Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Archiv für das Schlagwort “Grusel”

Der Dienstagsroman (VII)

(Was bisher geschah: Der junge Missionar Martin Wolfenklau liegt in Singapur krank darnieder und kämpft mit den Geistern seiner Vergangenheit. Ein Fieberanfall führt ihn zurück zu seiner Vergangenheit in Niederbayern, in der alles begann. Der geheimnisvolle alter Xaver kommt auf den Bauernhof, den Martin allein mit seiner Mutter Magdalena bewohnt. Der ‘Einöder’ braucht die Hilfe von der erfahrenen Heilerin und Kräuterfrau. Er zwingt Martin dazu, das Verbot seiner Mutter zu übertreten und sie im Badehaus zu stören, in dem Seltsames vorgeht: Beim Verlassen des Bades wird er von dem Dorfpfarrer Emeran abgefangen und entdeckt einen geheimnisvollen Blutfleck an seinem Arm:)

Die Hand des Pfarrers griff nach oben, nahm geradezu zärtlich mit Zeigefinger und Daumen Martins Kinn, hob es an. Er schüttelte dabei sanftmütig lächelnd seinen Kopf, als habe er den jungen Mann bei einer lässlichen Sünde ertappt. Ganz dicht schob sich der Geistliche jetzt an Martin heran und der intensive Geruch nach Lavendelblüten verstärkte sich. Gleichzeitig aber schwamm eine weitere Duftnote in dem allzu üppig verwendeten Parfum. Etwas Fauliges, Unappetitliches kam Martin in die Nase und erzeugte ein Würgen in seinem Hals. Daher atmete er durch den Mund, das half ein wenig.

Emeran hielt seine Hand am Kinn, bis sein junges Gegenüber angewidert den Kopf zur Seite drehte. Hochwürden war ein untadeliger Diener des Herrn. Martin bewunderte dessen tiefe, beseelte Frömmigkeit und seinen Wissensreichtum bezüglich der Heiligen Schrift, aber trotzdem hatte er etwas an sich und das waren nicht nur seine Ausdünstungen, was den Jungen abstieß.

Frau Wolfenklau ist im Bad, nicht wahr? Ich muss sofort mit ihr sprechen, mein Junge, obgleich die Schrift verkündet: Niemand darf von den heiligen Gaben essen, außer er hat seinen Leib gebadet.“

Verflixt und zugenäht, was wollten denn an diesem Vormittag nur alle von seiner Mutter? Martin kannte Pfarrer Emerans Gewohnheit, fast jeden Satz mit einem Bibelzitat zu würzen; auch wenn manches nicht zu dem zu passen schien, was er so gelehrt von sich gab. Geduldig wartete er also, bis der Geistliche nach einem Stirnrunzeln „Levitikus, 22. Vers 6“ hinzugefügt hatte. Wie unabsichtlich trat er währenddessen zwei Schritte zurück und stand eisern mit dem Rücken zur Tür.

Ich darf sie nicht stören…“ Emeran jedoch nutzte die Gelegenheit, dass ihm der junge Mann nicht mehr auskommen konnte und nahm Martin beim Arm. Um so vieles anders war die Berührung dieser schweißnassen und weichen Hand verglichen mit dem kraftvollen Griff seiner Mutter.

Sag ihr, es sei wirklich dringend, mein Sohn.“ Martin wusste nicht, was er machen sollte. Er sah sich hilfesuchend nach Xaver um, doch der Alte war verschwunden. Lautlos, geradezu heimlich, wie vom Erdboden verschluckt. An der Stelle, an der er doch eben noch gestanden, saß die Katze Annerl, leckte sich eine Pfote und sah mit aufgestellten Ohren zu dem ungleichen Paar hinüber. Es stimmte schon, was die Leute aus dem Dorf raunten: Wo sich die Kirche befand, das war kein Xaver.

Der Pfarrer begann Martins Arm zu streicheln.

Der Gerechte gedeiht wie ein Palmbaum, schön wie eine Libanonzeder wächst er empor.“ Kunstpause, Emeran lächelte wie von sich selbst verzückt, und sein Ekel erregender Geruch drang trotz des angehaltenen Atems in Martins Nase. „Psalm 93. Vers 13.“

Als hätte er damit etwas bewiesen, den Bezug zur Zeder und ihr anstößiges Wachsen unterstreichen wollen, gab der Geistliche den jungen Mann endlich frei. Er griff in die Tasche seiner schwarzen Jacke, beförderte umständlich ein blütenweißes Stofftaschentuch ans Licht und wischte sich angelegentlich die Hände ab. Das Tuch war feinste Klöppelarbeit, die der katholische Landfrauenbund der Hl.-Kreuz-Kirche gespendet, um mit ihr die ebenso Heilige Monstranz gebührend heilig zu bedecken. Hochwürden Emeran fand jedoch, das Tuch stünde seiner fast heiligen Nase ebenso gut an.

