Aber ein Traum …

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Donnerstag, 10.10.19 Inspirationen und Wahres Lügen

Donnerstag, 10.10.19

I. Ein Künstlerschicksal

Dieter Kühn „Sehen und Warten. Meditation existenziell“ Kaltnadel/Ätzradierung 1972

Dieter Kühn „Sehen und Warten. Meditation existenziell“
Kaltnadel/Ätzradierung 1974

Diese Radierung von Dieter Kühn (bitte nicht mit dem leider kürzlich verstorbenen und von mir sehr geschätzten Autor gleichen Namens verwechseln) mit dem etwas sperrigen Titel „Sehen und Warten. Meditation existenziell“ hängt in meiner Wohnküche und war eine der Inspirationen für den Roman „Aber ein Traum“.

Der wirklich nicht allzu bekannte Künstler Kühn war in den Siebzigern der Freund meiner älteren Schwester M. und er hatte mit schweren psychischen Problemen zu kämpfen, die ihn schließlich in den Suizid trieben. Als sich meine Schwester wegen seiner psychotischen und sogar ihr Leben bedrohenden Schübe von ihm trennte, vernichtete sie in ihrer Wohnung systematisch alle Erinnerungsstücke an ihn und zerstörte dabei Fotos, Gemälde, beeindruckende surrealistische Bleistift- und Tuschezeichungen und auch Texte, Verse und Briefe des Malers. Allein diese Radierung überlebte die verzweifelte Auslöschung ihrer ersten großen Liebe, weil sie sie zufällig als Hintergrund-Passepartout für ein Poster von Jimi Hendrix benutzt und dort vergessen hatte. Irgendwann in den Achzigern gelangte dann das Bild in meinen Besitz und seitdem begleitet es mich. Ich begegne ihm an fast jedem Tag.

Das Motiv ist natürlich im Zeitkontext zu sehen: Sartre, Camus, Dali – man beachte die Brillen –  Surrealismus, Existenzialismus, Black Soul, die frühen Pink Floyd, LSD, die Heideggersche „Geworfenheit des Menschen“ und freier Sex. Wer das Plattencover von Isaak Hayes‘ „Black Moses“ kennt, weiß auch, warum ihm das  Männergesicht (auf der Radierung übrigens seitenverkehrt und leicht verändert, so dass es tatsächlich nach dem Maler selbst aussieht) so bekannt vorkommt. Aus der Kapuze von Hayes Hoody ist eine Art Haare/Federn/Taubenkopf-Kappe geworden. Die Frau daneben, die gemeinsam mit dem Künstler in die ungewisse und im nachhinein betrachtet, kurze Zukunft sieht, ist übrigens meine Schwester. Auf ihrer Stirn, die wie die vertrocknete und aufgeplatzte Erdkruste wirkt, beobachten uns zwei Katzenaugen. Damit ist sie gut beschrieben. Die Schemen im verwaschenen Hintergrund sollen wahrscheinlich ebenfalls die beiden darstellen – geworfene, dem Schicksal ausgelieferte Figuren wie in einem „Mensch-ärgere-dich-nicht“-Spiel.

Mir erzählte dieses Bild eine ganz andere Geschichte: Alban Waldescher (der in meinem Roman wie der Mann auf dem Bild aussieht) und Lina Brunswick habe ich direkt aus der Radierung gefischt. Seit einigen Jahren sehe ich nicht mehr meine Schwester und Dieter Kühn, sondern meine beiden Figuren in dem Bild.

II. Traumorte

Sovana1Hier im Hohen Dom der Ortschaft hatte ihr Schöpfer jedoch ganze Arbeit geleistet. Nachdem sich meine Augen an den dunklen Raum gewöhnt hatten, erschien mir der Dom als Archetyp, als die Kirche schlechthin. Der Kirchenbau wirkte wie die eklektische Zusammenschau aller Kirchen, die ich bisher gesehen hatte. Es war die platonische Idee einer Kirche. Mein Bildhauerherz jubelte bei diesem Anblick.

Ich denke, mein hilfsbedürftiger Gott, den ich weiterhin stützte, hatte diesen heiligen Raum eben erst erschaffen, indem er aus seinem oder meinem Gedächtnis das Bild eines Kircheninterieurs formte und dabei vor allem katholische Vorstellungen verwirklichte. Ich weiß, es klingt verrückt, aber genau diesen Eindruck hatte ich, als ich in dem erstaunlich kühlen Raum auf der ausgetretenen Grabplatte eines einstmals Mächtigen stand, die würzige Luft schnupperte und meine Augen über Emporen und barocke Seitenaltäre und bemalter Wände voller Bibeldarstellungen und Heiligenlegenden ähnlich denen der Assisimaler glitt. Ein buntglasiges, rundes Fenster hinter mir in der Höhe über dem Eingang warf feuchte Lichtflecke auf die speckigglatten Marmorfliesen, die schwärzlichen Beichtstühle und eine Kanzel. Vor ihr stand ein meisterliches romanisches Taufbecken, das von auf den ersten Blick irritierenden, allegorischen Darstellungen der Evangelisten getragen wurde. An den filigranen, wie Weizenbündel empor drängenden Säulen hingen nachgedunkelte Gemälde aus einer späteren Epoche. Sie waren voller dynamischer Bewegung, auf denen Heilige in allen Graden der Verzückung den Himmel schauten. Der Flügelaltar hinten am Ende des Hauptschiffs war rein gotisches Schnitzwerk, das sich von seiner breiten, die ganze Apsis überspannenden Basis in unglaubliche Höhen hinauf wand, flankiert von der ganzen göttlichen Armee an Aposteln, Heiligen und himmlischen Heerscharen, Engeln, Erzengeln, Seraphen und Cherubinen und all den Heldengestalten, die die katholische Glückseligkeit aufzubieten hat.

Nur eine Darstellung fand ich bei meiner oberflächlichen Untersuchung des Kirchenschiffs überraschenderweise nicht: Es gab nichts Eschatologisches hier, nichts Dämonisches, Blutiges, nur die positiven Seiten des Glaubens waren zu sehen: Ich fand keinen Engelssturz, keinen Luzifer, kein jüngstes Gericht mit der so beliebten Darstellung der Höllenqualen, nicht einmal eine Kreuzigungsszene, keine Pieta, keinen von Pfeilen durchbohrten Michael, kein abgeschlagenes Märtyerhaupt; alles war ins Glückliche, Helle gewendet, die Sünde und ihre unappetitlichen Folgen komplett ausgeklammert. Das imposante Gemälde auf dem Hochaltar zeigte auf einem Flügel Jesu’ Geburt, auf dem anderen die Bergpredigt, dazwischen hockte der Heiland als Pantokrator, ein abgeklärter, strahlender Herrscher blickte milde auf die vergänglichen Dinge.

