Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

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8 Fragen, die man einem Autor keinesfalls stellen sollte

Acht Fragen, die man einem Autor nach der Lesung auf keinen Fall stellen sollte

Autoren – hier sind selbstredend immer auch das Autor und die Autorin gleich welcher geschlechtlichen Vorliebe, Ausprägung und körperliche und seelischer Ausgestaltung und Ausstattung mitgemeint – denn ich werde niemals den un­säglichen Gendergap oder einen anderen semiotischen Unfug in meinen Tex­ten einführen1 -, machen nie freiwillig eine Lesetour quer durch die Buchhandlungen der Provinzstädt­chen der Republik, um ihre Bücher anzupreisen und aus ihnen vorzutragen, sondern sie sind in aller Regel von ihrem Verlag dazu gezwungen worden, Werbung für ihr neues Werk oder sich selbst zu machen.

Durchaus jeder Au­tor – der ja, wie allgemein be­kannt -, am liebsten in seinem Dachjuchhe (Das Wort Dachjuche ist wie molestieren2 oder Idiosynkrasie eines von meiner privaten roten Liste der schönen, aber leider beinahe ausgestorbenen Wörter. Ich mag es und habe es gerade wieder bei dem leider schon verstorbenen Dieter Kühn gefunden. Es ist also auch eine Verneigung vor diesem Schriftsteller, wenn ich es in diesem Büchlein ein-, oder zweimal verwenden werde) einsam in sein Moleskine kritzeln oder auf die Tastatur hämmern möchte und alltäglich nach dem Motto »Ich will nichts erleben, denn ich bin Schriftsteller« lebt, hasst es, auf diese Weise in die Öffentlichkeit gezerrt zu werden und sich dort zu pro­stituieren und vor Publikum zu »lesen«. Es gibt eine große Anzahl von Autoren wie z. B. Patrick Süskind oder Thomas Pynchon, die sich dieser Zumutung komplett entziehen und sich nicht einmal für ein Werbefoto ihres Verlags ablichten lassen. Schließlich sollte doch, auch wenn es heute aus der Mode ist, der Schriftsteller hinter seinem Werk verschwinden und nicht umgekehrt.

Denn solch ein literarischer Abend mit dem Autor geht selten gut. Vor einer äußerst über­schaubaren Gruppe beflissener Zuhörerinnen – in aller Regel sind das liebreizende Buchhändlerinnen, neugierige Leh­rerinnen oder gelangweilte Doktoren-Gattinnen kurz vor dem Kli­makterium, denn das »Lesen« ist ja heut­zutage eine rein weibliche Beschäftigung –, gibt der Autor mehr oder weniger verschämt Aus­schnitte aus seinem Werk zum Besten, die nur selten einen Ein­druck vom ganzen Buch vermitteln können. Er weiß, dass er der schlechteste Vermittler seiner ei­genen Texte ist, dass er zu leise oder zu laut spricht, nu­schelt, ohne oder mit viel zu viel melodramatischer Betonung spricht, stottert, blättert, zö­gert und auch mal ganz den Faden verliert. Aber die meisten hören ihm eh bald nicht mehr zu, denn eine klassi­sche Le­sung hat viel Ähnlichkeit mit der Pre­digt in der Kir­che; viele klappen nach ein, zwei Sät­zen ihre Ohren zu und lassen ihre Gedanken und Empfindungen wie Luftballons frei im Raum schwe­ben.

Ganz wenige Autoren haben schauspielerische Ta­lente und unterhalten ihre Zuhörer wirklich. Ihnen gilt meine volle Bewunderung. Ich könnte das nicht, denn wie die meisten Schriftsteller bin ich als real-existierende Person anstrengend und überaus langweil­ig – fade, schüchtern, menschenfeindlich. Würde je­mand schreiben und sich hinter sei­nen Werken und einem Pseudonym ver­stecken, wenn er ein offener, freundli­cher und sympa­thischer Zeitge­nosse wäre? Wohl kaum. Wie gesagt: Der kon­servative Schrift­steller ist ein eher widerbors­tiges, menschenscheues Wesen, das seiner Berufung in ei­nem kleinen, ab­schließbaren Kämmerchen nach­geht, unauffällig im Verborgenen an seinen Sätzen feilt und sie in die Ma­schine tippt oder gar aufs Pa­pier kritzelt. Er ist voller »promethi­scher Scham«, um mit Günther Anders zu sprechen. Das Schlimms­te ist ihm, direkt mit seinem Publikum konfrontiert zu werden und sich nach der Lesung noch der wie der Donner zum Blitz gehörigen und daher oft unver­meidbaren anschließenden Diskussion aussetzen zu müs­sen. Das schlimmste für den Autor: Selten will je­mand über den Inhalt sei­ner Texte sprechen oder sei­ne beeindruckende Sprachgewalt und die enorme Kraft bewundern, mit der er sein Thema beherrscht und den Finger in die offe­nen Wunden der Zeit legt. Nein, die meisten interessie­ren sich ausschließlich für Privates, Intimes, Peinliches, das er ei­gentlich nicht preisgeben will. Auch deshalb schreibt er ja.

Wenn du also, mein lieber Leser oder Zuhörer, nett zu mir sein willst, falls Nikolaus M. Klammer dem­nächst in der Buch­handlung deines Vertrauens auf­treten muss und Verwirren­des aus seinen Essays, An­strengendes aus dem »Jahrmarkt in der Stadt« oder gar den »Erinnerten Memoiren des Dr. Geltsa­mers« vor­trägt, dann meide bei der an­schließenden Diskus­sion die folgenden acht Fragen. Du quälst ihn damit. Und da die Qualität der hastigen Antworten in die­sem Fall nicht die Qualität der Fra­gen übersteigt, tust du nicht nur mir, sondern auch dir selbst einen Gefallen. Denn eigentlich möchte ich den Abend schnell beenden, direkt ins Hotelzimmer gehen, den Minikühlschrank plündern und mich mit der Beute unter der Bettdecke verkriechen.

