Aber ein Traum …

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Gedanken zur Erzählung „crisis“

hydria tam diu ad fontem portatur, donec vel tandem frangatur.*

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Was man aus dem Brunnen ißt – Anthologie von Wolkenstein, Band III – 2004 – ISBN 3-93-1069-17-6

Ein brütend heißer, schier endloser Sommer; die abgestumpften Menschen leiden an Schlaflosigkeit, Depressionen und seltsamen Visionen. Ihre Begegnungen sind nur noch oberflächlich und zufällig. Doch etwas geht vor sich. Die Gesellschaft verändert sich, etwas scheinbar Neues entsteht in der Hitze der Nacht. Ein WORT wird in den Gassen geflüstert: Von vielen wie eine Erlösung begrüßt, heben Faschischmus und Rassismus ihr hässliches Haupt aus dem Schmutz der Gosse. Alle hören die Worte der Demagogen, sehen den Hass ihrer Anhänger, erleiden die blanke Gewalt auf den Straßen, aber niemand will widersprechen, einschreiten, gegen sie aufstehen, bis es zu spät ist.

Das alles habe ich bereits vor über dreißig Jahren in crisis erzählt. Zu meinem Erschrecken ist diese Geschichte heute aktueller als damals.

*

Laut WordPress-Statistik hatte ich in den letzten Tagen keine Zugriffe auf meinen Blog. Das ist selbst für meinen kaum besuchten und unbeliebten Blog ernüchternd wenig. crisis wollte niemand lesen. Ich kann es verstehen. Denn crisis ist trotz ihrer kompositorischen Schwächen Literatur – und die passt nicht in die heile „Wir-haben-uns-alle-lieb“-Bloggerwelt und ins Internet. crisis tut weh. Diese kurze Erzählung ist ein scharfes Messer ohne Klinge, dem der Griff fehlt. Aber das ist doch die Aufgabe von Literatur: Sie ist dieses Messer! Sie muss weh tun. Nur der Schmerz weckt aus dem Schlummer der Selbstgefälligkeit und der Gleichgültigkeit, in dem wir in unseren Wohlfühlnischen und Internetblasen liegen und wir mit Gleichgesinnten anerkennendes Schulterklopfen und „Gefällt mir“ austauschen.

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Obwohl ich durchaus kein Freund davon bin, meiner eigenen Literatur eine Hermeneutik beizugeben – sie zu erklären -, glaube ich, dass die ebenso komplexe wie komplizierte Erzählung crisis, die ich in den letzten Tagen unter Ausschluss aller Öffentlichkeit bloggte, ein paar Erläuterungen nötig hat.

crisis ist einer der wenigen Texte von mir, die schon einmal von einem Verlag veröffentlicht wurden. Er entstand für eine inzwischen längst vergriffene Anthologie des Magdeburger Wolkenstein-Verlages (www.vonwolkenstein.de), deren Titel und Motto: „Was man aus dem Brunnen ißt“ lautete und die 2004 dort erschienen ist.  Da ich ein Autor bin, der ungern etwas verkommen lässt, beruhte meine für die Antologie eingereichte Erzählung auf einem alten Fragment aus den späten Achzigern, das ich für die Anthologie stark erweiterte und ergänzte. Ich benutzte dazu Teile meines nie vollendeten ersten Romans Das Spiel, der aus der gleichen „Schaffensphase“ stammt. Dies mag vielleicht die Verwendung eines Diktaphons durch den Ich-Erzähler, seine rücksichtslose und weinerliche Egozentrik und das heute sehr fragwürdige Frauenbild des Textes erklären. Ich hielt es nicht für nötig, die Sturm-und-Drang-Elemente meiner Jugend zu glätten, da sie direkt aus der Seele des jungen Mannes kamen, der diesen Text begonnen und wieder einmal nicht zu Ende gebracht hatte.

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Ein Portrait des Künstlers als junger Mann – Wasserfarben

Der Verlagsleiter, Robert Knorr von Wolkenstein, stellte ‚crisis‘ damals die folgenden einleitenden Worte voraus:

„Klammer nimmt sich der Macht des Wortes an, der Macht, die ein Wort haben kann, weil es das Denken speist, weil es das Sinnen bestimmt, Nahrung und Druckmittel ist, Lüge, Wahrheit und Manipulation gleichermaßen ausüben kann. Es ist die Angst, die uns treibt, es ist die Gier nach dem nicht versiegenden Quell unserer Wollust. In Klammers Geschichte gilt nicht die Befreiung durch das Wort, sondern nur die Macht des manipulierenden Gedankens, der das aufgreift, was an tierischen Atavismen in uns west.“ – Ist damit etwas erklärt? Ich weiß es nicht.

