Aber ein Traum …

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Terror in Klein-Venedig – Leseprobe (Teil 6)

[<– Zum 1. Teil]

So, das waren jetzt die ersten 50 Seiten des Romans. Ich denke, da hat man eine ganz gute Vorstellung, wie sich die ganze Sache weiterentwickeln wird. Eine weitere Fortsetzung hat keinen Sinn. Denn wenn ich die Zugriffszahlen auf meinen Blog richtig deute, die mir unmissverständlich zu verstehen geben, dass absolut niemand diesen Text liest, dann sehe ich keinen Grund, hier fortzusetzen. Ich würde mich ja gerne von Gegenteil überzeugen lassen, aber da die wenigen Besucher meines Blogs so stumm wie tote Kartäusermönche sind, werde ich wohl kaum eine Meinung erhalten.

5.

Donnerstag, 02.03.
08.04 Uhr

»Wieviel kostet denn in diesem Jahr eigentlich eine Mass Bier auf der Jakober Kirchweih?«, erkundigte sich die alte Frau zusammenhanglos. »Die wird doch sicher auch jedesmal teuerer, oder?« Sie brachte den Aushilfszusteller Sebastian mit ihrer merkwürdigen Frage durcheinander. Er war damit beschäftigt gewesen,  in seiner komplexen Kopfrechnung zwei Zahlungsanweisungen mit ausgesprochen krummen Beträgen zusammenzuzählen und ihr anschließend den Betrag ihrer Rente passend auszuzahlen. Jetzt musste er noch einmal von vorne beginnen. Ganz kurz und nicht allzu freundlich sah Sebastian die ihn gutmütig beobachtende Oma an, zuckte mit den Achseln und begann von Neuem mit seiner Rechnung; dabei fixierte er einen Fleck an der Tapete.

»Ich weiß nicht genau …,« erwiderte er dann, weil ihm einfiel, sie könnte sein Schweigen als Unhöflichkeit auslegen. Der Kunde ist König, schoss ihm durch den Kopf, auch wenn diese Frau vollkommen verkalkt ist und glaubt, es sei nicht Anfang März, sondern Ende Juli, wenn in jedem Jahr kurz vor den Sommerferien in der Jakobervorstadt mit ein wenig Rummel und zwei Bierzelten Augsburgs ältestes Volksfest gefeiert wurde.

»Früher bin ichimmer gerne mit meinem Mann hingegangen; er hatte von seiner Firma Hendl-Gutscheine. Aber seit seinem Tod nicht mehr. Das ist jetzt schon sechzehn Jahre her«, fuhr die Alte unbeirrt fort. Doch dann zögerte sie: »Oder noch länger. In meinem Alter lässt das Gedächtnis manchmal etwas nach …«

»Fünfundert… sechshundert… fünfzig… siebenhundert«, zählte Sebastian Geldscheine auf die gehäkelte Tischdecke und dachte: Sei höflich, das ist eine nette, alte Dame, die gibt dir bestimmt Trinkgeld.

»Ich hatte heuer noch keine Zeit«, sagte er. »Zehn, fünfzehn, sechzehn …« Die Frau schob ihm mit entschiedener Geste das Hartgeld zu.

»Behalten Sie die Münzen. Reicht das für eine Mass?«

»Ich weiß nicht. Aber ich danke, das ist sehr nett von Ihnen.«

»Warten Sie.«

Sie öffnete ihre Handtasche, die sie griffbereit neben sich auf dem Sofa liegen hatte, und förderte nach ein wenig Kramen noch ein paar Geldstücke zu Tage.

»Das ist nicht nötig«, sagte Sebastian beschämt, »wirklich nicht.« Aber er nahm bereitwillig noch einmal fünf Mark in Empfang, die er in seinen Zustellergeldbeutel zu den anderen Münzen fallen ließ. 15 Mark und ein paar Zerquetschte, das hat sich gelohnt, dachte er und bedankte sich nochmals. »Sie müssen hier noch unterschreiben.« Sebastian reichte der Rentnerin seinen Kugelschreiber und sah ihr, nun schon ungeduldig, bei ihrem umständlichen Namenszug zu, den sie auf jede der Anweisungen setzte.

»Ich hätte aber noch eine kleine Bitte an Sie«, sagte sie dabei. Sebastian verzog einen Mundwinkel. Jetzt kam der Pferdefuß. Ab heute will sie ihre Versandhauskataloge oben an ihrer Haustür abgeliefert haben wie die Alte auf 7b, die mich jeden Tag über die Gicht in ihren Fingern volljammert. »Wenn Sie das Bier trinken, müssen Sie an mich denken. Versprechen Sie es mir?« Sie lächelte traurig und gab dem Zusteller die Zahlscheine zurück. Er sah sie erstaunt an, dann grinste er verlegen zurück. Mit einer flinken Handbewegung trennte er die Belegabschnitte ab und legte sie zu der Rente auf den Tisch. Dann wandte er sich zur Tür.

»Aber ja. Das werde ich sicher tun. Am Wochenende …«

»Wissen Sie, es ist schön, wenn jemand mal wieder an mich denkt. Meine Tochter ist doch gestorben und jetzt bin ich ganz allein.« Sebastian war schon fast in der Tür, als er stehenblieb und nicht recht wusste, was er sagen sollte. Dass er etwas sagen musste, war ihm klar, wenn er nur eine Ahnung gehabt hätte, was. Er blickte zu der Alten zurück, sah ihr mitleidig zu, wie sie sich ächzend vom Sofa erhob und ein paar zögernde Schritte durch ihr Wohnzimmer machte. Sie schien dabei Schmerzen zu haben. Eine zerbrechliche, kleine Frau, dachte er, wie alt mag sie sein? Wie kann sie auf diese Weise leben? Die Alte winkte ihn zurück. »Da schauen Sie doch«, sie deutete auf eine Fotografie an der Wand, eine Amateuraufnahme in einem einfachen Glasrahmen, »Irene ist im letzten März gestorben, letztes Jahr … glaube ich.«

Sebastian sah flüchtig auf das Bild, das ihm nichts, der alten Frau so viel sagte. Er studierte die Portraitaufnahme einer etwa vierzigjährigen, wohlgenährten Frau, sie war blond, rotwangig und gut aufgelegt gewesen. »Das … ah, das tut mir leid. Mein Beileid«, zögerte er, fiel aus der Rolle des geschäftsmäßigen, flinken Zustellers, der in Gedanken bereits drei Häuser weiter beim nächsten Einschreiben ist.

»Sie fehlt mir.« Sie hatte nun eine Stimme wie ein Hauch; gebrochen, rauh, selbstvergessen.

»Das verstehe ich. Solch ein Verlust …«, erwiderte Sebastian viel zu laut und es gelang ihm nicht, dabei wirklich bekümmert zu klingen. Er sah nochmals auf das Foto, verlegen auf der Unterlippe kauend. Er hatte kein Verhalten für solch eine Situation parat. Also ging er rückwärts aus der Wohnung, floh beinahe, beschämt ein Abschiedswort murmelnd, sich noch einmal bedankend. Er hatte nicht einmal gefragt, woran die Tochter, die auf dem Foto so gesund und glücklich aussah, gestorben war.  Erst später wurde ihm bewusst, dass die alte Frau laut um Hilfe gerufen und er sie nicht gehört hatte, nicht hören wollte. Sebastan trank selbstverständlich kein Bier auf der Kirchweih, die eh erst in vier Monaten ihre Bierzelte öffnen würde, aber den Auftrag der Rentnerin, an sie zu denken, befolgte er gewissenhaft. Sie quälte sein Gewisssen, solange er die Post in dem großen Wohnblock zustellte, in dem sie wohnte.

*

Häuser hatten einen neuen Charakter für Sebastian bekommen, seit er wegen seiner chronischen Finanzschwäche bei der Post arbeiten musste und in wechselnden Bezirken in nur allzu bekannten Straßenzügen seiner Heimatstadt Briefe und Zeitschriften zustellte. Die Häuser begannen für ihn lebendig zu werden. Diese Gebäude, an denen er bisher achtlos vorbeigegangen war, bekamen plötzlich ein Innenleben, eine Struktur, eine Bedeutung. Es gab Häuser, die er mochte, die er gerne betrat, andere hasste er. Das war unabhängig von ihren Bewohnern, sondern beruhte auf den Schwierigkeiten, die er dabei hatte, sie zu betreten. Oft hatte er keinen Schlüssel und musste Reihen von Klingelknöpfen durchprobieren, bis ihm jemand die Gnade erwies, ihn hereinzulassen. Da er aber einen festen, knapp bemessenen Stundensatz bezahlt bekam und es sein Privatvergnügen war, ob er ihn über- oder unterbot, war er immer in Eile und nahm jede Verzögerung als einen persönlichen Angriff auf seine knapp bemessene freie Zeit. Ein eigenes Thema waren die Briefkästen. Nach ein paar Monaten bei der Post ertappte er sich, wie er ganz automatisch auch nach Feierabend begann, Häuser nach ihnen zu beurteilen. Entscheidend war, ob es eine außen angebrachte Anlage war, an der Front  des Hauses oder am Rückgebäude, ob sich die Briefkästen an mehreren Eingängen verteilten, ob sie sauber und auf neuestem Stand beschriftet und ihr Öffnungsspalt groß genug war, auch Langholz, also Sendungen im DIN A4-Format, aufzunehmen. Langholz, das war Zustellerslang. Er sprach ihn schon perfekt. Es gab  Kästen mit rasiermesserscharfen Klappen über den Öffnungschlitzen, die ihm beim Zurückfallen auf die Finger schlugen und sie aufrissen oder die eingeklemmte Zeitschrift so nach unten bogen, dass sie wieder herausfiel. Häufig standen die Namen auf diesen Klappen, die durch das Langholz nach innen gedrückt und damit nicht mehr lesbar waren, was vor allem bei Hochhausanlagen ärgerlich war. Es gab Anlagen, deren unterste Kästen in Kniehöhe angebracht waren oder sich auf zwei Seiten aufteilten. Manche Kästen wurden nur einmal in der Woche geleert oder die Tageszeitung füllte sie. Zwei, dreimal in der Woche steckten Werbeblättchen zur Hälfte in den meisten Schlitzen, verdeckten die Namen und erschwerten Sebastians Arbeit. Oft standen Kinderwägen oder stinkende Mülltonnen im Weg. Sebastian hatte es nicht für möglich gehalten, dass er ein solch persönliches, animistisches Verhältnis zu diesen toten Gegenständen entwickeln könnte. er hatte tatsächlich angefangen, mit ihnen zu reden.

