Aber ein Traum …

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Isabella, die Krippenkatze (Teil 5)

[Zum 1. Teil …]

Isabella, die Krippenkatze

Ein weihnachtliches Capriccio von
Nikolaus Xaver Maria Klammer.

weihnachtsband

Der erste Schritt auf dem Weg war getan.

Dargomir von Istafell nickte zufrieden und schob sein blutiges, längst schartig geschlagenes Kurzschwert zurück in die Scheide an seinem Ledergürtel und hängte sich seinen Schild über die Schulter. Dann stieg er mit entschlossener Miene über den Ringwall aus erschlagenen Eynhiriern, den er während seines langen Kampfes auf der Fallbrücke um sich herum aufgestapelt hatte.

Er ging ein paar Schritte, dann blickte er mit zusammengekniffenen Augen unter zornig herabgezogenen Brauen hinauf zu den Zinnen der finsteren Zitadelle Fynstrdarff. Die Regenschwaden, die ihm dabei entgegenpeitschten, wuschen die Blutflecken seiner Gegener aus seinem edlen Gesicht. Fynstrdarffs unüberwindbare Mauern, die aus fugenlosen und neumondsnachtschwarzen Obsidianquadern errichtet waren, stammten direkt aus den Vulkanschmieden des in der Vorväterzeit vom Himmel gefallenen Dribnisfelsens und galten als das härteste Gestein Hygëas. Die messerscharfen und wie groteske Alpträume ineinanderverschlungenen Wehrtürme dieses Bauwerks des Uralten Erzbösen ragten aus der Grabsteinebene vor dem mächtigen Ytselsgebirge so weit in den düstergrauen Himmel, dass ihre Spitzen die massiven Wolkenmassen aufrissen und es rund um die Heimatfeste des Molochs Dar‘Gyr in Ewigkeit regnete und gewitterte.

Dargomir lächelte grimmig und trat dann mit selbstsicherem, aber vorsichtigem Schritt auf das immer geöffnete Ausfalltor zu, das als einziges in die Zitadelle hinein führte. Es hatte schon viele, viele namenlose Recken und berühmte Helden verschluckt, aber noch nie einen wieder freigegeben. Ihre Körper baumelten für jeden leichtsinnigen Ritter zur Warnung in allen Stadien der Verwesung von den Obsidianmauern. Dem mächtigen Paladin Dargomir von Istafell würde dies nicht passieren! Er war der auserwählte Streiter von Belengar, des Gottes der Freien Lande. Mochte ihm Moloch Dar auch weiterhin all seine grausigen Geschöpfe und Monster entgegenschicken, die er in seinen Mauern züchtete; Dargomir würde sich wie ein Felsen in der Brandung dieser Flut entgegenstemmen, die Burg betreten und sie mit dem abgeschlagenen Kopf des Erzbösen in der Hand weider verlassen. So war es ihm vorhergesagt von der legendären Narne Skyd und nichts auf Himmel und Erde würde ihn von seinem Weg abbringen, den das Schicksal für ihn vorgezeichnet hatte. Auch nicht das Gelächter einer gewaltigen, unerträglich lauten Stimme, die ihn von oben herab verspottete:

„Dragomir der Starke kommt mich besuchen!“, rief sie kichernd und ihr Klang dröhnte in den Ohren des Paladins, der sich nur unzureichend schützen konnte, indem er die Hände an die Ohren presste. Es schien, als entstünde diese Stimme direkt in seinem Gehirn. „Welch eine Ehre!“

„Uralter Erböser! Siehe, die Zeit ist den Feind! Stelle dich deinem Schicksal!“, brüllte Dragomir und es gelang ihm tatsächlich, die Stimme in seinem Kopf auf diese Weise zum Schweigen zu bringen. Eine kurze Stille senkte sich über das blutige Schlachtfeld auf der Brücke vor dem einladend geöffenten Burgtor. „Schicke mir nur weiterhin deine ekelhaften Kreaturen und die Untoten, die du ihren Gräbern entrissen und mit deinen schwarzen magischen Künsten wiedererweckt hast, entgegen, du Vater der Lüge. Sie können mich nicht aufhalten, denn ich habe die Macht Belengars. Du jedoch hast deine widerwärtige Existenz endgültig verwirkt, als du meine Iduna ermorden ließest! Ich bin dein Richter! Ich bin dein Henker!“

„Nun, wir werden sehen, größenwahnsinniger Paladin eines kleinen, unbedeutenden Gottes“, wurde ihm dann voller Ironie geantwortet. „Noch hast du nicht einmal den Burghof von Fynstrdarff betreten.“

Dann … erklang ein furchtbares Gebrüll. Darin war nichts Menschliches. Es war der Urlaut ein entsetzlichen Ungeheuers und der Paladin wusste sogleich, was da vom Inneren der Zitadelle direkt auf ihn zukam. Und hier auf der engen Brücke gab es keine Möglichkeit, ihm auszuweichen. Dieses Gebrüll war unverkennbar der Schlachtruf von Dar‘Gyrs Schoßtier, dem entsetzlichen, feuerspeienden Drache Hymyr, der ganze Landstriche mit einem seiner glühenden Atemzüge vernichten konnte. Wo einmal seine Pratzen mit ihren mannsgroßen Klauen die Erde berührt hatten, dort wuchs in tausend Jahren nichts mehr. Dragomir atmete tief ein und suchte seine innere Mitte. Er fasste sich an seine Brust, wo er das Amulett trug, das ihm Iduna kurz vor ihrem Tod geschenkt hatte. Es pulsierte und zuckte in seiner Hand wie ein lebendiges Tier. Wie gerne wäre Dragomir nun auf seinem Ross Padra gesessen, um mit ihm gemeinsam dieser Monstrosität entgegenzutreten! Doch sein treues Pferd hatte den grausamen Ritt über die Grabsteinebene nicht überstanden und der Paladin war vollkommen allein und auf sich gestellt.

Doch er zögerte nicht länger. Jetzt entschied sich das Schicksal von Hygëa für die nächsten zehntausend Jahre, da durfte es kein Hadern und Zweifeln mehr geben! Er zog sein legendäres Zweihänderschwert Windterwynd aus dem Futteral in seinem Rücken. Die glänzenden Muskeln seiner Oberarme spielten wie mächtige Schlangen unter seiner Haut und, da er seine Kampfhaltung einnahm. Windterwynd pfiff in dem Regensturm eine heitere Melodie. Und da schob sich ein gigantisches Maul durch das Tor. Es schien nur vielen Reihen aus spitzen und scharfen Zähnen zu bestehen. Es roch nach Schwefel und Tod.

„Das hier ist nicht Betlehem, oder?“ Jemand tippte Dragomir von hinten vorsichtig auf die Schulter. Der Paladin fuhr zutiefst erschrocken herum. Ein seltsames Trio stand hinter im auf der Brücke und sah sich eingeschüchtert um. Sie waren aus einer merkwürdigen Tür aus Licht getreten, aus der es widerwärtig nach Unrat und Schsm stank. Die Gruppe bestand aus einem nassen, müffelnden und großen Hundvieh, einem merkwürdigen Esel mit roter Gnomenmütze zwischen den Langohrohren und einer Laterne im Maul, in der ein magisches Licht flackerte und einem kleinen, unscheinbaren Männlein, das der Gottesstreiter mit einem Atemzug hätte umblasen können. Das mickrige Kerlchen hatte ihn eben angetippt und fuhr nun verschüchtert fort: „Dann wollen wir nicht länger stören. Wir sehen ja, dass sie beschäftigt sind.“

Der aus dem Nichts aufgetauchte Mann – ein Zauberer von den fernen Schwürbleranfurten aus der tristen Nordmark vielleicht? Diese Magier sollten ja recht seltsam sein! – deutete erschrocken nach hinten. Verflucht und alles Pech der Hölle! Dragomir hatte den Drachen vergessen, der sich inzwischen durch das Tor gequetscht hatte, durch das er gerade so hindurchpasste und sich nun zu seiner vollen Größe aufgerichtet hatte! Deswegen wurde es ihm im Rücken plötzlich so heiß! Etwas kinsterte verbrannt und ein Feuerstoß traf den Paladin wie ein geschleuderter Speer direkt in sein geschultertes Schild. Der harte Flammenstrahl ließ ihn nach vorne taumeln. Dragomir ächzte und stolperte gegen den kleinen Schwächling, der so unvermutet aufgetaucht war. Friederbusch fiel nach hinten und setzte sich in den blutigen Matsch der Holzbrücke, der von der Hitze qualmte und in Brand geriet.

„Nein, dies ist nicht Bethlehem, bei den schwefelgelben Wasserfällen von Skydaris! Ich weiß überhaupt nicht, wo oder was das sein soll, dieses Beth— Krötenschleim nochmal!“, rief der Paladin und wirbelte auf seinen Füßen herum, ließ dabei seinen Bihänder kreisen. Die gewaltige Götterklinge traf den jadeharten Hals des Ungeheuers und brachte ihn wie einen Schrank mit Untertassen zum Klirren und Wanken. Doch vollkommen unbeeindruckt senkte sich das enorme Maul und schnappte nach Dragormir, der sich nur mit einer kühnen Seitwärtsrolle in Sicherheit bringen konnte. „Und ich bin gerade wirklich beschäftigt. Verdammnis!“, zischte er in Richtung des Trios. Dann drang von Neuem auf den Drachen des Erzbösen ein, der ihm für einen Moment seine ungeschützte, vernarbte Flanke zuwandte, wo ihn vor Jahrzehnten der Neunte Herr von Taigard verwundet hatte. Dies war die einzige Stelle, wo Hymyr verletzt werden konnte!

