Aber ein Traum …

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Der Oktopus (eine Kurzgeschichte a la Heun)

Heute hat ein guter Freund von mir Geburtstag; ein Freund, den ich in den letzten Jahren leider etwas aus den Augen verlor (oder er mich, wie man es auch betrachten will). Selbst wenn wir uns leider in vielerlei Hinsicht voneinander entfernt haben: HD, ich denke heute an dich und feiere schön dort oben in deinem niederbayerischen Paradies zusammen mit 264 rothaarigen Feen! Den Prosecco habe ich schon auf Eis gelegt.

Du weißt es: Diese Geschichte habe ich dir gewidmet.

*

Es folgt nun ein Capriccio im literarischen Stil meines Freundes Hans-Dieter Heun aus meiner umfang­reichen Texthalde. Ich weise in diesem Zusammenhang noch einmal auf seine Romane hin, die wirklich humorvoll und lesbar. Und schon lasse ich wie automatisch das Hilfszeitwort am Ende des Satzes weg; eine Auslassung, die den Heun’schen Stil maßgeblich prägt und unverwechselbar macht. Ich kann eben nicht nur Balzac nachmachen.)

Der Oktopus
Ein Capriccio(1) ala Heun

Ein Vorzug meines Rentier-Lebens (das ist jetzt nicht mit Rentier-Fleisch zu verwechseln, das zäh und tranig – ganz anders als der Rentier auf Tabor, wo zu wohnen ich das wohl verdiente Schicksal habe) ist das Glück, für und mit Freunden zu kochen – mit ihnen den besonderen Au­genblick: den einen Schluck, den einen Bissen teilen. Wenn dann mein lieber Freund und Trauzeuge – fast hätte ich Kupferstecher gesagt -, nämlich der bekannte Autor Ni­kolaus M. Klammer, seinen Besuch zu Silvester ankündigt: Dann ist dies des Glückes fast zu viel. Aber ist nicht je­der seines Glückes Koch?

Nichts weniger als ein Silvestermenü sollt’s also sein – und ein besonderes dazu. Der Herr Kupferstecher ist nicht allem Fleischli­chen abhold, kaut es aber nur ungern zwischen den Zäh­nen (wenn es einmal tot), jedoch ist er nicht bayeri­scher als der Papst und neben den Früchten des Ackers auch denen des Meeres zugeneigt – isst also neben Obst und Gemüse immer wieder einmal alles, was schwimmt. Da ich nicht erneut ein Zicklein in den Teich hinterm Haus werfen wollte – die armen Goldfische sind vom letzten noch durcheinan­der – ließ ich mir vom Münchener Großmarkt in aller Herrgottsfrühe einen hundsgemeinen Oktopus besorgen, der sich allerdings als sau-gemein herausstellte.

ERSTES GEDICHT VOM OKTOPUS

Ein Oktopus, ein Oktopus,
acht Arme hat er und kein’ Fuß,
ist die Speise, die man servieren muss.
Denn glücklich wird ein jeder Tisch,
belädt man Teller mit Tintenfisch.

Ein Oktopus, ein Oktopus,
ist ein wahrer Hochgenuss,
wenn er zart wie ein Zungenkuss.
Wird er dir gelingen,
werden deine Freunde Hymnen singen.

oktopusSo, nach dieser lyrischen Einlage tun wir was für die Bil­dung: Die fälschlich als Polypen bezeichneten Kraken – Octopoda vulgaria – italienisch Polpo – gehören zur Fa­milie der Kopffüßer und sind nicht mit Kalmaren oder Tintenfischen zu verwechseln … Sie wissen schon, jenen schlabberigen, fetttriefend frittierten Gummireifen, die Sie gemeinsam mit matschigem Majonäse-Knoblauch-Brei beim Italiener um die Ecke serviert bekommen.

Die lernfähigen Achtfüßer haben bezeichnenderweise 8 (in Worten: Acht) Arme und erreichen eine Gesamtlänge bis über 4 Meter. Für Bodenhaftung auf glatten Flächen sorgen reihenweise Saugnäpfe. Oktopussy ist ein nacht­aktiver Einsiedler und labt sich an Krebsen und Muscheln, der alte Feinschmeck, der … Er kann sich farblich der Umgebung anpassen und, wenn er sich nicht festgesaugt hat, pfeilschnell sein (wir reden noch vom Kraken und nicht von der Erbschaftssteuer). Die äl­testen Vertreter der achtarmigen Tintenfische tauchten vor etwa 264 Millionen Jahren auf. Genug der Bildung. Merken Sie sich die Zahl Acht. Das genügt.

Während am frühen Nachmittag der Besuch nebst mei­ner Gattin im Thermalbad zu Bad Birnbach bei 34° warmem Wasser pochierte, hatte ich Ähnliches mit dem achtarmigen Mittelpunkt der heutigen Tafel im Sinn.

Falls Sie alles nachkochen wollen (aber lesen Sie auf je­den Fall vorher zu Ende): Man nimmt den Kraken, spült ihn und schneidet den Kopf ab, was nicht ganz einfach, denn er sitzt zwischen Armen und Körper. Den Kopf wirft man weg (oder kocht ihn mit und erfreut später mit ihm diese Mistviecher von Kat­zen in der Gegend). Vom Sack zieht man die Haut ab, stülpt ihn um und entfernt die Innereien. Das Kauwerk­zeug zwischen den Fangarmen wird ebenfalls herausge­schnitten.

