Aber ein Traum …

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren – Teil 3 (Leseprobe)

Heute ist der Todestag des Weimarer Geheimrats, dessen Haus am Frauenplan auf dem Foto zu sehen ist. Aus diesem Anlass gibt es einen Ausschnitt aus dem 3. Teil meiner „Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren“, in dem E. A. Poe und sein Freund C. Auguste Du­pin versuchen, Goethes Ermordung zu verhindern. Viel Vergnügen!

 


Mit solchem Rätselkram verschone mich!
Und kurz und gut: was solls? Erkläre dich!’
Goethe, Faust II

Die Zufalls-Theorie oder, wie die Mathemati­ker sie exakter benennen, die Wahrschein­lichkeits-Rechnung, hat eine bemerkenswert­e Eigenthümlichkeit an sich: Ihre Richtigkeit im Allgemeinen steht in direkter Proporti­on zu ih­rer Unrichtigkeit im Besonderen. Und was an Ge­heimnisvollem auch den ruhigsten Denker gele­gentlich mit einem vagen, den Schrecken weckenden Halbglauben an das Übernatürliche durchschauert, ist trotz offensichtlichem Wundercharakter oft nicht mehr als ein Zusammenkommen bloszer Zu­fälle, die im Kleinen doch Beweis sind für das vom Herrn Ber­noulli formulierte Theorem der groszen Zahlen. Des­halb muss ein präziser, mit klarem Ver­stande begabter Mann namentlich in den Dingen der Logik immer auch das Unwahrscheinlichste und Absurdeste in Rechnung stellen und den gröszten Teil der Wahrheit wird er aus dem scheinbar Irre­levanten gewinnen.

An einem recht sturmwindigen Abend Anfangs März des Jahres 1832 kehrte ich im Auftrage des New Yor­ker Mercury nach Paris zurück, um dem amerikani­schen Publikum in einer Artikelserie von dem neuen Frankreich unter Louis Philippe Mittei­lung zu ma­chen. Freilich führte mich mein erster Weg nicht zur Dependance der Wochenzeitung in der Rue de Vermi­celle, sondern zu meinem alten Freund C. Auguste Du­pin, den ich, wie ich erwartet hatte, in seiner kleinen, nach hinten hinaus gelege­nen Bibliothek, au troisiè­me, No. 33, Rue Dunôt, Fau­bourg St. Germain antraf. Da ich ihn von meiner Ankunft nicht benachrichtigt hatte, erwartete ich, ihn beim zwiefachen Genusse ei­ner Meditation und einer Meerschaumpfeife zu über­raschen.

Zu meinem nicht geringen Verstaunen traf ich ihn jedoch bei den Vorbereitungen zu einer Reise an, die ihn, nach der Grösze des Schrankkoffers zu urteilen, in dem er seine Bücher verstaute, mindestens bis zur In­sel Sumatra führen musste. „Ah, Edgar, da sind Sie ja endlich! Ich habe Ihre Ankunft schon für heute Nach­mittag erwartet. Die Post wurde wohl aufgrund des Wetters aufgehalten?“, rief Dupin seltsam erregt aus und umarmte mich so flüchtig, als hätten wir uns nicht vor Jahren, sondern erst vor Stunden getrennt.

„Aber Dupin“, erwiderte ich ernstlich verstaunt, „dies geht über mein Begreifen. Ich stehe nicht an zu sagen, dass ich bestürzt bin, und mag meinen Sinnen kaum trauen. Wie war es möglich – wie konnten Sie von meiner Ankunft wissen?“ Hier hielt ich inne und musterte ihn scharf. Erneut war es ihm gelungen, mich mit seiner analytischen Begabung zu überra­schen. Er lächelte mich freundlich an; er schien wie früher ein ausgesprochenes Vergnügen an ihrer Übung – wenn nicht gar ihrer pomphaften Zurschaustellung – zu finden.

„Nicht jetzt“, hob er abwehrend die Hand, „wir wer­den in den nächsten Tagen zur Genüge Gelegenheiten finden, uns auszutauschen. Und ich will nicht zurück­stehen, Ihnen zu sagen, wie sehr ich mich darüber freue. Aber nun drängt uns Wichtigeres!“ Er griff in seine weinrote Hausjacke. Obgleich Dupin durch die Affaire um den stibitzten königlichen Brief zu einigem Wohlstand gelangt war, hatte er sich noch immer nicht von diesem fadenscheinigen und häszlichen Kleidungsstück trennen können, in dessen unergründ­lichen Taschen er den gröszten Teil seines Hausrates aufbewahrte. Und wirklich beförderte er nach kurzer Suche einen Brief zu Tage, den er mir überreichte. „Es steht mir fern, dramatisch klingen zu wollen, aber es geht für dieses Mal wohl um Leben und Tod. Deshalb finden Sie mich auch in einer aufgelösten und Ihnen noch nicht angemessen erscheinenden Eile. Aber lesen Sie selbst, mein lieber Edgar, lesen und urteilen Sie“, drängte er mich. Ich öffnete den Brief, der nur aus ei­nem einzigen Blatt bestand und erstaunte mich über den Absender:

‚treu angehörig – Weimar am Freitag den 17. Febru­ar 1832 – J. W. v. Goethe’, las ich auf Deutsch am Ende der Seite in einer unruhigen, aber gut leserlichen Handschrift.

„Goethe? Dupin, Sie überraschen mich aufs Neue. Sie befinden sich im Briefwechsel mit dem Deutschen Dichterfürsten!“

„Nun, der alte monsieur conseiller ist ein fleißiger Briefeschreiber“, erwiderte Dupin ruhig, während er erneut das Kofferpacken aufnahm. “Zumalen er seine correspondence schon seit Jahren seinem Sekretär John diktiert. Obgleich meine Wenigkeit ebenfalls eine dichterische Ader pochen fühlt, ist es doch eher die ge­meinsame Liebe zur Wissenschaft, die unseren Gedan­kenaustausch förderte.“ Ich nickte verwirrt. Wie we­nig wusste ich von diesem Menschen, mit dem ich während meines ersten Parisaufenthalts die Wohnung geteilt hatte und der zu den wenigen Freunden zählte, die ich auf der Welt hatte. Umso mehr interessierte mich daher, welcher Natur der Briefwechsel zwischen Dupin und Goethe war. Ich öffnete also erneut das Blatt und las:

‚Nach einer langen unwillkürlichen Pause habe ich auf Ihr sehr wertes Schreiben, mein Teuerster, wahr­haftest zu erwidern, dass ich in unsrer gemeinsamen Sache einige Fortschritte getan.

