Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

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Ein Interview mit mir selbst über mich

Über das Schreiben

Was für ein eisiger, abweisender und grauer Sonntagmorgen! Das ist genau die richtige Gelegenheit, mit mir selbst ein Interview zu führen und ein wenig Rechenschaft abzulegen.

Schreibst du deinen Roman „Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren“ eigentlich chronologisch?

Nein. Im Moment arbeite ich gleichzeitig an 3 Teilen. Eigentlich ist der Geltsamer auch keine Trilogie in fünf (oder sechs) Bänden, sondern ein einziger, sehr dicker Roman. Der 4. Teil, ich hier gerade häppchenweise veröffentliche, ist schon recht fortgeschritten. Ich schleife ihn gerade in seine endgültige Fassung und hoffe, dass mir der eine oder andere Leser bei der Fehlersuche helfen wird. Ich will mich hier noch einmal bei denen bedanken, die sich dieser Mühe unterziehen und mir persönlich, per E-Mail  oder Kommentar Hinweise zukommen lassen. Dieses Feedback ist selten, aber für mich ungeheuer wertvoll und wichtig und fließt immer in meine Texte ein. Wenn man so will, schreibe ich den Roman nicht allein, sondern zusammen mit meinen Lesern.

Daneben arbeite ich bereist an Band 5 und dem Prequel, das in der Hauptsache in der Goethezeit spielt. Teile dieses letzten Teils sind übrigens aus dramaturgischen Gründen nach vorne ins 3. Buch gewandert.  Das letzte Kapitel sind noch nicht geschrieben. Vom Prequel existieren nur Skizzen. Da wartet in diesem und in den kommenen zwei Jahren einige Arbeit auf mich. Ich will die Geltsamer-Reihe nämlich 2020, bzw. 2021 abschließen.

Hast du einen Plan für diese Romane? Weißt du, wie das Ganze endet?

Ich glaube nicht, dass sich ein Roman ohne genaue Vorplanung schreiben lässt. Noch dazu ein so komplexer wie dieser, der manchmal innerhalb eines Satzes von einer Realität in eine andere wechselt oder von einer Zeitebene zu einer anderen springt. Ich weiß aber sehr genau, was ich erzählen und was ich verschweigen will; was in den einzelnen Kapiteln passiert und wie die Verhältnisse der handelnden Personen zueinander sind. Ich habe von den Hauptfiguren Steckbriefe und Lebensläufe angefertigt und in meinem Arbeitszimmer hängt ein großer Übersichtsplan. Als Autor weiß ich aber mehr von meinen Figuren, als der Leser in dem Buch erfahren wird.

Hältst du dich immer an deinen Plan?

Ich versuche, den Leser zu überraschen, nicht mich selbst – obwohl das manchmal auch geschieht. Trotzdem hänge ich nicht sklavisch am Plan. Ich ändere mich und damit auch der Plot. Manchmal drängen sich Nebenfiguren nach vorn und werden – während ich sie schreibe – dominanter; verlangen ihr Recht auf ihre eigene Geschichte. Das passiert mir immer wieder. Es hat eine Zwangsläufigkeit, der ich mich als Autor beugen muss. Ich entwickle nur die Figuren und das Umfeld und sehe dann mehr oder weniger zu, wie sie ein eigenständiges Leben beginnen. Karl-Heinz Welkenbaum aus dem 3. Buch ist ein Beispiel dafür: Er schrie förmlich danach, von mir mit mehr Aufmerksamkeit bedacht zu werden. Er ist eine der farbigen Gestalten des Romans, der ich einfach mehr Platz einräumen musste. Der Schweizer Professor aus dem 1. Buch ist auch so ein Fall. Der Nikolaus Klammer des Buches selbst ist eine fade, farblose Figur; er ist kein Held, sondern ein Getriebener, dessen Weltbild auseinandergenommen wird. Umso bunter müssen die Menschen sein, mit denen ich ihn konfrontiere. Welkenbaum, Marini und die Helden der Bücher in den Büchern sind so vielschichtig und farbenfroh, dass ich ihnen gegen meinen ursprünglichen Plan wesentlich mehr Platz gewidmet habe. Dadurch wurde die Geschichte aber viel länger.