Er wusch seine Hände und sprach: ‚Ich bin unschuldig am Blut dieses Gerechten.‘Matthäus 27, Vers 24. Und jetzt holst du deine Mutter. Hurtig, mein hübscher Engel, hurtig!“, erklärte er bestimmt. Martin wurde eine Entscheidung abgenommen: Hinter ihm trat Magdalena Wolfenklau aus dem Saustall und baute sich neben ihrem Sohn auf. Sie trug ihr Alltagsgewand, ein schlichtes, blaues Schürzenkleid, das an ihrer mageren, aber geraden Gestalt hing wie ein alter Kartoffelsack an einer Vogelscheuche. Ihr früh durch immensen Kummer ergrautes langes Haar trug sie zu einem Dutt geknotet, den jedoch ein einfaches rotes Kopftuch verbarg. Eisblaue, durchsichtige Augen ruhten verächtlich auf dem dicken Pfarrer, der sich unter diesem Blick duckte.

Man nimmt die Worte des Herrn nicht leichtfertig in den Mund, Emeran Zwarmbrunner: ‚Posaune nicht vor dir her, wie es die Heuchler auf den Straßen tun, damit sie gepriesen werden von den Menschen.‘ Matthäus 6, Vers 2.

Aus der Bibel zitieren: Das konnte sie fast noch besser als der Geistliche.

Was also suchst du hier? Vollmond ist in drei Tagen. Du bist zu früh!“ Als sie sprach, wurde ihre Nase spitz und weiß, erinnerte Martin an den Schnabel eines Falken, der auf sein Opfer herabstößt. Vorerst erklang vom Pfarrer aber nur ein schmatzendes, langanhaltendes Furzen, offenbar vermochte er seine Darmwinde wieder einmal nicht im Zaum zu halten.

Doch keinesfalls Scham! Emeran hatte einen wichtigen Auftrag: „Ich käme nicht, wenn es nicht dringend wäre“, bettelte er, „das Äquinoktium ist nah, hat seine Ehrwürdigste Exzellenz, der Erhabene Herr Erz…“

Schweig still!“, donnerte Magda mit einem raschen Seitenblick auf ihren Sohn, der aufmerksam lauschte.

Bua, hoasd koa Oarbeid ned? Hoasd scho de Goaß´n gmolken?“ Nahtlos verfiel Magdalena dem eigenen Sohn gegenüber in die heimatliche Sprache des Briggidoi. Für einen kurzen Moment wollte Martin protestieren, aber dann ging er gehorsam quer über den Hof zum Stall.

Die ‚Exzellenz‘ muss sich noch gedulden. Drei Tage, nicht eher…“, vernahm er noch, dann trat er in den Stall. Der herbe Gestank der Ziegen war ihm nach Emerans Ausdünstungen wie Weihrauch und Myrrhe. Martin holte einen Blecheimer und den Melkschemel. Er wunderte sich ein wenig, dass ihm Annerl nicht wie sonst in der Hoffnung, etwas von der warmen Milch abzubekommen, in den Stall gefolgt war. Seltsam, die Katze war doch sonst geradezu wild auf die gesunde Geißenmilch. Er klopfte Zenta, seiner Lieblingziege, auf den Hintern. Das Wort Arsch auch nur zu denken, verbot ihm Mutters Erziehung. Dabei fiel ihm auf, dass der Blutfleck auf seinem Arm verschwunden war. Wie um alles um der Welt war solches möglich, er hatte doch nicht gewischt? Er setzte sich auf den Schemel und sah nachdenklich zur angelehnten Stalltür.

Was hatte seine Mutter mit dem fetten Pfarrer zu bereden und was machte sie in voller Wirklichkeit wahrhaftig jeden Morgen in ihrer Badstube? Die Neugierde, die der Xaver in ihm geweckt, stach ihn erneut. Martin entschied bei sich: Wenn seine Mutter später hinauf zum Hof des alten Einsiedlers stieg, um dessen Kuh beim Kalben zu helfen, würde er sich den alten Saustall näher ansehen.

Er war ja nicht dumm: Hier ging etwas vor, das ihm ganz und gar nicht gefiel. Doch er würde herausfinden, was es war.