Wir sind einig, Dupin, es war nicht Schillers Sache, mit einer gewissen Bewusstlosigkeit und gleichsam in­stinktmäßig zu verfahren, vielmehr musste er mit mir über jedes, was er tat, reflektieren; woher es auch kam, dass er über seine Ideen nicht unterlassen konn­te, sehr viel hin und her zu reden, so dass er alle seine Stücke mit mir durchgesprochen hat. Dies gilt auch für die von Ihnen in Erwähnung gebrachte abge­brochne Erzählung, die in der Tat, wesgleichen Sie in­sistierten, auf einem Zeitungsbericht beruhte, der Schillern in Jena um 1790 begegnete.

Es ist ein eignes Ding mit der Erinnerung, sie erwei­set sich wie ein neckisches junges Mädchen, das uns durch tausend Reize anlockt, aber in dem Augenblick, wo wir es fassen und zu besitzen glauben, unseren Ar­men doch wieder entschlüpft. Ich teilte Ihnen noch in meinem letzten Briefe mit, ich hätte kein Gedächtnis von der Geschichte und ihrer Fortsetzung, so wenig als ich vom Abschluss der Geisterseher wüsste – habe mich jedoch geirrt. Tatsächlich ist mir bei einer Durchsicht meiner grenzenlosen Papiere der Name der Gräfin wieder eingefallen und ich weiß plötzlich auch erneut ob der Mutmaszungen, die Schiller um den ge­waltsamen Tod ihrer Ehegatten angestellt und wen er dieser ruchlosen Taten verdächtig machte.

Verzeihen Sie, Dupin, einem alten Manne, wenn sei­ne Erinnerungen ein wenig sprunghaft erscheinen; verzeihen Sie ihm abermalen, wenn er einer Grille, die ihm durchs Gehirn lief, nachging und in seinen Akten ein wenig Polizeicommissar spielte; denn der Mensch will immer tätig sein und kann und soll seine Eigen­schaften weder ablegen noch verleugnen. Gar selten tut er sich selbst genug, desto tröstender ist es, andern genug getan zu haben:

Daher darf ich Ihnen die Mitteilung weiterreichen, die verwitwete Gräfin Bianca von Hohenlohe – da steht nun endlich ihr Name –, lebe noch und erfreue sich guter Gesundheit. Sie habe sich nach dem so tragischen wie rätselhaften Tode ihres vierten Gatten nicht mehr verheiratet und lebe von der Welt geschie­den auf dem Gute ihres sel. Vaters, des Grafen Lu­dewig von Metzenstein, im Thüringischen. Bei einem unserer wöchentlichen Treffen gelang es mir nun, die Groszherzogin Maria Pawlowna zu bereden, die Grä­fin zum Frühlingsfest an den Hof zu laden. Ich bin überzeugt, aus dem Munde der Hauptperson Näheres über unseren Fall und darüber zu erfahren, ob denn Schillern mit seiner Verdächtigung betreffs der Morde recht dachte oder ob es ihm an den Kräften fehlte, die eigenthümlichen und wahren Motive zu finden.

Verzeihung diesem verspäteten Blatte! Ohngeachtet meiner Abgeschlossenheit findet sich selten eine Stun­de, wo man sich die Geheimnisse des Lebens vergegen­wärtigen mag.

treu angehörig – Weimar am Freitag den 17. Februar 1832 – J. W. v. Goethe’

Ich legte das wertvolle Papier vorsichtig auf den Bü­chertisch. „Ein interessanter Brief, Dupin, in der Tat! Auch wenn ich nicht behaupten kann, alles verstan­den zu haben. Aber aus welchem Grund meinen Sie denn, es ginge hier um Leben und Tod? Und weshalb packen Sie? Sie fahren doch wohl nicht nach Deutsch­land -“

„- direkten Wegs ins Groszherzogtum von Sachsen-Weimar-Eisenach, an den Frauenplan zu Weimar, zu dem Herrn Geheimen Rat Goethe, um explizit zu sein. Ich habe eine Privatpost abonniert, die uns noch heu­te Nacht gen Frankfurt befördert. Ach, was gäbe ich für eine Personenbahn, wie sie eben zwischen Man­chester und Liverpool eröffnet wurde. Die Zeit läuft uns davon! Wenn ich den Brief nur eher bekommen hätte!“ Mit diesen zornigen Worten warf mein Freund ein letztes Buch in seinen Koffer und schloss ihn mit Nachdruck. Nun erst sah er auf und mein Erstaunen. Er seufzte leise und kramte aus der abgründigen Ja­ckentasche seine Uhr hervor. Dann setzte er sich in seinen Ohrensessel und wies auf meinen Platz ihm ge­genüber, der mir nicht danach aussah, als habe ihn Dupin in den Jahren, in denen ich ihn nicht mehr beansprucht hatte, jemals verrutscht. Und während ich mich ebenfalls setzte, war mir, als wäre ich in der Zeit zurückgegangen zu jenen Abenden, an denen wir hier nur mit der Hilfe der Verstandeskraft – Dupins, versteht sich – die rätselhaftesten Verbrechen aufzu­klären vermochten. „Einige Minuten werden uns noch bleiben, teurer Edgar. Sie haben doch, wie ich vermu­te, Ihr Gepäck noch bei sich“, sagte Dupin und führte mich zurück in die Gegenwart dieses unfreundlichen Märzabends. Wie immer blätterte er in meinen Ge­danken wie in einem geöffneten Buche.

„Da ich direkten Weges von der Kutsche zu Ihnen eilte – ließ ich die Koffer unten bei der Concierge un­terstellen – hoffte ich doch wieder bei Ihnen Wohnung und Logis zu finden. Aber ist denn der Herr von Goe­the krank? Sein Brief rechtfertigt ein solches Vermu­ten nicht.“

„Nach dem plötzlichen Tode seines Sohnes August vor zwei Jahren in Rom schien es schon mit ihm zu Ende zu gehen, aber nun erfreut sich der Geheimrat – soweit mir bekannt – wieder einer für sein hohes Al­ter ordentlichen Gesundheit; wenngleich mir sein Herz angegriffen erscheint. Er meidet Tod und Leiden jedoch wie der Teufel das Weihwasser. Nach seinem Brief muss ich allerdings besorgen, dass er sich eben jenen ins Haus geholt hat.“

„Sie sprechen von der Witwe, Dupin, jener Gräfin zu Hohenloh“, vermutete ich.