Fischer schlagen den Kraken nun gegen brandungsumbrauste, salzüberkrustete Felsen. Dem Oktopoden fehlt jedes stützende Skelett, deshalb haben seine Arme (8 Stück!) ein Eiweißgerüst aus elastischen und ver­zweigten Proteinen, die dem Bindegewebe von Landtie­ren ähneln. Durch die Gewalt platzende Zellen setzen Enzyme frei, die die Eiweißfasern zerschneiden und den Kraken zarter machen. Wenn wir das Eiweiß so behan­deln, dann wird eine Delikatesse daraus. Da ich nur we­nige Felsen mein Eigen nenne, klopfte ich meinen Okto­poden über dem Rand der Wanne im Badezim­mer windelweich. Sie können diese Arbeit auch auf Ihrer Küchenplatte, der edlen Travertinstein-Terrasse oder an den Säulen Ihres Vestibüls erledigen; wichtig ist, dass Sie wirklich brutal und rücksichtslos.

Haben Sie auf diese Weise Oktopussy fix und fertig gemacht, schneiden oder zerschnipseln Sie 4 Karotten, 1 Zwiebel, ¼ Sellerie, eine Stange Lauch, ½ Fenchel und bringen alles in ei­nem schweren Topf mit ca. 1 ½ l Wasser, ¾ l trockenem Weißwein, 4 Lorbeerblättern und 4 kleinen scharfen Chilischoten zum Kochen. Manche Köche legen noch alte Wein­korken ins Kochwasser, sie sollen feste Verfilzungen und Gummitextur des Fleisches ver­hindern. Am wichtigsten ist, einen Oktopus sanft zu dünsten oder knapp unter dem Siedepunkt zu pochieren, damit sich die Proteine langsam auffalten, lockere Netze bilden und Wasser binden. Sie können alle Techniken kombinieren, entscheidend ist die sensible Temperatur­steuerung. Und lassen Sie sich drei bis vier Stunden Zeit – mindestens.

Day of the tentacleKommen wir zur Katastrophe: Der Begriff Krake kommt aus dem Norwegischen und bezeichnet ein Seeungeheu­er, das trinkfeste Seeleute im Mittelalter entdeckten. Vieles spricht dafür, dass Homer in der Scylla einen Kraken beschrieb.

Meine Scylla entpuppte sich als wür­diges Monster! Während ich sie vorsichtig köcheln ließ, wurden die acht Arme nicht weicher, sondern kleiner – schrumpelten wie der beste Freund des Mannes nach ei­nem Sprung in eiskaltes Wasser. Ursprünglich über ei­nen Meter groß (der Krake, nicht der Freund), war der saugemeine Oktopus nach einer Stunde im Topf um die Hälfte geschrumpft!

Das war kein Hauptgericht mehr, der Oktopus disqua­lifizierte sich zur kleinen Vorspeise. Aber ein Koch, der sich nicht zu helfen weiß, ist keiner. Der Freund und die Gat­tin planschten noch einige Stunden im Lauwarmen – ge­nug Zeit, umzuplanen: Tintenfischrisotto oder ein lecke­rer Salat ließ sich aus dem Tierchen auf jeden Fall noch gewinnen, wenn es nur endlich Mitleid mit mir hätte und sich er­weichen würde. Ich eilte in den Keller, die Vorräte kon­trollieren. Vielleicht musste ich einem im Eisschrank tiefgefrorenen Hasen das Schwimmen beibringen, damit jener den Tag rettete.

Als ich wieder in den Topf sah, zog es mir buchstäblich die Schuhe aus: Erneut war der Krake geschrumpft, hat­te die Größe eines gewöhnlichen Kalmaren – und war noch immer nicht weich. Das Tier machte sich lustig über mich, den Chef de Cuisine, den Maître!

Na warte! Ich schob meine weißen und gelochten Latschen zur Seite, spürte die kühlen Terrakotta-Fließen unter mei­nen ausladenden Fußsohlen. Ich erdete mich. Das war ein Zweikampf: Der größte Koch der Welt gegen den Kraken – da konnte es nur einen Gewinner geben. Zum Amuse-Gueule reichst du noch, dachte ich, das »freut das Maul«. Dich krieg’ ich weich – windelweich!

Wie die meisten Schriftsteller konnte man Nikolaus mit der Witwe Clicquot oder dem Baron Rothschild ab­lenken, bei den Damen war das schon schwieriger! Ich sah bereits den halblächelnden Blick meiner Holden auf mir lasten, mit dem sie mitleidig die Reste des Kraken begutachten würde: Nein, jetzt musste eine zündende Idee her.

ZWEITES GEDICHT VOM OKTOPUS

Oktopus, oh Oktopus,
was ich mit dir erleben muss.

Oktopus, oh Oktopus,
du bereitest nur Verdruss.

Oktopus, oh Oktopus,
jetzt ist aber endlich Schluss.

Ach, Oktopus, nun werd’ schon weich,
landest sonst gleich
als Futter bei den Fischen im Teich.
*

Wieder verging eine Stunde, dann sah ich erneut nach dem Kraken. Es roch verführerisch in der Küche. Ich nahm einen Schaumlöffel, fischte nach dem unbeugsa­men Monster. Sie werden es nicht glauben, aber ich lege meine Hand ins Feuer, denn ich lüge oder übertreibe nie:

Im Topf schwammen Karotten, Zwiebeln, Sellerie, Lauch, Fenchel, Lorbeerblätter, Chi­lischoten und sonst – nichts. Der Krake hatte sich einfach in Luft oder besser gesagt, in Wohlgeschmack aufgelöst … Wobei, das stimmt nicht ganz: Tief un­ten, unter dem Gemüse, auf dem Boden des Topfes, lag eine Kugel aus lila-schwar­zer Materie, hart wie eine Glasmurmel und tonnen­schwer. Es war unmöglich, den Topf anzuheben oder sie mit einer Schöpfkelle herauszufischen. Die acht Arme hatten sich wie die Milchstraße ineinander gedreht und dabei in ein schwarzes, materieschweres Loch verwandelt. Ich fühlte mich, als würde ich hinein­gezogen und hätte mich dort am Liebsten für alle Ewigkeit und noch länger versteckt.

