Aber ein Traum …

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Freitag, 19.06.20 All diese Jahre …

Freitag, 19.06.2020

„Unser eigenes Älterwerden bemerken wir am deutlichsten, wenn unsere Kinder älter werden.“ Dieser Satz ist eine Binsenweisheit, aber er ist nichtsdestotrotz wahr. Heute hat mein Sohn Nr. 1, über den ich hier schon das eine oder andere Mal geschrieben habe, seinen 30. Geburtstag. Er ist damit schon vier, bzw. drei Jahre älter, als Frau Klammerle und ich es bei seiner Geburt waren – die gefühlt erst vor ein paar Wochen stattfand.(1)

Tatsächlich ist aber der 19. Juni des Jahres 1990 so lange vergangen, als wäre er anderen Personen in einem anderen Leben begegnet. Doch er ist einer der wenigen Tage, die mir bis in ihre Einzelheiten hinein in die Erinnerung eingebrannt sind. Dieser Dienstag vor 30 Jahren hat mein Leben (und freilich auch das von Frau Klammerle) vollkommen umgekrempelt und unsere Lebensziele neu definiert.

Es war ein heißer Tag, der ganze Juni 1990 war im Gegensatz zu dem in diesem Jahr sonnengeflutet und hochsommerlich. (2) Und wir lebten in einer anderen, sorgloseren Welt. Die Mauer war zwar einem halben Jahr gefallen,  es gab – zumindest  auf dem Papier – zwar noch zwei deutsche Staaten, aber der Ostblock war Geschichte und die blutigen Geburtswehen des heutigen Europas in den Balkankriegen hatten noch nicht begonnen. Noch waren die Revolutionen unschuldig und hoffnungsvoll. Nr. 1 in den deutschen Charts war Mathias Reim mit „Verdammt, ich lieb‘ dich!“ Es herrschte ein Gefühl der Erleichterung und des Optimimus‘ vor. Und es war Sommer und was für einer! Beckenbauers robuste Fußballnationalelf, die sich 1990 ihren 3. Stern eroberte, spielte an diesem Tag gegen Kolumbien und dieses Match war auch im Krankenhaus den meisten Leuten wichtiger als die Geburt von Nr. 1, den Frau Klammerle just während der Partie am frühen Abend  um 18:49 Uhr zur Welt brachte. Damals … Meine Hände zuckten gerade kurz von der Tastatur zurück. Es ist merkwürdig in diesem Zusammenhang von „damals“ zu schreiben, aber zu meinem Erschrecken passt es. Das war tatsächlich „damals“. Ich fühle mich gerade, als würde ich meinem Vater lauschen, wenn er vom Krieg erzählte. Also:

Damals gab es noch keine Handys, aber die Hebamme machte kurz nach der Geburt eine Polaroid-Aufnahme. Sie zeigt, inzwischen stark nachgedunkelt, zwei frischgebackene, durchschwitzte, vor Glück fast platzende Eltern mit einem zufrieden lächelnden, dunkelhaarigen, später strohblonden Neugeborenen (3100 g) zwischen sich. In meinem Gesicht steht eine faszinierte Verwirrung und auch Unsicherheit, die auch noch eine ganze Weile anhalten sollte. War mir da schon bewusst, dass mit diesem Gast, der sich für länger bei uns einnisten wollte, mein Leben in einen neuen Abschnitt eingetreten war? Dass ich mir von einem Moment auf den anderen Verantwortung aufgeladen hatte und mein Leben vorkommen umkrempeln musste?(3) Ich war damals, mit 27, noch immer damit beschäftigt, erwachsen zu werden. (4) Wir wohnten in einer billigen 3-Zimmer-Wohnung in der Augsburger Jakobervorstadt. Frau Klammerle arbeitete bereits als Kinderkrankenschwester in der Frühgeborenen-Intensivstation des Krankenhauses, in dem Nr. 1 das Licht der Welt erblickte. Ich tänzelte und pubertierte noch. Ich war in meiner ersten Phase als Autor und schrieb meine „Jahrmarkt“-Romane, hielt Lesungen, plante Theaterstücke, verplemperte meine Zeit im „Sommacal“ und im“Anna Pam“ und versuchte vergeblich, berühmt zu werden. Nebenzu prokrastinierte ich zuerst BWL, dann Informatik und das wenige Geld, das ich verdiente, kam über eine selbstständige Dozententätigkeit in der Hauptsache für die Papierfabrik Haindl herein, bei der ich Mitarbeiter-Schulungen in Bürosoftware (5) abhielt. Die ließ ich mir zwar schamlos gut bezahlen, aber sie fanden unregelmäßig und in großen Abständen statt. Bereits morgen würde ich einen dreitägigen Kurs in einem so überhitzten Raum unter dem Dach einer Firma leiten, dass dort ständig die Computer ausfielen und man auf den Netzteilen Spiegeleier braten konnte.

