Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

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Grüße aus dem Urlaub,

Euer Nikolaus

 

PS. Ich lasse mir gerade einen Urlaubsbart wachsen. Erschreckend, wie weiß er ist. Frau Klammerle lästert den ganzen Tag.

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Das Spiel – Erzählung (1)

DER SOLDAT. DER DURCH DEN WALD HASTETE. WAR MEIN VATER

die Hose schlotterte am Bund. da ich keinen Gürtel trug und Hosenträger verachte. blieb mir nichts übrig. als die Hose. regelmäßig. in die Höhe. den Bund über den Nabel und über das Hemd zu schieben. dennoch hatte ich das Gefühl. ständig. mir schlottere der Schritt in den Kniekehlen. ja. das war widerlich. tatsächlich. jedermann musste glauben. ich hätte in die Hose gemacht. zudem ich auch noch sehr breit ging. um ein Rutschen zu verhindern.

es war eine Stoffhose. meine einzige. sie war grau. Fischgrätenmuster. dunkel. Mutter hatte mich angefleht. komm in ordentlichem Zustand ins Krankenhaus. Vater darf sich nicht aufregen.

es war ein Novembertag. kühl. aber freundlich. ich weiß noch. ab und zu traf mich ein Windstoß scharf. verspielt. er zerrte an der Kleidung. mutwillig. und an den Haaren. es war Nachmittag. früh. der Himmel war durchsichtig. die Stadt lag ruhig und klar. glänzte in einer Transparenz. unwirklich. die Bäume erbrachen sich auf die Straßen. bunt. ich ging. versäumte die Straßenbahn. absichtlich. mir lag nichts daran. pünktlich zu sein.

Vater lag im Krankenhaus. man hatte ihn operiert. wieder. zum dritten. nein. vierten Mal hatte man seinen Unterleib aufgeschnitten. dazwischen machte man Tablettenkuren. bestrahlte. bis er ein Loch im Rücken hatte. chemische Keule. aber das war nur Aktionswut der Ärzte. Vater starb trotzdem. mit jedem Tag ein bisschen mehr. ein wenig schneller. sein Kampf gegen die Wucherungen an der Prostata war vergebens. längst. ein Rückzugsgefecht. es fraßen sich Metastasen die Wirbelsäule empor. alle hatten ihn abgeschrieben. für tot erklärt. auch die Ärzte. wir warteten auf das Ende. Aber dieses Warten zog sich hin. lange. Vater war zäh. war es immer gewesen. er war der einzige. der nicht aufgegeben hatte. er vermochte nicht an sein Schicksal zu glauben und so lange er das nicht tat. verzögerte er das Unvermeidliche.

aber jetzt. im November. stand es um ihn schlecht. Mutter hatte am Telefon gesagt. es sei vielleicht ein Abschiedsbesuch. wenn also noch ein Gefühl für die Familie und meinen Vater in mir geblieben war. übrig. dann musste ich kommen. sagte sie. weinend. er wolle mich sehen. das sei sein Wunsch. während ich flüsterte. begütigend. Trostworte. halbherzig. wusste. fügte sie hinzu. aber zieh dich anständig an.

ja. Mutter. ja. ich komme. nein. ich werde ihn nicht reizen.

ich kann nicht sagen. ob ich Angst vor einer Begegnung mit dem Sterbenden hatte. es war Unbehagen wegen dem Krankenhaus. das ich empfand. deshalb ging ich durch den Herbst. langsam.

sie erwarteten mich vor der Eingangstür. ungeduldig. sie hatten sich vorgenommen. nicht ohne mich bei Vater zu erscheinen. Mutter knitterte bereits das Taschentuch. obligat. tränenfeucht in den Händen. Bruder. überlegen und ruhig. in sich selbst ruhend. spielte mit dem Autoschlüssel. lässig. seine Frau trug ein Bündel Mensch. vorsichtig. auf dem Arm. meine Nichte. in jedem Blick war Vorwurf. es hätte nicht viel gefehlt. ich wäre umgekehrt. auf der Stelle. und hätte mich in der Stadt betrunken. wenn mich Mutter nicht am Arm genommen hätte. Fusseln von meinem Mantel streichend.

wir fuhren hinauf in den fünften Stock. in die chirurgische Abteilung. wir schwiegen. waren uns der Nähe. die uns der Aufzug bescherte. bewusst. peinlich. ich las. die Bedienungsanleitung. die in ein Metallschild gestanzt an die Wand des Fahrstuhls geschraubt war. es war keine Besuchszeit. offiziell. nur Personal weiß gekleidet lief auf den Gängen. geschäftig. es waren gut gelaunte Menschen.

