich überarbeitet, aktualisiert und für die Buchausgabe eingerichtet.

Macht doch einfach bei der Verlosung mit, wenn ihr auch einen Band geschenkt bekommen wollt!

Ein Kritiker  bei Amazon hat übrigens  folgendes über das Buch geschrieben:

„Noch einmal davon gekommen“, dessen Cover bereits einen schwer mitgenommenen Nikolaus Klammer zeigt, ist eine Sammlung von Kolumnen, Glossen und Kurzgeschichten, die der in Diedorf bei Augsburg wohnende Autor in den letzten vier Jahren für seinen Blog „Aber ein Traum“ geschrieben und für das Buch neu eingerichtet, erweitert und überarbeitet hat.

In seinen Texten voller Charme und Esprit beschreibt Klammer auf wirklich ansprechende und humorvolle, manchmal auch nachdenkliche Weise sein chaotisches Familienleben mit seiner immer wieder an seinen Unarten verzweifelnden Frau, den zwei erwachsenen Söhnen und Amy, der Katze. Er gibt Einblicke in sein Leben als Autor, beschreibt seinen Kampf mit den Tücken des Objekts, dem Unkraut im Garten und den Widrigkeiten des Alltags (Herrlich sind z. B. die Geschichte, wie man einen Oktopus kocht oder die geheimnisvolle „Mangold-Affäre“).

Das alles beschreibt Klammer auf eine so heitere und selbstironische Weise, dass man ihm gerne durch sein Privatleben folgt und es wirklich bedauert, wenn man viel zu früh am Ende des Buchs angekommen ist.

„Noch einmal davon gekommen“ ist auf 230 Seiten liebevoll illustriert und eine absolute Empfehlung für alle, die sich geistreich unterhalten lassen wollen.

*

Und schließlich noch ein zum Januar passender Ausschnitt aus dem Buch:

Der fürchterliche Monat

Einer der bedauerlichsten Irrtümer der Evolution ist der, dass sie den Menschen nicht wie den Bären, die Maus, den Igel oder das Murmeltier oder auch den Sie­benschläfer zum Winterschlaf geführt hat. Man sollte sich diese Tiere als glücklich vorstellen. Der Mensch je­doch muss unverdrossen auch in der kalten Jahreszeit wirken, weben und handeln, leben, lieben, leiden und – frieren. Wie angenehm wäre es, für drei oder vier Mona­te all die Arbeit, den Ärger, die Politik und die Mit­menschen zu vergessen, sich Anfang November in sein Schlafzimmer zurückzuziehen, noch ein wenig im Zau­berberg zu blättern (da macht es nichts, wenn man im Frühjahr nicht mehr weiß, was man gelesen hat), dann gelangweilt und sattsam müde das Nachttischlicht lö­schen, sich in dicke Federkissen einrollen und bis in den März hinein zu schlafen, um gestärkt und ein paar Pfunde leichter gemeinsam mit der Natur wieder zu er­wachen.

Gut, ein paar Dinge wären anders, aber wahrscheinlich besser: Man müsste Weihnachten im Sommer feiern, auch alle Geburtstage würden in die schöne Jahreszeit fallen. Auf der anderen Seite gäbe es das unselige Ski­fahren nicht und keine Langlaufloipen. Die Berge wür­den nicht von den Dinosaurierskeletten der Lifte und Bahnen verschandelt und durch die Beanspruchung ver­karsten, es gäbe keine Glatteisunfälle und Rentnerinva­sionen auf Mallorca, man müsste keinen Schnee schip­pen, sein Auto nicht enteisen und Heizöl und Benzin würde noch ein paar Jahrhunderte länger reichen. Kein Bauer könnte mehr seine Gülle schon im Februar auf die Felder kippen und – welche Erleichterung – den rhei­nischen Karneval würden ebenfalls alle verschlafen (Statt „Kölle alaaf“ hieße es „Kölle schlaf“). Vielleicht gäbe es auch weniger Kriege, weil die Leute lieber schla­fen als kämpfen. Die Verbrechensrate wäre bestimmt geringer; man bräuchte für edle Pelzmäntel keine Tiere schlachten und würde insgesamt länger leben, da uns unser Energiehaushalt zu einem langsameren, ruhige­ren Leben zwingen würde.

Man stelle sich nur die heiteren Familienfeste Ende Oktober vor, bei denen man sich von einander verab­schiedet und sich gemeinsam seinen Winterspeck anfut­tert, um die anschließenden Fastenmonate zu überste­hen, die man schlafend und angenehm in seine Pfühle gekuschelt verbringt. Das türkische Zuckerfest wäre da­gegen eine Diätveranstaltung. Apropos Diät: Die Win­terruhe wäre ein wirklich funktionierendes ‚Abnehmen im Schlaf‘ für jedermann und alle Frauen kämen ohne irgendwelche ‚leckeren‚ Diät-Drinks und die Weight-Wat­chers im Frühjahr mit ihrer Bikinifigur aus dem Schlaf­zimmer!