Ende des 2. Kapitels

(Fortsetzung folgt nicht…)

 

Der Dienstagsroman (VI)

(Was bisher geschah: Der junge Missionar Martin Wolfenklau liegt in wilden Fieberträumen in einem schäbigen Zimmer in Singapur und kämpft mit den Geistern seiner Vergangenheit. Die ehemalige Prostituierte Parbati, mit der er gemeinsam vor der grausamen Gräfin aus dem Rimbu geflohen ist, pflegt ihn aufopfernd. Er versucht, die Frau, die er liebt, vor der mörderischen Gräfin zu warnen, als ihn ein erneuter Fieberanfall zurückführt zu seiner Vergangenheit in Niederbayern, in der alles begann. Der geheimnisvolle alter Xaver kommt auf den Bauernhof, den Martin allein mit seiner Mutter Magdalena bewohnt. Der ‘Einöder’ braucht die Hilfe von der erfahrenen Heilerin und Kräuterfrau. Er zwingt Martin dazu, das Verbot seiner Mutter zu übertreten und sie im Badehaus zu stören:)

Martin war nicht wohl dabei, seine Mutter zu stören. Er schreckte vor der einfachen Tür zurück, von deren rissigen Brettern die weiße Farbe abblätterte und hinter der sie ihr Alleinsein verbarg. Einmal noch sah er zu dem seltsamen Kauz Xaver hinüber. Der Alte betrachtete nun gleichmütig die Flugkünste der letzten, späten Mauersegler über dem Haus, während er wie ein witternder Fährtenhund seine knollige Nase gegen den wehenden Wind hielt.  Annerl, die Katze, pirschte sich an ihn heran; ihr Bauch berührte fast den Boden, der aufgeregt zuckende Schwanz war dick und buschig. Es musste also sein, Xaver würde den Hof  nicht ohne Martins Mutter verlassen.

Der junge Mann drückte die Klinke hinunter, vergeblich. Freilich war die Tür von innen verschlossen, Martin hatte es  nicht anders erwartet.

Muata, dea Xaver war do! Ea brauchad dei Helf zwengs dem Lieserl sei Kaibi!“ Für sich selbst unbemerkt verfiel er wie immer, wenn er mit seiner Mutter sprach, in die Sprache seiner Heimat. Er klopfte behutsam und lauschte. Kein Geräusch drang von drinnen zu ihm ins Freie.

Muata, des war fei scho pressant!“ Er pochte erneut ans Holz, kräftiger diesmal. Nichts, kein Laut, kein sich Regen. Martin zuckte mit den Schultern, nahm entschlossen den großen Hausbund aus seiner speckigen Lederhose. An ihm hing ein zweiter Schlüssel zum Badhaus.

Du, i kimm jedzd eina!“ rief er lauthals und schloss so lärmend wie er nur konnte auf, öffnete die Tür und polterte mit seinen genagelten Stiefeln über die Schwelle in das Dämmerlicht. Martin hatte noch keine zwei Schritte getan, da tappte er gegen einen schweren, bodenlangen Vorhang, der den hinteren Bereich des alten Schweinestalls vor Zugluft und neugierigen Blicken verbarg. So war ein kleiner Vorraum geschaffen, auf dessen blanken Bodenfliesen fein säuberlich die rohen Holzpantoffeln von Magdalena Wolfenklau standen. So sehr Martin auch die Ohren aufstellte, war außer seinem eigenen Herzschlag, der in seinen Schläfen pochte, nichts zu hören. Er hob die Arme und suchte vor sich den Spalt, an dem sich die beiden Hälften des Vorhangs aus grauem Eselsleder überlappten. Seine forschende Rechte fand auch die Öffnung – und er wurde mit fester Hand am Unterarm gepackt, als würde ihn eine Kreuzotter beißen!

Martin zuckte zusammen, wollte sich erschrocken aus der schmerzhaften Umklammerung winden, da vernahm er die Stimme seiner Mutter. Sie war es, deren Hand ihn durch den Spalt, aus dem nun schwache Lichtstrahlen in den Vorraum fielen, eisern gepackt hielt:

Bua! Bleib stehn, auf da Stell! Wag es nua, dass davo rennsd!“

Martin gehorchte sofort. Magda war eine strenge Frau, aber so drohend und ärgerlich hatte ihre Stimme noch nie geklungen; auch nicht bei der gewaltigen Standpauke vor einigen Jahren, als er eines Abends seine tägliche Pflicht vernachlässigte und versäumte, die Hühner in den Stall zu treiben, weil er sich lieber heimlich unten am Waldrand bei den Schleierfällen mit seiner großen Liebe Annamirl Ödbichler traf, der blonden Tochter des Bürgermeisters. Durch seine übergroße Schuld hatte der Fuchs sich damals die beste Legehenne genommen. „Dea Xaver… Muata… ’s Lieserl“, stotterte er.