ich weiß nicht. ob ich beschreiben kann. was ich empfand. Ich könnte schreiben. ich empfand nichts. das kommt meinem Gefühl nahe. aber es ist nicht die Wahrheit. auf eine Weise. schwer zu erklärend. war da etwas wie Trauer. war mir nicht wohl in meiner Haut. Das erzeugte auch die Atmosphäre des Krankenhauses. der Geruch. steril. abgestanden. in den Gängen. eine Anspannung der Erwartung. flau. war in mir. sie hielt mich gefangen. Unsicherheit. jeder Schritt war gewichtig und zögernd.

mein Vater lag in dem Zimmer. allein. obwohl noch ein zweites Bett drin war. das war ein Privileg für den Sterbenden. wenn ich eine Auswahl an Kranken gehabt hätte. wäre ich ans falsche Bett getreten. Vater war kaum wieder zu erkennen. ich erschrak bei seinem Anblick tief. wann hatte ich ihn zum letzten Mal gesehen. vor einem Monat. gut. dachte ich. ich hatte ihn als Bürger in Erinnerung. zufrieden. vom wohlstand genährt. Die Hände über dem Bauch verschränkt. mit einer Trainingshose bekleidet. saß er in einem Sessel vor dem Fernseher. bequem. eine Flasche Bier war in Greifweite.

der Mann. der hier lag. erschöpft. aufmerksam die Umgebung beobachtend. nicht die Augen. gelb bewegten sich. der Kopf zuckte wie bei einem Vogel hin und her. dieser Mann. der hatte nichts mit meinem Vater gemein. der Mann war mager. bis auf die Knochen. seine Haut spannte sich über seinen Schädel. dessen Form war deutlich sichtbar. er hatte jetzt eine Hakennase. man konnte durch die Lippen. halb geöffnet. seine Zähne sehen. Die Stirn. die höher war. als ich sie in Erinnerung hatte. glänzte. schweißig. fiebrig. Auf dem Arm. der mit einem Tropf verbunden war. traten Adern hervor. fingerdick. verhornt. sein Adamsapfel. scharf. hart. durch die Lage seines Kopfes. leicht nach hinten geneigt. stach empor. machte heftige Bewegungen. als er uns zum Bett treten sah. dann entdeckte er mich. ich schob mich als letzter heran. im Schutz der anderen.

ja. er war es. jetzt erkannte ich ihn an seinem Blick. meine Schwägerin hielt ihm ihr Kind hin. unruhig. abgelenkt. streichelte er es. ohne den Blickkontakt zu mir zu unterbrechen. Bruder hatte versucht. Vaters Zuneigung mit Kindern zu kaufen. aber Vater war nicht zu haben. so billig. zudem hatte Bruder nur eine Tochter zustande gebracht.

nein. Vater sah mich. kurz verstanden wir uns. begannen wir eine Kommunikation. tastend. stumm. standen nackt voreinander. nur ein Blick hatte genügt. unvorsichtig. unsere Masken herunter zu reißen. In diesem Moment wollte ich Dinge sagen. die mir wichtig schienen. die zwischen uns ungesagt geblieben waren. bisher. es war mir nicht möglich. den Mund zu öffnen. zu beginnen. ich erkannte sofort. er liebte mich. die ganze Zeit hindurch. all diese Jahre. geliebt hatte. er immer nur mich. sein Blick. zärtlich. den er mir schenkte. sprach davon. früher hatte er mir seine Liebe nur zeigen können. in dem er mich quälte. jetzt sah mich. wie ich wirklich war: ein Kind. das sich vor dem Leben zu Tode ängstigt. verunsichert. verwundet.

dann war es vorbei. die Verbindung riss. schnell. brutal. Vater blinzelte krampfhaft. hatte Schmerzen. plötzlich. ich sah sie seinen Körper empor kriechen. fast empfand ich sie selbst. er sah an mir herab. da war sie wieder. die Ironie. hinter der er sich versteckte.

hat dich Mühe gekostet. die Hose anzuziehen. bist sogar jetzt nur halb drin. sagte er. lachte. voll. laut. das war seine Art. die Schmerzen zu bewältigen. er tat mir weh. ich schämte mich. nicht wegen der Hose. wieder herab gerutscht. weil er mich so wehrlos erwischt hatte. ich war hilflos. unfähig. mich zu wehren. gegen seine Krankheit kam ich nicht an. hinter ihr konnte er sich verschanzen. sie nutzen. als Angriffswaffe. um seine Wut loszuwerden. gegen uns Gesunde.