*

Wir beginnen mit dem Klassiker aller Publikumsfra­gen:

I. Wie kommen Sie eigentlich auf Ihre Ideen? Wie fällt Ihnen so etwas nur ein?

Was soll der Autor dazu sagen? Dass ihm die besten Ideen in der Badewanne oder auf dem Klo kommen, dass er mal wieder viel zu viel gegessen und anschlie­ßend schlecht ge­träumt hat? Dass er das bei Dosto­jewski oder bei Facebook klaute? Mit Absinth experi­mentiert hat? Seine Nachbarn mit einem Nachtsicht­gerät beobachtete und den Nebentisch im Café be­lauschte? Oder dass er schlicht ein psychotis­ches, menschliches Wrack ist, dem so etwas Krankes ein­fach zwischendurch mal so einfällt?

In die gleiche Richtung zielt die nächste Frage:

II. Wie kann man nur etwas so etwas abartiges, misogynes, sadistisches, pornografisches oder politisch unkorrektes schreiben?

Tja. Das hat man davon, wenn man sich vor Publi­kum öffnet und das innere Ungeheuer befreit und versucht, sich selbst durch Schreiben zu heilen.> Er­zählt man etwas Monströses, wird man für ein Mons­ter gehalten. Erfindet man einen üblen Rassisten oder Macho, ist man selbst einer. Und schreiben männliche Autoren gar über Frauen, finden sie sich plötzlich in einem Mi­nenfeld wieder, dem sie nicht mehr ausweichen kön­nen; egal, wohin sie sich wenden: Sie sprengen sich selbst in die Luft (siehe oben).

III. Wie autobiografisch sind Ihre Texte?

Ich weiß schon, das würdest du gerne wissen, liebe Leserin. Aber den Teufel werde ich tun. Alles was ich mache, ist au­tobiografisch. Auch wenn ich reife Jo­hannisbeeren vom Busch pflü­cke und sie mit Gelier­zucker einkoche, ist etwas von mir drin; ist dieses Glas Marmelade autobiogra­fisch. Genau wie die Bee­ren durch ein Sieb gepresst werden, um Schalen, Stängel und Ker­ne zu entfernen, fließt auch ein Text durch ein Gitter, nämlich durch das Raster meiner Persönlichkeit. Meine Geschichten sind durchtränkt vom Gelierzu­cker meiner eigenen Meinung. Man sieht: Wenn alles autobiografisch ist, ist nichts, was ich schreibe, auto­biografisch. Ich ma­che mir nicht die Mühe und arbei­te jahrelang an ei­nem Schlüsselro­man, um anschlie­ßend bei einer Le­sung den Schlüs­sel zu verschenken.

IV. Wie stehen Sie eigentlich zur aktuellen Politik?

Es ist seltsam. Autoren wird immer einiges zuge­traut. Sie sollen auf dem Stand der Forschung ste­hen, sich auf allen geisteswissenschaftli­chen und so­zialen Gebieten auskennen, ihr Wort eine moralische Instanz sein. Autoren stehen bei Demonstrationen in der ersten Reihe, lesen auf Wohltätigkeitsveranstal­tungen und schreiben glühende J’accuse…!-Artikel. Man sieht sie als Gutmen­schen und belesene Intel­lektuelle. Doch nicht alle heißen Jean Paul Sartre. Tatsächlich ist das eher selten der Fall. Autoren sind keine Denker. Sie haben keine neuen Ideen, die über­lassen sie anderen, besseren. Aber sie machen sie manch­mal durch einen Text populär. Auch in Deutschland sollte es sich lang­sam einmal durchspre­chen: Schriftsteller sind Men­schen wie du und ich. Die haben vielleicht gar nicht Kant oder Heidegger gelesen, überblättern den Politik- oder Wirtschaftsteil ihrer Zeitung, um schnell zum täglichen Sudoku-Rät­sel zu gelangen und wissen nichts Vernünf­tiges über AHAL-Regeln, Klimawandel, transatlantische Handelsabkommen oder die montenegrische Innenpolitik zu sagen. Aber sie ha­ben eine Meinung und einen Standpunkt und die finden sich in ihren Wer­ken. Wer sie kennenler­nen will, sollte die Bücher des Schriftstellers lesen. Ist es sinnvoll für Autoren, ihre Weltsicht wie all die Faceboo­ker, Istagramer und Twitterer wütend oder gar hasserfüllt hinauszupo­saunen? Ich denke nicht.

V. Wie stehen Sie zur Rechtschreibung?

Tatsächlich halte ich die Rechtschreibung für ein Gut, das immer mehr verloren geht und es macht mich verrückt, wenn in einem Buch auf ein »wegen« ein Dativ folgt oder gar die Rede von den »Einzigsten« ist. Trotzdem sträubt sich etwas in mir, »Leid tun«, »platzieren« oder »Frisör« zu schreiben. Denn Autoren sind in der Regel Instinktschreiber, nur we­nige haben Germanistik studiert und schlagen bei jedem Wort nach, welche Schreibweise Duden und Wahrig emp­fehlen. Ich behaupte frech, wer Germanistik studiert hat, kann kein guter Schriftsteller sein, da ihn sein Wissen um die deutschen Sprachre­gelungen daran hindert, frei von der Leber weg zu schreiben. Das gleiche gilt für Kritiker und Lehrer. Heinrich Böll soll der Unterschied zwischen »das« und »dass« nicht be­kannt gewesen sein (Da ist er ja in guter Gesell­schaft). Ich selbst habe mit Konjunktivsätzen und de­ren Verbformen erhebliche Schwierigkeiten und ken­ne zum Beispiel keine Kommare­geln; ich setze an den Stellen Kommas, bei denen ich beim Vorlesen eine kleine Pause mache. Zu 90 % ist das Komma dann doch genau an der richtigen Stelle, auch wenn ich viel zu viele mache. Den Rest sollte ein Lektor erledigen3. Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass die meis­ten Leser sehr großzügig über gewisse Rechtschrei­bunsicherheiten hinweggehen, weil sie selbst nicht so genau wissen, was denn nun eigentlich richtig ist.

