26.01. Die Nebenwirkungen des Heimbüros …

Alltägliches, Aufreger, Über den Roman, Der Autor, E-Books, Essen, Fragen, Gedankensplitter, Gesellschaft, Glosse, Heimat, Kolumne, Leben, Mánis Fall, Mein Dorf, Roman, Urlaub, Wandern, Werkstattbericht

Dienstag, 26.01.21

Liebe Leserin,

Homeoffice (1) ist ja in aller Munde. Auch wenn Frau Klammerle als examinierte Intensiv-Krankenschwester über diese Diskussion nur bitter lächeln kann, wenn sie mal wieder in Schneetreiben und Finsternis zu Frühschicht oder Nachtwache antritt. Aber sie ist ganz im Gegensatz zu mir gesellschaftlich relevant, wurde schon zweimal geimpft und ist aus dem Gröbsten raus. Meine Autorenarbeit jedoch fand schon immer zu 99 % zu Hause statt. Deshalb war der Corona-Lockdown oder, exakter, -Shutdown (wo kommen eigentlich diese Wörter her?) für mich keine große Umgewöhnung. Er entspricht eigentlich meiner natürlichen Lebensweise. Im Gegenteil, mein Schreibtag ist nun sogar wesentlich strukturierter und ertragreicher. Ich setze für gewöhnlich Abends oder Morgens Texte in meinen Notizbüchern auf, tippe sie anschließend mit meinem neuen Schreibprogramm (2) ab, überarbeite sie, verbessere Fehler und recherchiere im Internet. Am Nachmittag – also jetzt – schreibe ich Blogartikel und arbeite fleißig an meiner neuen Website siebenhardt.wordpress.com. (3)

Ich gebe gerne zu, dass es im Weichbild meines Wohnorts sehr schön ist, wenn das Wetter passt.

Regelmäßig zwingt mich auch Frau Klammerle dann auch – mal mit roher und mal mit sanfter Gewalt, meine Balzac’sche Schreibklause zu verlassen und jagt mich in die gerade tiefverschneiten Wälder rings um Diedorf. Schließlich muss ich ja manchmal ausgelüftet, heruntergekühlt und bewegt werden. Dazu haben wir wieder neu entdeckt, wie sehr es Spaß macht, ein Brettspiel zu spielen und wir kochen jetzt jeden Abend gemeinsam und meist auch lecker. Netflix und Amazon Prime beenden dann den Tag, der meist sehr befriedigend war. Über meiner Nachtlektüre schlafe ich dann ein und der Kreislauf beginnt von Neuem.

Der Verlust der sozialen Kontakte, der mit dem Lockdown einhergeht, macht mir übrigens wenig zu schaffen, denn ich hatte ja noch nie welche. Nur, dass ich meine Söhne höchstens einzeln und dann nur alle zwei Wochen sehen kann, macht mir ein wenig zu schaffen. Mit dem einzigen Freund, der mir inzwischen verblieben ist, treffe ich mich ab und an in einer Videokonferenz und wir spielen übers Internet Schach. (4)

Gut, ganz so rosig ist alles nicht, denn wir bekommen immer wieder einmal einen Lagerkoller, streiten uns aufgrund von Kleinigkeiten. Ich neige – auch aufgrund des Wetters – zu depressiven Momenten und zu Verzweiflungsattacken, wenn wieder einmal ein Tag vergangen ist und niemand auf meinem Blog oder meiner Website gewesen ist und es mir seit Wochen nicht mehr gelungen ist, auch nur ein einziges Buch an die Frau zu bringen. Frau Klammerle geht auf die Nerven, dass sie nur immer mich sieht, keinen Sport treiben, in kein Café darf und keinen Schaufensterbummel machen kann. Und was uns beiden wirklich, wirklich, wirklich fehlt und uns manchmal in Verzweiflung treibt: Das wäre ein Urlaub.  Doch davon kann man wohl in den nächsten Monaten nicht einmal träumen …

Aber ich wollte eigentlich etwas ganz anderes erzählen.