Der Weihnachtshund nahm Friederbusch am Kragen und zog ihn ein wenig zurück aus der Gefahrenzone.

„Ich gebe zu, das war ein kleiner Irrtum“, räumte Karl-Heinz kleinlaut ein und wirkte ein wenig ärgerlich. Von seinem verbrannten Fell kräuselte sich ein kleiner Rauchfaden empor. Er stupfte Friederbusch mit der Schnauze an, der mit dem Hintern im dampfenden Schlamm wie in einer Sauna saß und fasziniert den entscheidenden Kampf des mutigen Helden mit dem geflügelten, giftiggrünen Drachen verfolgte, der den Ritter um eine Haushöhe überragte. Sein größter und sehnlichster Wunsch, einmal wirklich in ein Fantasy-Abenteuer zu geraten, war eben spektakulär in Erfüllung gegangen. „Offensichtlich war das die falsche Abzweigung und bestimmt die falsche Tür, durch die wir gestolpert sind. Die führte uns wohl geradewegs in die Unwahrscheinlichen Welten. Gut, dann haben wir das jetzt auch gesehen. Aber jetzt gehen wir besser wieder. Kommst du auch oder willst du noch ein wenig zugucken?“

[Die Fortsetzung folgt am nächsten Sonntag.]

Isabella, die Krippenkatze (Teil 4)

[Zum 1. Teil …]

Isabella, die Krippenkatze

Ein weihnachtliches Capriccio von
Nikolaus Xaver Maria Klammer.

weihnachtsband

Die von der Haustür des Nachbarn gestohlene Laterne, die Singing Sam an ihrem Bügel im Maul trug, schickte das unsichere, flackernde Licht ihrer künstlichen LED-Kerze in die Finsternis. Der Esel ging voran und konnte wegen seiner Last im Moment weder singen noch reden -, was die beiden, die ihm folgten, nicht eben als Nachteil empfanden.

„Was willst du damit sagen, es würde keine Krip­penkatze geben?“, fragte Friederbusch noch immer vollkommen verwirrt und wandte seinen Kopf zu­rück zu dem Weihnachtshund, der direkt hinter ihm ging. Was er sagte, hörte sich an wie:

Wms wmisd dm dmd sgnm, ms wümde kne Kmdmkm­den gmbn?“, denn der Autor vermied es, durch die Nase zu atmen, denn der Gestank in den Kanälen tief unter der Stadt war grauenvoll. Karl-Heinz verstand ihn trotzdem, denn als fünfhundertjähriger Weihnachtshund verstand er alle Sprachen, Dialekte und Tierlaute der Welt.

„Wuff, ich weiß nicht, wie die Katzen-Viecher es geschafft haben. Aber die ursprüngliche Weihnachtsgeschichte wurde vollkommen verändert“, antwortete er geduldig und erzählte zum zehnten Mal seine Geschichte. Er benötigte Friederbusch und seine zehn Finger mit den abspreizbarem Dau­men, deshalb musste er ihn in der Kanalisation von Bromberg bei Laune halten. „In der Version, die ich kenne – der alten, einzig wahren – kam keine einzige Katze vor. Da schlummerte das Jesuskindlein bei Ochs und Esel allein in der Krippe. Irgendjemand hat in der Vergangenheit herumge­pfuscht und ich bin überzeugt, dass es einige beson­ders bescheuerte Katzen waren … nicht, dass es auch noch andere gäbe.“

Friederbusch, der Katzen mochte und es nicht dul­den wollte, wenn man unfreundlich über diese herrlichen, geschmeidigen und anschmiegsamen Tiere sprach, die Gott wahrscheinlich extra für Schriftsteller erfun­den hatte, drehte sich halb nach hinten und wollte empört etwas einwenden, denn war der Meinung von Charles Bukowski: Er mochte Hunde lieber als Menschen, aber er mochte Katzen lieber als Hunde. In seinem Eifer stolperte er tollpatschig über den scharfkantigen Rand des gemauerten Weges, der eine Handbreite über der stinkenden Abwasserbrühe in der Mitte des Kanals verlief und trat mit dem rechten Fuß tief in die eklige Flüssigkeit hinein, die eiskalt in seinen Schuh schwappte. Warum hatte er nur auf Karl-Heinz gehört und sich sommerlich gekleidet, anstatt seine hohen Winterstiefel anzuziehen?

Schsm!“, schimpfte er und zog sein Bein aus der Brühe. Er war nicht dabei gewesen, beim gewaltigen, apokalyptischen Kampf gegen den Karlnickel-König, aber Jan Philipp Rabenhorn, sein Lektor beim Kienbauer-Verlagshaus, hatte ihm später erzählt, es habe damals hier unten alles hübsch weihnachtlich nach Tannennadeln, Oran­genschalen, Lebkuchen und Mandelkern gerochen, die Wände hätten heimelig geleuchtet und in den klaren Wassern der Kanäle wären allerlei muntere Makronenfischlein, Zimtseesterne und Bethmännchenkrebse geschwommen. Doch diesmal müffelte es nur nach dem Abfall, den die Menschen oben in der Stadt gedankenlos in ihren Toiletten ent­sorgten. Es herrschte, von der trüben Lampe abgesehen, die Singing Sam im Mund hielt, stockfinsterschwärzestnachtene Dunkelheit in der muffigen Kanalröhre vor und die einzigen Tiere, die zwischen den unidentfizierbaren Brocken durchs Wasser flitzen, waren riesige, aufgeschreckte Ratten. Wahrscheinlich hatte Rabenhorn seine rosigen Kanal-Erinnerungen seinem nicht unerheblichen, jahrzehntelangen Konsum von lange gelagertem irischem Whiskey zu verdanken.

„Fein, fein“, murmelte Friederbusch kaum verständlich, zog sich den durchweichten Segeltuchschuh und den Socken mit einem Nikolaus-Motiv aus. Ersteren entleerte er auf den Boden, den Strumpf, den er als kleine Anspielung an seinen Konkurrenten Nikolaus Xaver Maria Klammer trug, wrang er aus, bevor er beide wieder über seinen feuchten Fuß zog. Es quietschte, wenn er einen Schritt machte. „So weit, so gut. Katzen sind ins biblische Jahr Null gereist …“

„Es gibt kein Jahr Null“, unterbrach ihn Karl-Heinz gereizt. Er spürte ein Jucken zwischen den Nasenwurzeln. Wie hatten es die Menschen nur bis zum heutigen Tag geschafft, sich nicht aus Dummheit selbst auszurotten? „Wie oft soll ich dir das noch erklären? Es gibt ein Jahr Eins vor und ein Jahr Eins nach Christus. Aber keine Null, die wurde erst im 5. Jahrhundert erfunden. Und die Katzen müssen sich übrigens ins Jahr 6 v. Chr. geschlichen haben, und zwar exakt zum Ante Diem VII Kalendas Apriles, den heutigen 26. März und haben dort in die Zeitlinie eingegriffen. Der 26. März istder historische und tatsächliche Geburtstag von Jesus und nicht der 24. Dezember, den wir heute feiern. Aber behalte dieses Geheimnis der Alchimisten, das ich vom Karlnalrumpelstilz persönlich erfuhr, für dich.“

Friederbusch bekam Kopfschmerzen. War diese Geschichte ein spannendes Weihnachtsmärchen oder ein fader mathematisch-historischer Exkurs? Mathe und Geschichte waren seine absoluten Leidensfächer in der Schule gewesen. Die eine verstand er nicht, die andere pfuschte ihm ständig ins Handwerk. Ihm ging dieser neunmalkluge Weihnachtshund langsam gehörig auf die nassen Socken. Warum hatte er sich nur zu diesem Abenteuer überreden lassen?

„Das sei mal dahin gestellt,“ mumpfelte er in sich hinein. Als Fantasy & Science Fiction-Autor kann ich das Konzept einer Zeitreise mit all ihren Konsequenzen für die Gegenwart verstehen, aber ich habe doch noch zwei, drei Fragen. Wäre dies ein Buch, wäre es meine Aufgabe, dem verwirrten Leser mit genau diesen Fragen auf die Sprünge zu helfen. Also, Frage Eins: Wenn die Katzen die Zeit verändert haben, warum weiß ich nichts davon und du und Sam schon?“

„Du vergisst, dass wir mystische Geschöpfe sind, geschaffen von einem Rumpelstilz in den Karlnickelwäldern, von denen nurmehr unser Großer Pinkelbaum oben auf dem Marktplatz steht. Wir schweben über den Zeiten und sind uns ewig gleich. Wir vergessen nichts.“

Singing Sam, der Weihnachtsesel

Sam zwinkerte Karl-Heinz ironisch und zweifelnd zu, aber der alte Weihnachtshund entschied sich, ihn zu ignorieren. Friederbusch nickte. „Hm… Frage Zwei: Wie gelangen wir nach Palästina und ins Jahr Null?“

„Weihnachtsstollen- und Lamettabruch! Bei Herodot und Polybius! Was habe ich dir gerade erklärt, du Null, du? Es gibt kein Jahr Null!“ Er sammelte sich. Schriftsteller! Gab es noch uneinsichtigere, starrköpfigere und dümmere Gesellen – von Politikern einmal abgesehen? Dann hob Karl-Heinz stolz den Kopf. Seine Stimme wurde feierlich und getragen und ihr Echo trug sie weit in die Finsternis, die mit einem Mal wie die Angstpfeife einer mittelalterlichen Orgel brummte.