„Oder von ihrem Umfeld – wir wollen da keine vorei­ligen Schlüsse ziehen. Die objektive Tatsache ist nun: Diese wahrhaft ‚schwarze Witwe‘ hat alle ihre Ehe­männer überlebt und jeder von ihnen wurde aufs Grausamste ermordet.“ Dupin legte wie in einem Ge­bet die Finger aneinander und hob sie an seine Lip­pen. Er genoss diese dramatischen Pausen. „Ja, ich fürchte auf das Schlimmste“, folgerte er dann besorgt und schien gewillt, weitere Mitteilungen zu machen. In diesem Moment wurde er jedoch in seinen interes­santen Ausführungen von der Concierge gestört, die an die Tür der Lesestube klopfte und die Ankunft der bestellten Extrapost meldete. Dupin sprang auf.

„Die Gräfin wird zum Frühlingsfest in Weimar er­wartet. Folglich müssen wir unbedingt vor ihr beim alten Goethen sein“, rief er. „Helfen Sie mir mit mei­nem Koffer, Edgar? Was stehen Sie denn da herum? So kommen Sie, jede Minute ist kostbar. Hätten Sie sich nicht verspätet, könnten wir morgen früh schon in Reims sein.“ Gehorsam trat ich vor.

„Aber, Dupin, denken Sie an meine Arbeit. Ich kann doch nicht einfach –“, fiel mir ein. Ich liesz den Koffer wieder fallen. Dupin stolperte mit seinem Gewicht nach vorn.

„Mache Sie sich keine Gedanken, dafür ist längst eine Lösung gefunden. Ich habe kürzlich die Bekannt­schaft eines jungen Deutschen gemacht, der gleich Ih­nen vor Ort ist, für seine Zeitung über die Französi­schen Zustände zu berichten. Er wird Ihnen seinen Artikel für den März überlassen; sie brauchen ihn dann nur mehr ins Amerikanische zu übertragen. Und seien Sie versichert, dieser Herr Henri Heine denkt so republikanisch wie Ihr Publikum in den Staaten.“ Was konnte ich noch sagen, welche Ausflüchte vor­bringen? Bin ich doch immer leicht formbares Wachs in den Händen meines Freundes gewesen und – ich ge­stehs! – nur allzu leicht zu solch einem formidablen Abenteuer zu überreden, das mich zudem der Be­kanntschaft eines bewunderten Dichters nahebrachte –, spielte ich doch nach meiner unglücklichen Militär­zeit ernsthaft mit dem Gedanken, ebenfalls Schrift­steller und berühmt zu werden. So darf es nicht Wun­der machen, dass ich entschlossen Dupins Schrankkof­fer wieder aufnahm und uns der Dämmer eines windigen und regnerischen Märzmorgens bereits etliche Meilen hinter Paris über aufgeweichte und holprige Landstraszen eilend fand, mit dem Ziel, das Leben des Herrn von Goethe zu retten.

Schauerliche Stunden lagen hinter uns, in denen ich keinen Moment Ruhe gefunden hatte. Doch obgleich der mutige Kutscher die Gefahren solch einer Reise in den schwärzesten Farben ausgemalt und allein durch ein beträchtliches Zugeld überredbar war, die Nacht hindurchzufahren, hatte er die Miet-Chaise treulich durch Sturm und düsterste Finsternis gebracht. Allein durch das unsichere Licht der beiden Sturmlaternen beschienen ging die Fahrt über verwirrende Waldwege und Wiesenstrecken. Mehr als einmal näherten sich die Räder gefährlich dem Straßengraben und schlit­terten in Kurven schmatzend zur Seite. Aber die Pfer­de griffen tüchtig aus, angefeuert von den mal schmei­chelnden, mal drohenden Schimpfwörtern des Kut­schers. Dupin schlief bereits, bevor wir die Pariser Vororte hinter uns gelassen, lehnte gegen sein kleines Felleisen, des einzigen Gepäckstücks, das er neben dem Bücherkoffer mit sich führte und sah so geborgen aus wie in seinem Sessel in der Rue Dunôt, wenn ihn der Schlaf über einer Lektüre überrascht hatte. Na­türlich brannte ich auf weitere Informationen, aber ich liesz ihn ruhen. Da wir in Etwa fünf bis acht Tage bis Weimar unterwegs waren, hatte ein klärendes Ge­spräch keine Eile.

Mit dem trüben Licht des Morgens ging dem Sturm die Wut verlustig, aber es regnete nach dem ersten Pferdewechsel noch immer fleiszig und unverdrossen, wie sittsame Mädchen des Nachmittags unaufhaltsam spinnen: Die Räder der engen Chaise schnurrten, die Tropfen klatschten an die Fenster, es war aschgraues, französisches Wetter. In solch schmutzigem Reiter­mantel lagen die brachen Felder der Ile de France auf dem Wege; da tat ich ebenfalls die Augen zu und reka­pitulierte mein ganzes Leben, wie ich das immer ma­che, wenn ich auf Reisen gehe. Erschöpft von meinem Leben und von Frankreich, schlief auch ich und hatte einen gar seltsamen Traum:

Mir war, ich stünde im engen Hof eines brennenden Schlosses. Die Flammen brüllten im ersten Stock, ein heiszer Wind trieb mir glühende Funken ins Gesicht. Voller Angst suchte ich inmitten des wirbelnden Cha­os dieses sturmverworrenen Feuers nach einem Aus­gang, nach dem rettenden Tor. Da war es! – und es barst auseinander. Blutige Flammengarben stoben in alle Richtungen – und in der Mitte erblickte ich ein Ross und auf ihm, barhäuptig und wüst zugerichtet, einen Reiter. Es war Dupin! Er vermochte dem Ga­lopp keinen Einhalt zu gebieten. Seine schmerzver­zerrten Züge, seine ganze, krampfhaft zuckende, kämpfende Gestalt erweckten mein Mitleiden. Er öff­nete die zerrissenen Lippen, welche im Entsetzen durchgebissen waren, rief ein Wort. Es war deutsch, aber ich vermochte ihn nicht zu verstehen. Das Häm­mern der Hufe erscholl scharf auf dem Pflaster. Das Ross bäumte sich auf und sprengte über mich hinweg.