I woaß, hob di scho gheard, Warsd ja laut gnua“, erwiderte Magda durch den Vorhangspalt, durch den sie nur ihren einen nackten Arm streckte und weiterhin ihren Sohn bestimmt und mit der Gewalt eines Mannes hielt. Einer Kraft, die ihr Martin bisher nicht zugetraut.

Und jedza gehsd. Sog dem Xaver, i kimm glei.“ Sie ließ den Martin überraschend frei und ihr Arm verschwand hinter der Lederwand. Der Junge taumelte vom Griff befreit rückwärts durch die Tür und stolperte gegen die untersetzte von Emeran Zwarmbrunner, dem Gemeindepfarrer, der in eine Lavendelduftwolke gehüllt in seinem Rücken urplötzlich erschienen war. So kräftig war der Stoß, dass sich der fette Geistliche fast in den Kies gesetzt hätte, wenn er sich nicht gedankenschnell an Martins Hosenträgern festgehalten hätte. Flink war er ja, der Hohe Herr, schließlich war sein Steckenpferd die Jagd auf die kapriziösen bunten Schmetterlinge der heimatlichen Wiesen und Gärten.

Mein süßes Jesulein“, näselte Emeran mit hoher Kastratenstimme, die rosigen Lippen gespitzt, „bist mir ja ein ganz stürmischer Bub.“ Er kicherte und seine Augen verwandelten sich in schmale Schlitze.

Martin drehte sich eilig auf der Stelle und schloss dabei hinter sich die Tür zur Badstube, denn er sah die begierig funkelnden Augen des Geistlichen, die Hochwürden ertappt nach unten senkte. Martin schaute, wie der Pfarrer überrascht den Mund öffnete und sah an sich herab, auf seinen rechten Unterarm, auf dem nun Emerans verwunderter Blick ruhte: Sein Arm, den Mutter eben noch wie ein Schraubstock gehalten. Martins Augen weiteten sich, ein dunkelroter, feuchter Fingerabdruck!

Wo kam der jetzt her? Himmel, Herrgott, war das etwa Blut?

 (Fortsetzung folgt…)

Der Dienstagsroman (V)

(Was bisher geschah: Der junge Missionar Martin Wolfenklau liegt in wilden Fieberträumen in einem schäbigen Zimmer in Singapur und kämpft mit den Geistern seiner Vergangenheit. Die ehemalige Prostituierte Parbati, mit der er gemeinsam vor der grausamen Gräfin aus dem Rimbu geflohen ist, pflegt ihn aufopfernd. Er versucht, die Frau, die er liebt, vor der mörderischen Gräfin zu warnen, als ihn ein erneuter Fieberanfall zurückführt zu seiner Vergangenheit in Niederbayern, in der alles begann. Der geheimnisvolle alter Xaver kommt auf den Bauernhof, den Martin allein mit seiner Mutter bewohnt. Der ‚Einöder‘ braucht Hilfe:)

„Was ist, Bub, träumst?“

Martin nahm dem Waldbauern den „Bub“ nicht übel, obwohl er erst Ende Julei die Abiturprüfung mit Auszeichnung abgelegt hatte und bei Tag und Nacht überlegte, welches Studium er denn ergreifen sollte. Es zog ihn zum Weinbau in die Wachau oder gleich ins ferne Land, ins Fränkische. Dabei wollte er in der niederbayerischen Heimat in der Nähe seiner Mutter bleiben und hier wuchs nur der Hopfen.

„Nein, Xaver, ich träume keineswegs.“ Er warf einen Blick, der seine Worte Lügen strafte, auf den bärtigen Einsiedler. Der junge Mann hatte sich schon oft gewundert, warum immer ein Dutzend Bienen um dessen silbergraues Haar summten und sich sogar ruhig darauf niederließen, ohne dass es den Alten im Geringsten zu stören schien. So war es auch heute. Irgendwann würde der Xaver noch mit einem bebrüteten Vogelnest auf dem Kopf im Dorf auftauchen. Der Einödler suchte die kleine Ansiedlung allerdings nur in den dringendsten Fällen auf, wenn er mal wieder Einweckgummis für die Marmeladengläser brauchte, Bleistifte nebst selbstklebende Zettel oder neue Kupferrohre für seine Brennblase, mit deren Hilfe er in der Abgeschiedenheit seiner Hütte seinen hochprozentigen Bärwurz fertigte.