Schon bald würde Haindl in die Wirtschaftskrise der frühen 90er schlittern und auf meine Dienste verzichten; mein Informatikstudium scheitern. Und meine Bücher? Ach, eine Absage und eine Erniedrigung nach der anderen! Um überhaupt über die Runden zu kommen – Frau Klammerles Gehalt als Kinderkrankenschwester war lächerlich niedrig -, jobbte ich als Postzusteller und begann dann eine neue Ausbildung. Während unserer Arbeitszeiten (Frau Klammerle machte meist Nachtwachen) passte oft meine Mutter auf Sohn Nr. 1 und drei Jahre später auch auf Nr. 2 auf. Wir waren arm, es war anstrengend, aber im Nachhinein betrachtet, war es wahrscheinlich die glücklichste Zeit unseres Lebens.

Also gut, dann bin ich also alt! (Im Gegensatz zu Frau Klammerle, der es irgendwie gelingt, niemals alt zu werden) Heute wird gefeiert. Nr. 1 ist 30 geworden und er ist uns wohlgeraten. Längst ist er von zuhause ausgezogen, hat nach dem Abi in Freiburg und dann in Tübingen Biologie studiert und hat – ja, ich bin stolz – einen Masterabschluss mit einem Einser-Schnitt. Er arbeitet in einer internationalen Firma, die bioanalytische Dienste anbietet. Diese Arbeitsstelle hat ihn durch Zufall wieder nach Augsburg gebracht. Aber jetzt klingelt es an der Tür. Dort steht er mit einem selbstgebackenen Kuchen in der Hand.

Ein paar Tage später auf unserer Wohnzimmercouch. Ich wirke noch immer etwas verunsichert.

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(1) Nr. 1 hat selbst noch keine Familienplanung im Sinn; ja, er ist noch nicht einmal der Frau begegnet, mit der er eine gründen möchte. Er ist noch zu haben. Falls du, liebe Leserin dieses Blogs, ernstgemeintes Interesse daran haben solltest, mit ihm in Kontakt zu treten und es dich nicht abschreckt, dass du dadurch unter Umständen auch mich persönlich kennenlernst, dann schicke mir eine Mail. Ich leite sie an meinen Sohn weiter.

(2) Dieser Hitzesommer 1990 taucht übrigens in einigen der Geschichten, die ich in dieser Zeit schrieb, wieder auf; besonders in meinem Roman „Nutzlose Menschen“ (überall im Buchhandel erhältlich) und in der Erzählung „crisis“.

(3) Selbstverständlich ging das nicht von heute auf morgen. Frau Klammerle würde noch eine ganze Weile die einzige Erwachsene in unserer Familie bleiben. Vielleicht ist sie das heute wieder …

(4) Ein Schwabe wird erst mit 40 g’scheit.

(5) Das war die Goldgräberzeit, in der in allen Büros die ersten PCs auf den Tischen standen. Lotus 1-2-3, D-Base und Symphony, DOS-Einführungen. Vielleicht erinnert sich noch jemand. Ich besaß einen IBM-AT-Rechner (16 Mhz), auf dem ich meine Vorbereitungen machte und auch meine Texte abtippte, die ich dann auf einem Nadeldrucker aus der virtuellen Existenz ins Dasein holte. Wenn ich den Rechner morgens einschaltete und er dann über 5 1/4 Zoll-Diskette sein Betriebssytem lud, konnte man noch bequem eine Tasse Tee kochen, bis er sich erschöpft mit „A:>_“ meldete. Nicht nur an den Kindern merke ich, wie alt ich geworden bin …

Haare lassen …

Haare lassen

Es heißt, Männer bemerken ihr Alter, wenn der Haar­wuchs auf ihrem Haupt plötzlich nachlässt, dafür nach innen wächst und aus allerlei Körperöffnungen drängt und ragt, z. B. aus den Nasenlöchern oder den Ohren, sich aber auch verdreht aus allen Hautporen quetscht und die Augenbrauen zu ver-‚waigel‘-ten Vorhängen formt.

