Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

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Mittwoch, 22.05.19 – Fasten mit Klammer (2. Woche)

Dienstag, 21.05.19
Elfter Fastentag

Vermischte Nachrichten:

  • Die gute Botschaft zu Beginn: Ich lebe noch immer und ich habe meine strenge Null-Diät weiter durchgehalten, schon einige Kilos abgespeckt und bin eine Konfektionsgröße nach unten gerutscht, auch wenn es in meiner Umgebung noch niemand aufgefallen ist. Die meisten bemerken zwar, dass etwas anders ist, aber nicht was. „Hast du eine andere Frisur?“, ist gerade eine häufige Frage, die mir gestellt wird. Tja, tägliches Sehen macht uns blind, wir nehmen unsere Umgebung nur noch dann wahr, wenn etwas vollkommen fehlt. Noch fühle ich mich einigermaßen fit und habe kein großes Hungergefühl, der Körper hat längst auf Fettabbau umgestellt. Die zweite Woche einer Fastenkur hat eine andere Qualität als die erste; die Laune lässt langsam, aber sicher nach. Ich will noch bis nächsten Montag durchhalten – das wären dann 16 Tage, danach will ich etwas neues ausprobieren; nämlich das in der letzten Zeit so gehypte „Intervall“-Fasten (1). Davon gibt es mehrere Varianten, bei denen ich micht für die für mich sinnvollste entschieden habe: Ich will eine Zeitlang jeden Tag zwischen einer gesunden Wohlfühlmittelmeerdiät und einem Fastentag zu wechseln, während ich versuche, durch Radfahren, Schwimmen und Laufen auf dem Stepper das Restfett durch Muskelmasse zu ersetzen.Vielleicht klappt’s ja! Schließlich haben meine Söhne (2) über die Pfingsttage ein paar Bergtouren mit mir im Sinn und ich möchte nicht alleine 100 Höhenmeter unter ihnen und der überaus sportlichen und zwei-, dreimal in der Woche ins Fitnessstudio eilenden Frau Klammerle die Serpentinen emporkeuchen.
  • Das werden also insgesamt nur 16 und keine 40 Tage; aber ich bin auch nicht der Sohn Gottes. Ich bin aber trotzdem auf meine bisherige Leistung einigermaßen stolz, dass ich widerstanden habe. Wobei mich Luzifer persönlich in Gestalt von Frau Klammerle durchaus täglich heimsuchte und mit demonstrativ üppigen Mahlzeiten, gefülltem Kühlschrank, täglichem „Perfektes Dinner“-Glotzen und Geprächen über allerlei Kochrezepte gequält und in Versuchung geführt hat. Weiche von mir, Bube!
  • Ich will keinen falschen Eindruck erwecken: Mein Fasten ist nicht religiös oder gar spirituell-esoterisch motiviert, um in höhere Bewusstseinszustände vorzudringen (in denen befinde ich mich eh schon), sondern nur mein schwellender Bayerischer Bierbauch und die dadurch verbundenen Unannehmlichkeiten zwingen mich dazu. Würde ich übrigens, wie in meinem Dorf üblich, katholisch-bayerisch fasten, dann ließe ich vielleicht einen Knödel vom vegetarischen Schweinsbraten (Entschuldige, Hans-Dieter) weg und würde den Verlust durch einen Liter dunklen Mai-Bock ausgleichen. Überhaupt finde ich es seltsam, wie die Kirchen heutzutage mit der Fastenzeit umgehen. Offenbar ist sie den Gläubigen kaum mehr zu vermitteln. Anstatt wie früher auf’s Fressen und auf übermäßigen Fleischkonsum zu verzichten – was durchaus sinnvoll wäre, denn wir leben ja in einer Zeit, in der tatsächlich täglich mehr Menschen am übermäßigen Konsum als am Hunger sterben und unsere gesamte Ernährung auch in ökologischer Hinsicht auf dem Prüfstand steht – da sollen wir ausgerechnet „Smartphone-“ oder „Autofasten“. Wirklich seltsam; was soll denn das sein? Was wohl der Messias in der Wüste zu diesem homöophatischen Genussverzicht gesagt hätte? Aber ich gebe es zu: Ein ganz klein wenig Spiritualität schwingt gerade in den letzten Tagen doch bei mir mit. Ich fühle mich allen zum Essen Gezwungenen und von ihren Gelüsten Getriebenen überlegen, sitze als priesterlicher Asket und Yogimeister auf meinem Nagelbrett daneben und verstehe die ganze Aufregung um die Nahrung nicht. Auch wenn ich kein Freund der christlichen und leider auch Decartes’schen Trennung von Körper und Seele bin, ist es doch jeden Morgen ein Triumph meines Geistes, dem Körper erneut einen Tag lag meinen Willen aufgezwungen und ihn unterjocht zu haben. Das ist ein schwierig zu beschreibendes Gefühl von … ja, von Freiheit und Unabhängigkeit.
  • Doch nicht alles ist eitel Sonnenschein. Ich habe festgestellt, dass es, je älter ich werde, immer schwieriger wird, abzunehmen. Der Körper klammert sich verzweifelt an seinen Pfunden fest und will wie ein alter Geizhals sein angefressenes Kapital nicht mehr hergeben. Dazu kommt der Effekt, dass ich immer zuerst im Gesicht abnehme und sich die Falten, die bisher vom Fett aufgepolstert waren, vertiefen, auch am Hals, der vorher so schön glatt war. Ich fühle mich zwar wie zwanzig, solange ich nicht in den Spiegel sehe. Mache ich es jedoch, starrt mich das Alter mit seiner hässlichsten Fratze an. Den fast weißen Bart auf 3-Tages-Niveau und die immer grauer werdenden Haare kurz zu schneiden, half ein wenig, den morgendlichen Blick in den Spiegel zu ertragen. Dazu kommt, dass mir dauernd kalt ist, ich nachts nur unruhig schlafe und sehr schnell ermüde. Gerüche (3), Farben, Sinneseindrücke allgemein, nehme ich dafür deutlicher wahr – manchmal ein Segen, meistens eher nicht. Hier noch eine Warnung: Wer dieses extrem harte Fasten nachmachen will, sollte wirklich nur Wasser und Kräutertees trinken, aber auf keinen Fall irgendeine Diät-Cola. In der sind zwar keine Kalorien, weil ein künstlicher Zuckeraustauschstoff oder Stevia benutzt wurden, aber diese bewirkt, dass die Zunge trotzdem „süß“ schmeckt und der Körper beginnt, Insulin zu produzieren. Dadurch kommt es zu einem Heißhunger auf Süßigkeiten.

