Aber ein Traum …

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Die Abenteuer von Karl-Heinz, dem Weihnachtshund – Teil DREI

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Der Lektor erwachte, rieb sich genüsslich die Au­gen, griff dann in die zerwühlte rechte Betthälfte, suchte, fand aber beruhigende Leere und grinste. Das war wohl noch einmal gutgegangen! Alles nur ein schlechter Traum: Kein bärtiger Türke schlief neben ihm, kein fetter Kö­ter mit Weihnachtsmütze auf dem Kopf war zu ei­nem blonden Drachen mit den Gesichtszügen von Ma­rie-Theres Kienbauer mutiert. Helga Jolanda Wei­ßeggerle-Rabenhorn, seine Ex-Gattin und ehemalige Muse der Schreibkunst, hockte nicht zeternd auf ei­nem Dra­chenhort neben seinem Bett, sondern seit der unerfreuli­chen Tren­nung vor vier Jahren weiter­hin in ihrer eigenen Wohnung, die er ihr bezahlte.

Rabenhorn erinnerte sich nur ungern an die etwas unbe­queme Phase seines Lebens, als auch er, der er doch ei­gentlich über solchen Dingen stand, der Krise der mittle­ren Jah­re verfiel und er sich sterblich in eine blutjunge, bemer­kenswert vollbusige und dabei doch so tief vergeis­tigte Dichternymphe verguckt hatte, deren Namen ihm sein Un­terbewusstes inzwi­schen zum eigenen Schutz vor­enthielt. Wahrschein­lich hockte Helga im Moment ver­huscht und verträumt vor ihrem Computer, postete in ir­gendwelchen Literaturforen Schlechtgereimtes und Weih­nachtsglückwünsche – schließlich war heute der Hl. Abend.

„Ach, wie liebe ich diese stille Zeit!”, rief Rabenhorn sich rekelnd aus, schwang die ansonsten schweren Beine leicht aus dem Bett, schlüpfte in seine warmen Puschen und hüpfte wie ein Tänzer in die Küche. Dabei ignorierte er ei­nen leichten Kopfschmerz, der ihm von seinem Alptraum oder – wahrscheinlicher – der Erinnerung an seine Exfrau übriggeblieben war.

Als er bald darauf noch im Morgenmantel mit einer Tas­se seines Lieblingskaffees vor seinem privaten In­ternetzugang saß, um seine Mails durchzusehen, überlegte er, ob er nicht längst wüsste, was sich heu­te wieder alles bei ihm auf dem Bildschirm tummeln würde – in seiner eigenen kleinen Welt war es schließlich recht übersichtlich. Und das zumin­dest sollte auch so bleiben!

Es war so, wie nicht anders zu erwarten: Neben den üb­lichen Weihnachtsgrüßen von Verlegern und fer­nen Be­kannten, neben Preisokkasionen – was für ein entsetzliches Wort! – und Angeboten für blaue Pillen und Krankenver­sicherungen waren sie über Nacht wieder aus ihren Lö­chern gekro­chen, hatten sich in ihren literarischen Schweißausbrüchen gesuhlt, sich mit ihren glitschigen, schmierigen Fingern ver­krampft über die unschuldige Sprache hergemacht und ihn als Unschuldigen mit allem überschüttet, was eigent­lich Dinghaft auslösen müsste – immer und ewig auf und über ihm, dem seinem Selbstvers­tändnis nach weltbesten Lektor! Wenn er all die un­verlangten Manuskripte ausdru­cken sollte, die als PDFs oder WORD-Dateien in seinem Mailkonto strandeten, würde er Tonnen an unschuldigem Pa­pier damit besu­deln müssen!

War das seine Qual, musste er wirklich über diese trü­ben, gelblich schillernden Bäche springen? Auch heute, am Hei­ligabend, da es wieder mal zu kalt war, um über­haupt ir­gendwo einkehren zu können, es sei denn unter einer war­men Decke?

Was war das?

Ein Engelsgesicht mit Spitzhackenbrüsten, das eine schwedi­sche Kleinstadt terrorisierte! Erbarmen? Nein, danke!

Eine sprechende Parkbank und ein erfrorener Penner. Eine Schneekönigin-Allegorie? Was wird diesem Autor noch ein­fallen, wenn ihm nichts mehr einfällt? Nein, danke!

Ein Traum, der aber eigentlich gar kein Traum ist, son­dern eine geträumte Wirklichkeit in einem Traum, der von der Wirk­lichkeit träumt? Das passte zwar auf seine eigene Situation, aber: Wer will von so etwas schon über 400 Seiten lesen, Herr Nikolaus Klammer? Nein, danke!

Eine Hundegeschichte? Nein, danke! Die Welt war mit dem unsäglichen Weihnachtshund von Daniel Glattauer – zusam­men mit Richard David Precht der Herrscher über die lite­rarischen Vorhölle – gestraft genug! Wie war denn Frieder­busch ausgerechnet darauf verfallen?

Aber das war alles zu erwarten gewesen. Raben­horns Zei­gefinger tippte lässig im Takt von Jingle Bells und alles ver­schwand im Orkus des Junk-Ord­ners. Damit war seine Ar­beit für heute getan; für heute und den Rest der Weih­nachtswoche. Er hatte sich zwischen den Jahren freige­nommen, um endlich seine Wohnung zu renovieren. Ra­benhorn stellte den PC aus, warf sich ungewaschen die Ar­beitsklamotten über, nahm sich einen Brenner und ei­nen alten, me­tallenen Eiskratzer. Er begann, von außen an der Badtür die gelbliche Lackfarbe heißzumachen und sie ab­zuschaben. Solch händische Tätigkeit war we­nigstens noch etwas Ehrliches, Reines. Hier war der Werktätige noch nicht von seiner Arbeit entfremdet. Konstruktivität, Freile­gen der Struktur. Dieses wohl­tuende Entfernen des Altan­gebrachten. Und Farbe stinkt! Holz nicht. Also weg mit der Farbe! Tod der modernden Farbe und dem Altan­gebrachten, das sich nur modern nennt! Hatte er tatsäch­lich vierzig Jahre über Büchern gesessen, um zu wissen, dass er eigent­lich nur ein Abbrenner und Anstreicher wer­den wollte?

„Wenn das keine Weihnachtsbotschaft ist!“, dachte er eu­phorisch. „Arbeitet im Schweiße eures Ange­sichts, Leu­te, Möchtegernschriftsteller, nicht im Geis­te! Vornehm ist das Handwerk, sinnentehrend, sinnentleert ist allein das Geist­werk!“ Und da er das dachte, lächelte er und ver­brannte sich die Hand am heißen Brenner. Rabenhorn ließ das Heißluftgerät auf den Boden fallen. Es schmorte ein Loch in den wertvollen Berberteppich. Wütend riss der Lektor das Kabel aus der Steckdose. Das war er doch, der Unter­schied zwischen der Literatur und dem wahren Le­ben: Das Leben schmerzt! Und es geht immer wei­ter. Da gibt es kein ENDE und alle singen glücklich Weihnachts­lieder. Man muss sich ständig auf Neues einstellen, kann nicht im In­dex nachschlagen oder ein paar Seiten zurück­blättern, wenn man etwas nicht versteht oder einen Na­men verges­sen hat. Ra­benhorn rieb sich über die brennen­de rote Stelle an seiner Hand und überlegte, was zu tun war.

„Kaltes Wasser“, fiel ihm ein, „eine Brandblase muss man kühlen. Und dann eine Salbe drauf.“ Ah, das war kein voll­ständiger Satz: „Und dann muss man eine Salbe über die Wunde streichen.“ Jetzt hat­te er eine „muss man“-Wieder­holung, das war sehr schlechter Stil: „Und dann sollte man besser eine Brandsalbe über der Wunde verstreichen.“

Gut so. Rabenhorn trat also ins Badezimmer, wo er kurz die Vision eines in Fett und Filz eingewickelten Joseph Beuys hatte, der auf dem fest getrampelten Erdboden ei­nes russischen Bauernhauses seine Brandwunden über­lebte. Doch es war nur ein schla­fender, müffelnder Hund, über den er beinahe stol­perte.

Was heißt nur? Das war ein Riesenvieh, das Untier! So entsetzlich groß, dass Rabenhorn nicht an ihm vorbei zum Waschbecken gelangen konnte. Aber sei­ne Brandwunde war eh vergessen! Was hatte er ei­gentlich noch im Bade­zimmer gewollt? Der Hund, so fiel ihm siedend heiß ein, hieß Karl-Heinz. Jetzt kam die Erinnerung wieder mit vol­ler Wucht, und er be­kam weiche Knie. Rabenhorn trat ei­nen Schritt zu­rück, setzte sich schwer auf den hölzernen, woh­lig vertrauten Deckel seiner Kloschüssel.

Von wegen Traum! Alles kam zurück, kristallklar schälte sich die Erinnerung an den gestrigen Tag aus seinem Ge­dächtnis, als wäre der Anblick des Hundes ein heißer Küs­tenwind, der den Nebel verjagt:

Er konnte das furchtbare Manuskript voller Recht­schreibfehler und verunglückten Halbsätzen von Frieder­busch ge­radezu vor sich sehen, dann folgten der Fieber­anfall und die oben zwischen den Neon­röhren schweben­de, halbnack­te Witwe seines ehe­maligen, geliebten Verle­gers und jener entsetzliche Kalbshund, der ihm das Ge­sicht abschleckte. Auch der alte Familienfluch der Raben­horns fiel ihm wie­der ein, jener Jahrhunderte alte Fluch, von dem ihm Her­bert Emanuel Kienbauer in seiner Ster­bestunde berichtet und an den der Lektor nie geglaubt hatte – gleichzeitig die Erkenntnis, dass Marie-Theres Kien­bauer in höchster Ge­fahr war! Gestern war der Schock des Begreifens wie ein Faustschlag gewesen, der ihn ohnmächtig vor seinem Schreibtisch nieder­streckte. Dann, noch wie betäubt, hatte er handeln wollen, denn nur eine Person konnte hier noch hel­fen, auch wenn Ra­benhorn eigentlich nicht an sie glaub­te. Daher hatte er Marie-Theres gepackt und die Widerstre­bende zum Auf­zug gezerrt. Doch was dann geschah …

Rabenhorn konnte sich nicht erinnern. Ein unheim­liches Loch war in seinem Gedächtnis. Der Aufzug öffnete sich, das wusste er noch. Aber dann? Und wie kam er in der Nacht in sein Bett, und wie dieser vermaledeite Hund von Friederbuch in sein Bade­zimmer? Fehlte nur noch, dass ein singender Esel in seinem Kleiderschrank Felis Navi­dad! sang! Der Lek­tor sackte auf der Toilette in sich zu­sammen, presste die Fäuste gegen seine Stirn, aber er konnte keine weitere Erinnerung hervor quetschen. Alles war schwarz. Das erste, was er wieder wusste, war eben sein Erwachen im Bett mit dem niederdrückenden Ge­fühl, schlecht ge­träumt zu haben.

Da hörte er ein Geräusch an seiner Wohnungstür, es klang, als würde jemand an seinem Schloss herum­fummeln. Rabenhorn stand auf, zog den Badschlüs­sel ab und sperrte so den noch immer schlafenden Hund ein. Er öff­nete mit Schwung die Tür. Vor ihm stand herabgebeugt ein kleiner, untersetzter Mann mit imposantem Schnauz­bart, ein “Einwohner mit Migrationshintergrund”, wie Raben­horn für sich feststellte. Einen Schlüssel, der dem Lektor bekannt vorkam, hielt er nach vorn gestreckt in der einen, eine Tüte mit verlockend riechendem Back­werk in der an­deren Hand. Rabenhorn war sicher, ihn noch nie zuvor ge­sehen zu haben. Das war wahrschein­lich ein entlassener Strafgefangener, der ihm ein Abonne­ment des Readers Di­gest – entsetzliches Heft, Unterg­angsliteratur des Abend­landes – andrehen wollte. Oder einer dieser Asylanten, der vielleicht um eine Arbeit als Abbrenner und Anstreicher bettelte.

„Ja, bitte, was wollen Sie?”, fragte er unhöflich. Sein Ge­genüber hob überrascht die Augenbrauen.

„Du erinnerst dich wirklich nicht mehr, Jan? Du hast mich vergessen?“, fragte der Fremde. „Weißt du nicht mehr, wie wir gestern mit dem Scheitan per­sönlich ge­kämpft haben? Du an meiner Seite und ich an deiner? Mit Dönerspieß und Degen als Waffen ge­gen den Karlnickel­könig? Du und ich? Kreuzritter und Gotteskrieger vereint gegen den Feind?”

Der Türke erkannte und nickte. „Tatsächlich, du hast es vergessen. Ömer Özgür bin ich, dein guter Freund. Schließ­lich hast du mir deinen Schlüssel ge­geben.” Dieses Argu­ment zog. Rabenhorn erkannte seinen eigenen Schlüssel­bund mit dem kleinen Plas­tik-Reich-Ranicki in der Hand des anderen. Kurzent­schlossen schob Ömer den verdutzten Lektor beiseite und trat ein.

„Ich habe schnell Brötchen geholt”, bemerkte er und hob seine Tüte. „Kämpfer brauchen ein gutes Früh­stück. Wenn der Magen gefüllt ist, ist die Schwert­hand stark.”

Aus seinem übervollen Orientalenherzen rieselten jetzt die Worte wie der Sand der Wüste oder der Schnee im Winter Ostanatoliens.

„Rabenhorn, mein Freund, Kämpfer, krass, wie wir ihn in die Flucht geschlagen haben, diese Ausgeburt der Höl­le. Wir beide und der große Hund! Aber dann stürzten sich von allen Seiten – aus allen Kanal­öffnungen – die ent­setzlichen Karlnickel auf uns. Wie eine Tsunamiwelle wa­ren sie und wir standen wie Felsen in der tödlichen Brandung. Aber dann bist du gestolpert und etwas traf dich am Kopf. Weiß nicht, was es war.”