VI. Welche Vorbilder haben Sie?

Bitte! Können wir das gleich überspringen? Denk doch noch einmal ernsthaft über diese Frage nach. Da könntest du mich ja gleich fragen: Bei wem ha­ben Sie Ihre Ideen geklaut? Ich habe keine Vorbilder. Nie ge­habt. Das sind nur Gerüchte. Doofe Frage eigentlich. Kein Autor hat Vorbilder. Vor mir gab es eh nieman­den, der mir das Wasser rei­chen konnte. Außer Balzac vielleicht, oder …

VII. Was halten Sie von Frau X oder Herrn Y?

Manche Autoren haben wütende Anhänger. Es sitzt seltsamerweise immer einer dieser Fanboys in mei­ner Lesung und bringt seinen Liebling aufdringlich ins Gespräch. Meist sind das Schriftsteller, denen ein wenig der Ruch der Trivialität anhängt, die man – warum auch immer – »verteidigen« muss. Stephen King ist dafür ein gutes Beispiel. Ich weiß nicht, wie oft ich schon über mein Verhältnis zu diesem Autor befragt wurde, obwohl ich nie auch nur eine einzige Seite von ihm gelesen oder ihn irgendwie erwähnt oder gar negativ über ihn geredet habe. Leute! In meiner Lesung will ich nur über mich reden und nicht über Daniel Glattauer oder den Herrn Kehl­mann. Die können sehr gut für sich selbst einstehen.

Und dann gibt es noch diese letzte, gefürchtete Fra­ge, die ich auf keinen Fall beantwor­ten will:

VIII. Was machen Sie eigentlich beruflich?

Auch wenn es so klingt: Diese naive Frage ist leider kein geschmackloser Witz, sondern sie wird ernstge­meint und wohlwollend immer und immer wieder ge­stellt. Nicht nur Autoren, sondern jeder Künstler kennt sie, denn sie taucht in geselliger Runde mit der gnadenlosen Unvermeidbarkeit eines Naturgesetzes grundsätzlich nach Lesungen, bei Vernissagen, nach Konzerten, Theateraufführungen auf. Sie rangiert ne­ben der Frage, woher nun eigentlich die Ideen herkä­men, unangefochten auf Platz Eins der dämlichsten Fragen, die man einem Kunstschaffenden stellen kann.

*

Diesen und andere Texte findest du, liebe Leserin, in meinem Essayband „Noch einmal daran gedacht“, der überall im Handel als Taschenbuch oder als günstiges E-Book erwerbbar ist.


1 Ich bin wie die meisten Schriftsteller in dieser Hinsicht au­ßerordentlich konservativ. Die Abschaffung des grammatischen Geschlechts, die Vergewaltigung der Schrift und der Sprache, um durch Sternchen oder geschlechtsneu­tralere Formulierungen eine Gendergerechtig­keit zu schaffen, die dann allenfalls auf dem Papier, aber noch lange nicht in Wirklichkeit existiert, ist nicht mehr ein Dummer-Jungen-Streich (oder muss man jetzt Dumme*r-Heran-wachsende_n_s-Streich sagen?).

2 Mein Verhältnis zu diesen Wörtern ist beinahe erotisch; sie streicheln meine Seele. Ihr müsst nicht im Duden nachsehen, wie ich das getan habe; die Bedeutung von »molestieren« ist »belästigen«. Es kommt von dem lateinischen molestare und taucht eigentlich nur in Büchern des 18. und 19. Jahrhun­derts auf.  Gelernt habe ich das Wort bei den »Jugenderinne­rungen eines alten Mannes« von Wilhelm von Kügelgen (1802 – 1867). Ich besitze eine alte Manesse-Ausgabe dieses wirk­lich lesens- und empfehlenswerten »Volksbuchs« des Bieder­maiermalers, die ich irgendwann einmal aus einer Bücher­ramschkiste gezogen habe und an denen ich mich, wie es der in Dresden aufgewachsene Kügelgen selbst ausdrücken wür­de, immer wieder einmal angeregt delektiere. In den »Erinne­rungen« findet sich gegen Ende des 5. Teils folgender, von mir hier stark gekürzt wiedergegebener Satz: »[..] mir ward ir­gendein Vergnügen oktroyiert, wie zu Beispiel [..], die Spat­zen mit der Windbüchse zu molestieren.« Ich lie­be solche alt­väterlichen Formulierungen, wie sie insbesonde­re Jean Paul bis nahe an die Unles- und Unverstehbarkeit benutzt hat. Ich konzediere hier unumwunden, wie sehr sie meinen eigenen Schreibstil persuadieren. Und da steht es, mein neues Lieb­lingswort: Mein Nachbar molestiert mich also mit seinem Ra­senmäher, während ich versuche, unter dem blühenden Kirschbaum ein Nickerchen auf meinem Deckchair zu unter­nehmen. Frau Klammerle molestiert mich mit der Restmüll­tonne, während ich mich gerade zu dichteri­schen Höhenflü­gen aufschwingen will. Mein Montagmorgen molestierte mich mit mittelmäßigen Magenschmerzen. Einfach schön! Die deutsche Sprache mag im 20. Jahrhundert prägnanter gewor­den sein, aber sie hat eindeutig an Schön­heit verloren. Aber ich will euch nicht ennuieren.