»Was gibt es heute Abend Leckeres?« Meine Frau stand in der Küchentür, schnupperte. Frau Klammerle und mein Freund und Trau­zeuge schoben sich hinter ihr herein.

»Die Sauna macht hungrig«, rief er.

»Suppe«, sagte ich, »leckerste Oktopussuppe, das Beste, was es gibt. Das gibt es auf keiner Speisekarte der Welt. So eine einmalige Köstlichkeit kriegst du nur bei mir. Mein Pota­ge beschert sogar Mumien feuchte Träume.«

Und – glauben Sie’s mir oder nicht – ich hatte recht!

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(1) Bitte nicht mit einem „Carpaccio“ verwechseln, das sind zwei grundverschiedene Dinge.

Wochenlese 14.10. – 20.10.2013

„Der Hans hatte gesoffen und als Märchenerzähler auch oft genug gelogen,
dafür musste er in der Jauche büßen.
Noch lange, sehr lange.“
Hans-Dieter Heun, Die Läusekönigin

Ich will es gleich zu Anfang zu sagen: Es gibt keine unparteiische, objektive Kritik.

Im Besonderen kann man keine solche von einem Schriftsteller erwarten, wie ich einer bin, besonders wenn ich ein Buch eines Freundes rezensiere. Denn für mich gelten beim Schreiben andere Regeln; jeder Satz, den ich zu Papier bringe, ist hoffnunglos subjektiv, durchtränkt von meinen festen Meinungen und Vorlieben, mancher würde sagen: Vorurteilen. Ich werde also in den Himmel loben oder in den Abgrund der Hölle verteufeln. Entweder – oder. Ein gleichgültiges, achselzuckendes Zwischendrin, ein paar lauwarme, abwägende Worte wird es von mir nicht geben. Schon durch das erste Wort dieses Artikels wurde eine eiserne Grundregel des deutschen Journalismus gebrochen, „ich“ darf es bei ernsthafter Kritik nicht geben, „ich“ ist eine Todsünde in einer Rezension, man darf höchstens als „der Kritiker“ von sich reden und dies nur in der Exposition und in der Synthese. „Den Autoren“ – also mich – langweilt das und ich behaupte einfach mal, den Leser meiner Kolumnen ebenfalls.

Deshalb, hemmungslos subjektiv, an dieser Stelle eine Lobpreisung: Ich liebe den neuen Roman von Hans-Dieter Heun und zwar in solch enger Freundschaft mit dem Schriftsteller verbunden, wie man es sich überhaupt denken lässt. Im Gegensatz zu Manchem bin ich nicht eines anderen Dichters Wolf. Aufgrund erwartbarer Zweifel bei einigen Lesern dieses Blogs will ich auch noch anmerken: Trotz meines gestrigen Artikels habe ich Heuns Buch gelesen, seine Entstehung über die Jahre verfolgt und zumindest anfänglich begleitet (Ich bin im Besitz einer frühen Fassung des Romans, einer Art „Ur-Faust“ von 2008, die damals noch den Titel „Parkbank No. 7“ trug und allein den Elmar-Juliane-Handlungsfaden enthält). Ich freue mich, den „Page-Turner“, wie meine englischsprachigen Freunde solch einen 400-Seiten-Wälzer gerne nennen, endlich vollendet vor mir liegen zu haben. Er hätte etwas besseres verdient gehabt als diese leider recht einfache, etwas lappige Ausgabe des aaVaa-Verlages im billig broschierten Taschenbuchformat; es macht den Roman dadurch aber für wirklich jeden erschwinglich. „Wenn Sie in diesem Jahr nur zwei Bücher kaufen, erwerben sie unbedingt dieses“, um mal einen Lieblingssatz meiner Kritikerkollegen zu benutzen. Von mir deshalb an dieser Stelle eine absolute Kaufempfehlung! Sie richtet sich in erster Linie an Leserinnen jeden Alters, die genug von „grauen Schatten“ und „zwielichtigen Vampiren“ haben und endlich einmal eine wirkliche Liebesgeschichte mitleiden und herzhaft lachen möchten. Ich spreche von:

läuseköniginHans-Dieter Heun
Die Läusekönigin
aaVaa Verlag, 2013

Inzwischen ist die Läusekönigin auch zu einem Schnäppchenpreis z. B. bei Beam eBooks als E-Book DRM-frei erhältlich. Wer jetzt nicht zugreift, ist selbst schuld!

Hans-Dieter Heun, der erst nach seiner vom Schicksal arg gebeutelten Karriere als Koch und Wirt zum Schreiben fand, ist das, was man im 19. Jahrhundert als „Originalgenie“ bezeichnete und er gehört zu den Autoren, die eigentlich ihr Leben lang an nur einem einzigen Roman schreiben, auch wenn sie so produktiv sind wie der auf einem niederbayerischen Einödhof lebende und arbeitende Autor, der aus diesem selbstgewählten Exil regelmäßig „Abschnitte“ seines Opus magnum veröffentlicht. Nach seinem Kochbuch, dem umfangreichen Roman „Geile Farben“ und seinen Geschichtensammlungen ist nun „Die Läusekönigin“ das vorerst letzte Glied in dieser Kette und was soll ich sagen: Heun wird immer besser.

