Aber ein Traum …

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Isabella, die Krippenkatze (Teil EINS)

Isabella, die Krippenkatze

Ein weihnachtliches Capriccio von
Nikolaus Xaver Maria Klammer
und die Fortsetzung von

Karl-Heinz, der Weihnachtshund.

(Diesmal ohne die Mitwirkung von Hans-Dieter Heun,
der Katzen verabscheut,
dem Obengenannter Homme de lettres
allerdings zum Plaisir der geneigten Leser
sintemalen die Anregung
zu seinem neuen köstlichen Werk
verdankt.)
Ich wünsche so viel Vergnügen beim Lesen, wie ich beim Schreiben hatte.

weihnachtsband

Das Gnom-Nom zwitschelte in den dichten, neugierigen Olentanen und Edwin witterte die Gefahr“, las Egon M. Friederbusch sich selbst laut den Satz vor, den er eben in dem Textverarbeitungsprogramm seines Laptops getippt hatte. Er bekam von den Wörtern einen schlechten, fauligen Geschmack im Mund – ganz, als hätte er eine vergessene alte Fleischfaser zwischen den Zähnen, die er mit Zahnseide nicht entfernen konnte. Stirnrunzelnd hob er seinen rechten Zeigefinger. Er schwebte drohend über der Backspace-Taste der Tastatur – dem Fallbeil eines Scharfrichters gleich.

„Ach“, dachte er mit viel Mitleid mit sich selbst, „ich bin mir doch selbst der ärgste Kritiker. Einer von diesen Hobbydichterlingen, der kein ernsthafter Autor ist, kennt die Qualen des Schreibens und den Kampf mit dem ersten Satz nicht. Aber ist der einmal geschrieben, kommt der Rest ganz von selbst.“

Das Gnom-Nom zwitschelte in den dichten, neugierigen Olentanen und Edwin witterte die Gefahr“, war jedoch nicht dieser erste Satz, der wie eine Bombe einschlug. Da musste Friederbusch noch mehr Spreng- und Klebstoff anhäufen, damit der Leser hängen blieb und mit in die Luft flog. Der Schriftsteller seufzte und sein Finger fiel herab wie ein Habicht, der im Gras tief unter sich eine Maus erblickt hat. Kurz darauf war der Monitor des Computers wieder eine weiße, jungfräuliche Fläche und wirkte auf ihn wie der frisch gefallene Schnee auf dem Rasenrechteck hinter seinem Haus. Nichts verriet mehr von diesem ersten, missglückten Versuch, der nun im digitalen Orkus von Friederbuschs verunglückten Romananfängen bei vielen Leidensgenossen lag und sich bitter über einen solch herzlosen Schöpfer beklagte.

Für heute hatte sich Friederbusch, den seine wenigen Freunde liebevoll Friedi nannten, fest vorgenommen, endlich den vierten Teil seiner Romanserie um den heldenhaften Zauberlehrling Edwin Egard zu beginnen. Es war ein bitterkalter, nebliger Sonntagnachmittag Mitte Dezember; der dritte Advent. Bei diesem Wetter jagte man nicht einmal einen Hund vor die Tür, geschweige denn einen erfolgreichen Schriftsteller. Nachdem er also ausgiebig zu Mittag gegessen, ein kleines Verdauungsschläfchen und aufgrund der gestern verputzten Lebkuchenmengen einen bemerkenswerten Stuhlgang genossen hatte, waren ihm einfach die Ausreden ausgegangen, mit denen er sich normalerweise vor seiner Arbeit drückte. Also bereitete er erst einmal sein unordentliches Schreibzimmer vor. Er startete den Computer, legte drei gespitzte Bleistifte und einen Notizblock neben der Tastatur auf die blanke Schreibtischplatte, wählte bei Spotify die Musik, die ihn in die richtige Stimmung brachte – John Williams‘ Harry PotterSoundtrack, von dem er schon lange glaubte, dass er an die Machwerke dieser unverschämten Britin, die Friederbusch so schamlos plagiierte, verschwendet war – und kochte sich anschließend noch vorausschauend einen kräftigen Kamillentee, in dem gehobelter Ingwer schwamm, der nun in einer von ihm selbst getöpferten Tasse auf einem Stövchen thronend in Griffweite köchelte und seinen strengen Duft nach schlecht gelüftetem Krankenzimmer und nassen Windeln verbreitete.

„Oh, nein, der beste Freund des Autors sind durchaus nicht LSD, Absinth, kubanischer Rum oder ein Highball, sondern wärmende und der Verdauung förderliche Kräutertees“, dachte Friederbusch, „besonders wenn mir später an diesem Abend noch ein Schäferstündchen mit meinem geliebten Mariele droht.“

Bei diesem Stelldichein würde Marie-Theres Kienbauer – sein etwas ungeordnetes Verhältnis und seine Verlegerin in Personalunion – ein weiteres Mal völlig talentfrei, aber nicht weniger enthusiastisch demonstrieren, dass aufgrund ihrer abgründigen Kochkünste die Liebe zu ihr eben nicht durch den Magen führte. Im Moment hatte sie die Weihnachtsbäckerei für sich entdeckt und quälte ihren Friedi mit halbverbrannten, unförmigen Plätzchen, die zwar alle unterschiedliche, wohlklingende Namen und leckere Zutaten hatten, aber jedes wie ein zertretender alter Hundehaufen auf einer Oblate aussah und auch entsprechend schmeckte. Dazu war das Kienbauersche Gebäck so hart wie die Kiesel im Fluss Fiesel, der durch das altehrwürdige Brombach – erneut der Schauplatz unserer gar erstaunlichen Geschichte – floss. Friederbusch konnte die Plätzchen nur unzerkaut mit viel Glühpunsch herunterwürgen, wenn er das Amalgan in seiner Zähnen behalten wollte. Anschließend lagen diese granitenen Steinklumpen noch gefühlte achtundvierzig Stunden unverdaut in der Magensäure. Ihnen konnte nicht einmal das hochkochende Sodbrennen etwas anhaben. Friederbusch verbrauchte gerade jede Woche eine Großpackung Bullrich-Salz. Aber was tut man nicht alles für die Liebe?

Über diesen Vorbereitungen und düsteren Gedanken war es draußen langsam dunkel geworden und Friederbusch musste Licht machen, zündete zusätzlich noch ein paar Kerzen an, um sich in die geeignete Stimmung für seinen Zauberlehrling zu bringen. Dabei fröstelte es ihn plötzlich. Erschrocken sah er an sich herunter. Das hatte er doch glattauer vergessen! Er holte eilig seine schäbige und löchrige Schreibjacke und zog sie sich über. In ihrer filzigen, rostfarbenen Wolle heimelig wie in den Armen seiner Mutter geborgen, hatte er die besten seiner Geschichten geschrieben. Das fadenscheinige, mottenzerfressene Kleidungsstück war ihm ein Talisman, den er nicht missen wollte.

Dann setzte er sich ächzend auf seinen bequemen Bürostuhl. Zuerst verschränkte er seine Finger, streckte sie von sich und ließ sie knacken. Jetzt gab es nichts mehr, was Egon M. Friederbusch von einer leidenschaftlichen Begegnung mit seiner Muse und einem Kuss von ihr abhalten konnte. Selbstverständlich meinte er in diesem Moment Kalliope, die weise, herzerquickende und hervorragendste von allen Musen -, und nicht sein Mariele, die voluminöse, rosenhäuptige und treulose, die nach einer kurzen Affaire mit dem Besitzer einer Dönerbude reumütig zu der Liaison mit ihrem Friedi zurückgekehrt war, obwohl dieser ihre Abwesenheit eigentlich kaum bemerkt und noch weniger vermisst hatte. Doch obwohl er die Olympische Muse sehnsuchtsvoll erwartete, wollte sie sich nicht einstellen. (Kalliope war verhindert, denn ihr Lieblingsautor Nikolaus Xaver Maria Klammer verwöhnte sie gerade an diesem Tag mit einem kleinen privaten Souper. Im Moment ließ sie ein heißes, duftendes Schaumbad für sie beide ein.)