von diesem Augenblick an wollte ich aus dem Zimmer zu kommen. ich hatte kein Verhalten mehr. ich lehnte mich gegen die Fensterbank. halb im Trotz. und sah. hinaus. den Kopf zur Seite gewendet. dort war nichts zu sehen. außer dem flachen Dach eines Gebäudes. vorgelagert. niedrig. Äcker trist. und in der Ferne der Strich eines Waldes. undeutlich. dunkel. er beschloss den Horizont. von dort zog Nebel auf und verdüsterte den Novembernachmittag. ich tat. als beschäftige mich der Ausblick. dieses Land des Nebels und der Kälte.

die Aufmerksamkeit meines Vaters ließ von mir ab. er fand Worte für die anderen sprach mit Mutter. liebevoll. während sie in der Tasche kramte und Lebensmittel zu Tage förderte. die er annahm. gutmütig. spöttelnd. er war nicht gewillt. sie zu essen. er würde sie statt dessen unter den Nachtschwestern verteilen. immer hungrig. aber Mutter hatte Krankheit auf Ernährung reduziert. nahm den Begriff Lebensmittel wörtlich. Sie wollte Vater essen sehen. dabei hoffen. es war ihre Art. das Unfassbare zu bewältigen. den Tod. vielleicht war es nicht die schlechteste.

Bruder sprach dann von Berufserfolgen. und Vorgesetzten. die seiner Karriere im Weg waren. seine Frau nickte dazu. gewichtig. das Kind war eingeschlafen.

eine wunderschöne Familienidylle. dachte ich. sie ist ein Foto wert. das wäre das letzte mit Vater. die Enkelin. schlafend. an seiner Seite. ein Foto zum Erinnern. ein Foto zum weinen.

dann war Leere. ich kann mich nicht erinnern. was geredet wurde. wer wen betrachtete. aber es verging einige Zeit. Bruder legte seine Jacke ab. legte sie über eine Stuhllehne. sorgfältig. ihm wurde warm in dem Krankenzimmer. überheizt. ich hätte es ihm gern nachgemacht. aber ich wollte. den Eindruck erwecken. ich sei auf dem Sprung.

ich schälte eine der Clementinen. die Mutter Vater gebracht hatte. ein Geruch scharf. sauer. stach mir in die Nase. mechanisch aß ich einen Schnitz nach dem anderen. ohne auf den Geschmack zu achten. ich tat es. um mich zu beschäftigen. die Zeit dehnte. wurde mir zu lang. auch das Dach vor dem Fenster Kies geschottert. die Nebelschwaden. träge wandernd. über den Äckern wurden langweilig. da entdeckte mich Vater wieder.

hast du nicht zu sagen. sei nicht so schweigsam. erzähl. wie geht es dir denn. was macht die Arbeit.

vielleicht unterstellte ich ihm die Absicht. böse. aber ich hatte das Gefühl. es interessierte ihn einen Dreck. wie es mir ging. er wollte mir nur deutlich machen. wie unbedeutend mein Wohlergehen neben seinem Zustand war. er erwartete meine Gegenfrage. höflich. wie es ihm denn ginge. um von seinem Los zu berichten.

auch wenn er recht hatte. es gegen sein Leid bedeutungslos war. wie es mir ging. war ich nicht gewillt. darauf einzugehen. ich erzählte von mir. stockend. reihte Belanglosigkeiten aneinander. Bruder hörte zu. ernst. Mutter schüttelte den Kopf. resigniert. Aber Vater lächelte. suchte nach dem Wort. das er aufgreifen. nach der Entgegnung. mit der er mich verletzen konnte. ich hatte mich gut unter Kontrolle. gab ihm keine Gelegenheit. deshalb erlahmte sein Interesse bald. er unterbrach mich. begann vom Klinikalltag zu sprechen. er ermüdete dabei. wir bereiteten uns auf den Abschied vor. den wir insgeheim alle ersehnt hatten.