Ich schrie und erwachte – blickte in Dupins lächeln­des Gesicht, das keineswegs ruszverschmiert und ver­brannt war. Die Hufe donnerten noch immer, aber sie gehörten den Pferden, die unsere kleine Post eilig durch Regen und Wind gen Teutschland trugen.
„Das war ja wahrlich ein Teufelspferd, das ich da ritt, Edgar“, sagte Dupin spöttisch und reichte mir ein Glas mit Wein, den er während meines unruhigen Schlafes geöffnet hatte. Ich nahm es noch zitternd in die Hand, verschüttete ein paar Tropfen, als ich es zum Munde führte. Erst dabei wurde mir bewusst, was Dupin gesagt hatte.

„Woher, zum Teufel! – wussten Sie jetzt, was ich träumte? Es reicht mir mit Ihren sybillinischen Offen­barungen, legen Sie endlich die Quellen ihrer Weissa­gungen blosz. Oder können Sie meine Gedanken lesen? Mein Gott, Dupin, ich bin es leid“, redete ich mich in eine Rage, die durch die Tatsache, dass ich meinen Reiserock mit wertvollem süszem Bordeaux ruinierte, noch wuchs.

Mein Freund lachte auf und prostete mir zu. „So ist es recht! Garde! Dabei war es nachgerade die Einfach­heit der Sache, die Ihnen den Blick verstellte, Edgar. Ihre romantische Ader und Ihre Beschäftigung mit Mesmerismus und Magnetismus führt Sie schnur­stracks von dem Pfad der Wahrscheinlichkeit in den Sumpf der Spekulation. Das Wunderbare ist Ihnen überzeugender als das Offensichtliche. Sie erwarten je­derzeit von mir nichts geringeres als den Beweis mei­nes sagenhaften analytischen Vermögens. Ein Mirakel ist Ihnen dabei lieber als eine langweilige und einfache Begründung, die auf schlichter Beobachtung beruht. Sehen Sie, mein lieber amerikanischer Freund, auch deshalb liebe ich Schiller: Er hält nichts von Flüchen, die Adelshäuser vernichten, von teuflischen Mächten und finstren Gestalten in düstrer Nacht, von mesmer­schen Offenbarungen und von Geistererscheinungen, dieser ganzen Seuche, mit der Mr Walpoles ‚Schloß Ortranto’ die Literatur infizierte …“

„Ich erinnere Sie jedoch an Schillers unvollendeten Roman, die ‚Geisterseher’, ein Buch, das ich gerne und oft gelesen habe“, warf ich ein.

„Eben – ich betrachte den Prinzen von …d… als ein Vorbild. Erinnern Sie sich, Edgar: Der Prinz erklärt die geheimnisvolle Seance auf einfachste Weise als das, was sie war – nur ein gerissener Taschenspieler­trick eines Gauners.“

„Und Ihre Weissagungen, sind das auch nur ge­schickte Gaunereien?“ Dupin nickte und lachte er­neut.

„In gewisser Weise … Sie sprachen im Schlaf, Edgar. ‚Oh, was für ein schreckliches Ross. Oh, Dupin! Schnell – steigen Sie herab! Reiten Sie nicht in den Feuerschlund!’ Die letzten Wörter habe ich allerdings nicht verstanden. Sie klangen deutsch, so ähnlich wie ‚Metzger‘ und ‚Stein‘.“ Er tippte sich an die Nase. „Ich frage mich manchmal, was solche Traumgesich­ter zu bedeuten haben, welches Band sie an die Wirk­lichkeit fesselt. Vieles bleibt uns Heutigen in der Psy­che des Menschen verborgen. Es ist an der Zeit, dass auch die Seele ihren Napoleon findet und einen Linné, um sie zu katalogisieren.“

„Das beiseite – weshalb Sie mich gestern des Abends bereits erwarteten –, ist die Erklärung ebenso ein­fach?“

„In der Tat. Mich wundert, dass Sie nicht selbst dar­auf stieszen. Ich lese doch Zeitungen, fürwahr die loh­nendste Lektüre in dieser Zeit. Ich bin auch auf den Mercury abonniert, der es sich nicht nehmen liesz, Ihre Europafahrt in zwei Spalten anzukündigen. Die Zeitung wurde mit dem gleichen Schiff wie Sie über den Atlantik gebracht. Ich hielt das Blatt allerdings bereits am Morgen in Händen, da es nicht gleich Ih­nen über Nacht in Calais verblieb. Also brauchte ich nur mehr einige kleinere Erkundigungen einzuziehen und wusste, wann sie planmäszig eintreffen würden – das Pariser Büro von Lloyd`s ist sehr zuverlässig. Es hat mir schon häufig gute Dienste erwiesen. Ich er­hoffte Sie allerdings schon etwas früher …“

„Die Post wurde bedauerlicherweise durch den Sturm aufgehalten.“

„Um wieviel mehr freut mich deshalb Ihre rasche Bereitschaft, mich auf diesem Abenteuer zu begleiten, Edgar. Es ist nun aber wohl an der Zeit, Ihnen ein wenig mehr über den düst­ren Fall mitzuteilen. Lesen Sie zuerst diesen Balla­denentwurf und dann diese Dichtung von Schiller und sagen Sie mir, was Sie davon halten.“ Dupin griff in seine abgründige Weste und reichte mir zwei Bögen, auf die er mit seiner eigenartig nach links geneigten Handschrift einen kurzen deutschen Text und auf das andere ein Gedicht abgeschrieben hatte. Wie ge­wünscht las ich zuerst den abgebrochnen Plan Schil­lers für eine Ballade:

„Bianca, eine reiche und edle Gräfin von …, war dreimal vermählt worden, und allemal hatte man den Bräutigam getötet am anderen Morgen gefunden. Die allgemeine Sage ging, dass ein Geist, der in der Burg hause und dem nicht zu entfliehen sei, dieses getan. Kein Freier wollte sich mehr zeigen, so schön, reich und edel auch die Gräfin war und so geneigt auch ihr Vater gewesen sein würde, seine Einwilligung zu ge­ben. Sie hatte von ihren Männern keinen geliebt und blosz den Willen ihres Vaters vollzogen. Ein junger Edelmann, mutig und verliebt, hörte von dieser Ge­schichte. Er sah die Braut, sie bezauberte ihn, und er beschloss, sein Glück zu versuchen. Man will ihn ab­schrecken, er spottet über den Aberglauben und trägt sich ihrem Vater an. Diesem gefällt er auszerordent­lich, aber eben darum will der Vater die Heirat nicht zugeben. Don Leira wendet sich an die Schöne selbst, die für ihn die erste Liebe empfindet, aber eben darum davor schaudert, ihm ihre Hand zu geben, weil sie ihn für unrettbar verloren hält. Er bringt es aber doch zu­letzt dahin, dass in die Vermählung gewilligt wird, er führt sie zum Altar und fühlt sich als den glücklichs­ten Menschen im Besitz s. schönen Geliebten.