Ich werde weiter berichten.

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(1) Herrn Dr. Hirschhausen, der das Intervallfasten hochjubelt als wäre es das Ei des Kolumbus, finde ich übrigens nervtötend und eher beängstigend als lustig und versuche soweit möglich einen Medienkontakt mit ihm zu vermeiden. Jemand hat mir mal ein Buch von ihm geschenkt, das ich nur noch besitze, weil ich grundsätzlich keine Bücher wegschmeiße. Wenn es jemand haben möchte, einfach bei mir melden.

(2) Die beiden sind sehr besorgt, weil meine Frau eben in unserer Whatsapp-Gruppe ein Foto von unserem Radausflug am Samstag gepostet hat, das mich tatsächlich mit einem Glas Wasser(1) in der Hand zeigt. Sie lasen aus dem Bild den versteckten Hilferuf eines Entführten heraus und wollten das SEK einschalten. Obwohl ich selbstverständich auch Wasser trinke, gibt es solche Fotos eigentlich nur, wenn ich ein Bier in der Hand halte. Ich wollte aus diesen Aufnahmen schon einmal einen Kalender machen, den ich unter meinen Verwandten und Bekannten verteile: 12 Monate – Klammerle trinkt ein Bier.

Den Teil mit dem noch immer recht voluminösen Bauch habe ich weggeschnitten.

(3) Gerüche nehme ich besonders intensiv wahr. Wahrscheinlich erwacht in mir langsam das Raubtier. Demnächst klaue ich noch kleinen Kindern ihre Lutscher.

Freitag, 17.05.19 – Gartenarbeit und Weisheiten

Freitag, 17.05.19
Siebter Fastentag (1)

Der Mai will sich an diesem Freitag und vielleicht auch morgen von seiner sonnigen, trockenen und – verglichen mit den letzten vierzehn Tagen – warmen Seite zeigen. Heißt es zumindest im Wetterbericht. Danach soll es wieder scheußlich werden. Deshalb ist mein Gedankensplitter heute kurz und schnell dahingeschrieben, denn es wartet Gartenarbeit auf mich.

