Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

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Samstag, 12.09.20 – Von Lesebändchen, Attila und diesem Sommer

Samstag, 12.09.2020

Die liebe N., die meine Schwiegertochter in spe ist(1), arbeitet seit Anfang dieses Jahres als fertig ausgebildete Buchhändlerin in der Filiale einer Buchkette in Neuburg a. D. (2). Wie ich erfahren musste, ist sie noch skrupulöser und vorsichtiger im Umgang mit ihren Büchern als ich – und das will schon etwas heißen. Für N. sind Bücher ein sakrosanktes Heiligtum, das mit Ehrfurcht und Demut betreten werden muss und sie wohl auch ungern weiterverleiht. Ihre Bücher sehen noch ungelesener als meine aus. Da gibt es keinen umgebogenen Rücken, der Schutzumschlag ist nicht zerknittert, keine Seite wird durch einen Fettfleck verunziert – sie könnte ihre Bücher wieder zurück in die Buchhandlung stellen und noch einmal als neu verkaufen. Kürzlich lieh sie mir einen fetten Fantasyroman (3) und an ihm beging ich ein Verbrechen, das sie mir noch nicht ganz verziehen hat. Der Band besitzt als Service des Verlags ein eingenähtes Lesebändchen und wie immer begann dieses bereits, sich unten zu zerfleddern. Es war die einzige Stelle, an der erkennbar war, dass N. das Buch bereits vor mir gelesen hatte. Nun habe ich die Eigenart, dieser Entropie des geflochtenen Stoffbands dadurch entgegenzuwirken, indem ich es ganz unten mit einem Knoten versehe und es anschließend zwischen der letzten Seite und dem Einband deponiere. Denn ich finde Lesebänder, mit denen ich dann ununterbrochen zwanghaft neurotisch spielen muss, unpraktisch und benutze lieber Einmerker (4), die ich beim Lesen zur Seite legen kann. Vollkommen gedankenlos machte ich nun auch beim entliehenen Buch diesen Knoten, den ich so festzog, dass er sich nicht mehr auflösen lässt. Damit beschwor ich ein gewaltiges Donnerwetter über meinem Haupt zusammen. Schließlich würde das Buch im Regal auf diesem Knoten stehen und einen Abdruck in den Seiten erzeugen, wie mir N. erklärte. Ich weiß nicht, ob sie mir noch einmal ein Buch ausleihen wird.

Entschuldige, N.! Es wird nie mehr passieren; ich passe auf. Und um so mehr bewundere ich dich, dass du dich auf das Abenteuer einer Ehe mit Sohn Nr. 2 einlassen willst, dessen unbekümmerte, destruktive Art, die er schon als Kleinkind kultivierte und als Jugendlicher perfektionierte, viele, auch liebgewonnene Teile unserer Einrichtung und unsere Nerven schwer in Mitleidenschaft gezogen hat und mich vorzeitig ergrauen ließ, so dass Frau Klammerle schon vorgeschlagen wurde, doch ein Tagebuch wie die Mutter von Michel aus Lönneberga zu schreiben. Ich witzelte damals, die Klammers würden von den Hunnen abstammen und der Zweitname von Sohn Nr. 2 wäre „Attila“. Nun, du wirst ihn dir schon zurechtbiegen. Das ist meiner Frau mit mir auch gelungen. Und meine Eskapaden waren teilweise noch zerstörerischer (5).