Die Nacht kommt heran …“ Kopfschüttelnd legte ich das erste Blatt zur Seite und beschäftigte mich mit dem Gedicht auf dem zweiten:

„Der Gräfin von H.
W.o du bist und wo dich hingewendet,
wie dein flücht’ger Schatten mir entschwebt?
Hast du nicht beschlossen und geendet,
hast du nicht geliebt, gelebt?
da werd ich dich wiederfinden,
wenn mein Leben unserm Lieben gleicht;
dort ist auch der Vater, frei von allen Sünden,
dorT ihn blut’ger Mord nie mehr erreicht.
ächzend stöhnt, dass ihn ein Wahn betrogen,
stumm er aufwärts zu den Sternen sah,
sieh, wie jeder wiegt, wird ihm gewogen.
Herr! – du glaubst, so ist der Morgen nah.“

Ich legte auch den zweiten Bogen zur Seite und geri­et in starke Versuchung, mit meinen Schultern zu zu­cken. Was war mir entgangen, das Dupin in den bei­den Texten gefunden haben mochte und ihm so aus­zerordendlich erschien? – Auf mich wirkten sie doch höchst gewöhnlich und – frisch und ehrlich gesagt – hielt ich sie auch nicht von allzu hoher dichterischer Qualität. Mein Freund betrachtete mich mit wachsen­der Spannung.

„Und …? Was sagen Sie dazu, Edgar?“, fragte er schließlich, da ihm mein Schweigen nun doch zu lang wurde. Beteiligt beugte er sich zu mir und legte eine Hand auf die Blätter.

„Nun, gut“, entschied ich mich, „ich kann mit Ver­laub nicht erkennen, was daran Ihr professionelles In­teresse und Ihren Verdacht erweckt haben mag, Du­pin. Der Einfall für die Ballade erscheint ein wenig schauerlich und sehr deutsch – ich habe ihm die Ein­wände entgegenzubringen, die Sie gegen mein eigenes Denken aussprachen; zu romantisch sei es – falls ich mich recht erinnere. Zu schade jedoch, dass dieses Bruchstück endete, als es mir spannend zu werden schien. Aber vielleicht mag Schiller die Fehler selbst bemerkt und deshalb abgebrochen haben. Was die Verse betrifft: Zu ihnen möcht ich mich nicht gerne äußern. Mein Deutsch ist doch zu schlecht, mich an ihnen zu delektieren. Jedoch schien mir der Reimfluss ein wenig holpernd – als wäre Schiller beim Schreiben mit uns hier in der Chaise gesessen und dabei ordent­lich durchgeschüttelt worden, da er sie niederschrieb. Darf ich vermuten, beide, die Lyrik und das Balladen­konzept wären eher frühe Werke des Meisters?“

„Weit gefehlt, wenn auch gut bemerkt“, erwiderte Dupin und wirkte enttäuscht. Offenbar hatte er sich eine andere Antwort von mir erhofft. „Beide Blätter sind nicht der ungelenken und unerfahrenen Feder der Jugend entflossen, sondern der zitternden, fiebrigen Hand des Kranken, der weisz, dass seine Tage gezählt sind. Sagen Sie mir! – Ist Ihnen denn auszer den ver­unglückten Alexandrinern nichts weiters mehr aufge­fallen? Ich dachte, Sie sind ein Liebhaber von gehei­men Nachrichten und Codetexten. Versuchen Sie ihr Glück und finden Sie das Verborgene; es ist nicht schwer.“ Bei meinem Stolz ergriffen nahm ich den Bo­gen, auf dem sich das Gedicht befand, erneut zur Hand.

„Beide, das Gedicht und der Entwurf … sie gehören zusammen. Das sehe ich. Sodann fällt mir bei zwei Wörtern in der ersten und in der dritten Strophe die Merkwürdigkeit ihrer Schreibweise ins Auge. – Der Punkt hinter dem „W“ am Anfang und das groszge­schriebene „T“, hingegen ein kleingeschriebendes „d“ zu Beginn der zweiten Strophe. Da ich vermuten will, es handle sich dabei nicht um einen Flüchtigkeitsfeh­ler, der Ihnen beim Kopieren unterlief … was Ihrer sonstigen Art vollkommen entgegenstünde, Dupin …, dann stammen diese Markierungen aus der Hand des Dichters.“

„Sie sind auf der richtigen Spur. Das Geheimnis liegt offen vor Ihnen, Edgar. Sie müssen nur verstehen, es zu lesen und zu deuten“, munterte mich mein kluger Freund auf und da sah ich des Rätsels Lösung deut­lich vor mir! – Es war eine recht simple Geheimschrift, die Schiller sich da ausgedacht hatte und gerade ihre Einfachheit hatte mich für sie blind gemacht. Las man von oben nach unten jeweils den ersten, dann den zweiten, den dritten und schließlich den vierten Buchstaben und dies in jeder der drei Strophen, dann ergab sich folgende Botschaft:

„W. ist der Täter!“

Sommerliche Leseempfehlungen: F. M. Klinger

Man vergisst in Deutschland nichts geschwinder als gute, weise und verständige Bücher.“

F. M. Klinger

Es passiert mir immer wieder. Manchen Fallen kann ich nicht entgehen und wenn ich ehrlich bin, will ich es auch nicht: Mit fast Arno-Schmidt’scher Lust stürze ich mich auf einen abseitigen vergessenen Autoren, entdecke ihn für mich persönlich, lese begeistert eines seiner Werke, das ich dem entlegenen Winkel eines Antiquariats dem Staube entriss. Klar, dass ich nun alles von ihm lesen will! Nur um anschließend feststellen zu müssen: An den Rest seines Œuvres ist – wenn überhaupt – allein mit erheblichem zeitlichen oder finanziellem Aufwand heranzukommen.