Bärwurz, meum athamaticum, das ist eine wundersame Wurzel, nächtlich bei Neumond durch den Xaver vom Grabe einer unberührten Jungfrau gepflückt – schwierig, immer schwieriger geworden, solch ein Grab oder auch nur eine Jungfrau in Niederbayern zu finden –, versehen mit einem unnachahmlichen Aasgeschmack, Zeichen seiner jeden anderen Trunk übertreffenden Heilkraft. Xavers Bärwurz war nicht zu vergleichen mit dem Industrieprodukt gleichen Namens, mit dem gewissenlose Destillen die Bayerische Heimat überschwemmen und für Irritationen unter den Kurgästen sorgen.

Der Einödler hätte mit seinem Zaubertrank reich werden können, wenn ihm etwas am Gelde gelegen wäre. Von weit her, selbst aus dem Welschland und dem Böhmischen, kamen Sieche zu ihm hinauf gepilgert, um eine Flasche seines legendären Bärwurzes zu erwerben. Doch nur in besonderen Fällen gab er aus: Meist schickte er die Bittenden mit leeren Händen heim oder verwies sie an Magda, Martins Mutter, die gegen eine kleine Spende mit ihren Kräutern und ihren Händen so manches Leid lindern, ja heilen konnte.

Es stimmte schon: Der Xaver fand noch Jungfrauen und konnte es darüber hinaus mit allen Tieren – wenn man mal von der alten Annerl absah: Die Katze mied ihn wie der Teufel das Weihwasser.

„Schau, Xaver, du weißt eh, die Mutter hat mir verboten, sie zu stören, während sie im Badhaus weilt. Und das gilt für jeden. Wirst dich schon gedulden müssen“, erläuterte der Sohn geduldig.

„Martel, glaub mir, ich weiß genau, was die Magda im Badhaus treibt. Aber a kranke Kuh ist wichtiger als ihre Wasch, und sei´s selbst von der schlimmsten Sünd!“

Der junge Mann blickte verwirrt zur verriegelten Tür des alten, von Fliesenleger und Spengler des Dorfes zu einem einfachen Badehaus umgestalteten Saustalls. Wusste der Xaver wirklich, was seine Mutter jeden Morgen nach dem kargen Morgenbrot tat, wenn sie sich in dem Umbau für eine Stunde einschloss? Das konnte nicht sein. Martin selbst besaß nicht die geringste Ahnung, wagte auch nicht, sich gegen das Verbot zu versündigen. Niemals hätte versucht, einen Blick durch die zersplitterten und erblindeten Gitterfenster zu werfen, zwischen denen zu dieser Jahreszeit, im noch warmen Frühherbst, viele fette Spinnen ihre Fallen woben. Selbst wenn er auf Befehl der Mutter eine der Kreuzspinnen fing oder vorsichtig  eines ihrer zarten, klebrigen Netze löste, und die Arachnide oder ihre Spinnseide vorsichtig in der Höhlung seiner Hände barg, um sie an den Kräutertisch im Mostkeller zu bringen, machte er keine neugierigen Augen. Und er war schließlich hier zuhause. Der Saustall war Mutters Refugium; Martin respektierte das.

Was er jedoch nicht ahnen konnte, war, dass der alte Mann selbst zu dem Umbau geraten hatte: „Wasser wäscht mit den Jahren jeden Schmutz ab, Magda, auch den einer mit Unrat beworfenen Seele.“

„Nun lauf schon, Martel, dem Lieserl liegt´s Kalb verkehrt herum, die stirbt, wenn´s nicht bald die Händ von deiner Mutter zu spüren kriegt. Gehst jetzt endlich!“, drängte der Alte.

Sinnend sah er dem „Bub“ hinterher, der gehorsam folgte, wog dabei bedächtig seinen mächtigen Bart, aus dem verwundert ein paar fette Hummeln fielen. Auf einmal stand Xaver starr, nur sein Haupt wandte sich zu der Katze Annerl, die ihn noch immer wütend aus ihrem Versteck unter der wilden Rose beobachtete.  Seine buschigen Augenbrauen senkten sich und er kreuzte seinen eindringlichen Blick mit dem des Tieres.

„Noch hast drei Leben, Annerl. Verspiel sie nicht“, murmelte er nur für die Katze und ihn selbst vernehmbar. Dann seufzte der Xaver, obwohl er es zufrieden war. Das Spiel war eröffnet, er hatte den ersten Zug getan.