Ömer zögerte und überlegte, ob er dem Lektor er­zählen sollte, dass er ihn im Eifer der Schlacht aus Versehen mit seinem Dönerspieß ins Reich der Träu­me verfrachtet hat­te. Es entschloss sich, dieses kleine Detail auszulassen.

„Egal, was es war. Du verlorst das Bewusstsein. Wir mussten uns zurückziehen! Ich warf dich über den Hund und wir flohen vor den anstürmenden Geg­nern. Gerade eben noch fanden wir den letzten freien Kanaldeckel. Aber jetzt ist nur die Schlacht verloren, noch nicht der Krieg! Wir brauchten eine kleine Ver­schnaufpause, dann machen wir weiter. Deshalb brachten Karl-Heinz und ich dich in deine Wohnung, Jan.“

„Wie haben Sie sie denn gefunden?“ Der Albtraum setz­te sich anscheinend fort.

„Aber mein Freund, dich kennt doch jeder hier in Brom­berg. Ich musste nur fragen und schon redeten die Leute. ‘Meinen Sie vielleicht Herrn Rabenhorn, den Gelehrten?’ oder ‘Ach, der Herr Professor Ra­benhorn, ja, der wohnt am Lärchengrund.’ Also kein Problem, deine Wohnung zu fin­den, lieber Freund. Dein Bett ist sehr weich.“

Rabenhorn wuchs um fünf Zentimeter. Er wusste, dass er angesehen und geachtet war. Doch dieser Be­weis sei­ner stadtweiten Dominanz als Kulturmensch kam überra­schend, tat seiner verletzlichen Künstler­seele jedoch gut.

„Aber was ist mit Marie-Theres Kienbauer? Die Frau mit dem Stern. Du weißt schon. Und was ist mit Frieder­busch?” Und, nach einem Zögern:

„Und wo ist der Karldinalsrumpelstilz? Mein … Vor­fahr?“

Ömer lachte verschmitzt. „Wenn wir gefrühstückt ha­ben, klärt sich alles auf. Karl-Nickel erwartet uns unten im Ka­nal. Er wird dir alles erzählen, was du im Fieber­rausch ver­gessen hast.”

Rabenhorn packte ihn bei den Schultern. „Sprich, was ist mit Marie-Theres?“

Ömer zuckte zusammen. „Der Böse, der Karlnickel­könig, Fürst von Hölle, nahm sie mit, hinab ins Inne­re der Erde, wo die Feuer brennen, an die Wurzeln des großen Pinkel­baums, von denen er sich und eine abscheuliche Brut er­nährt. Heute Nacht muss es sich entscheiden!“

Rabenhorn wankte. Sollten alle Kämpfe, an die er sich nicht mehr erinnern konnte, vergebens gewesen sein? Alle Angst, alle Anstrengung, die Wunden an Seele und Körper, alles umsonst? Aber just an diesen Punkt seiner Verzweif­lung regte sich das Blut seiner Vorfahren in ihm: Niemals! Und wenn er dem Scheusal bis in die städtische Kloake fol­gen müsste, er würde Marie-Theres retten.

„Los Ömer, wir müssen sie befreien. Wir dürfen keine Zeit verlieren.“ Und mit einer Kaltschnäuzig­keit, die er sich selber niemals zugetraut hätte, lief er ins Bad, packte den völlig verdutzten und tranigen Karl-Heinz-Hund bei den Ohren und schleifte ihn zur Tür hinaus.

„Ömer, auf geht’s! Auf in den Kampf! Wir retten das ehr­bare Weib aus den Fängen des Untiers!“ Der Dönerbu­denbesitzer schleuderte die Tüte mit dem Backwerk zur Seite.

Das ist mein Held! Hurra! So wollen wir Mord ru­fen und des Krieges Hund‘ entfesseln!“ Und mit die­sem thea­tralischen Aufruf (Julius Cäsar, 3. Akt, 1. Sze­ne) zogen sie von dannen, öffneten den nächstgelege­nen Kanaldeckel und verschwanden gemeinsam in der Unterwelt.

Jan Philipp Rabenhorn hatte erwartet, dass die Ka­näle sei­ner Heimatstadt eine feuchtklammer-rut­schigheunsche An­gelegenheit waren, erbärmlich fies nach allerlei in die­sem Weihnachtsmärchen Unaus­sprechlichem stanken und zap­pen-zappeldunkel wa­ren, aber das genaue Ge­genteil war der Fall: Überall leuchtete es grün und gülden funkelnd von den spe­ckigen, wie aus Lebkuchen geform­ten Wänden und es lag ein ap­petitlicher Geruch nach Weihnachtsstol­len und allerlei anderem würzigen Back­werk in der warmen Luft.

Der Lektor rieb sich die Augen, doch die Sinnesein­drücke veränderten sich nicht: Dies waren keine düs­teren Abwäs­ser, in denen zwischen Herabgespültem aus zehn­tausend Toiletten eklige große Ratten schwammen, nein, hier unten sprudelten zwischen glitzernden Schneehäufen glühwein­rote, nach Zimt und Tannennadel riechende Wasserläufe durch die Gänge, munter singende Bächlein, in denen sich fröhlich Lametta-Sprotten, Nikolausbarsche, Engels­haarrochen und Weihnachtskugelfische tummel­ten. Rabenhorn fragte sich nur kurz, woher er die Namen dieser Tiere kannte, die sich ja in keinem ichthyologi­schen Fachbuch fanden – schließlich hatte er das eine oder ande­re lektoriert – aber er hatte sich ja vorge­nommen, sich über nichts mehr zu wundern. Trotz­dem sah er sich stau­nend um. Die Un­terwelt von Bromberg an der Fiesel war eine geschmacklo­se Weihnachtswunderwelt, ein unterir­disches Rothen­burg ob der Tauber.

Karl-Heinz, der Weihnachtshund, aber: Er war da­heim. Die städtische Unterwelt mit ihren weihnacht­lichen Kanä­len, Ort sei­ner Aufzucht und der ersten Trottversuche, war ihm vertraut, er er­schnüffelte die Neuigkeiten von den Wänden und roch überall Duftmarken, die ihm nicht gefie­len. Sein kurzes Nackenhaar sträubte sich unter sei­ner Weih­nachtsmütze. Von hier aus hatte ihn sein Meis­ter, der alte Karlnalrumpel­stilz auf die Mission ge­schickt, den Ururururure­nkel zu finden, den letzten des stolzen Stammes der Ceratias-Corvii, der gehörnten Ra­ben, die­sen Einen, in dessen Händen allein die Macht lag, den großen Pinkel­baum vor dem Karlnickelkönig zu be­wahren.

Und wie geschickt hatte der alte Weihnachtsköter doch seinen Auftrag ausgeführt, ganz wie in den al­ten aufre­genden Tagen, als er noch für die Besche­rung der Stra­ßenköter unter eben jenem magischen Pinkelbaum sorgte, auf des­sen mächtigen Wurzeln die Altstadt von Bromberg errich­tet war. Sich Raben­horn direkt zu nähern war ihm nicht möglich gewe­sen, da dieser ja Hunde fürchtete, also hatte Karl-Heinz sich erst einmal vor die Haustür des mittelmäß­igen Autors Egon M. Friederbusch gelegt und dort gedul­dig ausgeharrt, bis dieser auf dem vor Liebe blinden Weg zu Marie-Theres Kienbauer buch­stäblich über ihn stürzte. Karl-Heinz hatte die senti­mentalen Bücher des Schriftstel­lers über den tierlie­ben Zauberlehrling Edwin Edgard gele­sen und seinen Autor richtig eingeschätzt. Er musste nur noch ein wenig mitleiderregend jaulen, mit treu-traurigen Hundeaugen nach oben blicken, zögernd einen Hin­terlauf nachziehen und hatte gewonnen: Friederb­usch adoptierte ihn auf der Stelle.

Der Rest war einfach. In jeder stillen Adventsnacht, in der Friederbusch daheim schlief und nicht am Schicht­kohl und seiner Marie-Theres naschte, dik­tierte Karl-Heinz nun dem friedlich schlummernden Autor die Ge­schichte vom “Weihnachtshund” und dieser schrieb sie morgens eilig auf, bevor er den spannenden Handlungs­faden wieder ver­gaß, glücks­elig über die Muse, die ihn in seinen Träumen so reichlich mit Einfällen beschert hatte; ohne dass ihm be­wusst wurde, wem er die Einflüsterun­gen wirklich ver­dankte. Er wunderte sich nur jeden Mor­gen über sein nas­ses, vollgeschlabbertes rechtes Ohr.

Der Plan des alten Weihnachtshundes ging auf. Der nai­ve Friederbusch sandte sein Manuskript an den Kienbau­er-Verlag und nahm seinen Hund tatsäch­lich mit zu Ra­benhorn, gemeinsam Überzeugungsar­beit zu leisten. Wo­mit Karl-Heinz allerdings nicht ge­rechnet hatte, war der zwei­felhafte Geisteszustand des Lektors, der sich im Fie­berwahn vom Schreib­tisch wie Tarzan auf seine Jane stürzte und grunzend mit der Kienbauer abgezogen war. Aber das war ja alles gut ausgegangen und er hatte Ra­benhorn dort, wo er sein sollte, in der Kanalisation von Bromberg, wo das Karlnickelungeheuer hauste. Jetzt musste nur noch der Meister gefunden werden!

An einer Biegung teilten sich die Kanäle. Verwirrt stopp­te Karl-Heinz und ließ es geduldig über sich er­gehen, dass Rabenhorn und Ömer Özgür, die er bis­her an seiner Leine hinter sich hergezogen hatte, ge­gen sein Hinterteil rannten. Das waren ihm ja zwei schöne Helden! Ob der Meister da nicht einen Fehler begangen hatte? Ihre gestri­gen Taten waren schon einmal ein vollkommener Reinfall gewesen und hat­ten die Lage nur noch verschlimmert, wenn er an die arme Marie-Theres dachte, die sich nun in den Fän­gen des Monsterkönigs befand … Karl-Heinz schüt­telte das Haupt und schleuderte ein paar Speichelfä­den zur Seite. Jetzt nur nicht ablenken lassen! Er lauschte in die sich ver­zweigenden Gänge und ver­nahm tatsäch­lich aus dem Rechten einen fernen, jam­mernde I-Ah-Ge­sang, der ihm sehr vertraut war:

„Voll fett der Dreck, eh.
Das steckt keiner weg, yeah.
Da hilft kein Doney-Gin, he.
Bald sind wir alle hin – oh, jeh!”

Karl-Heinz stürmte aufgeregt hechelnd los, zog und zerr­te – fast vermochten Rabenhorn und Ömer Öz­gür, die sich erneut an seiner Leine festklammerten, nicht zu fol­gen – und schnüffelte durch die farben­frohe, von Kerzen­leuchtern und Fackeln erhellte Welt. Bald fand er einen Schnal­lenschuh seines Herrn. Und er war nicht leer.

In ihm steckte ein noch immer weißbestrumpfter, aber blutiger Fuß des Karlnalrumpelstilzchens. Hatte es mit dem rechten Fuß vor Zorn so tief in die Erde gestoßen, dass es bis an den Leib hineinfuhr und dann in seiner Wut den linken Fuß mit beiden Hän­den gepackt und sich selbst mit­ten entzwei gerissen? Ömer nahm den Schuh vorsichtig an zwei abge­spreizten Fingern aus dem Schnee.
„Da war wohl jemand schneller als wir. Hinfort, du schnö­der Gallert.” bemerkte er und schleuderte den blutigen Schuh samt übelkeiterregendem Inhalt zur Seite. Raben­horn sah anerkennend zu dem Türken. ‘King Lear‘, dachte er, ’1. Akt, 7. Szene. Hinfort ist ein schönes, ein feines, ein doppelsinniges Wort. Schade, dass die heutigen Autoren es kaum mehr kennen.’ In diesem Moment wurden seine Ge­danken von einem schmelzenden Gesang unterbro­chen, der ganz in der Nähe erklang:

„Ach, Bro, nun ist’s vorbei,
mit der Christmas-Feierei.
Bald ist der big old Tree gefällt,
der Bromberg on the Top erhält.”

Die rote Mütze fiel Karl-Heinz vom Kopf, er sprang nach vorn, und die Nüsse in seinem Sack schaukel­ten mächtig. Rabenhorn, noch immer mit dem Weih­nachtshund durch die Leine verbunden, flog hinter­her. Ömer folgte den bei­den langsamer und sah sich vorsichtig um. Hinter den bei­den trat er aus dem en­gen Gang in eine hohe und gro­ße Halle, sie war so gigantisch, dass der Dönerbudenbe­sitzer ihr hinteres Ende nicht ausmachen konnte. Es ent­zog sich ihm durch einen dichten Nebel, der zwischen den Scheehü­geln waberte. Ömer kannte diese von mäch­tigen Fackeln erleuchtete Höhle, erst gestern hatte er hier gemeinsam mit Rabenhorn und dem Karlnal­rumpelstilz verzweifelt gegen die heranstürmenden Karlnickel-Hor­den gekämpft und ge­rade noch durch einen anderen Gang fliehen können, Ma­rie-Theres und den alten Meister dabei im Stich lassend! Ir­gendwo hier musste auch seine Waffe liegen, der Dö­nerbratspieß, mit dem er den Lektor aus Versehen bewusstlos geschlagen hatte.