Waldescher-widderBei dieser Gelegenheit fiel mir noch eine andere Seltsamkeit auf, die ich vorher übersehen hatte: Auf dem Stützpfeiler des Taufbeckens waren nicht wie ich erst vermutet hatte vier, sondern fünf Evangelisten in der schlichten kindlichen Einfalt der frühen Romanik dargestellt: neben Mensch, Stier, Löwe und Adler, deren Vielzahl an Flügelnmiteinander zu einem kunstvollen Ornament verwoben waren, fand ich noch eine weitere Tiergestalt, jedoch mit einem menschlichen Antlitz: Sie sollte wahrscheinlich einen Ziegenbock darstellen, der keine Flügel, aber einen Fischschwanz um seinen Körper gewunden hatte. Noch erstaunlicher war jedoch der Eindruck, dass eben jene mit mächtigen nach innen geschwungenen Hörnern ausgestattete satyrhafteund heidnische Wasserspeiergestalt, die sich da klammheimlich unter die Apostel geschlichen hatte, trotz der schlichten Ausführung unverkennbar die Züge des Mannes trug, den ich neben mir im Arm hielt.

Auszug aus dem 4. Kapitel „Aber ein Traum“

In „Aber ein Traum“ verliert sich immer wieder das, was wir euphemistisch als Realität kennzeichnen. Die Handlungsorte, in die sich die Protagonisten verlaufen, sind Traum-, Wunsch-, auch Anderswelten, die vielleicht zwischen der Wirklichkeit angesiedelt sind, vielleicht davor oder danach, vielleicht darüber oder daneben. Stabilität, Zeit und Räumlichkeit erscheinen als lächerliches Wunschdenken, ein verzweifeltes Festhalten an einer Konvention, auf deren Ebene allein eine zwischenmenschliche Interaktion möglich ist.

Wie unzulänglich diese Form des Begegnens oft ist, sehe ich in den täglichen ärgerlichen Missverständnissen, die ich auch mit Menschen habe, die mir sehr nah sind, oder in der Tatsache bestätigt, wie häufig mir jemand begegnet, dessen Augen ihm ein grotesk anderes Bild von der Welt übermitteln – dessen Lebensäußerungen ich vollkommen verständnislos gegenüber stehe. Als würde dieser Mensch aus einer anderen Zeit oder einem anderen Universum stammen.

Dsovana2ie überschätzte gemeinsame Sprache ist ein chimärenhaftes Konstrukt voller Fehlinterpretationen und Fettnäpfchen. Sie schadet oft mehr, als sie nutzt. Wenn ich schon fassungslos vor den Lebensäußerungen meiner Zeitgenossen stehe, um wieviel ferner sind mir dann erst die unübersehbare Masse der Toten, die diesen kurzen Gang durch die Realität vor mir durchschritten.

Doch ab und an finde ich eine Heimkehr, betrete eine alte Kirche, die manchmal wie in einer Botanisiertrommel die Seelen der längst Vergangenen bewahrte und ihre Spiritualität atmet: In den Kunstwerken, den Mauern, dem Licht…

Ein solcher Ort ist der romanische Duomo von Sovana in der südlichen Maremma, dessen Anfänge im 8. Jahrhundert liegen und der, da der Ort – inzwischen ein Museeumsdorf vor der Renaissance aufgegeben wurde, nie gotisch oder barock modernisiert wurde. Dass Sovana inmitten einer etruskischen Nekropole liegt, ist wahrscheinlich kein Zufall.

Hier fand ich einen der Traumorte des Romans „Aber ein Traum“.

III. Die Musik zum Buch

apppoeLiest man den Titel des Romans „Aber ein Traum“ und hat ein paar der Blogeinträge verfolgt, kann man vermuten, mich hätte der amerikanische Autor Poe inspiriert. Die Wahrheit ist komplizierter. Zwar hat mich Poe in meiner Jugend beeindruckt und ich habe ihm ja auch eine meiner Geschichten gewidmet, aber er ist nur indirekt mit dem Roman verknüpft.

Ich habe bereits von dem Maler und seinem Schicksal berichtet, dessen Radierung „Sehen und Warten“ über meinem Küchentisch hängt. Er hat Anfang der Siebziger Jahre einen renommierten und damals mit tausend Mark recht hochdotieren Kunstpreis der Stadt München gewonnen. Ob es schon ein Zeichen seiner beginnenden psychischen Erkrankung, ein Statement oder einfach der Leichtsinn eines Künstlers war, vermag ich nicht zu beurteilen, aber er gab das gesamte Geld an einem Nachmittag für Schallplatten aus (Auch mein Maler Jonas Nix aus „Die Wahrheit über Jürgen“ ist von ihm beeinflusst). Ein Teil der Vinylscheiben verblieb später im Besitz meiner Schwester – die hat sie nicht zerstört. Unter dieser Musikauswahl fand ich – viele Jahre später – die Musiker, die meine heiße Liebe zur Klassischen Musik ablösten. Nachdem ich, bis ich etwa achtzehn war, nur die aufdringlichen slawischen Romantiker gehört hatte (Tschaikowsky, Rachmaninoff, Dvorak et al.), rückten nun sehr folgerichtig die Progrocker in mein Gesichtsfeld, also die Jon-Lord-lastigen Deep Purple-Platten, Jethro Tull, die frühen Genesis, Bo Hannson, Mahavishnu Orchestra, ELP, Eloy, Mike Oldfield und Pink Floyd, um nur ein paar zu nennen. Manches war wirklich ein Kulturschock für mich.

Von allen gab es die eine oder andere Scheibe in der üppigen Sammlung meiner Schwester, manches kaufte ich mir. Auf dem Pink Floyd-Album „Atom Heart Mother“ (Ich liebe es!) ist der 13minütige Titel Alan’s Psychedelic Breakfast und dort taucht auch der Name Alan Parsons auf dem Cover auf. Deshalb schaffte ich mir von dessen Gruppe ihr Debutalbum „Tales of Mystery and Imagination“ an, ein Konzeptalbum über Edgar Allan Poe, das eine Zeitlang bei mir im Dauerbetrieb lief. Ich kann noch heute zum Leidwesen von Frau Klammerle jedes Lied mitsingen. Dann entdeckte ich den Blues und die Platte verstaubte im Regal.