Nun, bei mir tritt der zweite dieser Effekte bereits ein; kürzlich erwarb ich mir einen Nasenhaarschneider, um dem widerspenstigen und vollkommen sinnfreien Be­wuchs einiger Körperregionen Herr zu werden. Sein Einsatz war bislang unangenehm kitzlig bis schmerz­haft, aber wenig erfolgreich. Ich habe das Gefühl, je mehr Haare ich aus Nase, Ohren oder von den Zähnen entferne, um so stärker wachsen sie nach. Sohn Nr. 2, immer auf Kritik gebürstet, sieht mich dann bei seinen sporadischen Besuchen noch skeptischer an als sonst üblich und bemerkt:

„Papa, das geht gar nicht!“

Gleichzeitig zeigt mein Haupthaar keinerlei Neigung, in seinem Wuchs nachzulassen. Gut, die Haare werden langsam an den Schläfen, auf dem Kopf und vereinzelt auch an ande­ren Körperstellen grau, aber das war es auch schon. Das unkämmbar dicke und feste, grau-schwarz melierte Gestrüpp wächst weiterhin munter vor sich hin und zeigt keine Blößen. Das tut es übrigens in einem atemberaubenden Tempo, wie ich finde. Mei­ne Haare sind wie die CSU: Schwarz, störrisch und ver­filzt.

Vielleicht gehöre ich zu den Männern, die einen zu niedrigen Testosteronspiegel besitzen oder die Mähne ist von dem einen Hunnen in meiner Ahnenkette vererbt, der auf der Schlacht am Lechfeld sein Leben ließ, aber vorher noch meine Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Urgroßmutter – sagen wir mal: – ehelichte. (Der Zweitname von Sohn Nr. 2 lautet nicht ohne Grund „Attila“. Nein, das war ein Scherz.)

Aber es schieben sich bei mir kei­ne Geheimratsecken die Stirn weiter nach oben, nir­gendwo entsteht im Dickicht meines verfilzten Haupt­haar-Dschungels eine Lichtung, durch die das Tageslicht auf die Kopfhaut fallen und einen Sonnenbrand erzeugen kann. Dazu habe ich das Gefühl, dass mit dem Alter die Wuchsgeschwindigkeit und die Felldichte meiner Behaarung wie bei meiner Katze Amy im­mer noch zunimmt, die wie ich immer flauschiger wird (1). Manchmal sehe ich morgens in den Spiegel und sehe vor lauter Haaren den Nikolaus M. Klammer nicht. Das sorgt zwar für warme Gedanken bei den kühleren Jahreszeiten, aber das ist der einzige Vor­teil. Als hätte ich nicht schon genug mit dem doofen, zeit­raubenden Rasieren zu tun!

Da der Herr das Vergehen der Zeit nicht mit der Uhr, sondern am Wachsen der Haare und Nägel seiner Geschöpfe misst, ist der wie ein Naturgesetz erwartbare Ausbruch von Frau Klammerle nahezu blasphemisch, aber unvermeidlich:

„Deine Haare! Die müssen unbedingt geschnitten wer­den.“

Hier ist es das Beste, nickend Zustimmung zu heucheln und darauf zu hoffen, dass sie über die Woche hinweg alles wie­der vergessen wird, was nach ihrem ersten Ausbruch noch recht wahrscheinlich ist. Aber nun ist die Sache auf der Welt, der Gedanke ausgesprochen, in Hegelschem Sinne ‚denkbar‘ ge­worden. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er sich wieder auf ihrer Zunge manifestieren wird und diesmal um so nachdrücklicher. Jetzt ist meine ganze Geschicklichkeit im Erfinden von Ausreden gefordert, um das Unver­meidliche hinauszuzögern, den partiellen Verlust mei­ner prächtigen Haartolle in einer demütigenden Fol­tersitzung, einer Form von ‚waterboarding’ mit Verstüm­melung, die dazu unverschämt viel Geld kostet, zu ver­lieren. Die Coronaquarantäne war für Monate eine akzeptierte Ausrede.