Was für ein unglaubliches Panoptikum begegnet uns auf diesen Seiten: Ein Erzähler aus der Güllegrube, dessen boshafter Bruder, eine duldsame Parkbank, ein erfrorener Penner und seine weiße Taube, die eigentlich sein treuer Hund ist, als himmlische Boten in der äußerst delikater Mission, den schüchternen, von der bigotten Mutter unterdrückten Elmar und die forsche emanzipierte Masseuse Juliane als Liebespaar im Wortsinn zueinander finden zu lassen, der überarbeitete Pförtnerengel Rasmus und noch viele weitere skurrile Gestalten bevölkern diesen Roman und dazu kommt noch das personifizierte Böse: „Die Läusekönigin“! Wir begleiten die Figuren durch einen städtischen Park, durch die zerklüfteten Vulkanschluchten von Lanzarote, durch den Himmel und die Hölle, durch ihre Träume und ihre Vergangenheit, durch groteske Abenteuer und skurrile Begebenheiten.

Mit überschäumender Phantasie und einer überwältigenden Vielzahl an komischen, pikanten, phantastischen, brüllend lustigen, aber auch höchst romantischen und sentimentalen Szenen fabuliert sich Hans-Dieter Heun unterhaltsam seine ureigene Version der „Schneekönigin“ von Hans-Christian Andersen zusammen und gibt weitere Hinweise, warum 264 eine ganz besondere Zahl für ihn ist.

Ihm ist ein Roman gelungen, den niemand wieder aus der Hand legen wird, der ihn einmal begonnen hat und will man in der deutschen Literatur Vergleichbares finden, dann muss man weit in die Vergangenheit gehen und lange suchen. Denn „Die Läusekönigin“ ist hierzulande etwas ganz seltenes. Heun schreibt aus einer Froschperspektive, aus der er den Leser harmlos durch das ganze Werk führt. Er gönnt sich dabei eine Narrenmaske. Mit ihr demaskiert er die Gesellschaft.* „Die Läusekönigin“ ist ein Schelmenroman, wie er eigentlich nur in der englischsprachigen und  in der russischen Literatur Tradition hat, obwohl es doch in „Teutschland“ mit dem abenteuerlichen Simplizissimus von Grimmelshausen, mit Johann Karl Wezel oder meinem geliebten E.T.A. Hoffmann so gut angefangen hat. Das ist schade, denn der Literatur hierzulande würde es gut anstehen, wenn wir in 20. Jahrhundert einen John Steinbeck, einen Jaroslav Hašek oder einen Tom Robbins gehabt hätten.

Aber jetzt haben wir Hans-Dieter Heun.

*siehe auch: Pavel Mazura, Zwei Beispiele des Schelmenromans in deutscher Literatur, Brno 2010

Die Vision eines x-beliebigen Barmanns in Rom

Mein lieber Freund Hans-Dieter Heun hat sich mal seine Gedanken über das Thema meines Blogs gemacht. ‚So saufe du nun auch, daß du taumelst‘. Dabei entstand die folgende gelungene Kurzgeschichte, die er mir dankenswerterweise überließ und die ich heute als einen Gastbeitrag präsentiere. Sie möge munden.
HD wäre allerdings nicht HD, wenn er dabei nicht einen Hintergedanken hätte.
Er hat ein neues Buch veröffentlicht:

läuseköniginHans-Dieter Heun
Die Läusekönigin

Dies ist die tragikomische Geschichte des ehemaligen Zirkusartists Ludwig, der, zum Penner verkommen, in einer kalten Dezembernacht mit seinem Hund auf der Parkbank Nummer 7 erfriert. Engel tragen beide, fest aneinander gefroren, zur Himmelspforte, aber Hunde, selbst aufgetaute, sind im Paradies strikt verboten. Ludwig will jedoch auf seinen treuen Kumpel keinesfalls verzichten, schließlich findet der verantwortliche Aufnahmeengel eine vorläufige Lösung. Ludwig wird vom Himmel aufgetragen, zurück auf Bank Nummer 7 für das Liebespaar Juliane, selbstbewusste Physiotherapeutin, und Elmar, schüchtern unbeholfener Kartograph, ein im wahrsten Sinne des Wortes befriedigendes Ende herbeizuführen. Doch da lauert sie schon, die Läusekönigin.

Wer den Barmann mochte, wird nicht unglücklich werden, wenn er Die Läusekönigin für ein geringes Entgeld z. B. hier oder beim Buchhändler seines Vertrauens erwirbt, ein-, zweimal liest und sie begeistert weiterschenkt. Im Gegenteil, es könnte sein, dass er dabei seinem neuen Lieblingsautor begegnet. Aber jetzt endlich:

Die Vision eines x-beliebigen Barmanns in Rom

Eigentlich war der x-beliebige Barmann gar kein richtiger, gelernter Barmann – einer mit Zertifikat einer internationalen oder auch nur nationalen italienischen Barmixervereinigung. Nein, er war nur ein x-beliebiger Barmann, weil seinen Eltern, die sich möglicherweise bereits in Sizilien auf einem Weingut zur Ruhe gesetzt hatten und von ihm vielleicht eine Art monatliche Pacht überwiesen bekamen, diese Bar gehörte, mit welcher der X-Beliebige jene Pacht erwirtschaftete. Die Eltern also gleichfalls schon als Barmann und Barfrau tätig gewesen sind, und es folglich auch anzunehmen ist, dass die Nachkommen des jetzigen x-beliebigen Barmanns weitere Barmänner und Barfrauen werden würden, da die Bar über die monatliche Pacht hinaus ziemlich einträglich … da sie nämlich mit einer wahrhaft guten Lage gesegnet war.