Dann, wenn er länger als nur ein paar Tage in einem Zustellbezirk war, begann er die Menschen kennenzulernen, die sich in seiner Vorstellung mit dem Charakter der Häuser verbanden und Teil von ihnen wurden. Manche bekam er nie zu Gesicht, sie blieben nur ein Name, der durchaus kein Omen war. Oft war allerdings schon an Haus, Briefkasten und Fußabstreifer zu erkennen, ob jemand auf Bayernkurier, die ZEIT oder den Spiegel abonniert war. Übrigens hatte niemand alle drei oder auch nur zwei dieser Zeitschriften gleichzeitig bestellt. Andere sah er täglich und viele kosteten ihn Nerven und Zeit, ohne sich dessen bewusst zu sein. Geschäftsinhaber wollten ihre Post persönlich auf dem Schreibtisch oder doch zumindest bei einer Sekretärin abgegeben, selbst wenn sie Briefkästen hatten. Diese waren jedoch nicht die Schlimmsten, wurden nur unangenehm, wenn er einen Fehler machte und ihnen falsche Post zustellte, was immer wieder passierte. Einmal hatte er versehentlich ausgerechnet einem katholischen Pfarramt ein dezent verpacktes Pornoheft, das für einen Sexshop ein Haus weiter bestimmt war, zugestellt. Das Entsetzen der Haushälterin, die die Sendung öffnete und so etwas wahrscheinlich noch nie zu Gesicht bekommen hatte, führte zu einer ernsten Beschwerde bei seinem Vorgesetzten, dem sogenannten Qualitätsmanager, der ihm gehörig die Leviten las, mit seiner Kündigung drohte und ihn anschließend ein paar Mal im Bezirk abpasste und kontrollierte.

»An Oliver Heyse, Berliner Allee 26 k, 1. Stock rechts«, las Sebastian auf dem schmutzigbraunen Umschlag eines dicken Einschreibens im Din-A4-Format. Er war inzwischen in seinem Hauptzustellgebiet, der sogenannten Klein-Venedig-Wohnanlage angekommen. Neben Wertbriefen, Geldanweisungen, Postzustellungsur­kunden (kurz ZU’s) und den unhandlichen Babykostprobepäckchen von Milupa, im Zustellerjargon liebevoll Rammlerpackungen genannt, waren Einschrei­ben die ungeliebteste Postsache der Zusteller, weil sie viel Zeit in Anspruch nahmen. Donnerstags war zudem oft Gerichtstermin und an diesem Tag gab es viele Post­zustellungsurkunden als Einschreiben. Sebastian hatte heute bereits den zwölften dieser blauen Briefe zugestellt. Das bedeutete viel Arbeit an einem Tag, an dem auch die ZEIT, die wahrscheinlich unhandlichste Zeitung, die es in Deutschland gibt, und bereits einige Fernsehzeitschriften ausgetra­gen wurden. Wenn sich dann zufällig auch noch wie heute die Einschreiben häuften, würde er bis in den späteren Nachmit­tag Post austragen müssen. Da man ihm ja nicht seine tatsächliche Arbeitszeit, sondern fest 38,5 Stunden bezahlte, war er natürlich immer bemüht, diesen Satz zu unterbieten. Dieser Kampf mit der Zeit wurde ihm manchmal ganz schön sauer: Zu jedem Einschreiben musste der Zu­steller ein kleines rosa Formular ausfül­len, das der Empfänger zu unterschrei­ben hatte, und, falls dieser nicht zu Hause war, hatte Sebastian zusätzlich eine weiße Benachrichtigung zu hinterlassen, dass das Einschreiben innerhalb von sieben Werktagen bei der Post abzuholen sei, bevor es zu­rück an den Absender gehe. Der Sender dieses Einschreibens in seiner Hand trugden seltsamen Namen Klaus Wen­dlbaur. Sebastian nahm ein kleines grünes Notizbuch in die Hand, in dem er flink mit seinem weißen Postzustellerkugelschreiben diesen Namen vermerkte. Er tat dies, weil er, seit er bei der Post war, ungewöhnliche Namen sammelte. Da er als Aus­hilfsbriefträger in schöner Regelmäßigkeit durch die Zustellbezirke der Stadt wechselte, hatte er schon eine wunder­schöne Sammlung erstellt. Weil er schon dabei war, schrieb er verbotenerweise auch gleich die Benachrichtigung und heftete sie mit einer Büroklammer an das Einschreiben. Diese durfte man in der Theorie erst dann erstellen, wenn man tatsächlich niemanden in der Wohnung des Empfängers antraf, aber Sebastian hatte festgestellt, dass es wesentlich einfacher und zeitsparender war, sie schon früher, am Besten am Morgen beim Sortieren im Postamt vorzubereiten, als sie im Stehen vor einer Haustür hinzu­kritzeln. Denn dann brauchte er nur noch kurz zu klingeln, bis drei zu zählen, die Benachrichtigung in den Briefkasten wer­fen und weiter ging sein Tag. Erst einmal war es ihm passiert, dass jemand im Schlafanzug schimpfend hinter ihm herkam.

Sebastian seufzte und studierte die Reihe der Klingelknöpfe. Neben dem Namensschild von Heyse befand sich das von einem gewissen Roman Schwerstgeburth, der wohl sein Nachbar zur Linken war und dem der Aushilfspostbote noch nie etwas zugestellt hatte. Denn daran würde er sich erinnern. Schwerstgeburth – was für ein Name! Sebastian musste ihn sich sofort notieren. Wendlbaur, Schwerstgeburth, herrlich. Der Tag ließ sich gut an. Dann läutete er bei Heyse und überraschenderweise summte sofort der Türöffner, als habe man ihn bereits erwartet.

ENDE
DER LESEPROBE

 

Terror in Klein-Venedig – Leseprobe (Teil 5)

[<– Zum 1. Teil]

4.

Klaus Wendlbaur, ein achtundsechzigjähriger, breiter Rentner und Witwer mit einer häßlichen, feuerroten Narbe quer über der Stirn, die er sich im Krieg zugezogen hatte, fühlte sich nur wenig erleichtert, als er die Grottenaupost verließ und sich nach rechts wand. Ob­wohl es ja ein ungewöhnlich warmer Tag für diese Jahreszeit war, fröstelte ihn und er vergrub sich tiefer in seinen Trenchcoat. Er hatte zwar Oliver Heyses Wunsch erfüllt und dessen brisante Unterlagen per Einschreiben an ihn zurückge­schickt, aber er machte sie ernste Sor­gen um den Vetter seiner vor über zehn Jahren verstorbenen Frau, der sich nach einer längeren Frist so plötz­lich bei ihm gemeldet und ihm eine phantastische Geschichte erzählt hat­te. Es war wahrscheinlich ein Fehler ge­wesen, dieses geheime Grundsatzpa­pier der ASO nicht zu kopieren, jedoch­ wehrte sich jede Faser in ihm, mit der ganzen Angelegenheit etwas zu tun zu haben. Wenn Heyse nicht übertrieben hatte und jene seltsame Vereinigung von Augsburg-Freunden, an die er geraten war, tatsächlich so radikal und extremi­stisch wie in ihrem Manifest war, dann schwebten sie unter Umständen beide in tödlicher Gefahr. Nun, heute Abend würde er sich ja mit Heyse treffen, dann würde er ihm si­cherlich die Andeutungen erklären, die er gestern spät in der Nacht merkwür­dig gehetzt und kurz angebunden am Telefon gemacht hatte. Wendlbaur wusste nur, dass es um die Verleihung des Brechtpreises am Wochendende ging.

An der Kreuzung hielt er sich rechts und betrat die Annastraße, Augsburg Haupteinkaufsmeile. Er är­gerte sich kurz darüber, dass sein altes Postamt an der Kreuzung Frauentor­straße/Pfärrle geschlossen worden war. Dort war jetzt ein übrigens gut ausgestattetes Schreibwarengeschäft. Deshalb musste er jetzt wegen eines Einschreibebriefes bis in die Stadt ge­hen. Er ging beim Attinger vorbei und sein Blick streifte oberflächlich über die Auslagen. Er konnte es nicht genau festmachen, aber irgendein Reflex im Spiegel der Schaufensterscheiben ließ ihn aufmerksam werden. Es war mehr ein Gefühl als eine Gewissheit, aber in diesem Augenblick war er sich plötzlich sicher, verfolgt zu werden. Das ist verrückt, dachte er bei sich, jetzt lasse ich mich schon von Olivers Psychosen anstecken. Terroristen von der Augsburger Separatisten Organisa­tion!, das war wirklich lächerlich. So et­was gab es nur in schlechten amerika­nischen Fernsehserien. Trotzdem ging er sehr unsicher wei­ter, immer versucht, den Kopf blitz­schnell zu drehen und den hinter ihm gehenden Menschen ins Gesicht zu sehen. Er zwang sich jedoch, dieser Versuchung nicht nachzugeben, damit er, falls er tatsächlich einen Verfolger hatte, nicht verriet, dass er ihn bemerkt hatte.

Erst in der Hartmannpassage blieb er vor einem Ssgaufenster des Spielwarengeschäfts stehen und tat so, als würde er sich für die ausgestellten Brettspiele interessieren. Dabei sah er, wie er meinte, unauffällig zurück. Es waren heute viele Leute unterwegs, aber niemand sich um ihn zu küm­mern. Die Menschen, die an ihm vor­beigingen, starrten ihm zwar nahezu ausnahmslos ins Gesicht, aber daran war er wegen seiner auffälligen Narbe ge­wöhnt. Er musste sich also getäuscht haben. Trotzdem blieb ein großer Zweifel in ihm und er spürte, während er anschließen die Passage verließ und den Rat­hausplatz querte, einen bohrenden Blick in seinem Rücken. Für einen Mo­ment wühlte wieder Angst in seinem Magen.