*

Apropos „Attila“! Gestern stellte jemand auf der Ratgeberseite des SZ-Magazins die Frage, wie man die veganen, inzwischen peinlichen Kochbücher von Hildmann am Besten entsorgen könne; weil man ihn nicht weiter unterstützen wolle. Zum Glück besitze ich keine Werke dieses von manchen Leuten als Avocadolf titulierten Herrn, der wohl inzwischen alle Murmeln aus seinem löchrigen Säcklein verloren hat, sich im Bürgerkrieg mit Kinderblut saufenden Echenswesen des Deep State wähnt und feuchte Träume von Politikerhinrichtungen und einer Militärdiktatur hat. Eigentlich gibt es Einrichtungen für solche Menschen, aber aus mir unerfindlichen Gründen rennt Attila noch immer in der Gegend herum und verbreitet seinen Nazi-Irrsinn über das Internet. Mir war er schon vor seinen aktuellen Aussetzern suspekt, als er vor einigen Jahren in einer Folge des „Perfekten Dinners“ (Frau Klammerle liebt diese Sendung!) darüber schwadronierte, ob Veganer Oralsex haben könnten. Aber darf man deswegen seine Kochbücher ins Altpapier schmeißen oder sie gar verbrennen? Schließlich mache ich nicht einmal einen Knoten in das Lesebändchen eines Buchs. Hat man in Deutschland nicht schon genug Bücher vernichtet? Es ist ja nicht so, dass Attilas gebundene Tofuschnitzel-Rezepte (die nicht einmal urheberrechtlich geschützt sind) und Fitnessempfehlungen mit dem „Mythus des 20. Jahrhunderts“ oder mit „Mein Kampf“ vergleichbar sind. (6) Dass man den Avocadolf nicht finanziell unterstützen will, verstehe ich. Aber ist es so schlimm, seine Rezepte aus Büchern, die man vor Jahren erworben hat, nachzukochen? Vielleicht ist es das Beste, diese „unwürdige Lektüre“ im Keller zu vergraben und es der Nachwelt zu überlassen, was mit ihr zu geschehen hat.

Ich werde mich hüten, Attila mit Autoren der Weltliteratur zu vergleichen, aber wohin führt das, wenn ich das Werk nicht von seinem Schöpfer trenne? Viele Künstler waren misogyne, rassistische und unsympathische Schweinehunde, manche von ihnen waren Betrüger, sogar Mörder. Wahrscheinlich müsste ich die Hälfte der Weltliteratur verbrennen, wenn ich die Schöpfung für den Schöpfer verantwortlich mache und sie in Sippenhaft nehme. Wollen wir wirklich in solch einer schönen, neuen Welt leben?

*

Wie der letztjährige ist auch dieser Sommer wie ein alternder Rock’n’Roller, der immer wieder auf Tournee geht und einfach nicht in den Ruhestand will. Es ist jetzt Mitte September, aber die Blätter der Bäume sind alle noch grün (6) und die Rosen blühen. Morgens liegt zwar schon ein warmer, feuchter Nebel über den Schmutterwiesen, aber er löst sich rasch auf und das Thermometer nähert sich am Nachmittag der 30°-Marke an und soll sie nächste Woche auch überschreiten. Von Herbst ist noch wenig zu sehen, wenn man mal vom Federweißen in den Kühlregalen der Supermärkte und der Tatsache, dass es später hell und früher dunkel wird, absieht. Es herrscht geniales Wanderwetter! Von mir aus kann das noch bis Mitte Dezember so weitergehen. Trotzdem haben Frau Klammerle und ich gestern Abend gemeinsam beschlossen, dass es Zeit wird, den gefühlt endlosen Corona-Sommer langsam zu verabschieden, damit dieses entsetzliche, quälende Jahr voller privater und öffentlicher Katastrophen endlich zum Abschluss kommen kann. Wir erzwingen das jetzt und leben im Herbst (Das passt auch inzwischen zu unserem biblischen Alter!) Vielleicht kommt ja doch einmal etwas besseres nach. Deshalb genossen wir gestern unsere erste Kürbiscreme-Suppe und ich werde mir jetzt meine Herbstlektüren oben auf den SUB legen. Demnächst mehr davon!

Ich wünsche dir ein schönes Wochenende, liebe unbekannte Leserin. Bis bald.


Oh, ja, heute gebe ich wieder fröhlich meiner zwang- und fetischhaften Obsession für Fußnoten nach!