Und das Ende? Löst sich dann alles auf?

Wie gesagt habe ich nicht vor, alles zu erzählen, was ich über meine Figuren weiß. Eine Geschichte hat immer mehrere Seiten. Je nachdem, von welcher Seite man sie betrachtet, ergibt sich ein anderes Bild. Eine einzige Wahrheit, eine einzige richtige Deutung der Geschehnisse gibt es nicht. Der Leser soll seine eigene finden. Aber ich verspreche, dass der Roman einen zufriedenstellenden Abschluss finden und jede Geschichte zuende erzählt wird.

Warum geht es so langsam voran? Auch gutmütige Leser könnten es irgendwann leid sein, jahrelang auf das Ende zu warten.

Das hat viele Gründe. Ein paar sind äußeren Umständen (Brotberuf, Familie) geschuldet, die meisten jedoch bei mir selbst zu finden. Es ist richtig, ich arbeite am Geltsamer schon mehrere Jahre lang – die ersten Anfänge liegen im Jahr 2014 – und man kann durchaus den Eindruck gewinnen, es ginge kaum voran. Ich habe den Blog auch gegründet, um mich selbst zu regelmäßiger Arbeit an meinen Werken zu zwingen und mir Rechenschaft über ihr Fortschreiten abzulegen. Das mache ich öffentlich, weil ich den Druck einer Leserschaft wollte. Nun, das hat nicht ganz geklappt. Zum einen konnte ich im Internet nicht wirklich Interesse an meiner Literatur erwecken, zum anderen drängen sich auch andere Projekte von mir nach vorne.

Ein kleiner, neugieriger Blick in mein Notizbuch …

Dass es so lange dauert, ist auch meiner Arbeitsweise geschuldet. Meine Texte entstehen zuerst als Manuskript, werden dann von mir abgetippt und erst mehrmals überarbeitet, bis sie in den Blog gelangen. Die Fassung, die dann dort zu finden ist, ist noch lange nicht die endgültige, sondern nur eine Art Rohfassung, an der noch weiter gefeilt und geschliffen wird. Dann lasse ich ein Probe-Exemplar binden und gebe es meinen Freuden zur Korrektur. Schließlich gebe ich es frei und ärgere mich, dass noch immer 1000 Fehler darin zu finden sind. Vielleicht liegt es daran, dass manche Leser die Sprache des Romans als überkompliziert und altmodisch empfinden. Vielleicht sind die Gründe auch in meinen manchmal etwas abwegigen Lektüren zu suchen, die ich speziell auch wegen des Geltsamers auswähle.

Ist es nicht schwierig für einen Leser, komplexe Texte oder Romane wie den Geltsamer häppchenweise im Internet zu lesen?

Ich würde sogar sagen, es ist eine Zumutung. Ganz ehrlich: Ich mache es auch nicht; ich lese selten bis nie die Texte anderer Blogger. Zudem weiß man, dass am Bildschirm gelesene Texte wesentlich oberflächlicher aufgenommen werden als gedruckte, Fehler viel häufiger übersehen wären. Wie das bei E-Book-Readern ist, weiß ich nicht. Aber aus eigener Erfahrung würde ich vermuten, die aktuellen Geräte kommen dem Leseerlebnis, das man mit einem Buch hat, doch recht nah. Wer einmal einen 1000-Seiten-Wälzer auf einem Reader gelesen hat, wird um die Vorteile wissen, wenn ihm dieser schmale Bildschirm beim Einschlafen auf die Nase fällt und ihn nicht das analoge Buch erschlägt.