Bruder benutzte seine Tochter als Grund. die jetzt doch ins Bett müsse. so gesehen. als Ausrede ist ein Kind vorteilhaft. unangenehme Besuche zu kürzen. Mutter küsste Vater. vorsichtig. wir Kinder gaben ihm die Hand. er hielt meine fest. länger und fester. als es nötig gewesen wäre. er sah mich an. stumm. da war es wieder. in seinen Augenwinkeln. ganz kurz nur. das Verstehen. zumindest ein Anflug von Begreifen. Es beengte mein Atmen. ich spürte Trauer bei diesem Abschied. der gerade noch eine Erleichterung war.

ich komme bald wieder. log ich.

wir müssen endlich mal miteinander reden.

sein Kopf zuckte zur Seite. unwillig. dann wieder zu mir. er verstärkte seinen Händedruck.

dann machte er mit ein paar Worten alles wieder kaputt.

dein Händedruck ist schlapp. Michael. sagte er. mutwillig.

ich weiß nicht. warum er das tat. warum er uns keine Chance gab.

ich weiß so vieles nicht von ihm. das wichtig ist. ich floh aus dem Krankenzimmer. eilig hinter den anderen her. ein Abschiedswort murmelnd. draußen standen wir alle im Gang. noch eine Weile verlegen.

einige Stunden später lernte ich Petra in einer Diskothek kennen. ich litt an dem Krankenhausbesuch. die Clementine. verdorben. arbeitete in meinem Magen.

dein Händedruck ist ziemlich schlapp.

es waren die letzten Worte. die ich von ihm hörte.

er starb in der darauf folgenden Woche. qualvoll beendete er das wenige Leben. das ihm noch geblieben war. es verlöschte in einem Schmerzenstaumel. den Morphium nur unwesentlich zu dämpfen vermochte.

Mutter war die ganze Zeit bei ihm. pflichtgetreu. sie wachte bis zum Schluss an seiner Seite. das war tief in der Nacht.

Bruder und ich besuchten den Sterbenden nicht mehr. so fremd wir uns waren. da waren wir uns gleich. obwohl wir uns dessen schämten. hatten wir mit dem Mann. der da starb. nichts mehr zu tun.

wir fühlten uns vaterlos. beide. obwohl ich schon damals wusste. ich belog mich nur selbst. ich habe nicht geweint. als mich Mutter in jener Nacht anrief. trotz ihrer Tränen gefasst und der Verantwortung bewusst. ich war müde. erstaunt. unsicher.

Neujahrsgrüße 2020

31. Dezember 2019, Silvester

Ich gebe es zu: Ich bin ein wenig skeptisch, wenn ich an das neue Jahr denke und das Leben, das ich in ihm führen werde. Aber die Zeit lässt sich durch Jammern nicht aufhalten und ich bin auch noch ein wenig von Weihnachten überfressen. Außerdem beginnt ja eigentlich nichts Neues. Es setzt sich nur das Alte fort; die Landmarke „Neujahr“ ist ein zufällig gewählter Kalendertag. Die Chinesen feiern den Beginn des neuen Jahres zum Beispiel erst am 25. Januar, die Juden ihr Rosch ha-Schana erst am 19. September und die Muslime genau einen Monat eher, am 19. August 2020. Bei den Römern startete der Jahreskreis am 1. März und im Mittelalter bis in die Renaissance hinein war der Neujahrstag am 25. März. Für Lehrer und Schüler beginnt das Jahr mit dem Ende des Sommerferien. Der 31. Dezember ist also ein Tag wie jeder andere, kein Grund daher, Dinner for one zu sehen, sich zu besaufen, Fondue zu essen und 5000 Tonnen Feinstaub in Form von Feuerwerk und kubischen Böllern in die Luft zu blasen und allen Haustieren – auch meiner Katze – ein nachhaltiges Trauma zu verpassen. Und es ist absolut keine passende Gelegenheit, zu versuchen, sein Leben zu ändern. Wenn es nicht gelingt, es an einem anderen Tag zu machen, warum dann ausgerechnet am 1. Januar? Ich gebe es offen zu: Dieses Silvester war nie mein Fest. Trotzdem bleibt da dieses Gefühl, heute über das Gestern und das Morgen nachzudenken, die Gesellschaft zwingt mich geradezu.