Aber es soll leider nicht so sein … Die Tretmühle läuft ohne Pause weiter.

Und der schlimmste dieser Wintermonate ist der Janu­ar, an dem eigentlich nichts janusköpfiges, zweigesichtiges ist, da er ei­nem tagein, tagaus seine hässliche Fratze entgegen­streckt. Der Januar ist ein Monstrum, ein Unhold. Dass das neue Jahr ausgerechnet mit diesem toten, amorphen und grauen, dabei endlosen Monat beginnen muss, ist mir ein Rätsel. Januar ist kein Neubeginn. Er ist noch vollkommener Winter, kalt, düster, seine Wetterkaprio­len grausam und davon, dass die Tage wieder länger werden, merkt man auch noch nichts. Der Januar kennt kaum Feiertage und keine Lichtblicke, man leidet unter Vitamin-D-Mangel und depressiven Schüben. Er bringt die ersten bedeutenden Schneemengen und viele zusätz­liche Arbeiten und Gefahren. Bewegungslos und gleich­förmig reihen sich seine kurzen Tage aneinander und die bitteren Nächte werden nicht einmal vom Lichter­schmuck wie im Dezember erhellt. Es gibt auch plötzlich keine Glühweinstände und Weihnachtsmärkte mehr, ob­wohl sie gerade jetzt viel notwendiger sind als während des Advents, in dem normalerweise vorweihnachtliches Tauwetter und frühlingshafte Temperaturen vorherr­schen.

Warum ist ausgerechnet der Januar einer dieser Mona­te mit 31 Tagen? Nicht einmal die gnädige Kürze des Fe­bruars will man uns gönnen. Warum nimmt man nicht wenigstens den letzten Tag und hängt ihn meinetwegen an den Juni? Ein 31. Juni hätte immer schönes, warmes Sommerwetter, aber ein 31. Januar – wer braucht denn den? Gleiches gilt übrigens für den Schalttag Ende Fe­bruar, auch dieser ist völlig verschwendet an den Winter und sollte z. B. in den goldenen September verschoben werden. So könnte man durch eine einfache Kalenderän­derung dem Jahr zwei weitere schöne Tage hinzufügen. Vielleicht sollte man den Januar gleich zwischen Juli und August legen! Das ist es: Dann hätten wir einen Mo­nat mehr Sommer. Warum ist darauf eigentlich noch niemand gekommen? Vielleicht sollte ich mit dieser ge­nial einfachen, aber sinnvollen Forderung einmal zu meinem Bundestagsabgeordneten gehen …

Aber wie immer hört ja keiner auf mich! Nein, der erste Monat des Jahres hat nichts, was mir sympathisch ist, außer an unverdienter Länge hat er von allem zu wenig. Er ist abweisend wie ein verbitterter alter und ungewa­schener Mann. Und alle 12 Monate, wenn ich ihn fast schon wieder vergessen habe, tritt er erneut in mein Le­ben, hockt sich ausdauernd  auf meine Seele und beläs­tigt mich. Ja, wie  gerne würde ich zumindest den Janu­ar verschlafen! Ich habe es versucht, war letzte Woche fest entschlossen, erst wieder aufzustehen, wenn Anfang Februar mein Geburtstag ansteht. Frau Klammerle und auch mein Arbeitgeber waren von der zwingenden Not­wendigkeit, diesen Monat einfach auszulassen, nicht zu überzeugen. Nur deshalb gibt es diesen Text. Eigentlich wollte ich noch im Bett sein.

Wenn Ihr also von heute an nichts von mir hört: Weckt mich nicht.

Enden will ich allerdings mit den Zeilen meines engen Freundes und Leidensgefährten Walther Vogelweide, der missmutig und übellaunig schon vor einigen Jahren dichtete:

Möchte ich verslâfen des winters zît ! 
wache ich die wîle, sô hân ich sîn nît, 
daz sîn gewalt ist sô breit und sô wît. 

______________

(1)  Nein, das ist vielleicht etwas unglücklich formuliert, aber kein Rechtschreibfehler. Ich weiß, dass man „davongekommen“ normalerweise zusammenschreibt. Die Idee dahinter war, dass ich in dem Buch noch einmal von dem Jahr und den Geschehnissen gekommen bin, über das ich darin berichte …

(2) … und 62 Fußnoten. Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich wie David Foster Wallace nicht nur schreibsüchtig, sondern auch ein Fußnoten-Fetischist bin?

