Aber ein Traum …

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Eismanns Wille – Eine Kurzgeschichte

Passend zu Halloween folgt nun die einzige meiner Geschichten, die man mit etwas gutem Willen dem „Horror-Genre“ zuordnen kann.
Ich kann von ihr mit einem gewissen Stolz behaupten, dass sie niemand, der sie je las, wieder vergessen hat.

Eismanns Wille

Dass ich Eismann traf, liegt nicht an dem sonder­baren Zufall, der mich in diese Stadt geführt hat, um in ihr zu arbeiten. Es liegt an Eismann selbst, dessen aufdringliche Art meine Auf­merksamkeit einforderte. Und nicht zuletzt waren die Kinder schuldig.

Weißt du, ich saß an diesem warmen Nach­mittag spät und erschöpft auf einer Bank im Stadtpark, unschlüssig, was ich an mit dem Abend noch beginnen sollte. Eismann setzte sich schwerfällig neben mich und bevor er et­was sagte, konnte ich ihn riechen: Er war eine Mischung aus vielen Gerüchen, sehr viel Seife war dabei, ein wenig Urin, Sandelholz und Abgestandenes, Fauliges. Und noch viel mehr, für das ich keine Worte habe. Er be­gann sofort ein Gespräch, das heißt, er sprach auf mich ein und ignorierte meine abweisen­de Haltung. Ich wand den Kopf dort hinüber, weg von ihm, der aufdringlichen, grauen Masse, die ich nicht sehen, mit der ich einen Augenkontakt vermeiden wollte.

Dort drüben, auf dem kurzgeschnittenen, gelbverbrannten Rasen, liefen damals ein paar Kinder umher. Sie waren verbissen bemüht, einander wehzutun. Sie stießen sich immer wieder gegenseitig zu Boden. Kein Kind lach­te, keines weinte. Nur selten wurde eine der hellen Stimmen laut, die dann zornerfüllt her­überklang. Die Kinder waren vollkommen eins mit ihrem Spiel.

Der Mann neben mir sprach laut, aber was er sagte: Glaube mir, ich weiß es nicht mehr. Vielleicht sprach er vom schwülen Wetter, vom unregelmäßigen Betrieb der Straßenbah­nen, von Gott. Gleichgültig, er redete und ich nahm das Geräusch wahr, das er machte. Es war mir nicht unangenehm, es störte mich nicht, es unterstrich das seltsame Spiel dort auf der Wiese in angenehmer Weise, wie Musik. Ich weiß, es war eine Beschwörung, die die Kinder anfeuerte, einander Schmerzen zuzufügen. Dann erschreckte die Kinder et­was. Sie rannten dort hinunter, an den Birken vorbei zu den Büschen. Ich bemerkte, dass Eismann aufgehört hatte, zu reden. Jetzt, als die Kinder nicht mehr zu sehen waren, war das auch nicht mehr notwendig.

Ich sah ihn an. Ich weiß nicht, ob ich in die­sem Augenblick erschrak, aber ein weiches, schwammiges Durchsacken im Unterleib empfand ich doch. Eismanns Gesicht ist zer­stört, aufgedunsen, eine offene, brennende Wunde, ein, ich weiß nicht… Eismann ist eben er selbst und als er lächelte, wurde mir übel. Dennoch betrachtete ich ihn weiter, es war mir nun gar nicht mehr möglich, etwas Anderes zu tun. Er trug dem warmen Tag zum Trotz ein abgenutztes, dickes Wolljackett und dazu eine fleckige, helle Hose. Sein Bauch quoll wie warme Hefe hervor, und über dem Gürtel spannte sich das Hemd zu grotesken Falten. Durch diese Körperfülle sah es so aus, als würde er auf der Bank nicht sitzen, sondern halb auf ihr liegen. Ich glaube nicht, dass es ihm bei seiner Leibesfülle möglich ist, seine Arme vor sich zu verschränken.

So sah ich Eismann und es war sehr still, als wir uns begutachteten.

Hier links ging eine Frau, mit ihren hohen Schuhen schwamm sie ungelenk mit den Ar­men rudernd durch den Kies. Sie hatte den Blick starr von uns gewandt. Ich sah sie aus den Augenwinkeln, ohne den Kopf zu dre­hen, denn ich betrachtete mit einer Mischung aus Interesse und Abscheu weiterhin mein Gegenüber. Ich konnte meine Augen nicht schließen oder sie auch nur senken, du ver­stehst. Da waren noch einmal Schritte und eine auffällige Krawatte, nein,  ein Taschen­tuch, mit dem jemand, ich glaube, ein Mann, über seinen feuchten Mund fuhr, vielleicht noch eine Kamera, ich bin mir nicht sicher. Aber auch dieser Mann war schnell an unserer Bank vorbei; er schlenderte langsam hinter der Frau her.

Eismann sagte seinen Namen, wiederholte ihn mehrmals, bis ich ihn verstand. Ich wollte in diesem Moment bestimmt lachen, aber ob­wohl meine Bauchdecke krampfend zuckte, gelang es mir nicht, auch nur die Mundwinkel zu heben. Eismann schüttelte sachlich und deutlich missbilligend den Kopf. Er fragte mich, ob ich ihm aufhelfen könne. Er fühle sich in der letzten Zeit sehr erschöpft.

Eismannillu

Ich ging zurück ins Zimmer, das war dann etwas später. Ich wohnte in einem Hotel, ich habe es glaube ich schon gesagt, es war eine billige Absteige in Bahnhofsnähe. Du wirst sie nicht kennen. Am Empfang wurde ich von ein paar Leuten überrascht gemustert, aber nie­mand versuchte, mich aufzuhalten. Ich ließ die Tür meines Zimmers hinter mir geöffnet, damit Eismann nachkommen konnte. Der Raum war nicht groß, gerade ein Bett, ein Schrank und ein kleiner Schreibtisch hatten Platz gefunden.

Meinen Koffer hatte ich noch nicht geöff­net, da ich erst mit dem Morgenzug angekom­men war und ich mich sogleich in meiner neuen Firma vorgestellt hatte. Der Brief lag deshalb noch so auf dem Bett, wie ich ihn dort liegengelassen hatte. Sein Inhalt war der einzige Grund, aus dem ich in dieser Stadt eine Arbeit angenommen hatte.