Acht Fragen, die man einem Autor keinesfalls stellen sollte

[Ab und an werde ich meine Glossen auch noch als „Lesung“ zum Zuhören einfügen. Ich hoffe, das gefällt dem einen oder anderen. Ich experimentiere noch und bin für Kommentare dankbar …]

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Acht Fragen, die man einem Autor nach der Lesung auf keinen Fall stellen sollte

Autoren (hier ist selbstredend immer auch die Autorin gleich welchen Geschlechts mitgemeint, denn ich werde niemals den unsäglichen Gendergap in meinen Texten einführen) machen nie freiwillig eine Lesetour quer durch die Buchhandlungen der Provinzstädtchen der Republik, sondern sie sind in aller Regel von ihrem Verlag dazu gezwungen worden, um Werbung für ihr neues Buch oder sich selbst zu machen.

Das geht selten gut. Vor einer überschaubaren Gruppe beflissener Leserinnen – in aller Regel sind es Buchhändlerinnen, Lehrerinnen oder gelangweilte Doktoren-Gattinnen kurz vor dem Klimakterium, denn „Lesen“ ist heutzutage weiblich – gibt der Autor Ausschnitte aus seinem Werk zum Besten, die nur selten einen Eindruck vom ganzen Buch vermitteln können. Er weiß, dass er der schlechteste Vermittler seiner eigenen Texte ist, dass er nuschelt, ohne (oder mit zu viel) Betonung spricht, stottert, blättert, zögert und auch mal ganz den Faden verliert. Aber die meisten hören ihm eh bald nicht mehr zu, denn eine klassische Lesung hat viel Ähnlichkeit mit einer Predigt in der Kirche; die meisten klappen nach ein, zwei Sätzen ihre Ohren zu und lassen ihre Gedanken und Empfindungen wie Luftballons frei im Raum schweben.

Ganz wenige Autoren haben schauspielerische Talente und unterhalten ihre Zuhörer wirklich. Die meisten sind anstrengend und langweilig – fade, schüchtern, misantroph. Würde jemand schreiben und sich hinter seinen Werken verstecken, wenn er ein offener, freundlicher und sympathischer Zeitgenosse wäre? Wohl kaum. Der konservative Schriftsteller ist ein eher widerborstiges, menschenscheues Wesen, das seiner Berufung in einem kleinen abschließbaren Kämmerchen nachgeht, unauffällig im Verborgenen an seinen Sätzen feilt und sie in die Maschine tippt – voller „promethischer Scham“, um mit Günther Anders zu sprechen. Das Schlimmste ist ihm, direkt mit seinem Publikum konfrontiert zu werden und sich nach der Lesung noch der meist üblichen Diskussion ausetzen zu müssen. Denn selten will jemand über den Inhalt seiner Texte sprechen oder seine beeindruckende Sprachgewalt und die enorme Kraft, mit der er sein Thema beherrscht und den Finger in offene Wunden der Zeit legt. Nein, die meisten interessieren sich für Privates, Intimes, Peinliches.

Wenn du also, mein lieber Leser oder Zuhörer, nett zu mir sein willst, wenn ich demnächst in der Buchhandlung deines Vertrauens auftrete und Verwirrendes aus „Aber ein Traum“ oder dem „Geltsamer“ vortrage, dann meide die folgenden acht Fragen. Da die Qualität der Antworten selten die Qualität der Fragen übersteigt, tust du nicht nur mir, sondern auch dir selbst einen Gefallen.

Wir beginnen mit dem Klassiker aller Publikumsfragen:

1. Wie kommen Sie eigentlich auf Ihre Ideen?

Was soll der Autor dazu sagen? Dass ihm die besten Ideen in der Badewanne oder auf dem Klo kommen, dass er zu viel gegessen und danach schlecht geträumt hat? Dass er das bei Dostojewski oder bei Facebook klaute? Seine Nachbarn mit einem Nachtsichtgerät beobachtete? Oder dass er schlicht ein psychotisches, menschliches Wrack ist, dem so etwas einfach zwischendurch einfällt? In die gleiche Richtung zielt die nächste Frage:

2. Wie kann Ihnen nur so etwas Abartiges einfallen?

Tja. Das hat man davon, wenn man sich vor Publikum prostituiert. Erzählt man etwas Monströses, wird man für ein Monster gehalten. Und schreiben männliche Autoren gar über Frauen, finden sie sich plötzlich in einem Gender-Minenfeld wieder, dem sie nicht mehr ausweichen können; egal, wohin sie sich wenden: Sie sprengen sich selbst in die Luft (siehe oben).

3. Wie autobiografisch sind Ihre Texte?

Ich weiß schon, das würdest Du gerne wissen. Aber den Teufel werde ich tun. Alles was ich mache, ist autobiografisch. Auch wenn ich reife Stachelbeeren pflücke und sie mit Gelierzucker einkoche, ist etwas von mir drin; ist dieses Glas Marmelade „autobiografisch“. Genau wie die Beeren durch ein Sieb gepresst werden, um Schalen und Kerne zu entfernen, fließt auch ein Text durch ein Gitter, nämlich durch das Raster das meiner Persönlichkeit. Meine Geschichten sind durchtränkt vom Gelierzucker meiner eigenen Meinung. Man sieht: Wenn alles autobiografisch ist, ist nichts, was ich schreibe, autobiografisch. Ich mache mir nicht die Mühe und arbeite jahrelang an einem Schlüsselroman, um anschließend bei einer Lesung den Schlüssel zu verschenken.