Die Schrecken des Januars

Der fürchterliche Monat.

Einer der bedauerlichsten Irrtümer der Evolution ist der, dass sie den Menschen nicht wie den Bären, die Maus, den Igel oder das Murmeltier oder auch den Siebenschläfer zum Winterschlaf geführt hat. Man sollte sich diese Tiere als glücklich vorstellen. Der Mensch jedoch muss unverdrossen auch in der kalten Jahreszeit wirken, weben und handeln, leben, lieben, leiden und – frieren. Wie angenehm wäre es, für drei oder vier Monate all die Arbeit, den Ärger, die Politik und die Mitmenschen zu vergessen, sich Anfang November in sein Schlafzimmer zurückzuziehen, noch ein wenig im Zauberberg zu blättern (da macht es nichts, wenn man im Frühjahr nicht mehr weiß, was man gelesen hat), dann gelangweilt und sattsam müde das Nachttischlicht löschen, sich in dicke Federkissen einrollen und bis in den März hinein zu schlafen, um gestärkt und ein paar Pfunde leicher gemeinsam mit der Natur wieder zu erwachen.

Gut, ein paar Dinge wären anders, aber wahrscheinlich besser: Man müsste Weihnachen im Sommer feiern, auch alle Geburtstage würden in die schöne Jahreszeit fallen. Auf der anderen Seite gäbe es das unselige Skifahren nicht und keine Langlaufloipen. Die Berge würden nicht von den Dinosaurierskeletten der Lifte und Bahnen verschandelt und durch die Beanspruchung verkarsten, es gäbe keine Glatteisunfälle und Rentnerinvasionen auf Mallorca, man müsste keinen Schnee schippen, sein Auto nicht enteisen und Heizöl und Benzin würde noch ein paar Jahrhunderte länger reichen. Kein Bauer könnte mehr seine Gülle schon im Februar auf die Felder kippen und – welche Erleichterung – den rheinischen Karneval würden ebenfalls alle verschlafen (Statt „Kölle alaaf“ hieße es „Kölle schlaf“). Vielleicht gäbe es auch weniger Kriege, weil die Leute lieber schlafen als kämpfen. Die Verbrechensrate wäre bestimmt geringer; man bräuchte für edle Pelzmäntel keine Tiere schlachten und würde insgesamt länger leben, da uns unser Energiehaushalt zu einem langsameren, ruhigeren Leben zwingen würde.

Man stelle sich nur die heiteren Familienfeste Ende Oktober vor, bei denen man sich von einander verabschiedet und sich gemeinsam seinen Winterspeck anfuttert, um die anschließenden Fastenmonate zu überstehen, die man schlafend und angenehm in seine Pfühle gekuschelt verbringt. Das türkische Zuckerfest wäre dagegen eine Diätveranstaltung. Apropos Diät: Die Winterruhe wäre ein wirklich funktionierendes ‚Abnehmen im Schlaf‘ für jedermann und alle Frauen kämen ohne irgendwelche ‚leckere‘ Diät-Drinks und die Weight-Watchers im Frühjahr mit ihrer Bikinifigur aus dem Schlafzimmer!

Aber es soll leider nicht so sein … Die Tretmühle läuft ohne Pause weiter.

Und der schlimmste dieser Wintermonate ist der Januar, an dem eigentlich nichts zweigesichtiges ist, da er einem tagein, tagaus seine hässliche Fratze entgegenstreckt. Der Januar ist ein Monstrum, ein Unhold. Dass das neue Jahr ausgerechnet mit diesem toten, amorphen und grauen, dabei endlosen Monat beginnen muss, ist mir ein Rätsel. Januar ist kein Neubeginn. Er ist noch vollkommener Winter, kalt, düster, seine Wetterkapriolen grausam und davon, dass die Tage wieder länger werden, merkt man auch noch nichts. Der Januar kennt kaum Feiertage und keine Lichtblicke, man leidet unter Vitamin-D-Mangel und depressiven Schüben. Er bringt die ersten bedeutenden Schneemengen und viele zusätzliche Arbeiten und Gefahren. Bewegungslos und gleichförmig reihen sich seine kurzen Tage aneinander und die bitteren Nächte werden nicht einmal vom Lichterschmuck wie im Dezember erhellt. Es gibt auch plötzlich keine Glühweinstände und Weihnachtsmärkte mehr, obwohl sie gerade jetzt viel notwendiger sind als während des Advents, in dem normalerweise vorweihnachtliches Tauwetter und frühlingshafte Temperaturen vorherrschen.