Wie in jedem Frühjahr ignoriert Frau Klammerle die Witterung und die Größe unserer Freiflächen und Gemüsebeete und schleppt von jedem Einkauf Blumenstöcke, Gewürztöpfe, Gemüsepflanzen und 40-Kilo-Säcke mit Erde heim, die wir alle vorläufig auf dem Terrassentisch lagern, der sich unter ihrem Gewicht biegt. Nachdem ich seit bald zwei Jahrzehnten glücklicher Reihenhausbesitzer im ländlichen Weichbild der Stadt bin (und das Haus irgendwann auch abbezahlt habe), nenne ich einen Garten mein Eigen. Er hat in etwa die Größe einer Picknickdecke; bietet immerhin Platz für eine Südterrasse, einen Werkzeugschuppen, ei­nen Kirschbaum, Obststräucher, Blumenbeete, ein wildwucherndes Kräuterbeet, allerlei mehr oder eher weniger geschmackvolle Deko-Artikel, selbstverständlcih Frau Klammerles selbstgeflochtene Weidenkunstwerke und sogar ein geniales, selbst gebautes und erst im letzten Jahr erweitertes Hochbeet, in dem ich gerade unter einer Abdeckung Karotten, Rote Rüben(2), Meerrettich und anderes Unkraut züchte. Selbstverständlich alles in der Bonsaiausführung – gut, dass  meine Frau und ich eher unterdurchschnittlich groß sind. Die Rasenflä­che ist so ausladend, dass ich schon an die Anschaffung eines Aufsitzmähers gedacht habe. Dennoch ist in den letzten frostigen, nassen und grauen Tagen einiges an Arbeit liegengeblieben, die ich heute erledigen will, wenn sich die Sonne gegen 10:00 Uhr entschließt, auch in meinen Garten hineinzuscheinen. Ich glaube, wir haben inzwischen mehr Jungpflanzen in schwarzen Plastiktöpfen auf dem Tisch stehen, die auf das Einpflanzen in Beete oder größere Töpfe warten, als wir noch irgendwo unterbringen können; zumal gerade die Gemüsepflanzen für die Hochbeete (habe ich eigentlich schon einmal erwähnt, dass ich sie selbst gemacht habe?) auf Frau Klammerles Wunsch mit System gesetzt werden sollen, was einige logistische Probleme aufwirft. Sie redet in letzter Zeit dauernd irgendetwas von Mischkulturen und Starkzehrern. So ganz habe ich das nicht verstanden, aber ich darf auf keinen Fall die Süßkartoffel (ein Geschenk von Sohn Nr. 1 zum Muttertag) neben den Hokkaido-Kürbis pflanzen und auch die Freilandgurken müssen anderswo hin als die Paprika und die Aubergine. Das Ganze gleicht einem Echtzeit-Strategiespiel. Vielleicht sollte ich mir einen Plan machen oder mit den Schultern zucken und das Gemüse einfach dorthinpflanzen, wo noch Platz ist.

Immerhin, wir besitzen den mit Abstand hummel- und bienenfreundlichsten Garten in der Gegend und sind bald die einzigen, die sich noch weigern, Kiesflächen aufzuschütten, scheußliche Mauern aus gefangenen Steinen zu errichten und ihre Freifläche in eine hässliche, graue Mondlandschaft zu verwandeln. Trotz Katze Amy nisten bei uns die Amseln und Scharen von Spatzen und Staren kontrollieren jeden Tag, wie weit unsere Kirschen und Johannisbeeren sind.

Ein Panoramabild unseres Gartens.

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(1) Danke. Es geht mir gut. Morgen wollen wir allerdings die wunderschön renaturierte Wertach hinunter bis zum Bobinger Stausee radeln. Da kommen wir an einigen Einkehrmöglichkeiten vorbei, z. B. bei der von allen Augsburgern heißgeliebten Kulper-Hütte. Schauen wir mal, ob ich danach noch faste …

Mein heutiges Frühstück. Den ayurvedischen Kräutertee habe ich aus Frau Klammerles Teebox geklaut. Wer Inger mag, liegt hier richtig.

Apropos: Was diesen Sinnspruch am Bändel des Teebeutels betrifft. Dort stand: Liebe deine Seele.

Ich will nicht von der Qualität der Heißgetränke der Firma „YOGI TEA“ erzählen, sondern von ihrem altruistischen Bemühen, die überteuerten Teemischungen zusätzlich noch mit Versatzstücken aus der fernöstlichen Lebensweisheit zu würzen und diese auf die Pappschildchen ihrer Teebeutel zu drucken. Die Inder, die Chinesen und die anderen Völker, die in Richtung der aufgehenden Sonne wohnen, besitzen unendlich tiefsinnige Traditionen, ehrwürdige Philosophien, Weisheitslehren und Religionen, die teilweise in Zeiten zurückweisen, in denen meine Vorfahren noch ungewaschene Barbaren waren. Yoga, Zen, Buddhismus, Yin und Yang, Konfuzius, I-Ging, Feng-Shui, Laotse, Asketen, Ayurveden, spirituelle Führer, taoistische Transmutationen … ein kleines Brainstorming ist ausreichend, um die Tiefe der fernöstlichen Weisheit anzudeuten, die ein Einzelner überhaupt nicht ausloten kann (oder will). Und ein Europäer, der in einer vollkommen anderen Vorstellungswelt aufgewachsen ist, schon gar nicht.