Frau Klammerle ist modern. Ihre Hobbys waren schon immer am Puls der Zeit. Als es „in“ war, hat sie Makramee geknüpft, dann einen Seidenmal-Rahmen und passende Farben gebraucht. Sie hat merkwürdige Kunststoff-Fensterbilder gemalt, Joghurt gemacht, Seife gekocht und hielt sich sogar kurzzeitig einen Kombucha. Sie experimentierte mit Serviettentechnik, gärtnert eifrig, macht Objekte aus Weidenholz und ist jeder Backidee aufgeschlossen. Nur Schneidern, Häkeln und Stricken versucht sie zwar ab und an, wird allerdings mit ihren Projekten selten fertig und ist noch seltener mit ihnen zufrieden. 

Dies ist keine weitere Fantasy-Map von mir, sondern ein ofenfrisches Ergebnis von Frau Klammerles neuestem Steckenpferd: Dies ist ein Foto von ihrem genial leckeren Roggenbrot. Sie hat sich kürzlich sogar einen Gärkorb und eine Steinplatte für den Backofen beschafft (auf dem auch herrliche Pizzen entstehen). Der (noch namenlose) Sauerteig, der jetzt seit ein paar Monaten im Kühlschrank wohnt, ist inzwischen eine Art zweites Haustier geworden, das wenig Ansprüche stellt und mich nicht wie eine gewisse Katze morgens um 06:00 Uhr weckt, weil es Hunger hat. Ein Löffel Mehl in der Woche reicht ihm.

Und deshalb gibt es als jetzt als Frühstück oder kleinere Zwischenmahlzeit immer noch ein leckeres Marmeladen- oder Käsebrot, bevor ich den Schreibvormittag starte. Ganz ehrlich: Das ist das beste Hobby, das meine Frau jemals pflegte und ich hoffe, dass sie es nicht wie manche andere zur Seite legt und in einer Kiste in ihrem Arbeitszimmer versteckt.

___________________________

(1) Homeoffice ist wie Handy übrigens mal wieder einmal ein „denglischer“ Begriff, d. h. niemand außer den Deutschen benutzt ihn. In den USA ist es einfach working at home und ich frage mich, wer den Ausdruck erfunden hat und warum man nicht „Heimarbeit“ oder meinetwegen „Heimbüro“ verwendet kann.

(2) Nach langem Zögern habe ich mich dazu durchgerungen, mir das Schreibprogramm „Papyrus Autor“ zu gönnen, das sich direkt an Schriftsteller wendet. Das Schreiben mit der kostenlosen LibreOffice war nicht unbedingt schlecht, zumindest besser als mit dem grausamen Word. „Papyrus“ hat zwar einigen unnötigen Schnickschnack an Bord, aber auch einige Komfortelemente wie z. B. den Dudenkorrektor oder eine direkte und ordentliche E-Book-Exportfunktion, die ich inzwischen zu Schätzen gelernt habe. Das ideale Schreibprogramm für Autoren gibt es ebenso wenig wie die ideale Kaffeemaschine.

(3) Ich bin dabei, den Prologroman „Mánis Fall“ zu schreiben und noch viel mehr Landkarten für die Site zu erstellen. Ich habe sie inzwischen auch mit einer Wiki verknüpft, auch wenn diese noch keine nennenswerten Einträge hat. Ich glaube, die Online-Brautschau-Enzyklopädie der Jenseitigen und Überlebenden Lande wird eine Aufgabe für meine Rente. Wer trotzdem schon einmal reinschnuppern möchte: Hier ist der Link.

(4) Und, ja, er gewinnt immer, so, wie Frau Klammerle beim „Mensch-Ärgere-Dich-Nicht“. Er war auch früher in dem Spiel besser als ich, aber heute bin ich mit dem langsamen Nachlassen meiner Gehirnleistung chancenlos. Nebenzu: Warum nennen Politiker und Journalisten im Fernsehen eine Online-Konferenz immer eine „Video-Schalte“? Schalte! Was ist das für ein doofes Preußenwort, das mir jedesmal Kopfschmerz bereitet, wenn ich es höre. Hat es etwa der selbe Mensch erfunden, dem wir auch die Homeoffice und das Handy verdanken?