Den Brief habe ich erwähnt, weil Eismann zielstrebig auf das Bett zusteuerte, sich äch­zend niederfallen ließ, ihn in seine fetten Finger nahm und las. Als ich das sah, hatte ich einen bewussten Moment und erkannte, was um mich vorging. Eismann war einen Nu unaufmerksam gewesen. Ich wollte ihm das Papier eilig aus der Hand reißen und ihm da­mit ins Gesicht schlagen, wieder und wieder, hinein in die Wundmale. Ich wollte ihm in den Unterleib treten, bis sich dieses Ungeheu­er zu meinen Füßen auf dem Teppich wälzte. Du musst mir glauben, ich versuchte es und ging auf ihn zu, hob bereits die Hand zum Schlag. Aber es war mir nicht möglich. Mitten in dieser Bewegung zögerte ich, durch einen Blick von Eismann bezwungen. Ich war nur mehr dazu fähig, mich neben ihn zu setzen und die schorfigen Ränder seiner Narben zu streicheln. Ich hatte jetzt einen starken Brech­reiz, aber ich beendete meine zärtlichen Bewe­gungen erst, als er den Brief nahm, ihn zer­knüllte und achtlos zur Seite warf. Dann nahm er mit seinen weichen, schweißnassen Händen mein Gesicht. Er gab mir einen Kuss auf die Stirn.

«Nicht jetzt», sagte er. Ich weiß es genau. Er sagte: «Nicht jetzt. Lass uns vorher etwas Essen gehen. Und dann erzählst du mir von deiner Frau und warum sie dir den Brief ge­schrieben hat.»

«Zwischen uns beiden klappt es einfach nicht mehr so richtig. Wir haben uns – wie nennt man das? – auseinandergelebt. Und dann hatte ich auch noch diese kleine Affäre mit dem Mädchen aus dem Nebenhaus. Das war nichts Ernstes, wir haben nur ein paar Mal miteinander geschlafen, aber meine Frau hat es erfahren. Jetzt redet sie von Scheidung. Ich dachte, es wäre das Beste, wenn ich diese Arbeit hier annehmen würde und ein paar Wochen Abstand schaffen könnte», sagte ich. Ich saß in dem Lokal unten am Ende der Stra­ße beim Brunnen und war erschrocken, wie viel ich Eismann erzählte, der einen bemer­kenswerten Appetit offenbarte. Man hatte uns gezielt in einen leeren Nebenraum geführt, der  wahrscheinlich für Gesellschaften ge­dacht war, aber wir wurden schnell und zu­vorkommen bedient und, ich weiß, es klingt unglaubwürdig, der Kellner war zu Eismann freundlicher als zu mir. Er brachte ihm unaufgefordert nach dem Essen mehrere Klare, die Eismann wie selbstverständlich annahm.

Eismann hörte mir kaum zu, ich merkte ihm an, dass ich ihn mit meinen Ehegeschich­ten langweilte, aber er unterbrach mich nicht und solange er das nicht tat, sprach ich wei­ter. Ich fühlte mich dazu gezwungen. Ge­zwungen, das ist genau das richtige Wort.

«Am meisten leidet unsere Tochter an die­sem Zerwürfnis. Sie hat schnell gemerkt, dass zwischen uns etwas nicht in Ordnung ist. Sie werden das verstehen, sie ist noch zu jung, um unseren Streit zu begreifen. Das ist so, sie meint, wenn ihre Eltern sich nicht mehr lieb haben, dann haben sie ihre Tochter auch nicht mehr lieb. Das ist in ihrem Kopf drin, festge­fressen, das geht nicht raus. Sie ist im Augen­blick nicht fähig, in die Schule zu gehen, wir haben sie vom Unterricht befreien lassen müs­sen. Sie ist trotzig, aggressiv und weint häufig grundlos. Sie ist oft hysterisch. Wir waren bei einem Psychologen. Der hat vorgeschlagen, sie ohne Eltern auf Erholung zu schicken, in ein Kinderdorf. Aber da sind wir uns einig: Meine Frau will das nicht und mir ist es auch peinlich.»

Endlich lehnte sich Eismann zurück und bearbeitete mit einem Fingernagel seine fauli­gen Zähne. Als er die Fleischfaser erwischt hatte, die hängengeblieben war und ihn ge­stört hatte, besah er sie sich eine Weile auf­merksam. Dann fuhr er seine breite, feuchte Zunge heraus und leckte genießerisch über seine Fingerkuppe. Er machte einen zufriede­nen Laut. Ich redete noch immer, aber jetzt unterbrach er mich, fragte zudringlich.

«Was soll ich sagen», musste ich antworten, »das wird bei allen ähnlich sein. Am Anfang der Ehe, bevor das Kind kam, war es viel­leicht anders; vielleicht auch nur häufiger, ich weiß nicht. Das ist nicht bedeutend für unsere Beziehung, zumindest bestimmt nicht das Be­deutendste. Ich meine, das kann nicht der Grund für unsere Trennung sein. Aber natür­lich, es kann sein, dass sie gelitten hat. Bei dem Mädchen vom Nebenhaus war es ebenso, da war kein Unterschied, die gleichen Bewe­gungen, die gleichen Worte. Nur… mit dem Mädchen konnte ich danach reden. Ich wusste etwas zu sagen. Sie konnte zuhören.»

«Sei still», sagte Eismann. Ich schwieg er­leichtert, winkte dem Kellner, der schon seit geraumer Zeit in der Nähe wartete.Ich bezahlte für uns beide. Weißt du, ich fühlte mich verpflichtet, ihm ein anständiges Trinkgeld zu geben. Danach stellte ich fest, dass ich nur noch kleine Münzen in der Brieftasche hatte. Was ursprünglich drei Tage hätte reichen sollen, war durch dieses eine Abendessen bereits erschöpft. Eismann strich langsam das Hemd über seinem aufgedunsenen Bauch glatt und ich war erstaunt, dass die Knöpfe hielten. Mit einer liebevollen Bewegung berührte er seinen Unterleib, kratzte sich im Schritt. Dabei sah er mich mit einem Blick voller Selbstsicherheit und Begehrlichkeit an. Das war einer der seltenen klaren Augenblicke, die ich an diesem Abend hatte. Ich sah ihn so, wie er war, ich sah den alten, fetten und schmutzigen Mann, sah seine perversen Gelüste und seine Begierden.