Was hat nun „YOGI TEA“ aus dieser jahrtausendealten Weisheit und geistigen Tiefe gemacht? Was muss ich lesen, während ich meinen Würztee acht Minuten ziehen lasse? Darüber soll ich meditieren?

„Liebe ist Leben, Leben ist Liebe.“ – „Ich bin schön, voller Gaben und Seligkeit.“ – „In unseren Beziehungen fehlt Heiligkeit.“ – „Liebe ist Seligkeit.“ – „Liebe ist ein Zustand von Mitgefühl, in dem Freundlichkeit regiert.“ – „Liebe kennt keine Furcht oder Vergeltung“, und so weiter und so weiter. Ja, was ist Liebe denn nun?

Das sollen Weisheiten sein? Diese Fastfoodsätzchen fürs Poesiealbum einer Zwölfjährigen? Diese mehr als billigen Gemeinplätze sind der Aufguss der Moral und der Erkenntnisse weiser Menschen, die ihr Leben lang gefastet haben und sich kasteit, um sich von den irdischen Fesseln zu lösen und hinter die Oberfläche der materiellen Welt zu sehen, einen Blick auf die Urgründe des Seins zu werfen? Die uns voran gegangen sind ins erlösende Nirwana? Das bleibt am Ende übrig von all den Weisheitslehren, dem Jahrtausende währenden Ringen um Erkenntnis, um den richtigen Weg, den man im Leben einschlagen soll? Ein sinnentleerter Satz auf einem Etikett? Das ist bitterer, zu lange gezogener Tee.

(2) Diesmal sind es echte – hoffe ich zumindest (siehe auch: Die Mangold-Affäre).

 

Mittwoch, 15.05.19 – Fasten mit Klammer

Mittwoch, 15.05.19
Fünfter Fastentag

Schluss, aus!

Die maximale Ranzenspannung ist erreicht, der Gürtel zwickt und die Schnalle ist im letzten Erweiterungsloch angekommen, aus meiner Konfektionsgröße bin ich längst hinaus gewachsen und die Hemden spannen sich bedrohlich über den wie warmer Hefeteig aufgequollenen Speckfalten. Gut, das war jetzt etwas übertrieben, aber leider nur wenig. Würde ich den Statistiken glauben, den ganzen BMI-Tabellen, Fachleuten, Diät-Ärzten und Faustregeln – die meiner Meinung nach nur dazu dienen, einem ein schlechtes Gewissen einzureden (1) – dann wäre ich ernsthaft krank und adipös – ein adipöser, mangelernährter, infarktgefährdeter Alkoholiker mit Bluthochdruck übrigens. Fehlte nur noch, ich würde zu rauchen beginnen. Tatsächlich fühle ich mich höchstens ein wenig übergewichtig, treibe allerdings außer Bergwandern keinen Sport, bin ein leidenschaftlicher Esser und trinke abends gerne ein, auch mal ein, zwei Gläser Wein. Doch damit ist nun Schluss.

Klammer muss abnehmen!

Mal wieder. Ich bin der lebende Jo-Jo-Effekt, auch wenn es mir in den letzten Jahren gelungen ist, mein Gewicht besser in den Griff zu bekommen. Ich war als Kind bereits stark übergewichtig, als Jugendlicher und junger Erwachsener auch immer wieder mal fett. Den oberen Ausschlag auf der Skala erreichte ich mit Mitte Dreißig. Ich wog über einhundertzehn Kilo (2) und hatte beim (übrigens rauchenden und ebenfalls übergewichtigen) Amtsarzt Probleme, ein Gesundheitszeugnis für meinen neuen Job zu bekommen. Freilich hatte ich immer wieder versucht, mein Gewicht zu reduzieren und der unappetitliche Anblick, der sich mir im Spiegel (3) bot, entsprach ganz und gar nicht dem Eigenbild, das ich von mir als existentialistischer, zynischer Schriftsteller und Actionheld hatte. Aber ich fraß mir leider in einem halben Jahr jedes Kilo, das ich mir mühsam für den Job abhungerte, wieder an. Und selbstverständlich endeten die meisten hoffnungsvoll begonnenen Diäten nach drei Tagen in der Pizzeria um die Ecke. Ich bin der lebende Beweis dafür, dass Vegetarier nicht immer anämisch und dürr sein müssen.

Dann wurde ich Vierzig und mich schüttelte eine gewaltige Midlife-Krise durch. Ich änderte meine Gewohnheiten und hungerte mich in einem halben Jahr auf 73 Kilo herunter. Dieses Gewicht hielt ich viele Jahre. Doch nun habe ich wieder zu viel Speck auf den Rippen, er hat sich ganz langsam und von mir kaum bemerkt heimlich angesammelt. Natürlich habe ich längst noch nicht mein altes Kampfgewicht erreicht, das einem Sumo-Ringer Ehre machen würde. Aber die Notbremse muss gezogen werden. Ich bin am Ende der Fahnenstange angekommen.