Es wäre jedoch sinnlos, längere Texte hier auf dem Blog in einem Stück zu posten. Also habe ich mich für homöopathische Dosen von 1200 – 1500 Wörtern entschieden – das sind ungefähr fünf normale Taschenbuchseiten. Ich sehe jedoch an den Zugriffen, dass mein Angebot kaum angenommen wird; offenbar überfordere ich potentielle Leser oder schrecke sie ab. Die über fünfzig Fortsetzungen von „Die Wahrheit über Jürgen“ – das sind 200 Buchseiten hat hier z. B. überhaupt niemand gelesen – das Buch verkauft sich auch nicht. Ich hätte vermutlich mehr Leser, wenn ich die Texte – anstatt sie im Internet zu posten – ausdrucken und daheim an meine Garagentür kleben würde.

Was geschieht mit den Texten, nachdem sie auf dem Blog erschienen sind?

Die Texte, die ich gepostet habe, sind nicht fertig. Ich lasse sie nicht einfach im Archiv verrotten. Ich überarbeite sie regelmäßig, verbessere Fehler, schreibe sie fort. Das gilt nicht nur für die Belletristik, sondern auch für die Glossen und Essays. Für mich ist der Blog eine Art von erweitertem Notizblock, machmal auch von einem Tagebuch.

Ich habe nicht vor, meine Texe und Romane einem Verlag anzubieten. Denn ich bin mir sehr wohl bewusst, dass dies vollkommen sinnlose Zeitverschwendung ist. Es mag zwar für meine Art von Literatur ein kleines Publikum geben, aber die Chance, jemals einen Verlag für sie zu finden, ist gleich Null. Ich bin eigentlich ganz froh, dass ich von meiner Kunst nicht leben muss, sondern einem Brotberuf nachgehe, in dem ich mir meine Zeit recht gut selbst einteilen kann. Wenn ich glaube, dass ein Text vorzeigbar ist, veröffentliche ich ihn als Selfpublisher. Auf diese Weise sind in den letzten drei Jahren 8 Bücher entstanden; in diesem Jahr sollen – wenn alles nach Plan geht – 3 bis 4 weitere folgen. Als nächstes wird im März Noch einmal daran gedacht erscheinen, ein Essayband mit Texten aus diesem Blog.

Das sind die Bücher, an denen ich in diesem Jahr arbeite (und sie vielleicht auch veröffentliche) …

Ich weiß, ich wiederhole mich: Zu versuchen, in Deutschland als freier Autor zu leben, ist die sicherste Art, zu verhungern – vielleicht nicht die schnellste, aber doch die sicherste. Zudem ist mir bewusst, dass die Texte, die hier erschienen sind oder von mir schon als gedrucktes Buch vorleigen, von keinem Verlag mehr angefasst werden. Ich verschenke mich also; allerdings wird dieses Geschenk meist abgelehnt.

Das klingt bitter.

Manchmal habe ich meine Phasen. Momente, in denen ich mich frage, warum nicht mehr Menschen meine Texte lesen; ob das an mir oder an der Qualität meiner Literatur liegt. Aber ich habe mich mit meiner Erfolglosigkeit längst arrangiert. Aus den Träumen meiner Jugend bin ich aufgewacht.

Worum geht es im „Geltsamer“ genau?

Ich will hier nicht auf die Handlung eingehen. Ich mag es nicht, wenn mir in einer Besprechung bereits die halbe Geschichte verraten wird. Ich hasse Spoiler und ich nehme an, es geht anderen ebenso. Meist sind mir schon die Texte auf den Buchumschlägen zu detailliert. Ich mache außerdem auf diesem Blog häufig Anmerkungen zu dem Roman und zu meiner, um es mal hochgestochen auszudrücken, „Literaturtheorie“.