Der „Hobbyautor“ und wie ich das hasse!

Alltägliches, Aufreger, Blog-Rewind, Caféhausgespräche, Der Autor, Fragen, Gesellschaft, Glosse, Kolumne, Kunst, Leben, Literatur, Rezension, Sprache, Werkstattbericht

Ein Schriftsteller ist eine Person,
die sich der Illusion hingibt,
es werde ein weiteres Buch von ihr erwartet.
Reinhard Lettau

„Und? – Was machen Sie beruflich?“

Jeder Künstler kennt diese Frage, die ihm immer wieder bei Lesungen, Vernissagen, nach Konzerten oder Theateraufführungen von einem wohlmeinenden, durchaus interessierten Publikum gestellt wird. Sie rangiert neben „Woher haben Sie eigentlich ihre Ideen?“ unangefochten auf Platz Eins der häufigsten und zugleich dämlichsten Fragen, die man einem Kunstschaffenden stellen kann.

Freilich üben die meisten Künstler noch mindestens einen Brotberuf aus, denn in unserer gierigen Möglichst-billig-oder-wenn’s-geht-gleich-Gratis-Gesellschaft und der kriminellen Mitnahme-Mentalität, die im Internet herrscht (1), können nur wenige ausschließlich von ihrer Kunst leben und auch diese werden nicht einmal annähernd adäquat bezahlt. Wenn der Künstler nebenher kellnert, in einem Büro Akten sortiert, Kinder oder Erwachsene unterrichtet oder Alte pflegt, Post austrägt, Fliesen legt oder Webseiten gestaltet (alles Dinge übrigens, die ich schon einmal während meiner Karriere gemacht habe), fragt ihn dort auch niemand, was er denn neben diesen Jobs sonst noch beruflich mache. Dabei ist doch immer dieser Brotberuf, dem ich nur gezwungenermaßen nachgehe, um mich und meine Familie durch den Winter zu bringen, derjenige Job, der bei mir immer erst an zweiter Stelle kommt. Oder meint hier jemand ernsthaft, Goethe war in erster Linie Weimarer Geheimrat, unterschrieb begeistert Todesurteile und verwaltete den örtlichen Bergbau? Jeder Autor würde wie Arno Schmidt sofort eine monatliche Rente von Herrn Reemtsma akzeptieren, damit er nur noch schreiben kann. Nebenbei: Wenn mich jemand mäzenatisch unterstützen möchte, nur zu …

Nein. Schriftsteller zu sein, ist kein Hobby –  es ist eine Lebensentscheidung, ein Ausdruck der Persönlichkeit. Ein Muss. Entweder man lebt – oder man schreibt. Es gibt nichts drittes. Die Literatur ist eine eifersüchtige Geliebte. Trotzdem macht in den letzten Jahren die leicht despektierliche Formulierung vom „Hobby-Autoren“ die Runde, als ob jeder, der nicht zumindest ein Werk gebunden und gedruckt in einem Verlag veröffentlicht hat und Mitglied im PEN ist, ein Dilettant wäre und nur aus Spaß in seiner Freizeit schreiben würde; ganz wie jemand, der morgens gerne mit Stöcken durch den Wald rennt, Gerichte von Johannes Lafer nachkocht, Joga macht oder in der Toskana Töpferkurse besucht. Ein Autor ist niemand, der gelangweilt nach einer Möglichkeit sucht, dem inneren horror vacui durch ein Hobby zu entkommen, der in die Freizeit die Nichtigkeit des eigenen Daseins projiziert. Dieser Billig- und Verächtlichmachung seiner Werke ist man als Autor ständig ausgeliefert. Sie ist eine Frechheit und Anmaßung, eine Beleidigung. Niemand würde einem Schreiner beim Regalbau reinreden oder ihn gar kritisieren, behaupten, er könne das alles viel, viel besser, wenn er nur wolle.(2) Aber beim Schreiben: Da ist jeder plötzlich ein Fachmann und Kritiker – wahrscheinlich, weil er es in der Schule irgendwann mehr oder weniger korrekt gelernt hat, Erlebnisaufsätze und Erörterungen auf’s Papier zu kritzeln und ein Powerpoint-Referat zu halten. Manche Kritiker gleichen einem katholischer Pfarrer, der von der Kanzel herab arrogant über die Empfängnisverhütung richtet.