Durch die Tür da hinten kamen ein paar Leute herein, eine Gruppe, die im großen Gas­traum keinen Platz mehr gefunden hatte. Eis­manns Blick wanderte erschöpft zu ihnen hin­über. Als sie ihn sahen, war es, als hätte sie je­mand mit kaltem Wasser begossen. Sie ver­harrten unschlüssig, abwartend. Schließlich machte eine den Anfang, sie trat kopfschüt­telnd wieder aus dem Raum. Die anderen folgten, zuletzt ein junger Mann, wi­derwillig, wie von unsichtbaren Fäden gezo­gen, sich vorsichtig umsehend.

Diese kurze Störung hatte Eismann geär­gert, aber als er sich wieder zu mir wandte, lächelte er, verzog sein zerstörtes Gesicht zu einer grauenvollen Maske, die mich an die Teufelsfratzen der Wasserspeier in gotischen Kirchen erinnerte. Ich habe auch als Kind nie Angst vor diesen steinernen Ungeheuern ge­habt, ich habe sie schon damals als zu über­trieben empfunden. Jetzt erkannte ich, dass es tatsächlich sein wahres Gesicht war.

Eismann hatte recht. Natürlich hatte ich Reiseschecks dabei. Sie waren in meinem Kof­fer, die Karte in der Innentasche meines Man­tels. Er behauptete, dass er Lokale kannte, wo die Schecks gegen eine geringe Gebühr akzep­tiert wurden. Er sagte, ich solle sie holen. Diesmal wartete er draußen vor dem Hotel. Als ich oben im meinem Zimmer war, fühlte ich mich von einer entsetzlichen Last befreit, fast glaubte ich, er hätte einen Fehler ge­macht. Aber als ich die Zimmertür fest schlie­ßen wollte, war ich unfähig, es zu tun. Kannst du das begreifen? Das Ganze war nur eine weitere Demonstration seiner Macht. Ich nahm mein Scheckheft und die Karte, steckte auch noch das Geld ein, das ich noch in einer anderen Hose hatte. Eismann hatte mich auch über diese Entfernung unter Kontrolle, zwar nicht vollständig, das merkte ich an der Ruckartigkeit meiner Bewegungen, aber ich gehorchte.

Wir gingen in mehrere Lokale und tranken, er viel Bier und ab und zu einen Weinbrand, ich trank Nicht-Alkoholisches, Apfelsaft in der Hauptsache. Eismann wollte, dass ich nüch­tern blieb. Wir waren in Ausschänken, in de­nen er kaum auffiel, heruntergekommenen Buden, die er vermutlich häufiger besuchte, da sich niemand über ihn oder auch seine Be­gleitung wunderte. In dem billigen Stehaus­schank, dem da unten, wenn man die Straße nach rechts hinunter geht, gegenüber vom Krankenhaus, dort fuhr mir eine stark ge­schminkte Frau sanft durch das Haar und sie lachte zusammen mit Eismann über meine schüchterne Reaktion.

Wir waren danach wieder auf der Straße, später. Da war Eismann schon betrunken, er wankte nicht, er ging nur noch ein wenig schwerfälliger. Auch seine Sprache war lang­samer, er schwitzte jetzt auch und sein San­delholzgeruch wurde stärker und süßer. Er stützte sich schwer gegen meine Schulter und flüsterte ein paar Zärtlichkeiten. Dann kam uns ein Paar entgegen, mit einem Kind, einem Jungen, der noch nicht in die Schule ging. Es war spät, gegen Mitternacht. Weißt du, ich dachte noch, um diese Zeit gehöre das Kind doch längst in sein Bett. Der Junge sah uns und erschrak wohl, denn er schrie; er blieb vor uns beiden stehen, stampfte mit dem Fü­ßen und schrie gellend. Das schmerzte in den Ohren und ich sagte hilflos ein paar Worte. Die Mutter kniete sich zu dem Kind herab, versuchte, es zu beruhigen. Der Vater ent­schuldigte sich stammelnd. Ich schob Eis­mann, der nicht eine Miene verzog, weiter. Ich hatte zu Recht Angst vor seiner Reaktion auf diese Belästigung. Denn, schau, als wir schon fast an den Leuten vorbei waren, be­wegte er sich plötzlich mit einer Wendigkeit, die ich ihm nicht mehr zugetraut hätte. Er machte einen schnellen Schritt auf den Vater zu, stieß die fassungslose Mutter mit dem Kind beiseite und schlug dem Mann mehr­mals fest mit der geballten Faust ins Gesicht, so lange, bis er zu Boden stürzte, dann trat er ihn. Ich wollte hinzuspringen, dieses Ungeheuer zurückreißen. Aber ich ver­harrte  schweigend. Ich war nicht fähig, mich zu bewegen! Ich sah, dass es der Frau so er­ging wie mir. Als der Mann nur noch wim­merte, ließ Eismann endlich von ihm ab. Er hängte sich wieder bei mir ein und wir schlenderten langsam weiter, ganz als wäre nichts geschehen. Irgendwann später, wir wa­ren ein paar Straßen gegangen, waren wir weit genug entfernt. Jetzt wich die Erstarrung der Frau: Ich hörte die Mutter verzweifelt und einsam um Hilfe schreien und das Kind krei­schen. Nur durch Eismanns Willen war es mir möglich, gerade weiterzugehen.

Dieser Ruf war noch in meinem Ohr, als wir in mein Hotel zurückkehrten. Dort hinten in meinem Kopf, an der Stelle, an der ich noch ich selbst war, dort wiederholte ich immer und immer wieder von neuem ein Gebet, das ich als Kind vor dem Einschlafen mit meiner Mutter gesprochen hatte. Ich wusste nur zu gut, dass mich nur mehr dieses Gebet vor dem endgültigen Verlust meiner Person be­wahrte. Und obwohl alles in mir sich nach diesem Vergessen sehnte, der gnädigen Um­armung der Besinnungslosigkeit, intonierte ich weiter den simplen Reim. Kannst du das verstehen?