Dafür klingelte es plötzlich an Friederbuschs Haustüre Sturm. Erzürnt schlug er mit der flachen Hand auf den Tisch. Es gab nur drei verzeihbare Gründe für eine Störung, wenn er sich zum Schreiben zurückzog – ein Dachbrand, Zombies im Keller oder einen Scheck von seinem Verleger. Schier endloses Geläute gehörte nicht dazu, auch wenn es zu Friederbuschs Erstaunen nicht nach dem normalen Klingelton, sondern nach Jingle Bells klang – mit einem Kinder-Xylophon nicht ganz taktsicher gespielt. Sogar eine sonore Gesangsstimme ertönte dazu:

„Dschungel-Bäh, Dschungel-Bäh,
Handtuch, Handtuch, hey!“

Eiswürfel schmolzen langsam von Friederbuschs Nacken herab. Er kannte den Sänger, auch wenn er verzweifelt den Kopf schüttelte und es nicht wahrhaben wollte. Und richtig: Als er zögernd von seinem Schreibzimmer zur Haustür ging, konnte er bereits im Flur die Ausdünstungen der Besucher riechen. Es stank atemberaubend nach Stall, Dung, Kuhfladen, nassem Hund, das Ganze exquisit vermischt mit Glühwein, Tannennadelschaumbad und Christstollenduft. Der Autor öffnete die Tür und die Ahnung, die ihm eben noch kalt den Rücken hinunter gelaufen war, bestätigte sich.

Auf dem Fußabtreter vor seinem Haus standen Singing Sam, der graue, singende Christmas-Donkey-Kuschelesel, der seinen rechten Vorderhuf auf Friederbuschs Klingel presste, und neben ihm

Karl-Heinz, der Weihnachtshund,

der sofort seinen mächtigen schwarzen Labrador-Körper in Bewegung setzte und sich grußlos an Friederbusch vorbei in dessen Wohnung quetschte, als wäre sie sein Zuhause – was sie ja tatsächlich für eine Weile auch gewesen war. Sein Ziel war das Wohnzimmer, in dem er mit feuchten, schmutzstarren Pfoten auf dem Teppich verharrte. Sam beendete seinen Vortrag auf dem hohen C und schob sich ebenfalls an dem zur Salzsäule erstarrten Schriftsteller vorbei, den er problemlos zur Seite und so fest gegen die Wand drückte, dass diesem der Atem stockte.

„Was …?“, ächzte Friederbusch.

„Hey, Friedi“, sagte Sam kryptisch wie immer, „ist voll stabil die Location hier, Homie. Gib mir eine Fünf auf den Huf, Alter. Yiaah!“

Dann war auch der Esel in der Wohnung. Er bog in die große, offene Küche ab, die der einzige Raum war, der für ein Grautier mit seinen Ausmaßen ausreichend proportioniert war. Friederbusch blieb nichts anderes mehr zu tun, als den Kopf hinaus in die Kälte und die Dunkelheit zu strecken, um zu kontrollieren, ob seine neugierigen Nachbarn in ihren Fenstern standen und starrten – was sie selbst­verständlich auch taten und sich kopfschüttelnd in ihrer Meinung über die Herren Künstler im Allge­meinen und den Herrn Friederbusch im Speziellen bestätigt fühlten. Dann schloss er eilig die Haustür hinter den beiden unerwarteten Eindringlingen, die er tatsächlich schon ein paar Jahre nicht mehr gese­hen hatte – seit der unerfreulichen Affäre um Her­bert, das Osterkarlnickel, nicht mehr. Er wusste zwar, dass Karl-Heinz inzwischen bei Jan Philipp Rabenhorn, dem gestrengen Lektor des Kienbauer-Verlags, lebte – wo sich Sam das ganze Jahr über her­umtrieb, hatte er keine Ahnung und wollte es eigent­lich auch nicht wissen –, aber es gelang ihm inzwi­schen recht gut, sich in seinem alltäglichen Leben einzureden, dass Weihnachtshunde und singende Esel eine jener Wahnvorstellung waren, die für die Psychose von Fantasy-Autoren typisch sind. Nur auf diese Weise konnte er einigermaßen normal in sei­nem Leben funktionieren und seinen Alltag bewälti­gen, ohne nackt und schreiend durch die Gassen von Bromberg  zu laufen.

Karl-Heinz streckte schnüffelnd den Kopf durch die Wohnzimmertür.

„Wo, beim alten Pinkelbaum, hast du deine Bibel, Friedi?“, fragte er leise knurrend und ihm war anzu­merken, dass er sich um eine ruhige Stimme bemüh­te. „Du besitzt doch eine, oder?“

„Aber selbstredend. Wo, meinst du, klaue ich sonst meine Geschichten? Manchmal brauche ich die Ein­gebung des Herrn … also, das Alte Testament und Shakespeare. Wozu brauchst du denn meine alte Kommunions-Bibel?“

 Der Hund bellte kurz und streng und fletschte sein noch immer beeindruckendes Gebiss. „Hole sie einfach.“

„Augenblick. Ich habe sie oben in meinem Schreib­zimmer“, antwortete der Autor und stolperte die Treppe hinauf.

„Und bring was zum Trinken mit, Bro! Ich meine damit was Richtiges, nicht diese Kamillentee-Pisse“, rief ihm Sam hinterher, der sich vergeblich damit ab­mühte, die Kühlschranktür mit seinen Vorderhufen zu öffnen und einige dampfende – wie nennt man das eigentlich – Eselsäpfel (?) auf die schwarzen Schie­ferfliesen der modernen Küche klatschen ließ. „Disst voll, deine Einrichtung, Alter. Das ist Diskri­minierung, sollteste mal eselsgerecht ausbauen.“

Friederbuschs alte Bibel stand zwischen dem Recht­schreib-Duden und dem Großen Büchmann (geflü­gelte Worte von Aristoteles bis Zappa; 40. Auflage. Ullstein, Frankfurt/M. und Berlin 1995). Ins Erdge­schoss zurückgekehrt, musste er erst den Staub vom Goldschnitt blasen, bevor er das dicke, zerlesene Buch öffnete.

„Auf geht’s. Lukas, 2, 11. ff., lies vor“, forderte der Hund aufgeregt. Sogar Sam hielt jetzt den Mund. Der Autor blätterte.

„Ähh … hier, ja, das ist die Weihnachtsgeschichte: Euch wurde heute in der Stadt Davids ein Retter geboren, der ist Messias und Herr. Und dies soll euch zum Zeichen sein. Ihr werdet ein Kind finden, in Windeln eingehüllt und neben einer wunderschönen, kuschligen Katze in ei­ner Krippe liegend.‘

Friederbusch zögerte. Ihm war das betretene Schweigen seiner Besucher unheimlich. Seine Augen wanderten zwischen den beiden hin und her. „Soll ich noch weiterlesen?“

Karl-Heinz winkte niedergeschlagen mit der Pfote ab.

„Nein, nein, das reicht schon“, erwiderte er mit deutlicher Resignation in der Stimme, „das gibt mir bereits den Rest.“ Er spürte plötzlich wieder sein Al­ter von sechshundertvierunddreißig Jahren in den müden, morschen Hundeknochen. Sam hätte wahr­scheinlich gesagt, er wäre voll zu alt für den Scheiß. Doch im Moment war auch er schockiert:

„Alter, das reicht so was von … Das ist ja krasser als ich vermutete, voll der stabile Fake, ey. Ich check’s nicht.“ Sam schüttelte verzweifelt den Kopf. Er und der Weihnachtshund tauschten einen langen Blick. Friederbusch klappte das Buch zu.