Rabenhorn und Karl-Heinz waren inzwischen bei ihrem Ziel angelangt: Sie fanden Carlos Niccolo Diego Pedro La­mentoso Siesta Ortega y Cuerno del Cuervo, auch Karl-Nickel, der Karlnalrumpelstilz genannt, den Ururururur-Ahn des Lek­tors, mit dem Oberkörper gegen einen mächtigen grauen Esel gelehnt, der jäm­merlich weinte und i-ahte. Er blutete am gesamten, nicht mehr ganz vollständigen Kör­per und lag im Sterben. Doch als er Rabenhorn bemerkte, der sich zu ihm herabbeugte, kam noch einmal Leben in den einst so mächtigen Herrn der Bromberger Unterwelt. Er hob den einen Arm, der ihm noch verblieben war und winkte sei­nen Nachfahren zu sich heran.

„Nun bist du doch wieder gekommen”, flüsterte er mit brechender Stimme. Er versuchte, sich ein wenig aufzu­richten, was ihm nur gelang, weil der Esel sein Gewicht etwas zur Seite verlagerte. „Jan, du musst beenden, was ich in meinem Leichtsinn begonnen habe. Es ist der Fluch der Söhne, die Sünden ihrer Väter zu büßen. Die Vorfah­ren aßen die Trauben, aber den Nachkommen werden die Zähne stumpf. Ich sehe er­freut, du bist heute klar bei Verstand. Drum höre…” Karl-Nickel hustete und kleine Blutbläs­chen bilde­ten sich an seinen Mundwinkeln. Aber noch hatte er die Kraft, fortzufahren:

„Vor gut 800 Jahren, als hier inmitten des Karlnuten-Wal­des auf dem Bromberger Hügel nur ein einziger gewalti­ger Tannenbaum stand, der alle anderen überragte und zwi­schen dessen Wurzelwerk sich die große Höhle gebil­det hat, in der wir uns jetzt befin­den, erprobte ich in mei­nem Wahn meine alchemisti­schen und chymischen Er­kenntnisse, experimentierte mit dem geheimnisvollen Saft El Ixier, der aus dem Lapis philosophorum gewonnen wird. Doch statt Gold formten sich in meinen Leidener Flaschen zufäl­lig die Karlnickel, gefährliche, kleine Bestien, die sich von den Wurzeln des Baumes nährten und ab und an auch mal einen vorbeikommenden Bauern oder Wanders­mann fra­ßen. Später dann, als über uns die Stadt Brom­berg ent­stand, wollte ich meinen Fehler gutmachen und erweckte zur Abwehr der Karlnickel und zum Schut­ze der Men­schen allhier meine Weih­nachtshunde und manchmal auch einen Christmas­donkey…” Das Grautier hinter dem Karlnalrumpels­tilz zitterte und seufzte auf.

„Ruhig, Sam, ruhig… Chill mal, Alter, ich hab’ hier was klarzuchecken. Don’t cry for me”, er tätschelte be­ruhigend den dicken Bauch, auf dem er lag, „im A… von Tina, heh­ehe. Egal.” Er wand sich wieder an Ra­benhorn, der ihm atemlos lauschte.

„Viele Jahre ging alles gut. Weihnachtshunde und Karl­nickel hielten einander die Waage und der Baum – der große Pinkelbaum der Straßenköter von Brom­berg – blieb kräftig und gesund. Doch dann kam das Unglück: Meine Hunde wurden alt und zahnlos und die Karlnickel ver­mehrten sich, sammelten sich, ver­knoteten sich, umwim­melten, ver­bissen und verban­den sich und wurden zum großen Karl­nickelkönig, der dort hinten im Nebel haust und an den Wurzeln des Baumes frisst. Der Baum ist krank, Raben­horn! Er stirbt. Nur noch wenige seiner Wur­zeln halten das Dach dieser Halle und wenn der Karlni­ckelkönig die letz­ten durchnagt hat, dann stürzt uns hier der Him­mel ein. Verstehst du? Bromberg wäre dann nur noch ein großes, tiefes Loch, aus dem sich der König der Karlnickel erheben wird, zu knechten die Men­schen und das Land. Und das am heiligen Abend! Das geht doch nicht.”

Der alte Alchimist und Druide packte seinen Nach­fahren an der Schulter. Feuer stach aus seinen Augen und brann­te sich in Rabenhorns Seele. Ihm war, als würde er in der Stimme Karl-Nickels alle seine Vor­fahren mitrufen hören.

„Ich bin besiegt, in der gestrigen Schlacht geschla­gen. Aber du hast die Macht, den Karlnickelkönig aufzuhalten! Nimm mein Schwert, das ich beim Schmieden in El Ixier tauchte, es hat die Macht, das Karlnickelungeheuer zu zer­schlagen. Das ist deine Aufgabe, deshalb bist du hier!” Der Kopf des Meis­ters sank erschöpft auf seine blutige Schulter.

„Aber…”, stotterte der Lektor. Noch einmal sah das Karl­nalrumpelstilz auf. Er war unendlich müde, das war ihm anzuhören.

„Aber ist ein Wort, das ein Rabenhorn nicht kennen soll­te. Nimm das Schwert, zerschlage die Karlnickel und rette die Frau, die du in den Kanal gebracht hast, bevor der Mons­terkönig sie unter dem großen Pinkelbaum frisst. Du bist unsere letzte Hoffnung!”

Karl-Nickel atmete langsam aus und seine Augen schlos­sen sich. Karl-Heinz, der Weihnachtshund, heulte auf. Sin­gin’ Sam sang:

Goodby, Nickel, schön war die Zeit.
Goodby, Nickel, sei nun bereit.
Du steigst in den Himmel,
der Weg ist so weit …

Rabenhorn erhob sich. Seine Augen suchten das magi­sche Schwert. Es lag nur wenige Schritte ent­fernt im Schnee, warte geduldig auf den Ritter, der es zu führen wusste. Dort stand auch schon Ömer bereit, sein edler Knappe, den Dönerspieß in der Hand. Eine Träne glitt über seine Wan­ge.

Biz gitmek“, sagte der Türke, „lass uns gehen…” Raben­horn nickte. Der Würfel war gefallen.

„Ja. Hinfort die Zweifel. Nicht mehr das Wort, die Taten zählen. Retten wir Marie-Theres, den Großen Pinkelbaum und Bromberg … und die ganze Welt!”

 

[Hier findet sich das Ende der gar schröcklichen Geschichte …]

Die Abenteuer von Karl-Heinz, dem Weihnachtshund – Teil ZWEI

[← ZUM ERSTEN TEIL]

 

Rabenhorn war gerade einge­nickt, da klopfte es kurz und bestimmt an der Tür. Als sie sich öff­nete, glaubte der Lektor zu träumen:

Seine Mundwinkel klappten nach unten – nicht vor Er­staunen, eher schon aus purem Entsetzen. Durch die Tür schob sich ein riesiger, schwarzer und zotte­liger Hund. Falsch, das war kein Hund mehr: Das war ein Kalb, ein Bär, ein Minotaurus, ein Oger!

Eine Woge muffigen Gestanks nach nassem, unge­pflegtem Fell schlug dem Lektor entgegen, der sich keine ande­re Hilfe wusste, als eiligst auf seinen Schreibtisch zu stei­gen. Rabenhorn hatte Angst vor großen bösen Hunden, und dieser hier war bestimmt der größte und böseste Hund, dem er jemals so nahe gekommen war. Da half es auch nicht, dass das Tier eine Nikolausmütze trug und ei­nen grün-rot gestreif­ten Schal. Der Hund jedenfalls trotte­te nä­her, legte seine riesige Hundeschnauze auf den Tisch, sah treu­herzig nach oben zu dem panischen Lektor und sab­berte genussvoll dessen Tischkalender voll.

„FRÄULEIN WIESENGARD!“, schrie Rabenhorn nach sei­ner Vorzimmerdame. „FRÄULEIN WIESEN­GARD! Hier steht ein gar schrecklicher Hund! Meine Liebe, Sie haben einen Hund in mein Büro gelassen! Bringen Sie das bitte sofort in Ordnung.“

„Wuff“, machte der Hund.

Fräulein Wiesengard jedoch antwortete nicht. Wahr­scheinlich hatte das gigantische Vieh Fräulein Wiesengard zuerst gefressen, bevor er hereinkam. Ob das Monstrum jetzt wohl satt war? Rabenhorn sah sich vorsichtig um. Vom Schreibtisch auf die Fensterbank und aus demselben in die Tiefe sprin­gen? Das war im 8. Stock keine schlaue Idee. Telefo­nieren? Das konnte vielleicht diesen Mörder­hund reizen. Ihn mit Friederbuschs fettem Manuskript in die Flucht schlagen? Das wäre mutig, aber Raben­horn war nicht mutig, keinesfalls schon lebensmüde, aber der Ge­danke hatte etwas. In diesem Augenblick öffnete sich wie­der die Tür. Der leibhaftige Egon M. Friederbusch stand im Rahmen und lachte sich schief.

„Komm, Karl-Heinz, sei lieb“, rief er endlich, „der Onkel will nicht mit dir spielen. Karl-Heinz!“ Er klopfte auffor­dernd auf seine Oberschenkel, doch der Hund ignorierte ihn völlig. Friederbusch zuckte bedauernd mit den Schul­tern.

„Schlecht erzogen, tut mir leid. Er ist mir zugelau­fen.“

Rabenhorn sah von oben auf den Schriftsteller, dann auf den Hund. Langsam wich die Panik. Er wäre jetzt gerne von seinem Schreibtisch herunterge­stiegen, denn er spür­te, dass er sich lächerlich mach­te. Aber ein kurzer Blick­kontakt mit dem Monstrum ließ ihn oben verharren.

„Das ist Ihr Hund, HERR Friederbusch? Ja, sind Sie denn völlig wahnsinnig geworden?“, forderte er kei­ne Ant­wort, sondern Trost; dabei bemüht er sich, lei­se und ruhig zu sprechen, damit der Hund bloß nicht nervös wurde. „Den Esel haben Sie hoffentlich nicht dabei“, fügte er noch mit Galgenhumor hinzu.

„Das nicht, aber etwas viel Besseres …“, erwiderte der Autor.

Die Überraschung war gelungen, auch wenn dem Lektor plötzlich der singende Esel doch lieber gewe­sen wäre: Her­ein schwebte ein strahlender Engel mit einer Tupper­schüssel in der Hand, eine Schneeköni­gin, blond, blauäu­gig blin­zelnd, mit grell geschmink­ten Lippen und nur mit einem langen Nerz, der in der Farbe des Winters schim­merte, be­kleidet: Marie-Theres Kienbauer, wie der Herr oder ein Chirurg sie in einer Schapslaune erschaffen. Sie wirkte auf Ra­benhorn, als käme sie frisch von einer Schönheits-OP und sie schwebte tatsächlich wie ein mit Helium ge­füllter Ballon einige Handbreit über dem Bo­den! Ra­benhorns Kinnlade klappte nach unten, fast wäre er von seinem Schreibtisch gefallen, auf dem er immer noch als die Un­würde in Person hockte.

Die Schneefrau Marie-Theres, Hetäre dieses Schaf­scheiß dichtenden Dichters und gestrenge Chefin, schwebte nicht einem Flöckchen gleich zu Boden, nein, Schwerkraft spielte für sie keine Rolle. Gerade­zu mühelos flog sie jetzt zur De­cke empor und nahm Platz auf der Hängelampe. Dort ent­nahm sie ihrer Tupperdose, die sie mit einem schmatzen­den Ge­räusch öffnete, ein Spruchband, entroll­te es und ließ es von der Decke flattern. Güldene Lettern in Leipzi­ger Fraktur:

Einladung zu meiner Weihnachtsparty mit Schichtkohl, an­schließend menage a trois!

Solche Feinheiten wie den Schriftfont nahm des Lektors geschultes Auge noch wahr, bevor er vom Schreibtisch auf den Sisalteppich stürzte, mit all sei­nen verbliebenen Kräf­ten darum rang, gleich und auf der Stelle ohnmächtig zu werden, aber von Karl-Heinzens feucht-sorgender Zunge und seinem wi­derlichen Mundgeruch daran ge­hindert wurde. Der Monsterhund schleckte ihn hartnä­ckig wieder zu­rück ins Bewusstsein, dem er so verzwei­felt entkom­men wollte.

„Ja, ja, mein Lieber!” Egon M. Friederbusch grinste sar­donisch. „Sie stecken jetzt wohl mitten in einem, will sa­gen: meinem Weihnachtsmärchen. Kommen Sie, genießen Sie das Wunder! Der Höhepunkt war­tet auf uns.”

Und aus weiter Ferne sang dazu ein besoffener Esel:

„Wenn zur Weihnacht die rote Sonne im Meer versinkt,
und vom Himmel die bleiche Sichel des Mondes blinkt,
dir ‘n geiler Donkey vom Ufer zum Abschied winkt …“

Dann geriet alles ein wenig durcheinander: Menage a deux! Marie-Theres kam über ihn, und sie wurden ge­schichtet wie Kohl, im Fass gärte ihr Saft zu saftig Weini­gem. Und während sie Karl-Heinzens Zunge englisch brie­ten, im Rosenrot seines Inneren lustvoll schwelgten, klang von draußen das Jingle Bells, das wie das Glocken­geläut ei­ner großen Nikolausver­schwörung über ihre Lei­ber hin­weg fegte. Und dunstvoll roch ihr Gebäck nach Zimt. ge­paart mit dem rosmarinmus der holden mariethe­res. es ge­ronn zu lustvollen. gaumenfreuden. des Riesen­hundes rau­es bellen verhaucht. in der Kehle des Genie­ßers. sein schwanzwedeln. es würzt die suppe der begehrl­ichkeit. zack. sein fell. zack. getrocknet und gepul­vert. zack. lindert husten und schleim. doch wenn er kommt. zackzack-oh. lindert er ihre dürre. ah. und wasser füllt die abendmahl­schale mit wein der frühe der nacht erwacht lacht sacht …

Rabenhorn applaudierte: Was für ein Text! Endlich ge­hobene, erhabene Literatur! Das war moderne Dichtung!

…hallelujatanztenengelgleichchimärenausplatzendenringen. Um die Welt.