„Höre, kleiner, unbedeutender Mann und verneige dich vor dem Unbegreiflichen, dem Wesen der Weihnacht: Die Wurzeln des Großen Pinkelbaums reichen tief und breiten sich unter Bromberg in alle Himmelsrichtungen aus. Er ist ein Ableger des gewaltigen Weltenbaums Yggdrasil. Seine Wurzeln führen überallhin, haben sich hineingebohrt in alle Zeiten, Geschichten, Räume und Orte, die du dir mit deinem kleinen Verstand nur vorstellen kannst und viele, viel mehr, die weit über ihn hinausgehen. Die Miriaden von Karlnikel haben sich jahrhundertelang ins Erdreich gebohrt, haben sich entlang dieser Wurzeln ausgebreitet, haben ihre Gänge und Wege an ihnen entlang gegraben, sich von ihnen ernährt und dabei die Anfänge dieser Katakomben unter der Stadt errichtet, die das Karlnalrumpelstilz mit Hilfe seiner Geschöpfe später befestigte und zu dieser unterirdischen Welt unter der Welt ausbaute. Von hier aus kommst du im Wortsinn überall hin: In andere Welten zum Beispiel, tatsächliche und erfundene und eben in alle möglichen und unmöglichen Vergangenheiten und Zukünfte. Du gelangst durch die Gänge nach Pangea und zu den Tümpeln, in denen sich die ersten Amöben tümpelten und fraßen. Du kannst den Bau der Pyramiden bestaunen und die Invasion der schlotzig-klebrigen Dreifüßer vom Arkturus im Jahr 25672. Du gelangst an Orte, die so fremd sind, dass sich dein Verstand verflüchtigt, wenn du sie erblickst, direkt hinein in die staubigen, regenbogenfarbigen Ringe des Enceladus,zwischen die platzenden Galaxienschmieden von Isbekan, die schwarz-weißen Löcher von Telvis und sogar bis in den Keller von Tabor. Meine unfehlbare Nase wird uns leiten.“

Friederbusch wartete geduldig, bis der Nachklang von Karl-Heinzens Stimme verstummt war. Das waren zwar gewaltige Worte gewesen, aber für ihn als Fantasy-Autor war das nur Hausmannskost. Er hätte das tausendmal besser, dramatischer und epischer formulieren können. Aber schließlich hatten die drei Helden an diesem Tag noch etwas anderes vor. „Frage Drei und dann gebe ich Ruhe: Und wie sind die Katzen in die Vergangenheit gelangt? Auf dem gleichen Weg?“

Karl-Heinz machte eine wegwerfende Pfotenbewegung. „Nur ein Weihnachtshund kann den Weg hier unten finden. Diese Schrödiger-Katzen – pff … Die sind eh nicht ganz von dieser Welt. Man weiß nie, ob sie da sind oder nicht. Ihre Natur ist nicht so stofflich wie die anderer Lebewesen, sie ist durchlässiger. Sie diffundiert. Eine Katze kommt überall hin, wenn sie will. Und diese wollten offenbar …“

„… ins Jahr Null!“

Durch die Gänge hallte das einsame und verzweifelte Heulen eines frustrieren Weihnachtshundes.

[Zum 5. Teil …]

Isabella, die Krippenkatze (Teil 3)

[Zum 1. Teil …]

Isabella, die Krippenkatze

Ein weihnachtliches Capriccio von
Nikolaus Xaver Maria Klammer.

weihnachtsband

Eine Gruppe von Claqueuren, die Murrle vor seiner Rede genau unterwiesen hatte, fauchte und heulte eindrucksvoll. Der uralte Perserkater hob seinen Schwanz und formte ein Fragezeichen mit ihm. Der Beifall verstummte sofort. Atemlos lauschte nun die aufgepeitschte Menge seinen weiteren Worten:

„Ihr glaubt, dass man da einfach nichts machen könne, dass die Dinge seien, wie sie sind? Ihr irrt euch gewaltig! Was für erbärmliche Schmusekatzen seid ihr alle! Keinen Mumm in den Knochen. Einer entschlossenen Katze wird alles gelingen, glaubt mir. Deshalb werde ich – ja, ihr habt richtig gehört: Ich, Baron Maunzger Sperlingstod von Horrkrall! – diese unerträgliche Schande ausmerzen. Und wenn es das Letzte ist, was ich auf dieser Welt noch tun werde. Beim gestiefelten Kater, bei Mikesch, Karlo und dem edlen Murr! Dreimal schwarzer Kater: Es ist das mindeste, dass auch wir Katzen in der Bibel erwähnt werden. Wir haben ein Recht darauf. Und wir werden es uns holen, wenn die Menschheit es uns nicht gewährt …“

„Und wie willst du das anstellen, Baron Maunzger?“, knurrte eine tiefe Stimme von hinten und unterbrach den von seiner eigenen Sprachgewalt beeindruckten Murrle. Der einäugige Cassius, ein zäher, dürrer, aber großer Kater, Sieger ungezählter Schlachten und Kämpfe und Stammvater ebenso unzähliger Nachkommen im Viertel, schob sich vorsichtig und geduckt nach vorne. „Sollen die Vatikan-Katzen vielleicht den Papst bestechen?“

Cassius war über diese vom Altvater Murrle überraschend einberufene vorweihnachtliche Versammlung nicht erfreut, da sie ihm ein Liebesabenteuer versalzt hatte und auch noch ausgerechnet in seinem Viertel stattfand, in dem er als Blockwart das große Wort führte. Der massive Katzenauflauf würde für Wochen alle Mäuse und Ratten, die dem unbemenschten Cassius zur Nahrung dienten, aus der Gegend vertreiben. Er wünschte sich deshalb, dass die Sache schnell erledigt war und er wieder zu seinen selbst bei den nicht allzu moralischen Straßenkatzen doch recht verrufenen Geschäften zurückkehren konnte. Allerdings hatte er auch Respekt vor dem Alten, der den Rat schon geleitet hatte, als Cassius noch ein süßes, kleines Kätzchen war und täppisch hinter einem zufälligen Lichtreflex hinterherjagte. Deshalb duckte er sich auch entschuldigend und eingeschüchtert, als Murrle einmal kurz und beleidigt fauchte.

„Ich danke dir für deinen Einwand, Cassius von der Seuchgasse“, stellte der Älteste trotzdem freundlich fest, auch wenn die sarkastische Betonung der niedrigen Herkunft des Straßenkaters für schadenfrohes Gelächter unter den anderen Katzen sorgte. „Ich hätte euch nicht belästigt und zu dieser Versammlung eingeladen, wenn ich nicht einen Plan hätte. Ich würde es ja alleine machen, doch ich muss es euch gestehen: Mein Alter …“ Obwohl außer den mit Sardinen bestochenen Beifallsjublern niemand einen Einwand machte, hob Murrle abwehrend eine Pfote. Er brachte dadurch ein paar der weißen Haarbüschel, die ihn im Lichte der Straßenlampe hartnäckig umtanzten, in Bewegung.

„Ich weiß, meine lieben Freunde und Miezengesichter, ich weiß das doch. Allerdings mache ich mir keine Illusionen. Einmal werde ich euch verlassen müssen, ihr Treuen. Der Tag ist nicht mehr fern. Sieben Leben habe ich aufgebraucht, vielleicht auch die neun, die nur den englischen Katzen zustehen – ich habe nicht mitgezählt. Der Katzentod ist in diesen Tagen mein steter Begleiter. Jeden Abend sehe ich sein hohles Grinsen im Silberspiegel meines leer gefressenen Whiskas-Fressnapfs. Die Tage meiner wilden Abenteuer sind lange vorbei. Doch, doch. Für mich wird es langsam Zeit, die Verantwortung in die scharfen Krallen anderer, jüngerer und gesünderer, Katzen zu legen.“ Sein Blick fiel auf Cassius, der gerade das Gerücht Lügen strafte, Katzen könnten nicht rückwärts laufen und sich eilig in der Menge verbarg, denn er wollte auf keinen Fall dieser jüngere und gesündere sein. „Aber diese empörende Sache mit der Bibel bringe ich noch in Ordung. Das wird mein Vermächtnis an die Katzenökumene. Doch dazu benötige ich einen Freiwilligen, der mit mir die Ehre der Katzenökumene wieder aufrichtet.”

Cassius, der Straßenkater aus der Seuchgasse

Schweigen. Stille. Nicht einmal ein Pfotenscharren – auch nicht von den Claqueuren. Einige hielten sogar die Luft an.