Ein Straßenbahnwagen der Linie Zwei näherte sich gemütlich vom Moritzplatz her der Rathaushaltestelle. Wendlbaur begann zu schnel­ler zu gehen, um sie noch zu errei­chen. Die Bahn hielt mit stotterndem Quietschen vor dem großen Tor des gewaltigen Renaissance-Rathauses und öff­nete zischend ihre Türen. Er lief um den hinteren Teil der Tram herum, dabei warf er wieder einen Blick hinter sich. Niemand hatte wie er seinen Schritt beschleunigt und Wendlbaur war auch der letzte, der hinten in den Wagen stieg. Die Bahn war nicht sehr voll, trotzdem blieb der ältere Mann auf der hinteren Plattform stehen; es lohnte nicht, sich für die drei Stationen, die er fahren wollte, zu setzen. Er streckte sich nach einem Haltegriff, die Türen schlossen sich, die Tram fuhr an, am Perlachturm vorbei, die Karolinenstra­ße hinab. Wendlbaur fühlte sich erleichtert. Ihm war, als wäre ihm ein tonnenschweres Gewicht von der Seele genommen.

Da kreuzte er den scharfen Blick eines ungewöhnlich muskulösen, breitschultrigen Mannes, der ihn schon fixiert hatte, als Wendlbaur eingestiegen war und Panik brannte wie Sodbrennen seinen Schlund empor. Fast hätte er um Hilfe geschrien. Der brutal wirkende Bodybuilder stand bei der nächsten Tür, lässig gegen eine Stange gelehnt, die Arme verschränkt. Wie er es bei der ruckelnden Fahrt um die Domkurve fertigbrachte, scheinbar mühelos im Gleichgewicht zu bleiben, als wäre er mit dem Boden und der Haltestange verwachsen, war dem Wit­wer ein Rätsel. Natürlich, jetzt fiel es ihm ein. Dieser Muskelberg war vorhin in der Passage an ihm vorbeigegangen und er war der einzige gewesen, der ihn nicht beachtet hatte. Das hätte ihn gleich stutzig machen sollen. Er hatte sich also doch nicht geirrt! Sein Verfolger war nur nicht hinter, sondern vor ihm gewesen, hatte wahr­scheinlich auch schon gewusst, dass der Rentner mit der Zweier heimfahren wollte. Und nun starrte er ihm frech in die Augen und grinste breit. Er sah dabei wie ein Affe aus, ein roher, brutaler Gorilla, der das Rückgrat eines alten Mannes wahrscheinlich wie ein Streichholz brechen konnte. Wendlbaur konnte diesem grausa­men Blick nicht standhalten und senkte die Lider.

Was nun, was konnte er tun? Er war ein alter Mann, gegen solch ein Tier hatte er nicht den Hauch einer Chance. Und weshalb verfolgte ihn die­ser Body-Builder? War das vielleicht doch einer dieser Terroristen von der ASO, von denen Heyse gesprochen hatte? War es klug, an seiner Zielhalte­stelle auszusteigen oder nicht vielleicht besser, einfach weiter zu fahren und ir­gendwo zu versuchen, den Verfolger abzuschütteln? Die Entscheidung wurde Wendelbau­er auf überraschende Weise abgenom­men: Die Tram hielt vor dem Englischen Institut und der vermeindliche Verfolger stieg lächelnd aus. Er ging draußen am Wagen entlang; als er an dem Wit­wer vorbeikam, sah er ihn noch einmal kurz an und fletschte dabei wie ein Raubtier die Zähne. Die Bahn setzte sich wieder in Bewe­gung und Wendelbauer sah hinter dem Fleischberg her, der nun über die Straße ging und ihm nun den Rücken zuwandte. Er atmete erleichtert aus und drückte den Halteknopf. Sein Herz pochte noch immer bis zum Hals. Dieses Wechsel­bad der Gefühle war fast zu viel für ein schwaches Herz. Sein Arzt hatte ihm schon vor geraumer Zeit jede Aufre­gung verboten. Innerlich schimpfte er auf Heyse, der ihn mit seinem Verfolgungswahn infi­ziert hatte. Was war heute nur mit ihm los? Überall sah er Verbrecher, die es auf ihn abgesehen hatten.

Als er am Fischertor ausstieg, fiel ihm auf, dass er vor lauter Aufregung ver­gessen hatte, seine Streifenkarte abzustempeln. Ein wenig schämte er sich, dass er die VGA betrogen hatte und er ent­schloss sich, bei seiner nächsten Fahrt eben zwei Streifen mehr zu entwerten. Er ging die Frauentorstraße hinunter und dann in die Georgenstaße, in deren Mitte er gegenüber der Kirche wohnte. Niemand verfolgte ihn, da war er ganz sicher.

Sie wartete auf ihn in dem Torbogen, durch den er gehen musste, wenn er in seine Wohnung wollte. Die Eingangstür war auf der Rückseite des Hauses. Er sah sie erst, als er praktisch vor ihr stand. Er erkannte sie sofort, obwohl er ihr nur einmal begegnet war. Eine Frau wie sie vergaß ein Mann nicht. Obwohl Wendlbaur alt war, war nicht unempfindlich für ihre offenherzig zur Schau gestellten Reize. Er muster­te sie und war erstaunt, wie ruhig er plötzlich war. Sie trug ein hautenges, tief ausgeschnittenes Minikleid und schwarze Seidenstrümpfe, die ihren wohlgeformten Körper und das perfekte Rund ihrer Brüste hervorragend zur Geltung brachten. Sie sah trotz ihrer Aufmachung kein bißchen nuttig aus, sie trug diese Kleidung mit nachlässi­ger Eleganz. Auf ihrem engelhaften Gesicht erschien ein bezauberndes Lächeln.

»Wir haben uns schon lange nicht mehr gesehen, Herr Wendelbauer«, sagte sie ruhig und kam noch näher. Der unauffällige Hauch ihres herben Parfüms gelangte in sein Bewußtsein. Der Mund des Rentners wurde trocken. Wie war es einem so faden und unauf­fälligen Mann wie es Oliver Heyse nur gelungen, eine Liebesbeziehung zu dieser Frau zu beginnen? Dabei war der Vetter seiner Frau auch noch zehn oder mehr Jahre älter als sie.

»Guten Tag, Julia«, sagte er mit brüchiger Stimme. »Es ist nett, dass sie wieder einmal bei mir vorbei schauen.« Plötzlich begann er zu verstehen. Ihre grünen Augen blitzten schelmisch auf. Wendlbaur fiel auf, daß die dunklen Ringe unter den Augen keine Schminke, sondern ein Zeichen ihrer Übermü­dung waren. Julia legte den Kopf schief und ein Schwall roter Locken schmiegte sich auf ihre rechte Schulter. Ihr feuchter, roter Mund klaffte einen Spalt auseinander und für einen Moment konnte Wendlbaur ihre Zungenspitze sehen. Welches perverse Vergügen hatte sie dabei, ihn zu reizen?

»Ich würde mich gerne mit Ihnen unterhalten, Klaus. Es geht um Oliver«, sagte sie und sah an ihm vorbei. Ein kurzer, scharfer Fußtritt war hinter ihm zu hören. Wendlbaur brauchte sich nicht um­zudrehen, er wusste, wer hinter ihm stand und er zuckte nicht einmal zu­sammen, als ihn eine behaare, riesige Hand am Oberarm packte. Er blicktekurz zu dem Body-Builder, der nun ne­ben ihm stand.

»Julia, was hast du getan? Was ist mit Oliver?«, fragte der Rentner matt.

Ihre Stimme wurde noch sanfter. »Lassen Sie uns in Ihre Wohnung ge­hen, dort können wir besser reden. Darf ich ihnen übrigens Erwin vorstel­len; er ist ein guter Freund.«

Klaus Wendlbaur war kein Held. Nach einer Viertelstunde erzählte er Julia alles, was sie wissen wollte. Erwin brauchte kaum nachdrücklicher zu wer­den. Doch dann hörte das Herz des Witwers plötzlich auf zu schlagen und er kippte vornüber vom Sofa auf den Teppich. Eine Weile ruderte er noch epileptisch mit seinen Armen und Beinen. Dann wurden seine Augen starr. Julia glaubte erst an einen Trick, dann suchte sie vergeblich an seiner Hals­schlagader nach seinem Puls. Sie wechselte einen überraschten Blick mit ihrem treuen Helfer, anschließend zuckte sie mit den Schultern. Sie sah hinunter auf die zusammengesunkene Leiche. Dieser Zufall nahm ihr viel Arbeit ab. Wendlbaur war nur ein weiterer alter Mann, der in seiner Wohnung einem Herzanfall erlag. Für einen Moment regte sich tatsächlich ein wenig Mitleid in ihr, obwohl sie nur ein paar Minuten vorher die feste Absicht gehabt hatte, Wendlbaur zu töten. Schnell schüttelte Julia dieses unerwünschte, ihr fremde Gefühl ab und begann sorgfältig, ihre Spuren zuvernichten und evenuelle Fingerabdrücke abzuwischen. Auch wenn sie zu spät gekommen war, Roman würde mit ihr zufrieden sein. Nun musste sie nur noch morgen in Olivers Wohnung auf den Postboten mit dem Einschreibebrief warten.

*

Die Untertassensektion der U.S.S. Enterprise-D hatte sich gerade vom Rumpf getrennt und war auf volle Im­pulsgeschwindigkeit gegangen, als es zum gefürchteten Warpkernbruch kam, sich Materie und Antimaterie vermischten und der untere Teil des Raumschif­fes explodierte. Die Druckwelle erfaßte die nicht schnell genug fliehende Untertasse und trieb sie wie ein trockenes Blatt vor sich her in die Atmosphäre eines Pla­ neten, wo sie in gebirgiger Landschaft abschmierte. Während die Brückenbesatzung unter dem Konstruktionsfehler aller Enterpri­semodelle, nämlich den fehlenden Sicherheitsgurten, litt und durch die Luft geschleudert wurde, suchte Anna, im­mer wieder von der Zerstörung ihres Lieblingsraumschiffes ergriffen, er­schaudernd nach Sebastians Hand. Sie ergiff sie, ohne den gebannten Blick von dem Geschehen auf der Kinoleinwand zu lassen. Erst als sie spürte, dass seine Hand ihren Druck unerwidert ließ und schlaff blieb, run­zelte sie verwundert die Stirn und warf einen kurzen Blick zu ihm.

Tief in den Sitz gerutscht, den Kopf nach hinten auf die Rückenlehne ge­sunken, schlief er fest und schnarchte sogar ein wenig. Anna stieß ihn belei­digt mit dem Ellbogen in die Seite. Sebastian zeigte keine Reaktion. Als er dann gegen Ende des Filmes endlich erwachte, war der Platz neben ihm leer; Anna war beleidigt und vor Wut kochend gegangen. James T. Kirk starb gerade feist lächelnd unter einem großen Haufen ro­stigen Alteisens. Obwohl er zwanzig Meter in die Tiefe gestürzt war, war sein Toupet nicht verrutscht.