Entgegen meinen sonstigen Gewohnheiten sind in dieser Geschichte alle Wörter kleingeschrieben – mit Ausnahme des WORTes und des geheimnisumwitterten ER, auf den alle wie auf einen Messias warten. Ich halte die durchgehende Kleinschreibung normalerweise für einen überflüssigen Manierismus, den ich meide (Achtung! Ich schreibe klein – jetzt folgt Literatur!). Ich will es dem Leser nicht unnötig schwer machen und es gibt außer Arroganz  und Faulheit zumeist keinen Grund, dies zu tun. Hier jedoch erschien mir die Kleinschreibung als Möglichkeit, die Gleichförmigkeit und amorphe Stupidität der Tagesläufe des Erzählers auch optisch wiederzugeben. Sie sind ein langweiliger, immer wieder wiedergekäuter Brei aus sich zum Verwechseln ähnlichen heißen Sommertagen und -nächten ohne Höhepunkte, Entwicklungen und Ereignisse. Allein die Versprechen von IHM und das WORT ragen heraus, stehen wie Türme in der niedrigen Sumpflandschaft. Und doch sind es nur Lügen, die bereits meinen Vater zerstört haben; hohle Phrasen aus dem Repertoire der Agitatoren und Hassprediger, der Betrüger und Mörder, die schon einmal ganz Deutschland in den Abgrund gelockt haben und es nun erneut tun wollen. Spätestens seit AfD und Pegida sind sie wieder da: lauter, frecher denn je suchen sie nach Anhängern und sähen ihre verdorbene Saat der Gewalt. Man hört sie an den Straßenecken und in den Kneipen, auf öffentlichen Plätzen, in den socialmedia. Ihre  WORTe finden sich in den Reden der Wutbürger und inzwischen auch der willfährigen Politiker. Unglaublich, was heute von geistigen und realen Brandstiftern wieder öffentlich gesagt und getan wird, welche WORTe sie sich erlauben dürfen. Das hätte einen Trupp SA’ler zu stehenden Ovationen hingerissen. crisis will ein Warnruf sein, doch ich weiß, er wird ungehört verhallen. Die Nazis können lauter schreien als ich und im Zweifelsfalle werden sie mich eben einfach totschlagen.

Aber wie oben schon gesagt: Niemand liest meine Literatur und deshalb kann ich hier schreiben, was ich will. Das hat auch seine Vorzüge.

*

So unglaublich und erschreckend das klingen mag: Die Gespräche, die in crisis geführt werden, sind alle authentisch. Sie sind Abschriften von Tonbanddokumenten, die ich als junger Mann aufgezeichnet habe. Wie der Erzähler war auch ich mit einem kleinen Diktaphon unterwegs und schnitt die Wortwechsel mir unbekannter Personen am Nebentisch mit. (Vorsicht: Ich mache das manchmal heute noch und mein Mikrophon ist unaufälliger als damals). Die hilflose Ohnmacht des Erzählers in crisis, der von Gewaltvisionen und anonymen Mächten in den Tod gehetzt wird, entstammt übrigens meiner E.T.A.-Hoffmann-Lektüre. Ausgerechnet, wird an vielleicht denken. Aber Hoffmann ist ein zwar vielgelesener, leider ebenso oft unterschätzter wie missverstandener Autor, dem ich vieles für mein eigenes Werk verdanke. Letztlich klingen in ‚crisis‘ bereits die Hauptthemen meines Romans „Aber ein Traum“ an: Fremdheit, Ausgeliefertheit, Unsicherheit.