Zack!

Hart schlug Rabenhorns Kopf auf dem unnachgie­bigen Sisalboden seines Büros auf.

Gleichzeitig und genau in dem Augenblick, in wel­chem Rabenhorn vor den erstaunten Augen von Egon M. Frie­derbusch und der Verlegerin Marie-Theres Kienbauer mit brünstigen Fieberphantasien von seinem Schreibtisch her­nieder und gen Hölle des Sisalbodens stürzte …

Während sich ihm die Zeit dehnte und er in einem Weih­nachtsrausch befangen, der jedoch nur ein Schwä­cheanfall aufgrund eines überraschenden mit Macht zu Tage treten­den grippalen Infektes war, verursacht durch den Schock, den der Hund in ihm ausgelöst …

Während er von einer Himmelsleiter der Glücks­eligkeit ins Antlitz der Herrn blickte, welcher ihm mit seiner gro­ßen, weichen und feuchten Zunge lie­bevoll ableckte – es war natürlich Karl-Heinz, wel­cher solches tat – und ihm da­bei war, als würde eine getragene Stimme nur für ihn mo­derne Dichtung vortragen, eben da …

… nahm am anderen Ende der Stadt, jenseits des Flus­ses, dort, wo der soziale Woh­nungsbau scheußlich bittre Sumpfblüten wachsen ließ und nur Le­bensmüde und Triebtäter sich des Nachts aus den Häusern trauten, ein Ereig­nis seinen Lauf, das, obgleich sich daran Personen beteilig­ten, die Rabenhorn vollkommen unbekannt waren, später auf das Leben des Lektors einen bedeuten­den, um nicht zu sagen, den bedeu­tendsten Ein­fluss gewann:

Es öffnete sich mitten auf dem Bürgersteig vor einer schmud­deligen und traurigen Döner-Bude knirschend ein Kanaldeckel, klappte dann langsam in die Senkrechte, um anschließend von der Wucht der Schwerkraft gezogen scheppernd auf den Beton zu klatschen. Anschließend stieg ein Mann aus dem rauchen­den und stinkenden Un­tergrund, sich nicht im Geringsten an den Blicken der Fußgänger störend, die einen weiten Bogen um ihn mach­ten. Neugierig sah er sich um und schnüffelte, das Ge­sicht zu einer angewiderten, empörten Grimasse verziehend, in die Luft.

Ömer Özgür, schnauzbärtiger Ostanatolier und stolzer Besit­zer des Bosporus-Imbiss‘, träumte sich gerade frös­telnd aus sei­nem Straßenverkaufsfenster in ein Restau­rant am Strand des sonnen- und wärmeüberfluteten Bo­drum, als sich der Mann aus dem Untergrund wie der leibhaftige Scheitan vor ihm auf­richtete. Ömer war zwar einige seltsame Aufzüge gewöhnt, schließlich wohnten ei­nige seiner besten Kunden in der nächs­ten Straße im Männerasyl, aber solch einen Menschen hatte er noch nie gese­hen.

Der Fremde sah aus, wie sich der theaterbegeisterte Tür­ke den shakespeareschen Macbeth vorstellte: Ein großer, hagerer, dabei kräftiger, in Gliedern und Muskeln stark gebauter Mann – scheinbar in den Fünfzigern. Sein Ge­sicht mochte einmal gut­aussehend gewesen sein, denn noch funkelten die großen Augen unter den schwarzen, buschigen Augenbrauen mit jugendli­chem Feuer hervor. Jedoch seine Kleidung, Mantel, Barett, ge­kräuselter Kra­gen, kurze, aufgeplusterte Hosen, darunter ein dunkelgrün­er Strumpf – hing da nicht etwa auch ein schmaler Degen an seiner Seite? – schienen aus einem an­deren Jahrhun­dert zu stammen. Erstaunlicherweise hatte die seltsame Klei­dung jedoch nicht unter dem Abwasser­kanal gelitten, dem der Mann eben entsprungen war, son­dern war farbenfroh und sau­ber; ein Kunststück, das Ömer durchaus zu schätzen wusste.

„Bin ich hier richtig im bildhübschen Bromberg an der Fiesel, der edlen Fürstenstadt mit ihren wohlgenährten Pfeffersäcken und deren liebreizenden Töchtern? Sprich, Muselmann!”, de­klamierte der Fremde zu Ömer mit schö­ner, gleichwohl schon lange nicht mehr geübt klingender Bassstimme. Und Ömer konnte nur nicken. Solch eine Sprache kannte er von der Büh­ne, nicht aus dem Leben, in dem jeder Deutsche mit ihm so sprach, als sei er dämlich und wäre bereits von einem Konditio­nalsatz überfordert. Wollte der Fremde sich lustig machen und ihn beleidigen oder meinte er sein geschwollenes Geschwätz Ernst?

„Dann, oh Sohn des Propheten, sage mir: Wo kann ich den ed­len Herrn Johann Emanuel Kienbauer finden, der allhier ein an­gesehen Buchgeschäft führt? Sieh, Abge­sandter der Pforte, ich war einige Jahre nicht mehr im Lande und will einem Freund die Hände reichen”, fuhr der Fremde fort und lächelte hinter­sinnig. Ömer hingegen staunte und schwieg, während er für sich die Sätze des Unbekannten in verständliches Deutsch übersetzte. „Aber verzeihe mir meine Ungeduld, rechtgläubiger Herr der Töpfe und Fleischspieße, deren sottene Wohlgerüche gar lecker­lich in meine Nase stechen, der ich einige Jahrhun­derte auf solch feine Genüsse verzichten musste. Ich ver­gaß, meine Wenigkeit vorzustellen.”

Er machte eine dramatische Pause und verneigte sich tief.

„Ich bin Carlos Niccolo Diego Pedro Lamentoso Siesta Ortega y Cuerno del Cuervo“, und der Fremde in den Pluderhosen schlug sich mit Macht auf die Brust, voll­führte dann plötzlich einige seltsame Koboldsprünge, schrumpfte dabei ein wenig und bekam einen Buckel, „aber du darfst mich Karldinal-Rum­pelstilz nen­nen, ich bin’s, der Echte Karl-Nickel! Der Karlni­ckelaus! Du hast sicherlich von mir gehört. Mein Ruf eilt mir voraus. Aber eigentlich, Sohn des Orients, ist Karl-Nickel nicht nur mein Name, sondern auch meine Berufung. Ha! Seit Jahr­hunderten schon züchte ich in den Abwässern dieser schö­nen Stadt Karlni­ckel, eure Abwässer erlauben ihnen näm­lich ein be­sonders langes Leben. Verstehst du?”

„Klar doch, schon krass!” Ömer verstand … Bahnhof. Aber Ir­ren sollte man immer recht geben.

„Das musst du auch, denn wir sind uns gar nicht so fremd. Du betreibst dein Geschäft und ich das meine, mein Freund. Nun höre er mir einfach mal zu:”
Er klatschte im Rhythmus in die Hände.

„Heute koch ich, morgen brau ich und übermorgen ma­che ich der Kienbauer ein Karlnickel! Kommt dir das nicht türkisch vor?”Der Rumpelstilz brach in schallendes Ge­lächter aus! Ömer Özgür konnte nur nicken, obwohl er ei­gentlich den Kopf schüt­teln wollte. Er griff unauffällig nach seinem Schabefleisch­schaber.

„Jedoch”, erneut zwei Sprünge, der Degen schlug Fun­ken auf der Straße; das war furchteinflößend, „vor fünf­hundert Jahren wurde mir langweilig, ewig nur Karlni­ckel zu produzieren. Das sind auch ganz gefährliche Zeitgenossen! Diese kleinen Biester, diese! Mit denen will ich nichts mehr zu tun haben! Wusel, wu­sel, fress, fress, ah! Schrecklich. Folglich verlegte ich mich auf die Auf­zucht von … Trommelwirbel! Je nun, von Weihnachts­hunden. Tada! Und was soll ich dir sagen, mein Freund vom Bospo­rus, nach unerheblichen Anfangsschwierigkeit­en – einige Nach­geburten entwickelten ein Eigenleben und mutierten zu singen­den Schmuseeseln – glückten mir die bes­ten, die langlebigsten und die treuesten Weih­nachtshunde, die unsere Welt je gesehen. Ich bin wahrhaft stolz auf sie, und jeder von ihnen trägt auch meinen Na­men: Karl-Ludwig, Karl-Fried­rich, Karl-Marx und Karl-Heinz. Letzterer jedoch ist nun in eurem lieblichen Brom­berg in geheimer Mission für mich un­terwegs. Ganz ge­heim! Es ist wegen der Karlnickel. Pst! Des­halb, oh mein getreuer Musel­mann, musst du mir helfen.”

Er blickte zurück zu dem Loch, aus dem er eben gekro­chen war.

„Komm mit mir hinab. Allein bin ich zu schwach.”

 

„Und Marie-Theres kam über ihn, wurde geschichtet wie Kohl und im Fass gärte ihr Saft zu saftig Weinigem, während sie Karl Hein­zens Zunge englisch brieten: Hallelu­ja!…”

So hätte Friederbusch schreiben müssen, so wird zeitge­mäß gedichtet! Ich sage nur einen Namen und den mit der nötigen Ehrfurcht: Durs Grünbein! Ha! Selbst in den Gedanken seiner Ohnmacht erfüllte Ra­benhorn noch seinen Job. Durs und nicht anders, und Friedi wäre ein Gro­ßer. Mit einem Weih­nachtshund jedoch, mit Singing Sam, diesem ab­sonderlichen Schmu­seesel und mit gefährlichen Karl­nickeln aus dem Ab­grund wird dieser Schreiber­ling zugrunde gehen … und eigentlich: In Bezug auf sein schamloses Verhalten hier im Büro war das so­gar wün­schenswert!

Rabenhorn erschrak, erwachte fast aus den bunten Bil­dern seiner Phantasmen. Moment, hatte er gerade von langlebigen Karlnickeln geträumt? Was war denn das für ein Unfug? Wie kam er denn darauf? Er kniff seine Augen fest zu. Aber das Fieber ließ ihn nicht los.

Und es ging ein Raunen durch die Straßen. Ein Flüstern durch die Gassen. ER war auferstanden aus den Einge­weiden der Stadt, suchte seinen Nachkommen, um zu ret­ten, was noch zu retten war. ER, der ER seit Jahrhunder­ten rumorte wie schwer­verdaulicher Schichtkohl. Karl-Ni­ckel, der Karldinal­großfürst, genannt Karldinalkaiser und im Volksmund Karl­nalrumpelstilz. Doch jetzt war ER da. Und der Karlnikolaus suchte, schnüffelte, fand. Er war mitten unter uns, mitten im Advent. Angekommen wie angekündigt in den Archiven der Stadt, wo die geheimge­haltene Weissagung hinter sieben Türen ängstlich verbor­gen gehal­ten wurde. ER, der Herr und UR-UR-UR-UR-und-so-weiter-und-so-weiter-und-so-fort-URAH­NE des Geschlechts derer von Ceratias-Corvus.

Und ein Schauern fegte durch die kalten Schluchten aus Schichtbeton und Schichtkohl, durch Nachtschichten und Tag­schichten, durch alle Schichten der schlichten Bevölke­rung.

Aber nur das feine, ahnungsdralle Gemüt des Lek­tors Jan Philipp Rabenhorn erfasste den Ernst der Gegenwart mit einem visionären Blick seines dritten Auges hinter sei­ner fieberigen Stirn: Karl-Nickel war adveniert und er plante etwas! Friederbusch hatte seine Aufgabe erfüllt, Verkünder und Vorbote zu­gleich, er war nur das hohle Gefäß, das der Rumpel­stilz zum Klingen gebracht. Der echte Karl-Heinz leckte ihm über die schweißnasse Stirn, aber das be­merkte er kaum. Rabenhorn sprang im Fieber­wahn auf. Er sah eine blinkende Kienbauer in ihrer halb­en Nacktheit vom Leuch­ter herabsinken.

„Marie-Theres, schnell weg von hier! Er kömmt über dich! Er wird dich nehmen, füllen, schichten wie Kohl. Karl-Ni­ckel, der inkarlnalische, der unter­gründige, er ist aufge­fahren aus den Katakomben. Nichts wie weg hier! Sonst bist du dran!”

Mit diesen Worten fasste er Marie-Theres Kienbau­er, die Herrin des Kienbauer-Imperiums, beim einge­bildeten Schweifstern und schleifte sie zur Tür hin­aus. Frieder­busch und sein Hund blickten ihnen fas­sungslos nach.

 

[Hier geht die unfassbar spannende Geschichte weiter …]

Die Abenteuer von Karl-Heinz, dem Weihnachtshund – Teil EINS

 

»Es war einmal ein uralter Weihnachtshund, der trottete müde, fast schon vor Schwäche torkelnd, auf dem win­terlichen Trottoir. Seine Flucht durch Nacht, Nebel und bit­teren Gestank hatte ihn bis an den Rand der völligen Erschöp­fung gebracht. Der Weih­nachtshund trug eine zer­schlissene rote Zipfelmütze. Sein Bart war silbern und eisig hart vom bitteren Frost. Auch stand sein kurzer Atem weiß in der klirrend kalten Win­terluft, denn der schwere Sack, den er sich umgebunden hat­te, war voll mit Nüssen und Hundeku­chen und drück­te auf Lun­ge und Rücken. Seine Pfoten schmerz­ten dar­über hinaus von dem Viehsalz, das allzu eifrige, der früh­morgendlichen Schnee­räumungspflicht bewusste Bür­ger auf’s Trottoir gestreut, damit niemand sich vor ihrer Haus­türe ein Bein oder gar Schlimmeres brach.

Ja, es war wahrhaft keine gute Zeit, diese Adventszeit, für ei­nen mit den vielen Jahren seines Lebens ergrauten Weihnachts­hund: Die Nase triefte; der Alte spürte die Grippe, sein Weih­nachtsbellen war rau, und verzweifelt versuchte er sich an die Verse von „Oh du fröliche …” zu erinnern.