Ganz allgemein geht es mir darum: Die Wand zwischen dem, was ich alltäglich sehe, fühle und denke, jener Welt, die ich als „Realität“ begreife, und dem Irrsinn: Sie ist dünn wie Papier. Es genügt ein Schritt zur Seite, ein Straucheln, ein Stolpern: All das, all die Dinge, die ich für sicher hielt, die mir in meinem Leben Halt gaben, existieren dann nicht mehr. Sie sind ein Traum, in dem ich jetzt noch lebe, den ich aber nach dem Erwachen vergessen werde. Ich bilde mir ein, dass mein Dasein beständig und festgefügt ist, Kontinuität besitzt. Das ist ein Irrtum. Der Nikolaus Klammer, der ich gestern war, hat mit dem, der ich heute bin und dem, der ich morgen sein werde, nur wenig zu tun. Und der literarische, erfundene, existiert zwischen diesen Ebenen. „Gestern“ und „Morgen“ sind nur Fantasiegebilde, die keine Existenz haben; Konventionen, an die ich glaube, um weitermachen zu können. Tatsächlich aber kann ich mir nicht einmal sicher sein, ob die Dinge, an die ich mich erinnere, auch vorgefallen sind. Vielleicht habe ich sie nur geträumt.

Wenn ich also sehe, wie viele Fallstricke es gibt und auf welch wackligem Boden ich meinem Alltag nachgehe, wie schnell ein Unfall, eine Krankheit, ein Tod oder auch nur das Verhalten eines einzelnen Menschen mein Leben komplett aus der Bahn bringen können, finde ich es ganz erstaunlich, dass die meisten Leute „normal“ funktionieren und nicht in ihre eigenen hermetischen Welten abtauchen und dabei den Verstand verlieren. Das Internet bietet übrigens eine Vielzahl solcher Welten an, die neben der „Realität“ existieren. Freilich biegt sich jeder seine Wahrnehmung so zurecht, wie er sie braucht und jedes Augenpaar hat einen vollkommen anderen Blick auf die Dinge, manchmal so fundamental anders, dass es außer Hass keine Gemeinsamkeiten. Meine Literatur will auch eine Brücke zwischen den Individuen schaffen.

So ein Interview mit mir selbst ist zwar ein bisschen schizophren, aber eine feine Sache: Ich stelle mir nur die Fragen, die ich auch beantworten will. Trotzdem: Wenn eine von euch verirrten Seelen, die dort draußen im endlosen Kosmos des Internets herumschwirrt und durch Zufall auf meine Seite gekommen ist, etwas anderes von mir wissen will: Frage ruhig, ich will hier gerne alles beantworten. 

[Wird fortgesetzt …]

Ein fiktives Interview mit Karl-Heinz Welkenbaum (Teil 1)

Der Vollständigkeit halber gibt es heute einen Text, der es in den 3. Teil von „Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren“ nicht geschafft hat, aber vielleicht meine Leser als kleiner Appetitanreger interessiert. Es ist ein Interview, das Verena Salva mit ihrem Freund und Verleger Karl-Heinz Welkenbaum geführt hat, bevor die beiden nach Rom verreisten.

 

Wie versprochen veröffentliche ich heute den Beginn meines Interviews mit dem Verleger Karl-Heinz Welkenbaum. Er nahm sich viel Zeit für mich und beantwortete ausführlich meine Fragen. Deshalb ist das äußerst interessante Gespräch mit ihm so umfangreich ausgefallen, dass ich es hier auf zwei Abschnitte aufgeteilt habe, die ich in den nächsten Wochen bloggen werde. Der erste Abschnitt dreht sich um das Verlagsgeschäft allgemein und um das Veröffentlichen von Lyrik in der heutigen Zeit.

Welkenbaum, ein sportlicher und sehr jugendlich wirkender Mittfünfziger, hat mich in seinem Arbeitszimmer in seiner Villa am Dorfrand des niederbayerischen Badeortes Bad Griesbach empfangen. Auf seinem aufgeräumten Schreibtisch stehen eine alte elektrische Schreibmaschine, auf der er noch immer die meiste seiner Korrespondenz tippt, ein Tischtaschenrechner und ein Telefon. An der Seite liegt ein Stapel Manuskripte. Hinter seinem Stuhl erhebt sich ein Regal, in dem ausschließlich Werke stehen, die er in seiner fünfundzwanzigjährigen Verlagsgeschichte veröffentlicht hat. Der einzige Schmuck im Raum sind eine große Yukkapalme und ein expressionistisches Gemälde von Lothar Buchheim, mit dem Welkenbaum vor dessen Tod befreundet war.