Ganz weit hinten leckte sich gerade anmutig eine kleine Katze an einer verfilzten Stelle über ihr flauschiges Fell. Da sie plötzlich die lastende Ruhe um sich herum bemerkte, sah sie sich neugierig um. Die hübsche und schwarz-weiß Katzendame war zur falschen Zeit am falschen Ort, das war ihr durchaus bewusst. Aber irgendetwas zog sie immer wieder auf geradezu magische Weise fort von ihrem gepflegten, sauberen Zuhause mit Fußbodenheizung und immer gut gefüllter Brekkies-Schale, wo sie verwöhnt und verhätschelt wurde und sogar im Bett ihres Menschen schlafen durfte. Es zog sie hin zu den dunklen, feuchten und schmuddligen Gassen, den Gefahren und dem Gestank der Hinterhöfe und Anlagen – und dort ausgerechnet zu dem zwar glut-, aber einäugigen und geheimnisvollen Cassius, dem so viele Katzen rollig zu den Pfoten lagen. Sie nannte diese Süchte bei sich selbst ihre Mrs-Hide-Phasen, denn die Katzendame war eine der seltenen belesenen Feliden. Oft kauerte sie neugierig auf der Rückenlehne des Lesesessels ihres Menschen, schnurrte und las mit ihm gemeinsam in seinen aufregenden Büchern, die von Abenteuern in fremden Ländern und längst vergangenen Zeiten erzählten. Wenn dann ihr Mensch ermattet über den Seiten einschlief, schlich sie sich manchmal sogar heran und blätterte heimlich um, um zu erfahren, wie es in dem Roman weiterging.

‚Ach‘, dachte sie, ‚warum verliebe ich mich immer wieder in den falschen Kerl? Ich bin doch aus gutem Hause. Es gibt so herzenswarme, treue und brave Kater. Doch die interessieren mich nicht. Ich suche mir immer die Nichtsnutze und Hundlinge aus! Und warum war ausgerechnet heute Abend meine Sehnsucht so groß und drängend, dass ich mich durch die Katzenklappe ins kalte Freie zwängte und das Abenteuer in den Abtritten und Seuchgassen suchte? Was tue ich hier bei dieser Versammlung? Ich wollte doch auf den Gartenzäunen singen, im Garagenclub tanzen, vielleicht ein wenig Lachstatar aus den Mülltonnen des Zwei-Sterne-Lokals dort hinten naschen und eine nette Herrengesellschaft genießen. Doch jetzt bin ich in eine finstere Verschwörung geraten. Mädchen, sei gescheit und halte dein hübsches Mäulchen. Mach dich klein und grau in der Nacht! Geh zurück zu deinem Menschen!‘ Aber genau bei diesen Gedanken blies ihr ein mutwilliger Windhauch einen von Murrles räudigen Haarballen direkt vor ihre Nase, wo er aufreizend auf- und abschwebte. Der Dame kitzelte es im Näßchen. Sie nieste und schon zuckte ihre Pfote empor.

‚Diese dummen Katzeninstinkte bringen mich noch einmal ins Grab‘, kam ihr in den Sinn. Aber da war es bereits zu spät. Sie schlug nach dem Büschel und maunzte dabei zierlich. Da alle im Rund absolute Katzenstille bewahrten, klang der Ruf wie ein Schrei.

„Ha!“, rief der uralte Murrle sofort, „es gibt sie doch noch, die mutigen Katzen! Dass da eine ist, die in dem Fell des Raubtiers steckt, das wir einmal waren, konnte ich schon gar nicht mehr glauben! Auf diese Weise haben wir einmal die Welt und die Menschheit erobert!“ Der alte Kater sprang von der Kiste, auf der er gesessen war und knickte dabei mit den rheumatischen Hinterläufen ein. Dann schlich er auf die Dame zu, die sich verwirrt umsah und nicht glauben konnte, dass sie gemeint war. Sie bemerkte, wie Cassius sein sehendes Auge fest zukniff. Murrle baute sich vor ihr auf und seine Helfer schoben sich unauffällig in den Hintergrund, um ihr den Fluchtweg abzuschneiden.

„Wir haben also eine Freiwillige, die mich in die Vergangenheit begleiten wird. Darf ich deinen Namen erfahren, holde Dame?“ Er stubste sie vorsichtig mit der Schnauze an. Geschmeichelt verbeugte sich das Katzenmädchen, auch wenn sie noch immer nicht begriff, was eigentlich gerade geschehen war.

„Man nennt mich die Immerschöne, Gottes Schwur. Ich bin Isabella.”

[Zum 4. Teil …]

Isabella, die Krippenkatze (Teil 2)

[Zum 1. Teil …]

Isabella, die Krippenkatze

Ein weihnachtliches Capriccio von
Nikolaus Xaver Maria Klammer.

weihnachtsband

Friederbusch blieb nichts anderes mehr zu tun, als den Kopf hinaus in die Kälte und die Dunkelheit zu strecken, um zu kontrollieren, ob seine neugierigen Nachbarn in ihren Fenstern standen und starrten – was sie selbstverständlich auch taten und sich kopfschüttelnd in ihrer Meinung über die Herren Künstler im Allgemeinen und den Herrn Friederbusch im Speziellen bestätigt fühlten. Dann schloss er eilig die Haustür hinter den beiden unerwarteten Eindringlingen, die er tatsächlich schon ein paar Jahre nicht mehr gesehen hatte – seit der unerfreulichen Affäre um Herbert, das Osterkarlnickel, nicht mehr. Er wusste zwar, dass Karl-Heinz inzwischen bei Jan Philipp Rabenhorn, dem gestrengen Lektor des Kienbauer-Verlags, lebte – wo sich Sam das ganze Jahr über herumtrieb, hatte er keine Ahnung und wollte es eigentlich auch nicht wissen –, aber es gelang ihm inzwischen recht gut, sich in seinem alltäglichen Leben einzureden, dass Weihnachtshunde und singende Esel eine jener Wahnvorstellung waren, die für die Psychose von Fantasy-Autoren typisch sind. Nur auf diese Weise konnte er einigermaßen normal in seinem Leben funktionieren und seinen Alltag bewältigen, ohne nackt und schreiend durch die Gassen von Bromberg  zu laufen.

Karl-Heinz streckte schnüffelnd den Kopf durch die Wohnzimmertür.

„Wo, beim alten Pinkelbaum, hast du deine Bibel herumliegen, Friedi?“, fragte er leise knurrend und ihm war anzumerken, dass er sich um eine ruhige Stimme bemühte. „Du besitzt doch eine, oder?“

„Aber selbstredend. Wo, meinst du, klaue ich denn all meine Geschichten? Manchmal brauche ich einfach die Eingebung des Herrn …, also, das Alte Testament und Shakespeare. Wozu brauchst du denn meine alte Kommunions-Bibel?“

 Der Hund bellte kurz und streng und fletschte sein noch immer beeindruckendes Gebiss. „Hole sie einfach.“

„Augenblick. Ich habe sie oben in meinem Schreibzimmer“, antwortete der Autor und stolperte beflissen die Treppe hinauf.

„Und bring was zum Trinken mit, Bro! Ich meine damit etwas Richtiges, nicht diese Kamillenteepisse, nach der es hier stinkt“, rief ihm Sam hinterher, der sich vergeblich damit abmühte, die Kühlschranktür mit seinen Vorderhufen zu öffnen und einige dampfende – wie nennt man das eigentlich – Eselsäpfel (?) auf die schwarzen Schieferfliesen der modernen Küche klatschen ließ. „Disst voll, deine Einrichtung, Alter. Das ist Diskriminierung, sollteste mal eselsgerecht ausbauen. Schräg, Bro.“

Friederbuschs alte Bibel stand zwischen dem Rechtschreib-Duden und dem Großen Büchmann (Geflügelte Worte von Aristoteles bis Zappa; 40. Auflage. Ullstein, Frankfurt/M. und Berlin 1995). Ins Erdgeschoss zurückgekehrt, musste er erst den Staub vom Goldschnitt blasen, bevor er das dicke, zerlesene Buch öffnete.

„Auf geht’s. Lukas, 2, 11. ff., lies vor“, forderte der Hund aufgeregt. Sogar Sam hielt jetzt den Mund. Der Autor blätterte.

„Ähh … hier, ja, das ist die Weihnachtsgeschichte: Euch wurde heute in der Stadt Davids ein Retter geboren, der ist Messias und Herr. Und dies soll euch zum Zeichen sein. Ihr werdet ein Kind finden, in Windeln eingehüllt und neben einer wunderschönen, kuschligen Katze in einer Krippe liegend.‘ Friederbusch zögerte. Ihm war das betretene Schweigen seiner Besucher unheimlich. Seine Augen wanderten zwischen den beiden hin und her. „Soll ich noch weiterlesen?“

Karl-Heinz winkte niedergeschlagen mit der Pfote ab.

„Nein, nein, das reicht schon“, erwiderte er mit deutlicher Resignation in der Stimme, „das gibt mir bereits den Rest.“ Der Weihnachtshund spürte plötzlich wieder sein Alter von sechshundertvierunddreißig Jahren in den müden, morschen Gelenken. Sam hätte wahrscheinlich gesagt, er wäre voll zu alt für den Scheiß. Doch im Moment war auch er schockiert:

„Alter, das reicht so was von … Das ist ja krasser als ich vermutete, voll der stabile Fake, ey. Ich check’s nicht.“ Sam schüttelte verzweifelt den Kopf. Er und der Weihnachtshund tauschten einen langen Blick.