Nun, falls ich nicht gegen 22:30 Uhr mit den Confessiones von Augustinus in der Hand – den Bischof von Hippo plagten vor fast 2000 Jahren ganz ähnliche Gedanken – in meinem Lesesessel einnicke und einigermaßen wach bin, wenn 2020 beginnt (1), dann werde ich mir selbstverständlich einen Piccolo und dann mein Dachfenster öffnen, „Ah!“ und „Oh!“ sagen, an meinem Getränk nippen und über die Zukunft im Allgemeinen und meine persönliche, immer kürzer werdende, im Besonderen nachdenken. Und ich werde auf alle meine Mitmenschen ein Glas erheben, die mit mir gemeinsam in dieses 2020 hinein gehen können und wollen, ob als Familie, Freunde, Kollegen oder als Blogfollower. Manche kenne ich nur über die Bücher und Texte, die ich von ihnen lese, aber sie sind mir näher als mancher, dem ich in persona begegne.

Ich wünsche uns allen ein gesundes und glückliches Neues Jahr.

Euer Nikolaus!

_______

(1) Falls sich jemand fragt: Frau Klammerle, Krankenschwester in einer Intensiv-Frühgeburten-Abteilung, arbeitet wie in jedem Jahr in der Silvesternacht und rettet Leben (das ist sinnvoller als alles andere, was der Rest von uns so an Silvester macht). Deshalb werden ich und meine Katze, die sich allerdings ängstlich und zitternd im Keller verkriechen und erst im Morgengrauen von dort wieder hervorkriechen wird, heute alleine sein. Übrigens startet das neue Jahrzehnt, die berüchtigten Zwanziger Jahre, erst am 01.01.2021 (Ich weiß, ich bin ein Klugscheißer, aber ich kann halt nicht aus meiner Haut)!

Terror in Klein-Venedig – Leseprobe (Teil 6)

[<– Zum 1. Teil]

So, das waren jetzt die ersten 50 Seiten des Romans. Ich denke, da hat man eine ganz gute Vorstellung, wie sich die ganze Sache weiterentwickeln wird. Eine weitere Fortsetzung hat keinen Sinn. Denn wenn ich die Zugriffszahlen auf meinen Blog richtig deute, die mir unmissverständlich zu verstehen geben, dass absolut niemand diesen Text liest, dann sehe ich keinen Grund, hier fortzusetzen. Ich würde mich ja gerne von Gegenteil überzeugen lassen, aber da die wenigen Besucher meines Blogs so stumm wie tote Kartäusermönche sind, werde ich wohl kaum eine Meinung erhalten.

5.

Donnerstag, 02.03.
08.04 Uhr

»Wieviel kostet denn in diesem Jahr eigentlich eine Mass Bier auf der Jakober Kirchweih?«, erkundigte sich die alte Frau zusammenhanglos. »Die wird doch sicher auch jedesmal teuerer, oder?« Sie brachte den Aushilfszusteller Sebastian mit ihrer merkwürdigen Frage durcheinander. Er war damit beschäftigt gewesen,  in seiner komplexen Kopfrechnung zwei Zahlungsanweisungen mit ausgesprochen krummen Beträgen zusammenzuzählen und ihr anschließend den Betrag ihrer Rente passend auszuzahlen. Jetzt musste er noch einmal von vorne beginnen. Ganz kurz und nicht allzu freundlich sah Sebastian die ihn gutmütig beobachtende Oma an, zuckte mit den Achseln und begann von Neuem mit seiner Rechnung; dabei fixierte er einen Fleck an der Tapete.

»Ich weiß nicht genau …,« erwiderte er dann, weil ihm einfiel, sie könnte sein Schweigen als Unhöflichkeit auslegen. Der Kunde ist König, schoss ihm durch den Kopf, auch wenn diese Frau vollkommen verkalkt ist und glaubt, es sei nicht Anfang März, sondern Ende Juli, wenn in jedem Jahr kurz vor den Sommerferien in der Jakobervorstadt mit ein wenig Rummel und zwei Bierzelten Augsburgs ältestes Volksfest gefeiert wurde.

»Früher bin ichimmer gerne mit meinem Mann hingegangen; er hatte von seiner Firma Hendl-Gutscheine. Aber seit seinem Tod nicht mehr. Das ist jetzt schon sechzehn Jahre her«, fuhr die Alte unbeirrt fort. Doch dann zögerte sie: »Oder noch länger. In meinem Alter lässt das Gedächtnis manchmal etwas nach …«

»Fünfundert… sechshundert… fünfzig… siebenhundert«, zählte Sebastian Geldscheine auf die gehäkelte Tischdecke und dachte: Sei höflich, das ist eine nette, alte Dame, die gibt dir bestimmt Trinkgeld.

»Ich hatte heuer noch keine Zeit«, sagte er. »Zehn, fünfzehn, sechzehn …« Die Frau schob ihm mit entschiedener Geste das Hartgeld zu.