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Plakat zu meinem ersten Theaterstück: „67“

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Bevor die Nazis begannen, Menschen zu verbrennen, verbrannten sie ihre WORTe, verbogen sie, machten sie zu einem Werkzeug ihrer Verbrechen. Dadurch ist es ihnen tatsächlich gelungen, dass viele deutsche Autoren in ihrer Heimat vollkommen in Vergessenheit gerieten und ihre Werke heutzutage, wenn überhaupt, nur noch antiquarisch erhältlich sind. Eine ganze Generation an Schriftstellern wurde vernichtet und nach dem Krieg musste die deutsche Literatur wieder stotternd von neuem beginnen. Das darf nicht noch einmal geschehen. Auch deswegen habe ich crisis geschrieben. Auch wenn sie unter der Brandung des Twitter-, WordPress-, WhatsApp- und Facebook-Geschwätzes sang- und klanglos untergehen wird. Im Internet findet die Bücherverbrennung unserer Tage statt.

Sie opfern Schlaf, um Philosophie zu lernen. Man sollte im Gegenteil Philosophie studieren, um schlafen zu lernen.

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* wörtlich: Das Wasser wird so lange zur Quelle gebracht, bis es endlich gebrochen werden möge. Heute sagt man: Der Krug geht so oft zum Brunnen, bis er bricht.

Vom Leben auf der anderen Seite – Kurzgeschichte

Legion

Legion schrieb, nachdem alles vorbei war. Wenn ihn jemand fragte, wie es geschehen war, dem antwortete er jetzt:

„Ich weiß es nicht. Aber ich werde meine Geschichte erzählen.“

Legion wurde oft gefragt.

Er hatte keinen Zeitmesser im fensterlosen Zimmer, aber er schätzte, dass es zwei Uhr nachts war. Auf seine innere Uhr konnte er sich verlassen. Zwei Uhr, dachte er, die Zeit der einsamen Seelen. Wie eine Antwort surrte eine Fliege um die Lampe.

Legion lächelte. Auf diese Weise musste der Text beginnen, mit einer Fliege, deren Schatten immer wieder das Papier traf, auf dem er schrieb. Leider machte ihn dieses Insekt fast so nervös wie damals. Auch das gehörte zum Beginn seiner Geschichte.

Er kannte viele Gründe, zu schreiben. Es war ihm erstaunlich, wie viele es gab. Wenn ihn jemand fragte, warum er schrieb, antwortete er:

„Ich schreibe aus dem billigsten Grund. Ich schreibe aus Langeweile.“

Er verjagte die Fliege, die sich erschöpft auf seinem Handrücken niedergelassen hatte und strich die Sätze, die er bisher geschrieben hatte. So ging es nicht. Er musste anders beginnen. Die Eindrücke waren zu dicht. Das Leben, dieses Andere, es machte ihm Schwierigkeiten, mehr, als Legion gedacht hatte. Er hatte geglaubt, es würde genügen, ein paar Daten zu sammeln und zu ordnen. Legion seufzte, dann begann er von neuem:

„Was ich tat, war unvorsichtig. Ich kannte diese Geschichten gut, hatte sie aufmerksam studiert und aus ihnen gelernt: Große Männer stolpern nicht über ihre Fehler; der Zufall bringt sie zu Fall.

Eine Weile rang ich mit mir, sah selbstmitleidig auf die in Griffweite stehende Packung Alka-Seltzer, die ich nicht für mich verwenden durfte. Sie warf im grellen Schein der Lötlampe einen plastischen Schatten quer über den alten Schreibtisch. Die blaue Schachtel erschien mir gefährlich und lauernd. Ich warf einen kurzen Blick auf das schlichte Kruzifix an der Wand. Ein unbewusster Reflex zwang mich, ein Kreuz über der Brust zu schlagen.

‚Aber nein’, dachte ich, ‚die Gegenstände betrachten dich nicht. Sie spiegeln nur wider.’ Entschlossen schob ich daher meinen Stuhl vom Tisch und trat mit einem Schritt an die Dachschräge, öffnete das kleine Fenster einen Spalt breit. Als würde im Supermarkt eine weitere Kasse aufgemacht, drängelten sich sofort staubiges, von roten Biberschwänzen erwärmtes Sonnenlicht und eine erstaunliche Vielzahl an Geräuschen eilig durch die schmale Öffnung in den abgedunkelten Raum.