Der Verleger ist ein Phantom. Es gibt nur wenige Fotografien von ihm und er legt Wert auf die erstaunliche Tatsache, dass weder sein Name noch eine Abbildung von ihm im Internet oder anderen Medien auftaucht. Er will vollkommen hinter seinem Lebenswerk, dem nach seinem Vater benannten Welkenbaum-Verlag, verschwinden. Obwohl er auch Interviews und gesellschaftliche Anlässe meidet, empfängt er mich freundlich und ist bereit, auch über intimere und persönlichere Dinge zu reden. Welkenbaum spricht übrigens spontan druckreif und es gelingt ihm mühelos, auch komplizierte Sätze perfekt zu Ende zu bringen. Ich wollte, dies träfe auch auf meine mehr schlecht als recht gestammelten Fragen zu. Ich habe deshalb nur weniges und dies auch nur auf seinen Wunsch hin redigieren müssen.

Die Hände von Karl-Heinz Welkenbaum, der die Öffentlichkeit scheut und nicht wünschte, dass ich eine Portraitaufnahme von ihm mache.

*

Rosmarinkatze. Herr Welkenbaum. Ich danke Ihnen, dass Sie die Zeit gefunden haben und sich für meinen neuen Blog „Die Rosmarinkatze“ zu einem Interview bereit gefunden haben. Ich weiß aus unserem Vorgespräch, Sie betrachten diese moderne Art, den Leser mit Hilfe der neuen Medien Literatur zu vermitteln, sehr skeptisch.

Welkenbaum. Das ist richtig. Ich persönlich glaube, dass das Internet und seine Publikationsformen zumindest der Lyrik, wie Sie sie vermitteln, meine liebe Verena, und auch der Belletristik im Allgemeinen ein natürlicher Feind sind. Kunstvolle und gelungene Literatur benötigt den aufmerksamen, konzentrierten Leser. Das oberflächliche Überfliegen eines Textes auf dem Bildschirm ist eine bloße und dabei noch von vielerlei Reizen abgelenkte reine Informationsaufnahme, die jede Poesie und Stimmung abtötet. Auch aus diesem Grund ist der Welkenbaum-Verlag bis auf einen kleinen, aber feinen E-Book-Shop nicht in den sogenannten Neuen Medien vertreten. Ich produziere Bücher und keine Datenpakete aus Nullen und Einsen. Aber selbstverständlich freue ich mich, wenn ich eine meiner Autorinnen – und, wie ich bemerken darf – nicht die schlechteste unter ihnen -, bei ihrer Arbeit unterstützen kann.

Rosmarinkatze. Dann glauben Sie, ein rein analoger Verlag wie der Ihre kann auf dem heutigen Markt bestehen?

Welkenbaum. Gottseidank gibt es noch viele Leser, die mit meinen Auffassungen d’accord gehen und niemals einen literarischen Text auf einem Tablet oder einem Smartphone lesen würden. Dazu kommt, dass ich nur Bücher publiziere, von denen ich selbst überzeugt bin und ich habe mit der Hilfe meiner Mitarbeiter den Verlag so breit aufgestellt, dass er ein weites und auch interessantes Spektrum abdeckt, das sich, wenn ich einmal ein etwas abgegriffenes Bild verwenden darf, an den Gourmet und Feinschmecker und nicht an den Fastfood-Konsumenten richtet. Zum Glück sind solche Menschen auch noch in der heutigen Zeit zu finden.

Rosmarinkatze. Was dürfen wir denn im nächsten Lesesommer vom Welkenbaum-Verlag erwarten?