Die Erfindung der CD brachte es mit sich, sich zwangsweise einige der Lieblingsalben ein zweitesmal zu kaufen, darunter war auch die „Tales of Mystery and Imagination“. Ich legte die CD in den Player, öffnete schon den Mund, um: „Thus quoth the Raven, Nevermore, nevermore, never!“ mitzugröhlen, als zu Beginn der CD etwas völlig anderes passierte. Nach ein paar psychedelischen Klängen rezitierte eine sonore tiefe Stimme das Gedicht „A dream within a dream“. Auf dem Beizettel der Silberscheibe war dann zu lesen, dass diese Stimme zu Orson Welles gehörte, der für Alan Parsons kurz vor seinem Tod noch zwei Poe-Gedichte eingesprochen hatte und diese endlich im Gegensatz zur Schallplatte in der Enhanced Version enthalten seien.

Und so stammt über den Umweg Dieter Kühn – Progrock – Pink Floyd – Alan Parsons Projekt – Erfindung der CD und Orson Welles der Titel zu meinem Roman direkt von E. A. Poe. Ich danke allen Beteiligten.

A Dream Within A Dream

Take this kiss upon the brow!
And, in parting from you now,
Thus much let me avow-
You are not wrong, who deem
That my days have been a dream;
Yet if hope has flown away
In a night, or in a day,
In a vision, or in none,
Is it therefore the less gone?
All that we see or seem
Is but a dream within a dream.

I stand amid the roar
Of a surf-tormented shore,
And I hold within my hand
Grains of the golden sand-
How few! yet how they creep
Through my fingers to the deep,
While I weep- while I weep!
O God! can I not grasp
Them with a tighter clasp?
O God! can I not save
One from the pitiless wave?
Is all that we see or seem
But a dream within a dream?

Edgar Allan Poe

Die gute alte Inspiration

… sie stellt sich bei mir in der Hauptsache beim Wandern ein. Ich habe erst kürzlich erzählt, wie meine Texte Schritt für Schritt entstehen und sich aus den handschriftlichen Notizen (1) in Computerdateien, dann in Blogeinträge und schließlich in Bücher verwandeln. Doch das ist ja „nur“ das Handwerk, das jedoch 90 %, manchmal sogar 99 % meiner Arbeit ausmacht. Dann ist da noch die Idee, die Inspiration, die Entwicklung des Plots. Die Geschichte existiert meist schon vollkommen in meinem Kopf, bevor ich sie – manchmal erst nach Jahren – aufs Papier bringe. Während des Schreibens verändert sich oft noch etwas; es gibt in meinen Büchern Figuren, die ein mir manchmal unheimliches Eigenleben entwickeln und mehr Raum oder eine Entwicklung einfordern, durch die sich meine ursprüngliche Geschichte verändert. Zwischendurch benötige ich immer wieder einmal Pausen, um das Ganze zu überdenken und die Fäden neu zu spinnen. Dann gehe ich in den Bergen wandern und der Blog ruht mal wieder. Letzte Woche war ich von Oberstaufen aus in der Nagelfluh (2) unterwegs und habe außer einem ordentlichen Muskelkater und einem Sonnenbrand auf der Nase viele neue Ideen mitgebracht.

Je höher es hinauf geht, ja schweißtreibender der Anstieg und je ausgedehnter die Tour ist, umso befreiter atme ich durch und um so klarer werden meine Gedanken. Meine Kunst entsteht also hier oben auf den Gipfeln und vielleicht ist sie auch deswegen etwas abgehoben. Manchmal merkt man ihr das auch an:

Wanderer – Kurzgeschichte

Was das Schönste an einer Bergwanderung ist? Das Gipfelerlebnis? Die Einkehr in einer Alpe? Die Erhabenheit der Natur? Das Körpergefühl beim Laufen? Der Gesundheitsaspekt? Ganz ehrlich: Das höchste Glücksgefühl stellt sich in dem Moment ein, in dem ich nach der Tour meine schweren Bergstiefel öffne, die dampfenden Socken von den müden Füßen ziehe und die Zehen bewege. (3)


(1) Habe ich hier eigentlich schon mal erzählt, dass ich die „Deutsche Einheitskurzschrift“ nach dem Herren Franz X. Gabelsberger beherrsche und durchaus in der Lage bin, eine Rede oder ein Telefonat als Stenogramm mitzuschreiben? Ich hatte die Stenografie mal in grauer Vorzeit in der Schule als Unterrichtsfach, aber abgrundtief gehasst und mich ihr komplett verweigert. Später während meiner Ausbildung zu meinem Brotberuf war ich dann doch noch gezwungen, sie zu erlernen (1a). Steno ist eine bittere Speise, so schwer zu erlernen wie eine Fremdsprache und gleich wieder vergessen, wenn man es nicht täglich übt. Zudem ist es heute eigentlich überflüssig und so anachronistisch wie eine Telefonzelle oder ein Versroman. – Aber cool ist es schon irgendwie …

(1a) Wie dichtet doch der Herr Geheimrat in seinem Torquato Tasso so schön: „So zwingt das Leben uns, zu scheinen, ja zu sein, wie jene, die wir kühn und blind verachten konnten.“(1b)

(1b) Und nun habe ich endlich einmal wie mein Freund David Foster Wallace in einer Fußnote eine weitere eröffnet.

(2) Für die Nicht-Bergwanderer (den anderen erzähle ich nichts Neues): Die sogenannte Nagelfluh ist eine Bergkette, die über zwanzig Kilometer lang ist und von Immenstadt bis nach Hittisau im Bregenzer Wald reicht und eine herrliche Gratwanderung ermöglicht, die jedoch auch recht anstrengend ist. Ihre höchste Erhebung ist der Hochgrat mit 1834 m. Zwischen den sechzehn Gipfeln muss man aber immer wieder 300 oder 400 Höhenmeter steil absteigen und sie anschließend wieder aufsteigen. Vom ersten Berg, dem „Mittag“, bis zum letzten, dem „Hohen Hochhäderich“ ist man zwei Tage unterwegs. Die Nagelfluh ist übrigens eine geologische Besonderheit und besteht aus bröckligem Konglomeratgestein, das vom Aussehen her an Waschbetonplatten erinnert.