Seine Weihnachtslaune war wahrhaft im Hundearsch, und die Pflicht, bei diesem Sauwetter zu bescheren, drück­te doch schwer auf auf seine einfache Hundeseele. Der Weihnachtshund dachte tatsächlich für einen kurzen Au­genblick: ‘Ach, wäre ich doch nur ein Osterhund! Wie viel schöner muss es wohl sein, auf einer grünen, von der war­men Frühlingssonne beschienen­en Wiese viele bunte Eier und auch mal einen Scho­ko-Hasen zu legen.’

Aber auf einmal, in seiner allertiefsten Depression, da hörte er ein glockenhelles Stimmchen: „Schau einmal, Mama, schau, da läuft doch glattauer ein echter Weih­nachtshund!“

„Oh ja”, antwortete die Mutter verzückt, „endlich mal ein Kö­ter, dessen Kacke auf dem Bürgersteig nur nach Tannennadeln und Lebkuchen duftet. Und schon denkt man doch gleich viel lie­ber ans Christkindl.”

Da aber wurde es dem alten Hund richtig warm ums Herz. War doch nicht alles so grau, wie es ihm seine far­benblinden Au­gen vorgegaukelt hatten? Gab es wirklich noch Hoffnung und Liebe in dieser tristen Welt, die ihm so aufs Gemüt drück­te? Ge­rade wollte er auf die freundli­chen Menschen zuwanken, ihnen mit seiner kalten, feuch­ten Schnauze die Knie reiben und sie mit seinen Nüssen erfreuen, als plötzlich …

Ein durchdringendes Sirren von eiskaltem Stahl zer­schnitt den Morgen, bohrte sich schmerzhaft in sein rech­tes, halbtaubes Ohr. Doch die Reflexe des Weihnachthun­des funktionierten noch im­mer: Trotz der erlittenen Stra­pazen, trotz des Alters, trotz der Kälte, trotz der Grippe! Gedankenschnell wich – ja, in winterli­cher, christlicher Wahrheit, so hieß unser Weihnachts­hund – ich sage, Karl-Heinz wich der Schlinge des fiesen Hun­desfängers mit ei­nem atemberaubenden Reflex aus, sprang los. Aber rutschten ihm die Hinterläufe weg! Er schlitterte über das Eis der nächst­besten gefrorenen Pfütze auf die freundliche Mutter und das lieb­liche Kind zu, landete mit Sack und Pack …«

Jan Philipp Rabenhorn senkte das Blatt, von dem er gele­sen hatte und legte es dann so eilig, als habe er sich die Finger daran verbrannt, zu den an­deren Seiten des mit sauberer, fast kindlicher Hand­schrift geschriebenen Sta­pels Papier. Er seufzte. Dann nahm er seine schmale Lese­brille ab und rieb sich mit der freien Hand über die Au­gen, ver­suchte vergebens mit festem Druck der Wirklich­keit ein an­ders Bild aufzupressen.

„Karl-Heinz, der Weihnachtshund …”, murmelte er fas­sungslos und zitierte damit den Titel des fetten Manu­skripts, das er zu bearbeiten hatte, „ein winter­liches Mär­chen.“

Rabenhorn drehte sich im ergonomisch geformten Sessel von seinem ausladenden Schreibtisch in Ma­hagoni-Imitat weg und sah aus dem Fenster seines Büros, in dem er im 8. Stockwerk des Kienbauer-Ver­lagshauses residierte. Al­lein schon die Höhe der Eta­ge unterstrich seine bedeuten­de Stellung als leiten­der Lektor und Verlagsdirektor. Über ihm, di­rekt unter dem Dach, befanden sich nur noch die Ta­gungsräume des Verwaltungsrats und die ausge­dehnte Zimmerflucht von Marie-Theres Kienbauer, der Witwe des großen Hubert Emanuel Kienbauer. Doch im Gegen­satz zu dem allzu früh verstorbenen und zumindest von Raben­horn auch viel beweinten Verblichenen leitete sie zwar die wirtschaftlichen Be­lange des Verlages, das litera­rische Pro­gramm über­ließ sie aber in aller Regel ihrem Cheflektor, denn sie fand die neue Bunte wesentlich aufre­gender als den neuen Kehlmann.

Während Rabenhorn in den amorphen, allzu düster grau­en Himmel starrte – amorph war übrigens eines seiner Lieb­lingswörter, fast so schön wie Socke oder Kakadu – da überleg­te er, was wohl der alte Kienbauer zu dieser Ge­schichte ge­sagt hätte, die heute der erfolg­reichste Au­tor des Verlages als lang erwartetes Meis­terwerk persön­lich bei der Vorzim­merdame von Ra­benhorn vorbeige­bracht hatte. Wahr­scheinlich hätte er den handgeschriebe­nen Text sofort im Ofen ver­brannt und seinen Autor, den großen Egon M. Frie­derbusch, gleich mit dazu.

„Karl-Heinz, der Weihnachtshund …”, wiederholte Ra­benhorn kopfschüttelnd, „ein Weihnachtsmärchen von Egon M. Friederbusch, dem Autor von Edwin Egart und die Last des Schweigens und Edwin Egart 2: In Alwins Zau­bergarten.

Egon M. Friederbusch, der ganz allein mit seinen Bü­chern um den Zauberlehrling Edwin Egart für den Ver­lagserfolg verantwortlich zeichnete …

Egon M. Friederbusch, auf dessen dritten Egart-Ro­man ganz Deutschland voller Ungeduld wartete. Und er hatte nichts besseres zu tun, als eigenhändig – ohne Computer, Textprogramm und Rechtschreib­hilfe – ein grauenhaftes 264-Seiten-Machwerk über … über Weihnachtshunde zu verfassen …

Egon M. Friederbusch, der Geliebte von Marie-The­res Kienbauer …

Egon M. Friederbusch, der nicht einmal Oh, du fröh­liche richtig schreiben konnte …

Rabenhorn, in dessen Seele sich wie ein Luftballon eine große, innere Leere aufblies, starrte weiter be­harrlich zum Fenster hinaus, entschlossen, sich erst zu bewegen, wenn es dort draußen über den Dä­chern der Stadt zu schneien be­gann.

Da klingelte das Telefon auf dem Schreibtisch. Ma­rie Kienbauer war am Apparat. Rabenhorn hasste dieses Weib aus ganzem Herzen, das kaum verwit­wet schon die Gelieb­te eines Zauberlehrlings- und jetzt Hundeschrift­stellers ge­worden war. Nebenbei bemerkt, war sie eine grauenhafte Hobbyköchin, die so etwas Unsägliches wie Schichtkohl fa­brizierte und die üppigen Ergebnisse ihrer Kochkünste ger­ne er­kaltet in Tupperschüsseln gestopft unter ihren Ange­stellten verteilte. An solchen Tagen hängte Raben­horn ein Schild vor die Tür, auf dem Bin auf irgendei­ner Buchmesse stand und schloss sein Büro von In­nen zu.

Einmal hatte er eine Einladung zum Abendessen nicht ab­lehnen können, die wohl auch noch in der lüsternen Ab­sicht ausgesprochen wurde, ihn über ihre Gourmetkü­che in ihr Schlafzimmer zu locken. Er, ein gestandener Ra­benhorn und stadtbekannter Feinschmecker, konnte es nicht verhindern: Er hatte ihr nach den tapfer herunterge­würgten Kohlroula­den auf das teure Designersofa ge­kotzt. Nun ja, seit­her war das Verhältnis etwas frostiger, aber sie hatte sich zu Rabenhorns Erleichterung nach ei­nem ande­ren Objekt ihrer Begierde umgesehen und es in dem Er­folgsautor Friederbusch gefunden. Der hatte wohl Ge­schmacksnerven aus grünem Gartendraht.

„Rabenhorn!” Ihre aufgeregte Stimme schrillte oh­renpeifend in seine trüben Erinnerungen an zer­matschten Schichtkohl mit fettigem Hack. „Raben­horn, haben Sie schon das Manuskript von Frieder­buschs Karl-Heinz, der Weihnachtshund gelesen? Ehr­lich, ich bin überwältigt. Ich sage Ihnen, das ist schlichtweg ein Hammer!”

Friederbusch musste wahrhaft ein As im Bett sein. Eine andere Erklärung gab es nicht. Rabenhorn räus­perte sich: „Wenn ich ehrlich bin, nur bis zu der Stel­le, wo der Hun­defänger aufgetaucht ist.”

„Da sind Sie doch noch ganz am Anfang! Raben­hörnchen, Sie müssen sofort weiterlesen! Unbedingt! Das ist Weltlite­ratur, die Friedi da geschrieben hat. Nun machen Sie schon, und ich erwarte eine aus­führliche Stellungnah­me von Ih­nen. Bald, sonst lasse ich Sie die Plakate von Pe­gida-Anhängern kor­rigieren!” Und zackig aufgelegt. Der Führer hat ge­sprochen.

Friedi! Ha! Was war denn das? Die Kienbauer mischte sich in seine Kompetenzen? Das war ja ganz was Neues. So ging das nicht, er war der Cheflektor. Vorbei mit dem Vor­satz, sich nicht zu rühren. Nun war Machtkampf an­gesagt! Andererseits: Die Zeiten waren schlecht. Gute Lektoren, die niemand benötig­te, gab es wie Sand am Meer. Seufzend nahm Raben­horn erneut das Elaborat über den Weih­nachtshund in die Hand und suchte die Stelle mit dem Hunde­fänger. Und auf einmal bannte ihn die Hand­lung, denn es wurde dramatisch. Doch ein ech­ter Frieder­busch?

»… und landete mit Sack und Pack, sich fast über­schlagend, auf dem roten Plastikschlit­ten, den das Kind hinter sich herzog. Erschrocken ließ die Klei­ne los. Durch den unge­stümen Sprung des alten Weih­nachtshundes schoss der Schlitten ungebremst über die Bürgersteigkante auf die spiegeln­de, glatte Straße. Zorni­ges Hupen, ein Möbelwagen – Aufschrift: Sicher von Heim zu Heim – versuchte noch zu bremsen. Verge­bens!

Karl-Heinz, machtlos auf dem Schlitten, sah das Weiße in den Augen des Möbelwagenfahrers, das Weiße und darin sein eige­nes Ende. Aus, vorbei! Die ihm von seinem Herrchen selbst ge­stellte Aufgabe, nach vielen Jahren des Ruhestands erneut her­renlose Hunde mit Nüssen und Hundekuchen unter dem gro­ßen Pinkelbaum zu besche­ren, wurde durch einen simplen Mö­belwagen verhindert. Nur noch Sekundenbruchteile im Advent, und der Hun­detod durfte Weihnachten feiern. Versagt, eindeu­tig, er hatte es verdient, in der Hölle für stinknormale Köter zu braten. Ergeben senkte der alte Hund sein Haupt.

Urplötzlich: „Iiaah, Iiaah und Iiooh!” sang eine mächtige Stim­me gegen sein Verderben an. Ein Freund in aller­höchster Not?

Es war so, denn eine kräftige Zunge wickelte sich um Karl-Heinzens Lenden, wischte ihn von dem Schlitten und zog ihn unwiderstehlich in die warme Sicherheit ei­ner rauchigen Knei­pe. Uff, das war gerade noch einmal gut gegangen. Karl-Heinz wag­te zu blinzeln, und Freu­dentränen quollen, als er den Freund er­kannte: Kein Zweifel möglich:

Es war Singing Sam, der singende Kuschelesel.«

Rabenhorn blickte wie­der versonnen aus dem Fens­ter. Er seufzte. Diesen Schmarren von 264 Sei­ten sollte er noch weiter lesen? Musste er sich das wirklich antun? Er, der Cheflektor des Kien­bauer-Imperiums? Und das nur, weil der vertrottelte Friederbusch ein Weih­nachtsmärchen geschrieben hatte und sich einbildete, es auch publizieren zu müssen? Einzig und allein, weil die Kienbauer auf Friedi flog?

Das verlangte man von ihm, von Jan Philipp Raben­horn, der Klassiker lektoriert hatte wie Die Schwalbe oder gar Wie das Schwarz in den Himmel kam? Ande­rerseits: Er war fünf­undfünfzig und die Zeiten schlecht. Abertausende jobsu­chende Germanisten und Germanistinnen lagerten vor den Toren der Ver­lage und waren bereit, für ein paar aufmun­ternde Worte und ein schlecht kopiertes Prakti­kumszeugnis zu arbeiten. Selbstredend hatten die keine Ahnung, aber das zählte doch heute nicht mehr, wo Fast- und E-Books den Markt überschwemmten wie die fett­triefenden Buletten der Burgerketten die Mägen der Schnellhungri­gen.

Jan Philipp Rabenhorn seufzte erneut, diesmal lau­ter und länger. Dann wandte er sich wieder dem ver­hassten Manu­skript zu …

»„Hey, das war aber knapp, Alter“, Sams Eselsohren wa­ckelten vorweihnachtlich und seine seine Nase leuchte­te rot, „voll krass. Nur gut, dass ich gera­de rein zufällig in mei­ner Stammlocation chillte. Ich find‘ eigentlich so gut wie nie die Chicks, äh, die Zeit, mal voll gemütlich abzuhängen. Voll krass, dieser Möbelwa­gen. Das war der VW-Diesel unter den Möbel­wägen! Der hätte dich doch so ‚was von uncool ins Off be­fördert.“ Sams Eselsaugen glänzten verdächtig, selbstver­ständlich nur aus reinem Zufall. Er schlug seine Vorder­hufe knallend zu­sammen. “Zack! Deckel zu! Und ab ins Hunde-Jen­seits. Ins Pa­radies darfst du ja nicht, wie die Bibelfesten unter uns beiden wissen. He, he, für den treu­en, grauen SUV, der den Herrn läs­sig nach Ägypten schmuggelte, gilt das stressige Verbot nicht. Ich bin viel zu fly dazu. Oneway-Ticket to Para­dise, oh yeah …” Sam würde doch nicht wieder zu singen be­ginnen? Karl-Heinz beeilte sich, den Redefluss des angeheiter­ten Esels, von dem er übrigens nur die Hälfte verstand, zu un­terbrechen.