„Kann mir mal einer sagen, wo das Problem liegt? Und warum ihr damit zu mir gekommen seid?“

„Sag mir erst noch: Was ist das für eine Katze, die Lukas da erwähnt?“

„Na, das weiß doch wohl jedes Kind. Lebst du hin­ter dem Mond, Hund? Deshalb gibt es ja überall in der Weihnachtszeit Katzenzungen, Schokoladenkat­zen-Hohlfiguren und Marzipankatzenpfoten zu kau­fen: Das ist Isabella, die Krippenkatze. Du kennst doch das Lied: Süßer die Katzen nie maunzen, als in der Weihnachtszeit.

Karl-Heinz blieb die Spucke weg. Sein verzweifeltes Jaulen war rau und jämmerlich.

„Bro …“, murmelte Sam entsetzt, „da läuft was so was von schief, ey.“

[Zum 2. Teil]

Blicke ins Jenseits

Ein weiterer Gasttext von Hans-Dieter Heun, zu dem er mir geschrieben hat: „Bitte sehr, mein Niklas, die besagte tote Geschichte. Du kennst sie möglicherweise bereits, aber Deine Leser nicht. Diese Story gehört zu meinen Lieblingen, immer wieder verbessert, und manchmal denke ich, sie hat tatsächlich etwas zu sagen.“ Die Geschichte hat einen ordentlichen Umfang, aber ich habe mich trotzdem entschieden, sie nicht in mundgerechte Stückchen zu teilen. Vielleicht gibt es ja den einen oder anderen Leser, der die Geduld hat, auch mal etwas längeres am Bildschirm zu lesen.

Blicke ins Jenseits

Eine Kurzgeschichte von Hans-Dieter Heun

Der unwichtige Mann stieg durch einen hellen Tunnel. Hinauf. Okay, am Ende eines Lebens gibt es immer einen Tunnel. Oder nur die Möglichkeit eines Tunnels? Oder nur den Traum von einem Tunnel?

Jedenfalls stieg er – oder schwebte er, wurde magisch hochgehoben? –, bis der Unwichtige sich urplötzlich in einer riesigen Kugel mit unzählig vielen verschlossenen Türen und wenigen, unterschiedlich beleuchteten Fenstern ohne Gardinen befand. Es ärgerte ihn, dass die Fenster keine Gardinen hatten, denn Gardinen kann man vor hängen, zu ziehen. Mit Gardinen kann man verhüllen, verbergen: ein Fenster, ein Zimmer und auch ein Geschehen. Gardinen schützen vor Einsicht. Fenster ohne Gardinen nicht. Unterschiedlich beleuchtete Fenster ohne Gardinen erlauben jedoch unterschiedlich beleuchtete Einsichten. Dennoch, eine solch riesige Kugel mit unzähligen, aber verschlossenen Türen und diesen preisgebenden Fenstern hatte er noch nie gesehen, im Leben wie im Traum. Der unnütze Mann dachte bei sich: Von einer solch riesigen Kugel mit so vielen Türen und so wenigen, verschieden beleuchteten Fenstern habe ich noch nie geträumt.

„Falsch, du träumst nicht. Du bist tot! Das ist leider so.“

„Wer spricht? Gott, bist du das?“

„Schwierig zu beantworten. Ich würde sagen, nicht ganz tot. Ein Teil lebt, etwa einundzwanzig Gramm. Nein, ich bin es, deine innere Stimme. Wenn du – oder was von dir noch übrig geblieben ist – dich noch an mich erinnerst. Also, du hast in deinem letzten Leben für viele Menschen gekocht und somit ein wahrhaft gutes Werk getan. Folglich darfst du dich auch als erlöst betrachten. Das bedeutet, du hast nun fast alles Körperliche zurückgelassen und bist für eine neue Ewigkeit von allem Ballast befreit. Und ich ebenfalls, dem Himmel sei dafür erneut mein tief empfundener Dank! Lange genug war ich wieder in dir eingesperrt, und lange genug hast du wieder nicht auf mich gehört. Ich sage dir was, von dieser Stunde an wirst du mich nicht mehr übergehen können, wirst du dein weiteres Vorgehen mit mir abstimmen müssen.“

Der Unnütze war verwirrt. Wohin hatte es ihn verschlagen? „Bin ich … Ist diese Kugel nicht der Himmel, die jenseitige, den männlichen Sinnen unzugängliche Welt des lieben Gottes und der Gemeinschaft aller katholischen Seligen?“

„Quatsch. Du weilst höchstens in dem so genannten blauen Himmel, einem scheinbaren Gewölbe über den Männern, das in Wahrheit  jedoch eine Kugel ist, die durch einen Horizont in eine obere sichtbare und eine untere unsichtbare zerlegt wird.“

„Was ist los? Träum ich oder spinn ich? Ich sehe doch die ganze Kugel.“

„Wach endlich auf, du bist tot! Das hier ist der Raum, der einzige, unendliche Raum! Und deine Zukunft.“

„Und wo steckt meine Vergangenheit, ist meine Gegenwart?“

„Gegenwart gibt es nicht. Und deine Vergangenheit liegt hinter diesen Fenstern. Die sind jedoch schalldicht. Also, selbst wenn du besserwisserisch noch etwas ändern willst oder sogar schreien aus verständlichem Ärger, es würde nichts nützen. Die Körper, die mit dir deine Vergangenheit spielen, können dich absolut nicht verstehen.“

„Darf ich trotzdem einmal durch diese Fenster sehen?“

„Später, erst musst du Rechenschaft ablegen.“

 

„Beichte!“ Das Stimmchen wurde gebieterisch.

„Habe nichts zu beichten.“ Der unbedeutende Mann war patzig.

„Sei nicht so bockig. Jeder Mann ist von Natur aus sündig, dafür wurde gesorgt. Also beichte.“

„Na gut, meinetwegen, ich habe Vater und Mutter geschlagen!“ Ein Lichtjahr Pause. „Was ist, wächst mir jetzt die rechte Hand aus dem Grab?“

Die Stimme schwankte: „Mag sein, deine Eltern hatten es verdient. Die schwache Möglichkeit besteht, schwache Möglichkeiten existieren immer. Augenblick, ich schau mal nach … Wo ist denn nur wieder dieses verdammte Buch?“ Wenn eine innere Stimme in einem Buch zu blättern vermag, dann blätterte sie nun in einem sehr dicken Buch. „Ja richtig, hier steht es, sie haben es verdient. Weiter, was sonst noch?“

Etwa Schamröte auf dem Gesicht des Unwichtigen? Nicht genau zu bestimmen, aber beinahe hätte er – oder was von ihm noch übrig war – geschluchzt, bittere Tränen der Reue geweint. „Ich habe dringend Geld gebraucht für Sex, Drogen und Rock´n´Roll. Du verstehst schon, ich war abhängig und da habe ich mein angetrautes Weib auf den Strich geschickt.“

„Ehrliche Frauenarbeit schändet nicht, vor allem, wenn sie einem guten Zweck dient. Also weiter.“ Stimmchen war schwer in Ordnung, wahrhaft einsichtig.