Nun bin ich ein überaus ungeduldiger Mensch. Folglich will ich schnell abnehmen und da gibt es für mich nur einen einzigen Weg: Weniger essen. Es gibt tausend Diäten und jede verspricht Gewichtsverlust. Ob man sich nun modisch vegan ernährt, eine Trennkost-, Frauenzeitschriften-, Atkins-, Weight-Watchers-, Neandertaler-, Bikini-, Low-Carb-, Mittelmeer-Diät macht oder mithilfe des pappigen Nahrungsergänzungsmittels abnimmt, für das zwei oder drei Möpse und eine vertrauenswürdig wirkende Apothekerin mit „vielen leckeren Rezepten“ Werbung machen, sie funktionieren nur, weil man bewusst und fettärmer isst. Eigentlich einfach, oder?

Schon 5 Tage geschafft!

Für mich ist – zumindest bei Diätbeginn – die härteste Methode die Beste: Ich esse drei Wochen lang überhaupt nichts, verzichte auf feste Nahrung. Ich faste. Heute ist der fünfte Tag, an dem ich nur Kräutertees, Mineralwasser und Trinkjoghurt zu mir nehme und es geht mir gut. Die erste Krise und die Kaffeesucht sind überwunden. Das sind die Tage 2 und 3, an denen der Heißhunger fast übermächtig wird, mich wegen des Koffeinentzugs Kopfschmerzen quälen und ich den Eindruck habe, jeder in meiner Umgebung wäre ausschließlich mit der Nahrungsaufnahme beschäftigt. Danach verschwindet der Hunger seltsamerweise für sieben Tage und ich fühle mich in dieser Zeit fit und gesund, geistig rege. Wie unter Drogen nehme ich Farben, Gerüche, Geräusche genauer und intensiver wahr und bin euphorisch und heiter. Es geht mir glänzend. Freilich betrügt mich hier mein Körper, er läuft auf Notstrom, erschöpft schnell und nachdem ich in den ersten Tagen einige schnelle Kilo abgenommen habe, weigert er sich dann für fast eine Woche, weiter an Gewicht zu verlieren. Dann allerdings, in der dritten Fastenwoche, geht es wieder rasant nach unten. Danach wechsle ich dann zu einer sanften Diät, mit der ich die Fastenerfolge festige und bis Pfingsten bin ich wieder rank und schlank. Dann will ich nämlich eine große Reise unternehmen und möchte nicht den halben Bierkasten an augenblicklichem Übergewicht mit mir herumschleppen. Auch das Fahrrad wird wieder in Betrieb genommen.(4)

Ich wiege mich übrigens die ganze Zeit nicht. Das subjektive Empfinden, dünner zu werden – bereits jetzt nach vier Tagen Fasten passen meine Hosen wieder erheblich besser – ist wichtiger und wohltuender als die Kilozahl auf der Waage.

Ob das gesund ist? Ob man das empfehlen kann? Sicher nicht. Aber es ist meine Art abzunehmen und nie bin ich ein besserer Autor als in der Zeit, in der ich faste. Es ist, als würde der Geist die Auszehrung des Körpers kompensieren.

Ich werde regelmäßig berichten, wie es mit mir weiter ergeht.

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(1) Diese Gesundheitsmafia, die mir ständig einreden will, ich würde über meine Verhältnisse leben, funktioniert wie die katholische Kirche: Das ganze System ruht auf dem schlechten Gewissen der Leute und ihrer Angst vor einer rächenden Gottheit.

(2) Das sind fast 230 Pfund! Bei meiner Körpergröße von 1,78 cm (morgens und gut gelaut gemessen) ist das gewaltig – 80 Pfund Übergewicht. Aber es ist auch ein bisschen wie bei Kalorien und Joules oder bei Euro und D-Mark: Je größer die Zahl, um so gewaltiger das Erschrecken.

(3) Einer der wenigen Gegenstände, die aus dem Nachlass meines Großvaters in meinen Besitz übergingen, ist ein großer Spiegel, vor dem er als Schneidermeister seine Kunden den Sitz der Anzüge probieren ließ. Ich kann diesen geschickt geschliffenen Schneiderspiegel nur empfehlen: In ihm sieht jeder ein paar Kilo leichter und ein paar Zentimeter größer aus.

(4) Obwohl ich kürzlich von einem Freund ein Grillbesteck in einem Koffer geschenkt bekam – also die Golftasche des Normalbürgers – ist ein E-Bike für mich immer noch keine Option. So alt fühle ich mich nicht. Ich werde mir auch keinen von diesen klobigen, wie aus Lego-Duplo-Steinen zusammengebauten übergroßen SUVs kaufen. Versprochen!