»Das war ein Spaß«, waren seine letzten Worte. Sebastian konnte ihm nicht zustimmen. Er hatte extra auswendig gelernt, wie die Eltern von Spock (Sarek und Amanda) hießen und nach wem die Jeffries-Röhre (nach dem Bühnenbildner Matt Jefferies, dem Designer der ersten Enterprise) benannt war. Wehmütig zuckte er mit dem Achseln und verließ fünf Minuten vor Schluss das Kino. Es war an der Zeit, so schnell wie möglich ins Bett zu kommen. Er fragte sich, warum er an diesem Tag über­haupt aufgestanden war.

[Zum 6. und letzten Teil der Leseprobe …]

Terror in Klein-Venedig – Leseprobe (Teil 4)

[<– Zum 1. Teil]

3.

Aschermittwoch, 01.03.
13.20 Uhr

Der erste Tag der Fastenzeit brachte einen herrlichen und warmen Frühlingstag nach Augsburg, der einem starken Föhnsturm in den Alpen zu verdanken war. Geschäftstüchtig und eilig hatten die Caféhausbesitzer in der Maximilian­straße ihre Tische ins Freie gestellt. Wer hier nach zwölf Uhr seinen winterlichen Vitamin-D-Mangel beheben wollte und noch einen der begehrten Sonnenplätze erhaschen wollte, suchte bereits vergebens. Wer zu spät kam, den bestrafte nicht gerade das Leben, aber er musste drinnen im Schatten sitzen.

Schorre Hauser hockte nun schon seit über einer Stunde in der Sonne vor dem Sommacal, rauchte seine selbstgedreh­ten, stinkenden Zigaretten und nippte vorsichtig an seinem inzwischen abgestandenen Pils. Er hatte nicht genug Geld in der Tasche, um sich ein weiteres Bier leisten zu können. Ab und an verteidigte er mannhaft den Sitzplatz neben sich, auf dem er deutlich sichtbar die Augsburger Allgemeine von heute ausgebreitet hatte. Trotzdem versuchte man immer wieder, ihm den weißen Plastikstuhl abspenstig zu ma­chen und zu entführen. Schorre wartete auf seinen Freund Seba­stian, der jetzt seit fast einer Stunde überfällig war und wie immer zu spät kam. Ihm gegenüber an dem runden Tisch sa­ßen zwei Männer in wie lackiert glänzenden, blauen Anzü­gen und farbenfrohen Krawatten. Schorre schätzte sie zielsicher als Versicherungs­vertreter ein. Obwohl sie mit dem Rücken zur Sonne saßen, trugen sie spiegelnde Zuhälter-Carrera-Sonnenbrillen, in denen sich der junge Maler viermal erkennen konnte. Das Paar zogen über gemeinsame Bekannte und Kunden her, trank Espresso und Prosecco. Ab und an sahen sie wie gehetzt die Maximilianstraße hinab zu ihren in der Nähe parkenden Sportwägen, ob sich viel­leicht eine Politesse näherte. Natürlich hatten sie keinen Parkschein gezogen. Würde eine der städtischen Parkwächterinnen die Maximilianstraße kontrollieren, würden sie eilig aufspringen, in ihre Autos steigen und eine Runde um den Block fahren. Schorre schielte auf ihre Requisiten, die sie zur neidvollen Ansicht vor sich auf dem Tisch ausgebreitet hatten: Forbes-Magazin, die Schlüssel ihrer BMW’s und, unvermeidlich, ihre klobigen Handys. Heute Morgen hatte er in einer Zeit­schrift gelesen, amerikanische Wissenschaftler hätten festgestellt, die elektromagnetischen Felder der Handtelefone würden in einer Frequenz strahlen, die Gehirnströme beeinflusse und Krebszellen und Tumore zum Wuchern bringen. Ihm als Salonrevolutionär gefiel dieser Gedanke, dass diesen Schmarotzern ein kurzes Leben drohte.

Schorre sah auf seine Armbanduhr.

Jetzt war es schon halb zwei Uhr. Er beugte sich vor und sah hinüber zum Café Stadler. Dort hielt Claus Scheele im Freien Hof und diskutierte leidenschaftlich mit fünf oder sechs Leuten. Drei von ihnen kannte Schorre. Es waren der zynische ältere Beamte Nikolaus Klammer, der immerhin vorhin freundlich zu ihm herübergegrüßt hatte, neben ihm Siegfried Sontheimer und dessen enger Freund Horst Favelka, allesamt erfolgreiche Kunst- und Kulturschaffende in Augsburg. Schorre seufzte neidisch und nahm erneut seine Zeitung zur Hand. Zum wiederholten Mal überflog er die Überschriften des Lokalteils. Allzu viel hatte sich gestern nicht ereignet. Einige Zugereiste, ernsthafte Honoratioren des Augsburger Karnevalvereins und zwei oder drei Einheimische hatten in einem abgesperrten Bereich auf dem Rathaus­platz das Ende des Faschings mit der den Augsburgern eigenen Ausgelas­senheit und Geselligkeit in nahezu rhei­nischer Fröhlichkeit gefeiert und kehrten nun zu ihrem Alltag zurück, den der Rest der Bewohner dieser Stadt nie verlassen hatte. Diese Karnevalszone (KZ) hatte man längst wieder abgebaut.Hauptthema auf der letzten Seite der AZ war die Aktion Autofasten, in der die Augsburger überredet werden soll­ten, ihre Autos bis zum 15. April mög­lichst in der Garage zu lassen. Natür­lich waren alle Befragten für solch eine Aktion, an der sie aber zu ihrem Bedauern nicht teilnehmen konnten und die genauso gut gemeint wie erfolglos war.

Die Kripo hatte in der Nacht zum Faschingsdienstag ein illegales Glückspiel in einer Spielhalle am Schmiedberg ausgehoben, dabei Unterlagen der – wie es hieß – Wettmafia konfisziert und einige Verdächtige Serben festgenommen. Die schwarze Nachricht des Tages war die übrigens die kleine, versteckte Mitteilung, dass die Augsburger Brauereien mit dem heutigen Tag ihre Bierpreise an­hoben. Schorre schielte traurig auf sein Pils, dessen Preis das Sommacal be­reits im letzten Monat vorsorglich er­höht hatte. Eigentlich konnte er sich so einen Nachmittag im Café nicht mehr leisten, seit er sich von seiner Freundin getrennt hatte. Wenn es ihm nur gelingen würde, sich endlich das Rauchen abzugewöhnen!

Da sah er endlich Sebastian, er rann­te vom Moritzplatz kommend mitten auf der Straße. Das war eine symbolische Tat. Er setzte sich dieser Gefahr nur aus, weil er demon­strierten wollte, dass seine Verspätung nicht seine Schuld war und er sich wirklich anstrengte, noch rechtzeitig zu kommen. Schorre war ihm nicht böse, obwohl er diesen Trick kannte und wusste, dass es Sebastians hart­näckigste Eigenart war, unpünktlich zu sein So war sein Freund eben, er hatte sich in den Jahren, in denen er ihn kannte, längst daran gewöhnt.

Sebastian warf seine Jacke nachlässig über die Stuhllehne und ließ sich abge­hetzt auf den freien Platz neben Schorre fallen. Noch bevor er zu Atem und zu einer Begrüßung gekommen hatte, stand schon der quirlige Kellner am Tisch.

»Kaffee. Viel Kaffee«, sagte Seba­stian keuchend. »Eine Portion«, erwiderte der Kellner und trat ab.

»Ist das heute ein Wetterchen! Meine Jacke habe ich umsonst mitgenommen.« Sebastian bemerkte die hocherhobenen Augenbrauen und hob die Hand. »Ich bin spät, ich weiß. Und es tut mir leid.« Schorre lehnte sich zurück. Jetzt kamen die Ausreden. Sebastian fuhr zweigleisig. Zum einen machte er sei­nen Vater verantwortlich, der ihn den ganzen Vormittag beschäftigt hatte, zum anderen gab er, und das war neu, sich selbst die Schuld. Auch wenn sein Argument merkwürdig klang:

»Seit die Einser verlängert wurde und die Endhaltestelle nur noch zweihundert Meter von meiner Wohnung ent­fernt ist, komm ich regelmäßig zu spät. Ich muss jetzt nicht mehr umsteigen und habe ständig das Gefühl, ich woh­ne näher an der Stadt.« Der Kellner brachte den Kaffee und zwang Sebastian zu einer Pause, die Schorre dazu nutzte, zu Wort zu kommen.

»Was macht dein Roman?«, fragte er wie jedes Mal und eröffnete damit ihr übliches, nicht ernst gemeintes Geplänkel. Während andere Leute sich zur Eröffnung über das Wetter unterhielten, waren die beiden daran gewöhnt, sich gegen­seitig zu ärgern.

»Es geht voran«, antwortete Sebastian vage.

»Ach komm! Seit du vor acht Jahren vor Publikum aus ihm gelesen hast und Alfons Andernaj ihn in der AZ positiv rezensierte, hast du doch vor Stolz – oder sollte ich Faulheit sagen? – kaum mehr eine Zeile hinzugefügt.«

»Und du? Seit Harry Meyer dir alle Kunstpreise vor der Nase weg­schnappt, ärgerst du dich nur noch neidisch, aber du malst nicht mehr, sondern wilderst in meinem Metier«, retournierte Sebastian.

»Ist doch wahr!« Schorre schlug mit der flachen Hand auf den Plastiktisch, dass die Gläser schepperten und Seba­stians Kaffee überschwappte. Er be­kam von den anderen am Tisch böse Blicke und sprach merklich kleinlauter weiter:

»Harrys Karriere beweist doch nur, dass in diesem kulturellen schwarzen Loch nicht die Qualität, sondern nur Beharrlichkeit und Beziehungen zäh­len. Wenn dein Zug einmal durch Zufall doch ins Rollen kommt, dann springen natürlich alle auf und haben es immer schon gewusst. Und Harry trägt jetzt die Nase zehn Zentimeter höher. Er grüßt mich kaum mehr.« führte Schorre aus. Obwohl er ein paar Jahre älter als sein Freund war, stand ihm die Rolle des zornigen, jungen Mannes.

Es ist Zeit, das Thema zu wechseln, fand Sebastian. Ihn langweil­ten die Intrigen des Berufsverbandes bildender Künstler. Er sah einem wohlgefüllten, kurzen Rock hinterher, der auf hohen Pumps an ihm vorbeiflanierte. Es wird Frühling, dachte er.