Welkenbaum. Ich will aus den ungefähr fünfundzwanzig Publikationen der nächsten Monate mal nur ein paar wenige herausgreifen; auch wenn ich dadurch eine ganz persönliche und keineswegs maßgebliche Festlegung treffe, der man mit guten Grund widersprechen könnte und übrigens von den Mitarbeitern meiner Marketing-Abteilung vollkommen anders betrachtet wird. In der Reihe „Fit mit Hagen Reuther“ wird ein neues unserer beliebten Diät-Kochbücher erscheinen, im Juli dann sind wir mit den „Prekären Geheimnissen“ am Start; einem Sachbuchprojekt unseres Autors Roman Gaitania, in das er zehn Jahre Arbeit investiert hat. Es ist ein einzigartiges Kompendium der hermetischen „Geheimwissenschaften“ und der mit ihnen verbundenen geheimen Gesellschaften und Vereinigungen vom Beginn der Neuzeit im 16. Jahrhundert bis zum heutigen Tag. Im Bereich Belletristik dürfen wir zwei Romane von den Hochkarätern unter den Verlagsautoren erwarten; nämlich „Blicke über den Zaun“ von Gernot Ott und „Nutzlose Menschen“ von Nikolaus Klammer. Und schließlich – last but not least – wird auch noch eine neue Stimme unter den deutschsprachigen Lyrikerinnen ihre Premiere im Welkenbaum-Verlag feiern: Verena Salva mit ihrer wunderschönen „Rosmarinkatze“.

Rosmarinkatze. Auch wenn ich es mir selbstverständlich wünsche: Kann denn ein Gedichtband heutzutage noch einen Leserkreis erreichen?

Welkenbaum. In keiner literarischen Sparte wird von so vielen Laien und Hobbydichtern so viel stümperhafter Ausschuss und Müll produziert wie in der Lyrik. Blättert man durch die Veröffentlichungen sogenannter self-publisher und literarischer Foren im Internet, steht die Produktion von Gedichten unangefochten an erster Stelle. Dahinter rangieren weit abgeschlagen die Lebensratgeber und die persönlichen Schicksalsgeschichten. Es scheint mir so, dass fast jeder – weil er in der Schule das Schreiben gelernt hat -, der Meinung ist, er könne deshalb dichten und sich mit Rilke und Durs Grünbein messen. So lange dies für den eigenen Gebrauch und die Schreibtischschublade geschieht, ist das auch vollkommen in Ordnung. Aber warum muss man seine Reim-Ergüsse auch noch unbedingt veröffentlichen? Unter dieser Flut gehen die wenigen guten lyrischen Texte – und die gibt es auch heute noch -, sang- und klanglos und ungelesen unter. Doch zum Glück gibt es sie noch, die Connaisseure, die ein gelungenes Gedicht zu schätzen wissen und diese will ich mit der „Rosmarinkatze“ erreichen. Es wäre ein Jammer, wenn diese neue Stimme nicht gehört würde.

Rosmarinkatze. Wie kann man denn mit Lyrik Geld verdienen?

Welkenbaum. Klare Antwort: Überhaupt nicht. Die Produktionskosten sind für einen Gedichtband höher als für alle anderen Bücher und die Erlöse, die sich mit ihnen erreichen lassen, sind marginal. Aber hier spricht der Kaufmann und nicht der leidenschaftliche Verleger in mir. Lyrik ist immer ein finanzielles Verlustgeschäft. Die Gewinne hole ich an anderer Stelle herein: Bei der Prosa. Selbstverständlich nur bei der, die spannend ist und Frauenthemen behandelt. Denn das Lesen ist heutzutage fest in weiblicher Hand. Auch Sachbücher, sofern sie psychologische Hilfe, Diättipps oder Lebensberatung anbieten, verkaufen sich ordentlich.