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Warum ist ausgerechnet der Januar einer dieser Monate mit 31 Tagen? Nicht einmal die gnädige Kürze des Februars will man uns gönnen. Warum nimmt man nicht wenigstens den letzten Tag und hängt ihn meinetwegen an den Juni? Ein 31. Juni hätte immer schönes, warmes Sommerwetter, aber ein 31. Januar – wer braucht denn den? Gleiches gilt übrigens für den Schalttag Ende Februar, auch dieser ist völlig verschwendet an den Winter und sollte z. B. in den goldenen September verschoben werden. So könnte man durch eine einfache Kalenderänderung dem Jahr zwei weitere schöne Tage hinzufügen. Vielleicht sollte man den Januar gleich zwischen Juli und August legen! Das ist es: Dann hätten wir einen Monat mehr Sommer. Warum ist darauf eigentlich noch niemand gekommen? Vielleicht sollte ich mit dieser genial einfachen, aber sinnvollen Forderung einmal zu meinem Bundestagsabgeordneten gehen …

Aber wie immer hört ja keiner auf mich! Nein, der erste Monat des Jahres hat nichts, was mir symphatisch ist, außer an unverdienter Länge hat er von allem zu wenig. Er ist abweisend wie ein verbitterter alter und ungewaschener Mann. Und alle 12 Monate, wenn ich ihn fast schon wieder vergessen habe, tritt er erneut in mein Leben, hockt sich ausdauernd  auf meine Seele und belästigt mich. Ja, wie  gerne würde ich zumindest den Januar verschlafen! Ich habe es versucht, war letzte Woche fest entschlossen, erst wieder aufzustehen, wenn Anfang Februar mein Geburtstag ansteht. Frau Klammerle und auch mein Arbeitgeber waren von der zwingenden Notwendigkeit, diesen Monat einfach auszulassen, nicht zu überzeugen. Nur deshalb gibt es heute einen Blogeintrag. Eigentlich wollte ich noch im Bett sein.

Wenn Ihr also von heute an nichts von mir hört: Weckt mich nicht.

Enden will ichallerdings mit den Zeilen meines engen Freundes und Leidensgefährten Walther Vogelweide, der missmutig und übellaunig schon vor einigen Jahren dichtete:

„Möchte ich verslâfen des winters zît ! 
wache ich die wîle, sô hân ich sîn nît, 
daz sîn gewalt ist sô breit und sô wît. 

Der Freitagsaufreger (XXVIII) – MarTÜRium

Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!

Der alte gichtgeplagte Herr Chronos stapft zu Jahresbeginn provozierend langsam und schleppend, aber doch beständig durch den eisigen Schnee der Zeit. Und nun ist er doch bald wieder Geschichte, jener deprimierende Januar, der mir Jahr für Jahr außer seiner Länge nur Arbeit und Ärger bringt. Und eine Katze, die wegen des unfreudlichen Wetters zu ungewollter Häuslichkeit gezwungen wird und mich dadurch gerade in ein finanzielles Desaster stürzt.

Winter ist keine Jahreszeit für Amy; sie ist eine Sommerkatze, ein in warmen Sonnenstrahlen eingekuschelt schlafendes, durch dichtes Gezweig schleichendes und Vögel aufschreckendes, in hellen Nächten im Mondlicht badendes Geschöpf. Sie muss im Laub des Kirschbaums sitzen, Mäuse auf den Getreidefeldern belauern oder mir den Platz auf meiner Sonnenliege streitig machen (siehe Abbildung). Sie muss an den frischen Kräutern schnüffeln, die Nachbarshunde ärgern und überhaupt die geheimnisvollen Dinge tun, die Katzen unbeobachtet in lauschigen Sommernächten so anstellen. Drei Viertel des Jahres ist Amy eine glückliche und naturverbundene, überaus elegante Landkatze ohne Verhaltensauffälligkeiten und Marotten. Der Winter jedoch zwingt sie zu einer anderen Lebensweise.  Hin- und hergerissen zwischen ihrem Freiheitsdrang und den Vorzügen meiner Fußbodenheizung will sie zwanzigmal am Tag hinein ins Haus oder eben wieder hinaus. In den Sommermonaten steht unsere Terassentür deshalb meist einen Spalt offen, jetzt ist sie jedoch geschlossen und die Katze muss sich durch Kratzen und Miauen bemerkbar machen, wenn sie ins Freie will oder wieder rein zum Ofen.