(1) Sie und Sohn Nr. 2 haben sich kürzlich verlobt und werden im Frühsommer 2021 endlich auch heiraten. Die jungen Leute von heute sind merkwürdigerweise wieder so romantisch und machen um die ganze Heiratssache einen Riesenaufstand. Frau Klammerle und ich haben uns 1987, nachdem wir einige Jahre zusammengelebt hatten, ohne uns gegenseitig an die Gurgel zu gehen (Naja, meistens zumindest …), gemeinsam beschlossen, dass wir jetzt heiraten. Zeit wurde es ja und die finanziellen Vorteile lagen auf der Hand. Da gab es keine Verlobungszeit, keinen Verlobungsring, keinen Kniefall im Licht eines kitschigen Sonnenuntergangs, sondern nur einen einfachen Behördengang mit Eltern und Trauzeugen. Wir haben übrigens nach unserer standesamtlichen Vermählung im April später im Jahr für die liebe Verwandtschaft auch noch größer und kirchlich geheiratet (In der Woche darauf bin ich aus der katholischen Kirche ausgetreten). Das war am 12. September – also genau heute vor 33 Jahren und dies war dann schon eher eine traditionelle Veranstaltung mit weißem Brautkleid und großer Feier. In der Folgezeit erwachte ich mehrmals schweißgebadet aus dem Alptraum, ich müsse noch ein drittes Mal heiraten. Und, ja, weil du es bist, meine neugierige, unbekannte Leserin, gibt es hier ein kleines Foto vom 12. September 1987. Es sieht aus, als würde Frau Klammerle vor Glück schweben.

(2) Neuburg an der Donau ist ein sehenswertes Residenzstädtchen mit einer hübschen Altstadt und einem Renaissanceschloss, um das herum alle zwei Jahre ein schönes historisches Fest gefeiert wird. Der Ort liegt am Donauradweg. Das musst du einfach mal besuchen und dabei in der Rosengasse die Buchhandlung aufsuchen, in der N. arbeitet. Sie wird dich fachkundig und freundlich beraten. Da das Sortiment dort recht übersichtlich ist, kann man leider keines von meinen Büchern erwerben, was wirklich, wirklich schade ist.

(3) Es war „Im Sturm der Echos“, der vierte und abschließende (?) Band der „Spiegelreisenden“ von Christelle Dabos. Das Buch ist ein klassisches Beispiel dafür, wie eine Autorin ihre wirklich hübsch begonnene Fantasy-Saga komplett an die Wand fahren kann. Hätte sie doch besser wie George R. R. Martin auf einen Schlussband verzichtet. Der unübersichtliche, auf 600 Seiten zerdehnte Roman – immerhin ein Buch, das für jugendliche Leser gedacht ist – geht übertrieben brutal, ja geradezu sadistisch mit seinen Protagonisten um, deren Handeln und Denken vollkommen unverständlich und nie nachvollziehbar ist. Figuren und Erzählfäden, die in den Vorbänden sorgsam aufgebaut wurden, werden beiseite gewischt und spielen plötzlich keinerlei Rolle mehr. Die sogenannte „Auflösung“ ist makaber und unverständlich, vollkommen wirr, kryptisch und ließ mich fassungslos zurück. Erzähle mir niemand, er hätte den Plot auch nur ansatzweise verstanden. Nein, es war kein Vergnügen, das Buch zu lesen – es war wirklich eine Qual.

(4) Sowohl Frau Klammerle wie auch ich vertrauen eher schmalen Karton- oder Metallstreifen als dem geflochtenen Lesebändchen, das ja auch nicht in alle Buchbindungen eingenäht ist. Haben wir keinen zur Hand, behelfen wir uns mit einer Postkarte. Unser Problem ist nur, dass diese immer wieder auf magische Weise zu verschwinden scheinen, weil wir sie am Tatort unserer Lesereisen liegenlassen, sie in den ins Regal zurückgestellten, gelesenen Büchern vergessen, sie sich einfach in Luft auflösen oder von kleinen Bücherwürmern gefressen oder von Aliens entführt werden. Wir müssen also ständig für Nachschub sorgen.

(5) So habe ich einmal einen Küchentisch in die Luft gejagt, als ich mit Wunderkerzen experimentierte, mit einem Säbel mehrere Wohnzimmerstuhl-Lehnen zerhackt und Tintenflecken (ich jagte mit dem Füller eine Fliege) in den Vorhängen entfernt, indem ich sie kurzerhand aus ihm herausschnitt.

(6) Zumindest südlich der Donau, wo es in den letzten Monaten immer wieder ausreichend regnete. Sogar mein Kirschbaum, der normalerweise im September schon fast kahl ist, hat kaum verfärbte Blätter. Aber je weiter man nach Norden fährt, um so ausgetrockneter und verdörrter wird die Landschaft. Im Spreewald, in dem Frau Klammerle und ich letzthin Urlaub machten, ist das Wasser so knapp geworden, dass man alle Schleusen zwischen den labyrinthischen Wasserläufen gesperrt hat und wir unser Paddelboot mehrmals mühsam über Land ziehen mussten. Allerdings gab es dort auch kaum Mücken, während sie einem hier in Diedorf jeden der herrlichen Spätsommerabende vermiesen.