(3) Das hat jetzt allerdings mehr mit Transpiration als mit Inspiration zu tun.

Erträumte, erdachte und ungesehene Orte (Inspirationen zu „Aber ein Traum“)

Der Roman „Aber ein Traum“ spielt im Weichbild einer mittelgroßen deutschen Stadt, deren Alltäglichkeiten Jonas Habakuk immer wieder die Chance bieten, sich an ihnen festzuklammern, wenn er das Gefühl hat, ihm wird der Boden unter den Füßen weggerissen. Aber auch dieser vermeintlich sichere, durch seine Wiederholungen und Gewohnheiten sichere – gezähmte – Alltag hat seine Tücken und der Grund, auf dem sich Jonas bewegt, ist brüchiger, als er zu Beginn der Geschichte glaubt.

Da ich denke, dass ein Autor nur von Dingen schreiben sollte, von denen er etwas versteht, ist diese „Realität“ der meinen zumindest nahe:

»Rechts an der Seite des gotischen Rathauses führten vom Platz weg einige Stufen hinunter in die überschaubare Altstadt, die nahezu quadratisch in ihren Ausmaßen von Kanälen und großen Ausfallstraßen begrenzt in Jonas Erinnerung von Tourismus und Bauvorhaben nahezu ungestört von den Zeiten träumte, als man noch eine bedeutende Handelsstadt war. Noch immer zeugten die schmalen, schattigen Gassen, die einander zugeneigten Hausfronten, die vorspringenden Erker und verwinkelten Hinterhöfe vom Versuch, der Enge Raum abzutrotzen und die sprechenden Straßennamen erzählten vom Leben in der mittelalterlichen Stadt. Ein buntes Volk hatte sich in den Achtzigern in den kleinen, niederen Wohnungen eingemietet; die renovierungsbedürftigen Fassaden hinter Efeu und Geißblatt versteckt und bot damals in den Läden Kunsthandwerk, gebrauchte Bücher, Tätowierungen, verschrumpelte Bioäpfel und billige Haarschnitte an. Nirgendwo in der Stadt gab es mehr gemütliche Kneipen, die eine leicht ranzige Wohnzimmeratmosphäre ausstrahlten.

Seit Jonas nicht mehr studierte und aufgehört hatte, mit seinen Freunden nachts um die Häuser zu ziehen – besser gesagt, ihm waren die Freunde ausgegangen, mit denen er Kneipentouren machen konnte, weil alle außer ihm praktisch von einem Tag auf den anderen wie auf ein geheimnisvolles Zeichen hin begannen, Familien und Heime zu gründen – war er immer seltener in die Altstadt gekommen und irgendwann dann überhaupt nicht mehr. Es war nicht so, dass er sie mied, aber er hatte mit einem Mal keinen Grund und keine Zeit gefunden, am Rathaus vorbei hinunter in die Unterstadt zu gehen. Sein Leben spielte sich oben in der Moderne ab, hinter den Stahl- und Betonfassaden und den verspiegelten Fensterfronten der Geschäftshäuser. Doch nun betrat er, nach einer alten Adresse suchend, die Orte seiner Studentenzeit und stellte mit jedem Schritt fest, wie sehr sich Wirklichkeit und Erinnerung unterschieden. Obwohl er nur wenige Jahre nicht mehr hier gewesen war, hatten sich Charakter und Stimmung vollkommen verändert. Der Charme des Verrottens und der heimeligen Bewegungslosigkeit war dahin. Die Stadt hatte den Wert ihres Schatzkästleins für den Tourismus erkannt, Kanäle aufgedeckt und das alte, schadhafte Pflaster gegen leblos terrakottafarbenes Katzenkopfpflaster eingetauscht; findige Bauherren die Altstadthäuser aufgekauft, Fassaden renoviert, das Innere entkernt, Bäder eingebaut und in großflächige Eigentumswohnungen verwandelt. Es saß jetzt auch ein anderes Publikum vor den Lokalen, die nicht mehr einfache Studentenkneipen waren, sondern sich mit viel Echtholz und Chrom in mondäne Straßencafés und Pubs verwandelt hatten, in denen es zwanzig Sorten Kaffee und fünfzig Sorten schottischen Whiskey gab. Auch die liebenswert amateurhaften Läden waren verschwunden, hatten ihren Platz den Filialen großer Parfümerieketten und Boutiquen, Goldschmieden, Blumenläden, Coiffeuren und einem Apple-Store geräumt. Jonas fühlte sich alt, von gestern. Auf seiner Suche fand er nur noch wenige Erinnerungsorte und einmal hätte er sich beinahe verlaufen, ganz, als hätten sich Straßenzüge verschoben, wären Querstraßen gewandert, Plätze verbaut und an anderer Stelle wieder eröffnet worden. Viel trugen auch die nun offenen Kanäle, die die schmalen Straßen noch enger machten, zu diesem Eindruck bei. Insgesamt wirkte die Altstadt nun auf Jonas wie desinfiziert, wie ein steriles, lebloses Museumsdorf.

‚Mir geht es nicht anders’, dachte er, ‚auch ich habe mich verändert, bin zu einer lackierten, oberflächlichen Version meiner selbst geworden. Der Mann, der hier durch die Straßen geht, hat mit dem Jonas von vor fünfzehn, zwanzig Jahren wenig gemein – er ist nur eine flüchtige Erinnerung, der vergängliche Schatten einer platonischen Idee.’«

Auszug aus dem 3. Kapitel

Aber auch die geträumten, erzählten oder erdachten Orte – die ‚Anderswelten‘ – müssen exakt beschrieben sein, nur dann bekommen sie die Bedeutung, die ihnen zusteht:

»Ich fiel also an einem feuchtkalten Wintertag vom Kopf der Treppe und landete zu ihrem Fuß im rötlichen Staub eines Sommernachmittags, mit schützend nach vorn gestreckten Armen. Wo waren die Handschellen plötzlich hingekommen? Langsam und verwirrt richtete ich mich auf und sah mich zögernd um. Hier war mir alles fremd und bekannt zugleich, als würde ich eine vertraute Umgebung durch einen Zerrspiegel betrachten. Da waren hinter mir die Treppe und die Residenz, hier lag der Hof, standen meine Statuen – aber das Haus und die Treppe hatte jemand vor langer Zeit mit abblätternder, weißer Farbe getüncht und der Hof mit meinen Kunstwerken war in eine Terrasse verwandelt. Alle anderen Häuser, ja, das ganze Viertel waren verschwunden: Ich sah über von heißem Sommerwind bewegte Olivenbäume in ein Tal, das sich in sanftem Bogen zu einem Meer hin öffnete. Dort unten am Ufer lag eine kleine rotbraune Stadt, die mit unserer hier wenig Ähnlichkeit hatte, verschachtelte Häuser, schmale Gassen, barocke Gebäude, ein strahlend weißer Dom. Rechts am Meer thronte eine ausladende, gut erhaltene mittelalterliche Zitadelle. Und über allem glitzerte ein staubig gelber Himmel. Es war eine fremde, südländische Welt irgendwo in Spanien oder Italien, in die ich gefallen war. Mein Verstand weigerte sich lange, zu glauben, was meine Augen sahen. Trotzdem war ich sicher, diese Landschaft zu kennen, vielleicht aus einem nahezu vergessenen Traum heraus, der mich erneut gefangen hielt. Aber ich war mir meiner bewusst, alles war fest und unveränderlich, ich spürte den heißen Wind auf meinem nackten Oberkörper, konnte die scharfen Kanten meiner Kunstwerke unter den Fingern spüren. Es roch nach Salz und Rauch. Das konnte kein Traum oder ein Drogenwahn sein.

Ich setzte mich, so, wie ich war, nackt bis auf die Unterhose, auf den Boden, unfähig, etwas anderes zu tun, als zu starren. Eine unheimliche Macht, vielleicht Gott, hatte mich mitsamt meinem Haus aus meiner Welt ausgeschnitten und auf die Postkarte einer unwirklichen Mittelmeeransicht geklebt. Mit dem Bild einer Postkarte war ich übrigens näher an der Wahrheit, als mir bewusst war. Ich weiß nicht, wie lang ich saß, über den verwilderten Olivenhain hinunter auf die unter der Hitze flimmernde Stadt starrte und mich den brennenden Strahlen einer hinter dem Haus stehenden Sonne aussetzte, aber dann merkte ich: Hier war etwas ganz und gar nicht richtig. Die kleine Stadt dort unten war zu bewegungslos, selbst wenn ich die nachmittägliche Siesta einrechnete. Ich konnte keine Fußgänger oder Fahrzeuge erkennen. Auf dem Wasser dümpelten keine Boote, nirgendwo reflektierte ein sich öffnendes Fenster die Sonne, kein Hundegebell klang herauf, kein Glockengeläut von den Kirchen. Die einzigen Bewegungen machten die sich unter dem heißen Wind beugenden Zweige der Olivenbäume, die ihre Grünspanblätter unendlich langsam vor mir neigten.

Auch der Stand der Sonne änderte sich nicht. Obwohl ich bestimmt schon eine Stunde oder länger im Hof saß, war der Schatten, den mein Körper vor mir auf das Pflaster warf, nicht gewandert. Die Sonne stand wie festgenagelt am Firmament. Wie heißt noch einmal dieser Prophet im alten Testament, der den Lauf der Sonne bremste? Egal. Als ich diese unheimliche Bewegungslosigkeit bemerkte, war ich endlich fähig, wieder etwas zu unternehmen. Ich stand auf. Mein Rücken spannte und juckte bei jeder Bewegung schmerzhaft – ich hatte mir durch meine Entschlusslosigkeit einen ordentlichen Sonnenbrand geholt. Ich traf die Entscheidung, alle großen Fragen hintan zu stellen und mich um den offenbar endlosen Augenblick zu kümmern: Ich musste aus der Sonne und ich hatte Hunger.«

Auszug aus dem 3. Kapitel

Mein Drang, Orte in der Beschreibung zu fixieren, mich an ihnen festzuhalten und sie in das Gedächtnis zu meißeln, mag manisch erscheinen. Aber Orte sind die wichtigen Landmarken im Leben, unsere Erinnerungen führen uns immer wieder zu ihnen zurück.

Einen Roman muss man schreiben, indem man Orte beschreibt und die Beziehungen, die Menschen zu den Orten (ihrer Heimat?) haben – auch wenn sie nur in ihrer Fantasie oder in der Erinnerung existieren:

Zum Schluss noch ein Ausschnitt aus dem noch in Arbeit befindlichen letzten Kapitel von „Aber ein Traum“:

… a work in progress.

Schließlich kehre ich doch zum See meiner Erinnerung zurück.Ich wusste, er liegt dort oben zwischen hohen Bergflanken eingezwängt, ruht still und unberührt in ein schmales Tal eingebettet, das nur über einen streng abschüssigen, schwer erklimmbaren Wald erreichbar ist, den ein dünner, kaum sichtbarer Pfad in engen, steilen Serpentinen durchquert. Um diese Frucht zu ernten, braucht es Glück und Anstrengung. Ich wusste: Der See wartet dort auf mich. Er ist geduldig.

Sind wirklich schon fünfzehn Jahre vergangen, seit ich den letzten Tag meiner Sommerfrische für ein Bad in seinem durchsichtigen Wasser nutzte, von winzigen, schmalen Fischschwärmen silbern glänzend umspielt? Tatsächlich. Mir erscheint jener ferne Moment in der Erinnerung wie gestern, so klar sehe ich seine Farben und kenne die Konturen meiner Gefühle. Ein verspieltes, ein groteskes Leben, in dem ich mir barfuß und vorsichtig wie ein Balletttänzer über die scharfen Kiesel tanzend einen Weg  durch den scharfblättrigen, bleichen Schilfbewuchs des flachen Ufers suchte. Dann kraulte ich mit ein paar kräftigen Schwimmzügen erleichtert hinaus zur dunklen Nachtkühle der Seemitte, wo mir das eisige Wasser die Schweißtropfen wegbiss. Dort drehte ich mich mich auf den Rücken, spielte toter Mann und die tiefe Sonne eines hitzigen Juniabends blickte neugierig auf meine nackte Haut.

Obwohl mir die Erinnerung so nahe ist, mich berührt, – wortwörtlich erst gestern war – sehe ich mich selbst nur von weiter Ferne; wie durch ein umgedrehtes Fernglas betrachtet. Ich bin mir fremd geworden. Fünfzehn Jahre sind seit diesem kurzen Moment, den ich einen glücklichen nenne, vergangen. Sie haben einen gesunden, muskulösen Körper aufgeschwemmt und in seinem Inneren gewütet; die Organe zerfressen, die Seele zernarbt; fünfzehn Jahre können so lang wie ein ganzes Leben sein – wie zwei Leben!