Was tagsüber noch angeht, wird in der Nacht zum Ärgernis: Amy weiß, dass die Menschen nun im ersten Stock in ihrem Schlafzimmer liegen und ist nicht so dumm, unten an der Türe zu scheuern: Sie springt stattdessen über einige Umwege auf den Balkon – wie genau ihr das gelingt, weiß ich immer noch nicht – und gelangt dadurch mit Gepolter draußen vor die Balkontür des Schlafzimmers. Hereingelassen wartet sie geduldig, bis ich wieder in meinen Pfühlen liege, dann springt Amy auf meinen Bauch, stampft ein wenig – unser Fachmann und Biologe nennt das Milchtritt – , dann kuschelt sie sich wie ein Nachtmahr, der einem Gemälde des 19. Jahrhunderts entsprungen ist, auf meinen Brustkorb und schnurrt sich und meist auch mich in den Schlaf. Nach einer Weile wird es ihr jedoch zu fade und sie weckt mich dezent. Ich darf sie im Dunkeln die Treppe hinabbegleiten, denn vom Balkon wieder herabzusteigen, ist ihr zu unbequem. Meist machen wir bei unserer nächtlichen Wanderung durchs Haus noch einen spontanen Umweg über Amys Fressnapf, wo sie einen kleinen Mitternachtsimbiss einnimmt, während ich frierend in der geöffneten Haustür stehe und warte, bis sich die Dame endlich zum Verdauungsspaziergang bequemt. Nach etwa einer Stunde steht sie wieder vor der Balkontür und das Spiel beginnt von Neuem.

„Das geht so nicht weiter“, hat Frau Klammerle entschieden. „Wenn wir nicht auf Pförtner umsatteln oder mal einen Urlaub machen wollen, muss Amy eigenständig das Haus verlassen und betreten können. Wir brauchen deshalb eine Katzenklappe. Und bei der Gelegenheit gleich noch eine neue Haustüre.“ Ein strafender Blick traf mich wie jedesmal, wenn das Gespräch auf unsere Eingangstür kommt. Schließlich habe ich sie bei meinem Versuch, in mein eigenes Haus einzudringen, so beschädigt, dass uns jeder fragt, ob sie Einbrecher aufgehebelt hätten (siehe: Meine eigene Dummheit). Zudem sind wir die einzigen in unserer Reihenhaussiedlung, die noch das alte schäbige Alu-Teil aus den 70ern besitzen, das im Winter innen eine Eisschicht bildet und sich im Sommer so verzieht, dass man es nur mit Gewalt aufstemmen kann. Wir fühlen uns schon wie Parias und werden immer häufiger deswegen schräg angesehen.

„Ja. Wir kaufen eine neue Tür“, stimmte ich leichtsinnig zu. Das jedoch ist leichter gesagt als getan. Da ich mich noch nie für den Handel mit Haustüren interessierte, war ich doch überrascht, dass es in der nächsten Umgebung einige Händler dafür gibt, die einen mit dicken Katalogen und einer unübersehbaren Auswahl an Designs und Farbschattierungen, Glasqualitäten und speziellen Dämmeigenschaften überschütten. Erstaunlicher jedoch, dass die Preise bei allen gleich und gesalzen hoch sind; Preise, die die alte graue Scheppertür plötzlich wieder attraktiv wirken lassen. Darauf sollte das Kartellamt mal einen Blick werfen.

Und dann haben wir noch immer keine Katzenklappe! Auch hier ist die Auswahl gigantisch. Frau Klammerle liebäugelt momentan mit einer Variante, die sich nur öffnet, wenn sich unsere Katze ihr nähert, schließlich will sie keine fremden Kater, Wiesel oder Waschbären im Haus. Damit das funktioniert, muss Amy unter Betäubung vom Tierarzt ein Chip implantiert werden, der das Öffnungssignal sendet. Auf diese Weise käme wirklich nur unsere eigene Katze in die Wohnung – und die halbtoten Mäuse und Vögel, die sie im Sommer gerne mal anschleppt. Dazu passt, dass uns einer der Türenhändler ein Schloss andrehen wollte, das ohne Schlüssel nur mittels Fingerabdruckscanner geöffnet werden kann – wahrscheinlich mit Direktleitung zur NSA.

Auf jeden Fall wird uns diese Haustüre so viel kosten, dass wir uns in den nächsten Jahren keinen Urlaub mehr leisten können.

Falls Jan Philipp Reemtsma zufällig mitliest: Bitte, Herr Millionär! Hier sitzt ein katzenfreundlicher Autor, der wie Arno Schmidt dringend eines Gaius Cilnius Maecenas bedarf,um eine kleine finanzielle Durststrecke überdauern zu können. Ich übersende Ihnen gerne meine Bankverbindung und werde einen meiner Söhne nach Ihnen benennen. Hier noch ein Foto von Amy als glücklicher Sommerkatze für Sie persönlich zum Ausdrucken und in den Geldbeutel schieben und in der Bekanntschaft herumzeigen. Katzenbilder, heißt es, rühren das Herz.

amyliege

Der Freitagsaufreger (XXVII) – Alle sind schuld

Wer den Schaden hat, braucht für den nächsten nicht zu sorgen.

