Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Archiv für das Schlagwort “Haustüren”

Meine eigene Dummheit (Rewind) oder: Wie schnell doch so ein Jahr vergeht…

Da mir heute endlich die Handwerker mit einer neuen Tür ins Haus gefallen sind (kaum drei Monate darauf gewartet…) und gerade mit viel Lärm und metallisch beißendem Gestank das alte Aluminiummonstrum aus seinem Rahmen fräsen, fehlt mir heute die Muse (Muße?) und Ruhe, einen neuen Artikel zu schreiben. Deshalb gibt es heute Aufgewärmtes, einen „Freitagsaufreger“ vom 07. Juni des letzten Jahres, in dem ich erläuterte, wie es dazu kam, dass ich eine neue Haustüre benötigte, weil ich die alte in einem Akt von unfreiwilligem Vandalismus irreparabel beschädigte und meine Katze endlich einen eigenen Eingang braucht. Im Moment stellt sie sich noch jammernd und kratzend vor eine Tür, wenn sie rein und raus will und das soll anders werden.

Amy (die Katze) trägt inzwischen einen in den Nacken implantierten Chip, der einen Code aussendet, der sie für PETA und die NSA überall auffindbar macht und mit dessen Funkwellen sich die Katzenklappe automatisch für sie öffnet.  Wie das Ganze funktioniert, habe ich nicht vollkommen verstanden; es ist eine moderne Form des all inclusive-Armbändchens. Es soll nämlich nur Amy (und die diversen Mitbringsel, die sie dabei hat) ins Haus an ihr Futter und ihren bequemen Schlafplatz lassen und nicht irgendeine andere Katze, von denen in der Gegend einige herumspazieren. Auch Marder und Waschbären sollen draußenbleiben.

Jetzt muss Amy nur noch kapieren, dass sie durch die schmale Klappe ins Haus kann. Wahrscheinlich werde ich in den nächsten Tagen meine Freizeit vor der Öffnung gekauert verbringen und mit der heißgeliebten Katzen-Bifiwurst wedeln, um sie zu locken. Denn ich will demnächst mit Frau Klammerle in den wohlverdienten Urlaub fahren und dann soll Amy allein ein- und ausgehen können und mutig das Haus bewachen.

Amy7

Wird diese Katze clever genug sein, die Sache mit der Klappe zu verstehen?

Wir werden sehen und ich werde demnächst hier darüber berichten. Meine alte Tür wird übrigens in mein privates DOOR-ART-Museum im Keller kommen, in dem ich schon diverse Schranktüren, eine alte gußeiserne Ofentür, eine kaputte Küchen-, und eine überflüssige Wohnzimmertür exponiere. Es ist zwar etwas eng, aber diverse alte Stühle und anderer Sperrmüll sorgen dort für Gemütlichkeit.

Aber nun zum Freitagsaufreger:

*

Meine eigene Dummheit.

Sie ist manchmal grenzenlos. Ich will nicht viele Beweise anführen, um diese These zu verifizieren, denn ich möchte heute für diesen Artikel nicht die Proust-Medaille für ausschweifendes Erzählen erhalten. Fremdschämen und Schadenfreude sind nur als Fast-Food bekömmlich. Außerdem ist mir das alles wirklich peinlich und ich will niemanden mit sattsam Bekanntem belästigen – denn jeder kennt die Dummheit aus eigener Anschauung.

Ich folge hier einem Themenvorschlag von Frau Klammerle, ich solle doch mal über meine geistigen Unzulänglichkeiten schreiben.

Nehmen wir daher nur einmal die letzten Tage. Vorgestern entschloss ich mich unter konsequenter Umgehung des Gehirns spontan, alle Regeln des örtlichen GUV zu missachten und schnell mal mit der Standbohrmaschine ein Loch in einen Metallstreifen zu bohren, ohne diesen im Maschinenschraubstock vorher gesichert zu haben – tausendmal gemacht: Nie ist etwas passiert. Selbstverständlich wurde mir das Metall diesmal aus der Hand gerissen, rotierte mit 1650 rpm wie ein Hubschrauberrotor um den Bohrer. Seither kann ich nur noch mit den Fingern der rechten Hand tippen, da von den linken ein paar entscheidende Teile weggesäbelt wurden (Ich verzichte auf eine Illustration).

Gestern Vormittag nun ging ich frohgemut aus dem Haus – Pflaster kaufen und in die Arbeit fahren – und zog die Tür hinter mir zu. Sie ahnen es schon: Ich hatte mich selbst ausgesperrt. Der Sohn war in der mündlichen Prüfung, die Frau in der Arbeit, ein Handy besitze ich aus Prinzip nicht und ein dringender Termin wartete ungeduldig. Deshalb bin ich bei mir selbst eingebrochen. Ich versuchte es zumindest. Die Zahl der Einbruchsdiebstähle ist in Deutschland in den letzten Jahren stark angestiegen, 140.000 Brüche im Jahr, aber wann ist schon ein Einbrecher in der Nähe, wenn man mal einen braucht?