„Ich betrog mein Weib mit einer Unzahl von anderen Weibern … Mir war halt danach.“

„Nun, ein Mann braucht, was er braucht. Kann die eigene Blume keinen Honig liefern, muss er eben seinen Stachel in fremde Blüten stecken.“

Der unbedeutende Mann – oder das, was von ihm noch übrig war – hegte den Verdacht, dass diese innere Stimme ein ziemlicher Macho sein könnte. Und dieser Verdacht wurde von seiner Inneren auch prompt bestätigt: „Frauen sind ebenfalls Möglichkeiten, unterschiedliche Wannen sexueller Erfüllung, in denen die kreativen Wünsche eines wahren Mannes allemal baden dürfen.“

Das war hart. Auf den Ort bezogen, der ihn umschwebte, schon mehr als verwunderlich. „Und das soll eine Wahrheit des Himmels sein?“

„Des Raumes, einzig und allein eine Meinung des unendlichen Raumes. Du weißt doch, es gibt keine Wahrheit, sondern stets nur eine Meinung. Du magst alles transponsiv oder auch interprekativ betrachten und danach auszuwerten versuchen, letztendlich kommst du stes nur zu einer Meinung. Schau dir hier die unzähligen Türen an, alle verbergen Spielarten von drei dir verbleibenden Möglichkeiten in diesem besonderen Raum. Glaubst du da tatsächlich, dass es bei dem gewaltigen Angebot nur eine Wahrheit gibt?“

Der unerhebliche Mann – oder was von ihm noch übrig war – zweifelte. Spielarten seiner drei Möglichkeiten? „Wenn das so ist, was …“

Stimmchen unterbrach auf der Stelle: „So ist das keineswegs! Selbst das war eine Meinung. Du solltest schon selbst herausfinden, welche der wahren Meinungen zu dir passen.“

Der Bedeutungslose wurde langsam sauer: „Moment einmal, ab jetzt reden wir bitte Tacheles …“

„Das ist mein wahrer Name.“

„Wirklich? In voller Wahrheit? Das ist ja geil, die Stimme in mir mit jüdischer Offenheit? Macht aber nichts, ich hegte längst den Verdacht, ein entfernter Abkömmling des gelobten Volkes zu sein. Also Tacheles, meiner Meinung nach habe ich nun nichts mehr zu beichten, für gar nichts mehr Rechenschaft abzulegen. Darf ich jetzt bitte zu meinen Fenstern?“

„Du meinst, deiner Meinung nach? Doch meine Meinung ist, und die, nebenbei gemeint, gilt, steht auch in dem großen Buch, aus dem Er, Gott, Sich gleichfalls Seine Meinung bildet, dass sehr wohl noch etwas zu besprechen wäre. Du hast getötet!“

„Um Himmels Willen, habe ich nicht!“ Der Unwichtige war baff.

„Hast du doch! Nur um zu fressen und Fressen zu kochen, hast du jede Menge tierisches und pflanzliches Leben vernichtet. Allein bis vorgestern hattest du bereits neuntausendsiebenundzwanzig Pfund Fisch und Fleisch verzehrt, die vielen Wachteln, Tauben und Enten, die du dein Leben lang so gerne geschmatzt, gar nicht erst mitgezählt. Und dann noch der Salat, das ganze Gemüse, Berge von Obst und die vielen Kräuter. Alles Leben, von dir zerkaut, danach tot und stinkend in deinem Gedärm.“

„Und was war gestern?“ Der Belanglose vermochte sich nicht mehr zu erinnern.

„Da gab es Pfannkuchen.“

„Ach ja richtig und fast schon vergessen, obwohl sie mich dermaßen gebläht. Aber gestatte mir doch die Frage, wovon hätte ich mich deiner maßgeblichen Meinung nach stattdessen ernähren sollen? Wachsen, gedeihen, mein Leben erhalten?“

„Das weiß der Geier. Vielleicht von den radices dulces cognitii.“

„Halt, was ist das schon wieder?“

„Die süßen Wurzeln der Erkenntnis, Meinungen. Doch leider wachsen jene hinter den Türen.“

„Na dann guten Appetit! In diesem Fall würde ich es jedoch vorziehen, mich wie in meiner Vergangenheit zu verköstigen. Und, wenn du nichts dagegen hast, ich schaue jetzt durch diese Fenster.“

 Der farblose Mann war mehr als neugierig und wurde enttäuscht. Vorerst. „Was ist denn das? Ich kann kaum etwas sehen, das Licht ist zu schwach. Einzig und allen entfernte Schemen, möglicherweise ein altes Segelschiff aus Holz vor einer ziemlich dunklen Insel. Das ist doch niemals meine Vergangenheit?“

Tacheles verkündete in aller Ruhe: „Du entdeckst gerade Amerika.“

„Kolumbus, spinnst du? Ich und Kolumbus? Das muss wohl eine Verwechslung sein.“

„Im unendlichen Raum existieren keine Verwechslungen, einzig und allein die verschiedenen Spielarten der drei Möglichkeiten. Aber bitte, wenn der gnädige Herr meinen – oder das, was von ihm noch übrig ist –, ich kann ja mal nachblättern. Hier, hier steht es genau. Es stimmt, du warst einer der Entdecker, allerdings nur der Koch. Wie immer halt, gleicher Beruf, aber in einem anderen Körper.“

„Das ist ja geil!“

„Nicht besonders originell, deine Antwort.“

Der unbedeutende Farblose ging zum nächsten Fenster. „Wenigstens ein bisschen heller. Und ein ziemlich wackeliges Gerüst. Da kniet einer, wartet der etwa auf seine Enthauptung? Ah, ich hab´s, die Französische Revolution! Vielleicht Robespierre und seine Guillotine?“

„Bockmist“, die Stimme wurde grob, „wie oft soll ich dir das noch sagen, du warst Koch in wechselnden Körpern. Der da ist Escoffier, ein großer Küchenkünstler, schaut gerade von einem Baugerüst der berühmten Opernsängerin Melba beim Baden zu und benennt später eine Nachspeise nach ihrem Pfirsichhintern. Pass auf, gleich fällt er von der Leiter.“

„Ja leck mich doch am Arsch, also gibt es sie wirklich, die Seelenwanderung.“ Es war schon erstaunlich, was ein Mann nach seinem Tode alles erfährt, und dieses Erstaunen brauchte Ausdruck.

„Einen Arsch besitzt du zwar nicht mehr, aber ansonsten geht das in Ordnung. Du bist nun wieder Seele, und du Seele warst immer die selbe Seele, und du Seele bleibst auch ewig die selbe Seele. Der Rest waren und sind nur Körper, Modelle, die gewechselt werden.“

„So ist das also. Nun gut, doch wie steht es dann um meine jüngste Vergangenheit? Ich kann da leider gar nichts erkennen.“

Tacheles winkte ab. „Deine jüngere Vergangenheit wirf wohl nicht wichtig für die Weltgeschichte gewesen sein, deswegen bleibt dieses Fenster auch unbeleuchtet. Gehen wir zu den Türen.“

Sie gingen, der Unwichtige warf noch einen kurzen Blick zurück. „Halt, Stimmchen, jetzt flackert was! Ein Licht … wird heller … scheint doch etwas los gewesen zu sein.“

„Lass mal sehen! Ja, tatsächlich, sie errichten dir ein Denkmal.“

„Wer errichtet mir ein Denkmal? Warum, wieso, was sind das für Leute?“ Die ungeduldige Seele zappelte, ungeduldiges Seelchen schrie sogar.

