Aber ein Traum …

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Nutzlose Menschen – Roman (Leseprobe) – Teil 2

Ende dieses Monats, bevor ich mich in den Sommerurlaub verabschiede und wie in jedem Jahr zwei Monate lang ein analoges Leben führe, wird voraussichtlich mein neues Buch „Nutzlose Menschen“ im Buchhandel erscheinen. Hier noch eine Leseprobe aus dem ersten Kapitel dieses zentralen Romans aus meinem „Jahrmarkt in der Stadt“-Zylus.

Nutzlose Menschen
Roman
250 Seiten
demnächst erhältlich gebunden und als E-Book

*

 

Klammer stand auf.

»Ich hole uns noch einen Kaffee. Eine kleine Viertelstunde haben wir sicherlich noch Zeit«, sagte er dabei. Sapher sah nachdenklich hinter ihm her. Nikolaus Klam­mer, Dr. der Jurisprudenz und ein verdienter Beamter im höheren nichttechnischen Dienst, der in einem schwer ab­schätzbaren Alter zwischen fünfundvierzig und fünfund­fünfzig stand, hatte eine mittelgroße, unauffällige und schlanke Gestalt. Er kleidete sich aber modisch und teuer, fiel daher überall auf und erregte wegen seiner Eleganz allgemein Bewunderung. In seinen etwas spärlich gewor­denen, sorgfältig frisierten und dunklen Haaren zeigte sich keine einzige graue Strähne. Sapher hatte schon Ver­mutungen darüber angestellt, ob Klammer sie wohl färbte.  Ob­gleich er Saphers direkter Vorgesetzter war und sich oft mit ihm unterhielt, war es Sapher während der Zeit, die sie nun in der gleichen Abteilung Tür an Tür sa­ßen, nicht gelungen, einen Einblick in Klammers Charak­ter, der etwas von der überraschenden Wechselhaftigkeit des Aprilwetters hatte, zu werfen. Nie konnte sich Sapher sicher sein, ob Klammer im Ernst mit ihm sprach, oder sich insgeheim über ihn lustig machte. Obwohl er selbst alles andere als ungebildet war, verstand er viele von des­sen intellektuellen, oft hermetischen Spitzen nicht, deren Bedeutung er manchmal am Abend in einem Lexikon nachschlug. Dabei hob sich, von ihm selbst kaum be­merkt, sein Gemeinwissen. Er hatte bei seinen Nachfor­schungen überrascht festgestellt, dass der belesene Klammer über ein exaktes, geradezu photographisches Gedächt­nis verfügte, das ihn in die Lage versetzte, lange Buchpas­sagen, Gedichte, aber auch Gesetzestexte auswendig und fehlerfrei aufzusagen. Sapher hatte, bevor er dem Dr. be­gegnete, weder geglaubt, dass es Menschen geben könnte, die zu solchen Erinnerungsleistungen fähig waren, noch hatte er jeman­den außer Klammer kennengelernt, der auf eine so seltsa­me, flatterhafte und leichtfertige, dabei durchaus anzie­hende Weise über nahezu jedes Thema zu räsonieren verstand. Sapher nahm an, der unverheiratete Dr. hatte Erfolg bei Frauen. Das war allerdings nur eine seiner Vermutun­gen, da er praktisch nichts über das Privatleben Klam­mers wusste; er konnte ebenso gut auch wie ein Mönch le­ben oder schwul sein. Was den ungewöhnlichen Beamten umgekehrt gerade an Sapher interessierte, blieb diesem ein unlösbares Rätsel. Zwar ahnte er, dass Klammer ir­gendetwas mit seiner Person verband oder gar plante, doch er hatte nicht die geringste Ahnung, worauf sein Vor­gesetzter mit diesen häufigen Diskussionen knapp über Saphers intellektuellem Horizont abzielte.

Anderen Beamten gegenüber zeigte sich Klammer zwar freundlich, aber reserviert. In seinen Gesprächen mit ih­nen ging er nur selten über die Belange der Behörde hin­aus. In den alltäglichen Geschäften des Amtes war der Dr. ein mustergültiger, erfahrener und fleißiger Beamter, der seinen Posten als Oberamtsrat vorzüglich ausfüllte und dessen Wissen der Vorschriften und Rechtsbestimmungen sprichwörtlich war. Von Sapher abgesehen hielt er genau jenen Abstand zu seinen direkten Untergeordneten, der den nötigen Respekt vor der Person und der Fachautorität des Vorgesetzten erweckt. Dennoch war er im Amt eine halb mythologische Gestalt und stand in dem geflüsterten Ruch der Verschrobenheit. In seiner Vergangenheit muss­te es auch einmal einen Eklat gegeben haben, über den hinter vorgehaltener Hand ungenaue, aber phantastische Mutmaßungen die Runde machten. Der tatsächliche Vorfall, falls es denn je einen gegeben hatte, war ein gut gehütetes Geheimnis, das, so eines der Hauptgerüchte, der Grund war, aus dem Klammer trotz seines Alters und seinen Fähigkeiten nicht befördert wurde und zum Direk­tor aufstieg.