Nach einer schweißtreibenden Weile (ja, der Sommer ist zurückgekehrt) gelang es mir, das Blech am alten Briefkastenschlitz mit Hilfe eines Besenstiels ein stückweit wegzubiegen, damit ich durch dessen Öffnung nach innen langen konnte. Was erzähle ich noch: Der Schlitz war zu klein, die Finger steckten fest – natürlich (ja, natürlich) die der linken Hand, deren Wunden wieder aufplatzten und in die Wohnung bluteten. Inzwischen standen auch schon zwei besorgte Nachbarn parat und hatten gute Ratschläge; in meiner Wohngegend macht man nie etwas unbeaufsichtigt. Deshalb wird hier auch wahrscheinlich auch so selten eingebrochen.

Dann öffnete die Nachbarin von Nebenan ihre  Tür, beunruhigt wegen des Lärms bei mir. Als ich ihr meine Lage schilderte, fragte sie erstaunt, warum ich nicht meinen Hausschlüssel benutzen wolle, den ihr Frau Klammerle für solche Fälle zum Aufbewahren überreicht habe.

Genug!

Unsere alte, hässliche Alu-Türe, die Winters innen eine Eisschicht bildet und sich im Sommer so verzieht, dass man sie mit einem Ruck aufstemmen muss, schließt nach meinem dilettantischen Heist-Movie noch immer hervorragend, aber sie ist leicht lädiert und ich muss mich mit dem Gedanken anfreunden, sie demnächst durch eine neue Tür zu ersetzen; am Besten gleich eine mit Katzenklappe, damit Amy ihr halblebendiges Spielzeug mit in die Wohnung nehmen kann.

Dabei ist mir aber die Idee zu einer neuen Kunstrichtung gekommen:

DOOR-ART!

Man braucht außer dem Medium (der Tür) nur noch einen stabilen Besenstiel, eine vom Nachbarn entliehene Kombizange und eine angstfreie, schmerzresistente Künstlerseele und kann interessante Kunstwerke mit einer Botschaft gestalten (paint it bloody red, Türen, die trennen, ein- und ausgrenzen, Knockin‘ on Klammers door, die Grenzen überwinden, das Nord-Süd-Gefälle, der Mann als Irrtum der Natur, doorway to heaven usw., usf. Mir schwirrt der Kopf vor Ideen!) – und das Ganze an der eigenen Haustüre. DOOR-ART! Die Kunst kehrt heim.

doorart

Der Freitagsaufreger (XXX) – Scheuklappen

Türen, Türen, Türen.

Eine der erstaunlichsten Eigenarten des Gehirns scheint mir zu sein, wie schnell und hartnäckig es sich auf manche Dinge fixiert, die ihm vorher keine Rolle spielten und plötzlich im Mittelpunkt aller Lebensäußerungen stehen. Mit einem Mal dreht sich alles nur um eine einzig Sache, jeder Gedanke kehrt immer wieder zu ihr zurück und ein harmloser Gegenstand entwickelt sich plötzlich zur Sucht, der man nicht entkommen kann. Und ich rede jetzt nicht von Handyspielen oder Energydrinks, sondern von alltäglichen Gegenständen, genauer gesagt, von Haustüren.

Aber das sollte ich näher erläutern.

Ich glaube, der Psychologe nennt diese Fixierungen eine Déformation professionnelle oder einfach Betriebsblindheit. So behandeln Lehrer Freunde und Familienmitglieder wie Schüler und halten alle für dumm und faul, Krankenschwestern desinfizieren die Wohnung und reagieren mit professioneller Gelassenheit auf die lebensbedrohliche Erkältung ihres Mannes, Mikrobiologen sehen auf jedem Käse gefährliche Schimmelpilze, Polizisten Verbrecher und Erzieher pädagogische Fehler (also nicht beim Käse, sondern bei Menschen).

Vor einigen Jahren haben zum Beispiel Häuser von einem Tag auf den anderen einen neuen Charakter für mich bekommen. Das war in der Zeit, in der ich wegen einer chronischen Finanzschwäche bei der Post arbeitete und in wechselnden Bezirken in den mir nur allzu bekannten Straßenzügen meiner Heimatstadt Briefe zustellte. Die Häuser begannen zu leben. Die Gebäude, an denen ich bisher achtlos vorbeigegangen war, bekamen plötzlich ein Innenleben, eine Struktur. Es gab Häuser, die ich mochte, die ich gerne betrat, andere hasste ich. Das war unabhängig von ihren Bewohnern, sondern beruhte auf den Schwierigkeiten, die ich dabei hatte, sie zu betreten. Oft besaß ich keinen Schlüssel und musste – als extrem schüchterner Mensch – Reihen von Klingelknöpfen durchprobieren, bis mir jemand die Gnade erwies, mich hereinzulassen. Da ich aber einen festen, knapp bemessenen Stundensatz bezahlt bekam und es mein Privatvergnügen war, ob ich ihn über- oder unterbot, war ich immer in Eile und nahm jede Verzögerung als einen persönlichen Angriff auf meine knapp bemessene freie Zeit.