4. Wie stehen Sie eigentlich zur aktuellen Politik?

Es ist seltsam. Autoren wird immer einiges zugetraut. Sie sollen sich auf allen geisteswissenschaftlichen und sozialen Gebieten auskennen, ihr Wort eine moralische Instanz sein. Man sieht sie als Gutmenschen und belesene Intellektuelle. Tatsächlich ist das eher selten der Fall. Autoren sind keine Denker. Sie haben keine neuen Ideen, sie machen sie aber manchmal populär. Auch in Deutschland sollte es sich langsam durchsprechen: Schriftsteller sind Menschen wie du und ich. Die haben vielleicht gar nicht Kant oder Heidegger gelesen, wissen nichts Vernünftiges über das transatlantische Handelsabkommen oder die montenegrische Innenpolitik zu sagen. Aber sie haben eine Meinung und die findet sich in ihren Werken. Ist es sinnvoll für sie, ihre Weltsicht wie all die Facebooker und Twitterer wütend in alle Welt zu posaunen? Ich denke nicht.

5. Wie stehen Sie zur Rechtschreibung?

Autoren sind in der Regel Instinktschreiber, nur wenige haben Germanistik studiert. Ich behaupte frech, wer das getan hat, kann kein guter Schriftsteller sein, da ihn sein Wissen um die deutschen Sprachregelungen daran hindert, frei von der Leber weg zu schreiben. Ich kenne zum Beispiel keine Kommaregeln; ich setze an den Stellen Kommas, bei denen ich beim Vorlesen eine kleine Pause mache. Zu 90 % ist das an der richtigen Stelle. Den Rest soll ein Lektor machen.

6. Welche Vorbilder haben Sie?

Bitte! Da könnte man mich ja gleich fragen: Wo haben Sie ihre Ideen geklaut? Ich habe keine Vorbilder. Nie gehabt. Doofe Frage. Kein Autor hat Vorbilder. Vor ihm gab es niemanden, der ihm das Wasser reichen konnte.

7. Was halten Sie von Frau X oder Herrn Y?

Manche Autoren haben wütende Anhänger. Es sitzt seltsamerweise immer einer dieser „Fanboys“ in meiner Lesung und bringt seinen Liebling aufdringlich ins Gespräch. Meist sind das Schriftsteller, denen ein wenig der Ruch der Trivialität anhängt. Stephen King ist dafür ein gutes Beispiel. Ich weiß nicht, wie oft ich schon über mein Verhältnis zu diesem Autor befragt wurde, obwohl ich nie auch nur eine Seite von ihm gelesen oder ihn irgendwie erwähnt habe. Leute! In meiner Lesung will ich nur über mich reden. Aber die folgende Frage will ich auf keinen Fall beantworten:

8. Was machen Sie eigentlich beruflich?

Diese Frage ist kein Witz, sondern ernstgemeint. Ihr begegnen alle Künstler irgendwann und Musiker sogar häufiger. Es mag zwar sein, dass der eine oder andere nebenzu einem Broterwerb nachgeht, um sich und seine Familie zu ernähren. Aber seine Kunst ist kein Hobby, auch wenn er nicht von ihr leben kann. Eher zählt der bürgerliche Beruf zu den Steckenpferden.

 

Pasenows Schöpfung – Die Lesung

Pasenows Schöpfung
Eine Erzählung aus dem Zyklus
„Jahrmarkt in der Stadt“

Ich weiß, dass es zur Genüge unbeschäftigte und talentierte Schauspieler und professionelle Sprecher gibt, die das eintausendmal besser können als ich, aber leider kenne ich keinen einzigen von ihnen.

Deshalb missachte für diesmal das 6. Gebot für den erfolgreichen Schriftsteller und poste den Beginn einer von mir selbst gesprochenen Lesung aus meiner sehr persönlichen Erzählung Pasenows Schöpfung, die ich ja seit gestern in homöopathischen, leicht verdaulichen Dosen veröffentliche. Wer nicht lesen will, mag vielleicht hören. Sollte – was ich nicht glaube – tatsächlich der Wunsch nach weiteren Hörproben von mir bestehen, werde ich die gesamte Erzählung als Hörbuch einlesen.

Beginn der Erzählung und ein lyrischer Auszug aus der ‚Blauen Schrift‘

Pasenow2

Auf Kur – eine Kurzgeschichte von Hans-Dieter Heun

1. Eine Gasterzählung

An diesem Wochenende muss ich einigen Verpflichtungen nachkommen und werde daher nicht in der Lage sein, einen Freitagsaufreger zu schreiben (wie der eine treue Leser –  der hiermit freundlich von mir gegrüßt sei – aus meinem letzten Beitrag weiß, habe ich eh keinen Grund mehr, mich aufzuregen).  So war es ein Glücksfall, dass mir Hans-Dieter Heun freudestrahlend eine seiner „tolldrastischen“ Geschichten überließ, die aus seiner eigenen, intimen Kenntnis ein wenig expizierter als mein Bad-Birnbach-Artikel vom letzten Wochenende über die Sitten und Bräuche der Kurgäste des niederbayerischen Bäderdreiecks zu berichten weiß. Es ist mir ein Vergnügen, diesen Text hier zu veröffentlichen.