Doch es ist längst wieder der Punkt erreicht, an dem ich früher oder später meine Haare lassen muss. Nun ist es aber so, dass ich ein Problem mit Friseuren habe: Ich betrachte sie für überflüssig. In meiner Liste der unnützesten Berufe der Welt rangieren die ‚Hairstylisten‘ neben Versicherungsheinis, Steuerberatern, Sextherapeuten (da wären wir wieder beim Testosteron), Fitnesstrainern und Berufssoldaten ganz oben. Sie ver­langen Geld für eine Leistung, die ich eigentlich nicht nachfragen will.

Nebenbei: Ich war zuletzt als Jugendlicher beim Friseur. Deshalb gebe ich es auch offen zu: Ich habe Haare, keine Frisur. Alle drei, vier Monate muss der Pelz allerdings runter, doch dafür würde ich nie in einen Salon gehen, der etwas schmerzhaft Lustiges mit dem Wort „Hair“ anstellt oder den Namen der Besitzerin mit einem unnötigen Deppen-Apostroph im Titel trägt: „Uschi’s Hairmonie“ oder so ähnlich. Und diese rechtschreibschwache Uschi möchte für die Untat, die aus Samson einen te­stosteronarmen Schwächling machte, auch noch bezahlt werden!(2) Überhaupt! In was für einem Land le­ben wir denn? Hier gibt es mehr ‚haircutter‘ als Buch­handlungen! Und das nennt sich Kulturnation!

*

Kürzlich war nun wieder so ein Tag. Ich kam am Abend müde aus der Arbeit, in der ich im Schweiße meines An­gesichts das wenige Geld verdiene, mit dem ich meine Familie durch den Tag bringe. Frau Klammerle saß er­wartungsfroh auf dem Sofa und betrachtete mich auf­merksam. Nach dreißig Ehejahren spürte ich instinktiv, dass sie etwas von mir erwartete, aber was nur? Im Juni gibt es keinen Geburtstag oder ein Jubiläum, das ich vergessen könnte. Ich fragte also, wie es ihr ginge.

„Gut“, war die Antwort. Aber ihr musternder Blick blieb auf meinem Gewissen lasten. Was hatte ich schon wieder ausgefressen?

„Wie war die Yoga?“

„Gut.“

„Gibt es etwas Neues?“

„Nein. Fällt dir überhaupt nichts auf?“ Die Augen werden schmal.

Mist! Die Falle. Ich weiß, sie ist da, aber ich finde sie nicht. Jeder Schritt kann mein letzter sein. Ich sehe mich um. Irgendein neuer Dekoartikel? Nein. Blumen? Nein. Ich mustere meine Frau angestrengt. Hat sie neue Klei­dung an? Nein. Schuhe vielleicht?

Das Warten wird ihr zu lang:

„Meine Haare! Ich war nach drei Monaten endlich wieder beim Friseur. Das musst du doch sehen; die sind jetzt viel kürzer. Und ich habe ei­nen Pony!“ Strafende Pause, während ich mich gebührend schäme.

„Und überhaupt! Wie sehen deine Haare … Die sind auch viel zu lang. Willst du nicht auch mal zum Friseur.“ Letzter Satz nicht als Frage, sondern als Vorwurf formuliert.

Was soll ich noch erzählen? Ich habe nichts gesehen. Sie hatte Haare auf dem Kopf, die hatte sie auch schon, als ich mich am Morgen von ihr verabschiedete. Ich has­se Friseure. Sie tun so, als würden sie irgendetwas mit der Frisur von Frau Klammerle machen, kassieren da­für ein Ungeld, um das zu verdienen ich einen ganzen Tag in die Arbeit rennen muss und bedrohen mit dieser Nichtleistung auch noch leichtfertig meinen Ehefrieden.

Also sage ich seufzend zu Frau Klammerle, als würde ich mich in mein Schicksal ergeben:

„Schneide du sie mir doch.“

Und das macht sie dann, seit dreißig Ehejahren. Sie fällt jedes Mal darauf rein …

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(1) Es gibt Leute, die nennen Amy dick, aber das ist nur eine böse Verleumdung! Auch wenn sie kämpfen muss: Noch passt sie durch ihre Katzenklappe.

