12.05.21 – Werkstattbericht aus Stillblüten

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Mittwoch, 12.05.21

Liebe Leserin,

nach einigen Wochen melde ich mich mal wieder bei dir. Viel hat sich bei mir nicht getan in den letzten drei Wochen. Ich faste noch immer fleißig, und ernähre mich weiterhin von Wasser, ayurvedischem Tee und morgens mal einem Trinkjoghurt. Heute ist schon mein 31. Fastentag. Das ist für mich, der ich alle drei, vier Jahre faste, ein neuer persönlicher Rekord – über drei Wochen bin ich bislang noch nie hinausgekommen. Ich wollte eigentlich morgen endlich mit der inzwischen doch recht lästigen Selbstkasteiung aufhören und mit einem Vatertagsgrillen meine Abnehmerfolge (1) und die neugewonnene Lebensqualität feiern. Doch leider ist das Wetter weiterhin grausam zu uns und auf den viel zu kalten und verregneten April folgt nun ein viel zu kalter und verregneter Mai. Langsam nehme ich das alles sehr persönlich. Meine Forderung nach der sofortigen und dringenden Mediterranisierung Bayerns verhallte leider bislang ungehört, wenn man mal von dem 24-Stunden-Sommer-Intermezzo absieht, das den Muttertag wärmte. Zusammen mit der für mich sehr bedrückenden Pandemiesituation ist dies das besch*ste Frühjahr, an das ich mich erinnern kann. Deshalb habe ich mich entschieden, noch einmal ein paar Fastentage draufzulegen und weiterzumachen –  es spielt ja eh keine Rolle.

In den Pfingstferien wird Sohn Nr. 2 endlich seine inzwischen langjährige Verlobte standesamtlich ehelichen. Das Ganze wird coronabedingt in sehr kleinem Rahmen stattfinden, da außer dem glückseligen Bräutigam nur die Trauzeugen und die Mütter des Brautpaares vollständig geimpft sind und am der Zeremonie teilnehmen dürfen. (2) Alle anderen werden draußen vor der Tür warten müssen. Und gemeinsam feiern geht aufgrund der Pandemieregeln ebenfalls nicht. Auf jeden Fall möchte ich dann wieder in meine gute alte schwarze Hose passen, deren obersten Knopf ich allerdings im Moment noch nicht schließen kann. Daher werde ich wie der Herr in der Wüste nun volle 40 Tage hungern (das Beten werde ich sein lassen). Falls mich der Teufel mit einer Vier-Käse-Pizza oder einem Teller Spaghetti versuchen möchte, werde ich ihm wohl nachgeben. Aber bis jetzt hat er noch nicht an meine Tür geklopft. Für die zwei Wochen danach plane ich dann eine gemäßigtere Diät, in der ich auch viel Radfahren und Wandern möchte – sofern dieses Sch*-Wetter mitmacht. Ich plane ein Intervallfasten. Dies ist dann übrigens der kritischste Punkt, denn ich muss verhindern, dass ich wieder in alte Gewohnheiten falle und ich mir rasch wieder meinen Bierbauch zulege. Vielleicht ist es ganz gut, dass die Gastronomie noch geschlossen und auch kein Biergartenwetter ist. Habe ich eigentlich schon gesagt, wie gräuslig dieses Frühjahr ist?

Ich habe es schon erwähnt: Wenn mein Körper darbt, dann hüpft der Geist beschwingt. Das alte Sprichwort, dass ein voller Bauch nicht gern studiere, ist tatsächlich wahr. Seit 30 Tagen sprudle ich über von Einfällen und bin literarisch so aktiv wie schon ewig nicht mehr. Ich habe mit „Mein Frühjahr in Stillblüten“ eine Erzählung begonnen, die sich inzwischen zu einem veritablen kleinen Romanprojekt entwickelt hat. Inzwischen stehen über 10.000 Wörter in meinem Schreibprogramm. Da ich den Text hier Schritt für Schritt veröffentliche, kannst du seine Entwicklung mitverfolgen, wenn du Lust hast. Ich habe inzwischen auch mit meinem Grafikprogramm gespielt und einen ersten Entwurf des Covers gestaltet, das meiner Meinung nach die düstere und unheimliche Stimmung des Romans gut widerspiegelt:

Cover Stillblüten4

Mein Frühjahr ins Stillblüten spielt hauptsächlich in einem Bergdorf in den Schweizer Alpen in der Zeit ab Mitte April dieses Jahres. In einem komfortablen Chalet oberhalb von Stillblüten will sich die Schriftstellerin Bernadette Rainer von einem Schicksalsschlag und einer damit verbundenen Schreibkrise erholen und an ihrem angefangenen Roman „Levin Leonheart“ weiterschreiben. In einer Unzahl von E-Mails, die sie an ihre Tochter schickt, erzählt sie ihre Erlebnisse. Mit der Zeit bemerkt Bernadette, dass in ihrer Umgebung etwas nicht stimmt. Es geschehen merkwürdige Dinge in dem einsamen Chalet. Auch die Dorfbewohner von Stillblüten scheinen Geheimnisse zu haben – wie Bernadette selbst übrigens auch …

Was ist dran an der örtlichen Sage vom „Zug der armen Seelen“, von einer Seuche hingeraffte geisterhafte Erscheinungen, die nächtens von wilden Hunden begleitet über die Berggrate an den Wetterkreuzen vorbeiziehen und die Lebenden heimsuchen? Ist Bernadettes Leben in Gefahr? Wahrheit, Mythos und Wahngespinnste verfließen ineinander.

Die düstere Stimmung des Bildes auf dem Cover beruht also auf der einen Seite auf dem scheußlichen Regenwetters dieses Frühjahres (in Stillblüten schneit es fast ununterbrochen) und ist von der zermürbenden Pandemiesituation geprägt, aber auch von dem unheimlichen Rätsel, das das Dorf Stillblüten gefangen hält. Ich bin trotz meiner leicht morbiden Geschichte, die nicht nur vom „Todeszug“, sondern auch – ich gebe es zu – von „The Turning of der Screw“ von Henry James beeinflusst ist, übrigens noch immer guter Dinge und voller Aufbruchsstimmung  – wenn nur endlich das Wetter besser werden und die eine oder andere Ferienregion wieder öffnen würde.

Zum Abschluss noch ein Cover, diesmal eines aus meiner Galerie der imaginierten Cover. Es ist der Titel des Romans, an dem die Autorin Berndadette in „Mein Frühling in Stillblüten“ so verzweifelt wie erfolglos arbeitet. Ich kann mir vorstellen, dass du dieses Buch lieber lesen möchtest, aber sie hat es leider noch nicht zuende geschrieben.

LevinCover


(1) Immerhin sind es schon mehr als 15 Kilos, die ich abgespeckt habe. Das ist das Gewicht eines Kastens Bier, den ich nun nicht mehr mit mir herumschleppe. Wirklich erstaunlich!

(2) Ich habe am letzten Donnerstag auch meine 1. Portion Biontech erhalten, das gerade das Tagesangebot im Impfzentrum war. Die zweite erfolgt dann in 4 Wochen. Ich habe keine Ahnung, in welcher der Spritzen nun der Chip von Bill Gates ist und werde es wohl nie erfahren, weil meine Heimatgemeinde Diedorf ein großes Funkloch ist.