Heute steht ein ganz anderer am zwar schneefreien, aber eisig kalten Ufer, das er zeitlos und unverändert wiedergefunden hat, allen glückselig machenden Gedanken ans Gestern zum Trotz. Heraklit mag ja recht haben, wenn er sagt, man könne nicht zweimal in das gleiche Wasser steigen, aber mir scheint sich nur der Mensch verändert zu haben. Der Gebirgssee selbst blieb sich gleich und treu, sich selbst genügend, in sich ruhend. Sogar die flinken Fischlein scheinen mir die gleichen zu sein. Das Wetter ist ideal. Seit Tagen bläst ein starker Föhnwind. Er hat die Wolken vertrieben und die aufgeweichten Pfade den Bergwald hinauf längst getrocknet. Nur wenig Schnee lag in den schattigen Mulden. Erneut: Ein fast schmerzhaft hellblauer Himmel spannt sich wie ein straff gezogenes Laken über dem See. Einige wenige, fedrige Wolken verschmutzen ihn. Als ich vor acht Tagen in der Pension im Dorf einzog, hatte ich noch wenig Hoffnung, meinen kleinen Ort wieder zu entdecken. Im Fremdenverkehrsamt und von den maulfaulen Bauern, deren Sprache ich nur rudimentär übersetzen konnte, erhielt ich keine vernünftigen Auskünfte. Also drehte ich im Schneeregen, der so hartnäckig nach Silvester fiel, immer größere Runden und Spiralen ums Dorf. Meine von den „Jahren des Ausharrens“ erschlafften Beine wurden wieder kräftiger, mein Atem ausdauernder, mein nächtlicher Schlaf störungsfrei. Ich gewann etwas zurück von der zähen und geduldigen Haltung des Wanderers, die ich schon lange für immer hinter mir gelassen wähnte. Dann endlich wagte ich mich mit der plötzlichen stabilen Föhnlage auch in die höher gelegene Bergregion, suchte, wurde aber nirgends fündig. Der See spielte Verstecken mit mir.

Heute morgen jedoch geschah etwas Seltsames. Ich kam pünktlich um 07:00 Uhr von meiner muffigen kleinen Zimmerflucht hinunter in den spärlich beleuchteten Speiseraum, um alleine vor all den anderen Touristen frühstücken zu können. So habe ich mir das angewöhnt in der letzten Woche; ich brauche keinen Kontakt zu anderen Menschen. Ich bin mir manchmal selbst schon zuviel. Mein Wirt hatte mir schon das Kännchen mit dem dünnen Kaffee auf den Tisch gestellt. Diesmal fand ich neben der üblichen „Semmel“, der „Brezel“ und dem trockenen Gewürzkuchen zusätzlich einen zusammengefalteten Zettel in meinem Brotkorb, der sich auseinander gefaltet als eine zerknitterte Karte erwies, auf der mit einem dicken Rotstift ein Weg markiert und eine Wasserfläche eingekreist war. Ich rief nach dem Wirt, der in der Küche nebenan rumorte und diensteifrig und auch ein wenig erstaunt zu mir trat; denn bislang hatte ich ihn noch nie mit einem Wunsch belästigt. Seit ich am ersten Morgen meines Urlaubs nicht auf seinen Versuch eingegangen war, mich mit ihm in eine belanglose Konversation über das Wetter einzulassen, ließ er mich in Ruhe frühstücken.

„Wie kann ich Ihnen helfen, Herr Doktor?“ Ich deutete stumm auf die Karte. Sein Blick folgte verständnislos meinem Zeigefinger.

„Haben Sie mir das hier in den Brotkorb gelegt?“ Der Mann schüttelte erstaunt den Kopf.

„Ich sehe es zum ersten Mal“, erwiderte er beinahe empört. „Das Papier wird wohl bereits in der Semmeltüte gelegen haben, die heute früh der Bäckerjunge gebracht hat. Es muss dann mit in den Brotkorb gerutscht sein. Das tut mir leid. Ich bringe Ihnen sofort eine neue Semmel.“
Das war zumindest das, was ich von seinem alpenländischen Idiom verstand. Er brabbelte noch mehr in seinen voluminösen weißen Bart, aber er wirkte vollkommen aufrichtig.

„Ich danke Ihnen“, wimmelte ich den beflissenen Herbergsvater ab, „das wird nicht nötig sein.“
Neugierig beschäftigte ich mich wieder mit dem Plan, der wie eine Schatzkarte auf mich wirkte. Woher und von wem also die geheimnisvolle Wegweisung stammte – wer mir den Weg zum See auf diese ungewöhnliche Weise angezeigt hatte – bleibt damit erst einmal ein Rätsel.

Aber die Wanderkarte hat mich sicher geleitet. Nun stehe ich hier, an dem Ort, an dem ich mein neues Leben beginnen, mir ein Haus bauen will. Endlich. Es gibt keinen Weg mehr zurück.

Inspirationen zu „Aber ein Traum“ (I)

I. Ein Künstlerschicksal

Dieter Kühn „Sehen und Warten. Meditation existenziell“ Kaltnadel/Ätzradierung 1972

Dieter Kühn „Sehen und Warten. Meditation existenziell“
Kaltnadel/Ätzradierung 1974

Diese Radierung von Dieter Kühn (bitte nicht mit dem leider im letzten Jahr verstorbenen und von mir sehr geschätzten Autor gleichen Namens verwechseln) mit dem etwas sperrigen Titel hängt in meiner Wohnküche und war eine der Inspirationen für den Roman.

Der wirklich nicht allzu bekannte Künstler war in den Siebzigern der Freund meiner älteren Schwester und er hatte mit schweren psychischen Problemen zu kämpfen, die ihn schließlich in den Suizid trieben. Als sich meine Schwester wegen seiner psychotischen und sogar ihr Leben bedrohenden Schübe von ihm trennte, vernichtete sie in ihrer Wohnung systematisch alle Erinnerungsstücke an ihn und zerstörte dabei Fotos, Gemälde, beeindruckende surrealistische Bleistift- und Tuschezeichungen und auch Texte, Verse und Briefe des Malers. Allein diese Radierung überlebte die verzweifelte Auslöschung ihrer ersten großen Liebe, weil sie sie zufällig als Hintergrund-Passepartout für ein Poster von Jimi Hendrix benutzt und dort vergessen hatte. Irgendwann in den Achzigern gelangte dann das Bild in meinen Besitz und seitdem begleitet es mich. Ich begegne ihm an fast jedem Tag.