(2) Übrigens habe ich diese Abneigung, mir die Haare schneiden zu lassen, auch an meinen Sohn Nr. 1 vererbt. Hätte er keinen Beruf, in dem er ein einigermaßen gepflegtes Äußeres präsentieren müsste, würde er wie Hägar, der Schreckliche herumlaufen. Frau Klammerle behauptet, meine Söhne hätten von mir alle ihre schlechteren Eigenschaften und die guten von ihr. Leider ist da etwas dran …

Freitag, 05.06.20 Ein neuer Titel – ein neues Buch

Freitag, 05.06.2020

Ein verregnetes Wochenende hat durchaus auch seine Vorteile. Man fühlt sich nicht verpflichtet, den Sonnenschein auszunutzen und unbedingt etwas zu unternehmen. Der Garten gießt sich selbst, Frau Klammerle zerrt mich nicht aufs Rad oder Schusters Rappen, um gemeinsam unsere Schwäbische Heimat zu erkunden (1). In diesen Tagen kann ich endlich mal im Schlaraffenland meiner Literatur hausen, nachdem ich den Griesbreirand durchfressen habe, der im Ausfüllen der insgesamt 25 Seiten Witwenrentenformulare bestand, die ich als neuer Betreuer meiner dementen Mutter abzugeben habe.(2) Bin ich eigentlich der einzige, der diese Arbeit zum Kotzen findet und bei manchen der Auskünfte, die eingefordert werden, einen Tobsuchtsanfall erleidet? Davon mal abgesehen, dass ich das entsetzliche Beamtendeutsch nur so ungefähr und manches überhaupt nicht verstehe, anderes widersprüchlich ist … Die Hölle, stelle ich mir vor, besteht nur aus Formularen und Beamten, die nicht kapiert haben, dass sie nur meine Dienstleister sind. Schließlich bezahle ich sie gut dafür. Nein, diese kleinen Götter halten mich, der ich zum ersten Mal solch einen Antrag ausfülle, grundsätzlich für doof oder zumindest für einen Betrüger, der sich absichtlich dumm stellt.

*

Ich habe also viel Zeit, um nachzudenken. Ein Konstruktionsfehler meines 1. Brautschauromans »Meister Siebenhardts Geheimnis« war es, ihn mit einem einhundertfünfzigseitigen Prolog beginnen zu lassen, der etwa 30 Jahre vor der Haupthandlung spielt und praktisch erst am Ende des Buchs wieder eine Rolle spielt. Viele Leser fanden, ich hätte zwei unzusammenhängende Romane zusammengeklebt. Für den 2. Brautschauroman »Faiabas Erwachen«, an dem ich gerade arbeite, hatte ich eine ganz ähnliche Struktur geplant. Diesmal sollte der Prolog sogar 5880 Jahre vorher spielen und erzählen, wie die Welt von Brautschau wurde, wie sie ist. Ich bin gerade dabei, eine frühe Version dieses „Kapitels“ hier zu bloggen. Doch ich glaube inzwischen, dass es besser wäre, aus diesem Anfang, der übrigens im Gegensatz zum Rest der fantasy– und märchenlastigen »Brautschau«-Saga vollständig im Science-fiction-Genre angesiedelt ist, ein eigenes Buch zu machen. Es soll »Mánis Fall« heißen und von den letzten Tagen unserer Zivilisation berichten.(3) Ich denke, den Roman noch in diesem Jahr fertigstellen zu können.

Dies ist nun der erste Entwurf des Titelblatts. Wie gesagt, habe ich an diesem Wochenende Zeit für solche Spielereien. Wie gefällt es euch?

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(1) In den letzten Tagen hatten wir Urlaub, den wir ja – wie wir vor der Pandemie geplant hatten – eigentlich in einer Ferienwohnung im Herzen des Burgund verbringen wollten. Daraus wurde nichts. Deshalb eröffneten wir unsere Biergartensaison, kochten Spargel, tranken Burgunder und radelten im Aichacher Hinterland und ein Stück des Illerradwegs, erstiegen im Ries den »Zeugenberg« Ipf und wanderten im Ostalpkreis durch das Ugental. Ach, süße Heimat, was bist du so schön … (Wir wären trotzdem lieber in die Bourgogne gefahren)

(2) Und neben mir liegt noch ein Stapel von Formularen, die ich noch erledigen muss; fast täglich kommt ein neues dazu. Ich soll sogar die Einkommenssteuererklärung für meinen verstorbenen Vater machen!