„Bewohner der Stadt D, ein Denkmal mit einem großen Kochlöffel darauf. Aufschrift: IN MEMORIAM COQUUS MAGNUS.“

Die arme Seele war verwirrt: „Die überaus ehrenwerte Stadt D? Wieso kommen die Bewohner der berühmt berüchtigten Stadt D dazu, ausgerechnet mir ein Monument zu widmen? Die haben mich zu meinen Lebzeiten doch völlig übergangen, sogar in den Ruin getrieben, mir das Geschäft und mein Zuhause genommen. Mich letztendlich auch noch vor ihre Tore  geworfen. So war das und nicht anders.“

„Ist das ein Wunder? Du hast schließlich die meisten ihrer Frauen gevögelt, was deren wichtigen Männer selbstverständlich niemals öffentlich eingestehen konnten. Logisch, dass sie ärgerlich auf dich waren.“

„Tacheles, sagtest du nicht: Was ein Mann braucht, das braucht ein Mann? Aber warum dann trotzdem ein Denkmal für mich? Ich meine, wenn sie schon sauer waren.“

„Die Frauen, ihre Frauen stecken dahinter. Es hat ganz den Anschein, als ob du sehr gut gewesen bist, wenigstens auf diesem einen bestimmten Gebiet.“

„Ein Mann ist, was ein Mann ist, und mein Ich-Trieb bleibt hoffentlich auch mein Ich-Trieb!“

„Larifari, gehen wir lieber zu den Türen und suchen deine Möglichkeiten.“ Stimmchen erneut sehr bestimmt.

„Also, dir stehen nun drei Möglichkeiten zur Verfügung, oder, wenn dir das lieber ist, drei Bilder: Glaube, Hoffnung und Liebe.“

Der bedeutungslose Mann war erstaunt: „Warum nur so wenig, mein Stimmchen? Der Raum besitzt doch unzählig viele Türen. Ich denke, da müsste sicherlich mehr angeboten werden als nur der alte kirchliche Sermon. Zum Beispiel: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit!“

„Satans Werk, igittigittigitt! Wie kannst du nur? Außerdem ist in Glaube, Hoffnung und Liebe ja schon alles erdenkliche Bedenkliche erhalten. Da braucht es nicht mehr. Weiterhin gehören die unendlich vielen Türen gleichfalls zu unendlich vielen erlösten Seelen, für die ebenso die gleichen Spielarten der drei himmlischen Wunschvorstellungen gelten. Selbst für erlöste Kommunisten oder ähnlich mindere Lebewesen. Gerade erst habe ich mich mit einer gelben Tulpe unterhalten, sie wählte die Liebe, wollte einzig allein mit ihrem Stängel in Marylins zarten Händen liegen. Brave Tulpe, und ihr Wunsch wurde erhört.“

„Und was meinte die Monroe dazu?“

„Auch ihr gehörten selbstverständlich drei Möglichkeiten, und sie entschied sich ebenfalls für die Liebe. Nun ruhen Marylin und der Stängel in ihren Händen friedlich vereint.“ Stimmchen schwoll an: „Es reicht jetzt, dein erstes Bild, aber dalli!“!

„Ich wähle, ja was wähle ich denn? An sich möchte ich erst einmal ganz unverbindlich, sozusagen mit einer Rücktrittsgarantie eine kleine Tür des Glaubens.“

„Selbstverständlich, mit Rücktrittsgarantie. Und welche Art oder Abart von Glauben wünscht der gnädige Herr?“

„Ich dachte bisher, es gibt allein den wahren Glauben, den mit Lobpreisen zum guten Schluss, Halleluja- und Hosianna-Singen. Glaube an die rundherum strahlende himmlische Seligkeit.“

„Guter Mann – oder was von dir noch übrig ist –, du denkst zu viel. Und das meine ich absolut ernst. In diesem von dir angesagten Glauben ist Denken nicht gefragt. Aber bitte, hier ist die Tür. Halt, nur bis zum Fußabstreifer, von wegen Rücktrittsgarantie und so.“

Farben und Töne begannen sich untereinander zu mischen. Aus den Fellen von Trommeln, geschlagen von schwarzen Riesen im lila Ornat – Taktmeister, Zuchtmeister – stiegen blaugraue Wirbel kirchlichen Staubes. Von Kränzen aus blutroten Rosen in Demut umschlungen, von Kanzelgetöse in Gehorsam durchdrungen, duckten sich weiße Seelen wie katholisch erwünscht, schrien das Preisen aus heiseren Kehlen. Und unerbittlich dröhnten die Trommeln. Zwingender Rhythmus, in dem Seelchen mit muss:

Miteinander Hosianna,
Jubilate der Oblate.
Halleluja,
Heiliger Stuhl da.
Urbi et orbi!

Niemals mehr schweigen,
Jauchzen im Reigen
Vom Takt wild gepackt.
Der Pax sei vobiscum
Trotz Knacken im Bistum.

Ein Seelchen ist nackt!

 Der fahlblasse Mann wunderte sich: „Stimmchen, wieso ist eine Seele nackt?“

„Nur eine? Nicht mehr? Das wundert mich denn auch. Normalerweise frisst dir dieser Glaube bereits kurz nach deiner Geburt das erste Hemd vom Leib, vom letzten nach dem Tode ganz zu schweigen.“

„Tacheles, mir gefällt es hier nicht. All diese weißen Seelen haben so einen belämmerten Ausdruck in ihren seligen Gesichtern. Verstehst du, so etwa wie Opferlamm Gottes.“

„Massensuggestion, pure Massensuggestion. Aber du – oder was von dir noch übrig ist – musst hier nicht bleiben, besitzt immer noch zwei andere Möglichkeiten.“

Und wie zur frommen Bestätigung drehte sich ein riesiger Trommler um und brüllte ein paar heilige Sprüche: „Ora et labora! Weiche, du Heide! Und mach die Tür zu, hier zieht´s!“ Farben verblassten, Töne verstummten, die erste Tür schloss sich ernsthaft beleidigt.

 „Das war wohl eher nicht mein Fall, gute Stimme. Als nächstes wähle ich die Liebe, und bitte ebenfalls mit Rückfahrschein.“

Stimmchen nickte: „Also wie gehabt. Es sei, doch möchtest du die rein körperliche oder eine von sinnlicher Begierde freie, mehr geistige Liebe? Vielleicht eine in der Art, von der Brentano einst schrieb: Das mit der richtigen Liebe zu Liebende, das Liebenswerte, ist das Gute im weitesten Sinne des Wortes.“

„So rein und gut dann wiederum auch nicht, ein unanständiges Maß an sinnlichen Körpern dürfte durchaus sein. Nun guck nicht wie ein Auto, war nur ein Scherz. Nein, in der Liebe habe ich meine Illusionen: Sie sollte ruhig und aufbrausend zugleich, erst glatt und kühl, dann wärmer, leichtgekräuselt bis hin zu heißen, stürmischen Wellen sein. Sie müsste mich durchdringen, durchströmen, mich erfüllen, ein unverzichtbarer Teil meines Wesens werden. Sie muss mein Dasein begleiten, ja, diese Liebe müsste mein Dasein sogar erhalten. Sie selbst sollte jedoch uneigennützig sein, niemals besitzergreifend auf mich fixiert. Weiterhin müsste sie meinen Körper – oder, meinetwegen, was von ihm noch übrig ist – pflegen, ihn erfrischen, durch immerwährende Anwesenheit dafür sorgen, dass mir Verzicht nicht mitttels böser Säfte Pickel auf den Hintern zaubert. Und auch wenn ich sie im Übermaß genieße, sogar in blinder Leidenschaft durchschwimme, dürfte eine wahre Liebe nicht zerstören, mich niemals ersticken. Ja, sie sollte großmütig sein, zwar immer in Bewegung und dennoch überaus nahe.“

„Brav gebrüllt, mein Freund! Auch lautmalerisch durchaus ansprechend und in der Wortwahl wohl überlegt. Besonders das mit den Pickeln am Arsch, den du ja nicht mehr hast. Na gut, dann werde ich dir mal deine Liebe im unendlichen Raum zeigen. Da ist die Tür, doch denke erneut an den Fußabstreifer.“