(…Fortsetzung folgt)

Der Dienstagsroman (IV)

(Was bisher geschah: Der junge Missionar Martin Wolfenklau liegt in wilden Fieberträumen in einem schäbigen Zimmer in Singapur und kämpft mit den Geistern seiner Vergangenheit. Die ehemalige Prostituierte Parbati, mit der er gemeinsam vor der grausamen Gräfin aus dem Rimbu geflohen ist, pflegt ihn aufopfernd. Er versucht, die Frau, die er liebt, vor der mörderischen Gräfin zu warnen, aber ein erneuter Fieberanfall schleudert ihn zurück zu seiner Vergangenheit in Niederbayern, in der alles begann:)

2.  Das blutrote Mal

An diesem Morgen stand Martin Wolfenklau vor dem alten Vierseithof, der malerisch auf einem sanften Hügel über dem Briggidoi, dem Tal der Vilz, thronte. Der hoch und gerade gewachsene Jüngling, dem einige der Mädchen im Dorf schmachtende Blicke und lüsterne Gedanken hinterherwarfen – ohne dass sein reines Herz dies im Mindesten bemerkte – hatte gerade die späte Herbstsonne beim Erklimmen der Baumwipfel beobachtet: Sie mühte sich ab, den dichten Dunst über den abgeernteten Feldern zu vertreiben. Vielleicht würde es ihrer Wärme, die nun wie verliebt sein ebenmäßiges und edel geformtes Antlitz streichelte, gelingen, auch noch die letzten Nebelfetzen in den Wald zu scheuchen. Ja, so wäre heute ein guter Tag, die dampfende schwarze Erde im großen Garten hinter dem Hauptgebäude umzugraben, den seine Mutter zum Anbau von Stauden und Kräutern nutzte, die alle mit Heilkraft gesegnet waren. Selbstvergessen beugte sich Martin zu seiner alten, schwarz-weiß gefleckten Katze herab, die ihm träge um die Beine strich. Sein nachtschwarzes Haar fiel ihm dabei mutwillig in die Stirn.

Na, Annerl“, raunte er dem schnurrenden Tier zu, während er es im Nacken kraulte, „war die Mäusejagd erfolgreich heute Nacht?“ So weit sich Martin in seine Kindheit zurück erinnern konnte, war die hochbetagte, aber noch immer erstaunlich lebhafte Katze erfolgreich mit der Ratten- und Mäusebekämpfung auf dem Hof und in den Scheunen beschäftigt gewesen. Dieser Methusalem unter den Leisetretern musste mindestens schon sechzehn, siebzehn Jahre alt sein und war Martin ein unverzichtbarer Bestandteil seines Lebens. Undenkbar war ihm der vielleicht nicht mehr allzu ferne Morgen, an dem sie ihn nicht maunzend begrüßen würde, mit hoch erhobenem Schwanz aus einem Versteck im Heustadel kommend.

Martel, ich muss deine Mutter sprechen. Das Lieserl, meine Kuh, ist krank und braucht ihre heiligen Hände.“

Martin zuckte zusammen, denn er hatte das Nähertreten des Waldbauern nicht gehört. Das war weiter kein Wunder. Niemand sah oder hörte den silberhaarigen Xaver, wenn der es nicht wollte. Die Leute im Dorf erzählten sich, der Einödbauer wäre in der Lage, sich einem äsenden Reh nähern, ohne von dem scheuen Tier bemerkt zu werden. Ja, man munkelte sogar, der verschrobene Kauz könne das Wild berühren – es würde nicht flüchten oder auch nur ängstlich zittern. „Der Xaver ist Druide, der kennt sich aus“, sagten die Leute im Dorf und auch auf den abgelegenen Höfen, und einige von ihnen schlugen dabei verstohlen ein Kreuz oder machten eine schnelle Handbewegung gegen den bösen Blick.

Auch die Katze schien ihn erst jetzt zu bemerken. Mit dickem Schwanz und verärgertem Fauchen flitzte sie sogleich unter die nahe, üppig blühende Kletterrose, die sich an den rohen Balken des vorderen Stalls festklammerte. Von dort funkelte sie den Xaver, der ihr ohnehin keine Beachtung schenkte, mit gelbleuchtenden, verärgerten Augen an.