Sonntag, 21.04.19 – Ostergrüße

Sonntag, 20.04.19

Ich unterbreche kurz mein „Blogfasten“ und sende aus meinem wohlverdienten (1) Urlaub allen meinen Lesern und auch denen, die es erst noch werden wollen (auch wenn sie es vielleicht nicht wissen), herzliche Ostergrüße. Ich hoffe, ihr verbringt diese Tage wie ich bei traumhaftem Wetter in Gemeinschaft mit euren liebsten Menschen, findet die dicksten Schokoladeneier und findet die Gelegenheit, mit einem Buch (am besten einem von mir) in der Hand zu euch selbst zu finden. Mögen all unsere Begegnungen und glücklichen Momente bleibende Eindrücke hinterlassen.

Und ich wünsche euch einen Partner, der so wundervolle Kuchen backen kann wie Frau Klammerle (2). Und jetzt weg vom Bildschirm und hinaus ins Freie mit euch! Bis bald …

Euer Nikolaus

_________________________

(1) „Wohlverdient?“ Ich weiß, ich bin der einzige, der das so sieht; aber das allein zählt doch, oder? Nach einer Wanderwoche in Südtirol befinde ich mich in der nächsten Woche übrigens nicht direkt im Zentrum der Welt, aber doch genau am geografischen Mittelpunkt Bayerns – was für viel das gleiche ist.

(2) Wir feiern in zwei Tagen – am „Tag des Buches“, wann auch sonst? – bereits unseren 32. Hochzeitstag. Doch das ist eine andere Geschichte, die ich euch schon einmal erzählt habe:

Es gab einmal eine Zeit in der zweiten Hälfte der Achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts – die Älteren unter meinen Lesern erinnern sich vielleicht noch – da war der 23. April weder der Tag des Buches noch der Tag des Bieres. Damals waren Tage einfach nur Tage und political correctness ein Wort, das in keinem Lexikon auftauchte. Die Mauer stand auf felsenfestem Grund zwischen den beiden deutschen Staaten. Helmut Kohl würde noch weitere 11 Jahre Kanzler bleiben. Der junge Mann, der nicht Soldat werden wollte, musste den „Kriegsdienst“ verweigern und vor einem aus alten Nazis bestehenden Ausschuss begründen, warum er nicht auf böse Russen schießen wollte, die gerade seine Familie vergewaltigen. Die Musik und die Frisuren waren grausam – eine ferne Zeit, wie auf einem fremden Planeten – endlos weit von Heute entfernt.

Damals – ich spreche von 1987 – fiel der 23. April auf einen Donnerstag. Es gab es in Augsburg ein am Freitag erscheinendes Käseblatt, das sich „Neue Presse“ nannte. Wenn auf der letzten Seite zwischen Kleinanzeigen und Vereinsnachrichten noch Platz war, lungerte ein Fotoreporter dieser „Zeitung“ vor dem Standesamt in der Maxstraße herum, um vom sog. Brautpaar der Woche ein Foto vor dem Hintergrund des Herkulesbrunnens (daran kommt niemand vorbei, der in Augsburg heiratet) zu schießen und es zu interviewen. Er erwischte ausgerechnet Frau Klammerle, die zu diesem Zeitpunkt noch ganz anders hieß und mich, die wir just an jenem Donnerstag den Bund fürs Leben eingehen wollten. Ich war erkältet, trug einen schlecht sitzenden, grau-melierten Anzug (meinen ersten), eine hässliche Fliege unter einem ausgefransten Gewächs, das ich für einen Vollbart hielt – und, wenn ich die schwarzweißen Fotos, die er von uns machte, genauer betrachte, wahrscheinlich irgendein ein totes, haariges Tier auf dem Kopf. Die nachmalige Frau Klammerle wirkte dagegen wie aus einem Modeheft der Achtziger ausgeschnitten: Man beachte die Dauerwelle in ihren blonden Haaren und die kleinkarierte Jacke mit hochgekrempelten Ärmeln und Schulterpolstern. Manchmal denke ich, Mode wurde nur erfunden, damit man sich später zu Tode schämt.