»Ist dir schon einmal aufgefallen, dass die Frauen im Frühjahr regelrecht exhibitionistisch sind? Kaum wird es etwas wärmer, holen sie zur allgemeinen Bewunderung ihre Miniröcke raus«, fragte er. Scharre winkte gelassen ab und kämmte seine langen, fettigen Haare zurück, die jedoch sofort wieder zurück in sein Gesicht fielen.

»Wenn du mich fragst, bist du diesen Anblick nur nicht mehr gewöhnt. Des­halb kommt dein Hormonhaushalt durcheinander. Im Frühjahr sind Kleidungsstücke Sensation, nach denen im Sommer kein Hahn kräht. Aber ich wollte eigentlich mit dir nicht über Mode reden.«

»Richtig. Worum geht es?«

»Wenn wir es geschickt anfangen, um sehr viel Geld«, erwiderte Schorre be­deutungsvoll. Die zwei Männer am Tisch hoben aufmerksam geworden die Köpfe und der Maler beugte sich vertrau­lich zu Sebastian.

»Pass auf«, erläuterte er. »Du hast doch sicher auch schon von der großen, gemeinsamen Aktion der Augs­burger Kirchen gehört?«

»Zwangsläufig. Sie wollen alle Bürger anrufen und bekehren.«

»Genau! Sie starten damit in der nächsten Woche. Die Kirchen schrei­ben gerade die Eigenwerbung so groß, weil ihnen die Mitglieder weglaufen. Man ruft dich an und fragt dich, ob man dir kostenlos ein Heft zuschicken kann. Das Werk heißt Von Wegen und am Rande bemerkt outen sich darin einige Augsburger als Christen, von denen ich so etwas Grusliges nicht einmal im Traum vermutet hätte.«

»Worauf willst du hinaus?«

»Pass auf«, wiederholte er. »Es ist so simpel, dass es zum Lachen ist. Ich habe mir folgendes gedacht: Im Moment erwarten alle Leu­te in der Stadt, dass sie zwecks Bekehrung angerufen werden. Wie wä­re es, wenn wir sie vor den Kirchenleu­ten anrufen würden? Wir geben uns salbungsvoll und schicken ihnen ein Heft religiösen Inhalts, aber nicht ko­stenlos, sondern gegen Nachnahme. Du kannst dir sicher sein: Zwei Drittel nehmen unser Heft. Ich habe das schon durchkalkuliert: Die Herstellung von so einem Erbauungsbändlein kostet uns vielleicht zwei Mark; zwanzig Seiten kopierter und mit Klammern gehefteter Text. Verkaufen werden wir es für acht Mark. Wenn wir 20.000 herstellen und so lange herumtelefonieren, bis wir sie los sind, haben wir Unkosten von 40.000 Mark und, vorsichtig gerechnet, zusätz­lich Telefonkosten von acht- oder neun­tausend Mark. Dagegen stehen Ein­nahmen von 160.000 Mark. Genieße das: 160.000 Eier! Das sind fast 60.000 Mark Cash für dich und mich! Jeder von uns versechsfacht sein ein­gesetztes Kapital innerhalb eines Monats. Nicht schlecht, was?«

Schorre war von seiner Idee so hingerissen, dass er nicht bemerkte, wie schwer es Sebastian fiel, ernst zu bleiben. »Ist das nicht Betrug?« fragte er.

»Ach, was! Wir geben uns am Telefon ja nicht direkt als Vertreter der Kirche zu erkennen und wir verheimlichen natürlich auch nicht, dass unsere Broschüre ein wenig Geld kostet, das guten Zwecken zugeführt wird. Und unser Wohlleben ist doch ein guter Zweck, hehe.«
»Und ich soll das Heft schreiben? Da­für brauchst du mich?«

»Genau. lch habe viele gute Eigen­schaften, aber solch eine Schreiberei gehört wirklich nicht dazu. Das kannst du doch dafür umso besser: Ein bisschen religiöse Erbauung, ein paar Gebete, ein paar salbungsvolle Worte, du weißt schon, das kriegst du doch in drei Tagen hin. Na, was sagst du?«

Sebastian schüttelte den Kopf und gähnte. »Heute Früh war einer vor meiner Wohnungstür und wollte von mir wis­sen, wo das Grab von Roy Black ist«, lenkte er ab. Er hielt Schorres Idee, zu Reichtum zu kommen, für vollkommenen Unsinn.

»Verrückt!«, kicherte Schorre.

»Ja. Und ich hätte nicht gedacht, dass ich heute noch jemandem begegnen würde, der noch verrückter ist. Aber du, Schorre, bist es«, sagte er ruhig. Die beiden Vertreter am Tisch, die natürlich gelauscht hatten, begannen laut­hals zu lachen. »Glaube mir, das war mit Abstand die blödsinnigste Idee von dir, seit du vor­hattest, während der Dult heimlich deine privaten Parkuhren in der Jakober­straße aufzustellen und wahrscheinlich ist sie ebenso kriminell«, fügte er hin­zu. Schorre schnaubte beleidigt und senkte den Blick. Für einen Moment wirkte er wie ein angeschlagener Boxer.

»Das ist das Ende unserer Freund­schaft«, sagte er mit dramatischer Grabesstimme, sprang auf und murmelte ein »Lebewohl«, das aus seinem Mund wie eine Beschimpfung erklang. Dann ging er in Richtung Café Max, wo er in zwanzig Minuten ein weiteres Treffen mit einem erfolglosen Autor hatte. Zu seinem Glück gab es von ih­nen in Augsburg zur Genüge. Vielleicht würde dieser seiner Idee mehr Begei­sterung entgegenbringen. Sebastian ließ ihn gehen und sah ihm ruhig hinterher, denn Schorre war höchstens eine Woche beleidigt, dann hatte er ein neues, phantastisches Ge­schäft ausgebrütet, ebenso gewinnbringend und unausführbar. Dann würde er sich ganz selbstverständlich wieder bei ihm melden, als wäre nichts geschehen. Sebastian hob gleichgültig die Schul­tern. Mit Verrückten reden und Bäume schneiden; das waren also die Dinge, mit denen er seinen freien Tag verplemperte. Sicher hatte Schorre sein Pils noch nicht bezahlt und es blieb typi­scherweise an seinem schmalen Geld­beutel hängen. Es gab Leute, die Schorre aus gutem Grund Schnorre nannten.

Sebastian schloss die Augen und ließ die warmen Sonnenstrahlen auf seinem Gesicht ruhen. Hier vor dem Sommacal konnte man es aushalten und er würde diesen Platz erst aufgeben, wenn er sich kurz vor 16 Uhr vorne am City-Kino mit Anna treffen würde. Eine Weile genoss er den Moment. Dann kramte er umständlich aus seiner Jackentasche sein Startrek­-Lexikon und begann, sich für den Abend mit seiner Vulkaniern zu präparieren. Er wäre sicher nicht so ruhig gesessen, wenn er gewusst hätte, dass gar nicht weit von ihm entfernt ein Mann etwas tat, das sein Leben ändern und ihn in Lebensgefahr bringen würde.

Der Mann hieß Klaus Wendlbaur und er gab gerade ein Einschreiben mit Rückschein an Oliver Heyse auf.

[Zum 5. Teil …]

Leseprobe: Nutzlose Menschen – Roman (4)

Fortsetzung Leseprobe Nutzlose Menschen – Kapitel 4.4

Der hellsichtige Gauner Escroq wusste freilich, dass er ei­nen jungen Mann wie René durch nichts anderes an sich binden konnte als durch Geld und deshalb begann er – der er seinen Brotherren bislang zwar regelmäßig, aber in ei­nem verantwortbaren Rahmen betrogen hatte – größere Summen zu hinterschlagen, die er gewinnbringend anleg­te und deren Zinsen er in der Form von kleinen, aber durchweg exquisiten Geschenken an René weitergab. Als erstes richtete er ihm in der Nähe der Vareseschen Firma eine hübsche, kleine Wohnung ein und stellte ihm einen seiner abgelegten Diener zur Verfügung. Dann gewöhnte er ihn schnell an den Luxus von weißen, seidenen Hand­schuhen, Theaterbesuchen und, soweit es Renés zarte Ge­sundheit zuließ, an unterhaltsame Abendgesellschaften mit Zeitungsleuten und Soubretten. Dies ging ein knappes Jahr gut, bis der verwöhnte René, der tagsüber den Laufburschen und nächtens den Grafen spielte und bald seine Volljährigkeit erreichte, die Erniedrigungen im Kon­tor nicht mehr ertrug. In Varese, der noch immer glaubte, dass René sein Nachtlager im Kontor hatte, keimte zur gleichen Zeit erstmals ein dunkler, kaum fassbarer Ver­dacht, seine Geschäfte wären nicht ganz in der Ordnung, in der sie hätten sein sollten. Er wusste nichts besseres, als seine Mutmaßungen ausgerechnet seinem treuen Buchhalter anzuvertrauen, der ihn für den Moment beru­higen konnte, sich aber in die Ecke gedrängt fühlte und spürte, dass er eine endgültige Entscheidung zu treffen hatte. Schon in der darauffolgenden Woche erlitt Andoche Varese ein heftige Magenkolik, an der er nach einem schmerzhaften, aber kurzen Todeskampf verstarb. Der ei­gentlich mit einer eiseren Gesundheit ausgestattete Bau­her überraschte alle in seiner Nähe ob seines plötzlichen Hinscheidens. Für Eingeweihte war noch erstaunlicher, dass der in geschäftlichen Dingen oft so törichte Geizhals ein von einem inzwischen leider ebenfalls verstorbenen, aber über jeden Verdacht erhabenen Pariser Notar be­glaubigtes, einwandfreies Testament hinterließ, in dem er ausgerechnet seinen Pflegesohn René zum Erben der Fir­ma und des beweglichen Gutes machte und auch nicht vergaß, Escroq mit einer ordentlichen Rente abzufinden. Obwohl sich bald wie ein summender und lästiger Mü­ckenschwarm entfernte Verwandte von Varese einfanden, die lauthals Ansprüche auf das Erbe erhoben, war dieser letzte Wille nicht anfechtbar. Auch der von den Anwälten der enttäuschten Hinterbliebenen geäußerte Verdacht, vielleicht habe einer der beiden Nutznießer das Testa­ment gefälscht oder gar dem so raschen und unerwarteten Tod des Baumeisters nachgeholfene, ließ sich, selbst als die Staatsanwaltschaft von Amiens direkte Ermittlungen anstellte, nicht erhärten.