Klinger1Ein solcher Fall ist Friedrich Maximilian Klinger, von dessen Werk es bei Cotta die letzte einigermaßen vollständige Gesamtausgabe (für normale Leser unbezahlbar) im Jahre 1879 gab, einem Autor immerhin, dessen Theaterstück „Sturm und Drang“ einer ganzen Literaturepoche den Namen gibt.

Klinger (1752 – 1831) gehörte in seinen jungen Jahren zum Frankfurter Kreis Goethes und folgte diesem nach Weimar, dabei seine Universitätsausbildung zum Rechtsgelehrten abbrechend, um als freier Künstler zu arbeiten und dann schnell an diesem Versuch zu scheitern. Im Fürstentum stand er den gesellschaftlichen Ambitionen des späteren Geheimen Legationsrats Goethe nur im Wege und fiel ihm wie Lenz oder Kaufmann oder übrigens am Anfang auch Schiller bald so lästig, dass er ihn still und leise aus seinem Gesichtsfeld entfernen ließ. 1776 kam es deshalb zum endgültigen Bruch mit dem Dichterfürsten. Nach einigen Wirren gelang Klinger ab 1780 eine militärische Karriere in der russischen Armee, in der er immerhin bis zum Generalmajor aufstieg. Durch diesen gesellschaftlichen Aufstieg fand Klinger auch wieder Gnade bei Goethe und führte mit ihm ab 1811 einen regen Briefwechsel. Klinger liegt in St. Petersburg beerdigt.

Neben seiner bürgerlichen Karriere – seinem Brotberuf – war er ein fleißiger, weiterhin ausschließlich in Deutsch schreibender Autor. Neben seinen populären Dramen veröffentlichte Klinger dicke Bände mit Gedanken und Maximen, die recht behäbige und staatstragende Aphorismensammlungen und zu Recht vergessen sind –  und eben neun „philosophische“ Romane, von denen das bekannteste und auch immer wieder neu aufgelegte Werk Faust’s Leben, Thaten und Höllenfahrt ist. Alle Romane sind Werke in spätaufklärerischer Manier, angefüllt mit voltaireschen und rousseauschen Gedanken und Weltanschauungen. Zumindest die ersten, noch ganz vom Feuer des Sturm und Drangs erwärmten Bände lassen sich auch heute noch gut lesen, jedoch werden die neun Bücher von Roman zu Roman kälter, schwerer und langweiliger. Vielleicht hat Klinger dies selbst bemerkt, denn ursprünglich hatte er zwölf Doppel-Romane geplant und den neunten, dessen Titel Das zu frühe Erwachen des Genius der Menschheit allein schon abschreckend wirkt, nie vollendet.

Selbstverständlich wusste jeder, dass Goethe seit Jahrzehnten an seinem opus magnum schrieb, was Klinger jedoch nicht hinderte, als erster 1779 ein Werk über die deutscheste aller mittelalterlichen Sagenfiguren zu veröffentlichen. Vielleicht war dies auch der wahre Grund seines Bruchs mit Goethe.* Klingers äußerst pessimistischer, zutiefst am Charakter des Menschen zweifelnder Faust war das erste Werk, das ich von ihm las. Ich fand den Roman im zerfledderten III. Band einer Werksauswahl, die ich 1987 vom Ramschtisch eines Berliner Antiquariats mitnahm. Faust begegnet in dem Werk, vom Teufel und anderen Höllengestalten (Leviathan) begleitet, nie einem guten Menschen, so sehr er einen solchen finden will, sondern nur Heuchlern, die auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind: Egal, ob es sich um Eremiten, Äbtissinen, den Papst (Alexander VI.) oder Faust selbst handelt, die schlussendlich alle mit viel Getöse zur Hölle fahren. Hier sorgt nicht Gott, sondern Satan für die Gerechtigkeit:

Der Teufel stund in Riesengestalt vor ihm. Seine Augen glühten wie vollgefüllte Sturmwolken, auf denen sich die untergehende Sonne abspiegelt. Der Gang seines Atems glich dem Schnauben des zornigen Löwens. Der Boden ächzte unter seinem ehernen Fuße, der Sturm sauste in seinen fliegenden Haaren, die um sein Haupt schwebten, wie der Schweif um den drohenden Kometen. Faust lag vor ihm, wie ein Wurm, der fürchterliche Anblick hatte seine Sinne gelähmt, und alle Kraft seines Geistes gebrochen. Dann faßte ihn Leviathan mit einem Hohngelächter, das über die Fläche der Erde hinzischte, zerriß den Bebenden, wie der muthwillige Knabe eine Fliege zerreißt, streute den Rumpf und die blutenden Glieder mit Ekel und Unwillen auf das Feld, und fuhr mit seiner Seele zur Hölle.“

Der Antiquariatsband enthielt auch noch den ersten Teil des zugehörigen Zwillingsromans Geschichte Giafars des Barmeciden, der mir persönlich noch besser gefiel. Giafar, der aus den Tausend-und-Eine-Nacht-Erzählungen bekannte Großwesir Hārūn ar-Rašīds (Bitte nicht mit dem bitterbösen Dschafar aus Disneys „Aladdin“ verwechseln!), ist eine Art morgenländischer „Hiob“. Er glaubt unerschütterlich an das Gute im Menschen und in seinem Kalifen Haru;, auch wenn ihm der Teufel beständig das Gegenteil demonstriert.

Klinger2Mit dem Giafar begann allerdings mein Leiden. Obwohl Klinger interessanterweise in der damals noch existierenden DDR häufiger als im Westen gedruckt wurde und ich in Ostberlin eine günstige Werkauswahl besorgen konnte, war ausgerechnet der Giafar nirgendwo aufzutreiben. Ich musste 25 Jahre warten, bis ich das Buch zuende lesen konnte. Heute findet der Giafar sich als digitale Ausgabe im Internet und kann – wie auch die meisten der anderen Romane Klingers – auf jedem E-Book-Reader gelesen werden. Und genau das sollte man tun: Gerade die beiden ersten „philosophischen“ Romane von F. M. Klinger muss man einfach gelesen haben.

Fausts Leben, Thaten und Höllenfahrt bei Mobileread

Geschichte Giafars des Barmeciden bei Projekt Gutenberg-DE

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* Auch von Lessing und Lenz gibt es Entwürfe für Faustdramen. Heinrich Heine erhielt einmal eine Audienz bei Goethe. Als dieser ihn fragte, an was er arbeite, antwortete Heine, er schreibe einen Faust. Heutzutage hätte Heine ihm wahrscheinlich den Peer’schen Stinkefinger gezeigt. Der Dichterfürst überlegte kurz, dann ließ ihn rausschmeißen.