Das Motiv ist natürlich im Zeitkontext zu sehen: Sartre, Camus, Dali – man beachte die Brillen –  Surrealismus, Existenzialismus, Black Soul, die frühen Pink Floyd, LSD, die „Geworfenheit des Menschen“ und freier Sex. Wer das Plattencover von Isaak Hayes‘ „Black Moses“ kennt, weiß auch, warum ihm das  Männergesicht (auf der Radierung übrigens seitenverkehrt und leicht verändert, so dass es tatsächlich nach dem Maler selbst aussieht) so bekannt vorkommt. Aus der Kapuze von Hayes Hoody ist eine Art Haare/Federn/Taubenkopf-Kappe geworden. Die Frau daneben, die gemeinsam mit dem Künstler in die ungewisse Zukunft sieht, ist übrigens meine Schwester. Auf ihrer Stirn, die wie vertrocknete und aufgeplatzte Erdkruste wirkt, beobachten uns zwei Katzenaugen. Die Schemen im verwaschenen Hintergrund sollen wahrscheinlich ebenfalls die beiden darstellen – geworfene, dem Schicksal ausgelieferte Figuren wie in einem „Mensch-ärgere-dich-nicht“-Spiel.

Mir erzählte dieses Bild eine ganz andere Geschichte: Alban Waldescher (der in meinem Roman wie der Mann auf dem Bild aussieht) und Lina Brunswick habe ich direkt aus der Radierung gefischt. Seit einigen Jahren sehe ich nicht mehr meine Schwester und Dieter Kühn, sondern meine beiden Figuren in dem Bild

II. Traumorte

Sovana1Hier im Hohen Dom der Ortschaft hatte ihr Schöpfer jedoch ganze Arbeit geleistet. Nachdem sich meine Augen an den dunklen Raum gewöhnt hatten, erschien mir der Dom als Archetyp, als die Kirche schlechthin. Der Kirchenbau wirkte wie die eklektische Zusammenschau aller Kirchen, die ich bisher gesehen hatte. Es war die platonische Idee einer Kirche. Mein Bildhauerherz jubelte bei diesem Anblick.

Ich denke, mein hilfsbedürftiger Gott, den ich weiterhin stützte, hatte diesen heiligen Raum eben erst erschaffen, indem er aus seinem oder meinem Gedächtnis das Bild eines Kircheninterieurs formte und dabei vor allem katholische Vorstellungen verwirklichte. Ich weiß, es klingt verrückt, aber genau diesen Eindruck hatte ich, als ich in dem erstaunlich kühlen Raum auf der ausgetretenen Grabplatte eines einstmals Mächtigen stand, die würzige Luft schnupperte und meine Augen über Emporen und barocke Seitenaltäre und bemalter Wände voller Bibeldarstellungen und Heiligenlegenden ähnlich denen der Assisimaler glitt. Ein buntglasiges, rundes Fenster hinter mir in der Höhe über dem Eingang warf feuchte Lichtflecke auf die speckigglatten Marmorfliesen, die schwärzlichen Beichtstühle und eine Kanzel. Vor ihr stand ein meisterliches romanisches Taufbecken, das von auf den ersten Blick irritierenden, allegorischen Darstellungen der Evangelisten getragen wurde. An den filigranen, wie Weizenbündel empor drängenden Säulen hingen nachgedunkelte Gemälde aus einer späteren Epoche. Sie waren voller dynamischer Bewegung, auf denen Heilige in allen Graden der Verzückung den Himmel schauten. Der Flügelaltar hinten am Ende des Hauptschiffs war rein gotisches Schnitzwerk, das sich von seiner breiten, die ganze Apsis überspannenden Basis in unglaubliche Höhen hinauf wand, flankiert von der ganzen göttlichen Armee an Aposteln, Heiligen und himmlischen Heerscharen, Engeln, Erzengeln, Seraphen und Cherubinen und all den Heldengestalten, die die katholische Glückseligkeit aufzubieten hat.

Nur eine Darstellung fand ich bei meiner oberflächlichen Untersuchung des Kirchenschiffs überraschenderweise nicht: Es gab nichts Eschatologisches hier, nichts Dämonisches, Blutiges, nur die positiven Seiten des Glaubens waren zu sehen: Ich fand keinen Engelssturz, keinen Luzifer, kein jüngstes Gericht mit der so beliebten Darstellung der Höllenqualen, nicht einmal eine Kreuzigungsszene, keine Pieta, keinen von Pfeilen durchbohrten Michael, kein abgeschlagenes Märtyerhaupt; alles war ins Glückliche, Helle gewendet, die Sünde und ihre unappetitlichen Folgen komplett ausgeklammert. Das imposante Gemälde auf dem Hochaltar zeigte auf einem Flügel Jesu’ Geburt, auf dem anderen die Bergpredigt, dazwischen hockte der Heiland als Pantokrator, ein abgeklärter, strahlender Herrscher blickte milde auf die vergänglichen Dinge.

Waldescher-widderBei dieser Gelegenheit fiel mir noch eine andere Seltsamkeit auf, die ich vorher übersehen hatte: Auf dem Stützpfeiler des Taufbeckens waren nicht wie ich erst vermutet hatte vier, sondern fünf Evangelisten in der schlichten kindlichen Einfalt der frühen Romanik dargestellt: neben Mensch, Stier, Löwe und Adler, deren Vielzahl an Flügelnmiteinander zu einem kunstvollen Ornament verwoben waren, fand ich noch eine weitere Tiergestalt, jedoch mit einem menschlichen Antlitz: Sie sollte wahrscheinlich einen Ziegenbock darstellen, der keine Flügel, aber einen Fischschwanz um seinen Körper gewunden hatte. Noch erstaunlicher war jedoch der Eindruck, dass eben jene mit mächtigen nach innen geschwungenen Hörnern ausgestattete satyrhafteund heidnische Wasserspeiergestalt, die sich da klammheimlich unter die Apostel geschlichen hatte, trotz der schlichten Ausführung unverkennbar die Züge des Mannes trug, den ich neben mir im Arm hielt.

Auszug aus dem 4. Kapitel „Aber ein Traum“

In „Aber ein Traum“ verliert sich immer wieder das, was wir euphemistisch als Realität kennzeichnen. Die Handlungsorte, in die sich die Protagonisten verlaufen, sind Traum-, Wunsch-, auch Anderswelten, die vielleicht zwischen der Wirklichkeit angesiedelt sind, vielleicht davor oder danach, vielleicht darüber oder daneben. Stabilität, Zeit und Räumlichkeit erscheinen als lächerliches Wunschdenken, ein verzweifeltes Festhalten an einer Konvention, auf deren Ebene allein eine zwischenmenschliche Interaktion möglich ist.