Ich bin da einer ganz wichtigen Sache auf der Spur. Es ist nur eine simple Änderung meiner Einstellung und meiner Sicht auf die Dinge vonnöten und ich werde anschließend nie mehr einen Freitagsaufreger schreiben müssen, weil ich er sinnlos geworden ist. Ich werde mein Leben im Griff haben und nie mehr larmoyant – ich liebe dieses Wort – über die Schicksalsschläge jammern müssen, die mir wöchentlich begegnen. Ich will recht verstanden werden: Mein Pech, die Unfälle und Missgeschicke werden nicht weniger werden, ich werde sie nur besser vertragen können, denn ich weiß, dass ich sie nicht verhindern kann.

Das kam so:

Wie in der letzten Woche angekündigt, entwickelt sich auch 2014 der Januar zu einem zwar recht milden – ich liebe dieses Wort! –  aber doch endlosen Monat voller Grausamkeiten und Niederschläge. Es ist heute gerade mal die Hälfte von ihm vorbei und nach den letzten Tagen fürchte ich bereits die noch kommenden. Als wolle der Januar sich an mir rächen, dass ich mich in der letzten Woche wehleidig und despektierlich über ihn äußerte, ihn als übellaunigen und heimtückischen Gesellen darstellte und ihm sogar seine beiden Feiertage absprach (was kümmert mich die Wahrheit, wenn sie meine Beweisführung stört?), quälte er mich in dieser Woche mit einer Reihe von Unglücken.

Es begann am letzten Wochenende, als mich Frau Klammerle überredete, mit ihr gemeinsam zur Rückenmassage zu gehen. In der letzten Zeit sind wohl aus Altersgründen ein paar leicht schmerzende Verhärtungen in meiner Schultermuskulatur aufgetaucht, die sich die Arme hinabziehen, vor allem durch den linken hinab in die Hand, mit der ich beim Autofahren das Lenkrad und beim Computerspielen verkrampft die Maus umklammere, wenn es darum geht, lebende Skelette und Goblinhorden auszumerzen. Klar, so ein Leben als edler Waldläufer geht auch in den Rücken. Leider brachte die Massage keine Verbesserung, sondern eine Verschlimmerung meiner Beschwerden. Ich habe gelesen, dass man das einen „Erstanwendungsschmerz“ nennt. Vielleicht hätte ich gleich mit der zweiten Anwendung beginnen sollen und die erste einfach auslassen; auf jeden Fall knirscht und knackt es jetzt in meiner Wirbelsäule, ich habe zusätzlich Nackenschmerzen und die bösen Buben in meinem Rollenspiel zeigen mir eine lange Nase. Zusätzlich fing ich mir in dem Wellness-Bad, das wir zwecks Rückenmassage aufsuchten, eine lästige Erkältung zu, die noch immer dumpf über der Nasenwurzel hängt und für ein amorphes – ich liebe dieses Wort! – Unwohlsein sorgt. Was sind die Geburtsschmerzen der Frauen schon verglichen mit einer ordentliche Männergrippe?

Am Sonntagabend wollte ich dann mein Auto rückwärts aus der Garage fahren. Weil ich beschäftigt war, gleichzeitig eine andere Musik in den CD-Player zu schieben (Frau Klammerle hatte wieder „Weichspüler“-Poprock gehört und mir stand eher der Sinn nach „Kadavar“ oder „Black Sabbath“), konnte ich meine volle Aufmerksamkeit nicht ganz der Tatsache widmen, dass die Garage doch recht eng ist und der Wagen sehr nah an der Wand stand. Um es kurz zu machen: Der rechte Seitenspiegel ist ganz und gar nicht mehr, was er mal war…

Apropos Glück und Glas: Noch am gleichen Abend sah ich mich gezwungen, aus der Maschine das fertig gespülte Geschirr herauszuräumen, wobei eines der schönen Weingläser zu Bruch ging, weil es zwischen einem Topf und einem Teller eingeklemmt war. Dabei fielen die Scherben in den Innenraum der Spülmaschine. Beim Entfernen derselben schnitt ich mich in die eh schon geplagte Linke. Als ich zurückzuckte, stieß ich unglücklich gegen einen der Geschirrwägen, der kippte und sich scheppernd auf dem Küchenboden entleerte, was weiteren Glas- und Tellerbruch zur Folge hatte.