(3) Máni ist übrigens der Name der Mondgottheit in der nordischen Mythologie. Am Tage des Weltuntergangs (Ragnarök) wird der Mond von dem Wolf Mánagarmr verschlungen und das dabei verspritzte Blut wird die Sonne verdunkeln.

Sonntag, 24.05.20 – Diese entsetzliche Erfolglosigkeit

Pfingstsonntag, 31.05.20

Zuerst einmal die gute (na ja, nicht für jeden) Nachricht: Die Maus, von der ich in der letzten Woche berichtet habe, versteckt sich nicht mehr im Schlafzimmer. Ich habe ja eine Lebendfalle aufgestellt und sie mit Popcorn und Schokolade gefüllt. Ich war mir sicher, ich würde die Maus darin fangen. Pustekuchen. Diese Falle ist so pazifistisch, dass sie sich nicht schloss, als die kleine, braune Feldmaus meiner Einladung folgte und in der Finsternis der Nacht aus ihrem Versteck gekrochen kam. Sie fraß die Falle leer und stellte sich dabei so geschickt an, dass sie den Fangmechanismus nicht auslöste. Trotzdem wurden ihr Popcorn und Schokolade zum Verhängnis. Denn die Maus hatte in ihrer Gier Amy, die Katze, übersehen, die zu meinen Füßen in meinem Bett lag. Tatsächlich wartete meine Katze genüßlich ab, bis die Maus satt war und wieder aus der Falle kam, dann hüpfte sie mit einem Aufschrei auf ihr Opfer, das ihr in der Nacht zuvor entkommen war und diesmal, vollgefressen wie es war, keine Chance hatte. Erst in diesem Moment wurde auch ich wach (es war mal wieder kurz nach vier Uhr). Viel war allerdings nicht mehr zu sehen. Amy, die vielleicht doch so etwas wie ein schlechtes Gewissen plagte, packte sich die Maus und rannte wie der Blitz mit ihr im Maul durch die Katzenklappe hinaus aus der Wohnung. Ich habe keine Hoffnung, dass sie ihre wiedergefundene Beute vor der Haustür mit einer Verwarnung laufen ließ, sondern befürchte eher, dass ich demnächst beim Unkrautjäten auf die kümmerlichen Überreste einer Katzenmahlzeit stoße. Dann wäre das die Geschichte, in der Amy über Umwege Popcorn und Schokolade fraß.

Übrigens hat sie das Karma anschließend schwer gebeutelt, denn in der Nacht darauf bekam sie Ärger mit einer anderen Katze, die bei einem Kämpfchen brutal und fest in den Rücken gebissen hat. An dieser Wunde bildete sich dann ein gewaltiger, eitriger Abzess, der beim Tierarzt behandelt werden musste. Da es Frau Klammerle (immerhin Krankenschwester im Intensivbereich) nervlich nicht packte, war ich mit Mundschutz, Desinfektion, Abstandregelungen und einem flauen Gefühl im Magen dabei, als der Veterinär der armen leidenden Katze den stinkenden Eiter aus der Wunde quetschte, sie sorgfältig ausspülte und ihr zum Abschluss noch zwei Spritzen verpasste.

Keine Sorge, jetzt ist sie wieder auf der Höhe und gestern kam sie stolz mit einem kleinen Vogel in die Wohnung geschlendert. Nur noch ein kahler Fleck in ihrem flauschigen Fell erzählt noch von der Angelegenheit.

*

Und – ach! – da habe ich Optimist einen ganzen Stapel meines neuen Buchs zuhause, der nur Platz wegnimmt. Ich dachte, jeder würde ein Exemplar wollen, weil es mir so gut gelungen ist und ich wäre jetzt endlich im Schriftsteller-Olymp angekommen! Pustekuchen. Ich hätte es ja eigentlich aus meinen bisherigen Erfahrungen wissen müsssen: Für meine Literatur interessiert sich weiterhin keine Sau. Ich habe noch kein einziges Buch verkauft, auch nicht als spottbilliges E-Book. Die Leute wollen Nikolaus Klammer nicht einmal geschenkt.