Friederbusch klappte das Buch zu. „Kann mir mal einer sagen, wo das Problem liegt? Und warum ihr damit zu mir gekommen seid?“

„Sag mir erst noch: Was ist das für eine Katze, die Lukas da erwähnt?“

„Na, das weiß doch wohl jedes Kind. Lebst du hinter dem Mond, Hund? Deshalb gibt es ja überall in der Weihnachtszeit Katzenzungen, Schokoladenkatzen-Hohlfiguren und Marzipankatzenpfoten zu kaufen: Das ist Isabella, die Krippenkatze. Du kennst doch das Lied: ‚Süßer die Katzen nie maunzen, als in der Weihnachtszeit.’“

Karl-Heinz blieb die Spucke weg. Sein verzweifeltes Jaulen war rau und jämmerlich.

„Bro …“, murmelte Sam entsetzt, „da läuft was so was von schief, ey.“

„Es ist ein Skandal“, fauchte der alte Perser Murrle mit sich vor Zorn überschlagender Stimme in kaum verständlichem Falsett. Murrle! – ausgerechnet Murrle, das war der grausam höhnische Name, den sein gedankenloser Mensch dem edlen Tier gegeben hatte. Denn eigentlich hieß dieser schon beinahe zwanzig Jahre alte und zahnlose Methusalem Baron Maunzger Sperlingstod von Horrkrall, war Edler vom Hohen Hohenstein auf Werthersberg und war der Eine Kater, der gleicher war als alle anderen Katzen; dessen Pfotendruck im Katzenrat von Bromberg am schwersten wog und die tiefsten Abdrücke hinterließ. Auch dass man in seinen jungen Jahren an seinen Kronjuwelen herumgeschnitten und sein Miauen deshalb selten gehörte und in den empfindlichen Ohren der feliden Zuhörer schmerzhaft klirrende Höhen erreichte, änderte nichts daran, dass seine Meinung im Rat der Katzen bedeutend und gewichtig war.

Murrles Fell war längst räudig geworden und er verlor bei jeder Bewegung büschelweise weiße Haare, die im Lichte der Straßenlaterne wie dicke Schneeflocken herumwirbelten. Manchmal wusste er nicht mehr so genau, wo er war und wie all die jungen Streuner hießen, die ihm ergriffen lauschen, doch heute waren ihm von seinem Alter und seiner Vergesslichkeit wenig anzumerken. Der Abraham unter den Katern schnüffelte kurz an dem kleinen Beutel mit getrockneten Baldrianblättern, den er um den Hals trug; ein mildes Aufputschmittel, nach dem er ebenso süchtig war wie sein Mensch nach dem beißenden und stinkenden Qualm seiner Zigaretten.

„Ein Skandal“, wiederholte der Perser mit plötzlich glitzernden, wie brennenden Augen und wartete er dann ungeduldig, bis es im sichtlich erregten Kreis der um ihn versammelten Vertreter der Katzen-Kommune der pfahlbürgerlichen Stadt ruhiger wurde. Dann legte Murrle seine samtige Pfote auf das zerfledderte Buch, das neben ihm aufgeschlagen auf dem umgedrehten Deckel einer Mülltonne lag. „Seht hier, das ist das große Buch der Menschen! Ich habe es studiert.“

Anerkennendes Schurren glitt wie eine La-Ola-Welle durch den Kreis der Versammelten. Grüne, kreisrunde Augen funkelten in der Nacht. Nur wenige Katzen lasen gerne und wenn sie es taten, dann genügte ihnen ein kurzer Blick auf die verwirrend sinnlosen Schlagzeilen der Menschenzeitungen, auf denen sie so gerne schlummerten.

„Ja, ich habe es gelesen, das heilige Buch – von seinem wüsten und leeren Beginn bis zu den Plagen, die Gott über denjenigen bringen wird, der auch nur ein Wort zu SEINEM Text hinzufügen oder von ihm entfernen wird. Doch diesen Fluch des Herrn will ich gerne über mich kommen lassen, wenn es mir gelingt, das große Unrecht auszumerzen, das ich zu meinem Erschrecken in diesen Zeilen fand: Denn in der Bibel werden über 130 Tierarten erwähnt – allen voran die Menschen, aber auch Schafe, Ziegen, Kamele, Wale, Pferde, Enten, Bienen, Schweine, sogar Mücken  – die Liste ist lang. Selbst die bösartigen Hunde haben einen Platz in dem Buch der Bücher gefunden, auch wenn ihrer nicht das Himmelreich ist. Aber ausgerechnet über uns Katzen, meine lieben jungen Freunde, über Katzen jedoch steht dort nichts! Das ist ein Skandal, nein, das ist noch schlimmer: Das ist Katzenlästerung – blasphemia ailouros! Hat nicht Gott die Katze erschaffen und den Hund nur der Mensch? Sind wir Katezen nicht SEIN großartigstes Werk, die Vollendung SEINES Schaffens?“, steigerte sich Murrle in seinen heiligen Zorn und von überall her im Rund wurde zustimmend gemaunzt und aufgeregt mit aufgeplusterten Schwänzen gezittert. Auch wenn der älteste Katzenfürst von Bromberg nicht von allen verstanden wurde – er hatte einen recht altertümlichen, von einem Leben mit den Menschen geprägten Dialekt und benutzte Wörter, die den meisten unter ihnen unbekannt waren -, stimmten ihm doch alle aus Prinzip in seiner Schlussfolgerung zu: Es war ein Skandal! Und es war beschämend!

[Zum 3. Teil …]

Blicke ins Jenseits

Ein weiterer Gasttext von Hans-Dieter Heun, zu dem er mir geschrieben hat: „Bitte sehr, mein Niklas, die besagte tote Geschichte. Du kennst sie möglicherweise bereits, aber Deine Leser nicht. Diese Story gehört zu meinen Lieblingen, immer wieder verbessert, und manchmal denke ich, sie hat tatsächlich etwas zu sagen.“ Die Geschichte hat einen ordentlichen Umfang, aber ich habe mich trotzdem entschieden, sie nicht in mundgerechte Stückchen zu teilen. Vielleicht gibt es ja den einen oder anderen Leser, der die Geduld hat, auch mal etwas längeres am Bildschirm zu lesen.

Blicke ins Jenseits

Eine Kurzgeschichte von Hans-Dieter Heun

Der unwichtige Mann stieg durch einen hellen Tunnel. Hinauf. Okay, am Ende eines Lebens gibt es immer einen Tunnel. Oder nur die Möglichkeit eines Tunnels? Oder nur den Traum von einem Tunnel?

Jedenfalls stieg er – oder schwebte er, wurde magisch hochgehoben? –, bis der Unwichtige sich urplötzlich in einer riesigen Kugel mit unzählig vielen verschlossenen Türen und wenigen, unterschiedlich beleuchteten Fenstern ohne Gardinen befand. Es ärgerte ihn, dass die Fenster keine Gardinen hatten, denn Gardinen kann man vor hängen, zu ziehen. Mit Gardinen kann man verhüllen, verbergen: ein Fenster, ein Zimmer und auch ein Geschehen. Gardinen schützen vor Einsicht. Fenster ohne Gardinen nicht. Unterschiedlich beleuchtete Fenster ohne Gardinen erlauben jedoch unterschiedlich beleuchtete Einsichten. Dennoch, eine solch riesige Kugel mit unzähligen, aber verschlossenen Türen und diesen preisgebenden Fenstern hatte er noch nie gesehen, im Leben wie im Traum. Der unnütze Mann dachte bei sich: Von einer solch riesigen Kugel mit so vielen Türen und so wenigen, verschieden beleuchteten Fenstern habe ich noch nie geträumt.

„Falsch, du träumst nicht. Du bist tot! Das ist leider so.“

„Wer spricht? Gott, bist du das?“

„Schwierig zu beantworten. Ich würde sagen, nicht ganz tot. Ein Teil lebt, etwa einundzwanzig Gramm. Nein, ich bin es, deine innere Stimme. Wenn du – oder was von dir noch übrig geblieben ist – dich noch an mich erinnerst. Also, du hast in deinem letzten Leben für viele Menschen gekocht und somit ein wahrhaft gutes Werk getan. Folglich darfst du dich auch als erlöst betrachten. Das bedeutet, du hast nun fast alles Körperliche zurückgelassen und bist für eine neue Ewigkeit von allem Ballast befreit. Und ich ebenfalls, dem Himmel sei dafür erneut mein tief empfundener Dank! Lange genug war ich wieder in dir eingesperrt, und lange genug hast du wieder nicht auf mich gehört. Ich sage dir was, von dieser Stunde an wirst du mich nicht mehr übergehen können, wirst du dein weiteres Vorgehen mit mir abstimmen müssen.“

Der Unnütze war verwirrt. Wohin hatte es ihn verschlagen? „Bin ich … Ist diese Kugel nicht der Himmel, die jenseitige, den männlichen Sinnen unzugängliche Welt des lieben Gottes und der Gemeinschaft aller katholischen Seligen?“

„Quatsch. Du weilst höchstens in dem so genannten blauen Himmel, einem scheinbaren Gewölbe über den Männern, das in Wahrheit  jedoch eine Kugel ist, die durch einen Horizont in eine obere sichtbare und eine untere unsichtbare zerlegt wird.“

„Was ist los? Träum ich oder spinn ich? Ich sehe doch die ganze Kugel.“

„Wach endlich auf, du bist tot! Das hier ist der Raum, der einzige, unendliche Raum! Und deine Zukunft.“

„Und wo steckt meine Vergangenheit, ist meine Gegenwart?“

„Gegenwart gibt es nicht. Und deine Vergangenheit liegt hinter diesen Fenstern. Die sind jedoch schalldicht. Also, selbst wenn du besserwisserisch noch etwas ändern willst oder sogar schreien aus verständlichem Ärger, es würde nichts nützen. Die Körper, die mit dir deine Vergangenheit spielen, können dich absolut nicht verstehen.“

„Darf ich trotzdem einmal durch diese Fenster sehen?“

„Später, erst musst du Rechenschaft ablegen.“

 

„Beichte!“ Das Stimmchen wurde gebieterisch.