»Behalten Sie die Münzen. Reicht das für eine Mass?«

»Ich weiß nicht. Aber ich danke, das ist sehr nett von Ihnen.«

»Warten Sie.«

Sie öffnete ihre Handtasche, die sie griffbereit neben sich auf dem Sofa liegen hatte, und förderte nach ein wenig Kramen noch ein paar Geldstücke zu Tage.

»Das ist nicht nötig«, sagte Sebastian beschämt, »wirklich nicht.« Aber er nahm bereitwillig noch einmal fünf Mark in Empfang, die er in seinen Zustellergeldbeutel zu den anderen Münzen fallen ließ. 15 Mark und ein paar Zerquetschte, das hat sich gelohnt, dachte er und bedankte sich nochmals. »Sie müssen hier noch unterschreiben.« Sebastian reichte der Rentnerin seinen Kugelschreiber und sah ihr, nun schon ungeduldig, bei ihrem umständlichen Namenszug zu, den sie auf jede der Anweisungen setzte.

»Ich hätte aber noch eine kleine Bitte an Sie«, sagte sie dabei. Sebastian verzog einen Mundwinkel. Jetzt kam der Pferdefuß. Ab heute will sie ihre Versandhauskataloge oben an ihrer Haustür abgeliefert haben wie die Alte auf 7b, die mich jeden Tag über die Gicht in ihren Fingern volljammert. »Wenn Sie das Bier trinken, müssen Sie an mich denken. Versprechen Sie es mir?« Sie lächelte traurig und gab dem Zusteller die Zahlscheine zurück. Er sah sie erstaunt an, dann grinste er verlegen zurück. Mit einer flinken Handbewegung trennte er die Belegabschnitte ab und legte sie zu der Rente auf den Tisch. Dann wandte er sich zur Tür.

»Aber ja. Das werde ich sicher tun. Am Wochenende …«

»Wissen Sie, es ist schön, wenn jemand mal wieder an mich denkt. Meine Tochter ist doch gestorben und jetzt bin ich ganz allein.« Sebastian war schon fast in der Tür, als er stehenblieb und nicht recht wusste, was er sagen sollte. Dass er etwas sagen musste, war ihm klar, wenn er nur eine Ahnung gehabt hätte, was. Er blickte zu der Alten zurück, sah ihr mitleidig zu, wie sie sich ächzend vom Sofa erhob und ein paar zögernde Schritte durch ihr Wohnzimmer machte. Sie schien dabei Schmerzen zu haben. Eine zerbrechliche, kleine Frau, dachte er, wie alt mag sie sein? Wie kann sie auf diese Weise leben? Die Alte winkte ihn zurück. »Da schauen Sie doch«, sie deutete auf eine Fotografie an der Wand, eine Amateuraufnahme in einem einfachen Glasrahmen, »Irene ist im letzten März gestorben, letztes Jahr … glaube ich.«

Sebastian sah flüchtig auf das Bild, das ihm nichts, der alten Frau so viel sagte. Er studierte die Portraitaufnahme einer etwa vierzigjährigen, wohlgenährten Frau, sie war blond, rotwangig und gut aufgelegt gewesen. »Das … ah, das tut mir leid. Mein Beileid«, zögerte er, fiel aus der Rolle des geschäftsmäßigen, flinken Zustellers, der in Gedanken bereits drei Häuser weiter beim nächsten Einschreiben ist.

»Sie fehlt mir.« Sie hatte nun eine Stimme wie ein Hauch; gebrochen, rauh, selbstvergessen.

»Das verstehe ich. Solch ein Verlust …«, erwiderte Sebastian viel zu laut und es gelang ihm nicht, dabei wirklich bekümmert zu klingen. Er sah nochmals auf das Foto, verlegen auf der Unterlippe kauend. Er hatte kein Verhalten für solch eine Situation parat. Also ging er rückwärts aus der Wohnung, floh beinahe, beschämt ein Abschiedswort murmelnd, sich noch einmal bedankend. Er hatte nicht einmal gefragt, woran die Tochter, die auf dem Foto so gesund und glücklich aussah, gestorben war.  Erst später wurde ihm bewusst, dass die alte Frau laut um Hilfe gerufen und er sie nicht gehört hatte, nicht hören wollte. Sebastan trank selbstverständlich kein Bier auf der Kirchweih, die eh erst in vier Monaten ihre Bierzelte öffnen würde, aber den Auftrag der Rentnerin, an sie zu denken, befolgte er gewissenhaft. Sie quälte sein Gewisssen, solange er die Post in dem großen Wohnblock zustellte, in dem sie wohnte.