Angeregt durch schaurige Märchen, die Martin heimlich des Nachts im Schein einer Taschenlampe unter der Bettdecke las, fragte er als Kind seine strenge Mutter einmal, ob der alte Xaver denn mit dem Satan im Bunde stehe. Selten hatte der Junge seine Mutter so ärgerlich erlebt und musste damalsfür einen Moment gar befürchten, sie würde ihm eine Ohrfeige geben. Aber dann strich ihre im Zorn erhobene Hand nur sanft und erschöpft eine widerspenstige Haarsträhne aus seinem erschreckten Gesicht.

Der Xaver ist ein frommer Mann, er besitzt noch das alte Wissen. Der braucht diese Kirche nicht, nein, wahrhaft nicht!“

Selbst als Kind, das er war, hatte Martin sich über die merkwürdige Betonung von „braucht diese Kirche nicht“ gewundert – schließlich kam der Pfarrer Emeran pünktlich an jedem Monatsersten zu Besuch und blieb mindestens eine Stunde in intimem Gespräch mit der Mutter. Er saß dann gewichtig in der guten Stube, den Obstkuchen mit den fetten Butterstreuseln genießend, den die Mutter allein für Hochwürden buk. Der Pfarrer war in Martins Kinderaugen nicht solch ein unheimlicher Geselle wie der Xaver, sondern ein lammfrommer, sanfter, möglicherweise sogar heiliger Mann, der, wahrscheinlich in ein inniges Gespräch mit dem Herrgott vertieft, beständig leise murmelnd die Lippen bewegte, welche er dabei mit einer himbeerroten Zungenspitze befeuchtete. Dafür hatte ihn der Herr mit dem Martyrium eines nervösen Reizdarms gesegnet, dessen windige Auswirkungen sein leises Gebet und manchmal sogar die Angstpfeife der Orgel der Hl.-Kreuz-Kirche, die sich durch eine besondere Akustik auszeichnete, übertönten, auch wenn Hochwürden immer versuchte, seine Flatulenz mit einer knarzenden Holzbohle zu seinen Füßen zu verbergen.

Der Xaver allerdings, den Martin noch nie des Sonntags in der Messe gesehen hatte, erschien noch häufiger als Hochwürden Emeran und absichtlich immer nur, wenn dieser nicht in der Nähe war – er „könne ihn schlichtweg nicht riechen.“ Der Einsiedler brachte Wurzeln, Blätter und Beeren, manchmal auch die Leber oder das Herz eines toten Tieres, eingelegt  in mit Bärwurzschnaps gefüllten Marmeladegläsern. Aus all diesen guten Sachen rührte anschließend seine Mutter genau solch heilsame Salben wie die aus Stauden und Kräutern des eigenen Gartens.

(…Fortsetzung folgt!)

Der Dienstagsroman (III)

(Was bisher geschah: Der junge Missionar Martin Wolfenklau liegt in wilden Fieberträumen in einem schäbigen Zimmer in Singapur und kämpft mit den Geistern seiner Vergangenheit. Die ehemalige Prostituierte Parbati pflegt ihn aufopfernd und er erinnert sich an die gemeinsame Flucht aus dem Rimbu:)

Der Rimbu, das war der ewige, übersinnlichen Mächten unterworfene Regenwald Malaysias, aus dem das Paar geflohen. Urgewalt tropischer Gewitterböen, das Donnern stürzender Riesenbäume und wildes Rauschen hochgeschwollener Gebirgsflüsse beherrschten den Rimbu. Zugleich war er aber auch eine Landschaft majestätischer Ruhe im dämmerigen, undurchdringlichen Unterholz, nur ab und an durchdrungen vom Gebrüll des mächtigen „Großvaters“, des Königstigers; begleitet von den Warnrufen der Affen und tausender Vogelarten, dem Getrampel von Elefanten und behaarten Sumatra-Nashörnern im Unterholz, doch kaum bewegt durch das schattenhafte Vorbeigleiten eines Orang-Utans und das leise Wimmern nie geschauter Nachttiere auf ihrer Flucht vor der jagenden Schlange. Es war eine ängstigende, unheimliche Welt, von der Zivilisation und ihren Gesetzen gemieden. Und in ihrer Mitte, zwischen pechschwarzen Waldwänden am Fuße des mächtigen Berges Gunung Tahan, lag der einsame Landsitz der Gräfin, selten nur erhellt vom magischen Schein eines Mondes, den unerklärliche Ungeheuer Monat um Monat erneut verschlingen.