Eismann verschloss hinter mir die Tür. Ich verharrte vor dem Bett und ich wusste genau, was jetzt auf mich zukam. Zu Eismann ge­hört, dass er mich nie im Ungewissen lässt. Er packte mich von hinten, drückte mich an sich, fest gegen seinen monströsen Körper und die Hände, mit denen er gerade einen Mann fast tot geschlagen hatte, begannen, mich fordernd zu streicheln. Er drehte mich herum, küsste mich gierig. Ich konnte die flinke Zunge, die ich vorhin im Restaurant bereits bewundert hatte, in meiner Mundhöhle spüren. Ein un­glaublicher Geschmack machte sich breit, ich würgte und jetzt übergab ich mich, die Reak­tionen des Ekels waren endlich stärker als sein Wille. Er stieß mich angewidert von sich und ich erbrach mich auf den Teppich. Ich ging endlich in die Knie, würgte so lange, bis ich nur noch bittergelben Schleim hervor­brachte.

Eismann saß auf dem Bett und wartete ge­duldig, bis ich mich beruhigt hatte. Er wirkte nicht einmal überrascht. Dann zog er sich aus und ich musste seinem Beispiel folgen. Nun war mein Magen leer und jetzt war ich gleich­gültig. Eismann griff mich zielstrebig und wir fielen nackt zurück auf das Bett. Er griff und leckte und ich erwiderte die grauenvollen Zärtlichkeiten mechanisch.

«Ich bin rein, ich bin klein, mein Herz ist rein, mein Jesulein, nur du sollst drinnen sein. Ich bin rein! Rein! Mein Gott.»

Es ist mir nicht möglich, dir alles zu erzäh­len, in mir sträubt sich etwas dagegen. Du weißt ja, Eismann ist unersättlich. Da ist so viel geschehen, so viele Gesichter und es ist noch keine Woche her. Ich hause mit Eismann in seiner dreckigen Wohnung, denn längst kann ich das Hotelzimmer nicht mehr bezah­len. Das wird so lange gehen, bis er meiner überdrüssig ist wie er deiner überdrüssig wurde … Das ist meine Hoffnung. Jetzt muss ich aber aufhören, zu erzählen, weißt du. Ver­steck dich besser, denn da kommt eben Eis­mann zurück, und wir werden jetzt Essen ge­hen.

Der Dienstagsroman (VII)

(Was bisher geschah: Der junge Missionar Martin Wolfenklau liegt in Singapur krank darnieder und kämpft mit den Geistern seiner Vergangenheit. Ein Fieberanfall führt ihn zurück zu seiner Vergangenheit in Niederbayern, in der alles begann. Der geheimnisvolle alter Xaver kommt auf den Bauernhof, den Martin allein mit seiner Mutter Magdalena bewohnt. Der ‘Einöder’ braucht die Hilfe von der erfahrenen Heilerin und Kräuterfrau. Er zwingt Martin dazu, das Verbot seiner Mutter zu übertreten und sie im Badehaus zu stören, in dem Seltsames vorgeht: Beim Verlassen des Bades wird er von dem Dorfpfarrer Emeran abgefangen und entdeckt einen geheimnisvollen Blutfleck an seinem Arm:)

Die Hand des Pfarrers griff nach oben, nahm geradezu zärtlich mit Zeigefinger und Daumen Martins Kinn, hob es an. Er schüttelte dabei sanftmütig lächelnd seinen Kopf, als habe er den jungen Mann bei einer lässlichen Sünde ertappt. Ganz dicht schob sich der Geistliche jetzt an Martin heran und der intensive Geruch nach Lavendelblüten verstärkte sich. Gleichzeitig aber schwamm eine weitere Duftnote in dem allzu üppig verwendeten Parfum. Etwas Fauliges, Unappetitliches kam Martin in die Nase und erzeugte ein Würgen in seinem Hals. Daher atmete er durch den Mund, das half ein wenig.

Emeran hielt seine Hand am Kinn, bis sein junges Gegenüber angewidert den Kopf zur Seite drehte. Hochwürden war ein untadeliger Diener des Herrn. Martin bewunderte dessen tiefe, beseelte Frömmigkeit und seinen Wissensreichtum bezüglich der Heiligen Schrift, aber trotzdem hatte er etwas an sich und das waren nicht nur seine Ausdünstungen, was den Jungen abstieß.

Frau Wolfenklau ist im Bad, nicht wahr? Ich muss sofort mit ihr sprechen, mein Junge, obgleich die Schrift verkündet: Niemand darf von den heiligen Gaben essen, außer er hat seinen Leib gebadet.“

Verflixt und zugenäht, was wollten denn an diesem Vormittag nur alle von seiner Mutter? Martin kannte Pfarrer Emerans Gewohnheit, fast jeden Satz mit einem Bibelzitat zu würzen; auch wenn manches nicht zu dem zu passen schien, was er so gelehrt von sich gab. Geduldig wartete er also, bis der Geistliche nach einem Stirnrunzeln „Levitikus, 22. Vers 6“ hinzugefügt hatte. Wie unabsichtlich trat er währenddessen zwei Schritte zurück und stand eisern mit dem Rücken zur Tür.

Ich darf sie nicht stören…“ Emeran jedoch nutzte die Gelegenheit, dass ihm der junge Mann nicht mehr auskommen konnte und nahm Martin beim Arm. Um so vieles anders war die Berührung dieser schweißnassen und weichen Hand verglichen mit dem kraftvollen Griff seiner Mutter.

Sag ihr, es sei wirklich dringend, mein Sohn.“ Martin wusste nicht, was er machen sollte. Er sah sich hilfesuchend nach Xaver um, doch der Alte war verschwunden. Lautlos, geradezu heimlich, wie vom Erdboden verschluckt. An der Stelle, an der er doch eben noch gestanden, saß die Katze Annerl, leckte sich eine Pfote und sah mit aufgestellten Ohren zu dem ungleichen Paar hinüber. Es stimmte schon, was die Leute aus dem Dorf raunten: Wo sich die Kirche befand, das war kein Xaver.

Der Pfarrer begann Martins Arm zu streicheln.