Segen in Rom ist jedoch nichts Unnormales, und es gab oder gibt bestimmt viele einträgliche Bars in der und um die Mitte Roms herum oder in der Nähe des Vatikan-Staates. Genauer vermag sie, jene Bar, der Autor jedoch nicht zu beschreiben, denn der Schreiberling war noch nie in Rom – hat es auch nicht im Sinn –, er stellt sich die Kneipe nur einfach so vor, und das ist für den weiteren Verlauf, nebenbei gesagt, auch völlig wurscht, denn die Grundvoraussetzung dieser Geschichte über eine einträgliche Bar würde schon stimmen, und kann man auch ohne weiteres so durchgehen lassen, denn in Rom gibt es auf jeden Fall sehr viele Pilger.

Schriftstellerische Annahme ist ebenfalls, dass der x-beliebige Barmann sein von den Eltern erlerntes Fach ziemlich gut beherrschte: Tradition, eigenes Erfahren, eine gute Beobachtungsgabe und Arbeitseifer, gepaart mit vollendeter Höflichkeit, wenn auch nicht mit Zertifikat. Ach ja, darüber hinaus besaß er noch ausnehmend schöne braune Augen.

Die grün-weiß-roten Plastikschnüre – Lokalkolorit, Heimatverbundenheit macht sich immer gut –, die Fliegen abhalten oder einbehalten sollten (vergeblich, ein die Inzucht verhindernder Austausch war stets in regem Gange), teilten sich, und ein Schwarm Gäste (nicht nur Fliegen) betrat das Lokal, die Bar.

Nein, betraten ist nicht die richtige Beschreibung, die neuen Gäste stolperten vielmehr über die etwas zu hoch angebrachte, mit Terpentin getränkte hölzerne Eingangsstufe – gemeine Fußfalle –, ihre Gästehände, um einen drohenden Sturz abzuwenden, in saukomischer Gestik nach vorne gestreckt. Der x-beliebige Barmann grinste leicht spöttisch, wie er schon tausendmal zuvor – vielleicht mehr, vielleicht auch weniger? – mit seinen schönen braunen Augen dermaßen Stolpern belächelt hatte. Dennoch, es stolperten Gäste, und die brachten Geld.

Bayern, die gern gesehenen Gäste stammten aus Niederbayern. Da war sich der Barmann ziemlich sicher, hatte er doch in seinen unruhigen Jugendjahren als Schankkellner in einer x-beliebigen Pizzeria nahe Bad Griesbach gearbeitet und dabei jene Urlaute der bayrischen Bevölkerung bestens kennen gelernt, die nun seine Eingangsstufe lobten: Kruzitürk´n, Stufn ausländische, Scheißglumb vareggds, Kreizkruzifixhalleluja, den Hois kunnd ma sich brecha, Sacklzement! Und er hörte auch die milden, besonnenen Einwände der die Männer begleitenden Damen: Schorsch, Sepp, gebd´s a Ruah! Mia san in Rom, und unsa Heilige Vodda sigd ois, dea Heilige Vodda head ois und dea Heilige Vodda riachd ois. Oiso, seids staad!

Weißbier, der x-beliebige Barmann würde sehr viel Weißbier verkaufen, das in Rom schon seit dem frühen Mittelalter bekannt. Ein gutes Geschäft, soviel stand fest. Nachdem sich die niederbayrischen Augen seiner neuen, sehr gern gesehenen Kunden an das Halbdunkel der Familienbar erst einmal gewöhnt hatten, setzte sich die Gruppe ruhig und artig an die Tische, und zwar ohne erst groß – wie etwa Besucher aus Norddeutschland – die Tischplatten und den roten Kunstlederüberzug der Sitzbänke mittels Tempotaschentüchern auf Reinlichkeit zu überprüfen. Die Gäste starrten und winkten auch nicht fordernd in Richtung Theke, sondern warteten geduldig, bis der X-Beliebige sich von alleine in Bewegung setzte, um sie zu versorgen – Bierruhe der Bayern, an grantige Bedienungen gewohnt. Der Barmann, sich der feschen niederbayrischen Maderln erinnernd, liebte sie schon jetzt, und vielleicht würde er ihnen auch zum Weißbier in der Musikbox ein Potpourri der drei Tenöre drücken … später, nach einigen Kästen, sich gar bitten lassen, mit seiner strahlenden Stimme doch selbst zu singen. Sein „Ave Maria“ war weithin berühmt.

Chef!“, der x-beliebige Barmann war entzückt. Sie sagten „Chef“ – sein Herz flog nach Niederbayern – und nicht einfach „Mario oder „Pepe“ oder, viel schlimmer, ein fingergeschnipstes „Hey Macaroni!“.

Chef, wos kriag´n mia denn zum dringa?“ O Mama mia – die im Übrigen immer noch in Sizilien weilte -, er verstand ihre Sprache und darüber hinaus durfte er sie auch noch beraten. Da liebte der Barmann seine Gäste so sehr, dass er beinahe versucht war, die erste Runde des freudig bestellten Weißbiers auszugeben. Aber nur beinahe.

Er zeigte ihnen seine Liebe anders, war kein x-beliebiger Barmann mehr. Oh nein, er würde glänzen unter Seinesgleichen. Erst einmal das Woazn gekonnt eingeschenkt: Die durch italienischen Menschen und italienischen Fliegen höchst wahrscheinlich verunreinigte Bierflasche des original importierten Wolferstetters nicht einfach in den weißen Bierschaum gestülpt, nein, wahrhaft nicht, sondern den Flaschenhals im ebenfalls original Wolferstetter Weißbierglas leicht schräg gehalten und über dem aufsteigendem Schaum bedächtig nach oben gezogen. Perfekt, Glas für Glas, und seine Bayern würdigten das: Er war ab sofort ein besonderer Barmann.