René Carols Lage hatte sich also erneut ins Glückhafte gewendet, obgleich nicht Fortuna, sondern ein lüsterner Silen seine Verhältnisse beeinflusst hatte. Er sah sich plötzlich in die Rolle eines nicht unvermögenden Ge­schäftsmannes, der mit Ecroq einen hervorragenden Be­rater hatte, gestellt. Es lag nicht in Carols Charakter, sich von einem solch billigen Erfolg blenden zu lassen; denn die Wechselfälle seines jungen Lebens waren ein zwar bit­terer, aber zu guter Lehrmeister gewesen, um ihn sich si­cher fühlen zu lassen. Der willkommene Besitz der Bau­firma und das kleine Vermögen seines Onkels, die ihm durch den auch ihn überraschenden, aber durchaus will­kommenen Tod des Geizhalses in die Hände gefallen wa­ren, sollten ihm nur die erste Stufe auf seiner Jakobslei­ter in den Himmel seiner ehrgeizigen Ziele sein, nach de­nen sich sein unbeugsamer Wille verzehrte. Er wollte ein Staatsmann werden, der die Geschicke der Nationen prägt und die Millionen an Livres sein eigen nennt, die ihn in die Lage versetzten, sich über der Masse der Men­schen zu erheben und den ihm angemessenen Lebensstil zu führen. Er wusste, dass seine Leiter für ein Waisen­kind aus dem Volk sehr hoch war, begann sie aber sofort und ohne ein Zögern zu beschreiten. Er überließ Escroq, dem er hinlänglich vertrauen konnte, wenn er sich ab und an von ihm liebkosen ließ, die Geschäfte seiner Firma, in der es nun keine Betrügereien mehr gab und deren Rein­gewinne sich bei bleibendem Umsatz verdoppelten, nach­dem sein Verwalter die alten Bürohilfen entließ und neue, ehrlichere anstellte. René selbst ging nach Paris, wo alle Träume – auch die Albgesichte – wahr werden; er wollte sich eine fundierte Ausbildung verschaffen und es gelang ihm, bei Jean-Jaques Vale-Noir, dem neben Grindot und dem jungen Viollet-le-Duc, dessen Stern gerade erst zu leuchten begann, größten Architekten unserer Zeit, in die Lehre zu kommen und bei ihm die Baukunst zu studieren. Gleichzeitig bot ihm seine Lehrzeit die Möglichkeit, sich endlich in einer Gesellschaft zu bewegen, der er sich längst zugehörig fühlte. Da er nie das Maß verlor, ihm sei­ne gesundheitliche Verfassung verbot, eine Affäre mit ei­ner Schauspielerin zu beginnen und sein Verstand, über den üblichen Rahmen hinaus beim Ekarté zu verlieren, reichte ihm die monatliche, übrigens nicht unwesentliche Geldzuweisung Escroqs für seine Auslagen. Er lernte Emile de Rastignac kennen, den zynischen Ziehsohn der beiden Titanen der Macht und des Kapitals, über diesen de Marsay und Nuncingen, der auf dem Sprung stand, Mi­nister zu werden. Der Graf faszinierte ihn und Rastignac fand in René in vielerlei Beziehung sich selbst wieder, nahm ihn behutsam unter seine Fittiche und führte ihn in den Kreisen, in denen er selbst verkehrte, ein. Als René nach drei Jahren mit seinem Patent und einem über­schwenglichen Empfehlungsschreiben Vale-Noirs in die Provinz heimkehrte, um durch seine fundierten Kenntnis­se sein Baugeschäft zu erweitern und zum bedeutendsten im Umkreis von Beauvais und Amiens zu machen, hatte er im Sinn, die erste Gelegenheit zu nützen und zurück nach Paris zu gehen, um dann für immer in der einzigen Stadt zu bleiben, in der es sich zu leben lohnt. Diese Gele­genheit bot sich schnell, denn er hatte mit seinem Buch­halter, den er flugs zu seinem Partner machte und ihn da­mit noch fester an sich schmiedete, einen treuen Berater, der ein Genie war, wenn es darum ging, sich auf Kosten Dritter zu bereichern.

Als er, von Escroq gedrängt, zum ersten Mal an einem warmen Sonntag im Mai den Gottesdienst von St. Jacques besuchte und durch seine stoische Geduld die ausufernde Predigt des von ihm seit seines Aufenthalts im Orphelinat verhassten Abbés Rouge, der ihn häufig und grundlos ge­prügelt hatte, wie eine unvermeidbare Naturkatastrophe ertrug, wurde er, als wäre es nie anders gewesen, von den anständigen Bürgern, denen der Besitz von Geld auch dem von Moral und Ehre gleichkommt, als einer der ihren behandelt und er kehrte mit Einladungen zu einem Dut­zend Teegesellschaften bei Familien mit unverheirateten Töchtern heim. Sein zärtlicher Mentor machte ihn auf den Fabrikanten d’Arçon aufmerksam, der einen Baugrund in Paris suche, um sich dort niederzulassen. Dessen Vermö­gen wurde auf über eine Million Franc geschätzt und er hatte als angenehme Daraufgabe noch eine schöne, wohl­erzogene und allseits bewunderte Tochter. Dazu war d’Arçon in einem Maß beschränkt, das aus ihm ein ideales Schlachtlamm machte und es Wunder nahm und wohl nur an den wachsamen Augen seiner Frau lag, dass er noch nicht in die Hände von Betrügern, Anwälten und Banki­ers gefallen war. Nachdem Escroq seinem Epheben die dem Leser bereits oben zur Kenntnis gebrachten Tatsa­chen des Papierfabrikanten mitgeteilt hatte, begann die­ser sofort einen fleißigen Briefwechsel mit seinen Pariser Freunden und wurde ein regelmäßiger Gast von Madame d’Arçons Salon, wo er, obgleich er ihre Dummheit durch­schaute, Interesse an der Tochter der Hauses zeigte und sich im übrigen – an die köstlichen Gesellschaften der Ma­dame d’Espard gewöhnt – außerordentlich langweilte. Nach angemessener Frist wurde Hippolyte d’Arçon durch den Anwalt Derville ein Grund im respektablen Viertel d’Enfer so außergewöhnlich günstig angeboten, dass nur ein Narr oder ein sehr kluger Mann Bedenken getragen hätte, es zu erwerben und Arçon, der beides nicht war, griff ohne viel Überlegen zu. Ebenso schnell nahm er auch Carols Entwurf an, der gleichfalls der billigste war. Er for­derte nur einen repräsentativen Balkon zur Straßenseite hin, auf dem er an Festtagen mit seiner Familie den Para­den auf der Rue d’Enfer beizuwohnen gedachte. René beugte sich lächelnd dem Wunsch des Fabrikanten, auch wenn er seinen genial schlichten und klerikalen Fassa­denentwurf durch diesen Alkoven profanisieren musste.

Im Sommer des Jahres 1837 begannen schließlich die Ausschachtungsarbeiten und es zeigte sich dabei schnell, aus welchem Grund das Gelände so geheimnisvoll und günstig zum Verkauf angeboten worden war. Der Pferde­fuß offenbarte sich, als die Arbeiter, die Carol, da sie billi­ger waren, aus Beauvais mitgebracht hatte, in geringer Tiefe im Erdreich auf menschliche Knochen und auf Grab­steine, die hebräische Inschriften trugen, stießen. Als dann prompt einer der Arbeiter beim entsetzten Zurück­weichen vor diesen Überresten stürzte und sich den Fuß brach, verbreitete sich unter den abergläubischen Leuten schnell, dass man in einem aufgegebenen Friedhof grub und es Unglück bedeutete, auf diesem wahrscheinlich von einem Fluch belasteten Gelände weiterzuarbeiten. Die Verwünschungen und Versprechen der Vorarbeiter konn­ten sie ebenso wenig dazu bringen, ihre Schaufeln und Spitzhacken wiederaufzunehmen, wie der eilig herbeige­rufene Carol, der ihnen anhand der jüdischen Jahreszah­len auf den Steinen vorrechnete, dass es es sich hier um die makaberen Reste eines alten jüdischen Friedhofs aus der Regierungszeit Ludwigs des XII. handelte, diese Be­gräbnisstätte also dreihundert Jahre alt und längst ent­weiht war. Obwohl er sich entrüstet gab, beglückwünschte sich Carol doch zu diesem für ihn glücklichen Fund, den er für seine Zwecke nutzen konnte. Er hatte zwar über seine etwas zwielichtigen Freunde den Grundstückser­werb eingefädelt, war aber über den Friedhofsfund selbst überrascht, wie wahrscheinlich alle außer dem ehemaligen Besitzer, der auch ihm im Verborgenen geblie­ben war. Trotzdem geriet Carol in einige Verlegenheit, als er dem sich die Haare raufenden Ehepaar d’Arçon erklä­ren musste, warum die Arbeit schon nach fünf Tagen ruh­te. Die Dame des Hauses – ruhig neben ihrem Mann auf einer im Kaiserreich modischen Chaiselongue sitzend – hörte sich die Vorbringungen des Architekten aufmerk­sam an, dann sagte sie:

»Ob ihre Leute arbeiten wollen oder nicht, kann nicht un­sere Sorge sein, Monsieur Carol. Wir haben einen Vertrag und drängen auf seine Erfüllung. Sollte es aus welchen Gründen auch immer zu Verzögerungen kommen, sehen wir uns gezwungen, diese leidige Angelegenheit unseren Anwälten zu übergeben. Wir können einen Aufschub, auch im Anbetracht des nahenden Herbstes, nicht dul­den.« Carol verbeugte sich und er erkannte von neuem, mit wem im Hause Arçon er zu verhandeln hatte. Er lä­chelte sehr höflich.