Der Gerechte gedeiht wie ein Palmbaum, schön wie eine Libanonzeder wächst er empor.“ Kunstpause, Emeran lächelte wie von sich selbst verzückt, und sein Ekel erregender Geruch drang trotz des angehaltenen Atems in Martins Nase. „Psalm 93. Vers 13.“

Als hätte er damit etwas bewiesen, den Bezug zur Zeder und ihr anstößiges Wachsen unterstreichen wollen, gab der Geistliche den jungen Mann endlich frei. Er griff in die Tasche seiner schwarzen Jacke, beförderte umständlich ein blütenweißes Stofftaschentuch ans Licht und wischte sich angelegentlich die Hände ab. Das Tuch war feinste Klöppelarbeit, die der katholische Landfrauenbund der Hl.-Kreuz-Kirche gespendet, um mit ihr die ebenso Heilige Monstranz gebührend heilig zu bedecken. Hochwürden Emeran fand jedoch, das Tuch stünde seiner fast heiligen Nase ebenso gut an.

Er wusch seine Hände und sprach: ‚Ich bin unschuldig am Blut dieses Gerechten.‘Matthäus 27, Vers 24. Und jetzt holst du deine Mutter. Hurtig, mein hübscher Engel, hurtig!“, erklärte er bestimmt. Martin wurde eine Entscheidung abgenommen: Hinter ihm trat Magdalena Wolfenklau aus dem Saustall und baute sich neben ihrem Sohn auf. Sie trug ihr Alltagsgewand, ein schlichtes, blaues Schürzenkleid, das an ihrer mageren, aber geraden Gestalt hing wie ein alter Kartoffelsack an einer Vogelscheuche. Ihr früh durch immensen Kummer ergrautes langes Haar trug sie zu einem Dutt geknotet, den jedoch ein einfaches rotes Kopftuch verbarg. Eisblaue, durchsichtige Augen ruhten verächtlich auf dem dicken Pfarrer, der sich unter diesem Blick duckte.

Man nimmt die Worte des Herrn nicht leichtfertig in den Mund, Emeran Zwarmbrunner: ‚Posaune nicht vor dir her, wie es die Heuchler auf den Straßen tun, damit sie gepriesen werden von den Menschen.‘ Matthäus 6, Vers 2.

Aus der Bibel zitieren: Das konnte sie fast noch besser als der Geistliche.

Was also suchst du hier? Vollmond ist in drei Tagen. Du bist zu früh!“ Als sie sprach, wurde ihre Nase spitz und weiß, erinnerte Martin an den Schnabel eines Falken, der auf sein Opfer herabstößt. Vorerst erklang vom Pfarrer aber nur ein schmatzendes, langanhaltendes Furzen, offenbar vermochte er seine Darmwinde wieder einmal nicht im Zaum zu halten.

Doch keinesfalls Scham! Emeran hatte einen wichtigen Auftrag: „Ich käme nicht, wenn es nicht dringend wäre“, bettelte er, „das Äquinoktium ist nah, hat seine Ehrwürdigste Exzellenz, der Erhabene Herr Erz…“

Schweig still!“, donnerte Magda mit einem raschen Seitenblick auf ihren Sohn, der aufmerksam lauschte.

Bua, hoasd koa Oarbeid ned? Hoasd scho de Goaß´n gmolken?“ Nahtlos verfiel Magdalena dem eigenen Sohn gegenüber in die heimatliche Sprache des Briggidoi. Für einen kurzen Moment wollte Martin protestieren, aber dann ging er gehorsam quer über den Hof zum Stall.

Die ‚Exzellenz‘ muss sich noch gedulden. Drei Tage, nicht eher…“, vernahm er noch, dann trat er in den Stall. Der herbe Gestank der Ziegen war ihm nach Emerans Ausdünstungen wie Weihrauch und Myrrhe. Martin holte einen Blecheimer und den Melkschemel. Er wunderte sich ein wenig, dass ihm Annerl nicht wie sonst in der Hoffnung, etwas von der warmen Milch abzubekommen, in den Stall gefolgt war. Seltsam, die Katze war doch sonst geradezu wild auf die gesunde Geißenmilch. Er klopfte Zenta, seiner Lieblingziege, auf den Hintern. Das Wort Arsch auch nur zu denken, verbot ihm Mutters Erziehung. Dabei fiel ihm auf, dass der Blutfleck auf seinem Arm verschwunden war. Wie um alles um der Welt war solches möglich, er hatte doch nicht gewischt? Er setzte sich auf den Schemel und sah nachdenklich zur angelehnten Stalltür.

Was hatte seine Mutter mit dem fetten Pfarrer zu bereden und was machte sie in voller Wirklichkeit wahrhaftig jeden Morgen in ihrer Badstube? Die Neugierde, die der Xaver in ihm geweckt, stach ihn erneut. Martin entschied bei sich: Wenn seine Mutter später hinauf zum Hof des alten Einsiedlers stieg, um dessen Kuh beim Kalben zu helfen, würde er sich den alten Saustall näher ansehen.

Er war ja nicht dumm: Hier ging etwas vor, das ihm ganz und gar nicht gefiel. Doch er würde herausfinden, was es war.

Ende des 2. Kapitels

(Fortsetzung folgt nicht…)

 

Der Dienstagsroman (VI)

(Was bisher geschah: Der junge Missionar Martin Wolfenklau liegt in wilden Fieberträumen in einem schäbigen Zimmer in Singapur und kämpft mit den Geistern seiner Vergangenheit. Die ehemalige Prostituierte Parbati, mit der er gemeinsam vor der grausamen Gräfin aus dem Rimbu geflohen ist, pflegt ihn aufopfernd. Er versucht, die Frau, die er liebt, vor der mörderischen Gräfin zu warnen, als ihn ein erneuter Fieberanfall zurückführt zu seiner Vergangenheit in Niederbayern, in der alles begann. Der geheimnisvolle alter Xaver kommt auf den Bauernhof, den Martin allein mit seiner Mutter Magdalena bewohnt. Der ‘Einöder’ braucht die Hilfe von der erfahrenen Heilerin und Kräuterfrau. Er zwingt Martin dazu, das Verbot seiner Mutter zu übertreten und sie im Badehaus zu stören:)

Martin war nicht wohl dabei, seine Mutter zu stören. Er schreckte vor der einfachen Tür zurück, von deren rissigen Brettern die weiße Farbe abblätterte und hinter der sie ihr Alleinsein verbarg. Einmal noch sah er zu dem seltsamen Kauz Xaver hinüber. Der Alte betrachtete nun gleichmütig die Flugkünste der letzten, späten Mauersegler über dem Haus, während er wie ein witternder Fährtenhund seine knollige Nase gegen den wehenden Wind hielt.  Annerl, die Katze, pirschte sich an ihn heran; ihr Bauch berührte fast den Boden, der aufgeregt zuckende Schwanz war dick und buschig. Es musste also sein, Xaver würde den Hof  nicht ohne Martins Mutter verlassen.