Es wird Zeit, die Hofberichterstattung zu beenden und den Verleger mit ein paar Fragen zu kitzeln, die ein wenig tiefer in sein Gemüt blicken lassen. Bei aller Eloquenz, mit der er über für ihn unangenehme Fragen hinweg geht, sollen doch auch ein paar Lücken in der Selbstinszenierung auftauchen, die Welkenbaum als Menschen mit Fehlern und Schwächen sichtbar machen. Zuerst werde ich ihn daher ein wenig über seine Beziehungen und dann über seinen Alltag ausfragen.

Karl-Heinz Welkenbaums Schreibtisch. Da er keine Gleitsichtbrillen tragen möchte, hat er überall in seiner Wohnung in Griffweite Brillen liegen. Insgesamt sind es sicherlich um die zwanzig Lesebrillen und einige für die Ferne.

*

Rosmarinkatze. Herr Welkenbaum. In welcher Beziehung stehen Sie zu ihren Autoren?

Welkenbaum. Da gibt es keine allgemeine Antwort. Ich bin auf jeden Fall niemand, der ihnen bei allen Schreib-, Lebens- und sonstigen Krisen mit väterlichem Rat zur Seite steht. Dieses Gejammere auf hohem Niveau vermeide ich so gut wie möglich. Dafür habe ich meinen Lektor, Dr. Jochen Philipp Engold, der mit einer gerade zu legendären Geduld ausgestattet ist und die meisten Probleme ohne meine Unterstützung bewältigen kann. Er kann so sanft mit ihnen umgehen wie ein Erzieher in Kindergarten – was er im Grunde auch irgendwie ist. Schriftsteller sind wie Kinder, die aus dem Hort eine hässliche Bastelarbeit oder eine geschmierte Wachsmalkreidenzeichnung heimbringen und nichts anderes als ein überschwängliches Lob erwarten. Aber es ist immer wieder interessant, wie es Jochen gelingt, durch ein paar wenige Eingriffe und Umstellungen aus diesen Scheußlichkeiten ein Meisterwerk zu formen und die Autoren glauben zu lassen, dass alles ihr eigenes Genie ist.

Rosmarinkatze. Ist es wahr, dass die meisten Autoren trinken?

Welkenbaum. (lacht) Das ist wohl ein wenig übertrieben. Allerdings steckt zumindest bei den Belletristikern auch ein Körnchen Wahrheit darin. Schreiben ist doch wahrscheinlich nach Leuchtturmwächter der einsamste Job der Welt und alle familiären und freundschaftlichen Beziehungen leiden darunter – falls es dem in aller Regel egozentrischen, oft auch soziopathischen Schriftsteller überhaupt gelingen sollte, irgendeine feste Beziehungen einzugehen. Da hilft der Alkohol oft ganz gut. Die meisten haben sich jedoch so weit unter Kontrolle, dass sie erst nach einem erfüllten Arbeitstag zur Flasche greifen, um die sinnlose Leere ihres Daseins und die Stunden fern von dem bedrohlichen, leeren Blatt abzumildern. Die sind alle kleine Hemingways. Sie leiden wie Thomas Mann unter der eingebildeten Kluft zwischen Leben und Kunst. Ach, ja … Aber das war jetzt auch ein wenig polemisch und ich mag meine Autoren wirklich.

Rosmarinkatze. Das ist jedoch kein nettes Bild, das Sie da von ihnen zeichnen. Schließlich leben Sie ja auch von diesen „Soziopathen“. Ich habe gehört, dass Sie selbst ein begeisterter Freund von schottischem Single-Malt-Whisky sind und Ihre Beziehungen zu Frauen – nun ja -, kompliziert seien.