Die wenigen abergläubischen Menschen in den Dörfern am Berghang trauern oft um hilflose Angehörige, welche unaufhaltsame und merkwürdige Seuchen dahingerafft haben, oder um unglückliche Freunde, die der rachsüchtige Dämon Raktavija bei ihrer unschuldigen Honigsuche aus dem Wipfel eines Bienenbaumes in die alles verschlingende grüne Tiefe stieß. Die schwarze Gräfin trauerte nicht, sie jagte und tötete. Ihr waren Martin und Parbati, eine ihrer indischen Sklavinnen, im letzten Moment entronnen. Für ein kurzes Heute zumindest…

Parbati beugte sich noch weiter herab, ihren Geliebten sanft zu küssen. Doch ihre Zärtlichkeiten waren Martin nun lästig wie die Fliegen, die ihn noch immer aufgeregt umschwirrten, und er wies das Mädchen mit einer schwachen Bewegung in die von ihm gesetzten Schranken. Liebkosungen, auch wenn sie aus übervollem Herzen stammten, lenkten ihn nur von seinem Ziel ab. Dafür hatte er jetzt keine Zeit. Martin besann sich auf seine Erziehung, hatte genug von kurzfristiger Befriedigung, die für die Ewigkeit nicht zählt. Zwar hatte er alle Stellungen des Fleisches, welche der schönen Inderin während ihrer heidnischen Erziehung aus uralten Überlieferungen beigebracht wurden, mit ihr und anderen Huren, ja selbst mit der schrecklichen Gräfin versucht und im Rausch gewisser Kräuter auch genossen, aber die lange Flucht durch die Hölle Malaysias hatten ihn geläutert, der Fieberbrand der Malaria das sündhafte Begehren scheinbar für immer vertrieben.

Meine Aufzeichnungen, Parbati! Ich muss den Engel warnen, bevor noch größeres Unrecht geschieht. In der Owen Road gegenüber dem Serangoon Plaza ist eine Poststelle. Lauf, sonst ist es womöglich zu spät!“ Erregt versuchte er, sich weiter aufzurichten, gleichzeitig schoss ein beißender Schmerz in seinen Schädel. Martin kniff verzweifelt die Augen zusammen. Das konnte nicht sein, nicht so bald! „Es geht schon wieder los!“, stieß er mühsam hervor, „Schnell, bring die Aufzeichnungen zur Post und halte dich nicht auf! Sie sucht nach uns, ich weiß es.“

Und er hörte es. Er hörte plötzlich ihre Stimme. Sie klang vom Fenster zu ihm herüber, rief ihn, zerrte ihn hinunter.

Dein Leben ist meine Kraft, die das Leben in ganzer Größe gebiert“, flüsterte ihm die Stimme sein Innerstes und seinen Glauben erschütternd zu. „Und diese Kraft verschlingt es auch wieder, wenn die Zeit des Gehens kommt.“

Nein“, schrie Martin voller Pein, „nur das Trachten des Fleisches führt zum Tod. Römer, acht, elf! Römer, acht, elf! Geh, lass mich allein!“

Mein Licht, was sprichst du da? Außer uns ist doch niemand hier!“ Angstvoll musste auch Parbati erkennen, wie trügerisch der Moment der Ruhe gewesen.

Meine Rettung, die Aufzeichnungen! Sie sieht uns! Schnell!“

Der rote Mund der schönen Inderin flüsterte an seinem Ohr: „Nicht jetzt, mein Gebieter. Ich verspreche dir, ich gehe gleich morgen früh. Außerdem haben wir auch keine Singapore-Dollars mehr.“ Sie zögerte, ihr war ein Gedanke gekommen. „Ich kann dich nicht alleine lassen, mein Ein und Alles! Du brauchst jetzt meine Kraft.“

Parbati sank am Lager ihres Geliebten in die Knie, umgriff seine sich in wilden Atemstößen hebende Brust. Noch einmal riss Martin die Augen auf, starrte auf die junge Frau, die ihn fest in ihrer Umklammerung hielt. Mit einer letzten Anstrengung wollte er sich befreien, doch der verzweifelten Kraft von Parbati war er nicht gewachsen. Martin sank zurück, die letzte Chance vertan.

Und die Stimme beherrschte ihn: „Ich bin drei und ich bin eins. Meine Augen sehen die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Schau durch meine Augen.“

Martin wand sich herum, fiel zurück durch alle Zeiten.

Martel, i muaß dei Mutter sprechn, mei Kua is krank und brauchd a Salbn.“

Martin stand vor dem alten Vierseithof, der malerisch auf einem sanften Hügel über dem Briggidoi, dem Tal der Vils, lag.

Ende des 1. Kapitels

(…Fortsetzung folgt!)

Beitragsnavigation