Heines letztes Werk ist übrigens in der Tat eine Faustadaption, aber da war Goethe schon lange tot…

Ein Dichter versucht sich als Denker (Zweiter Teil)

„Do I contradict myself?
Very well, then I contradict myself,
I am large, I contain multitudes.“
Walt Whitman

 

büchermensch

Nikolas Klammer, Büchermensch – Kaltnadelradierung, 1996

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Was ich Gerade tue

ich schreibe ein buch/
in dem ich beschreibe/
wie ich das buch/
das ich schreibe/
schreibe/
indem ich beschreibe/
wie ich das buch/
das ich schreibe/
beschreibe/
wie ich das buch/
das ich beschreibe/
schreibe/
schreibe/
beschreibe/
kurz gesagt : nichts neues/
und das nicht einmal gut.

Ich denke, ich habe mit dem ersten Teil meiner Theorieüberlegungen  den einen oder anderen verschreckt. Gar zu düster war das Bild, das ich da zeichnete vom Leben als einem langsamen Sterben und dem Schreiben als opfernde und ausblutende Sisyphos-Arbeit. Und vielleicht mag es auch nicht zu den lockeren Alltäglichkeiten passen, die ich sonst so blogge. Nun, das alles ist wahr, weil es gleichzeitig nicht wahr ist. Die Auslage ist eben bunt.

Ich finde, Autoren sollten mehr schreiben und weniger übers Schreiben schreiben. Um das komplexe und auch ein wenig langweilige Thema „Theorie des Schreibens“ vorläufig halbwegs versöhnlich abzuschließen, lege ich hier das Ende meines Kurzromans „Ein kleines Licht“(1) bei, in dem der Schriftsteller Klammer, der ein Faible für die klassische Antike hat und der Dichter Andernaj, der ein Faible für Hochprozentiges hat, in einem sentimentalen Moment festgehalten sind. Hier spielen zwei Dichter Denker:

Mein Frühling, setzte er seinen Brief an seine Frau fort,

während ich mit Nikolaus sprach, wurde es schnell dunkel. Er machte keine Lampe an, sondern holte nach einer Weile ein paar Kerzen & stellte sie angezündet auf den niederen Tisch. Seine Wohnung wurde da­durch heimeliger. Wie die meisten Deut­schen habe ich eine Vorliebe für den warmen Schein von Kerzenlicht. Ich weiß nicht, welche archetypi­sche Erinnerung dabei eine Rolle spielt. Die kalte Replik eines griechischen Athleten, der sich gerade einen Dorn aus der Ferse ent­fernt, vielleicht ist es auch ein Original oder zumindest eine römische Ko­pie, man kann das bei Nikki nie sagen, diese Statue, will ich sagen, wirkte plötzlich sehr leben­dig & im flackernden Licht schien sie sich zu bewegen. Niko­laus sah meinen Blick.

„Ich wollte, ich wäre irgende­ine Beethovensche Sinfonie oder irgendetwas, was fertig geschrieben ist. Das Geschrieben-Werden tut weh“, sagte er plötzlich aus dem Zusammenhang ge­rissen & stellte eine nur ihm selbst verständliche Gedan­kenverbindung zu der Statue her. Wahr­scheinlich zi­tierte er wieder seinen Lieblingsschrift­steller. Trotzdem hatte ich die Empfindung, dass ich einen seiner seltenen ehrlichen Momente erwischt hatte, er wirklich an sei­nem Leben litt. Was sind wir doch für ein Haufen Ver­lierer. Er wandte sich müde an mich; ein neuer, durchaus symphatischer Klammer, gar nicht zy­nisch, gar nicht arrogant: „Wir sind uns doch einig: Da ist kein Gott im Him­mel, kein Schöpfer aller Dinge, auch kein Demiurg, da war nie einer, keine Theodizee, keine Ontologie, keine Erlösung, kein Lebenswerk, natürlich auch kein Volk, keine ewige Wiederkehr. Da ist nicht ein­mal dieses halbtröstliche, halbverrückte „authen­tische” Ich, das „Geworfensein in diese Welt”. Da ist kein „Cogito”, kein „sum” & schon gar kein „ergo”, vor allem kein „ergo”. Nichts ist logisch. Wohin wir uns auch wenden – keine Antworten.  Nur eben – Nichts. & es wäre pa­radox zu sagen, dass doch zu­mindest dieses Nichts „ist”. Auch die sophistischste und positivste Philosophie muss am Ende schwei­gen. Legen wir das alles zur Sei­te, es ist unnützer Ballast.
Was uns jetzt noch bleibt, nachdem wir allen Wahn hinter uns gelassen haben, ist der zerrinnende, nicht fassbare Augenblick des Jetzt, dieser schimärische Hauch, der, wenn er gedacht wird, schon wie­der vorbei ist; der allein uns Existenz verspricht, weil wir uns in ihm als existent erinnern. Deshalb klammern wir uns an ihn, „harmonisieren” ihn, in­dem wir alles unterneh­men, um von ihm nicht über­rascht zu werden, denn nur der überraschende Mo­ment verwirrt, verwundet & tö­tet. Aus diesem Grund versuchen wir das Jetzt zu wie­derholen, im­mer wieder, auf ganz auf die gleiche Weise, in der es uns die Natur in ihrer ermüdenden Kette von Wie­derholungen vormacht. Denk nach: War­um hat der Mensch die Uhr erfunden? Weil er mit ihr dem Schrecken der Unsicherheit entgehen will & er kommt ausgerechnet in dem Zeitpunkt auf die Idee der Uhr, als die Gewissheit des Gottesstaates für ihn zer­bricht. Die Uhr ist ein Ersatz für Gott. Wir brauchen nichts dringender als die Uhr, sie macht es uns vor: Je­der Atemzug ist wie der andere, jeder Pulsschlag, Lid­bewegung, Schritt, Ernährung, Or­gasmus, Tag, Nacht, endlich auch der Tod. Alles wiederholt sich in jedem Augenblick. Nein, es gibt nichts Neues unter der Sonne, denn es gibt auch nichts Altes.“

