Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

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Nachdenken über meinen Blog

Tja, lieber Leser, du hast es sicher auch bemerkt. Es ist November … deshalb verzeih mir diesen Text. Im November, besonders wenn man anschließend auf eine Beerdigung muss, darf ich das.

Omne animal post coitum triste, behauptet ein Aphorismus aus dem 18. Jahrhundert, der fälschlicherweise Aristoteles untergeschoben wurde. So weit würde ich zwar aus eigener Erfahrung nicht gehen, aber eines stimmt – zumindest bei mir: Nach dem Bücherschreiben der Autor traurig. Seit einer Woche ist mein neuer Roman „Die Wahrheit über Jürgen“ im Buchhandel erhältlich und ich warte ungeduldig auf eine Reaktion meiner eingebildeten Leser – doch es kommt keine. Der Schriftsteller ist einer, der glaubt, es würden alle so aufgeregt wie er selbst auf sein neues Buch warten. Doch er lügt sich in die Tasche, jeden Tag und mit jedem Buch aufs Neue. Auf die „Wahrheit“ wartet niemand und ich bin bislang der einzige, der meinen Roman gelesen hat.

Jammer, jammer … du weißt schon, der traurige Autor. Ich wollte eigentlich ganz anders anfangen.

Ich versuche es mal so: Die Zeitumstellung ist vorbei und die Nächte und meine Dämonen haben vor drei Wochen an Sanhaim nicht wie vorher schleichend, sondern mit einem Handstreich den Abend erobert. Mein Brotberuf zwingt mich im Dunkeln aus den Federn und ich kehre erst heim, wenn es wieder dunkel ist. Nicht, dass ich dabei allzu viel Sonnenlicht versäumen würde; denn hier, in unmittelbarer Nähe der Donau, liegt bei Hochdrucklagen den ganzen Tag ein zäher, grauer Nebel über der Landschaft und er lässt sich nur selten und nur für wenige Stunden vertreiben. Es ist eben ein typischer November hier, vielleicht ein wenig zu trocken, aber ebenso trist und deprimierend, wie er das seit meiner Kindheit in jedem Jahr ist. Und im November sterben die Menschen.

Jammer, jammer … ihr wisst schon, der traurige Autor. Ich wollte eigentlich ganz anders anfangen.

Vielleicht so: Es ist leicht, über das Internet zu schimpfen und ich suche auch fast täglich nach den Gründen (außer meiner Ruhmsucht und Selbstverliebtheit), aus denen ich drei- bis viermal in der Woche meine Literatur und meine Gedanken blogge. Mein Brotberuf erlaubt mir zwar eine gewisse Freizeit; doch dieser selbstgewählte, aber nach sechs Jahren bloggen ein fröhliches Eigenleben führende Zwang, mich hier auf diesen Seiten einer eingebildeten Öffentlichkeit zu prostituieren, nimmt viel zu viel meiner Zeit in Anspruch, die ich lieber mit Frau Klammerle, Freunden oder einem Buch verbringen sollte. Denn meine Prosa lesen, das habe ich in den sechs Jahren, in denen ich meinen Blog führe, gelernt, lesen, das macht im Internet niemand (Es gibt eh von Jahr zu Jahr immer weniger Menschen, die das tun. König Literatur ist tot, es lebe Königin Netflix-Serie). Denn eigentlich – da sind wir uns hoffentlich einig, lieber Leser, den ich mir immer einbilde, ist Literatur (außer kurzer Lyrik) nicht für dieses schnelllebige und nach der nächsten Sensation gierende Medium gemacht. Die modernen Menschen haben die Aufmerksamkeitsspannen von Essigfliegen(1) und ich bin mir sicher, dass auch diese Ausführungen schon viel zu lang sind, um mehr als einen kurzen, überfliegenden Blick von den Besuchern deines Blogs zu bekommen.