»Selbstverständlich werden die Arbeiten fortgesetzt. Ich sehe mich jedoch gezwungen, neue Arbeiter in Vertrag zu nehmen. Da ich nach diesem Vorfall in Beauvais keine Männer finden werde, muss ich sie mir in der Hauptstadt besorgen. Die Arbeiter in der Stadt sind weniger aber­gläubisch, lassen sich diese weltgewandte Gesinnung al­lerdings teuer bezahlen. In der Folge bin ich außerstande, meinen Voranschlag der Kosten aufrecht zu erhalten. Mein Partner, Monsieur Escroq, wird Ihnen in den nächs­ten Tagen eine neue Schätzung überbringen.« Madame d’Arçon und der schmale Architekt maßen sich. Sie warf ihm einen ihrer gefürchteten Medusenblicke zu, aber Ca­rol hielt ihm gleichgültig stand. Sie wusste, dass der Ar­chitekt seine Rechnung in einem außerhalb seiner Verant­wortung liegenden Fall wie diesem erhöhen konnte und Carol war sicher, die Arçons würden ihn nicht vom Ver­trag entbinden, da sie trotz der unvermeidlichen Aufsto­ckung keinen Bauherren finden konnten, der ihnen billi­ger ein repräsentatives Stadthaus errichtete.

Er verabschiedete sich mit dem Versprechen, seine Fris­ten einzuhalten, entließ unverzüglich alle Arbeiter, die nicht Willens waren, ihre abergläubische Furcht zu über­winden. Dann suchte er den Oberrabbiner der Pariser Ge­meinde auf. Dort war nichts mehr von einem alten Fried­hof in Enfer bekannt, aber nach einer ordentlichen Spen­de des Architekten, die er Arçon in Rechnung stellte und die die Armen der Gemeinde unterstützen sollte, war man schnell einig, wie man die leidige Sache ohne größere Af­faire aus der Welt bringen konnte. Jüdische Arbeiter gru­ben in Anwesenheit mehrerer Rabbiner die sterblichen Überreste und Grabsteine ihrer vor so langer Zeit verstor­benen Volksgenossen aus und verbrachten sie in den Ge­meindefriedhof im Cementaire de Montparnasse. Dann besorgte Carol neue Arbeiter aus Stadtvierteln, die weit von der Rue d’Enfer entfernt lagen. Damit schien die un­erfreuliche Angelegenheit ausgestanden und die Arbeiten kamen zur Freude der Arçons gut voran. Escroqs neue Schätzung der Kosten belief sich nun auf glatt zweihun­derttausend Franc, dafür hatte er sich von den gewissen­haften Provinzanwälten von Hippolyte d’Arçon einen Ver­tragszusatz abringen lassen, nach dem er diese Zahl um höchstens zehn vom Hundert überschreiten konnte.

Madame Helga war damit zufrieden und ihre Aufmerk­samkeit ließ nach. Vielleicht wäre sie nachdenklich ge­worden, wenn sie geahnt hätte, dass die Partner Carol und Escroq in der nächsten Zeit fleißig seltsame Kontakte knüpften. Der Architekt reiste mehrmals nach Angoulê­me, wo er in bestem Einvernehmen mit dem großen und dem dicken Cointet, jenen hartnäckigsten und böswilligs­ten Konkurrenten der d’Arçons, zusammentraf. Und Es­croq wurde in etwas zweifelhaften Etablissements häufig in Henri Michots Begleitung gesehen. Der Papierfabri­kant und seine Frau ahnten jedoch nicht, dass sich ein Gewitter am Horizont zusammenzog, das den noch wol­kenlosen Himmel ihrer bürgerlichen Existenz bald ver­düstern sollte. Sie wussten nicht, dass sie der Mittelpunkt einer Intrige waren und erst ein leichtes Vorgeplänkel der Schlacht um ihr Vermögen geschlagen hatten.

Mein neues Buch „Nutzlose Menschen“ ist erscheinen.

Das war die letzte Leseprobe aus dem vierten Kapitel dieses zentralen Romans von meinem „Jahrmarkt in der Stadt“-Zylus. Das Kapitel, ein Romananfang im Stil von Honoré Balzac, kann auch gut ohne Kenntnis des gesamten Buches gelesen werden. Ich will hier noch einmal daran erinnern, dass heute der letzte Tag ist, an dem man meine E-Books zum Sommerrabattpreis von 0,99 € je Buch erwerben kann. Morgen kosten sie wieder mehr.

Nutzlose Menschen
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Leseprobe: Nutzlose Menschen – Roman (3)

Fortsetzung Leseprobe Nutzlose Menschen – Kapitel 4.3

Monsieur Arçon wollte selbstverständlich so bald als mög­lich zu bauen beginnen; er erhielt auch schnell durch freundliche Zuwendungen an die zuständigen Beamten die erforderlichen Genehmigungen der Ämter, musste dann allerdings entsetzt feststellen, dass die Errichtung eines repräsentativen Hauses in Paris nach seinen Vor­stellungen seine finanziellen Mittel deutlich überstieg. Lange suchte er nach einem Architekten, doch die be­kannten wie Grindot oder Vale-Noir schienen ihm nicht nur nicht bezahlbar, sondern ihre Entwürfe auch zu ge­wagt. Die Schätzungen der Pariser Baufirmen über die Kosten hätten Monsieur Arçon zudem fast dazu gebracht, von seinen Plänen Abstand zu nehmen, wenn ihm nicht seine Frau die Lösung seiner Probleme in einer Person präsentiert hätte, mit der er mehrmals in der Woche in den Soireen seiner Gattin zusammentraf, ohne sich je­mals weiters Gedanken über sie gemacht zu haben. Es war René Carol, Architekt und Bauherr in einer Person, der Monsieur Hippolyte anbot, sein Pariser Palais für ein­hundertfünfzigtausend Franc zu bauen und dem Fabri­kanten nach kurzer Zeit einen Grundriss präsentierte, der in seiner großzügigen Schlichtheit gefiel. Zwar lag der Kostenvoranschlag noch immer weit über Arçons Vorstel­lungen, wurde aber akzeptiert, weil kein günstigeres An­gebot gemacht werden würde.

Weshalb hatte Carol das Kartell der Bauunternehmer un­terlaufen und Arçon angeboten, sein Haus so billig zu bauen, dass er selbst kaum mit einem Gewinn rechnen konnte? Madame Helga glaubte den Grund in der Ver­liebtheit des jungen Mannes in ihre Tochter zu entdecken, dabei übersah sie vollkommen, dass der trockene und scharfsinnige Carol zu solch romantischem Gefühl nicht fähig war. Die einzige Liebe seines Lebens war die zu sich selbst und zu Macht und Reichtum, zu Dingen also, die ihm bislang im gewünschten Umfang verwehrt geblieben, auf die er aber ein Anrecht verspürte und zu denen er mit Hilfe der Arçons gelangen wollte. Monsieur René hatte seine erste Jugend im Waisenhaus von St. Jacques zu­bringen müssen, nachdem seine Eltern, die ihm keinerlei Vermögen hinterließen, und auch sämtliche Geschwister dem Fleckfieber zum Opfer gefallen waren. Nur der unge­zügelten Lebensenergie des vierjährigen Kindes war es möglich, dass es als Einziges von seiner Familie dieser heimtückischen Seuche widerstand, nach dreimonatigem Krankenlager genas und – da es offensichtlich keine le­benden Verwandten mehr gab – der öffentlichen Fürsorge überstellt wurde. Es erholte sich aber nie mehr vollstän­dig von den Strapazen und Erschütterungen und erwuchs zu einem stets kränklichen, bleichen und schwindsüchtig wirkenden Mann, den zusätzlich durch die schwere Krankheit seiner Kindheit einige hässliche Narben ent­stellten. Aufrecht erhielt ihn offenbar nur seine spartani­sche, in strenge Regeln gefasste Lebensführung, der er seinen schwächlichen, halb verblichenen Körper unter­warf und der eiserne Lebenswille seiner Seele, die auch dem überzeugtesten Materialisten neuerer philosophi­scher Couleur zu denken gegeben hätte. Bis zu seinem zwölften Lebensjahr war er ein Kind ohne Zukunft, nur durch die zweifelhafte Barmherzigkeit des Orphelinats existierend, unter dessen Knute er ein schweres Leben zu führen gezwungen war. An keinem Ort tritt das Naturge­setz deutlicher und unverhohlener zutage, gibt es weniger Mitleiden mit der geschundenen Kreatur, als vor den kar­gen Suppentöpfen eines Waisenhauses, in dem Kinder schon in früher Jugend zu härtester Arbeit gezwungen werden und der Tod ein häufiger Gast ist. Körperlich nicht nur den Altersgenossen, sondern auch den meisten der Jüngeren unterlegen, deshalb beständig zurückge­setzt und genarrt, tägliches Opfer schwerer Prügel durch Leidensgenossen und Erzieher, musste Carols scharfer Verstand entarten, ihn hinterhältig und tückisch machen. Sicher wäre aus ihm, wäre sein Leben im Bodensatz der Gesellschaft in dieser Weise fortgeschritten, ein Fouché des Verbrechens geworden. Aber kurz vor seinem Eintritt ins Jünglingsalter kam es zu einer plötzlichen, glückhaf­ten Wende.

Der Bruder seines Vaters war Oberst in des Kaisers Rei­terarmee gewesen und hatte wie viele glühende Verehrer Bonapartes nach der Katastrophe von Waterloo ent­täuscht der ihm fremd gewordenen Heimat den Rücken zugekehrt und war in die Neue Welt gezogen, wo er bald als verschollen galt. Tatsächlich war er aber durch Han­delsgeschäfte in der rauen Wildnis zu einem bescheidenen Vermögen gekommen, das ihm einen ruhigen Lebens­abend versprach. Die Zeit hatte seine Wunden heilen las­sen und er kam aus dem Staate Marengo nach Frankreich zurück, um die Familie wiederzusehen. Es war eine wahr­haft traurige Heimkehr. Den Obersten Carol erwarteten nur ungepflegte Gräber auf dem Gottesacker von Beau­vais und ein nie gesehener, völlig verwahrloster Neffe, der dem Onkel bei der ersten Begegnung in die Hand biss und ihm bei dieser Gelegenheit den Siegelring vom Finger stahl. Dennoch nahm er seinen einzigen lebenden Anver­wandten unverzüglich aus dem Orpelinat in seinen Jung­gesellenhaushalt, den er in Beauvais gründete. Seine Haushälterin und er kümmerten sich mit rührender Sorg­falt um den Jungen, den sie nach vielen Rückschlägen halbwegs zähmten und auf die Jesuitenschule in Amiens schickten. René wuchs dort zu einem blassen, unscheinba­ren Jüngling heran, der offenbar die Wolfsnatur seiner Kindheit vergessen hatte und im Gegenteil den Eindruck eines Menschen machte, von dem man sagt, es flösse ihm statt Blut kaltes Öl durch die Adern. Keine Leidenschaft schien ihn aufzuwühlen, nur wenigen, meist seltsamen Dingen wie Alchemie oder Mesmerismus vermochte er über kurz Interesse entgegenzubringen. Obgleich er der Beste seines Jahrgangs war und einem trockenen Schwamm gleich allen unterrichteten Stoff in nachgerade unheimlicher Geschwindigkeit in sich sog, war sein Lern­eifer ausschließlich auf das von den Erziehern geforderte Maß beschränkt. Nie beteiligte er sich an den Spielen oder Unterhaltungen seiner Altersgenossen; er sonderte sich ab und verbrachte lange Stunden seiner freien Tage sit­zend und sinnierend auf einer Fensterbank. Wohin ihn seine Gedanken führten, offenbarte René niemandem, nicht einmal seinem Onkel, der ihn von allen Menschen am nächsten stand und zu dem er im Verlaufe der Jahre ein gewisses Vertrauen gefunden hatte. Den Lehrern der Klosterschule war der junge Mann eingedenk der Tatsa­che, wie tief ein solch stilles Wasser gründen muss, nicht recht geheuer und mancher von ihnen dachte bei sich, er würde wohl eines Tages entweder als berühmter Staats­mann oder auf der Guillotine enden. Und in diese Rich­tung gingen die Tagträume des kühlen jungen Mannes tatsächlich. Er erhoffte sich eine Karriere, die ihn ohne Acht der Mittel zur Macht bringen würde. Das Frankreich des Bürgerkönigs, dessen Motto »Bereichert Euch!« auch das seine hätte sein können, schien ihm ideal dafür geeig­net, einen gewissenlosen Mann wie ihn nach oben zu brin­gen. Ein Vorbild war ihm dabei Henri de Marsay, dessen Karriere René bis zu dessen frühen Tod im Jahre 1834 aufmerksam verfolgte und bewunderte.