 Türflügel schwangen auf, still ruhte ein See, und ein wenig lud er auch zum Bade. „Ein See, Wasser, einzig und allein Wasser? Ist das alles?“

Tacheles grinste wässrig: „Wie, ist das alles? Du hast sie doch wie Wasser beschrieben, deine Liebe. Und hier ist es, das Ruhige, die Kühle, das Kräuseln und manchmal selbst ein wildes Wogen. Hör mir zu, du wurdest nun mal dafür geschaffen, Weiber wie das Wasser zu lieben, so wie der Wind dazu erkoren ward, Wellen zu kräuseln, Wogen zu werfen … Mann, das war jetzt geradezu genial, diesmal von mir mit Worten gemalt. Manchmal wundere ich mich fast über mich selbst, echt geil. Trotzdem, weiter im Text. Und das Wasser liebt dich auch. Schau nur in diesen See, ein Spiegel der Wahrheit, er wird dir – oder dem Rest, der von dir noch übrig ist – seine Liebe beweisen, dir sagen, wer und was du wirklich bist. Also sieh hinein und sage mir, was du erblickst.“

Hatte er das nicht sein ganzes Leben gemacht, in den Spiegel geblickt und sich gefragt, wer er eigentlich ist? Und nun erneut eine Bestandsaufnahme? Irgendein Jemand, irgendein Etwas, der oder das ihn vielleicht sogar liebte, wollte schon wieder wissen, wer er in Wirklichkeit war. Scheiße, er wusste es doch selbst nicht. Warum also erneut ein Spiegel? Und normalerweise wäre jetzt ein guter Zeitpunkt, aus diesem Trauma zu erwachen, an den See zu gehen und mal kurz hinein zu pinkeln. Er musste immer pinkeln, wenn er zu viel Wasser sah. Genauso wie nach Liebe. Aber er war in keinem Trauma, er war tot. Kein gnädiges Erwachen, nie mehr, und das drückte auf seine Stimmung. Missmutig trat er auf den Fußabstreifer der Rückfahrversicherung und starrte in den See. Der See starrte zurück. Sonst nichts. Nur nichts. Kein Bild, keine Identifikation, einfach nichts, was er auf sich beziehen konnte. Er sah allein Wasser. „Ich sehe nur Wasser.“

„Ist wohl sonst nichts mehr übrig von dir.“ Die Stimme lachte sich einen Ast, auf dem sie fröhlich turnte. „Logisch, fünfundsechzig Prozent von dir sind Wasser. Aqua vitae, das Feuchte liegt in deiner Natur. Und wenn du ehrlich bist, ist Wasser ebenso der Urstoff jeder Liebe.“

„Wie bitte? Ich bin normalerweise durchaus für Rätsel zu haben, doch das ist mir jetzt zu hoch und zu blöd. Ich kann auf das Wasser gut verzichten, und auf die Liebe, so wie ich sie mag, werde ich es wohl müssen. Nein, mein Stimmchen, schließen wir diese Tür, ich wähle die Hoffnung. Die Hoffnung ist grün.“

Grün ist die Hoffnung, grüne Bewegung. Wallen und Wogen, Kräuseln und Säuseln wie spielender Wind in einem frühlingsgrünen Haferfeld. Unzählige Strippen, Bänder, Schnüre und Fäden tanzten vor seiner Nase, an allen hingen hellgrüne Zettel.

Der fahlblasse Unwichtige wich unwillkürlich zurück. „Was soll nun wieder dieses Strippenzeug?“

„Seidene Fäden! Hoffnungen hängen immer an seidenen Fäden.“

„Und das Gewackel?“

„Schwankende Hoffnung, die müsstest du doch kennen.“

Stimmchen wusste Bescheid, und wie er die kannte. Zum Beispiel die schwankende Hoffnung, ob endlich einmal die Richtige käme. Derart oft gehofft und doch nie erfüllt. Dafür meistens Blondinen, ausnahmsweise glatte Schönheit und geistlose Körper, die im Alter von Fettheit gebläht. Ähnlich die Schwarzen, glühende Kohlen von knisternder Geilheit, welche sich im eigenen Feuer verzehrt. Selbstgefällige, nichts übrig für einen Partner, allerdings stolz vor einem Spiegel, dem Ort, an dem ihre Jahre vergehen. Kaum anders die Braunen, willfährige Seelchen, immer anwesend und immer um einen klebrig herum. Stets gute Laune – oftmals bis zum Kotzen –, streichelnd, schmeichelnd, schnurrend, gurrend, nie auch nur ein bisschen murrend. Bäääääh, am Halse hängend, zum selben heraus hängend!

Leider niemals gekannt die Roten – heißes Bedauern –, die Töchter des Mondes. Möchtegern-Gespielinnen in schlaflosen Nächten, schwüle Gedanken, nie erfahren Salomes Charme. Kupferrote Haare, Fahnen der Wollust, wehend getragen von Lilith, dem Weib, das lange selbst vor Eva war. Sie hatten seine Hoffnung gebildet, rothaarige Weiber, die das Wort Weib als Ehre begriffen. Grüne Augen und Sommersprossen auf heller Haut, schlanke Körper, leicht umflossen von hellgrauer Seide. Anbetungswürdige Geschöpfe, allein diese Hoffnung blieb unerfüllt.

Neben den wackelnden Aussichten auf die eine Richtige, das einzig zu ihm passende Weib, hatte es noch Hoffnung auf die Zukunft aller Kinder gegeben. Ebenfalls Zuversicht in die Macht ihrer alle Grenzen überfliegenden Musik. Gleiches Gefühl bei ihren Protesten, berechtigt aus Sorge um eine kranke Welt. Resultierend daraus sein Verständnis für die Bedürfnisse aller Heranwachsenden, gefolgt von Vertrauen, Einigkeit, Gemeinschaftsgeist und dem Willen zu gemeinsamen Lösungen selbst schwierigster Probleme.

Blah, Blah, Blähungen! Weiterhin die gleiche Scheiße, erst die Hoffnung, dann folgte bei gründlicher Sichtung die Resignation. Das alte Lied, immer und ewig der gleiche Mist: Habsucht, Neid und Missgunst. Warum hat er, was ich nicht habe? In voller Wahrheit war und ist Nehmen stets seliger denn Geben.

Auf den Feldern dieser Fehler gedieh jedoch eine andere Hoffnung, eine auf die Kunst. Provokation, Anregung zum Insichgehen in Stein gemeißelt, Monumente, die Jahrtausende lang mahnen. Oder Schönheit und Versprechen mit Öl auf Leinwand gebannt. Ebenso lyrische Worte, starke Sprüche, Herzen bewegende, schwarz auf weißem Papier. Aber was hat diese Kunst letztendlich gebracht? Wenigen Künstlern gebührendes Lob und für ihr kurzes Leben ausreichende Anerkennung. Ach ja, Denkmäler für sie, viele Denkmäler an wichtigen Plätzen: Denk mal nach! – Das ist doch schon etwas.

„Tacheles, ich weiß, dass ich nicht weiß, ob ich überhaupt noch Hoffnung will.“

„Na hör mal, wer bist du denn, dass du – oder was von dir noch übrig ist –, keinerlei Hoffnung möchtest? Oder wer warst du eigentlich, dass du hier einfach Glaube, Liebe und Hoffnung verleugnest?“

„Wenn ich darauf antworten soll? Nun, nachdem ich durch viele Fenster und Türen gesehen habe, war ich nur ein Mann, der mit allen erdenklichen Fehlern und wenig Tugenden ausgestattet war. Manchmal wurde ich in meinen verschiedenen Leben sogar fast vom Glück gestreift. Und es schien mir immer so, als wäre ich kurz davor, bedeutend zu werden.“

„Ach, du kommst zur Erkenntnis? Trotzdem darfst du nicht ohne jegliche Hoffnung sein, nicht hier im Raum der einzigen drei Möglichkeiten. Nachdem du Glaube und Liebe abgelehnt hast, wie willst du nackt im Totenreich bestehen? Also zier dich nicht und greif nach einem Zettel. Nun mach schon!“ Tacheles schien es auf einmal eilig zu haben, Stimmchen drängte.