*

Häuser hatten einen neuen Charakter für Sebastian bekommen, seit er wegen seiner chronischen Finanzschwäche bei der Post arbeiten musste und in wechselnden Bezirken in nur allzu bekannten Straßenzügen seiner Heimatstadt Briefe und Zeitschriften zustellte. Die Häuser begannen für ihn lebendig zu werden. Diese Gebäude, an denen er bisher achtlos vorbeigegangen war, bekamen plötzlich ein Innenleben, eine Struktur, eine Bedeutung. Es gab Häuser, die er mochte, die er gerne betrat, andere hasste er. Das war unabhängig von ihren Bewohnern, sondern beruhte auf den Schwierigkeiten, die er dabei hatte, sie zu betreten. Oft hatte er keinen Schlüssel und musste Reihen von Klingelknöpfen durchprobieren, bis ihm jemand die Gnade erwies, ihn hereinzulassen. Da er aber einen festen, knapp bemessenen Stundensatz bezahlt bekam und es sein Privatvergnügen war, ob er ihn über- oder unterbot, war er immer in Eile und nahm jede Verzögerung als einen persönlichen Angriff auf seine knapp bemessene freie Zeit. Ein eigenes Thema waren die Briefkästen. Nach ein paar Monaten bei der Post ertappte er sich, wie er ganz automatisch auch nach Feierabend begann, Häuser nach ihnen zu beurteilen. Entscheidend war, ob es eine außen angebrachte Anlage war, an der Front  des Hauses oder am Rückgebäude, ob sich die Briefkästen an mehreren Eingängen verteilten, ob sie sauber und auf neuestem Stand beschriftet und ihr Öffnungsspalt groß genug war, auch Langholz, also Sendungen im DIN A4-Format, aufzunehmen. Langholz, das war Zustellerslang. Er sprach ihn schon perfekt. Es gab  Kästen mit rasiermesserscharfen Klappen über den Öffnungschlitzen, die ihm beim Zurückfallen auf die Finger schlugen und sie aufrissen oder die eingeklemmte Zeitschrift so nach unten bogen, dass sie wieder herausfiel. Häufig standen die Namen auf diesen Klappen, die durch das Langholz nach innen gedrückt und damit nicht mehr lesbar waren, was vor allem bei Hochhausanlagen ärgerlich war. Es gab Anlagen, deren unterste Kästen in Kniehöhe angebracht waren oder sich auf zwei Seiten aufteilten. Manche Kästen wurden nur einmal in der Woche geleert oder die Tageszeitung füllte sie. Zwei, dreimal in der Woche steckten Werbeblättchen zur Hälfte in den meisten Schlitzen, verdeckten die Namen und erschwerten Sebastians Arbeit. Oft standen Kinderwägen oder stinkende Mülltonnen im Weg. Sebastian hatte es nicht für möglich gehalten, dass er ein solch persönliches, animistisches Verhältnis zu diesen toten Gegenständen entwickeln könnte. er hatte tatsächlich angefangen, mit ihnen zu reden.

Dann, wenn er länger als nur ein paar Tage in einem Zustellbezirk war, begann er die Menschen kennenzulernen, die sich in seiner Vorstellung mit dem Charakter der Häuser verbanden und Teil von ihnen wurden. Manche bekam er nie zu Gesicht, sie blieben nur ein Name, der durchaus kein Omen war. Oft war allerdings schon an Haus, Briefkasten und Fußabstreifer zu erkennen, ob jemand auf Bayernkurier, die ZEIT oder den Spiegel abonniert war. Übrigens hatte niemand alle drei oder auch nur zwei dieser Zeitschriften gleichzeitig bestellt. Andere sah er täglich und viele kosteten ihn Nerven und Zeit, ohne sich dessen bewusst zu sein. Geschäftsinhaber wollten ihre Post persönlich auf dem Schreibtisch oder doch zumindest bei einer Sekretärin abgegeben, selbst wenn sie Briefkästen hatten. Diese waren jedoch nicht die Schlimmsten, wurden nur unangenehm, wenn er einen Fehler machte und ihnen falsche Post zustellte, was immer wieder passierte. Einmal hatte er versehentlich ausgerechnet einem katholischen Pfarramt ein dezent verpacktes Pornoheft, das für einen Sexshop ein Haus weiter bestimmt war, zugestellt. Das Entsetzen der Haushälterin, die die Sendung öffnete und so etwas wahrscheinlich noch nie zu Gesicht bekommen hatte, führte zu einer ernsten Beschwerde bei seinem Vorgesetzten, dem sogenannten Qualitätsmanager, der ihm gehörig die Leviten las, mit seiner Kündigung drohte und ihn anschließend ein paar Mal im Bezirk abpasste und kontrollierte.