Hochzeit

„Als sich die Kinderkrankenschwester (23) und der EDV-Profi Nikolaus Klamme (sic!) (24) beim Wochenendtreff der Pfarrjugend von St. Josef tief in die Augen blickten, da war’s um die beiden geschehen. Jetzt, nach fünf Jahren, wurde im Augsburger Standesamt die Sache perfekt gemacht. Nachdem nun der frischgebackene Ehemann seine Traumfrau gefunden hat, habe er nur noch einen Wunsch: Einen Verleger, der sein literarisches Talent erkennt und seine Erzählungen auch druckt … fau/Foto: Müller (Originaltext)“

Ich erlaube mir mal ein, zwei sentimentale, vielleicht abgeschmackte Bemerkungen über den Gang der Dinge. Wie man dem Text zum Bild entnehmen kann, war der damalige „Nikolaus Klamme“ – nicht einmal meinen Namen haben die von der „Neuen Presse“ richtig geschrieben – von seiner Weltbedeutung als Autor überzeugt und wartete jeden Tag darauf, dass ein Verleger an seiner Tür klingeln und ihm einen lukrativen Vertrag unter die Nase halten würde. Tatsächlich hatte ich erst das erste Kapitel von Meister Siebenhardts Geheimnis (das ich eben erst beendet habe), einige kürzere Geschichten und den Roman Die Wahrheit über Jürgen begonnen. Das hinderte mich nicht, unverdrossen an meine Zukunft als gefeierter Schriftsteller zu glauben. Wie hier allgemein bekannt, kam es anders. Ich bin niemals einem Verleger begegnet.

Zwei mir fremde Menschen sehen leicht gequält aus diesem Bild heraus auf eine ungewisse Zukunft. Es fällt mir schwer, in ihrem noch so unglaublich jungen Blick die Frau und den Mann zu erkennen, die wir heute sind. Wenn wir uns heute Abend in dem Lokal, in dem wir unsere Seifenhochzeit (wieder etwas gelernt) feiern wollen, zufällig begegnen würden – das „frischgebackene“ Paar von 1987 und wir, wie wir heute sind – würden wir uns mögen? Hätten wir uns etwas zu sagen, würden wir uns verstehen? Viele Jahresringe sind um unser Selbst von damals gewachsen, so viel ist geschehen. Doch die zwei vom Foto sind noch in uns, aber ganz tief verborgen. Wenn noch einmal 32 Jahre vergangen sind, am 23. April 2051 – dann sind wir fast Neunzig – was werden wir über die Menschen sagen, die wir heute sind?

Der Brautstrauß war übrigens sehr schön und hat mich, wie ich mich erinnere, ein Vermögen gekostet. Meine Frau hat ihn getrocknet und viele Jahre aufbewahrt, bis sie den von Milben befallenen Staubfänger endlich im Sondermüll entsorgte.

Da fällt mir ein: Ich muss noch Blumen für Frau Klammerle besorgen …

 

29 Jahre

Es gab einmal eine Zeit in der zweiten Hälfte der Achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts – die Älteren unter meinen Lesern erinnern sich vielleicht noch – da war der 23. April weder der Tag des Buches noch der Tag des Bieres. Damals waren Tage einfach nur Tage und political correctness ein Wort, das in keinem Lexikon auftauchte. Die Mauer stand auf felsenfestem Grund zwischen den beiden deutschen Staaten. Helmut Kohl würde noch weitere 11 Jahre Kanzler bleiben. Der junge Mann, der nicht Soldat werden wollte, musste den „Kriegsdienst“ verweigern und vor einem aus alten Nazis bestehenden Ausschuss begründen, warum er nicht auf böse Russen schießen wollte, die gerade seine Familie vergewaltigen. Die Musik und die Frisuren waren grausam – eine ferne Zeit, wie auf einem fremden Planeten – endlos weit von Heute entfernt.