Der Weihnachtshund musste sich erst den Schleim aus der brennenden Kehle räuspern, ehe er antworten konnte: „Danke, Sam! Man sollte alte Hunde wie mich nicht mehr bei so einem Sauwetter vor die Türe jagen. Ich weiß über­haupt nicht, war­um ER mich ausgerechnet in diesem Jahr noch einmal auf die Große Tour geschickt hat, wo ich doch seit einhundertunddrei­unddreißig Jahren nicht mehr in Bromberg an der Fiesel war. Ehrlich, ich finde mich hier gar nicht mehr zurecht. Das ist hier auf Er­den so hektisch geworden und so laut. Es stinkt. Da wundert es mich nicht, dass es in Deutschland nicht einmal mehr einen Kai­ser geben soll …”

„Komm Alter, chill mal. Vergiss doch den Beckenbauer, hab null Bock auf die korrupte Fresse. Schlag ’ne Weih­nachtskugel drüber, Bro, wie wir modernen Esel sagen. Und dann, Charly, trinkst du erst mal ’nen Pott von mei­nem Eselstraum. Ich sag dir was: Gei … el, Alter, voll das Gesöff. „Sams Eselstraum“ ist wahrhaft der heißeste Punsch zwischen hier und der Bronx. Die fetteste Droge, die jemals ein Esel braute. Donkeybuisness, abso­lut der Burner. Da hebst du ab wie Superman, grinst dir ei­nen und es geht dir so gut, als ob dir Lassie persönlich an den Nüssen knabbert.“

Ja, Singing Sam war schon ein wahrer Freund …«

Rabenhorn hustete rau. Das wurde immer stärke­rer Tobak! Hätte jemand anderer als Frieder­busch solch einen Text geliefert und hätte ihn die Kienbau­er nicht zum Lesen gezwungen, das Manuskript wäre längst im Altpapier gelandet. Es war zum Heulen. Da la­gen noch der wundervolle Roman eines jungen Debütanten über eine amour fou, dessen Titel Die neunhundertneunundneunz­ig Jahre alte Fee, die von einer Parkbank sprang und ver­schwand noch verändert werden musste und das nobelpreisverd­ächtige neue Werk von Nikolaus Xaver Maria Klam­mer auf seinem Schreibtisch und warteten auf seine pflegende Hand. Aber er hatte sich mit diesem gro­tesken Machwerk auseinanderzusetzen! Frieder­busch musste ja schon völlig schwachsinnig oder größenwahnsinnig ge­worden sein, so etwas Unaus­gegorenes aus der Hand zu geben. Ein Schafscheiß war das!

Und es sollte noch toller kommen, denn der Lektor war erst auf Seite 37.

»Der Weihnachtshund trank, schmatzte und schlürfte und sab­berte den „Esels­traum” und spürte in sei­nen Gliedern die aufstei­gende Wärme eines sanf­ten, dann gewaltig durch den Schlund wieder auf­steigenden Feuers, der Mutter al­ler Sodbrände. In allen Gliedern regte es sich zu einer Überra­schung! Seitdem er einmal in einer Sakristei Messwein aufge­schlürft, den ein völlig besoffener Pfarrer auf dem Boden ver­schüttet, hatte er sich nicht mehr so wohl gefühlt. Vergessen die Gaben­verteilung unter dem großen Pinkelbaum, vergessen die Beschwerden seines weit über sechshundertjährigen Kör­pers, er fühlte sich schlichtweg „Pudel”-wohl, obwohl er sich relativ si­cher war, dass keiner dieser hochnäsigen Kerle seinen bunten Stammbaum befleckt hatte.

Karl-Heinz betrachtete den Kuschelesel mit neuen Au­gen. Der stimmte gerade hingebungsvoll den einen Schla­ger an, welcher ihn bei allen Damen rund um den Erdball berühmt gemacht hat­te:

„Iiaah, Iiaah und auch Iiooh!
Will dein Stecher nicht mehr kuscheln,
Selbst nach Penne arabiata mit zu viel Muscheln,
Sind sie leer, des Typen Eier,
Hol zum Teufel ihn der Geier!
Denn du brauchst ihn wahrhaft nicht,
Den Wicht,
Du kennst ja schließlich … Saaaam!“
(Letzterer Reim leise, fast flüsternd vorgetragen)
„Iiaah, Iiaah und auch Iiooh,
Sam, der Esel, macht dich froh.
Das beste Grauohr für die Liebe,
Seitensprung und Seitenhiebe.
Iiaah, Iiaah und Yeah für die Triebe!”

Ehrlich, so übel klang dieses Lied nach dem zweiten Esels­punsch nicht (oder war es gar schon der dritte?) und auch der Typ selbst, der hatte was. Zumindest war er nicht mehr der graue Langweiler, der er früher gewesen. Wenn der Weih­nachtshund richtig überlegte, war das alte, abgenutzte Cha­grinleder schon ein bisschen des Ku­schelns wert. Es störte Karl-Heinz nicht, dass Sam ausge­sprochen männlichen Ge­schlechts und stockbesoffen war. Das war er schließlich auch. In seinem runzli­gen Hunde­alter nahm man doch alles mit, was sich bot – im Himmel wie auf Erden. Er winkte dem ausgespro­chen depressiv wirkenden Kellner, der sich gerade in vergebli­cher Hoff­nung ein Küchentuch über die Ohren schlang: „He, mein Freund, noch ei­nen Liter von dem Stoff!”, und dabei blin­zelte er Sam, der gerade die dritte von unzähligen weite­ren Strophen begann, vielverspre­chend zu.«

Rabenhorn wurde schlecht, dieses blödsinni­ge Lied eines kuschelnden Esels schmerz­te ungeheuer sein feines, onomatopoetisch geschultes Gehör und der Refrain reimte sich nicht einmal. Was zu viel war, das war wirklich zu viel! Gut, Friederbusch war der Haus­autor, noch dazu der erfolgreichste, und es war in allen ihm be­kannten Verlagen gute Po­litik, die Geld bringenden Hausautoren mit Samt­handschuhen zu streicheln. Doch wie weit sollte die­se Übung gehen, musste er, ein Raben­horn, Germa­nist und Philosoph, sich aus reiner Existenz­angst die­sem Schwachsinn beugen? Nur, weil Friedi was mit der ranzigen Kienbauer hatte? Er besaß doch noch sei­nen Stolz … und an Weihnachtshunde und sin­gende Ku­schelesel glaubte er schon gar nicht, auch wenn Frieder­busch sie hier in seiner Heimatstadt Bromberg an der Fie­sel auftreten ließ, in der es tat­sächlich in der Mitte der Alt­stadt einen vom Volks­mund sogenannten Großen Pinkel­baum gab, um den herum der jährliche Christkindlsmarkt statt­fand.

Doch Jan Philipp Rabenhorn sollte eines Besseren belehrt werden. Schließlich herrschte die Gnaden bringende Weih­nachtszeit:

Ein Piepen seines Tablets ließ ihn auffahren. Eine E-Mail war angelangt. Als Absender prangte unüber­sehbar Ma­rie-Theres Kienbauers Adresse. „Öffnen Sie die Anlage!“, war der bündige, ein wenig bedroh­lich wirkende Text.

Rabenhorn tat wie ihm angeordnet, obwohl er eine wei­tere Einladung zu einem Schichtkohl-Essen, wel­chen sie in der Adventszeit gerne mit Zimt und Hirschhornsalz würz­te, befürchtete. Aber auf dem Touchscreen entrollte sich ein funkelnder Farbentep­pich in Rot-Grün-Gold. Daraus schäl­te sich ein er­staunlich realistisch wirkender, wenngleich zipfel­mützenbewehrter Hund in einem roten Mantel. Gleich daneben entstieg ein ebenso echt ausse­hender Esel mit Schlitten im Schlepptau einer grauen Wolke, aus der fortwährend glitzernde Schneeflocken fie­len und langsam den unteren Rand des Desktops füllten. Der Schlitten barg als einziges Weihnachtspräsent ein ge­waltiges Buch, auf dessen rotbraunem Um­schlag eine gol­dene Schrift blinkte: „Karl-Heinz, der Weihnachtshund“. Jetzt erst bemerkte Ra­benhorn die Laufschrift am unteren Rand des Bildes, in­zwischen halb im künstlichen Schnee begraben:

„Nur bei Kien­bauer: Die Sensation! Das neue Weihnachtsmärchen von Egon M. Friederbusch, dem Autor der erfolgreichen Egart-Serie. Schon jetzt ein Klassiker.“

Rabenhorn konnte nicht länger hinsehen. Wer hatte denn diese Geschmacklosigkeit mit Hilfe von Photo­shop verbro­chen? Die schreienden Farben und die grelle Auf­machung taten ihm körperlich weh.

„Wenigstens passt das Bild zum Text”, murmelte er und schloss eilig die unerfreuliche App auf dem Dis­play sei­nes Tablets. Der künstliche Computerschneehaufen blieb trotzdem unten lie­gen. Dann blickte er hinaus in den grau­en Advents­himmel, lehnte sich weit in seinem Sessel zu­rück und wartete auf den Feierabend. Im Gegensatz zu dem special effect auf seinem I-Pad ließ der Schnee in der Wirklichkeit auf sich warten.

[Zur Fortsetzung →]

Terror in Klein-Venedig – Leseprobe (Teil 6)

[<– Zum 1. Teil]

So, das waren jetzt die ersten 50 Seiten des Romans. Ich denke, da hat man eine ganz gute Vorstellung, wie sich die ganze Sache weiterentwickeln wird. Eine weitere Fortsetzung hat keinen Sinn. Denn wenn ich die Zugriffszahlen auf meinen Blog richtig deute, die mir unmissverständlich zu verstehen geben, dass absolut niemand diesen Text liest, dann sehe ich keinen Grund, hier fortzusetzen. Ich würde mich ja gerne von Gegenteil überzeugen lassen, aber da die wenigen Besucher meines Blogs so stumm wie tote Kartäusermönche sind, werde ich wohl kaum eine Meinung erhalten.

5.

Donnerstag, 02.03.
08.04 Uhr

»Wieviel kostet denn in diesem Jahr eigentlich eine Mass Bier auf der Jakober Kirchweih?«, erkundigte sich die alte Frau zusammenhanglos. »Die wird doch sicher auch jedesmal teuerer, oder?« Sie brachte den Aushilfszusteller Sebastian mit ihrer merkwürdigen Frage durcheinander. Er war damit beschäftigt gewesen,  in seiner komplexen Kopfrechnung zwei Zahlungsanweisungen mit ausgesprochen krummen Beträgen zusammenzuzählen und ihr anschließend den Betrag ihrer Rente passend auszuzahlen. Jetzt musste er noch einmal von vorne beginnen. Ganz kurz und nicht allzu freundlich sah Sebastian die ihn gutmütig beobachtende Oma an, zuckte mit den Achseln und begann von Neuem mit seiner Rechnung; dabei fixierte er einen Fleck an der Tapete.

»Ich weiß nicht genau …,« erwiderte er dann, weil ihm einfiel, sie könnte sein Schweigen als Unhöflichkeit auslegen. Der Kunde ist König, schoss ihm durch den Kopf, auch wenn diese Frau vollkommen verkalkt ist und glaubt, es sei nicht Anfang März, sondern Ende Juli, wenn in jedem Jahr kurz vor den Sommerferien in der Jakobervorstadt mit ein wenig Rummel und zwei Bierzelten Augsburgs ältestes Volksfest gefeiert wurde.

»Früher bin ichimmer gerne mit meinem Mann hingegangen; er hatte von seiner Firma Hendl-Gutscheine. Aber seit seinem Tod nicht mehr. Das ist jetzt schon sechzehn Jahre her«, fuhr die Alte unbeirrt fort. Doch dann zögerte sie: »Oder noch länger. In meinem Alter lässt das Gedächtnis manchmal etwas nach …«

»Fünfundert… sechshundert… fünfzig… siebenhundert«, zählte Sebastian Geldscheine auf die gehäkelte Tischdecke und dachte: Sei höflich, das ist eine nette, alte Dame, die gibt dir bestimmt Trinkgeld.

»Ich hatte heuer noch keine Zeit«, sagte er. »Zehn, fünfzehn, sechzehn …« Die Frau schob ihm mit entschiedener Geste das Hartgeld zu.

»Behalten Sie die Münzen. Reicht das für eine Mass?«

»Ich weiß nicht. Aber ich danke, das ist sehr nett von Ihnen.«

»Warten Sie.«

Sie öffnete ihre Handtasche, die sie griffbereit neben sich auf dem Sofa liegen hatte, und förderte nach ein wenig Kramen noch ein paar Geldstücke zu Tage.

»Das ist nicht nötig«, sagte Sebastian beschämt, »wirklich nicht.« Aber er nahm bereitwillig noch einmal fünf Mark in Empfang, die er in seinen Zustellergeldbeutel zu den anderen Münzen fallen ließ. 15 Mark und ein paar Zerquetschte, das hat sich gelohnt, dachte er und bedankte sich nochmals. »Sie müssen hier noch unterschreiben.« Sebastian reichte der Rentnerin seinen Kugelschreiber und sah ihr, nun schon ungeduldig, bei ihrem umständlichen Namenszug zu, den sie auf jede der Anweisungen setzte.