»An Oliver Heyse, Berliner Allee 26 k, 1. Stock rechts«, las Sebastian auf dem schmutzigbraunen Umschlag eines dicken Einschreibens im Din-A4-Format. Er war inzwischen in seinem Hauptzustellgebiet, der sogenannten Klein-Venedig-Wohnanlage angekommen. Neben Wertbriefen, Geldanweisungen, Postzustellungsur­kunden (kurz ZU’s) und den unhandlichen Babykostprobepäckchen von Milupa, im Zustellerjargon liebevoll Rammlerpackungen genannt, waren Einschrei­ben die ungeliebteste Postsache der Zusteller, weil sie viel Zeit in Anspruch nahmen. Donnerstags war zudem oft Gerichtstermin und an diesem Tag gab es viele Post­zustellungsurkunden als Einschreiben. Sebastian hatte heute bereits den zwölften dieser blauen Briefe zugestellt. Das bedeutete viel Arbeit an einem Tag, an dem auch die ZEIT, die wahrscheinlich unhandlichste Zeitung, die es in Deutschland gibt, und bereits einige Fernsehzeitschriften ausgetra­gen wurden. Wenn sich dann zufällig auch noch wie heute die Einschreiben häuften, würde er bis in den späteren Nachmit­tag Post austragen müssen. Da man ihm ja nicht seine tatsächliche Arbeitszeit, sondern fest 38,5 Stunden bezahlte, war er natürlich immer bemüht, diesen Satz zu unterbieten. Dieser Kampf mit der Zeit wurde ihm manchmal ganz schön sauer: Zu jedem Einschreiben musste der Zu­steller ein kleines rosa Formular ausfül­len, das der Empfänger zu unterschrei­ben hatte, und, falls dieser nicht zu Hause war, hatte Sebastian zusätzlich eine weiße Benachrichtigung zu hinterlassen, dass das Einschreiben innerhalb von sieben Werktagen bei der Post abzuholen sei, bevor es zu­rück an den Absender gehe. Der Sender dieses Einschreibens in seiner Hand trugden seltsamen Namen Klaus Wen­dlbaur. Sebastian nahm ein kleines grünes Notizbuch in die Hand, in dem er flink mit seinem weißen Postzustellerkugelschreiben diesen Namen vermerkte. Er tat dies, weil er, seit er bei der Post war, ungewöhnliche Namen sammelte. Da er als Aus­hilfsbriefträger in schöner Regelmäßigkeit durch die Zustellbezirke der Stadt wechselte, hatte er schon eine wunder­schöne Sammlung erstellt. Weil er schon dabei war, schrieb er verbotenerweise auch gleich die Benachrichtigung und heftete sie mit einer Büroklammer an das Einschreiben. Diese durfte man in der Theorie erst dann erstellen, wenn man tatsächlich niemanden in der Wohnung des Empfängers antraf, aber Sebastian hatte festgestellt, dass es wesentlich einfacher und zeitsparender war, sie schon früher, am Besten am Morgen beim Sortieren im Postamt vorzubereiten, als sie im Stehen vor einer Haustür hinzu­kritzeln. Denn dann brauchte er nur noch kurz zu klingeln, bis drei zu zählen, die Benachrichtigung in den Briefkasten wer­fen und weiter ging sein Tag. Erst einmal war es ihm passiert, dass jemand im Schlafanzug schimpfend hinter ihm herkam.

Sebastian seufzte und studierte die Reihe der Klingelknöpfe. Neben dem Namensschild von Heyse befand sich das von einem gewissen Roman Schwerstgeburth, der wohl sein Nachbar zur Linken war und dem der Aushilfspostbote noch nie etwas zugestellt hatte. Denn daran würde er sich erinnern. Schwerstgeburth – was für ein Name! Sebastian musste ihn sich sofort notieren. Wendlbaur, Schwerstgeburth, herrlich. Der Tag ließ sich gut an. Dann läutete er bei Heyse und überraschenderweise summte sofort der Türöffner, als habe man ihn bereits erwartet.

ENDE
DER LESEPROBE

 

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