Wie unzulänglich diese Form des Begegnens oft ist, sehe ich in den täglichen ärgerlichen Missverständnissen, die ich auch mit Menschen habe, die mir sehr nah sind, oder in der Tatsache bestätigt, wie häufig mir jemand begegnet, dessen Augen ihm ein grotesk anderes Bild von der Welt übermitteln – dessen Lebensäußerungen ich vollkommen verständnislos gegenüber stehe. Als würde dieser Mensch aus einer anderen Zeit oder einem anderen Universum stammen.

Dsovana2ie überschätzte gemeinsame Sprache ist ein chimärenhaftes Konstrukt voller Fehlinterpretationen und Fettnäpfchen. Sie schadet oft mehr, als sie nutzt. Wenn ich schon fassungslos vor den Lebensäußerungen meiner Zeitgenossen stehe, um wieviel ferner sind mir dann erst die unübersehbare Masse der Toten, die diesen kurzen Gang durch die Realität vor mir durchschritten.

Doch ab und an finde ich eine Heimkehr, betrete eine alte Kirche, die manchmal wie in einer Botanisiertrommel die Seelen der längst Vergangenen bewahrte und ihre Spiritualität atmet: In den Kunstwerken, den Mauern, dem Licht…

Ein solcher Ort ist der romanische Duomo von Sovana in der südlichen Maremma, dessen Anfänge im 8. Jahrhundert liegen und der, da der Ort – inzwischen ein Museeumsdorf vor der Renaissance aufgegeben wurde, nie gotisch oder barock modernisiert wurde. Dass Sovana inmitten einer etruskischen Nekropole liegt, ist wahrscheinlich kein Zufall.

Hier fand ich einen der Traumorte des Romans.

III. Die Musik zum Buch

apppoeLiest man den Titel des Romans „Aber ein Traum“ und hat ein paar der Blogeinträge verfolgt, kann man vermuten, mich hätte der amerikanische Autor Poe inspiriert. Die Wahrheit ist komplizierter. Zwar hat mich Poe in meiner Jugend beeindruckt und ich habe ihm ja auch eine meiner Geschichten gewidmet, aber er ist nur indirekt mit dem Roman verknüpft.

Ich habe bereits von dem Maler und seinem Schicksal berichtet, dessen Radierung „Sehen und Warten“ über meinem Küchentisch hängt. Er hat Anfang der Siebziger Jahre einen renommierten und damals mit tausend Mark recht hochdotieren Kunstpreis der Stadt München gewonnen. Ob es schon ein Zeichen seiner beginnenden psychischen Erkrankung, ein Statement oder einfach der Leichtsinn eines Künstlers war, vermag ich nicht zu beurteilen, aber er gab das gesamte Geld an einem Nachmittag für Schallplatten aus. Ein Teil der Vinylscheiben verblieb später im Besitz meiner Schwester – die hat sie nicht zerstört. Unter dieser Musikauswahl fand ich – viele Jahre später – die Musiker, die meine heiße Liebe zur Klassischen Musik ablösten. Nachdem ich bis ich etwa achtzehn war nur die aufdringlichen slawischen Romantiker gehört hatte (Tschaikowsky, Rachmaninoff, Dvorak et al.), rückten nun sehr folgerichtig die Progrocker in mein Gesichtsfeld, also die Jon-Lord-lastigen Deep Purple-Platten, Jethro Tull, die frühen Genesis, Bo Hannson, Mahavishnu Orchestra, ELP, Eloy, Mike Oldfield und Pink Floyd, um nur ein paar zu nennen. Manches war wirklich ein Kulturschock für mich.

Von allen gab es die eine oder andere Scheibe in der üppigen Sammlung meiner Schwester, manches kaufte ich mir. Auf dem Pink Floyd-Album „Atom Heart Mother“ (Ich liebe es!) ist der 13minütige Titel Alan’s Psychedelic Breakfast und dort taucht auch der Name Alan Parsons auf dem Cover auf. Deshalb schaffte ich mir von dessen Gruppe ihr Debutalbum „Tales of Mystery and Imagination“ an, ein Konzeptalbum über Edgar Allan Poe, das eine Zeitlang bei mir im Dauerbetrieb lief. Ich kann noch heute zum Leidwesen von Frau Klammerle jedes Lied mitsingen. Dann entdeckte ich den Blues und die Platte verstaubte im Regal.

Die Erfindung der CD brachte es mit sich, sich zwangsweise einige der Lieblingsalben ein zweitesmal zu kaufen, darunter war auch die „Tales of Mystery and Imagination“. Ich legte die CD in den Player, öffnete schon den Mund, um: „Thus quoth the Raven, Nevermore, nevermore, never!“ mitzugröhlen, als zu Beginn der CD etwas völlig anderes passierte. Nach ein paar psychedelischen Klängen rezitierte eine sonore tiefe Stimme das Gedicht „A dream within a dream“. Auf dem Beizettel der Silberscheibe war dann zu lesen, daß diese Stimme zu Orson Welles gehörte, der für Alan Parsons kurz vor seinem Tod noch zwei Poe-Gedichte eingesprochen hatte und diese endlich im Gegensatz zur Schallplatte in der Enhanced Version enthalten seien.

Und so stammt über den Umweg Dieter Kühn – Progrock – Pink Floyd – Alan Parsons Projekt – Erfindung der CD und Orson Welles der Titel zu meinem Roman direkt von E. A. Poe. Ich danke allen Beteiligten.

A Dream Within A Dream

Take this kiss upon the brow!
And, in parting from you now,
Thus much let me avow-
You are not wrong, who deem
That my days have been a dream;
Yet if hope has flown away
In a night, or in a day,
In a vision, or in none,
Is it therefore the less gone?
All that we see or seem
Is but a dream within a dream.

I stand amid the roar
Of a surf-tormented shore,
And I hold within my hand
Grains of the golden sand-
How few! yet how they creep
Through my fingers to the deep,
While I weep- while I weep!
O God! can I not grasp
Them with a tighter clasp?
O God! can I not save
One from the pitiless wave?
Is all that we see or seem
But a dream within a dream?

Edgar Allan Poe

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