»Ich hätte aber noch eine kleine Bitte an Sie«, sagte sie dabei. Sebastian verzog einen Mundwinkel. Jetzt kam der Pferdefuß. Ab heute will sie ihre Versandhauskataloge oben an ihrer Haustür abgeliefert haben wie die Alte auf 7b, die mich jeden Tag über die Gicht in ihren Fingern volljammert. »Wenn Sie das Bier trinken, müssen Sie an mich denken. Versprechen Sie es mir?« Sie lächelte traurig und gab dem Zusteller die Zahlscheine zurück. Er sah sie erstaunt an, dann grinste er verlegen zurück. Mit einer flinken Handbewegung trennte er die Belegabschnitte ab und legte sie zu der Rente auf den Tisch. Dann wandte er sich zur Tür.

»Aber ja. Das werde ich sicher tun. Am Wochenende …«

»Wissen Sie, es ist schön, wenn jemand mal wieder an mich denkt. Meine Tochter ist doch gestorben und jetzt bin ich ganz allein.« Sebastian war schon fast in der Tür, als er stehenblieb und nicht recht wusste, was er sagen sollte. Dass er etwas sagen musste, war ihm klar, wenn er nur eine Ahnung gehabt hätte, was. Er blickte zu der Alten zurück, sah ihr mitleidig zu, wie sie sich ächzend vom Sofa erhob und ein paar zögernde Schritte durch ihr Wohnzimmer machte. Sie schien dabei Schmerzen zu haben. Eine zerbrechliche, kleine Frau, dachte er, wie alt mag sie sein? Wie kann sie auf diese Weise leben? Die Alte winkte ihn zurück. »Da schauen Sie doch«, sie deutete auf eine Fotografie an der Wand, eine Amateuraufnahme in einem einfachen Glasrahmen, »Irene ist im letzten März gestorben, letztes Jahr … glaube ich.«

Sebastian sah flüchtig auf das Bild, das ihm nichts, der alten Frau so viel sagte. Er studierte die Portraitaufnahme einer etwa vierzigjährigen, wohlgenährten Frau, sie war blond, rotwangig und gut aufgelegt gewesen. »Das … ah, das tut mir leid. Mein Beileid«, zögerte er, fiel aus der Rolle des geschäftsmäßigen, flinken Zustellers, der in Gedanken bereits drei Häuser weiter beim nächsten Einschreiben ist.

»Sie fehlt mir.« Sie hatte nun eine Stimme wie ein Hauch; gebrochen, rauh, selbstvergessen.

»Das verstehe ich. Solch ein Verlust …«, erwiderte Sebastian viel zu laut und es gelang ihm nicht, dabei wirklich bekümmert zu klingen. Er sah nochmals auf das Foto, verlegen auf der Unterlippe kauend. Er hatte kein Verhalten für solch eine Situation parat. Also ging er rückwärts aus der Wohnung, floh beinahe, beschämt ein Abschiedswort murmelnd, sich noch einmal bedankend. Er hatte nicht einmal gefragt, woran die Tochter, die auf dem Foto so gesund und glücklich aussah, gestorben war.  Erst später wurde ihm bewusst, dass die alte Frau laut um Hilfe gerufen und er sie nicht gehört hatte, nicht hören wollte. Sebastan trank selbstverständlich kein Bier auf der Kirchweih, die eh erst in vier Monaten ihre Bierzelte öffnen würde, aber den Auftrag der Rentnerin, an sie zu denken, befolgte er gewissenhaft. Sie quälte sein Gewisssen, solange er die Post in dem großen Wohnblock zustellte, in dem sie wohnte.

*

Häuser hatten einen neuen Charakter für Sebastian bekommen, seit er wegen seiner chronischen Finanzschwäche bei der Post arbeiten musste und in wechselnden Bezirken in nur allzu bekannten Straßenzügen seiner Heimatstadt Briefe und Zeitschriften zustellte. Die Häuser begannen für ihn lebendig zu werden. Diese Gebäude, an denen er bisher achtlos vorbeigegangen war, bekamen plötzlich ein Innenleben, eine Struktur, eine Bedeutung. Es gab Häuser, die er mochte, die er gerne betrat, andere hasste er. Das war unabhängig von ihren Bewohnern, sondern beruhte auf den Schwierigkeiten, die er dabei hatte, sie zu betreten. Oft hatte er keinen Schlüssel und musste Reihen von Klingelknöpfen durchprobieren, bis ihm jemand die Gnade erwies, ihn hereinzulassen. Da er aber einen festen, knapp bemessenen Stundensatz bezahlt bekam und es sein Privatvergnügen war, ob er ihn über- oder unterbot, war er immer in Eile und nahm jede Verzögerung als einen persönlichen Angriff auf seine knapp bemessene freie Zeit. Ein eigenes Thema waren die Briefkästen. Nach ein paar Monaten bei der Post ertappte er sich, wie er ganz automatisch auch nach Feierabend begann, Häuser nach ihnen zu beurteilen. Entscheidend war, ob es eine außen angebrachte Anlage war, an der Front  des Hauses oder am Rückgebäude, ob sich die Briefkästen an mehreren Eingängen verteilten, ob sie sauber und auf neuestem Stand beschriftet und ihr Öffnungsspalt groß genug war, auch Langholz, also Sendungen im DIN A4-Format, aufzunehmen. Langholz, das war Zustellerslang. Er sprach ihn schon perfekt. Es gab  Kästen mit rasiermesserscharfen Klappen über den Öffnungschlitzen, die ihm beim Zurückfallen auf die Finger schlugen und sie aufrissen oder die eingeklemmte Zeitschrift so nach unten bogen, dass sie wieder herausfiel. Häufig standen die Namen auf diesen Klappen, die durch das Langholz nach innen gedrückt und damit nicht mehr lesbar waren, was vor allem bei Hochhausanlagen ärgerlich war. Es gab Anlagen, deren unterste Kästen in Kniehöhe angebracht waren oder sich auf zwei Seiten aufteilten. Manche Kästen wurden nur einmal in der Woche geleert oder die Tageszeitung füllte sie. Zwei, dreimal in der Woche steckten Werbeblättchen zur Hälfte in den meisten Schlitzen, verdeckten die Namen und erschwerten Sebastians Arbeit. Oft standen Kinderwägen oder stinkende Mülltonnen im Weg. Sebastian hatte es nicht für möglich gehalten, dass er ein solch persönliches, animistisches Verhältnis zu diesen toten Gegenständen entwickeln könnte. er hatte tatsächlich angefangen, mit ihnen zu reden.

Dann, wenn er länger als nur ein paar Tage in einem Zustellbezirk war, begann er die Menschen kennenzulernen, die sich in seiner Vorstellung mit dem Charakter der Häuser verbanden und Teil von ihnen wurden. Manche bekam er nie zu Gesicht, sie blieben nur ein Name, der durchaus kein Omen war. Oft war allerdings schon an Haus, Briefkasten und Fußabstreifer zu erkennen, ob jemand auf Bayernkurier, die ZEIT oder den Spiegel abonniert war. Übrigens hatte niemand alle drei oder auch nur zwei dieser Zeitschriften gleichzeitig bestellt. Andere sah er täglich und viele kosteten ihn Nerven und Zeit, ohne sich dessen bewusst zu sein. Geschäftsinhaber wollten ihre Post persönlich auf dem Schreibtisch oder doch zumindest bei einer Sekretärin abgegeben, selbst wenn sie Briefkästen hatten. Diese waren jedoch nicht die Schlimmsten, wurden nur unangenehm, wenn er einen Fehler machte und ihnen falsche Post zustellte, was immer wieder passierte. Einmal hatte er versehentlich ausgerechnet einem katholischen Pfarramt ein dezent verpacktes Pornoheft, das für einen Sexshop ein Haus weiter bestimmt war, zugestellt. Das Entsetzen der Haushälterin, die die Sendung öffnete und so etwas wahrscheinlich noch nie zu Gesicht bekommen hatte, führte zu einer ernsten Beschwerde bei seinem Vorgesetzten, dem sogenannten Qualitätsmanager, der ihm gehörig die Leviten las, mit seiner Kündigung drohte und ihn anschließend ein paar Mal im Bezirk abpasste und kontrollierte.

»An Oliver Heyse, Berliner Allee 26 k, 1. Stock rechts«, las Sebastian auf dem schmutzigbraunen Umschlag eines dicken Einschreibens im Din-A4-Format. Er war inzwischen in seinem Hauptzustellgebiet, der sogenannten Klein-Venedig-Wohnanlage angekommen. Neben Wertbriefen, Geldanweisungen, Postzustellungsur­kunden (kurz ZU’s) und den unhandlichen Babykostprobepäckchen von Milupa, im Zustellerjargon liebevoll Rammlerpackungen genannt, waren Einschrei­ben die ungeliebteste Postsache der Zusteller, weil sie viel Zeit in Anspruch nahmen. Donnerstags war zudem oft Gerichtstermin und an diesem Tag gab es viele Post­zustellungsurkunden als Einschreiben. Sebastian hatte heute bereits den zwölften dieser blauen Briefe zugestellt. Das bedeutete viel Arbeit an einem Tag, an dem auch die ZEIT, die wahrscheinlich unhandlichste Zeitung, die es in Deutschland gibt, und bereits einige Fernsehzeitschriften ausgetra­gen wurden. Wenn sich dann zufällig auch noch wie heute die Einschreiben häuften, würde er bis in den späteren Nachmit­tag Post austragen müssen. Da man ihm ja nicht seine tatsächliche Arbeitszeit, sondern fest 38,5 Stunden bezahlte, war er natürlich immer bemüht, diesen Satz zu unterbieten. Dieser Kampf mit der Zeit wurde ihm manchmal ganz schön sauer: Zu jedem Einschreiben musste der Zu­steller ein kleines rosa Formular ausfül­len, das der Empfänger zu unterschrei­ben hatte, und, falls dieser nicht zu Hause war, hatte Sebastian zusätzlich eine weiße Benachrichtigung zu hinterlassen, dass das Einschreiben innerhalb von sieben Werktagen bei der Post abzuholen sei, bevor es zu­rück an den Absender gehe. Der Sender dieses Einschreibens in seiner Hand trugden seltsamen Namen Klaus Wen­dlbaur. Sebastian nahm ein kleines grünes Notizbuch in die Hand, in dem er flink mit seinem weißen Postzustellerkugelschreiben diesen Namen vermerkte. Er tat dies, weil er, seit er bei der Post war, ungewöhnliche Namen sammelte. Da er als Aus­hilfsbriefträger in schöner Regelmäßigkeit durch die Zustellbezirke der Stadt wechselte, hatte er schon eine wunder­schöne Sammlung erstellt. Weil er schon dabei war, schrieb er verbotenerweise auch gleich die Benachrichtigung und heftete sie mit einer Büroklammer an das Einschreiben. Diese durfte man in der Theorie erst dann erstellen, wenn man tatsächlich niemanden in der Wohnung des Empfängers antraf, aber Sebastian hatte festgestellt, dass es wesentlich einfacher und zeitsparender war, sie schon früher, am Besten am Morgen beim Sortieren im Postamt vorzubereiten, als sie im Stehen vor einer Haustür hinzu­kritzeln. Denn dann brauchte er nur noch kurz zu klingeln, bis drei zu zählen, die Benachrichtigung in den Briefkasten wer­fen und weiter ging sein Tag. Erst einmal war es ihm passiert, dass jemand im Schlafanzug schimpfend hinter ihm herkam.

Sebastian seufzte und studierte die Reihe der Klingelknöpfe. Neben dem Namensschild von Heyse befand sich das von einem gewissen Roman Schwerstgeburth, der wohl sein Nachbar zur Linken war und dem der Aushilfspostbote noch nie etwas zugestellt hatte. Denn daran würde er sich erinnern. Schwerstgeburth – was für ein Name! Sebastian musste ihn sich sofort notieren. Wendlbaur, Schwerstgeburth, herrlich. Der Tag ließ sich gut an. Dann läutete er bei Heyse und überraschenderweise summte sofort der Türöffner, als habe man ihn bereits erwartet.

ENDE
DER LESEPROBE

 

Terror in Klein-Venedig – Leseprobe (Teil 5)

[<– Zum 1. Teil]

4.

Klaus Wendlbaur, ein achtundsechzigjähriger, breiter Rentner und Witwer mit einer häßlichen, feuerroten Narbe quer über der Stirn, die er sich im Krieg zugezogen hatte, fühlte sich nur wenig erleichtert, als er die Grottenaupost verließ und sich nach rechts wand. Ob­wohl es ja ein ungewöhnlich warmer Tag für diese Jahreszeit war, fröstelte ihn und er vergrub sich tiefer in seinen Trenchcoat. Er hatte zwar Oliver Heyses Wunsch erfüllt und dessen brisante Unterlagen per Einschreiben an ihn zurückge­schickt, aber er machte sie ernste Sor­gen um den Vetter seiner vor über zehn Jahren verstorbenen Frau, der sich nach einer längeren Frist so plötz­lich bei ihm gemeldet und ihm eine phantastische Geschichte erzählt hat­te. Es war wahrscheinlich ein Fehler ge­wesen, dieses geheime Grundsatzpa­pier der ASO nicht zu kopieren, jedoch­ wehrte sich jede Faser in ihm, mit der ganzen Angelegenheit etwas zu tun zu haben. Wenn Heyse nicht übertrieben hatte und jene seltsame Vereinigung von Augsburg-Freunden, an die er geraten war, tatsächlich so radikal und extremi­stisch wie in ihrem Manifest war, dann schwebten sie unter Umständen beide in tödlicher Gefahr. Nun, heute Abend würde er sich ja mit Heyse treffen, dann würde er ihm si­cherlich die Andeutungen erklären, die er gestern spät in der Nacht merkwür­dig gehetzt und kurz angebunden am Telefon gemacht hatte. Wendlbaur wusste nur, dass es um die Verleihung des Brechtpreises am Wochendende ging.