Donnerstag, 02.05.19 – Das große Zittern

Donnerstag, 02.05.19

Beinahe 55 Lebensjahre bin ich ohne ausgekommen und es ging mir gut dabei. Ich habe mich bewusst geweigert, mir solch ein Teufelsgerät zuzulegen. Zwei PC’s, ein Laptop, zwei E-Book-Reader, eine Spielekonsole und ein Tablet sollten eigentlich genügen, meine Online- und Computerbedürfnisse vollständig zu befriedigen. Zumal ich ja nur ein, zwei Freunde und keine soziale Kontakte pflege und als extrem schüchterner Mensch mit leicht autistischer Ausprägung mir lieber einen Finger abschneide, als ein Telefongespräch zu führen; ich benutze nicht einmal unseren Festanschluss und verstecke mich im Keller, wenn es klingelt. Zudem hat ja die gut vernetzte Frau Klammerle schon ewig ein Smartphone, auf dem sie fleißig surft, whatsappt, telefoniert, Quizduell spielt und shoppt.

Da ich mich und meine Affinität zu gewissen Süchten kenne(1), sah ich absolut nicht ein, wozu ich ebenfalls ein Handy benötigen würde. Doch Frau Klammerle bohrte: Ich müsse unbedingt erreichbar sein. Schließlich würde ich viermal in der Woche zur Arbeit fahren(2). Da müsse ich doch Bescheid geben können, falls ich im Stau stünde oder das Auto irgendwo in der Pampa zwischen Zusmarshausen(3) und Bieselbach(4) seinen Geist aufgebe. Das Argument zog und ich kaufte mir endlich bei Aldi ein billiges Smartphone. Freilich hat sich herausgestellt, dass ich grundsätzlich kein Netz habe, wenn mal wieder mein Auto zickt und nicht von der Stelle kommt. Oder Frau Klammerle hat ihr Gerät stummgeschaltet oder reagiert nicht auf den Messenger, weil sie gerade in ihrem Fitnessstudio ist. Tja, den eigentlichen Sinn erfüllt das Smartphone also eher nicht. Aber wie ich befürchtet hatte, war ich sofort abhängig davon und gehörte innerhalb kürzester Zeit zu den Smombies, die bei jeder Gelegenheit und auch sonst auf das Handy starren, weil sie glauben, etwas zu versäumen, wenn der Bildschirm nicht flackert. Tatsächlich findet das Leben anderswo statt; aber ich bin eben willensschwach.

Nun war gestern meine Schwester(5) zu Besuch (1. Mai, Garten, du weißt schon … und wenn nicht, dann lies den Gedankensplitter von gestern). Sie trank nachmittags den frisch importierten Prosecco aus Italien und später dann das Bier aus dem Altmühltal, das ich mitgebracht habe. Es wurde ein netter, langer Abend. Doch als sie und ihr Mann uns verlassen hatten, war mein Smartphone nicht mehr auffindbar, auf dem ich nur mal schnell vor dem Zubettgehen die Zugriffe auf meinen Blog kontrollieren wollte(6). Frau Klammerle gab selbstverständlich  wie immer sofort mir und meiner Schlamperei die Schuld und wir suchten gemeinsam das Gerät eine Stunde lang vergeblich – zuerst an den möglichen Stellen, schließlich auch im Kühlschrank, im Keller und in der Toilette(4). Du wirst es dir schon gedacht haben, wir fanden es nicht, denn meine leicht beschwipste Schwester hatte es beim Aufbruch in ihre abgründige Handtasche gesteckt, mit deren Inhalt sie problemlos zwei Monate im Urwald überleben könnte. Erst zuhause angekommen, bemerkte sie, dass sie nun im Besitz von zwei Smartphones war – die sich übrigens kaum ähnlich sehen.

Und nun sitze ich da und muss mich mit dem schrecklichen Gedanken anfreunden, in den nächsten Tagen ohne Smartphone auszukommen. Ich bemerke, wie ich dabei immer zittriger und unruhiger werde und mich kaum mehr auf den Text konzentrieren kann, den ich gerade schreibe. Ich bin auf Entzug und heute Nachmittag muss ich zum ersten Mal seit einem Jahr ohne Handybegleitung ganz alleine nach Günzburg fahren. Mich gruselt und friert. Ich habe Angst.

Vielleicht war dies ja mein letzter Gedankensplitter – leb wohl, lieber Leser.

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(1) … und es erschreckend finde, wie jedermann und -frau bei jeder Gelegenheit auf diese kleinen rechteckigen Bildschirme starrt und hektisch mit dem Finger auf ihnen herumwischt oder es sich wie ein Butterbrot vor den Mund hält und so lautstark mit jemandem zu reden, dass ich noch hundert Meter entfernt jedes Wort  eines Gesprächs mitbekomme, das mich überhaupt nicht interessiert.