Ich riss mir den Atemschutz herab und schob Nase und Mund ganz nahe an die Öffnung, durch die ich langsam ein- und noch langsamer ausatmete. Ich war sicher: Keinen Augenblick länger hätte ich den beißenden Gestank der Lösungsmittel aushalten können. Ich fühlte mich, als wären die ätzenden Dämpfe durch unsichtbare Öffnungen an meinen Schläfen direkt in mein Hirn gekrochen. Die Kopfschmerzen hämmerten gegen einen stecknadelfeinen Punkt einen Fingerbreit über meinem linken Auge, das ich zusammen kniff. Aber mit jedem Atemzug wurde ich ruhiger und ich konnte in der formlosen Masse an Geräuschen, die zu meinem Dachfenster herauf tönte, einzelne Stimmen und Handlungen unterscheiden.“

Legion freute sich. Ja, so musste er beginnen. Der Stift glitt ihm wie von selbst über das karierte Papier. Doch nun legte er ihn kurz zur Seite, presste Daumen und Zeigefinger fest gegen die Nasenwurzel. Mitten in dieser schlaflosen Nacht beschwor er die Erinnerung an jenen heißen Nachmittag vor wenigen Wochen herauf. Obwohl der Kopfschmerz, den er damals am Fenster empfunden hatte, schon lange verklungen war, wusste er noch, wie er sich angefühlt hatte. Der Schmerz lag in seinem Gedächtnis wie der Schatten eines Gegenstands, den ein flackerndes Licht an die Wand projizierte. Ebenso schmeckte er noch die giftige Gasmischung aus Azeton und Domestos, mit der er experimentiert hatte.

Legion schüttelte den Kopf. Unergründlich, dachte er.

Meiner sind viele.

Doch nun musste er sich beeilen. Diese Nacht log von trügerischer Ruhe, flüsterte ein Märchen von Beständigkeit. Aber das war nur ein Wahngebilde. Die Zimmertür würde sich öffnen, ein hektischer Tag folgen. Und er hatte noch so viel zu erzählen.

„Ein Fahrrad quietschte. Ich konnte nicht hinunter auf den Hof sehen, aber ich benötigte nur wenig Einbildungskraft, um mir vorzustellen, was dort unten vor der langen Garagenreihe geschah. Dort fuhr Ludwig im Kreis herum und Pius sah ihm anerkennend zu. Ludwig wohnt mit seinen Eltern zwei Stockwerke unter mir, ist ein mageres Kind, das immer in Bewegung ist und mich fatal an eine Eidechse erinnert. Ludwig hat den neugierigsten, aufdringlichsten Blick, den ich kenne.

Wenn etwas passiert, ist er nicht weit. Meist hat er dann auch seine Digitalkamera dabei. So wie letztes Wochenende, als in der Nacht zum Samstag vor dem Supermarkt die zur Abholung bereitgestellten Paletten in Brand gerieten. Dabei explodierte auch eine halbleere Spraydose, die zwischen den Hölzern steckte. Es wurde niemand verletzt, ja, es war nicht einmal jemand in der Nähe, aber die Wucht der Detonation ließ ein Schaufenster zersplittern und die fetten Rauchschwaden der brennenden Kunststoff-Folien zogen ungehindert in den Laden und fielen dort als schwarze Schneeflocken zu Boden. Die Funken sprangen nicht über und das Feuer verlöschte von selbst, noch bevor die Freiwillige Feuerwehr eintraf, aber der nicht allzu hohe Schaden sah einigermaßen spektakulär aus und erinnerte an Fernsehbilder aus Bagdad.

Und wen konnte ich von meinem heimlichen Beobachtungsposten aus als zweiten nach der Feuerwehr am Brandherd ausmachen? Natürlich Ludwig, im Morgengrauen schoss er Fotos vom Tatort. Er trug Springerstiefel und seinen geliebten paramilitärischen Tarnanzug, den ihm seine Eltern zum 10. Geburtstag geschenkt hatten. Er hatte sich sogar die Spielzeug-Variante eines Schnellfeuergewehres auf den Rücken geschnallt. Ein Kindersoldat mitten im Dorf und niemand schien davon weiters betroffen. Ich weiß nicht, ob er Detektiv oder Reporter spielte, aber er knipste eifrig und war verschwunden, bevor Polizeistreife und Spurensicherung kamen. Wer übrigens den Brand gelegt hat, ist nicht rausgekommen. Verdächtig waren die Jugendlichen, die sich immer mit ihren Mopeds auf dem Aldiparkplatz treffen, aber ihnen war nichts nachzuweisen. Es ist trotzdem Zeit, dass da mal eingegriffen wird. Diese Jugendlichen leben dort in Sünde und haben längst den Weg verloren.