Bei der Gelegenheit will ich noch einmal nachdrücklich auf den neuen köstlichen Roman von Hans-Dieter Heun hinweisen: „Die Läusekönigin“, ein Juwel der zeitgenössischen Literatur, das leider noch nicht ganz den Erfolg beim Publikum hat, der dem lesenswerten Buch zu wünschen wäre. Kaufen, Lesen, Freuen! Es ist auch ein ideales Geschenk für einen lieben Menschen (Ich hoffe, das war jetzt genug Werbung, HD).

läusekönigin

2. Wer nicht lesen will, darf hören

Was diesen heutigen Glücksfall ganz besonders und zu einem Vergnügen macht, ist, dass die begabte und liebenswerte Wiener Autorin Elsa Rieger  – die ich an dieser Stelle herzlich grüße – von dem Text eine gelungene Hörfassung eingesprochen hat, die ich als Sahnehäubchen beifügen darf. Aber nun genug der Vorworte.

Viel Vergnügen!

Auf Kur – Hörbuchfassung von Elsa Rieger.

Auf Kur
Kurzgeschichte von Hans-Dieter Heun

Lindenstraße? Wieso Lindenstraße? Es standen da Zäune aus Maschendraht, der Draht von grünem Plastik ummantelt, vor kurbadmäßig kurz geschnittenen Thujen-Hecken, hinter denen sich kackgelbe Osterglocken und Gartenzwerge mit zipfelroten Mützen vor einem saukalten Regen in durchtränkten Rasen duckten. Kulturwiese, die gesprenkelt mit aufgeweichten Marlboro-Schachteln der üblicherweise verdächtigten Kassenpatienten, welche in ihren Heimen – billige Pensionen, abgehalfterte Wellness-Farmen oder Schnellschlaf-arme-Leute-Häuser, ab zehn Uhr dreißig geschlossen – nicht rauchen durften. Dem unwichtigen Mann fröstelte. Aber er hatte Ausgang und durfte rauchen. Auch saufen! Wenn er nur wollte, selbst bis zum Wecken. Völlig wurscht in welchem Bett, das war der Vorteil von Reichtum.

Es gab Blutpflaumen, Rodeldröhn, Jasmin und japanische Zierkirschen mit tropfenden Blüten. Der Pullover des unwichtigen Mannes unter seinem regennassen Trenchcoat sog langsam kühle Feuchte. Wenn er nicht aufpassen, ergo nicht weiter saufen würde, hätte er bald einen kräftigen Schnupfen. Und das in einem Heilbad. Warum war er eigentlich zur Kur gefahren? Ach ja, Rückenschmerzen und noch ein kleines urologische Problem, nicht besonders wichtig, altersbedingt.

In den zweihundertvierundsechzig gefühlten Vorgärten, an denen er bisher im Kurgastschritt vorbei getrottet, hatte er auch drei Birken gezählt, merkwürdigerweise mit abgeschnittenen Kronen. War etwa ein Flugplatz in der Nähe? Blöder Witz. Nein, in den Vorgärten der Patientenburgen mit ihren die unsägliche Wetten-Dass-Show spiegelnden Fernsehfenstern stand alles bemüht Bepflanzte, was ein zahlender Gast in einem Kurort nur erwarten konnte. Alles außer Linden. – Warum also Lindenstraße? Keine Ahnung und bitte, bitte, bitte nicht noch ein ungelöstes Rätsel für den Rest seines versoffenen Lebens. Früher, in einem anderen Märchen, hatte er Rätsel geliebt. Aber jetzt …

Eine Regentropfen-Katze strich an seinen Beinen entlang. Der unwichtige Mann mochte keine Katzen. Nur tote Katzen sind gute Katzen. Muschi machte ihm die Hose noch nasser, und eine durchnässte Hose mochte er schon gar nicht. Der Unwichtige gab der streichenden Katze einen kräftigen Tritt, und Muschi flog in Richtung der Bar. Hoppla, eine Bar in dieser Regen-Linden-Straße? Wunschdenken, Zauberei? Wurscht, eine Bar steht für viele braune Freunde, Freude. Obwohl, die Bar hieß Pussy Cat! Unentschieden, remis. Einerseits mochte er keine Katzen, andererseits war er durchaus von Pussies angetan. Er, Mann, entschied sich für das Andererseits.

Die Bar war, wie von ihm erwartet: Mahagoni-Furnier, rotgeschwollene, abgewetzte Cordsamtpolster, Coca-Cola-Reklame, Deckenleuchten aus verstaubten Milchglas und – tausende Male bereits begrüßt – die sich ewig drehende Spiegelkugel, huschende Strahlen farbigen Lichts. Ein dürrer Alleinunterhalter mit einem Menjoubärtchen … das war ja geil! Ein nächstes, ein neues Rätsel? Wer zum Teufel war Menjou? Ein Stehgeiger? Es fiel ihm wieder ein, klar doch, vormals Rätsel geübt: Ein amerikanischer Filmschauspieler! „A star is born“ mit Judy Garland. Ein schmieriger Franzosennachahmer, nur ein Klamottenschauspieler.

Der Alleinquäler bearbeitete angestrengt seine moderne Japanelektronik und sang dazu ein ebenso modernes Lied: „ Wenn auf Capri die rote Sonne im Meer versinkt.“ Rudi Schuricke! Der trug, wenn sich der unwichtige Mann richtig erinnerte, auch so ein dünnes Bärtchen. War wohl damals schwer in Mode. Errol Flynn, der Pärchen-durch-ein-Loch-in-der-Wand-beim-Bumsen-Beobachter, ebenfalls. Hat bestimmt viel Spaß gemacht, Pärchen beim Bumsen zu beobachten.