Der junge Mann drückte die Klinke hinunter, vergeblich. Freilich war die Tür von innen verschlossen, Martin hatte es  nicht anders erwartet.

Muata, dea Xaver war do! Ea brauchad dei Helf zwengs dem Lieserl sei Kaibi!“ Für sich selbst unbemerkt verfiel er wie immer, wenn er mit seiner Mutter sprach, in die Sprache seiner Heimat. Er klopfte behutsam und lauschte. Kein Geräusch drang von drinnen zu ihm ins Freie.

Muata, des war fei scho pressant!“ Er pochte erneut ans Holz, kräftiger diesmal. Nichts, kein Laut, kein sich Regen. Martin zuckte mit den Schultern, nahm entschlossen den großen Hausbund aus seiner speckigen Lederhose. An ihm hing ein zweiter Schlüssel zum Badhaus.

Du, i kimm jedzd eina!“ rief er lauthals und schloss so lärmend wie er nur konnte auf, öffnete die Tür und polterte mit seinen genagelten Stiefeln über die Schwelle in das Dämmerlicht. Martin hatte noch keine zwei Schritte getan, da tappte er gegen einen schweren, bodenlangen Vorhang, der den hinteren Bereich des alten Schweinestalls vor Zugluft und neugierigen Blicken verbarg. So war ein kleiner Vorraum geschaffen, auf dessen blanken Bodenfliesen fein säuberlich die rohen Holzpantoffeln von Magdalena Wolfenklau standen. So sehr Martin auch die Ohren aufstellte, war außer seinem eigenen Herzschlag, der in seinen Schläfen pochte, nichts zu hören. Er hob die Arme und suchte vor sich den Spalt, an dem sich die beiden Hälften des Vorhangs aus grauem Eselsleder überlappten. Seine forschende Rechte fand auch die Öffnung – und er wurde mit fester Hand am Unterarm gepackt, als würde ihn eine Kreuzotter beißen!

Martin zuckte zusammen, wollte sich erschrocken aus der schmerzhaften Umklammerung winden, da vernahm er die Stimme seiner Mutter. Sie war es, deren Hand ihn durch den Spalt, aus dem nun schwache Lichtstrahlen in den Vorraum fielen, eisern gepackt hielt:

Bua! Bleib stehn, auf da Stell! Wag es nua, dass davo rennsd!“

Martin gehorchte sofort. Magda war eine strenge Frau, aber so drohend und ärgerlich hatte ihre Stimme noch nie geklungen; auch nicht bei der gewaltigen Standpauke vor einigen Jahren, als er eines Abends seine tägliche Pflicht vernachlässigte und versäumte, die Hühner in den Stall zu treiben, weil er sich lieber heimlich unten am Waldrand bei den Schleierfällen mit seiner großen Liebe Annamirl Ödbichler traf, der blonden Tochter des Bürgermeisters. Durch seine übergroße Schuld hatte der Fuchs sich damals die beste Legehenne genommen. „Dea Xaver… Muata… ’s Lieserl“, stotterte er.

I woaß, hob di scho gheard, Warsd ja laut gnua“, erwiderte Magda durch den Vorhangspalt, durch den sie nur ihren einen nackten Arm streckte und weiterhin ihren Sohn bestimmt und mit der Gewalt eines Mannes hielt. Einer Kraft, die ihr Martin bisher nicht zugetraut.

Und jedza gehsd. Sog dem Xaver, i kimm glei.“ Sie ließ den Martin überraschend frei und ihr Arm verschwand hinter der Lederwand. Der Junge taumelte vom Griff befreit rückwärts durch die Tür und stolperte gegen die untersetzte von Emeran Zwarmbrunner, dem Gemeindepfarrer, der in eine Lavendelduftwolke gehüllt in seinem Rücken urplötzlich erschienen war. So kräftig war der Stoß, dass sich der fette Geistliche fast in den Kies gesetzt hätte, wenn er sich nicht gedankenschnell an Martins Hosenträgern festgehalten hätte. Flink war er ja, der Hohe Herr, schließlich war sein Steckenpferd die Jagd auf die kapriziösen bunten Schmetterlinge der heimatlichen Wiesen und Gärten.

Mein süßes Jesulein“, näselte Emeran mit hoher Kastratenstimme, die rosigen Lippen gespitzt, „bist mir ja ein ganz stürmischer Bub.“ Er kicherte und seine Augen verwandelten sich in schmale Schlitze.

Martin drehte sich eilig auf der Stelle und schloss dabei hinter sich die Tür zur Badstube, denn er sah die begierig funkelnden Augen des Geistlichen, die Hochwürden ertappt nach unten senkte. Martin schaute, wie der Pfarrer überrascht den Mund öffnete und sah an sich herab, auf seinen rechten Unterarm, auf dem nun Emerans verwunderter Blick ruhte: Sein Arm, den Mutter eben noch wie ein Schraubstock gehalten. Martins Augen weiteten sich, ein dunkelroter, feuchter Fingerabdruck!

Wo kam der jetzt her? Himmel, Herrgott, war das etwa Blut?

 (Fortsetzung folgt…)

Der Dienstagsroman (V)

(Was bisher geschah: Der junge Missionar Martin Wolfenklau liegt in wilden Fieberträumen in einem schäbigen Zimmer in Singapur und kämpft mit den Geistern seiner Vergangenheit. Die ehemalige Prostituierte Parbati, mit der er gemeinsam vor der grausamen Gräfin aus dem Rimbu geflohen ist, pflegt ihn aufopfernd. Er versucht, die Frau, die er liebt, vor der mörderischen Gräfin zu warnen, als ihn ein erneuter Fieberanfall zurückführt zu seiner Vergangenheit in Niederbayern, in der alles begann. Der geheimnisvolle alter Xaver kommt auf den Bauernhof, den Martin allein mit seiner Mutter bewohnt. Der ‚Einöder‘ braucht Hilfe:)

„Was ist, Bub, träumst?“

Martin nahm dem Waldbauern den „Bub“ nicht übel, obwohl er erst Ende Julei die Abiturprüfung mit Auszeichnung abgelegt hatte und bei Tag und Nacht überlegte, welches Studium er denn ergreifen sollte. Es zog ihn zum Weinbau in die Wachau oder gleich ins ferne Land, ins Fränkische. Dabei wollte er in der niederbayerischen Heimat in der Nähe seiner Mutter bleiben und hier wuchs nur der Hopfen.