An der Kreuzung hielt er sich rechts und betrat die Annastraße, Augsburg Haupteinkaufsmeile. Er är­gerte sich kurz darüber, dass sein altes Postamt an der Kreuzung Frauentor­straße/Pfärrle geschlossen worden war. Dort war jetzt ein übrigens gut ausgestattetes Schreibwarengeschäft. Deshalb musste er jetzt wegen eines Einschreibebriefes bis in die Stadt ge­hen. Er ging beim Attinger vorbei und sein Blick streifte oberflächlich über die Auslagen. Er konnte es nicht genau festmachen, aber irgendein Reflex im Spiegel der Schaufensterscheiben ließ ihn aufmerksam werden. Es war mehr ein Gefühl als eine Gewissheit, aber in diesem Augenblick war er sich plötzlich sicher, verfolgt zu werden. Das ist verrückt, dachte er bei sich, jetzt lasse ich mich schon von Olivers Psychosen anstecken. Terroristen von der Augsburger Separatisten Organisa­tion!, das war wirklich lächerlich. So et­was gab es nur in schlechten amerika­nischen Fernsehserien. Trotzdem ging er sehr unsicher wei­ter, immer versucht, den Kopf blitz­schnell zu drehen und den hinter ihm gehenden Menschen ins Gesicht zu sehen. Er zwang sich jedoch, dieser Versuchung nicht nachzugeben, damit er, falls er tatsächlich einen Verfolger hatte, nicht verriet, dass er ihn bemerkt hatte.

Erst in der Hartmannpassage blieb er vor einem Ssgaufenster des Spielwarengeschäfts stehen und tat so, als würde er sich für die ausgestellten Brettspiele interessieren. Dabei sah er, wie er meinte, unauffällig zurück. Es waren heute viele Leute unterwegs, aber niemand sich um ihn zu küm­mern. Die Menschen, die an ihm vor­beigingen, starrten ihm zwar nahezu ausnahmslos ins Gesicht, aber daran war er wegen seiner auffälligen Narbe ge­wöhnt. Er musste sich also getäuscht haben. Trotzdem blieb ein großer Zweifel in ihm und er spürte, während er anschließen die Passage verließ und den Rat­hausplatz querte, einen bohrenden Blick in seinem Rücken. Für einen Mo­ment wühlte wieder Angst in seinem Magen.

Ein Straßenbahnwagen der Linie Zwei näherte sich gemütlich vom Moritzplatz her der Rathaushaltestelle. Wendlbaur begann zu schnel­ler zu gehen, um sie noch zu errei­chen. Die Bahn hielt mit stotterndem Quietschen vor dem großen Tor des gewaltigen Renaissance-Rathauses und öff­nete zischend ihre Türen. Er lief um den hinteren Teil der Tram herum, dabei warf er wieder einen Blick hinter sich. Niemand hatte wie er seinen Schritt beschleunigt und Wendlbaur war auch der letzte, der hinten in den Wagen stieg. Die Bahn war nicht sehr voll, trotzdem blieb der ältere Mann auf der hinteren Plattform stehen; es lohnte nicht, sich für die drei Stationen, die er fahren wollte, zu setzen. Er streckte sich nach einem Haltegriff, die Türen schlossen sich, die Tram fuhr an, am Perlachturm vorbei, die Karolinenstra­ße hinab. Wendlbaur fühlte sich erleichtert. Ihm war, als wäre ihm ein tonnenschweres Gewicht von der Seele genommen.

Da kreuzte er den scharfen Blick eines ungewöhnlich muskulösen, breitschultrigen Mannes, der ihn schon fixiert hatte, als Wendlbaur eingestiegen war und Panik brannte wie Sodbrennen seinen Schlund empor. Fast hätte er um Hilfe geschrien. Der brutal wirkende Bodybuilder stand bei der nächsten Tür, lässig gegen eine Stange gelehnt, die Arme verschränkt. Wie er es bei der ruckelnden Fahrt um die Domkurve fertigbrachte, scheinbar mühelos im Gleichgewicht zu bleiben, als wäre er mit dem Boden und der Haltestange verwachsen, war dem Wit­wer ein Rätsel. Natürlich, jetzt fiel es ihm ein. Dieser Muskelberg war vorhin in der Passage an ihm vorbeigegangen und er war der einzige gewesen, der ihn nicht beachtet hatte. Das hätte ihn gleich stutzig machen sollen. Er hatte sich also doch nicht geirrt! Sein Verfolger war nur nicht hinter, sondern vor ihm gewesen, hatte wahr­scheinlich auch schon gewusst, dass der Rentner mit der Zweier heimfahren wollte. Und nun starrte er ihm frech in die Augen und grinste breit. Er sah dabei wie ein Affe aus, ein roher, brutaler Gorilla, der das Rückgrat eines alten Mannes wahrscheinlich wie ein Streichholz brechen konnte. Wendlbaur konnte diesem grausa­men Blick nicht standhalten und senkte die Lider.

Was nun, was konnte er tun? Er war ein alter Mann, gegen solch ein Tier hatte er nicht den Hauch einer Chance. Und weshalb verfolgte ihn die­ser Body-Builder? War das vielleicht doch einer dieser Terroristen von der ASO, von denen Heyse gesprochen hatte? War es klug, an seiner Zielhalte­stelle auszusteigen oder nicht vielleicht besser, einfach weiter zu fahren und ir­gendwo zu versuchen, den Verfolger abzuschütteln? Die Entscheidung wurde Wendelbau­er auf überraschende Weise abgenom­men: Die Tram hielt vor dem Englischen Institut und der vermeindliche Verfolger stieg lächelnd aus. Er ging draußen am Wagen entlang; als er an dem Wit­wer vorbeikam, sah er ihn noch einmal kurz an und fletschte dabei wie ein Raubtier die Zähne. Die Bahn setzte sich wieder in Bewe­gung und Wendelbauer sah hinter dem Fleischberg her, der nun über die Straße ging und ihm nun den Rücken zuwandte. Er atmete erleichtert aus und drückte den Halteknopf. Sein Herz pochte noch immer bis zum Hals. Dieses Wechsel­bad der Gefühle war fast zu viel für ein schwaches Herz. Sein Arzt hatte ihm schon vor geraumer Zeit jede Aufre­gung verboten. Innerlich schimpfte er auf Heyse, der ihn mit seinem Verfolgungswahn infi­ziert hatte. Was war heute nur mit ihm los? Überall sah er Verbrecher, die es auf ihn abgesehen hatten.

Als er am Fischertor ausstieg, fiel ihm auf, dass er vor lauter Aufregung ver­gessen hatte, seine Streifenkarte abzustempeln. Ein wenig schämte er sich, dass er die VGA betrogen hatte und er ent­schloss sich, bei seiner nächsten Fahrt eben zwei Streifen mehr zu entwerten. Er ging die Frauentorstraße hinunter und dann in die Georgenstaße, in deren Mitte er gegenüber der Kirche wohnte. Niemand verfolgte ihn, da war er ganz sicher.

Sie wartete auf ihn in dem Torbogen, durch den er gehen musste, wenn er in seine Wohnung wollte. Die Eingangstür war auf der Rückseite des Hauses. Er sah sie erst, als er praktisch vor ihr stand. Er erkannte sie sofort, obwohl er ihr nur einmal begegnet war. Eine Frau wie sie vergaß ein Mann nicht. Obwohl Wendlbaur alt war, war nicht unempfindlich für ihre offenherzig zur Schau gestellten Reize. Er muster­te sie und war erstaunt, wie ruhig er plötzlich war. Sie trug ein hautenges, tief ausgeschnittenes Minikleid und schwarze Seidenstrümpfe, die ihren wohlgeformten Körper und das perfekte Rund ihrer Brüste hervorragend zur Geltung brachten. Sie sah trotz ihrer Aufmachung kein bißchen nuttig aus, sie trug diese Kleidung mit nachlässi­ger Eleganz. Auf ihrem engelhaften Gesicht erschien ein bezauberndes Lächeln.

»Wir haben uns schon lange nicht mehr gesehen, Herr Wendelbauer«, sagte sie ruhig und kam noch näher. Der unauffällige Hauch ihres herben Parfüms gelangte in sein Bewußtsein. Der Mund des Rentners wurde trocken. Wie war es einem so faden und unauf­fälligen Mann wie es Oliver Heyse nur gelungen, eine Liebesbeziehung zu dieser Frau zu beginnen? Dabei war der Vetter seiner Frau auch noch zehn oder mehr Jahre älter als sie.

»Guten Tag, Julia«, sagte er mit brüchiger Stimme. »Es ist nett, dass sie wieder einmal bei mir vorbei schauen.« Plötzlich begann er zu verstehen. Ihre grünen Augen blitzten schelmisch auf. Wendlbaur fiel auf, daß die dunklen Ringe unter den Augen keine Schminke, sondern ein Zeichen ihrer Übermü­dung waren. Julia legte den Kopf schief und ein Schwall roter Locken schmiegte sich auf ihre rechte Schulter. Ihr feuchter, roter Mund klaffte einen Spalt auseinander und für einen Moment konnte Wendlbaur ihre Zungenspitze sehen. Welches perverse Vergügen hatte sie dabei, ihn zu reizen?

»Ich würde mich gerne mit Ihnen unterhalten, Klaus. Es geht um Oliver«, sagte sie und sah an ihm vorbei. Ein kurzer, scharfer Fußtritt war hinter ihm zu hören. Wendlbaur brauchte sich nicht um­zudrehen, er wusste, wer hinter ihm stand und er zuckte nicht einmal zu­sammen, als ihn eine behaare, riesige Hand am Oberarm packte. Er blicktekurz zu dem Body-Builder, der nun ne­ben ihm stand.

»Julia, was hast du getan? Was ist mit Oliver?«, fragte der Rentner matt.

Ihre Stimme wurde noch sanfter. »Lassen Sie uns in Ihre Wohnung ge­hen, dort können wir besser reden. Darf ich ihnen übrigens Erwin vorstel­len; er ist ein guter Freund.«

Klaus Wendlbaur war kein Held. Nach einer Viertelstunde erzählte er Julia alles, was sie wissen wollte. Erwin brauchte kaum nachdrücklicher zu wer­den. Doch dann hörte das Herz des Witwers plötzlich auf zu schlagen und er kippte vornüber vom Sofa auf den Teppich. Eine Weile ruderte er noch epileptisch mit seinen Armen und Beinen. Dann wurden seine Augen starr. Julia glaubte erst an einen Trick, dann suchte sie vergeblich an seiner Hals­schlagader nach seinem Puls. Sie wechselte einen überraschten Blick mit ihrem treuen Helfer, anschließend zuckte sie mit den Schultern. Sie sah hinunter auf die zusammengesunkene Leiche. Dieser Zufall nahm ihr viel Arbeit ab. Wendlbaur war nur ein weiterer alter Mann, der in seiner Wohnung einem Herzanfall erlag. Für einen Moment regte sich tatsächlich ein wenig Mitleid in ihr, obwohl sie nur ein paar Minuten vorher die feste Absicht gehabt hatte, Wendlbaur zu töten. Schnell schüttelte Julia dieses unerwünschte, ihr fremde Gefühl ab und begann sorgfältig, ihre Spuren zuvernichten und evenuelle Fingerabdrücke abzuwischen. Auch wenn sie zu spät gekommen war, Roman würde mit ihr zufrieden sein. Nun musste sie nur noch morgen in Olivers Wohnung auf den Postboten mit dem Einschreibebrief warten.

*

Die Untertassensektion der U.S.S. Enterprise-D hatte sich gerade vom Rumpf getrennt und war auf volle Im­pulsgeschwindigkeit gegangen, als es zum gefürchteten Warpkernbruch kam, sich Materie und Antimaterie vermischten und der untere Teil des Raumschif­fes explodierte. Die Druckwelle erfaßte die nicht schnell genug fliehende Untertasse und trieb sie wie ein trockenes Blatt vor sich her in die Atmosphäre eines Pla­ neten, wo sie in gebirgiger Landschaft abschmierte. Während die Brückenbesatzung unter dem Konstruktionsfehler aller Enterpri­semodelle, nämlich den fehlenden Sicherheitsgurten, litt und durch die Luft geschleudert wurde, suchte Anna, im­mer wieder von der Zerstörung ihres Lieblingsraumschiffes ergriffen, er­schaudernd nach Sebastians Hand. Sie ergiff sie, ohne den gebannten Blick von dem Geschehen auf der Kinoleinwand zu lassen. Erst als sie spürte, dass seine Hand ihren Druck unerwidert ließ und schlaff blieb, run­zelte sie verwundert die Stirn und warf einen kurzen Blick zu ihm.

Tief in den Sitz gerutscht, den Kopf nach hinten auf die Rückenlehne ge­sunken, schlief er fest und schnarchte sogar ein wenig. Anna stieß ihn belei­digt mit dem Ellbogen in die Seite. Sebastian zeigte keine Reaktion. Als er dann gegen Ende des Filmes endlich erwachte, war der Platz neben ihm leer; Anna war beleidigt und vor Wut kochend gegangen. James T. Kirk starb gerade feist lächelnd unter einem großen Haufen ro­stigen Alteisens. Obwohl er zwanzig Meter in die Tiefe gestürzt war, war sein Toupet nicht verrutscht.

»Das war ein Spaß«, waren seine letzten Worte. Sebastian konnte ihm nicht zustimmen. Er hatte extra auswendig gelernt, wie die Eltern von Spock (Sarek und Amanda) hießen und nach wem die Jeffries-Röhre (nach dem Bühnenbildner Matt Jefferies, dem Designer der ersten Enterprise) benannt war. Wehmütig zuckte er mit dem Achseln und verließ fünf Minuten vor Schluss das Kino. Es war an der Zeit, so schnell wie möglich ins Bett zu kommen. Er fragte sich, warum er an diesem Tag über­haupt aufgestanden war.

[Zum 6. und letzten Teil der Leseprobe …]

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