Ein Pärchen tanzte schmutzig, die einzigen Gäste. Sie, süße sechzig, in ein lila Paillettenoberteil über einem rostroten Minirock aus Kunstseide gepresst, der knapp und eng bis zu Mitte ihrer Cellulitis-Oberschenkel reichte. Ihr Partner, mit Krawatte geputzt, rührte eifrig ein Bügelfaltenbein zwischen Orangenschenkel römisch eins und Orangenschenkel römisch zwei. Wahrscheinlich rührte der alte Freund vieler vergangener Jahre, sein Schniepel, noch ein wenig mit. Er, unwichtiger Regenlatscher, wünschte es ihm, dem Schniepel, von Herzen und latschte zur Bar. Adolph Menjou sang ein weiteres modernes Lied: „Du schwarzer Zigeuner – respektive Sinti oder Roma, auf jeden Fall Mitglied einer ethnischen Randgruppe –, komm, spiel mir ins Ohr.“

Die Thekenschlampe, toupierter blonder Dauerwellenkopf, grelle Breitmaullippen im Teiggesicht und einem Tattoo, röhrender Hirsch, zwischen schwellenden Möpsen, war um die fünfunddreißig und bestimmt nicht teuer. Wenigstens etwas. Für eine Regennacht, für einen hurmäßig kurmäßig kurzen Bums würde sie schon reichen, der unwichtige Mann war nicht mehr besonders anspruchsvoll.

Billige Schlampe kaute eine Breitmaulfrage: „A Woazn?“

Er war überrascht: „Bitte? Entschuldigung, aber ich habe Ihr Idiom nicht verstanden. Tut mir wirklich leid, nicht böse sein.“

Sie kaute Kaugummi-Antwort: „Na, i bin ned saua, weshoib a.“ Auf einmal verständliches Deutsch: „Ich habe Sie sehr höflich gefragt, ob der feine Herr vielleicht ein Weißbier trinken möchte, und Sie haben mich sogleich einen Idiom genannt. Aber nein, ich bin keinesfalls sauer!“ Es wurde bedrohlich. „Waltraud, habe ich mir gesagt, der feine Herr kennt sich aus, der feine Herr kann mir helfen … Also, wollen Sie nun ein Weißbier oder nicht?“

Sein Blick glitt suchend über die Flaschen: „Könnte ich auch einen doppelten Chivas auf Eis bekommen? Und für Sie, falls genehm, ein schönes Glas Champagner?“ Spannung nehmen.

Schlampe wurde auch gleich entspannter: „I bring a Goaßmaß. Verzeihung, feinster Herr, ich trinke eine Ziegenmaß. Und Schiwasser führen wir nur im Winter.“

„Dann bitte irgendeinen Scotch, und wobei darf ich Ihnen helfen?“ Freundlich bleiben, schließlich wollte er mit Waltraud noch bumsen.

Auf der Stelle schickte sie Breitmaulstrahlen, gelbe Zigarettenzähne bleckend. „Nicht viel Betrieb heute Abend, da löse ich zwischendurch immer Kreuzworträtsel. Wissen Sie vielleicht, was ein Lebensbund mit drei Buchstaben ist?“

Nein, nicht schon wieder Rätsel! Er trank, der Whisky schmeckte bitter. „Ehe!“

„Ehe was?“

„Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal fragen!“

Waltraud löste sich auf in einer blauen, alles und jeden vergiftenden Wolke. Er, unwichtiger Mann, steckte erneut in einer alten Reise. Nur durfte ihn diesmal der alberne Menjou – Katzenschnurrbart und urplötzlich rubinrote Flatterflügel auf dem Franzosenbuckel – auf seiner goldenen Elektronikorgel begleiten. Der elektronische Chansonnier sang ein modernes Lied: „Im Puff ist Ruh, die Nutten schlafen, kein blond gelockter Jüngling betritt mehr den Salon. Die Puffmutter kratzt sich am Hafen, und aus dem Fenster fliegt ein voller Luftballon.“ Beim Refrain stimmte der Unwichtige ein: „Ja, ja, die Sonne von Mexiko war niemals so schön wie Waltraud, oho!“

Eine rote Sonne brannte in sein Gesicht, dessen Haare Latschenkiefernnadeln, dessen Augen Gletscherseen und dessen Nase eine Bergspitze waren. Der Hals, die Brust, sein Unterleib formten sich zu einer fruchtbaren Ebene, deren Korn die ganze Menschheit nährte. Er war die Erde, die Fehler verzieh. Die Arme wurden zu Euphrat und Tigris, mächtige Ströme, die in einem rosa Meer mündeten. Es war, wie schon einmal geträumt: Seine Füße trieben im Wasser wie uralte Wurzeln – Wurzel-Fuß-Holz, aus dem nasse Katzen mit scharfen Tatzen Splitter kratzten.

Halt, Einhalt! Die Katzen waren neu! Katzentatzen, Katzen kratzten noch nie auf seiner Reise. Was sollte das? Was war nun zu tun? Vielleicht könnte er sich einen mörderischen Mörderwal erträumen, der dieses Katzengesocks endgültig verschlang, seinen Füßen die Schmerzen ersparte. Und vielleicht würde dieser Wal ebenso Waltraud … Zu spät, die begehrenswerte Schlampe regnete aus ihrer blauen Wolke die erste Frage: „Was ist der Sinn deines versoffenen, unanständigen Lebens?“

Das war zu einfach. Gleich würde er sich wieder dem patzenden Katzenkratzen widmen können, mörderische Mörderwale antanzen lassen, im Dreivierteltakt. „Der Sinn meines versoffenen, unanständigen Lebens ist das versoffene, unanständige Leben selbst!“ Und Menjou sang dazu ein modernes Lied: „Blau, blau, blau blüht der Enzian. Wenn ich ihn nur saufen kann, ist die Farbe scheißegal, nicht zu saufen eine Qual. Und Alle …“

Es war dies der Moment für den Auftritt des Drachen, ergo kein mörderischer Mörderwal. Drachen sind immer und überall, verstecken sich zwischen Träumen und Wolken. Ein Mann muss sie locken. Manchmal fliegen Drachen mit gemordeten Mörderwalen zwischen ihren Pranken über alle Nasenberge. Möglicherweise vermochte er den Drachen dieser Reise mit den Tatzenfratzen locken, die sich gerade im Kornfeld rund um seinen Genitalius versammelten. Der Genitalius war schlichtweg in Gefahr.