Mein selbstgebauter Stuhl

Apropos Schreiner – ich habe auch schon mal einen Stuhl gebaut. Er darf gerne kritisiert werden.

Freilich gibt es auch solche, die durch Internet- oder gewisse Bezahlverlage massiv und aufdringlich an die Öffentlichkeit drängen und mit ihren nicht lektorierten und banalen Liebes-, Vampir- und Sadomaso-Geschichtchen, autobiografischen Dramen oder banaler Fan-Fiction den Markt überfluten. Leider kann man das Schreiben nicht lernen, auch wenn einem Volkshochschulkurse, Unidozenten und Workshop-Leiter etwas anderes einreden wollen. Schreibseminare sind Unfug, es gibt in der Literatur kein Malen nach Zahlen. Entweder man ist Autor – oder man ist keiner. Wer übers Schreiben redet, ist in der Regel kein Schriftsteller. Wobei sich also der Autor nicht über seinen Seiten-Output oder seinen Erfolg, sondern über seine innere Einstellung und über seine Leser definiert. Auch bei Autoren sollte man zwischen Künstlern und Kunsthandwerkern unterscheiden.

Trotzdem sind auch diese „Freizeit-Schreiberlinge“ von der Bedeutung ihrer Werke überzeugt, denn sie zerren sie aus ihrer Schreibtischschublade ins Licht eines Publikums. Damit haben die Texte keinen Tagebuchcharakter mehr, sind kein „Steckenpferderzeugnis“ für den Privatgebrauch wie eine selbst getöpferte Tasse. Sie sind an einen Dritten gerichtet; sie sind – damit ich auf meinem Blog auch einmal den leider allzu früh vergessenen Jean-Paul Sartre zitiere – „ein Appell an die Freiheit des Anderen, die literarische Schöpfung zum Abschluss zu bringen“. Und ein literarisches Werk ist eben erst dann vollendet, wenn es den Anderen findet, an den es gerichtet ist, den Leser. Der Akt des Lesens ist ebenso schöpferisch wie der des Schreibens- und manchmal ist er ebenso mühsam und quälend. Auch Lesen ist eigentlich kein Hobby. Das wird oft vergessen.

Manchmal, wenn ich die Bestsellerlisten bei Amazon durch-„scrolle“, kann ich mich allerdings nicht dem Eindruck entziehen, es gäbe mehr Autoren als Andere, als Leser … Aber zum Abschluss der literarischen Schöpfung ist es vollkommen gleichgültig, wie viele das Werk lesen, es muss nur gelesen werden. Auch das ist ein Grund, aus dem ich diesen Blog führe. Ich suche diesen einen Leser. Und er wird hier reichlich fündig.

Wenn er denn will …


(1) Eine einfache Google-Suche nach meiner Literatur bringt gut zwanzig Fundstellen im Netz, wo man meine geraubten Bücher gratis herunterladen kann. Ich weiß nicht, ob ich glücklich oder traurig sein kann, dass wohl niemand dieses (virenverseuchte) Angebot annimmt, da mich eh kaum jemand liest.

(2) Ein – selbstverständlich – inzwischen ehemaliger Freund hat mal behauptet, wenn er Bücher schreiben würde, wären sie viel besser als meine. Und die Berliner Berge wären viel höher als die Bayerischen – wenn sie denn welche hätten.