„Nein, Xaver, ich träume keineswegs.“ Er warf einen Blick, der seine Worte Lügen strafte, auf den bärtigen Einsiedler. Der junge Mann hatte sich schon oft gewundert, warum immer ein Dutzend Bienen um dessen silbergraues Haar summten und sich sogar ruhig darauf niederließen, ohne dass es den Alten im Geringsten zu stören schien. So war es auch heute. Irgendwann würde der Xaver noch mit einem bebrüteten Vogelnest auf dem Kopf im Dorf auftauchen. Der Einödler suchte die kleine Ansiedlung allerdings nur in den dringendsten Fällen auf, wenn er mal wieder Einweckgummis für die Marmeladengläser brauchte, Bleistifte nebst selbstklebende Zettel oder neue Kupferrohre für seine Brennblase, mit deren Hilfe er in der Abgeschiedenheit seiner Hütte seinen hochprozentigen Bärwurz fertigte.

Bärwurz, meum athamaticum, das ist eine wundersame Wurzel, nächtlich bei Neumond durch den Xaver vom Grabe einer unberührten Jungfrau gepflückt – schwierig, immer schwieriger geworden, solch ein Grab oder auch nur eine Jungfrau in Niederbayern zu finden –, versehen mit einem unnachahmlichen Aasgeschmack, Zeichen seiner jeden anderen Trunk übertreffenden Heilkraft. Xavers Bärwurz war nicht zu vergleichen mit dem Industrieprodukt gleichen Namens, mit dem gewissenlose Destillen die Bayerische Heimat überschwemmen und für Irritationen unter den Kurgästen sorgen.

Der Einödler hätte mit seinem Zaubertrank reich werden können, wenn ihm etwas am Gelde gelegen wäre. Von weit her, selbst aus dem Welschland und dem Böhmischen, kamen Sieche zu ihm hinauf gepilgert, um eine Flasche seines legendären Bärwurzes zu erwerben. Doch nur in besonderen Fällen gab er aus: Meist schickte er die Bittenden mit leeren Händen heim oder verwies sie an Magda, Martins Mutter, die gegen eine kleine Spende mit ihren Kräutern und ihren Händen so manches Leid lindern, ja heilen konnte.

Es stimmte schon: Der Xaver fand noch Jungfrauen und konnte es darüber hinaus mit allen Tieren – wenn man mal von der alten Annerl absah: Die Katze mied ihn wie der Teufel das Weihwasser.

„Schau, Xaver, du weißt eh, die Mutter hat mir verboten, sie zu stören, während sie im Badhaus weilt. Und das gilt für jeden. Wirst dich schon gedulden müssen“, erläuterte der Sohn geduldig.

„Martel, glaub mir, ich weiß genau, was die Magda im Badhaus treibt. Aber a kranke Kuh ist wichtiger als ihre Wasch, und sei´s selbst von der schlimmsten Sünd!“

Der junge Mann blickte verwirrt zur verriegelten Tür des alten, von Fliesenleger und Spengler des Dorfes zu einem einfachen Badehaus umgestalteten Saustalls. Wusste der Xaver wirklich, was seine Mutter jeden Morgen nach dem kargen Morgenbrot tat, wenn sie sich in dem Umbau für eine Stunde einschloss? Das konnte nicht sein. Martin selbst besaß nicht die geringste Ahnung, wagte auch nicht, sich gegen das Verbot zu versündigen. Niemals hätte versucht, einen Blick durch die zersplitterten und erblindeten Gitterfenster zu werfen, zwischen denen zu dieser Jahreszeit, im noch warmen Frühherbst, viele fette Spinnen ihre Fallen woben. Selbst wenn er auf Befehl der Mutter eine der Kreuzspinnen fing oder vorsichtig  eines ihrer zarten, klebrigen Netze löste, und die Arachnide oder ihre Spinnseide vorsichtig in der Höhlung seiner Hände barg, um sie an den Kräutertisch im Mostkeller zu bringen, machte er keine neugierigen Augen. Und er war schließlich hier zuhause. Der Saustall war Mutters Refugium; Martin respektierte das.

Was er jedoch nicht ahnen konnte, war, dass der alte Mann selbst zu dem Umbau geraten hatte: „Wasser wäscht mit den Jahren jeden Schmutz ab, Magda, auch den einer mit Unrat beworfenen Seele.“

„Nun lauf schon, Martel, dem Lieserl liegt´s Kalb verkehrt herum, die stirbt, wenn´s nicht bald die Händ von deiner Mutter zu spüren kriegt. Gehst jetzt endlich!“, drängte der Alte.

Sinnend sah er dem „Bub“ hinterher, der gehorsam folgte, wog dabei bedächtig seinen mächtigen Bart, aus dem verwundert ein paar fette Hummeln fielen. Auf einmal stand Xaver starr, nur sein Haupt wandte sich zu der Katze Annerl, die ihn noch immer wütend aus ihrem Versteck unter der wilden Rose beobachtete.  Seine buschigen Augenbrauen senkten sich und er kreuzte seinen eindringlichen Blick mit dem des Tieres.

„Noch hast drei Leben, Annerl. Verspiel sie nicht“, murmelte er nur für die Katze und ihn selbst vernehmbar. Dann seufzte der Xaver, obwohl er es zufrieden war. Das Spiel war eröffnet, er hatte den ersten Zug getan.