Der Drache vom Traumdienst schwebte aus der blauen Rauchwolke heran, die vormals Waltraud gewesen. Er war ziemlich schwerschwebend, sein Bauch gebläht, wahrscheinlich hatte er bereits die Thekenschlampe gefressen und keinen Hunger mehr auf platzende Katzen. Auf des Drachens Rücken, zwischen riesigen Schmetterlingsflügeln, klammerte sich der amerikanisch-französische Süßling Menjou und sang kein modernes Lied. Vielmehr kreischte er in höchsten Tönen: „Isch, nur isch allein und nisch Elvis, die Locke, wurde von Aliens entführt! Isch, der Schnurrepurrebart!“ Dann sang er doch noch ein modernes Lied: „Über der blauen Wolke musch die Freiheit grenzenlos sein. Nix du macken grande Sorgen, jamais plus la chat pisset a ton bleu Bein.“

Es war so, das Fantasievieh hatte Waltraud gefressen. Ihr blaues Rauchwölkchen kräuselte noch schwach zwischen den Karies-Zähnen im Drachenrachen. Doch das Wölkchen stellte gänzlich unerschrocken die zweite Frage der nächtlichen Reise. Und ein Gockel, der üblicherweise in der ersten Morgenröte krähen würde, pennte wohl noch unter dunklem Regenhimmel: „Was ist der Sinn deiner Kur?“

Was ging hier vor? Blau-Rauch-Schlampe war zwar blond und blöd, aber so einfache Fragen wurden ihm noch nie auf einer Reise gestellt. Irgendetwas stimmte nicht, irgendjemand ließ schwer nach. Er vielleicht? Wenn er wieder nüchtern, falsch, falls er noch einmal nüchtern würde, müsste er sich dringend darum kümmern. Erst jedoch die richtige Antwort, Wolke wartete, und er wollte sie noch dreimal bumsen, bevor ein Hahn dreimal krähte. „Meine Kur, hör zu, du Hur´ verlängert nur den Lauf der Uhr für ein zufriedenes, versoffenes, unanständiges Leben!“ Menjou schien verblüfft, Menjou sang erneut kein modernes Lied. – Na so was aber auch, den Sinn einer Kur zu hinterfragen!

Der Drache furzte, Blau-Wolke verursachte Blähungen. Unverdauliche Wolke entfleuchte, war wieder frei, von heißen Drachenwinden neu geboren. Waltraud beeilte sich, die letzte, alles entscheidende Frage zu stellen. Schwer beeindruckt von seinem ungewöhnlich großen Wissen war sie ebenfalls gierig bereit, breit, bevor ein Hahn seinen Weckruf ertönen ließ. Es galt sich zu schicken, auch sie wollte ficken. „Mein feiner Herr, sag´ mir geschwind, welche Farbe hat der Wind?“

Dem unwichtigen Mann wurde warm in einem Kornfeld. Der Wind? Fön? Warm und nass. Schwitzte er etwa? Schwierige Frage, verdammt schwierige Frage sogar. Nicht mit Waltraud bumsen? – Waltraud schien aus Sand gebaut, Wunschhaut würde nicht versaut? Das durfte einfach nicht sein! Er war der Rätselmeister, kannte jede Antwort. „Gold´ne Farbe hat der Wind, ist ein echtes Sonnenkind …“

Der Drache platzte, Drachenfetzen. Pitschnasse Katzen flohen aus dem Kornfeld, versteckten sich in schwarzen Löchern. Menschliche Arme mit schrillen Stimmen zerrten an Euphrat und Tigris, heftige Schläge prasselten auf den Rücken des unwichtigen Mannes. Selbstverständlich das schmalzige Franzosenschwein, doch die Alte in ihren Pailletten eilte zu Hilfe. „Polizei! Das ist ja unerhört! Eine solche Behandlung in einen Kurort, lassen Sie sich das bloß nicht gefallen! Wir Senioren müssen zusammenhalten, eine Blasenschwäche in Ihrem Alter ist doch ganz was Normales! Polizei, die Polizei muss her! Die bringen Sie ja um!“

Die blonde Waltraud, keineswegs mehr Traumfrau, schrillte, schlug und zerrte dagegen: „Ja so a Sau! Ich hab´s gleich gewusst, Kurgast! Kommt schon sternhagelvoll an den Tresen, stiert ununterbrochen auf meinen Busen, labert mich voll, pennt plötzlich weg“, erstaunlich viele Worte mit nur einem Möpse-Atem. „und pinkelt dann voll in die Hose! Rrrrausss! Sofort rrrrausss! Was glauben Sie eigentlich, wo wir hier sind?“

Der unwichtige Mann war eingeschüchtert, schon wieder ein schwieriges Rätsel. Er murmelte leise: „Im Pussy Cat?“

Die Katze, treue Freundin in feuchter Nacht, strich erneut um seine Beine. Der unwichtige nasse Mann lächelte, eigentlich war er bei Waltraud Breitmaul ziemlich weit gekommen, hätte sie beinahe bumsen dürfen. Er bückte sich, streichelte die freundliche Muschi und schaute ohne Zorn zu Pussy Cat zurück. Wortfetzen, leicht französisches Idiom, Klänge eines modernen Liedes drangen durch die für ihn wohl auf ewig verschlossene Tür: „Heute isch nisch alle Tage, du kommen wieder, keine Frage. No, tu ne regrette rien!“

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