Vielleicht sollte ich zwischen Cover und erste Seite Popcorn und Schokolade legen …

*

Und dann ist da noch die Sache mit dem Urlaub von Frau Klammerle und mir. Eigentlich wollten wir ja ins Burgund fahren und hatten bereits im Februar eine Ferienwohnung angemietet. Pustekuchen. Corona kam, wir mussten stornieren und die Hälfte unseres Geldes als Verlust abschreiben. Trotzdem haben wir nun über Pfingsten und darüber hinaus gemeinsam zwei Wochen Urlaub und wir werden sie eben in der Heimat verbringen. Ziel ist es trotzdem, ein gewisses Feriengefühl aufkommen zu lassen. Deshalb planen wir Ausflüge zu Fuß und Rad in die Umgebung und versuchen, unser Häuslein und unseren Garten als Ferienwohnung zu behandeln (keine Alltagsarbeiten, wenig putzen, viel „chillen“ usw.) Statt der Abtei Cluny besichtigen wir eben Kloster Andechs. Ich bin gespannt, ob uns das gelingt, zuhause abzuschalten.

Am Freitag haben wir zumindest unsere erste Radtour nach Blumenthal bei Aichach gemacht; also mal ins oberbayerische Hinterland von Augsburg, das wir normalerweise meiden. Wir sind lieber in unserem Wilden schwäbischen Westen oder im Allgäu unterwegs. Obwohl wir uns ein paar Mal verfuhren und eigentlich nicht dort rauskamen, wo wir hinwollten, alle Biergärten geschlossen waren und am Mittag das Wetter recht zweideutig und kühl wurde, hat es Spaß gemacht und durchaus ein wenig Urlaubsgefühl vermittelt. Später kehrte auch wieder der weiß-blaue Himmel zurück, wir saßen auf der Sonnenterrasse unseres Diedorfer „Ferienhauses“ und genossen den Schrobenhausener Spargel, den wir vom Nahen Osten mitgebracht haben. Immerhin ist der Weißwein, den wir dazu tranken, ein Weißburgunder.

Morgen wanderen wir in der Schwäbischen Alp. Und ich habe keine Ahnung, wie ich in diesen Absatz „Popcorn und Schokolade“ schmuggeln kann. Herzliche Urlaubsgrüße.

Bis bald! Euer Niklas.

Ja, auch zuhause ist es schön!

Sonntag, 24.05.20 – Der ewige Turm

Sonntag, 24.05.20

Wann werdet ihr es begreifen, Freunde?
Ich schreibe auch, wenn mein Computer aus ist
und ich weder Notizbuch noch Bleistift in der Hand halte.

Nikolaus M. Klammer

Ein Verlagslektor würde beim Lesen des Anfangs dieses Textes die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, ihn bedenklich schütteln und in ihm den Gedanken wälzen, ob er überhaupt noch zu retten sei  – beide, der Text und der Schriftsteller(1). Aber spätestens seit dem „Mann ohne Eigenschaften“ ist es guter Ton unter uns Autoren, mit dem Wetterbericht zu beginnen. Deshalb ignoriere ich das. Also:

Gestern war so ziemlich der scheußlichste Regentag seit langer Zeit. Ein zorniges Tief aus dem Nordwesten brandete mit enormer Wucht gegen die Alpen und entließ bei seinem Vorüberziehen in deren herrlichen Vorland (in dem ich das Glück habe, leben sein zu dürfen), enorme Wassermassen. Es hinterließ Kälte und bei mir eine bemerkenswert deprimierte Stimmung. Sie hat sich trotz des sonntäglichen Sonnenscheins, in dem wieder muntere weiße Wolkenschafe ungestört von hässlichen Kondenzstreifen (2) über den bayerisch-blauen Himmel treiben, nicht verbessert. Das mag auch daran liegen, dass ich müde und unkonzentriert bin. Ich habe die halbe Nacht in meinem Schlafzimmer (Frau Klammerle hat Nachtwache) hinter einer kleinen, äußerst munteren Feldmaus hergejagt, die Amy, meine Katze fröhlich maunzend angeschleppt und dann sehr schnell aus den Augen verloren hat. Eine Weile begleitete sie noch aufmunternd meine Bemühungen, das Tier einzufangen, aber dann wurde es ihr schnell langweilig und sie suchte sich andere Vergnügungen. Jedenfalls schläft sie jetzt friedlich auf meinem Sofa (Frau Klammerle auch, allerdings im ehemaligen Zimmer von Sohn Nr. 2 unterm Dach). Die Maus ist noch immer nicht gefangen – wahrscheinlich versteckt sie sich hinter dem Kleiderschrank. Ich habe zwei Fallen aufgestellt (3) und nun warte ich. Meine Laune hat sich dadurch nicht eben gebessert.