Damals – ich spreche von 1987 – fiel der 23. April auf einen Donnerstag. Es gab es in Augsburg ein am Freitag erscheinendes Käseblatt, das sich „Neue Presse“ nannte. Wenn auf der letzten Seite zwischen Kleinanzeigen und Vereinsnachrichten noch Platz war, lungerte ein Fotoreporter dieser „Zeitung“ vor dem Standesamt in der Maxstraße herum, um  vom sog. Brautpaar der Woche ein Foto vor dem Hintergrund des Herkulesbrunnens (daran kommt niemand vorbei, der in Augsburg heiratet) zu schießen und es zu interviewen. Er erwischte ausgerechnet Frau Klammerle, die zu diesem Zeitpunkt noch ganz anders hieß und mich, die wir just an jenem Donnerstag den Bund fürs Leben eingehen wollten. Ich war erkältet, trug einen schlecht sitzenden, grau-melierten Anzug (meinen ersten), eine hässliche Fliege unter einem ausgefransten Gewächs, das ich für einen Vollbart hielt – und, wenn ich die schwarzweißen Fotos, die er von uns machte, genauer betrachte, wahrscheinlich irgendein ein totes, haariges Tier auf dem Kopf. Die nachmalige Frau Klammerle wirkte dagegen wie aus einem Modeheft der Achtziger ausgeschnitten: Man beachte die Dauerwelle in ihren blonden Haaren und die kleinkarierte Jacke mit hochgekrempelten Ärmeln und Schulterpolstern. Manchmal denke ich, Mode wurde nur erfunden, damit man sich später zu Tode schämt.

Hochzeit

„Als sich die Kinderkrankenschwester (23) und der EDV-Profi Nikolaus Klamme (sic!) (24) beim Wochenendtreff der Pfarrjugend von St. Josef tief in die Augen blickten, da war’s um die beiden geschehen. Jetzt, nach fünf Jahren, wurde im Augsburger Standesamt die Sache perfekt gemacht. Nachdem nun der frischgebackene Ehemann seine Traumfrau gefunden hat, habe er nur noch einen Wunsch: Einen Verleger, der sein literarisches Talent erkennt und seine Erzählungen auch druckt … fau/Foto: Müller (Originaltext)“

Ich erlaube mir mal ein, zwei sentimentale, vielleicht abgeschmackte Bemerkungen über den Gang der Dinge. Wie man dem Text zum Bild entnehmen kann,  war der damalige „Nikolaus Klamme“ – nicht einmal meinen Namen haben die von der „Neuen Presse“ richtig geschrieben – von seiner Weltbedeutung als Autor überzeugt und wartete jeden Tag darauf, dass ein Verleger an seiner Tür klingeln und ihm einen lukrativen Vertrag unter die Nase halten würde. Tatsächlich hatte ich erst das erste Kapitel von  Meister Siebenhardts Geheimnis (das ich eben erst beendet habe), einige  kürzere Geschichten und den Roman Die Wahrheit über Jürgen begonnen. Das hinderte mich nicht, unverdrossen an meine Zukunft als gefeierter Schriftsteller zu glauben. Wie hier allgemein bekannt, kam es anders. Ich bin niemals einem Verleger begegnet.

Zwei mir fremde Menschen sehen leicht gequält aus diesem Bild heraus auf eine ungewisse Zukunft. Es fällt mir schwer, in ihrem noch so unglaublich jungen Blick die Frau und den Mann zu erkennen, die wir heute sind. Wenn wir uns heute Abend in dem Lokal, in dem wir unsere Samthochzeit (wieder etwas gelernt) feiern wollen,  zufällig begegnen würden – das „frischgebackene“ Paar von 1987 und wir, wie wir heute sind – würden wir uns mögen? Hätten wir uns etwas zu sagen, würden wir uns verstehen? Viele Jahresringe sind um unser Selbst von damals gewachsen, so viel ist geschehen. Doch die zwei vom Foto sind noch in uns, aber ganz tief verborgen. Wenn noch einmal 29 Jahre vergangen sind, am 23. April 2045 –  dann sind wir über 80 – was werden wir über die Menschen sagen, die wir heute sind?

Der Brautstrauß war übrigens sehr schön und hat mich, wie ich mich erinnere, ein Vermögen gekostet. Meine Frau hat ihn getrocknet und viele Jahre aufbewahrt, bis sie den von Milben befallenen Staubfänger endlich im Sondermüll entsorgte.

Da fällt mir ein: Ich muss noch Blumen für Frau Klammerle besorgen …

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