„Okay, weil du es bist, und weil wir stets so inniglich verbunden waren. Hier habe ich einen. Holla, da hängt ja ein Würfelbecher dran? Papier und Würfel, Donnerwetter Stimmchen, damit kann ich locker im Totenreich leben, wenn vielleicht noch eine gute Flasche Wein dazu kommt.“

„Kein Sarkasmus mehr, bitte, lies lieber vor. Ach Quatsch, gib mir den Zettel, bevor ich noch vor Neugier platze. Also da steht … Monopoly! Würfle und setze alles auf die Hoffnung, dass deine Gedanken für Jedermann lesbar in dicken Büchern abgedruckt werden. Wenn du jemals aus diesem Gefängnis zur schönen Aussicht frei kommst, gehe erneut über das Los des Lebens. Dann erhältst du unter Umständen auch eine Rote.“

Der fahlblasse, unwichtige, bedeutungslose arme Mann breitete die Arme aus: „Ich danke! Tausendmal Dank! Ein wahrer Segen des unendlichen Raumes. Ich – oder was von mir noch übrig ist – darf hoffen auf die Einzige, die zu mir passt, auf eine wunderschöne rote Blüte. Ich liebe sie schon jetzt. Aber weil wir gerade beim Thema sind, Tacheles, und in aller Offenheit, was ist denn eigentlich noch von mir übrig?“

„Einundzwanzig Gramm, die sich morgen bei Gott im Himmel vorstellen werden.“

 

Hans-Dieter Heun
(Alle Rechte beim Autor)

 

Das melancholische Bibabirnentalerbutzengirl

Mit diesem bewährt skurrilen Gast-Text über ein gemeines Birnenkomplott von Hans-Dieter Heun möchte ich  wieder die gute, alte Tradition aufleben lassen, befreundeten Autoren hier auf meinem kleinen, aber feinen Blog ein Asyl für ihre Geschichten (bitte, bitte keine Lyrik!) anzubieten. Falls du, mein lieber Freund und Schreiberling, also einen Text in deiner Schublade ruhen hast, für den du noch keine Unterkunft gefunden: Dann melde dich doch einfach bei mir.

Und nun viel Vergnügen mit diesem quer-, starr- und hintersinnigen Märchen des Herrn auf Tabor:

Das melancholische Bibabirnentalerbutzengirl

Ein Märchen von Hans-Dieter Heun

Es war einmal ein goldiges, superklitzekleines Mädchen namens Sabirne. Es hatte kein Bettchen zum Schlafen und kein Zimmerchen, um darin zu wohnen. Denn seine unlieben Eltern, bekennende Veganer, die an sich für Bettchen und Zimmerchen hätten sorgen müssen, brachten sich vor lauter Verzweiflung über den Kaumwuchs des Kleinstkindes mit einem Tofuburger – der allerdings von Knusperknäuschenschweinespeck durchzogen war – selbst um ihr veganes Leben. Darob verfiel das Minimädchen in tiefe Melancholie und weinte gar manche bittere, wenn auch winzige Zähre.

Unweit des Keinbettchens und des Nichtzimmerchens wurzelte in einem geheimnisvollen goldigen Birnenwald ein besonders riesiger goldener Birnbaum. Der wurde ob dieses Kindleins Elend vom Mitleid schier überwältigt und bot flugs dem Zwergkindchen an, es – als grüne Birnbaumblattlaus verkleidet – zwischen seinen vielen Blättern und Zweigen wohnen zu lassen. Da jedoch im Birnbaumgeäst ebenfalls der übermächtig grausame Birnbaumblattlausfresskäfer hauste, verzichtete Sabirne schwersten Herzens auf die bestens gemeinte Hilfe. Statt eines gemütlichen Birnbaumappartements wollte sich die schwerstherzige Pimpfin lieber eine total verschimmelte, depressiv machende Souterrainbude im großen weiten Birnenwald suchen. Der besonders riesige goldene Birnbaum nahm der Göre das aber keineswegs übel, sondern schenkte ihm sogar drei besonders riesige goldene Birnen für seine Reise. Einigermaßen dankbar knickste das Winzigdingelchen und machte sich mit ihrem Obst auf den Weg.

Der Birnenwald war duster, kalt und alt. Kaum minimale Meter gewandert, traf die unterdurchschnittliche Kleine auf eine seelenverwandte Däumlingin mit gleichfalls eindeutig melancholischen Anwandlungen. Jene Daumenlutscherin fror es arg wegen der herrschenden Dusternis und Kälte an den roten Haaren, in den jadegrünen Augen, im sonnengepunkteten Gesicht und hier ganz besonders an den zierlichen Öhrchen. Aus schierer Empathie schenkte ihr die Birnenlütte das eigene Birnenmützchen, darüber hinaus eine güldene Birne und gab ihr noch dazu den kostenlosen Rat: „Der große Birnbaum segne dich.Tausche seine goldene Birne gegen harte Birnentaler ein und kaufe dir einen wunderwarmen Hut, mindestens so schön wie einer aus dem Hutschrank der Königin vom Engelland.“ Puff machte es und Knuff, ein Wölkchen mit Birnenblütenduft quoll, und schon war die Beschenkte im Kaufrausch nach Engelland verschwunden. Immerhin, die Schwermut der Bobabirnenbutzenlütten hatte sich ob ihrer guten Tat um einen Blattlaushupf gelüpftet.

Sogleich erschien ein nächstes ultramagersüchtiges, deswegen gleichfalls schwermütiges Winzigfräulein und bat um ein Leibchen, da es wegen Hungerleidens obenrum entsetzlich fror. Das Birnenbutzelchen schenkte der Elendiglichen ihr aus feinen Birnenfasern selbstgestricktes Oberteil mit der handgestickten Inschrift „Und ewig rauschen die Birnenwälder“. Zusätzlich die obligatorische goldene Birne nebst den üblichen kostenlosen Rat: „Tausche die weiche goldene Birne gegen knallharte Birnentaler ein und kaufe dir ein Bustier der Wäschemarke Triumph, das formt deine Figur.“ Puff und Knuff, der Magerquark hatte sich in Birnenwaldluft aufgelöst. Dafür war nun Sabirne oben ohne, jedoch fast fröhlich von der erneut guten Tat.

Mittlerweile war es im Birnbaumwald nahezu Nacht geworden. Da trat ein exhumierter Exhibitionist namens Jacob Grimm hinter einem Zwergbirnenbusch hervor, unten herum leuchtend vor fahler Blöße. – Nein, oh nein, das durfte nicht sein, niemals nimmer nicht der exorbitante Jacob in einem Birnenmärchen. Rasch wie der duftende Birnenwind zog Sabirnchen ihr Röcklein aus und bedeckte mit ihm die Unkeuschheit des somit Ex-Hibitionisten. Desweiteren schleuderte sie aus übergroßer Angst vor den eigenen unkeuschen Gefühlen die letzte goldige Birne genau dorthin, wo es der ehemalige Hibitionist Jacob an und für sich am liebsten hatte. Freudigst birnenüberrascht machte der „Uhmmmpf“ und sang auf der Stelle sein Lied vom Bibabutzenbirnenbaum. Ein geradezu unheimlicher Song, dessen niederdrückende Schwermut durch Birnenmark und Birnenbein ging.