Ludwig verteilt auch das Gemeindeblatt und den Kirchenanzeiger, selbstverständlich auch die Reklamezettel des Supermarkts. Er ist immer da. Wo sich zwei oder drei Menschen versammelt haben, ist er mitten unter ihnen. Wenn er erwachsen ist, wird er Hausmeister.“

Legion machte eine Pause, denn er hatte etwas gehört. Jemand ging außen den Gang entlang. Eilig tastete seine Hand zur Schreibtischlampe und er verlöschte das Licht. Stumm saß er in der Dunkelheit und lauschte. Er hatte richtig gehandelt. Die Schritte kamen näher und verharrten dann vor seiner Zimmertür. Legion hörte ein festes, gleichmäßiges Atmen. Das Lauern begann.

Nun, Legion hatte Geduld. Wenn der Herr vierzig Tage in der Wüste ausharren konnte, dann würde Legion auch geräuschlos im Finsteren sitzen und warten können. Endlich hatte der Andere da draußen genug. Er setzte seinen Gang fort und Schritte verklangen.

Legion machte wieder Licht. Er wartete, bis sich seine Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten, dann las er kopfschüttelnd den letzten Satz, den er geschrieben hatte. Sollte er ihn stehen lassen? Zum Überarbeiten hatte er eigentlich keine Zeit.

„Pius ist fünf Jahre jünger als Ludwig. Er ist gerade in die Schule gekommen und ein hartnäckiger Bewunderer der neugierigen Eidechse. Wo auch immer Ludwig sein Wesen treibt, Pius ist nicht fern.

Obwohl ich von meinem Dachfenster nicht hinuntersehen konnte, wusste ich, dass Ludwig seine Fahrradkunststückchen nicht ohne sein treues Publikum machen würde. Auch wenn er es natürlich nicht zugab, machte er sie im Grunde nur für den kleinen Bewunderer. Wahrscheinlich saß Pius auf dem fast bis zum Boden herunterhängenden Maschenzaun zum verwahrlosten Nachbargrundstück, hatte seinen Roller neben sich geparkt und bestaunte mit glänzenden Augen seinen Helden, der seine Runden drehte und so tat, als würde er nichts bemerken.

Darf man ein Kind eigentlich Pius nennen? Ich meine, das ist doch ein heiliger Name. Haben die Eltern darüber nachgedacht? Seltsame Gedanken hatte ich beim Atemholen an der Fensteröffnung. Sie kamen und gingen so schnell wie Papierfetzen, mit denen der Wind spielt. Lag das an den Chemikalien, trübten sie meinen Verstand?

Ich sah hinaus. Die Kinder und den Hof konnte ich nicht sehen, aber den zertretenen, gelben Rasen des Nachbargrundstückes und selbstverständlich auch das heruntergekommene Haus, in dem die Türken wohnen, diese Drogenhändler und Heiden. Zwei Familien, wenn man das so nennen kann, leben dort. Sie hausen in diesen verwahrlosten Wohnungen wie die Tiere und häufig grillen sie mit ihrem riesigen Gasofen auf dem Rasen. Dann stinkt es rauf zu mir. Wenn wenigstens der Zaun wieder aufgerichtet wäre!“

Legion zögerte. Die Wut hinderte ihn am Schreiben.

Noch immer dieser Zorn, dachte er, ein heiliger Zorn und ein sinnloser, jetzt, nachdem alles vorbei ist. Der Herr will den sanftmütigen Menschen; die Wut ist ohne Gott.

Er seufzte. Wenn er das nur den Fragern begreiflich machen könnte. Er bezweifelte inzwischen, dass es ihm mit diesen Aufzeichnungen gelingen würde. Dennoch würde er weiterschreiben. Legion war nur eine leere Form, eine hohle Posaune, durch die die Töne eines Anderen klangen.

„Ich kann mich gut erinnern. Jetzt hörte ich ein Mädchen weinen. Das war Lena, die kleine Schwester von Pius. Sie wenigstens hat einen normalen Namen; aber sie ist eine Zweitgeburt, ein Weinkind. Wenn sie einmal beginnt und meistens ist Pius daran schuld, hört sie so schnell nicht mehr auf. Es ist ein kreischendes, zorniges Heulen, das sie ausstößt, es ist ein Messer, das in meine Ohren dringt.