Applaus von dankbaren Händen, bewunderndes Rülpsen aus dankbaren Kehlen. Nur unterbrochen von schmeichelnden Bemerkungen der immer schöner werdenden Damenwelt – ein kleiner Grappa zwischen der vielen Arbeit durfte doch wohl sein –, die eigentlich nicht für seine klassisch geformten Ohren bestimmt, die er aber dennoch als vertraute Laute verstand: „ Hoosd du dem Wirt seine Augn gseng? I sog dia wos, wenn mia ned in Rom zum Betn waradn, war dea glad a Sünd werd.“ Er würde ihnen die Gebäckstangen schenken.

Es wurde sehr lustig, die drei Tenöre in der Musikbox sangen unter vollem Dampf. Die Bayern und der Barmann wurden Freunde, fast Geliebte. Irgendwann, nach höflicher Anfrage, tauchten Tonflaschen voll mit Bärwurz auf. Aus dem Reisebus geholt und in der Bar getrunken, dem besonderen Barmann, der längst nicht mehr auf schnöden Gewinn fixiert, völlig Salami. Sein sehr gerne gespendeter Liebesdienst.

A echda Bärwurz und a Wolferstetter Woazn, unübertroffenen Brüder im Duft. Der Bärwurz – Schnaps und ebenso Geist einer Zauberwurzel, nächtlich bei Neumond vom Grab einer eisernen Jungfrau gepflückt –, verbreitete alsbald seinen unnachahmlichen Aasgeruch in des Barmanns Bar, unterstützt von zahlreichen Wolferstetter Bäuerchen hinter vornehm vorgehaltener Hand. Sie gingen ihm über, die schönen braunen Augen.

A Stamperl Bärwurz, nix fia schwache Leit, owa guad fia a gleibige Seel. Mogsd a oan, Giuseppe?“ Sie waren beim Du, und Giuseppe mochte einen.

Explosion des unerwarteten, nie gedachten Geschmacks. Madonna mia! Das überraschte Auge – und besonders das braune Auge, Organ des Gesichtsinnes zur Bildwahrnehmung der Außenwelt, aber dazu auch Spiegel, welcher der starken Beeinflussung von Seele und Körper unterworfen ist – füllte sich, obgleich an Grappa gewöhnt, auf der Stelle mit bitteren Tränen. Hoch drängende Übelkeit ließ ihn, den besonderen Barmann gleichzeitig würgen. Ein den gequälten Magen beruhigendes Bäuerchen wäre nun tatsächlich von dringenden Nöten gewesen.

Guad, wos? Brauchd vielleichd a bisserl a G´wöhnung, owa nacha haud ea nei. Oiso, wo samma? Und mogsd no oan?”

Er mochte noch weitere, schluckte im wahrsten Sinne des Wortes begeistert und durchlebte alsbald eine von magischen Kräften geschickte Vision:

 Der Weg war weit, die Straße breit, am Ende saß Unfehlbarkeit. Der Heilige Stuhl … einen Moment lieber Leser bitte, die Frage, welche nur so nebenbei auch vom Autor dieser geistvollen Geschichte bedacht wurde, der, wie bereits erwähnt, noch nie in Rom zugegen, stellt sich dennoch: Kann ein simples oder ruhig auch kostbares Möbelstück denn heilig sein? Gewisslich stünde einem heiligem Hintern ein heiliger Stuhl gut zu Gesicht, aber … das war exzellent formuliert, ein Stuhl, der einem Hintern gut zu Gesicht steht … ins Gesicht sieht … wie geht es weiter?

Der Weg war weit, die Kirchen breit, am Ende saß Unfehlbarkeit. Der heilige Stuhl umringt von Pracht, rote und lila Figuren mit Macht, vom Spiritus beschienen, Ungläubige zu besühnen, sich den Himmel zu verdienen. Urbi et Orbi und Amen! Ein Feuer des Glaubens entfacht.

Und des besonderen Barmannes Vision setzte sich fort: In übel riechende Wolken aus Wurzeldunst gehüllt, zogen die bayrischen Pilger im Büßergewand mit ihren Fahnen Hand in Hand, ihr Scherflein zu bringen. Denn die Münze muss klingen, erst dann darf man singen. Urbi et Orbi und Amen!

In seiner Geistschau, religiöser Verzückung nahe, erkannte der Barmann mit nunmehr getrübten braunen Augen die Gaben, die seine Gäste, die Pilger aus Niederbayern, stolz zu dem Thron der höchsten Heiligkeit schleppten. Auch Pater Sacrosanctissimus schienen sie bekannt, und er lächelte froh in Erwartung der Mitbringsel aus Urbi et Orbi. Die Pilger überreichten die Geschenke, Bärwurz, Weizenbier und als Krönung noch ein paar frische Radi. Papa, voll heiliger Freude, kostete die Kostbarkeiten, spürte ihre Wirkung und rief seine frommen Schäfchen auf den Balkon. Ein Bild wie von bayrischen Engeln gemalt: Seine Heiligkeit ganz vorne, die Hände gebreitet zum Segen. In zweiter Reihe die Bajuwaren, ihre Münder bereis erwartungsvoll geöffnet.

Eins, zwei, drei und gemeinsam: „Uuaaahhrrbi et Ooaaahhhrrrbi!“ schallte der Rülpser seinen starken Hauch über Rom und tat seinen Segen. Reihenweise fielen die Römer in die Knie und dienerten eifrig dem Opfer entgegen. „Heiliga Bärwurz, zäfixhalleluja no amoi!“ Spiritus Sanctus und vor allem sein Geruch drängten mit göttlicher Macht ins strahlende Licht.