Jammer, jammer …

Dennoch möchte ich das Internet mit seinen unzähligen Möglichkeiten und meinen eigenen Blog nicht mehr missen, sie haben nicht nur die Gesellschaft, sondern auch meine kleine Welt vollkommen verändert: Meine Begegnung und Auseinandersetzung mit dem Internet war meine ganz persönliche Revolution, meine „Renaissance“. Danach war meine Erde eine Kugel und drehte sich um die Sonne. Ich bin vielen, vielen Menschen begegnet, mit denen ich offline niemals in Kontakt gekommen wäre und die mir – im Guten wie im Schlechten – weiterhalfen. Manche – wenige, aber immerhin – von ihnen darf ich inzwischen als Freunde bezeichnen. Ich schätze, dass gut die Hälfte meiner Leser mich zuerst online entdeckte. Ohne den Blog wiederum würde ich vor mich hin privatisieren, tausend Texte und Geschichten beginnen und nichts zuende bringen. Diese Seite gibt mir Halt und Führung, presst eine Struktur in mein Leben, denn sie zwingt mich an jedem Tag, für meine eingebildeten Leser, die alle wissen wollen, wie es mit meinen Figuren oder mit mir weitergeht, zu schreiben. Meine Romane hätte ich ohne die Ordnung und die Termine, die mein Blog mir auferlegt, niemals fertiggeschrieben. Bin ich deshalb ein „Online-Autor“, was immer das auch bedeutet? Eher nicht, denn alle meine Texte entstehen zuerst auf dem Papier und werden – wenn überhaupt – auch eher in Buchform als als E-Book konsumiert. Aber klar, Sucht spielt hier eine Rolle, die Meinung, man würde etwas versäumen, wenn man auf seiner Terrasse in der Sonne sitzt. Der Griff zum Smartphone und der Kontrollblick, ob jemand etwas erwiderte, den Blog besuchte oder dort ein „Gefällt mir“ hinterließ, eine kaum kontrollierbare, lästige und schlechte Gewohnheit, die mir manchmal wie das Kratzen an einem juckenden Ausschlag erscheint. Manche haben Heroin, Zigaretten, Alkohol, manche ihren Fernseher, ich habe das Internet … Meine Sucht kann ich mir aber auch schnell wieder abgewöhnen kann, wenn Vodaphone zickt oder ich gerätelos in den Urlaub fahre.

Das Leben allerdings, da gebe ich dir völlig recht, ist anderswo – an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit. Nicht hier in Augsburg, nicht im November. (2)

Liebe Grüße, Nikolaus

Dies ist kein informelles Gemälde meines Freundes Norbert Kiening, sondern der eben abfotografierte Himmel über Augsburg.

 


(1) Sohn Nr. 1, der Biologe, hat vor ein paar Jahren in Oxford an Essigfliegen geforscht. Sie können sich knapp zwanzig Sekunden daran erinnern, dass irgendwo eine Gefahr droht, dann haben sie es wieder vergessen und fliegen erneut in sie hinein. Zwanzig Sekunden, hm … eigentlich ganz schön lang. Ich muss mein Urteil revidieren. Die Aufmerksamkeitsspanne eines modernen Menschen ist schlechter als das einer Essigfliege. Übrigens: Sohn Nr. 1 ist in der Lage, durch reines Betrachten das Geschlecht einer Essigfliege  zu bestimmen. Aber das wirklich nur nebenzu.

(2) Aber zum Glück bäckt Frau Klammerle nächstes Wochenende wieder Weihnachtsplätzchen und Lebkuchen. Das wird mich retten.

Ohrenbetäubendes Gezwitscher

Nein, ich werde nie die Regeln und Gesetze der sozialen Medien begreifen. Sie erscheinen mir so komplex und hermetisch wie ein Hegel-Text – vielleicht nicht so bedeutend, aber doch so kompliziert und undurchschaubar. Ein wenig erinnern mich Facebook und Co. immer an die staubtrockene Serengeti, auf der riesige Zebra-, Antilopen- und Gnuherden kadavergehorsam ihren Leitbullen auf komplizierten Wegen zu den wenigen Wasserstellen folgen oder ihnen hinterherhoppeln, dorthin, wo es sich die Löwen und Alligatoren schon gemütlich gemacht haben und auf ihre Nahrung warten.