(…Fortsetzung folgt)

Der Dienstagsroman (IV)

(Was bisher geschah: Der junge Missionar Martin Wolfenklau liegt in wilden Fieberträumen in einem schäbigen Zimmer in Singapur und kämpft mit den Geistern seiner Vergangenheit. Die ehemalige Prostituierte Parbati, mit der er gemeinsam vor der grausamen Gräfin aus dem Rimbu geflohen ist, pflegt ihn aufopfernd. Er versucht, die Frau, die er liebt, vor der mörderischen Gräfin zu warnen, aber ein erneuter Fieberanfall schleudert ihn zurück zu seiner Vergangenheit in Niederbayern, in der alles begann:)

2.  Das blutrote Mal

An diesem Morgen stand Martin Wolfenklau vor dem alten Vierseithof, der malerisch auf einem sanften Hügel über dem Briggidoi, dem Tal der Vilz, thronte. Der hoch und gerade gewachsene Jüngling, dem einige der Mädchen im Dorf schmachtende Blicke und lüsterne Gedanken hinterherwarfen – ohne dass sein reines Herz dies im Mindesten bemerkte – hatte gerade die späte Herbstsonne beim Erklimmen der Baumwipfel beobachtet: Sie mühte sich ab, den dichten Dunst über den abgeernteten Feldern zu vertreiben. Vielleicht würde es ihrer Wärme, die nun wie verliebt sein ebenmäßiges und edel geformtes Antlitz streichelte, gelingen, auch noch die letzten Nebelfetzen in den Wald zu scheuchen. Ja, so wäre heute ein guter Tag, die dampfende schwarze Erde im großen Garten hinter dem Hauptgebäude umzugraben, den seine Mutter zum Anbau von Stauden und Kräutern nutzte, die alle mit Heilkraft gesegnet waren. Selbstvergessen beugte sich Martin zu seiner alten, schwarz-weiß gefleckten Katze herab, die ihm träge um die Beine strich. Sein nachtschwarzes Haar fiel ihm dabei mutwillig in die Stirn.

Na, Annerl“, raunte er dem schnurrenden Tier zu, während er es im Nacken kraulte, „war die Mäusejagd erfolgreich heute Nacht?“ So weit sich Martin in seine Kindheit zurück erinnern konnte, war die hochbetagte, aber noch immer erstaunlich lebhafte Katze erfolgreich mit der Ratten- und Mäusebekämpfung auf dem Hof und in den Scheunen beschäftigt gewesen. Dieser Methusalem unter den Leisetretern musste mindestens schon sechzehn, siebzehn Jahre alt sein und war Martin ein unverzichtbarer Bestandteil seines Lebens. Undenkbar war ihm der vielleicht nicht mehr allzu ferne Morgen, an dem sie ihn nicht maunzend begrüßen würde, mit hoch erhobenem Schwanz aus einem Versteck im Heustadel kommend.

Martel, ich muss deine Mutter sprechen. Das Lieserl, meine Kuh, ist krank und braucht ihre heiligen Hände.“

Martin zuckte zusammen, denn er hatte das Nähertreten des Waldbauern nicht gehört. Das war weiter kein Wunder. Niemand sah oder hörte den silberhaarigen Xaver, wenn der es nicht wollte. Die Leute im Dorf erzählten sich, der Einödbauer wäre in der Lage, sich einem äsenden Reh nähern, ohne von dem scheuen Tier bemerkt zu werden. Ja, man munkelte sogar, der verschrobene Kauz könne das Wild berühren – es würde nicht flüchten oder auch nur ängstlich zittern. „Der Xaver ist Druide, der kennt sich aus“, sagten die Leute im Dorf und auch auf den abgelegenen Höfen, und einige von ihnen schlugen dabei verstohlen ein Kreuz oder machten eine schnelle Handbewegung gegen den bösen Blick.

Auch die Katze schien ihn erst jetzt zu bemerken. Mit dickem Schwanz und verärgertem Fauchen flitzte sie sogleich unter die nahe, üppig blühende Kletterrose, die sich an den rohen Balken des vorderen Stalls festklammerte. Von dort funkelte sie den Xaver, der ihr ohnehin keine Beachtung schenkte, mit gelbleuchtenden, verärgerten Augen an.

Angeregt durch schaurige Märchen, die Martin heimlich des Nachts im Schein einer Taschenlampe unter der Bettdecke las, fragte er als Kind seine strenge Mutter einmal, ob der alte Xaver denn mit dem Satan im Bunde stehe. Selten hatte der Junge seine Mutter so ärgerlich erlebt und musste damalsfür einen Moment gar befürchten, sie würde ihm eine Ohrfeige geben. Aber dann strich ihre im Zorn erhobene Hand nur sanft und erschöpft eine widerspenstige Haarsträhne aus seinem erschreckten Gesicht.

Der Xaver ist ein frommer Mann, er besitzt noch das alte Wissen. Der braucht diese Kirche nicht, nein, wahrhaft nicht!“

Selbst als Kind, das er war, hatte Martin sich über die merkwürdige Betonung von „braucht diese Kirche nicht“ gewundert – schließlich kam der Pfarrer Emeran pünktlich an jedem Monatsersten zu Besuch und blieb mindestens eine Stunde in intimem Gespräch mit der Mutter. Er saß dann gewichtig in der guten Stube, den Obstkuchen mit den fetten Butterstreuseln genießend, den die Mutter allein für Hochwürden buk. Der Pfarrer war in Martins Kinderaugen nicht solch ein unheimlicher Geselle wie der Xaver, sondern ein lammfrommer, sanfter, möglicherweise sogar heiliger Mann, der, wahrscheinlich in ein inniges Gespräch mit dem Herrgott vertieft, beständig leise murmelnd die Lippen bewegte, welche er dabei mit einer himbeerroten Zungenspitze befeuchtete. Dafür hatte ihn der Herr mit dem Martyrium eines nervösen Reizdarms gesegnet, dessen windige Auswirkungen sein leises Gebet und manchmal sogar die Angstpfeife der Orgel der Hl.-Kreuz-Kirche, die sich durch eine besondere Akustik auszeichnete, übertönten, auch wenn Hochwürden immer versuchte, seine Flatulenz mit einer knarzenden Holzbohle zu seinen Füßen zu verbergen.

Der Xaver allerdings, den Martin noch nie des Sonntags in der Messe gesehen hatte, erschien noch häufiger als Hochwürden Emeran und absichtlich immer nur, wenn dieser nicht in der Nähe war – er „könne ihn schlichtweg nicht riechen.“ Der Einsiedler brachte Wurzeln, Blätter und Beeren, manchmal auch die Leber oder das Herz eines toten Tieres, eingelegt  in mit Bärwurzschnaps gefüllten Marmeladegläsern. Aus all diesen guten Sachen rührte anschließend seine Mutter genau solch heilsame Salben wie die aus Stauden und Kräutern des eigenen Gartens.

(…Fortsetzung folgt!)

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