Das reichte ihm, restlos, ab morgen würde der x-beliebige Barmann nur noch Weihwasser trinken. Er schwor es zu allen Heiligen, sie würden in erhören. Und dann könnten seine schönen braunen Augen wohl bald wieder das Geschehen in und um Rom in klareren Farben sehen. Aber erst morgen! Denn heute war heute, und die Bayern gaben noch lange nicht Ruh: „Oana gehd noch, oana gehd oiwei …“

Der Oktopus (ein Capriccio a la Heun)

(Ich kann nicht nur Balzac nachmachen. Weil das Wetter so schön ist und ich besseres weiß, als heute meine Zeit im Netz zu verschwenden, folgt eine Geschichte im literarischen Stil des Herrn Heun aus meiner umfangreichen Texthalde. Ich weise in diesem Zusammenhang noch einmal auf seine Kurzgeschichtensammlung „Schweinehirngeschichten“ hin, die wirklich lesebar. Und schon lasse ich wie automatisch das Hilfszeitwort am Ende des Satzes weg; eine Auslassung, die den Heun’schen Stil maßgeblich prägt.)

Der Oktopus
(ein Capriccio a la Heun)

Ein Vorzug meines Rentier-Lebens (bitte nicht mit Rentier-Fleisch verwechseln, das zäh und tranig – ganz anders als der Rentner auf Tabor) ist das Glück, für und mit Freunden zu kochen – mit ihnen den besonderen Augenblick: den einen Schluck, den einen Bissen teilen. Wenn dann mein lieber Freund und Trauzeuge – fast hätte ich Kupferstecher gesagt – der bekannte Autor Nikolaus Klammer seinen Besuch zu Silvester ankündigt: dann ist dies des Glückes fast zu viel. Aber ist nicht jeder seines Glückes Koch?

Ein Silvestermenü sollt’s also sein – und ein besonderes dazu. Der Herr Kupferstecher ist nicht allem Fleischlichen abhold, kaut es aber nur ungern zwischen den Zähnen (wenn es einmal tot), jedoch ist er nicht bayerischer als der Papst und neben den Früchten des Ackers auch denen des Meeres zugeneigt – isst also neben Obst und Gemüse alles, was schwimmt. Da ich nicht wieder ein Zicklein in den Teich hinterm Haus werfen wollte – die armen Goldfische sind vom letzten noch durcheinander – ließ ich mir vom Münchener Großmarkt in aller Herrgottsfrühe einen hundsgemeinen Oktopus besorgen, der sich allerdings als sau-gemein herausstellte.

ERSTES GEDICHT VOM OKTOPUS

Ein Oktopus, ein Oktopus,
acht Arme hat er und kein’ Fuß,
ist die Speise, die man servieren muss.
Denn glücklich wird ein jeder Tisch,
belädt man Teller mit Tintenfisch.

Ein Oktopus, ein Oktopus,
ist ein wahrer Hochgenuss,
wenn er zart wie ein Zungenkuss.
Wird er dir gelingen,
werden deine Freunde Hymnen singen.

oktopusJetzt tun wir was für die Bildung: Die fälschlich als Polypen bezeichneten Kraken – Octopoda vulgaria – italienisch Polpo – gehören zur Familie der Kopffüßer und sind nicht mit Kalmaren oder Tintenfischen zu verwechseln… Sie wissen schon, jenen schlabberigen, fetttriefend frittierten Gummireifen, die Sie gemeinsam mit matschigem Majonäse-Knoblauch-Brei beim Italiener um die Ecke serviert bekommen. Die lernfähigen Achtfüßer haben bezeichnenderweise 8 (in Worten Acht) Arme und erreichen eine Gesamtlänge bis über 4 Meter. Für Bodenhaftung auf glatten Flächen sorgen reihenweise Saugnäpfe. Oktopussy ist ein nachtaktiver Einsiedler und labt sich an Krebsen und Muscheln, der alte Feinschmeck, der… Er kann sich farblich der Umgebung anpassen und, wenn er sich nicht festgesaugt hat, pfeilschnell sein (wir reden noch vom Kraken und nicht von der Erbschaftssteuer). Die ältesten Vertreter der achtarmigen Tintenfische tauchten vor etwa 264 Millionen Jahren auf. Genug der Bildung. Merken Sie sich die Zahl Acht.

Während am frühen Nachmittag der Besuch nebst meiner Gattin im Thermalbad zu Bad Griesbach bei 34° warmem Wasser pochierte, hatte ich Ähnliches mit dem achtarmigen Mittelpunkt der heutigen Tafel im Sinn.

Falls Sie alles nachkochen wollen (aber lesen Sie auf jeden Fall vorher zu Ende): Man nimmt den Kraken, spült ihn und schneidet den Kopf ab, was nicht ganz einfach, denn er sitzt zwischen Armen und Körper. Den Kopf wirft man weg (oder kocht ihn mit und erfreut die Katzen der Gegend). Vom Sack zieht man die Haut ab, stülpt ihn um und entfernt die Innereien. Das Kauwerkzeug zwischen den Fangarmen wird ebenfalls herausgeschnitten.