So hielt ich es im letzten Sommer für eine gute Idee, mir ein Twitterkonto einzurichten, das in erster Linie dazu dienen sollte, das Erscheinen meiner Blogartikel zu ‚zwitschern‘. Ab und an, wenn ich Lust dazu habe, versuche ich mich auch daran, mich mit der Begrenzung von 140 Zeichen zu begnügen und meine Botschaften, Erkenntnisse und Weisheiten in alle Welt zu versenden. Meist scheitere ich freilich an dieser Vorgabe, denn ich bin eben nur ein geschwätziger bayerischer Epiker, dem jede Kurzgeschichte unversehens zum Roman gerät. Ein aufs Nötigste beschränkter Satz ohne Ein- und Beifügung, Nebensätze, Adjektive und Adverbien gelingt mir nur alle ein-, zwei Monate, wenn ich einen besonders guten Tag habe.

Nun, natürlich läuft mein ‚Tweet‘ nicht gut, das heißt, im hektischen Geplapper von Twitter gehen meine Nachrichten verloren wie eine wertvolle Münze, die ins Meer fällt. Mir ist schon klar, warum. Meine Nachrichten sind letztendlich überflüssig und vermehren nur das Geschwätz. Sie werden nicht weiter beachtet. Warum auch? Wer interessiert sich schon für das telegrammkurze Gestammel eines Unbekannten, wenn einen die Weltgeschichte überrollt und ein C-Promi eine neue Frisur hat? Niemand. Ich auch nicht. Das Risiko ist auch sehr groß. Schließlich opfert man auf gut Glück kostbare Lebenszeit, da will man schon sicher sein, dass es sich auch lohnt. Niemand kauft die Schokolade eines ihm unbekannten Herstellers, wenn er sich seine vertraute Milka besorgen kann. Da weiß er wenigstens, was ihn erwartet.

Das alles änderte sich am letzten Wochenende für eine kurze Zeit. Ich will es mal meine fünf Minuten Socialmedia-Prominenz nennen. Und das kam so:

In der ZEIT vom Donnerstag las ich ein Interview mit dem Bildhauer- und Malerpapst Markus Lüpertz, in dem er frohgemut über alles und jeden schimpfte und mit Häme überzog. Ausgesprochen lesenswert und amüsant. Dabei merkte er nebenzu an, er würde auf Fotografien grundsätzlich ernst in die Kamera blicken, weil in Deutschland lächelnde Menschen als Künstler nicht ernst genommen würden. Er lebt wahrscheinlich nach dem Motto von Thomas Mann, dass ein Künstler immer so seriös wie ein Bankdirektor wirken müsse. Ich twitterte daraufhin, mir wäre nun klar, warum ich ein so erfolgloser und ungelesener Autor sei. Schließlich lächle ich ja grundsätzlich auf jedem Foto.

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Würden Sie diesem Autor eine Tafel Schokolade abkaufen? Oder gar einen Roman von ihm lesen?

Erstaunlicherweise wurde diese kleine Bemerkung am Samstag von der ZEIT ‚retweeted‘, also in ihrer eigenen Twitterpräsenz verlinkt. Das Ergebnis war erstaunlich. Nachdem sich an einem normalen Tag höchstens fünf oder sechs Personen für meine Tweets interessieren, griffen noch am Samstag über 4000 (!) Interessierte auf meine kleine unbedeutende Anmerkung zu. Das sind mehr Zugriffe, als ich sie auf meinem Blog in einem ganzen Jahr habe.

Bemerkenswert war auch, dass diese Begeisterung für mein Aperçu so gut wie keine Auswirkungen auf „Aber ein Traum“ selbst hatte, für das ich eigentlich Werbung machen wollte. Dort dümpelten auch in meinen fünf Minuten Internetberühmtheit meine Texte, Geschichten und Glossen mit zehn Zugriffen (mindestens 3 davon sind Suchmaschinen-Bots) am Tag vor sich hin. So weit ging das Interesse dann doch nicht. Also keine Angst, lieber unbekannter Leser, wir sind noch unter uns und inzwischen interessiert sich auch niemand mehr um meinen Twitteraccount. Die Herde ist bereits bei der nächsten Wasserstelle. Das Leben geht weiter.

Aber für ein paar Minuten war ich berühmt im Netz. Ist doch auch etwas.

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