Ich stoppe hier mal, könnte aber problemlos diese Reihe von Missgeschicken fortsetzen, ich will jedoch nicht noch weinerlicher und wehleidiger rüberkommen als üblich. Die erwähnten Katastrophen reichen für meine Beweisführung. Denn ich stellte im Rückblick etwas erstaunliches fest: An all meinen Unglücken bin ich nie selbst schuld, sondern immer jemand anderer. Die Rückenschmerzen und die Erkältung habe ich, weil Frau Klammerle mich zu einer Massage überredete, der allerersten in meinem Leben. Den Rückspiegel habe ich geschrottet, weil Frau Klammerle das Auto so schlecht parkte, dass es zu nahe an der Garagenwand stand und die Geschirrmaschine räumte ich nur aus, weil sie es mir befahl. Sie hat das Weinglas so fest eingeklemmt, dass es zerbrechen musste und verursachte damit auch die weiteren Scherben.

Wenn es mir also schlecht geht, ich Mist baue oder etwas kaputt mache, bin nie ich selbst verantwortlich, sondern immer jemand anderer. Die logische und eigentlich immer verfügbare Schuldige ist natürlich  die Ehefrau, sie kann ich für die meisten meiner Missgeschicke verantwortlich machen. Dann folgen mein Arbeitgeber, die Söhne, die Katze. Sie zwingen mich zur Arbeit, zum Hausputz, zum Kochen, sie verstecken meine Sachen und drängen mir allerlei sportliche Freizeit-Aktivitäten auf. Wegen ihnen muss ich nachts aufstehen, Einkaufen gehen, Reparaturen im Haushalt erledigen, Holz schleppen und mit komplizierten technischen Geräten hantieren. Würden sie alle mich in Ruhe Nichts machen lassen, würde auch nichts passieren. Nur wo gehobelt wird, fallen Späne. Wenn ich an meinem Großen Meisterroman oder an meinem Blog schreibe, dicke Bücher lese oder Sudokus löse, in finsteren Verliesen Monster metzle oder einfach nur auf dem Sofa liegend eine Beethoven-Sinfonie genieße, passiert nie etwas.

Es hat also keinen Sinn, mich weiter über die Unbilden in meinem Leben aufzuregen, denn ich kann nichts ändern: Schuld an ihnen habe nicht ich, sondern immer die anderen. Die Gesellschaft ist schuld!

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Nachdem ich das erkannt habe, lebt es sich wirklich leichter.

Der Freitagsaufreger (XXVI) – In der Zeitschleife

Der fürchterliche Monat.

Einer der bedauerlichsten Irrtümer der Evolution ist der, dass sie den Menschen nicht wie den Bären, die Maus, den Igel oder das Murmeltier oder auch den Siebenschläfer zum Winterschlaf geführt hat. Man sollte sich diese Tiere als glücklich vorstellen. Der Mensch jedoch muss unverdrossen auch in der kalten Jahreszeit wirken, weben und handeln, leben, lieben, leiden und – frieren. Wie angenehm wäre es, für drei oder vier Monate all die Arbeit, den Ärger, die Politik und die Mitmenschen zu vergessen, sich Anfang November in sein Schlafzimmer zurückzuziehen, noch ein wenig im Zauberberg zu blättern (da macht es nichts, wenn man im Frühjahr nicht mehr weiß, was man gelesen hat), dann gelangweilt und sattsam müde das Nachttischlicht löschen, sich in dicke Federkissen einrollen und bis in den März hinein zu schlafen, um gestärkt gemeinsam mit der Natur wieder zu erwachen.

Gut, ein paar Dinge wären anders, aber wahrscheinlich besser: Man müsste Weihnachen im Sommer feiern, auch alle Geburtstage würden in die schöne Jahreszeit fallen. Herr Putin könnte seine Propagandaspiele in Sotschi vergessen, Frau Merkel wäre nicht beim Langlauf gestürzt. Überhaupt, das unselige Skifahren gäbe es nicht. Die Berge würden nicht von den Dinosaurierskeletten der Lifte und Bahnen verschandelt und durch die Beanspruchung verkarsten, es gäbe keine Glatteisunfälle und Rentnerinvasionen auf Mallorca, man müsste keinen Schnee schippen und Heizöl würde noch ein paar Jahrhunderte länger reichen. Kein Bauer könnte mehr seine Gülle schon im Februar auf die Felder kippen und – welche Erleichterung – den rheinischen Karneval würden ebenfalls alle verschlafen (Statt „Kölle alaaf“ hieße es „Kölle schlaf“). Vielleicht gäbe es auch weniger Kriege, weil die Leute lieber schlafen als kämpfen. Die Verbrechensrate wäre bestimmt geringer; man bräuchte für edle Pelzmäntel keine Tiere schlachten und würde insgesamt länger leben, da uns unser Energiehaushalt zu einem langsameren, ruhigeren Leben zwingen würde.