Fischer schlagen den Kraken nun gegen Felsen. Ihm fehlt jedes stützende Skelett, deshalb haben seine Arme (8 Stück!) ein Eiweißgerüst aus elastischen und verzweigten Proteinen, die dem Bindegewebe von Landtieren ähneln. Durch die Gewalt platzende Zellen setzen Enzyme frei, die die Eiweißfasern zerschneiden und den Kraken zarter machen. Wenn wir das Eiweiß so behandeln, dann wird eine Delikatesse daraus. Da ich nur wenige Felsen mein Eigen nenne, klopfte ich meinen Oktopoden über dem edelhölzernen Klodeckel im Badezimmer windelweich. Sie können diese Arbeit auch auf Ihrer Küchenplatte, edlen Travertinstein-Terrasse oder an den Säulen Ihres Vestibüls erledigen; wichtig ist, dass Sie wirklich brutal und rücksichtslos.

Haben Sie Oktopussy fix und fertig gemacht, schneiden oder zerschnipseln Sie 4 Karotten, 1 Zwiebel, ¼ Sellerie, eine Stange Lauch, ½ Fenchel und bringen alles in einem schweren Topf mit ca. 1 ½ l Wasser, ¾ l trockenem Weißwein, 4 Lorbeerblättern und 4 kleinen scharfen Chilischoten zum Kochen. Manche Köche legen Weinkorken ins Kochwasser, sie sollen feste Verfilzungen verhindern. Am wichtigsten ist, einen Oktopus sanft zu dünsten oder knapp unter dem Siedepunkt zu pochieren, damit sich die Proteine langsam auffalten, lockere Netze bilden und Wasser binden. Sie können alle Techniken kombinieren, entscheidend ist die sensible Temperatursteuerung. Und lassen Sie sich drei bis vier Stunden Zeit.

Day of the tentacleKommen wir zur Katastrophe: Der Begriff Krake kommt aus dem norwegischen und bezeichnet ein Seeungeheuer, das trinkfeste Seeleute im Mittelalter entdeckten. Vieles spricht dafür, dass Homer in der Scylla einen Kraken beschrieb. Meine Scylla entpuppte sich als würdiges Monster! Während ich sie vorsichtig köcheln ließ, wurden die acht Arme nicht weicher, sondern kleiner – schrumpelten wie der beste Freund des Mannes nach einem Sprung in eiskaltes Wasser. Ursprünglich über einen Meter groß, war der saugemeine Oktopus nach einer Stunde im Topf um die Hälfte geschrumpft!

Das war kein Hauptgericht mehr, der Oktopus disqualifizierte sich zur Vorspeise. Aber ein Koch, der sich nicht zu helfen weiß, ist keiner. Der Freund und die Gattin planschten noch einige Stunden im Lauwarmen – genug Zeit, umzuplanen: Tintenfischrisotto oder ein leckerer Salat ließ sich aus dem Tierchen noch gewinnen, wenn es nur endlich Mitleid mit mir hatte und sich erweichen würde. Ich eilte in den Keller, die Vorräte kontrollieren. Vielleicht musste ich einem tiefgefrorenen Hasen das Schwimmen beibringen, damit er den Tag rettete.

Als ich wieder in den Topf sah, zog es mir buchstäblich die Schuhe aus: Erneut war der Krake geschrumpft, hatte die Größe eines gewöhnlichen Kalmaren – und war noch immer nicht weich. Das Tier machte sich lustig über mich, den Chef de Cuisine, den Maître!

Na warte! Ich schob meine weißgelochten Latschen zur Seite, spürte die kühlen Terracotta-Fließen unter meinen Fußsohlen. Das war ein Zweikampf : Ich gegen den Kraken – da konnte es nur einen Gewinner geben. Zum Amuse-Gueule reichst du, dachte ich, das »freut das Maul«. Dich krieg’ ich noch weich!

Wie die meisten Schriftsteller konnte man Nikolaus mit der Witwe Clicquot oder dem Baron Rothschild ablenken, bei meine Dame war das schwieriger! Ich sah schon den halblächelnden Blick meiner Holden, mit dem sie mitleidig die Reste des Kraken begutachten würde: Nein, jetzt musste eine zündende Idee her.

ZWEITES GEDICHT VOM OKTOPUS

Oktopus, oh Oktopus,
was ich mit dir erleben muss.
Oktopus, oh Oktopus,
jetzt ist aber endlich Schluss.
Ach, Oktopus, nun werd’ schon weich,
landest sonst als Fischfutter im Teich.

Wieder verging eine Stunde, dann sah ich erneut nach dem Kraken. Es roch verführerisch in der Küche. Ich nahm einen Schaumlöffel, fischte nach dem unbeugsamen Monster. Sie werden es nicht glauben, aber ich lege meine Hand ins Feuer: Im Topf schwammen Karotten, Zwiebeln, Sellerie, Lauch, Fenchel, Lorbeerblätter, Chilischoten und sonst – nichts. Der Krake hatte sich in Luft aufgelöst… Wobei, das stimmt nicht ganz: Tief unten, unter dem Gemüse, lag eine Kugel aus lila-schwarzer Materie, hart wie eine Glasmurmel und tonnenschwer. Es war unmöglich, den Topf zu heben oder sie herauszufischen. Die acht Arme hatten sich wie die Milchstraße ineinander gedreht und in ein schwarzes Loch verwandelt. Ich fühlte mich, als würde ich hineingezogen.

»Was gibt es heute Abend Leckeres?« Meine Frau stand in der Küchentür, schnupperte. Mein Freund und Trauzeuge schob sich hinter ihr herein.

»Die Sauna macht hungrig«, rief er.

»Suppe«, sagte ich, »leckerste Oktopussuppe, das Beste, was es gibt. So etwas kriegst du nur bei mir. Mein Potage beschert sogar Mumien feuchte Träume. «

Und – glauben Sie’s oder nicht – ich hatte recht!

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