Welkenbaum. Ich bin auch ein großer Bewunderer von Hemingway. Vergessen Sie seine Romane. Aber wenn Sie ein paar seiner Reportagen oder Kurzgeschichten gelesen haben, dann werfen Sie die Hälfte der zeitgenössischen Bücher in den Müll; vor allem die unserer deutschen Autoren. Einen jungen, deutschen Hemingway, den würde ich gerne verlegen; das wird jedoch ein feuchter Traum bleiben. Was meine zwei Ehen und meine … Freundschaften betrifft, auf die Sie wahrscheinlich anspielen und meinen allabendlichen Alkoholkonsum -, nun, ich bin kein Wüstling oder Säufer, sondern, ich sagte es schon, ein Connaisseur. Ich genieße die vielfältigen Möglichkeiten, die mir das Leben bietet und die Gesellschaft und Konversation mit einer schönen Frau wie Sie es sind, meine Liebe. Wenn ich dann noch ein Glas Aberlour A’Bunadh Batch No. 50 in der Hand halte und seine Aromen nach Sherry, Orange und Haselnuss genieße, dann habe ich den Eindruck, dass die Welt besser ist, als sie uns das Fernsehbild ins Haus liefert. Aber ich weiß. In unserer ach so politisch korrekten Gesellschaft, in der ich mich manchmal wie ein Barockmensch fühle, der versehentlich in die Wells’sche Zeitmaschine geklettert ist und nun vierhundert Jahre zu spät existieren muss, bin ich ein Fossil, eine aussterbende Art. Honi soit qui mal y pense.

Rosmarinkatze. Ein Barockmensch zu sein, das kann man sich doch heute nur noch erlauben, wenn man es sich auch leisten kann. Sind Sie reich, Herr Welkenbaum?

Welkenbaum. (überlegt lange) Manche würden mich so nennen. Mit meinem Verlag verdiene ich kein Geld. Wie ich vorhin erzählte, verweigere ich mich den Neuen Medien, der Feuilleton ignoriert meine Autoren, weil ich die Kritiker nicht besteche und die Verkäufe decken gerade mal so unsere Honorar- und Produktionskosten. Die Löhne meiner Angestellten bezahle ich aus meinem eigenen Portefeuille. Der Welkenbaum-Verlag war einer der ersten Verlage, die nach dem 2. Weltkrieg von der amerikanischen Militärregierung eine Lizenz bekamen. Mein Vater Oswald Welkenbaum war mit dem großen Kurt Desch befreundet. Aber schon in den Fünfzigern und Sechzigern hatte er nur einen geringen wirtschaftlichen Erfolg, da mein alter Herr es versäumte, ins Taschenbuch-Geschäft einzusteigen, das er ähnlich misstrauisch beäugte wie ich als sein Nachfolger die E-Books. Die Väter genießen die Trauben und den Söhnen werden die Zähne stumpf, heißt es in der Bibel. Ich bin ihm im Laufe der Jahre vielleicht ähnlicher geworden, als ich dachte. Auch wenn er nie einen Lagavulin, sondern immer nur Racke Rauchzart trank. (kichert) Mein Vater leistete sich den Verlag auch nur als Hobby. Er war ein vermögender Mann und ich bin einer aus der Erbengeneration, den die Linke so verachtet, obwohl ich in den stürmischen Achtzigern einige ihrer bedeutendsten Autoren verlegt habe. Also gut. Sagen wir, ich bin reich; obwohl der größte Teil meines Vermögens in den Händen meiner beiden Ehefrauen ist. Die übrigens recht vreschwenderisch mit ihm umgehen.

Aber wollen wir nicht lieber über Literatur reden? „Die Welt der Kunst und Fantasie ist die wahre, the rest is a nightmare,“, wie Arno Schmidt mal gesagt hat, der übrigens nicht nur seltsam bescheuerte, aber ungeheuer liebenswerte Bücher schrieb, sondern – sondern, so wie Sie, Verena, – auch hübsche Fotografien machte.

In der nächsten Woche spreche ich mit Karl-Heinz Welkenbaum über die Ignoranz der Kritik, über den Lyriker Heinz August Dressler, Welkenbaums Niederbayerisches Domizil und die Menschen dort. Und wir reden über mein Buch „Die Rosmarinkatze“.

Das erste Buch mit meinen Gedichten wird Mitte nächsten Jahres im renommierten Münchener Welkenbaum-Verlag erscheinen. Ich bin schon ganz aufgeregt … 

 

 

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