Klammer holte Atem & er schien über sich selbst & seine Worte zu lächeln. Dann zuckte er resigniert mit den Achseln. „Ich will es dir nicht schwerer machen, als es ist, Al­fons. Du kennst doch die Binsenweisheit, dass es immer zu spät & gleichzeitig immer zu früh ist.“

Ich war versucht, mit ihm ein synchrones Achselzu­cken zu bewerkstelligen. „Weißt du, Nikolaus, du hast sicher recht“, sagte ich & starrte in die Flamme der vor mir stehenden Kerze, die an einem zu lan­gen Docht unruhig blakte. „Aber ich kann dir nicht ganz folgen & ich will es auch nicht. Deine Konse­quenzen erschrecken mich … Ich bin nur ein kleines Licht. Es verlischt. Was ich sein werde, weiß ich nicht. Dass ich nicht sein wer­de, begreife ich nicht. Dass die Welt nicht sein wird, be­fürchte ich nicht. Ich bin nur ein kleines Licht. Es ver­lischt.“

Klammer schüttelte den Kopf. „Alfons, du bist ein Dichter“, sagte er lächelnd & wohlwollend.

Mein Leben, ich musste darüber so lange lachen, bis ich mich übergeben musste.“

Ein kleines Licht, Schluss

todfriedeNun gibt es aber nichts, was sich mehr ähnelte als das Nichts und die Unendlichkeit; das Nichts ist die Dummheit, die Unendlichkeit das Genie. Kneipengespräche haben nie ein befriedigendes Ende, eine erzählte Geschichte hat dort nie einen endgültigen Schluss. Vorher schwadroniert das Gepräch immer in eine andere, bedeutungsleere Richtung oder es wird rüde unterbrochen. Das Gemälde bleibt unvollendet, die Musik bricht ab mit einer Disharmonie. Leben mischt sich rücksichtslos zwischen das Fabulieren, verdrängt es und setzt die Erzählung tätig handelnd fort. Leben ist immer die Fortsetzung einer Geschichte mit anderen Mitteln.

Im übrigen gilt wohl die Bemerkung Goethes, wie vergeblich alle Anmerkungen zu den eigenen Werken seien, „denn je mehr man seine Absicht klar zu machen gedenkt, zu desto mehr Verwirrung gibt man Anlass. Ferner mag ein Autor bevorworten, so viel er will, das Publikum wird immer fortfahren, die Forderungen an ihn zu machen, die er schon abzulehnen suchte.”

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(1) Der Kurzroman „Ein kleines Licht“ ist in meinem kaum gelesenen Erzählungsband „Kleine Lichter“ erhalten, der als Softcover oder als günstiges E-Book überall im Buchhandel erhältlich ist.

Frohe Ostern!

Liebe Freunde,

ich sitze gerade in Goethes Garten in Weimar und warte auf besseres Wetter und Frau von Stein, um gemeinsam mit Faust, Wagner und einem gewissen schwarzen Pudel einen kleinen Spaziergang durch das friedliche Ilmtal zu machen. Doch alle sind etwas kapriziös und lassen noch auf sich warten. In der Zwischenzeit wünsche ich euch von hier aus wundervolle, friedliche Ostern.

Euer Nikolaus.

Eins noch: Ende April erscheint mein neues Buch „Kleine Lichter“. Ich lege gerade letzte Hand an die Korrekturen. Es ist der erste Band meines Jahrmarkt-Zyklus‘. Ich freue mich schon auf eure Reaktionen. Hier  eine Abbildung vom Umschlag:

Auf nach Weimar!

Schild an meiner Haustür

Da der Herr Geheime Rat von Goethe mir absolut nicht den Gefallen tun möchte, mich in meiner schwäbischen Heimat aufzusuchen, werde ich es wie Mohammed mit dem Berg halten, dem Beispiel meiner Freunde Hoffmann, Tieck und Heine nacheifern, in meinem diesjährigen Osterurlaub gen Norden ins Thüringen’sche aufbrechen und das daselbst in Weimar ansässige „Groszthier“ der deutschen Literatur visitieren und, falls ich ihn persönlich antreffen sollte und er nicht wie so oft auf Badekur ist oder sich in seinem Gartenhaus eingeschlossen hat, einige Flaschen Rheinwein mit ihm und auf ihn leeren. Man munkelt, er würde in jüngster Zeit Eintritt in sein Haus am Frauenplan verlangen – so weit ist es schon gekommen. Auch der eine oder andere Besuch bei der Gräfin Anna Amalia, den edlen Damen von Stein, von Kalb, Schröter, und selbstredend bei Christiane Vulpius, vulgo Frau Goethe – die alle einander so gar nicht mögen -, und heitere Abendgesellschaften mit den Herren Schiller, Herder, Jean Paul und fraglos auch mit Wieland et al. sind angedacht, sowie Theatervergnügungen, Konzerte und Abstecher nach Erfurt und die reizende Umgegend – falls das Wetter mitspielt -, auch gerne auf Schusters Rappen oder mit dem Velociped. Ich hoffe nur, dass dann vom Eise befreit sind Strom und Bäche durch des Frühlings holden, belebenden Blick. Wahrscheinlich jedoch ist mein Sehnen vergebens; so schnell und kampflos zieht sich in diesem Jahr der Winter nicht zurück.

Ich bin neugierig, welche Anregungen mir die kleine Stadt in der Mitte Deutschlands bieten wird. Freilich ist meine „Weimarer Reise“ nicht nur eine allzu verfrühte Sommerfrische, sondern auch eine Recherche für den 4. Teil meines Romanwerks „Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren“, das zu großen Teilen im März des Jahres 1832 zu Weimar spielen wird. (Ja, richtig gelesen! Ich bin ein fleißiges Kerlchen und arbeite bereits am 4. Teil der Trilogie, nachdem ich die erste Fassung des 3. beinahe fertig und die berechtigte Hoffnung habe, sie noch im Sommer veröffentlichen zu können.)

Goethe

Mein Plastik-Goethe

Ich werde aufgrund dieser Pilgerreise zu den Altvorderen meiner Zunft diesen Blog, den ich den den letzten Wochen fleißig mit meinen kleinen Textchen gefüllt habe, zwei oder drei Wochen ruhen lassen und wünsche meinen Freunden, wenigen Lesern und auch allen, die in der letzten Zeit auf meinen Blog gestoßen sind, ein gesegnetes, sonniges, friedvolles und schokoladeneierreiches Osterfest.

Bis bald, euer Nikolaus.

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