Man stelle sich nur die heiteren Familienfeste Ende Oktober vor, bei denen man sich von einander verabschiedet und sich gemeinsam seinen Winterspeck anfuttert, um die anschließenden Fastenmonate zu überstehen, die man schlafend und angenehm in seine Pfühle gekuschelt verbringt. Das türkische Zuckerfest wäre dagegen eine Diätveranstaltung. Apropos Diät: Die Winterruhe wäre ein wirklich funktionierendes ‚Abnehmen im Schlaf‘ für jedermann und alle Frauen kämen ohne irgendwelche ‚leckere‘ Diät-Drinks und die Weight-Watchers im Frühjahr mit ihrer Bikinifigur aus dem Schlafzimmer!

Aber es soll leider nicht so sein… Die Tretmühle läuft ohne Pause weiter.

Und der schlimmste dieser Wintermonate ist der Januar, an dem eigentlich nichts zweigesichtiges ist, da er einem tagein, tagaus seine hässliche Fratze entgegenstreckt. Der Januar ist ein Monstrum, ein Unhold. Dass das neue Jahr ausgerechnet mit diesem toten, amorphen und grauen, dabei endlosen Monat beginnen muss, ist mir ein Rätsel. Januar ist kein Neubeginn, er ist noch vollkommener Winter, kalt, düster, sein Wetter grausam und davon, dass die Tage wieder länger werden, merkt man nichts. Der Januar kennt keine Feiertage und keine Lichtblicke, man leidet unter Vitamin-D-Mangel und depressiven Schüben. Er bringt die ersten bedeutenden Schneemengen und viele zusätzliche Arbeiten und Gefahren. Bewegungslos und gleichförmig reihen sich seine kurzen Tage aneinander und die bitteren Nächte werden nicht einmal vom Lichterschmuck wie im Dezember erhellt. Es gibt auch plötzlich keine Glühweinstände mehr, obwohl sie gerade jetzt viel notwendiger sind als während des Advents, in dem normalerweise vorweihnachtliches Tauwetter herrscht.

januar

Warum ist ausgerechnet der Januar einer dieser Monate mit 31 Tagen? Nicht einmal die gnädige Kürze des Februars will er uns gönnen. Warum nimmt man nicht wenigstens diesen letzten Tag und hängt ihn meinetwegen an den Juni? Ein 31. Juni hätte immer schönes, warmes Sommerwetter, aber ein 31. Januar – wer braucht denn den? Gleiches gilt übrigens für den Schalttag Ende Februar, auch dieser ist völlig verschwendet an den Winter und sollte z. B. in den goldenen September verschoben werden. So könnte man durch eine einfache Kalenderänderung dem Jahr zwei weitere schöne Tage hinzufügen. Vielleicht sollte man den Januar gleich zwischen Juli und August legen! Das ist es, dann hätten wir einen Monat mehr Sommer. Warum ist darauf eigentlich noch niemand gekommen? Vielleicht sollte ich mit dieser genial einfachen, aber sinnvollen Forderung einmal zu meinem Bundestagsabgeordneten gehen…

Aber wie immer hört ja keiner auf mich! Nein, der erste Monat des Jahres hat nichts, was mir symphatisch ist, außer an unverdienter Länge hat er von allem zu wenig. Er ist abweisend wie ein verbitterter alter und ungewaschener Mann. Und alle 12 Monate, wenn ich ihn fast schon wieder vergessen habe, tritt er erneut in mein Leben und hockt sich ausdauernd  auf meine Seele und belästigt mich. Ja, wie  gerne würde ich zumindest den Januar verschlafen! Ich habe es versucht, war letzte Woche fest entschlossen, erst wieder aufzustehen, wenn Anfang Februar mein Geburtstag ansteht. Frau Klammerle und auch mein Arbeitgeber waren von der zwingenden Notwendigkeit, diesen Monat einfach auszulassen, nicht zu überzeugen. Nur deshalb gibt es heute einen Freitagsaufreger. Eigentlich wollte ich noch im Bett sein.

Und daher ende ich für heute mit den Zeilen meines engen Freundes und Leidensgefährten Walther Vogelweide, der schon vor einigen Jahren dichtete:

„Möchte ich verslâfen des winters zît ! 
wache ich die wîle, sô hân ich sîn nît, 
daz sîn gewalt ist sô breit und sô wît. 

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