Doch bevor der junge Machiavell mündig wurde und be­ginnen konnte, seine Phantasmen zu verwirklichen, traf ihn von Neuem die willkürliche Hand der Moira. Der Oberst Carol verstarb plötzlich und unerwartet an den Folgen eines heftigen Gichtanfalls. Er hatte zwar noch rechtzeitig seinem Neffen sein bescheidenes Vermögen  hinterlassen, ihn testamentarisch jedoch unter die Vor­mundschaft des Bauherrn Andoche Varese gestellt, mit dem er während des Kaiserreiches im *.ten Regiment ge­dient und dessen Bekanntschaft er nach seiner Rückkehr aus der Neuen Welt erneuert hatte. Dabei war dem Obersten im Schwelgen in gemeinsamen Erinnerungen der wahre Charakter seines Kriegskameraden entgangen. Dieser lebte nur für seinen Vorteil und war ein solcher Geizhals, warum er nie geheiratet hatte und selbst in der mit Geizigen so reichlich gesegneten Picardie seinesglei­chen suchte. Varese erklärte sich nach kurzem Zögern be­reit, die testamentarische Bürde zu tragen und den Nef­fen des Obersten als Mündel anzunehmen, da er sich durch die Verwaltung von dessen Vermögen einigen Nut­zen erhoffte. Kaum lag Oberst Carol bei seinem Bruder im Familiengrab, ließ der Bauherr René ohne Abschluss aus der seiner Meinung nach unnötigen und viel zu teuren Schule nehmen und beschäftigte ihn als Laufburschen in seinem Büro, wo er ihm auch eine karge Bettstatt auf­schlagen ließ. Dabei war Varese nicht einmal ungewöhn­lich bösartig, denn er legte Renés Vermögen gewissenhaft an und wollte es ihm am Tage seiner Mündigkeit auch nicht verwehren, obgleich er plante, die Zinsen einzube­halten. Der Jüngling nahm diese neuerliche Wendung sei­nes Schicksals mit der ataraxischen Gelassenheit eines Pyrrhon, allerdings nicht ohne Hintergedanken. Geduldig wartete er auf seine Gelegenheit.

Wie der Philosoph von Elis hielt er sich mit seinem Urteil zurück, doch was er in dem Vareseschen Kontor erlebte, konnte kein günstiges Licht auf den alten Bauherrn wer­fen, der mit scharfem Auge und strenger Hand jede – wie er vermeinte – unnötige Ausgabe unterband: Selbst in ei­nem strengen Winter wurde nur geheizt, wenn die Tinte der Schreiber in den Gläsern gefror, er zwang sie, Filzpan­toffeln zu tragen, um die Abnutzung des Holzbodens zu vermeiden, Stifte wurden mittels eines von Varese selbst entworfenen, wiederverwendbaren Aufsatzes bis zum letz­ten Strich des Schiefers verbraucht und der talgige Schein der billigen Kerzen trug durch den entstehenden Qualm mehr zur Verdunkelung als der Erhellung der Schreibstu­be bei. Außer in dem Kontor von Varese konnte man höchstens noch unter den Chiffonniers von Paris eine sol­che Ansammlung von verwahrlosten und verwegenen Ge­stalten sehen, von denen mancher nicht einmal für einen Hungerlohn, sondern, da alle dem Brotherrn Geld schul­deten, Negersklaven gleich, gegen eine karge Verkösti­gung, die Varese mittags aus einer nahen Garküche kom­men ließ, arbeiteten. Dennoch waren alle Schreiber gerne für Varese tätig und das lag an einem Charakterzug, den er mit vielen Geizigen teilte: Obwohl er einem Gobsek oder Grandet gleich die Zahl der Sou in seiner Tasche kannte, von denen nur selten einer den Weg in seine Hand fand, war er doch in allen Angelegenheiten seiner Finanzen, die das Alltägliche übertrafen, außergewöhn­lich naiv. Es war dem gewieften Bodensatz, den er be­schäftigte, ein leichtes, den Bauherrn, der zwar misstrau­isch, aber strohdumm war, zu betrügen. Der tägliche Griff in die Cassa und das Beiseitebringen und unter der Hand verkaufen von Material durch die Arbeiter funktionierten nicht zuletzt deshalb so gut, weil der Buchhalter und Pro­kurist, ein untersetzter, dabei jovialer Bösewicht, der auf den passenden Namen Escroq hörte, ein wahrer Meister der Bilanzfälschung war. Dass Varese nicht bankrott machte, lag zum einen an seiner Monopolstellung als Bau­herr im Weichbild von Beauvais und an eben jenem schleimigen Escroq, der allzu unverschämte Betrügereien nicht duldete, da er seinen guten Posten behalten wollte, bis ihm seine ergaunerten Renten für einen bequemen Le­bensabend in seinem eigenen Landgut genügten.

Obwohl Paul Escroq die Mitte seines Lebens längst über­schritten hatte, kleidete er sich einem zweiten Lovelace gleich dandyhaft, roch nach Veilchen und trug den ganzen Tag peinlich saubergehaltene, senfgelbe Handschuhe. Aus dem gärenden Bodensatz des Volkes stammend – sein Va­ter war ein armer Lohnbauer und seine Mutter die Kräuterfrau in einem winzigen Dorf in der Gegend von Aurillac in der Auvergne gewesen – war er im Gegensatz zu seinem Brotherrn blitzgescheit und zielstrebig. Obwohl sein erbärmlicher Charakter von Bosheit zerfressen war und er, durch die Profession seiner Mutter in allen Arten von schnellen und langsamen Giften bewandert, vor kei­ner Schandtat zurückschreckte, spielte er aller Welt den gutmütigen, ein wenig beschränkten Bürger vor und be­reicherte sich dabei mit der Geduld einer Spinne. Mit die­ser biederen Maske hatte er sich bei Varese eingeschli­chen und im Sinne, ihn nach dessen Ableben, das er bei Gelegenheit zu beschleunigen trachtete, zu beerben. René Carol erachtete er bei diesem Streben nicht als Konkur­renten, denn er hatte mit dem scharfen Blick, mit dem ein Verbrecher unfehlbar seinesgleichen erkennt, festgestellt, dass sie einander wie Hammer und Amboß ergänzten. Er bemerkte als einziger in dessen Ruhe die verwandte See­le, das gespannte Verharren eines Raubtieres, das gedul­dig sein Opfer fixiert. Escroq, der nie geheiratet hatte, da er das ganze weibliche Geschlecht verachtete und den Umgang mit Frauen insgesamt für eine schlechte Ange­wohnheit hielt, entstammte dem Sodom einer Tagelöhner­hütte, in der die widerwärtigsten Sünden gegen die Natur zum täglichen Leben gehörten und es nimmt nicht weiter Wunder, dass er sich zudem heftig in den knabenhaften, zarten und bleichen René versah. Er hatte aber diese Lei­denschaft völlig in der Hand, da er für seine niederen Ge­lüste jugendliche, ihm völlig ergebene Diener hatte, Söhne von verarmten Bauern, denen er sie abkaufte und die er alle drei Jahre gegen neues Blut ersetzte. Bei René dachte er an das sprichwörtliche Wasser, das mit der Zeit den Stein höhlt. Was er nicht ahnen konnte, war, dass ihn René ebenfalls durchschaute und er, der er im Waisen­haus und nicht zuletzt in der Klosterschule schon allen Verwirrungen der Liebe begegnet war, gedachte, Escroqs heimliches Liebeswerben für seine Zwecke zu nutzen. Ob­wohl ihm der hässliche geschminkte Mann mit den fetten Lippen, aus deren Winkeln immer ein dünner Speichelfa­den rann und der seinen schwammigen Leib in ein Kor­sett zwängte, mit jeder Faser seines Seins zuwider war, umgarnte er ihn wie eine hungrige Katze, wenn er auch bedacht war, keine Eindeutigkeit in seine Schmeicheleien zu legen. Er wollte den alten Lüstling bei Laune halten, der ihm als einziger in Vareses Kontor gefährlich werden konnte, wenn er ihn zu seinem Feind machte.

[Zum 4. Teil der Leseprobe]

Mein neues Buch „Nutzlose Menschen“ ist erscheinen.

Heute und in den nächsten Tagen gibt es noch einmal eine Leseprobe; diesmal aus dem vierten Kapitel dieses zentralen Romans aus meinem „Jahrmarkt in der Stadt“-Zylus. Das Kapitel, ein Romananfang im Stil von Honoré Balzac geschrieben, kann auch gut ohne Kenntnis des gesamten Buches gelesen werden.

Nutzlose Menschen
Roman
226 Seiten, 7,99 €
Taschenbuch jetzt überall im Buchhandel
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und demnächst auch als E-Book erhältlich

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