(2) Da ja niemand meine Texte liest oder gar für sie bezahlt, nirgendwo ein Reemtsma mit einer monatlichen Zuwendung auf mich wartet, kein Verleger meine Genialität entdeckt hat und mich der Feuilleton schnöde ignoriert, gehe ich auch einem Brotberuf nach, um meine Familie zu ernähren. Dieser Beruf führt mich viermal in der Woche in das türmereiche, ehemals österreichische und reichlich langweilige Günzburg. Von meinem Heimatdorf Diedorf aus ist das eine halbe Weltreise, die mich im „Wilden Westen“ Augsburgs zuerst über kleine Seitenwege bis Horgau, dann über die B10 bis Zusmarshausen, anschließend über die A8 bis zum Ziel führt – insgesamt sind das hin und zurück über 90 Kilometer. Mein klappriges, aber treues Gefährt ist ein Fiat Bravo, Kat. 4; er ist 10 Jahre alt und hat inzwischen über 300.000 km auf dem Tacho. Außer dem Motor war schon fast jedes Teil einmal kaputt. Jemand an der Kiste interessiert? Rost und einen Haufen Dellen gibt es gratis dazu.

(3) Ein vergessener Ort der Europäischen Geschichte: Hier fand die letzte große Schlacht des dreißigjährigen Krieges statt. Noch heute braut die in Zusmarshausen ansässige Brauerei aus diesem Grund ihr „Schwedenpils“. Was mal wieder beweist, wie pragmatisch die bayerischen Schwaben denken. Um eine alte Plakatwerbung der Brauerei zu zitieren, auf der eine glückliche Familie über eine Wiese wandert: „Wir gehen dorthin, wo Papi sein Schwarzbräu bekommt.“

(4) Der Ort heißt tatsächlich so. Bieselbachs einzige Sehenswürdigkeit ist ein durchaus beeindruckender spätgotischer Flügelaltar in einer kleinen, unscheinbaren Kapelle. Es gibt dort keine Wirtschaft, aber einen Fischer, der seine eigenen Forellen und Saiblinge aus dem Bieselbacher Fischweiher verkauft.

(5) Sie ist gut neun Jahre älter als ich. Über meine Schwester zu schreiben ist wie der Versuch, den Atlantik in kleine Flaschen abzufüllen. Und sie weiß tausend peinliche Geschichten über mich zu erzählen, die ich selbst schon längst vergessen habe.

(6) 28 Besucher. Das war ein absoluter Spitzenwert, den ich bloß alle paar Monate mal erreiche. Normalerweise sind es fünf bis sechs, die sich auf meinen Blog verlaufen.

(7) Nein, so weit ist es zum Glück mit mir noch nicht. Ich bin zwar schusselig – das war ich schon immer -, aber noch nicht dement.

Erkenne dich nicht selbst!

Wie versprochen, habe ich hier ein paar Anmerkungen zu Schreibmaschinchens Artikel „Der Autor, der sich selbst kennt…“, der hier zu finden ist:

Der Autor, der sich selbst kennt…

Neben anderen schlauen Sprüchen, die heutzutage keinen mehr interessieren und Zweifel an der Gedankentiefe der klassischen hellenischen Philosophie wecken (z. B. „Bürgschaft – schon ist Schaden da!“*), konnte der Grieche in der Antike über dem Tor des Apollontempels von Delphi die vielzitierte Aufforderung lesen:

„Gnothi seauton“ – „Erkenne dich selbst.“

Der unbekannte Verfasser dieser Weisheit war also der Meinung, es genüge, den Blick von der Außenwelt weg nach innen, zu sich selbst, zu wenden, um Erkenntnis zu erlangen; man solle im Spiegel die einzelne Ameise beobachten und nicht den ganzen Bau, da der eigene Kosmos ein Spiegelbild des äußeren ist. Wer den eigenen Kosmos erkenne, könne auch die Welt beherrschen. Keiner hat dies schöner formuliert als Novalis, in dessen „Klingsors Märchen“ die Sphinx die verzweifelte Frage stellt: „Wer kennt die Welt?“ – „Wer sich selbst kennt“, antwortet Fabel selbstsicher. (Fabel ist übrigens kein Eigenname. Hier ist tatsächlich die Belletristik gemeint, die übrigens die „Milchschwester“ von Eros, also von der körperlichen Liebe sei.) Platon baute auf diesem Spruch eine ganze Moralphilosophie auf und die ersten Wissenschaftler fanden ihre Erkenntnisse nicht im Beobachten des Allgemeinen, sondern im Einzelfall, den sie dann auf die Welt erweiterten. Kein Wunder, dass in den delphischen Mysterien und der Orakelstelle selbst mit bewusstseinserweiternden Drogen gearbeitet wurde. Zu Beginn der Neuzeit wird dieser Erkenntnisgedanke der Alten in Frage und auf den Kopf gestellt: „Erkenne die Welt“, heißt es heute. Die moderne Wissenschaft und Philosophie beschäftigen sich von da ab nicht mehr mit dem Individuellen, sondern mit dem objektiv Erkennbaren, das mich dann zu mir selbst als Teil der Welt führt.