Ein eigenes Thema waren dabei die Briefkästen.  Entscheidend war, ob es eine außen angebrachte Anlage war, an der Front oder am Rückteil des Gebäudes, ob sich die Briefkästen auf mehrere Eingänge verteilten ob sie gar an den Wohnungstüren angebracht waren, ob sie sauber und auf neuestem Stand beschriftet und ihr Öffnungsspalt groß genug war, auch Langholz, also Sendungen im DIN A4-Format, aufzunehmen. Es gab  Kästen mit rasiermesserscharfen Klappen über den Öffnungschlitzen, die mir beim Zurückfallen auf die Finger schlugen und sie aufrissen oder die eingeklemmte Zeitschrift so nach unten bogen, dass sie wieder herausfiel. Häufig standen die Namen auf diesen Klappen, die durch das Langholz nach innen gedrückt und damit nicht mehr lesbar waren, was vor allem bei Hochhausanlagen ärgerlich war. Es gab Anlagen, deren unterste Kästen in Kniehöhe angebracht waren – ich hatte chronische Rückenschmerzen wie nie mehr danach –  oder sich auf zwei Seiten aufteilten. Manche Kästen wurden nur einmal in der Woche geleert oder die Tageszeitung füllte sie. Zwei, dreimal in der Woche steckten Werbe- und Stadtzeitungen zur Hälfte in den meisten Schlitzen, verdeckten die Namen und erschwerten die Arbeit. Oft standen Kinderwägen oder stinkende Mülltonnen im Weg. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass ich ein solch persönliches, animistisches Verhältnis zu einem toten Gegenstand wie einem Briefkasten entwickeln könnte und es dauerte lange, bis ich in der Nacht nicht mehr davon träumte, einen befüllen zu müssen. Ich war wirklich so auf Briefkästen fixiert, dass ich mich nach ein paar Monaten bei der Post regelmäßig dabei ertappte, wie ich ganz automatisch auch nach Feierabend begann, im Vorbeigehen Häuser allein nach ihnen zu beurteilen und Freunde auf die Mängel ihrer Anlagen aufmerksam machte. Ich war komplett deformiert.

Eine ganz ähnliche Phase der Deformierung macht gerade Frau Klammerle durch. Wie ich im vorletzten Freitagsaufreger schrieb, suchen wir einen Ersatz für unsere alte Haustür. Da ich dazu neige, solche Dinge weit von mir zu schieben (der große Geist eines Schriftstellers steht über den alltäglichen Kleinigkeiten) hat sie sich dankenswerterweise in diese Aufgabe gestürzt, hat Türenläden besucht und mit Vertretern geredet, hat Kataloge bestellt und sie gewälzt und im Internet recherchiert. Die Folge war, dass ihr Leben im Moment nur noch aus Haustüren besteht. Dafür, dass sie sich alle erstaunlich ähnlich sehen und auch die Farbauswahl eng begrenzt ist, gibt es unendlich viele Variationen, mit oder ohne Ziernuten, mit abgesetzem Rahmen oder ohne,  mehrfarbig oder uni, kleine, große, schiefe, geschwungene Fenster oder gar keine, weiß, braun, anthrazit, grau, rot, blau. Dazu eine Auswahl an Klinken und das Seitenteil mit Katzenklappe nicht vergessen!

Tür

Jeden Abend zeigt mir meine liebe Frau fünf neue Türen, obwohl ich schon vergessen habe, wie die von gestern aussahen. Wir spielen mit Photoshop und passen Katalogbilder in ein Foto von unserem Haus ein. Sie will mich auf Baumessen und Frühlingsaustellungen schleppen. Sie telefoniert und trifft sich mit Freundinnen, um über Türen zu reden und bei meiner Geburtstagsfeier letzten Montag hat die ganze Familie über Türen und nicht wie sonst über die Rente diskutiert. Wenn wir mit dem Auto durch Ortschaften fahren, mäßigen wir das Tempo und spähen nach rechts und links und wenn wir einen Krimi sehen, macht sie mich zwischendurch auf die Eingangstüren der Verdächtigen aufmerksam. Inzwischen träumt sie nachts von Türen.

Diese Fixierung wird so lang anhalten, denke ich, bis wir endlich eine neue Haustür haben. Dann kehrt wieder Ruhe in unserem Eheleben ein. Bis Frau Klammerle beginnt, den Sommerurlaub zu planen, dann dreht sich unser Leben ausschließlich um Rundwanderwege in Irland…

Beitragsnavigation