Ich konnte es ja leider nicht sehen, aber sie stand dort unten auf dem Platz und schrie. Ludwig war zu hören:

„Heuli, heuli, heuli…“, wiederholte er immer wieder. Wahrscheinlich fuhr er mit seinem Rad im Kreis um sie herum. Kinder können doch so grausam sein. Und doch will der Herr sie bei sich haben.

Ich lauschte aufmerksam, von Pius war nichts zu vernehmen, nur ein leichtes Quietschen kam mir zu Ohren, als würde jemand auf dem kaputten Zaun wippen. Pius spielten den Unbeteiligten, er war rein, konnte kein Wässerchen trüben.

Und natürlich hörte ich jetzt auch die laute Musik: Von unten neumodische Negerrhythmen aus der Wohnung der Eltern von Pius und Lena – wahrscheinlich reagierte die Mutter deshalb nicht auf das Weinen ihrer Tochter. Von gegenüber, aus den geöffneten Fenstern der türkischen Bruchbude mischte sich ein seltsames Gefiedel dazu und jemand sang, als hätte er Bauchschmerzen.

So laut, so laut…

Ich sah in das Halbdunkel meines Zimmers, suchte mit den Augen das tröstende Kreuz. „Wie lange noch, Herr?“, fragte ich laut und war mir des Sakrilegs bewusst. „Habe ich den Kelch des Leidens nicht ausgeschöpft?“ Trotz der Vermessenheit meiner Frage, der überheblichen Anmaßung hatte der Herr Erbarmen, denn er schwimmt in einem See von Mitleid. Das Telefon läutete.

Ich trat zurück vom Fenster, schloss es mit einer bewussten, endgültigen Geste. Das war das letzte Mal, dass ich dieses Außen zu mir herein ließ. Auf so etwas durfte ich mich nicht einlassen. Und gefährlich war es auch: War nicht vor ein paar Jahren der Attentatsplan von einem dieser Terroristenschweine nur deshalb geplatzt, weil seine Klimaanlage kaputt war?

Das Telefon war mein Retter. Ich trat zu dem Apparat und hob den Hörer ans Ohr. Ich meldete mich nicht. Am anderen Ende atmete jemand.

„Hallo… ist dort Wiegand?“, fragte endlich eine leise, verzerrt wirkende Stimme. Im Hintergrund knisterten elektrische Geräusche. Das war der lange erwartete Code, die Antwort des Herrn.

„Nein. Da haben Sie sich verwählt“, sagte ich, jedes einzelne Wort fiel so schwer, als müsste ich es erst aus meiner Erinnerung fischen. Eine kurze Pause entstand.

„Entschuldigen Sie bitte.“ Der andere legte auf.

„Ich bin bereit“, erwiderte ich.“

Legion nickte und lächelte.

Er war nicht allein. Seiner waren viele. So geschickt waren sie! Niemand, der das Gespräch vielleicht abhörte, konnte einen Verdacht haben.

„Zwei Tage darauf brannte es früh am Morgen im Hausgang der Türkenbude. Die Feuerwehr kam, Polizei und viele Schaulustige. Die Bewohner des Hauses standen verzweifelt auf dem Rasen vor ihrem brennenden Haus. Ludwig rannte mit seiner Kamera umher. Pius hatte seine kleine Schwester an der Hand. Ich konnte das alles gut von meinem Dachfenster aus sehen. Dann zündete ich meine Bombe, die ich unter den Gasflaschen des massiven Grillwagens der Türken versteckt hatte. Sogar beim mir platzten die Fensterscheiben. Ich betete.“

Legion war versucht, „Ende“ unter den Text zu schreiben. Aber das erschien ihm dann hoffärtig, denn er war nur ein kleines Sprachrohr. Stattdessen riss er die zwei eng beschriebenen Blätter in kleine Fetzen und begann, sie zu verspeisen. Wenn später der Wärter mit dem Frühstück kam, mussten alle Spuren vernichtet sein.

Legion schrieb in jeder Nacht, erzählte immer wieder seine Geschichte und vernichtete sie im Morgengrauen.

Legion schrieb, nachdem alles vorbei war. Wenn ihn jemand fragte, warum es geschehen war, dann antwortete er:

Weil Gott es so wollte.

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