Aber was hat das alles mit dem Schreiben zu tun? Viele Autoren scheinen noch immer dieser 2500 Jahre alten Meinung zu sein – nämlich, dass man zuerst Selbsterkenntnis benötige, bevor man ein Buch schreiben könne. Ich glaube, dass so etwas wie „Selbsterkenntnis“ gar nicht möglich ist, weil es mir überhaupt nicht möglich ist, mich selbst zu erfassen. Vom Versuch, sich selbst zu erkennen, führt meiner Meinung nach ein direkter Weg in die Hölle der Selbstzweifel. Der innere Kosmos jedes einzelnen ist gewaltig und schier unüberblickbar. Er ist ein gärendes, brodelndes Gemisch aus Bewusstem, Un- und Unterbewussten, aus Erfahrenem und Erlerntem, aus genetischer Veranlagung, aus Vererbung, aus Neurosen, Traumata und Unbewältigtem; wobei das Bewusste wie der sichtbare Teil eines Eisbergs ist: Er ragt kaum über den schwarzen, undurchsichtigen Meerespiegel hinaus, der gewaltige Rest aber bleibt verborgen und unerkennbar. Auch die moderne Psychologie stochert nur hilflos in trüben, flachen Gewässern. Dazu ist mein „Ich“ das Ergebnis einer Entwicklung, eines Fortschreitens in der Zeit: Wie bei einer Zwiebel, lagern sich Hülle für Hülle tagtäglich neue Ich-Schichten um den Kern meiner selbst und ich bin heute Morgen buchstäblich ein anderer als gestern Abend. Wenn ich mir selbst vor zwanzig Jahren begegnen würde, wäre ich mir wahrscheinlich nicht einmal sympathisch. Als Autor kann ich über meine Texte gut mit meinen alten „Ichs“ kommunizieren und stehe oft fassungslos vor Fremden. Selbsterkenntnis ist letztenendes wie der Versuch, „Alles“ in einen Koffer zu packen, also auch den Koffer selbst – da er ja Teil von „Allem“ ist -, in sich selbst zu stopfen. Das kann nicht gelingen. Überlassen wir dieses selbstquälerische Nachgrübeln über sich selbst den „schöngeistigen“ idealistischen Philosophen des 19. Jahrhunderts. Die Lektüre von Schopenhauer und Kierkegaard heilt von solchen Gedanken.

Ist es nicht besser und einfacher für mich, zuerst meine Umwelt zu „erkennen“, bevor ich ein Buch schreibe? Es heißt nicht ohne Grund, man solle zuerst tausend Bücher lesen, bevor man sich selbst an eines wagt. Ein Autor hat keine neuen Ideen, denke ich, er ist nur Zeitgenosse der Avantgarde, die er aufmerksam belauscht. Der Autor macht die Ideen seiner Umwelt populär, nicht die Ergebnisse des Nachgrübelns über sich selbst; seine Persönlichkeit und in erster Linie sein Handwerk sind allerdings das Sieb, durch das er die Ideen anderer aufs Papier presst. Dadurch fließt natürlich auch viel von ihm selbst in den entstehenden Text ein – doch das ist ein unbewusster Akt. Mir zumindest geht es beim Schreiben so: Nicht mehr „Ich“ schreibe, sondern „Es“ schreibt für mich – und das übrigens ganz ohne bewusstseinserweiternde Drogen und Alkohol, die sich einige einschmeißen, um genau diesen Effekt zu erzeugen, der von alleine kommt, wenn man als Autor ganz bei sich ist.

Es mag auch sein, dass ich mich noch nicht ganz von meiner Erkältung erholt habe und ein paar Gehirnwindungen verstopft sind, aber letztendlich – nach diesen auch mich selbst verwirrenden und auch ein wenig fiebrigen Gedanken – komme ich wieder zu dem Schluss, dass es besser ist, zu schreiben als über das Schreiben zu reflektieren. Deswegen höre ich hier auch auf. Also schau nicht in dich selbst, Schreiberling.

Schau aus deinem Fenster in diese Welt hinaus und schreibe darüber, was du siehst.

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* Wobei ich zugeben muss, dass ich zumindest eine Person kenne, der diese Weisheit geholfen hätte.

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