Doch worum geht es eigentlich? Es ist das alte Lied und es ist von Rilke. Mein Vater, der vor gut einem Monat verstarb, wollte es übrigens auf seiner Todesanzeige stehen haben und ich habe ihm den Wunsch erfüllt:

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Da er nicht religiös war, mochte mein Vater nur die erste Strophe dieses Gedichts abgedruckt haben, doch es geht noch weiter:

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.

Dieser Turm, um den ich kreise – ungefähr einmal im Jahr -, das ist die Literatur (mein persönlicher Gott, wenn man so will). Er ist nicht nur uralt, sondern auch hoch und mächtig und erweist sich als vollkommen interesselos und unbeeindruckt von meinen Bemühungen, in seiner Umgebung emporzusteigen, um seine Spitze zu erreichen. Immer wieder aufs Neue komme ich an einen Punkt, an dem mich Abwinde ins Trudeln und fast zum Abstürzen bringen. Dann sacke ich ab und muss nach einer Thermik suchen, die mich langsam höher bringt. Im Moment befinde ich mich mal wieder bei solch einem Niedergang. Es hat sich viel angestaut in den letzten Monaten und es liegt als Gewicht auf meinen Schultern, das mir das Gleiten um den Turm noch schwerer macht: Die bedrückende äußere Situation, in der wir alle sind, die soziale Verarmung und Vereinsamung, die Trauer, die Brot-Arbeit. Mit meiner Gesundheit geht es bergab, ich nehme zu und bin launisch wie ein alter Straßenkater. Die Erfolglosigkeit und auch Sinnlosigkeit meiner literarischen Bemühungen (gerade habe ich ein neues Buch veröffentlicht, das niemanden zu interessieren scheint) gibt mir gerade den Rest.

Und da ist auch noch diese Maus! Ich bräuchte dringend Abstand und Urlaub, doch der ist ja gecancelt. Statt über Pfingsten wie ursprünglich geplant ins Burgund zu fahren und die Abtei Cluny zu besichtigen, gibt es – falls Herr Söder es uns gestattet – Tagesausflüge ins Ammergau und ins Kloster Ettal. (4) Deprimierend, nicht wahr? Ich weiß, vielen geht es ähnlich oder sie sind noch schlechter dran. Aber einmal im Jahr, wenn ich meine Runde um den uralten Turm gedreht habe, dann darf ich auch jammern. Schließlich gehört das Selbstmitleid schon immer zu meinen stärksten Gefühlen.

Aber genug jetzt. Leben ist mehr. Hier noch ein Bild von einer Hummel, die sich auf einer Schnittlauchblüte in Frau Klammerles Kräutergarten niedergelassen hat und dort „Pollenklößchen“ formt.(5) Das ist der Zopf, mit dem ich mich selbst aus dem Sumpf meines Selbstmitleids ziehen kann. So flauschig …

 


(1) Zum Glück wird nie ein Verlagslektor (oder meinetwegen auch eine Verlagslektorin) einen meiner Texte in die Finger bekommen. Dieser Beruf ist eh wie „Torfstecher“ oder „Stenotypistin“ nahezu ausgestorben.

(2) So entsetzlich diese Pandemie ist, die gefühlt nun schon zwei Jahrhunderte währt: „Corona“ nimmt viel, aber sie gibt auch zurück.

(3) Selbstverständlich sind das Lebendfallen. Ich bin Tierfreund und Vegetarier. Der beste Köder ist übrigens Marzipan, wie ich festgestellt habe. Freilich ist keines im Haus, deshalb habe ich Popcorn und Schokolade in die Fallen. Keine Ahnung, ob Feldmäuse das mögen. Kommt Zeit, kommt Maus. Im Winter haben wir 3 Wochen gebraucht, bis wir eine gefangen hatten, die sich unter dem Kühlschrank versteckt hielt und sich an unseren Lebensmittelvorräten bediente. Meine Schwiegertochter in spe hat sie „Piepsi“ getauft.

(4) Geheimtipp: In der dortigen Schaukäserei kann man den besten Käsekuchen der Welt essen. Ungelogen!

(5) Ja, ich wurde auch durch die „Biene Maja“-Zeichentrickfilme sozialisiert. Willi war immer mein Lieblingscharakter.

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