„Habe nichts zu beichten.“ Der unbedeutende Mann war patzig.

„Sei nicht so bockig. Jeder Mann ist von Natur aus sündig, dafür wurde gesorgt. Also beichte.“

„Na gut, meinetwegen, ich habe Vater und Mutter geschlagen!“ Ein Lichtjahr Pause. „Was ist, wächst mir jetzt die rechte Hand aus dem Grab?“

Die Stimme schwankte: „Mag sein, deine Eltern hatten es verdient. Die schwache Möglichkeit besteht, schwache Möglichkeiten existieren immer. Augenblick, ich schau mal nach … Wo ist denn nur wieder dieses verdammte Buch?“ Wenn eine innere Stimme in einem Buch zu blättern vermag, dann blätterte sie nun in einem sehr dicken Buch. „Ja richtig, hier steht es, sie haben es verdient. Weiter, was sonst noch?“

Etwa Schamröte auf dem Gesicht des Unwichtigen? Nicht genau zu bestimmen, aber beinahe hätte er – oder was von ihm noch übrig war – geschluchzt, bittere Tränen der Reue geweint. „Ich habe dringend Geld gebraucht für Sex, Drogen und Rock´n´Roll. Du verstehst schon, ich war abhängig und da habe ich mein angetrautes Weib auf den Strich geschickt.“

„Ehrliche Frauenarbeit schändet nicht, vor allem, wenn sie einem guten Zweck dient. Also weiter.“ Stimmchen war schwer in Ordnung, wahrhaft einsichtig.

„Ich betrog mein Weib mit einer Unzahl von anderen Weibern … Mir war halt danach.“

„Nun, ein Mann braucht, was er braucht. Kann die eigene Blume keinen Honig liefern, muss er eben seinen Stachel in fremde Blüten stecken.“

Der unbedeutende Mann – oder das, was von ihm noch übrig war – hegte den Verdacht, dass diese innere Stimme ein ziemlicher Macho sein könnte. Und dieser Verdacht wurde von seiner Inneren auch prompt bestätigt: „Frauen sind ebenfalls Möglichkeiten, unterschiedliche Wannen sexueller Erfüllung, in denen die kreativen Wünsche eines wahren Mannes allemal baden dürfen.“

Das war hart. Auf den Ort bezogen, der ihn umschwebte, schon mehr als verwunderlich. „Und das soll eine Wahrheit des Himmels sein?“

„Des Raumes, einzig und allein eine Meinung des unendlichen Raumes. Du weißt doch, es gibt keine Wahrheit, sondern stets nur eine Meinung. Du magst alles transponsiv oder auch interprekativ betrachten und danach auszuwerten versuchen, letztendlich kommst du stes nur zu einer Meinung. Schau dir hier die unzähligen Türen an, alle verbergen Spielarten von drei dir verbleibenden Möglichkeiten in diesem besonderen Raum. Glaubst du da tatsächlich, dass es bei dem gewaltigen Angebot nur eine Wahrheit gibt?“

Der unerhebliche Mann – oder was von ihm noch übrig war – zweifelte. Spielarten seiner drei Möglichkeiten? „Wenn das so ist, was …“

Stimmchen unterbrach auf der Stelle: „So ist das keineswegs! Selbst das war eine Meinung. Du solltest schon selbst herausfinden, welche der wahren Meinungen zu dir passen.“

Der Bedeutungslose wurde langsam sauer: „Moment einmal, ab jetzt reden wir bitte Tacheles …“

„Das ist mein wahrer Name.“

„Wirklich? In voller Wahrheit? Das ist ja geil, die Stimme in mir mit jüdischer Offenheit? Macht aber nichts, ich hegte längst den Verdacht, ein entfernter Abkömmling des gelobten Volkes zu sein. Also Tacheles, meiner Meinung nach habe ich nun nichts mehr zu beichten, für gar nichts mehr Rechenschaft abzulegen. Darf ich jetzt bitte zu meinen Fenstern?“

„Du meinst, deiner Meinung nach? Doch meine Meinung ist, und die, nebenbei gemeint, gilt, steht auch in dem großen Buch, aus dem Er, Gott, Sich gleichfalls Seine Meinung bildet, dass sehr wohl noch etwas zu besprechen wäre. Du hast getötet!“

„Um Himmels Willen, habe ich nicht!“ Der Unwichtige war baff.

„Hast du doch! Nur um zu fressen und Fressen zu kochen, hast du jede Menge tierisches und pflanzliches Leben vernichtet. Allein bis vorgestern hattest du bereits neuntausendsiebenundzwanzig Pfund Fisch und Fleisch verzehrt, die vielen Wachteln, Tauben und Enten, die du dein Leben lang so gerne geschmatzt, gar nicht erst mitgezählt. Und dann noch der Salat, das ganze Gemüse, Berge von Obst und die vielen Kräuter. Alles Leben, von dir zerkaut, danach tot und stinkend in deinem Gedärm.“

„Und was war gestern?“ Der Belanglose vermochte sich nicht mehr zu erinnern.

„Da gab es Pfannkuchen.“

„Ach ja richtig und fast schon vergessen, obwohl sie mich dermaßen gebläht. Aber gestatte mir doch die Frage, wovon hätte ich mich deiner maßgeblichen Meinung nach stattdessen ernähren sollen? Wachsen, gedeihen, mein Leben erhalten?“

„Das weiß der Geier. Vielleicht von den radices dulces cognitii.“

„Halt, was ist das schon wieder?“

„Die süßen Wurzeln der Erkenntnis, Meinungen. Doch leider wachsen jene hinter den Türen.“

„Na dann guten Appetit! In diesem Fall würde ich es jedoch vorziehen, mich wie in meiner Vergangenheit zu verköstigen. Und, wenn du nichts dagegen hast, ich schaue jetzt durch diese Fenster.“

 Der farblose Mann war mehr als neugierig und wurde enttäuscht. Vorerst. „Was ist denn das? Ich kann kaum etwas sehen, das Licht ist zu schwach. Einzig und allen entfernte Schemen, möglicherweise ein altes Segelschiff aus Holz vor einer ziemlich dunklen Insel. Das ist doch niemals meine Vergangenheit?“

Tacheles verkündete in aller Ruhe: „Du entdeckst gerade Amerika.“

„Kolumbus, spinnst du? Ich und Kolumbus? Das muss wohl eine Verwechslung sein.“

„Im unendlichen Raum existieren keine Verwechslungen, einzig und allein die verschiedenen Spielarten der drei Möglichkeiten. Aber bitte, wenn der gnädige Herr meinen – oder das, was von ihm noch übrig ist –, ich kann ja mal nachblättern. Hier, hier steht es genau. Es stimmt, du warst einer der Entdecker, allerdings nur der Koch. Wie immer halt, gleicher Beruf, aber in einem anderen Körper.“

„Das ist ja geil!“

„Nicht besonders originell, deine Antwort.“

Der unbedeutende Farblose ging zum nächsten Fenster. „Wenigstens ein bisschen heller. Und ein ziemlich wackeliges Gerüst. Da kniet einer, wartet der etwa auf seine Enthauptung? Ah, ich hab´s, die Französische Revolution! Vielleicht Robespierre und seine Guillotine?“

„Bockmist“, die Stimme wurde grob, „wie oft soll ich dir das noch sagen, du warst Koch in wechselnden Körpern. Der da ist Escoffier, ein großer Küchenkünstler, schaut gerade von einem Baugerüst der berühmten Opernsängerin Melba beim Baden zu und benennt später eine Nachspeise nach ihrem Pfirsichhintern. Pass auf, gleich fällt er von der Leiter.“

„Ja leck mich doch am Arsch, also gibt es sie wirklich, die Seelenwanderung.“ Es war schon erstaunlich, was ein Mann nach seinem Tode alles erfährt, und dieses Erstaunen brauchte Ausdruck.