Blätter raschelten unmutig, Äste mit reifen Früchten bewegten sich zornig. Was würde geschehen? War Sabirne nun zu ewiger Melancholie verdammt? Nahezu unlösbare Rätsel. Da, urplötzlich wurde der alte, riesige, per se goldige Birnbaum von ungeheurem Furor überbäumt und schrie: „Birniget ihn, birnigt den Zipfivorzeiger, diese hundsgemeine Glühbirne, diesen hinterfotzigen Birnenholzbettbrunser Jacob, birniget ihn!“ – Man glaubt es kaum, der Birnenbaum war Niederbayer. Die anderen Birnbäume ebenso, ergo folgten sie nur zu willig der Aufforderung, ihre Früchte flogen, und Jacob …

Das war´s. Das Märchen vorbei. Nun ja, vielleicht wäre noch erwähnenswert, dass eine aus der Reihe fliegende weiche Birne das Wachstumszentrum im Kleinsthirn von Sabirne traf. Das Minihirn erwachte aus seinem Birnen-Koma, das Butzengirl wuchs und wuchs und erblühte letztendlich zu einer wunderschönen Prinzessin mit satten Birnenformen. Ja, sogar zur Dirnenkönigin der letzten zweihundertvierundsechzig Herbste wurde es erkoren, wie die Fama berichtet.

Als Erzähler dieser Birnenmoritat möchte ich mich noch herzlichst beim 1.VC Gartenlaube, Unterabteilung Autoren und nachgeordnete Lyriker bedanken, dessen wöchentliche Kameradschaftsabende bei Birnenmost mir stets eine Quelle aufbauender Inspiration gewesen sind. Weiterer inniger Dank gilt meinem unbekannten Vater, welcher mich nach etlichem Birnengeist trotz heftigsten Widerstandes meiner Mutter gezeuget hat. Doch möge auch sie im Frieden mit Birnen ruhen.

Hans-Dieter Heun
(Alle Rechte beim Autor)

 

Empfehlung: Das neue Buch von Hans-Dieter Heun

Zwar darf ich Hans-Dieter Heun schon eine ganze Weile nicht mehr meinen Freund nennen, denn er hat mir leider vor gut einem Jahr aus mir noch heute vollkommen rätselhaften Gründen unsere langjährige Freundschaft aufgekündigt und seither jeden Kontakt zu mir abgebrochen; liest auch wohl in diesem Blog nicht mehr mit, den er mit seinen früheren launigen Kommentaren und Texten noch immer mitprägt.

Aber nichts desto weniger halte ich ihn weiterhin für einen lesenswerten Autor, den ich gerne weiterempfehlen will. Ich freue mich, dass er seine lange prosaische Schaffenspause beendet hat und mit etwas Neuem am Start ist. Nun ja, zugegeben, so ganz neu ist das alles nicht, denn sein neues Buch „Das unglaublich unglaubwürdige Leben des Hannemann“ ist leider „nur“ eine Überarbeitung eines seiner alten Bücher, nämlich des Romans „Geilen Farben“. Es ist eine Art „Heun-Omnibus“ daraus geworden, in den er auch ein paar seiner Kurzgeschichten aus seinem „Zackenbarsch“ eingewoben hat.


Es ist – Zitat des Autors:

… das Beste in der Selbstfindungsliteratur seit dem Gilgamesch-Epos, behauptet zumindest ein wissendes Medium, meine Frau. Noch dazu mit einigen mausetoten Leichen, leichtverständlicher Leidenschaft und geradezu außerirdischen Kochrezepten.

Das neue Werk ist ebenfalls die Erklärung, warum ich, auf Prosa versessener Mann, euch in letzter Zeit derart stiefmütterlich behandelt habe. Stiefmütterlich, jawohl, denn stiefväterlich schildert nicht im Mindesten, wie maßlos ich euch vernachlässigte. Ich bitte inständig und untertänig wegen der euch nicht gewährten Liebe um Vergebung.

[..] Ganz nach dem Motto, jede Dame wird sich freu´n, wenn sie liest den neuen Heun. In diesem besten Sinne: Behaltet den neuen Titel im Auge. – Mein ganz besonderer Dank gilt Michael Weiler, besser bekannt als Zebrafink, für die erschöpfende Schöpfung des Covers. Es war eine lange künstlerische Auseinandersetzung zwischen uns, bis der Hampelmann Hannemann endlich an den Fäden seines Schicksals hing.

Hans-Dieters nun wieder neu aufgelegtes, aber eben bewährt skurriles Werk ist gerade bei neobooks als E-Book erschienen und für 8,99 € überall im Handel erhältlich, wo man elektronisches Lesefutter erwerben kann. Dort ist auch eine Leseprobe downloadbar, die ausführlich beweist, welch herrliches Garn er zu spinnen vermag. Ich hoffe, Hans-Dieter, der auch eine Facebook-Präsenz unterhält, bekommt die Leser, die er verdient.

*

Und zum Abschluss noch ein Link auf einen vollkommen anderen Text, den wir gemeinsam begonnen haben und der hier immerhin 7 aufregende Fortsetzungen erlebte, den wir aber leider nie gemeinsam beendet haben.

Wolfenklau

Vorankündigung: Karl-Heinz, die Fortsetzung

Seit dem 1. Advent veröffentliche ich auf meinem wenig besuchten Blog „Andere Welten, Andere Zeiten“ als kleine Weihnachtsüberrachung für meine treuen Leser alle sieben Tage einen weiteren Abschnitt des Wintermärchens „Karl-Heinz, der Weihnachtshund“, das in der Zusammenarbeit mit meinem Freund Hans-Dieter Heun entstand. Ein echter Geheimtipp! Ich hatte nie vor, dieser herzerwärmenden, aber für mich nicht allzu typischen Geschichte noch eine Fortsetzung folgen zu lassen.

Nun hat Hans-Dieter kürzlich auf Facebook in einem – von mir nicht als ein solcher erkannten  – Scherz verkündet, wir würden gemeinsam doch an einer Fortsetzung arbeiten und mich damit ein wenig in Verlegenheit gebracht, da ich glaubte, ich hätte etwas vergessen. Also leerte ich drei Becher dampfenden Glühwein, stopfte mich mit den Plätzchen von Frau Klammerle voll und schrieb die ersten Seiten von

Isabella, die Krippenkatze

Ein winterliches Märchen von Nikolaus Klammer
und Hans-Dieter Heun

weihnachtsband

um nach einer durchschriebenen Nacht zu erfahren, dass mein lieber Kollege durchaus nicht willens ist, meinen Handlungsfaden mit eigenen Ideen weiterzuspinnen, sondern mich nur ärgern wollte. Denn inzwischen lehnt er die epische Breite des Erzählens ab und ist ein Freund der Kurzlyrik-Weicheierfraktion geworden. Deshalb muss die gute Isabella nun leider Fragment bleiben, denn meine anderen Projekte sind mir wichtiger. Meinen durchaus umfangreichen Anfang jedoch, den vor allem Freunde von Karl-Heinz goutieren werden, da einige liebgewonnene Figuren wieder auftauchen, will ich der Welt trotzdem nicht vorenthalten und ich hoffe, ich kann etwas von dem Vergnügen zu vermitteln, das ich beim Schreiben hatte. Am Samstag, dem 3. 12,. werde ich den ersten Teil bloggen, in der Woche darauf den zweiten. Mehr gibt leider es nicht. Falls jemand eine weitere Fortsetzung wünscht, ist dies gegen eine kleine finanzielle Unterstützung durchaus denkbar.

Möge die Geschichte mit dem gleichen Ernst gelesen werden, mit dem sie geschrieben wurde.

AmyWeihnachten

 

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