„Einen Arsch besitzt du zwar nicht mehr, aber ansonsten geht das in Ordnung. Du bist nun wieder Seele, und du Seele warst immer die selbe Seele, und du Seele bleibst auch ewig die selbe Seele. Der Rest waren und sind nur Körper, Modelle, die gewechselt werden.“

„So ist das also. Nun gut, doch wie steht es dann um meine jüngste Vergangenheit? Ich kann da leider gar nichts erkennen.“

Tacheles winkte ab. „Deine jüngere Vergangenheit wirf wohl nicht wichtig für die Weltgeschichte gewesen sein, deswegen bleibt dieses Fenster auch unbeleuchtet. Gehen wir zu den Türen.“

Sie gingen, der Unwichtige warf noch einen kurzen Blick zurück. „Halt, Stimmchen, jetzt flackert was! Ein Licht … wird heller … scheint doch etwas los gewesen zu sein.“

„Lass mal sehen! Ja, tatsächlich, sie errichten dir ein Denkmal.“

„Wer errichtet mir ein Denkmal? Warum, wieso, was sind das für Leute?“ Die ungeduldige Seele zappelte, ungeduldiges Seelchen schrie sogar.

„Bewohner der Stadt D, ein Denkmal mit einem großen Kochlöffel darauf. Aufschrift: IN MEMORIAM COQUUS MAGNUS.“

Die arme Seele war verwirrt: „Die überaus ehrenwerte Stadt D? Wieso kommen die Bewohner der berühmt berüchtigten Stadt D dazu, ausgerechnet mir ein Monument zu widmen? Die haben mich zu meinen Lebzeiten doch völlig übergangen, sogar in den Ruin getrieben, mir das Geschäft und mein Zuhause genommen. Mich letztendlich auch noch vor ihre Tore  geworfen. So war das und nicht anders.“

„Ist das ein Wunder? Du hast schließlich die meisten ihrer Frauen gevögelt, was deren wichtigen Männer selbstverständlich niemals öffentlich eingestehen konnten. Logisch, dass sie ärgerlich auf dich waren.“

„Tacheles, sagtest du nicht: Was ein Mann braucht, das braucht ein Mann? Aber warum dann trotzdem ein Denkmal für mich? Ich meine, wenn sie schon sauer waren.“

„Die Frauen, ihre Frauen stecken dahinter. Es hat ganz den Anschein, als ob du sehr gut gewesen bist, wenigstens auf diesem einen bestimmten Gebiet.“

„Ein Mann ist, was ein Mann ist, und mein Ich-Trieb bleibt hoffentlich auch mein Ich-Trieb!“

„Larifari, gehen wir lieber zu den Türen und suchen deine Möglichkeiten.“ Stimmchen erneut sehr bestimmt.

„Also, dir stehen nun drei Möglichkeiten zur Verfügung, oder, wenn dir das lieber ist, drei Bilder: Glaube, Hoffnung und Liebe.“

Der bedeutungslose Mann war erstaunt: „Warum nur so wenig, mein Stimmchen? Der Raum besitzt doch unzählig viele Türen. Ich denke, da müsste sicherlich mehr angeboten werden als nur der alte kirchliche Sermon. Zum Beispiel: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit!“

„Satans Werk, igittigittigitt! Wie kannst du nur? Außerdem ist in Glaube, Hoffnung und Liebe ja schon alles erdenkliche Bedenkliche erhalten. Da braucht es nicht mehr. Weiterhin gehören die unendlich vielen Türen gleichfalls zu unendlich vielen erlösten Seelen, für die ebenso die gleichen Spielarten der drei himmlischen Wunschvorstellungen gelten. Selbst für erlöste Kommunisten oder ähnlich mindere Lebewesen. Gerade erst habe ich mich mit einer gelben Tulpe unterhalten, sie wählte die Liebe, wollte einzig allein mit ihrem Stängel in Marylins zarten Händen liegen. Brave Tulpe, und ihr Wunsch wurde erhört.“

„Und was meinte die Monroe dazu?“

„Auch ihr gehörten selbstverständlich drei Möglichkeiten, und sie entschied sich ebenfalls für die Liebe. Nun ruhen Marylin und der Stängel in ihren Händen friedlich vereint.“ Stimmchen schwoll an: „Es reicht jetzt, dein erstes Bild, aber dalli!“!

„Ich wähle, ja was wähle ich denn? An sich möchte ich erst einmal ganz unverbindlich, sozusagen mit einer Rücktrittsgarantie eine kleine Tür des Glaubens.“

„Selbstverständlich, mit Rücktrittsgarantie. Und welche Art oder Abart von Glauben wünscht der gnädige Herr?“

„Ich dachte bisher, es gibt allein den wahren Glauben, den mit Lobpreisen zum guten Schluss, Halleluja- und Hosianna-Singen. Glaube an die rundherum strahlende himmlische Seligkeit.“

„Guter Mann – oder was von dir noch übrig ist –, du denkst zu viel. Und das meine ich absolut ernst. In diesem von dir angesagten Glauben ist Denken nicht gefragt. Aber bitte, hier ist die Tür. Halt, nur bis zum Fußabstreifer, von wegen Rücktrittsgarantie und so.“

Farben und Töne begannen sich untereinander zu mischen. Aus den Fellen von Trommeln, geschlagen von schwarzen Riesen im lila Ornat – Taktmeister, Zuchtmeister – stiegen blaugraue Wirbel kirchlichen Staubes. Von Kränzen aus blutroten Rosen in Demut umschlungen, von Kanzelgetöse in Gehorsam durchdrungen, duckten sich weiße Seelen wie katholisch erwünscht, schrien das Preisen aus heiseren Kehlen. Und unerbittlich dröhnten die Trommeln. Zwingender Rhythmus, in dem Seelchen mit muss:

Miteinander Hosianna,
Jubilate der Oblate.
Halleluja,
Heiliger Stuhl da.
Urbi et orbi!

Niemals mehr schweigen,
Jauchzen im Reigen
Vom Takt wild gepackt.
Der Pax sei vobiscum
Trotz Knacken im Bistum.

Ein Seelchen ist nackt!

 Der fahlblasse Mann wunderte sich: „Stimmchen, wieso ist eine Seele nackt?“

„Nur eine? Nicht mehr? Das wundert mich denn auch. Normalerweise frisst dir dieser Glaube bereits kurz nach deiner Geburt das erste Hemd vom Leib, vom letzten nach dem Tode ganz zu schweigen.“

„Tacheles, mir gefällt es hier nicht. All diese weißen Seelen haben so einen belämmerten Ausdruck in ihren seligen Gesichtern. Verstehst du, so etwa wie Opferlamm Gottes.“

„Massensuggestion, pure Massensuggestion. Aber du – oder was von dir noch übrig ist – musst hier nicht bleiben, besitzt immer noch zwei andere Möglichkeiten.“

Und wie zur frommen Bestätigung drehte sich ein riesiger Trommler um und brüllte ein paar heilige Sprüche: „Ora et labora! Weiche, du Heide! Und mach die Tür zu, hier zieht´s!“ Farben verblassten, Töne verstummten, die erste Tür schloss sich ernsthaft beleidigt.

 „Das war wohl eher nicht mein Fall, gute Stimme. Als nächstes wähle ich die Liebe, und bitte ebenfalls mit Rückfahrschein.“

Stimmchen nickte: „Also wie gehabt. Es sei, doch möchtest du die rein körperliche oder eine von sinnlicher Begierde freie, mehr geistige Liebe? Vielleicht eine in der Art, von der Brentano einst schrieb: Das mit der richtigen Liebe zu Liebende, das Liebenswerte, ist das Gute im weitesten Sinne des Wortes.“

„So rein und gut dann wiederum auch nicht, ein unanständiges Maß an sinnlichen Körpern dürfte durchaus sein. Nun guck nicht wie ein Auto, war nur ein Scherz. Nein, in der Liebe habe ich meine Illusionen: Sie sollte ruhig und aufbrausend zugleich, erst glatt und kühl, dann wärmer, leichtgekräuselt bis hin zu heißen, stürmischen Wellen sein. Sie müsste mich durchdringen, durchströmen, mich erfüllen, ein unverzichtbarer Teil meines Wesens werden. Sie muss mein Dasein begleiten, ja, diese Liebe müsste mein Dasein sogar erhalten. Sie selbst sollte jedoch uneigennützig sein, niemals besitzergreifend auf mich fixiert. Weiterhin müsste sie meinen Körper – oder, meinetwegen, was von ihm noch übrig ist – pflegen, ihn erfrischen, durch immerwährende Anwesenheit dafür sorgen, dass mir Verzicht nicht mitttels böser Säfte Pickel auf den Hintern zaubert. Und auch wenn ich sie im Übermaß genieße, sogar in blinder Leidenschaft durchschwimme, dürfte eine wahre Liebe nicht zerstören, mich niemals ersticken. Ja, sie sollte großmütig sein, zwar immer in Bewegung und dennoch überaus nahe.“

„Brav gebrüllt, mein Freund! Auch lautmalerisch durchaus ansprechend und in der Wortwahl wohl überlegt. Besonders das mit den Pickeln am Arsch, den du ja nicht mehr hast. Na gut, dann werde ich dir mal deine Liebe im unendlichen Raum zeigen. Da ist die Tür, doch denke erneut an den Fußabstreifer.“

 Türflügel schwangen auf, still ruhte ein See, und ein wenig lud er auch zum Bade. „Ein See, Wasser, einzig und allein Wasser? Ist das alles?“

Tacheles grinste wässrig: „Wie, ist das alles? Du hast sie doch wie Wasser beschrieben, deine Liebe. Und hier ist es, das Ruhige, die Kühle, das Kräuseln und manchmal selbst ein wildes Wogen. Hör mir zu, du wurdest nun mal dafür geschaffen, Weiber wie das Wasser zu lieben, so wie der Wind dazu erkoren ward, Wellen zu kräuseln, Wogen zu werfen … Mann, das war jetzt geradezu genial, diesmal von mir mit Worten gemalt. Manchmal wundere ich mich fast über mich selbst, echt geil. Trotzdem, weiter im Text. Und das Wasser liebt dich auch. Schau nur in diesen See, ein Spiegel der Wahrheit, er wird dir – oder dem Rest, der von dir noch übrig ist – seine Liebe beweisen, dir sagen, wer und was du wirklich bist. Also sieh hinein und sage mir, was du erblickst.“

Hatte er das nicht sein ganzes Leben gemacht, in den Spiegel geblickt und sich gefragt, wer er eigentlich ist? Und nun erneut eine Bestandsaufnahme? Irgendein Jemand, irgendein Etwas, der oder das ihn vielleicht sogar liebte, wollte schon wieder wissen, wer er in Wirklichkeit war. Scheiße, er wusste es doch selbst nicht. Warum also erneut ein Spiegel? Und normalerweise wäre jetzt ein guter Zeitpunkt, aus diesem Trauma zu erwachen, an den See zu gehen und mal kurz hinein zu pinkeln. Er musste immer pinkeln, wenn er zu viel Wasser sah. Genauso wie nach Liebe. Aber er war in keinem Trauma, er war tot. Kein gnädiges Erwachen, nie mehr, und das drückte auf seine Stimmung. Missmutig trat er auf den Fußabstreifer der Rückfahrversicherung und starrte in den See. Der See starrte zurück. Sonst nichts. Nur nichts. Kein Bild, keine Identifikation, einfach nichts, was er auf sich beziehen konnte. Er sah allein Wasser. „Ich sehe nur Wasser.“

„Ist wohl sonst nichts mehr übrig von dir.“ Die Stimme lachte sich einen Ast, auf dem sie fröhlich turnte. „Logisch, fünfundsechzig Prozent von dir sind Wasser. Aqua vitae, das Feuchte liegt in deiner Natur. Und wenn du ehrlich bist, ist Wasser ebenso der Urstoff jeder Liebe.“

„Wie bitte? Ich bin normalerweise durchaus für Rätsel zu haben, doch das ist mir jetzt zu hoch und zu blöd. Ich kann auf das Wasser gut verzichten, und auf die Liebe, so wie ich sie mag, werde ich es wohl müssen. Nein, mein Stimmchen, schließen wir diese Tür, ich wähle die Hoffnung. Die Hoffnung ist grün.“

Grün ist die Hoffnung, grüne Bewegung. Wallen und Wogen, Kräuseln und Säuseln wie spielender Wind in einem frühlingsgrünen Haferfeld. Unzählige Strippen, Bänder, Schnüre und Fäden tanzten vor seiner Nase, an allen hingen hellgrüne Zettel.

Der fahlblasse Unwichtige wich unwillkürlich zurück. „Was soll nun wieder dieses Strippenzeug?“

„Seidene Fäden! Hoffnungen hängen immer an seidenen Fäden.“

„Und das Gewackel?“

„Schwankende Hoffnung, die müsstest du doch kennen.“

Stimmchen wusste Bescheid, und wie er die kannte. Zum Beispiel die schwankende Hoffnung, ob endlich einmal die Richtige käme. Derart oft gehofft und doch nie erfüllt. Dafür meistens Blondinen, ausnahmsweise glatte Schönheit und geistlose Körper, die im Alter von Fettheit gebläht. Ähnlich die Schwarzen, glühende Kohlen von knisternder Geilheit, welche sich im eigenen Feuer verzehrt. Selbstgefällige, nichts übrig für einen Partner, allerdings stolz vor einem Spiegel, dem Ort, an dem ihre Jahre vergehen. Kaum anders die Braunen, willfährige Seelchen, immer anwesend und immer um einen klebrig herum. Stets gute Laune – oftmals bis zum Kotzen –, streichelnd, schmeichelnd, schnurrend, gurrend, nie auch nur ein bisschen murrend. Bäääääh, am Halse hängend, zum selben heraus hängend!

Leider niemals gekannt die Roten – heißes Bedauern –, die Töchter des Mondes. Möchtegern-Gespielinnen in schlaflosen Nächten, schwüle Gedanken, nie erfahren Salomes Charme. Kupferrote Haare, Fahnen der Wollust, wehend getragen von Lilith, dem Weib, das lange selbst vor Eva war. Sie hatten seine Hoffnung gebildet, rothaarige Weiber, die das Wort Weib als Ehre begriffen. Grüne Augen und Sommersprossen auf heller Haut, schlanke Körper, leicht umflossen von hellgrauer Seide. Anbetungswürdige Geschöpfe, allein diese Hoffnung blieb unerfüllt.

Neben den wackelnden Aussichten auf die eine Richtige, das einzig zu ihm passende Weib, hatte es noch Hoffnung auf die Zukunft aller Kinder gegeben. Ebenfalls Zuversicht in die Macht ihrer alle Grenzen überfliegenden Musik. Gleiches Gefühl bei ihren Protesten, berechtigt aus Sorge um eine kranke Welt. Resultierend daraus sein Verständnis für die Bedürfnisse aller Heranwachsenden, gefolgt von Vertrauen, Einigkeit, Gemeinschaftsgeist und dem Willen zu gemeinsamen Lösungen selbst schwierigster Probleme.

Blah, Blah, Blähungen! Weiterhin die gleiche Scheiße, erst die Hoffnung, dann folgte bei gründlicher Sichtung die Resignation. Das alte Lied, immer und ewig der gleiche Mist: Habsucht, Neid und Missgunst. Warum hat er, was ich nicht habe? In voller Wahrheit war und ist Nehmen stets seliger denn Geben.

Auf den Feldern dieser Fehler gedieh jedoch eine andere Hoffnung, eine auf die Kunst. Provokation, Anregung zum Insichgehen in Stein gemeißelt, Monumente, die Jahrtausende lang mahnen. Oder Schönheit und Versprechen mit Öl auf Leinwand gebannt. Ebenso lyrische Worte, starke Sprüche, Herzen bewegende, schwarz auf weißem Papier. Aber was hat diese Kunst letztendlich gebracht? Wenigen Künstlern gebührendes Lob und für ihr kurzes Leben ausreichende Anerkennung. Ach ja, Denkmäler für sie, viele Denkmäler an wichtigen Plätzen: Denk mal nach! – Das ist doch schon etwas.

„Tacheles, ich weiß, dass ich nicht weiß, ob ich überhaupt noch Hoffnung will.“

„Na hör mal, wer bist du denn, dass du – oder was von dir noch übrig ist –, keinerlei Hoffnung möchtest? Oder wer warst du eigentlich, dass du hier einfach Glaube, Liebe und Hoffnung verleugnest?“

„Wenn ich darauf antworten soll? Nun, nachdem ich durch viele Fenster und Türen gesehen habe, war ich nur ein Mann, der mit allen erdenklichen Fehlern und wenig Tugenden ausgestattet war. Manchmal wurde ich in meinen verschiedenen Leben sogar fast vom Glück gestreift. Und es schien mir immer so, als wäre ich kurz davor, bedeutend zu werden.“

„Ach, du kommst zur Erkenntnis? Trotzdem darfst du nicht ohne jegliche Hoffnung sein, nicht hier im Raum der einzigen drei Möglichkeiten. Nachdem du Glaube und Liebe abgelehnt hast, wie willst du nackt im Totenreich bestehen? Also zier dich nicht und greif nach einem Zettel. Nun mach schon!“ Tacheles schien es auf einmal eilig zu haben, Stimmchen drängte.

„Okay, weil du es bist, und weil wir stets so inniglich verbunden waren. Hier habe ich einen. Holla, da hängt ja ein Würfelbecher dran? Papier und Würfel, Donnerwetter Stimmchen, damit kann ich locker im Totenreich leben, wenn vielleicht noch eine gute Flasche Wein dazu kommt.“

„Kein Sarkasmus mehr, bitte, lies lieber vor. Ach Quatsch, gib mir den Zettel, bevor ich noch vor Neugier platze. Also da steht … Monopoly! Würfle und setze alles auf die Hoffnung, dass deine Gedanken für Jedermann lesbar in dicken Büchern abgedruckt werden. Wenn du jemals aus diesem Gefängnis zur schönen Aussicht frei kommst, gehe erneut über das Los des Lebens. Dann erhältst du unter Umständen auch eine Rote.“

Der fahlblasse, unwichtige, bedeutungslose arme Mann breitete die Arme aus: „Ich danke! Tausendmal Dank! Ein wahrer Segen des unendlichen Raumes. Ich – oder was von mir noch übrig ist – darf hoffen auf die Einzige, die zu mir passt, auf eine wunderschöne rote Blüte. Ich liebe sie schon jetzt. Aber weil wir gerade beim Thema sind, Tacheles, und in aller Offenheit, was ist denn eigentlich noch von mir übrig?“

„Einundzwanzig Gramm, die sich morgen bei Gott im Himmel vorstellen werden.“

 

Hans-Dieter Heun
(Alle Rechte beim Autor)

 

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