 »Du arbeitest beim Klammer?«, hieß es häufig und Sa­pher wurde mit einer bedeutsamen, dabei mitleidigen Miene bedacht. »Oje!«

In diesem mitfühlenden Laut schwang meist neben der Erheiterung eine Prise Schadenfreude mit. Wäre Klam­mer nicht sein direkter Vorgesetzter gewesen, hätte Sa­pher ihn sicherlich gemieden. Seit geraumer Zeit versuch­te er auch, sich hinter Klammers Rücken innerhalb der Behörde zu verändern. Das würde ihm jedoch kaum vor der nächsten Regelbeförderung gelingen und die stand erst in zwei Jahren ins Haus. Sapher selbst war zweiund­dreißig Jahre alt, etwas untersetzt, unscheinbar und hell-, fast rotblond. Da er saloppe Alltagsbekleidung bevorzugte, hatte er Mühe, sich der strengen Kleiderordnung des Am­tes, die Anzugjacke und Krawatte vorschrieb, unterzuord­nen. Seine Frau Gitta kannte er seit seiner Schulzeit und er hatte sie gleich nach seiner Vereidigung geheiratet. Die Ehe war kinderlos. Wenn er gezwungen war, seinen Le­benslauf zu schreiben, wurde der nie länger als eine halbe DIN-A4-Seite: Er hatte ihn auch geradlinig aus dem Gym­nasium über die gehobene Laufbahn zu diesem Posten ge­führt, wo er sich nun täglich mit diesem seltsamen Vorge­setzten und dessen unergründlichen Launen auseinander­setzen musste. Es war ungerecht, wie Klammer dem flei­ßigen Sapher seinen von Unbilden oder emotionalen Stür­men freien Lebensweg als spießbürgerlich vorzuwerfen. Er erregte im Gegenteil bei einigen seiner Bekannten Neid wegen der bruchlosen Karriere und der scheinbar geglückten Ehe. Sapher, den nicht einmal die Pubertät arg gebeutelt hatte, vermisste keineswegs die Unordnung eines weniger gesicherten Lebens. Er war mit der ruhigen Beziehung zu Gitta und seinem Beruf, der ihn ausfüllte, zufrieden. Jede Veränderung hätte ihn verstört.

Nikolaus Klammer war der einzige seiner Arbeitskolle­gen, mit dem er sich über Informelles austauschte. Zu den anderen, auch denen, mit denen er täglich zu tun hatte und die ihm von Alter und Einstellung näher waren, war das Verhältnis von seiner Seite zurückhaltend, fast abwei­send. Das lag in erster Linie an Saphers Unsicherheit und an seiner Furcht, sich Mitmenschen freundschaftlich zu öffnen. Er stand nicht zuletzt deshalb und wegen seines auffallenden Kontaktes zu Klammer in dem Ruf, eine Radfahrermentalität zu besitzen, arrogant zu Gleichge­stellten zu sein und sich bei seinen Vorgesetzten Liebkind zu machen. Dass er Klammers Nähe nun wirklich nicht suchte, sondern dieser sich im Gegenteil immer wieder aufdrängte, änderte an der allgemeinen Beurteilung nichts.

Teller klapperten. Die Kantine hatte sich zwischenzeitlich fast geleert. Die Angestellten hinter der Theke räumten Geschirr in die Spülmaschinen und bereiteten sich auf den Andrang zum Mittagessen vor. Klammer kam zurück und stellte drei Tassen Kaffee auf den Tisch. Sapher er­wartete zuerst eine neue Exzentrizität. Aber dann sah er, wie der Dr. einer Person zuwinkte, die sich in seinem Rü­cken befand. Er wandte sich halb herum und sah mit plötzlich einsetzendem Herzklopfen eine junge Frau nä­herkommen, die er vom Sehen kannte, die aber in einem anderen Flügel des Gebäudes arbeitete. Bislang hatte er noch kein Wort mit ihr gewechselt, da beider Abteilungen nur selten Austausch hatten. Nun würde er vielleicht etwas über das gut abgeschirmte private Leben seines Vorgesetzten erfahren können. Er spitzte, ohne es übri­gens zu bemerkten, die Lippen. Die heranschwebende Frau war ungewöhnlich attraktiv und jenen Tic ‚overdres­sed‘, der alle Blicke, auch neiderfüllte weibliche, auf die Qualitäten ihrer Körperlichkeit zog, die sie, sich deren Vorzüge durchaus bewusst, durch Art und Kleidung un­terstrich. Obwohl Sapher sich glücklich verheiratet fühlte und seiner Frau nicht nur aus Mangel an Gelegenheit, sondern auch aus Überzeugung treu war, wurde er doch jedesmal unruhig, wenn diese Schönheit in seine Nähe ge­riet. Er bestaunte sie mit großen Augen. Sie umgab sich mit einer erotischen Aura, mit der er nicht zurecht kam. Er rutschte unruhig mit dem Stuhl zur Seite. Sie setzte sich neben ihn an den kleinen Tisch und und bedachte ihn mit einem abgelenkten Kopfnicken, ohne dabei Klammer aus den Augen zu lassen.

»Sie habe ich gesucht, Herr Dr. Ich brauche Ihre Hilfe. Man hat mir in Ihrem Büro gesagt, dass ich Sie hier fin­den könnte. Bei mir sitzt im Moment ein Herr aus Grie­chenland, der behauptet, er sei vor etwa zwölf Monaten bereits einmal bei Ihnen registriert worden. Nun, im Computer haben wir ihn nicht, wenn sein Name nicht falsch geschrieben wurde. Könnten Sie deshalb in Ihren Akten nachsehen?«, fragte sie Klammer geschäftig und beugte sich halb zu ihm über die Tischplatte zu ihm hin.

Sapher sah die Beamtin von der Seite an und bewunderte den Profilschnitt ihres Gesichts, die Makellosigkeit ihrer Haut, die kein Pickel verunreinigte, und das perfekte Make-up, das sie morgens wahrscheinlich ebenso lang be­schäftigte wie der Sitz ihrer schwarzen, glatten Haare, die sie halblang trug. Sie hatte ein eng geschnittenes, grauka­riertes und sommerlich leichtes Kostüm an, dessen kurzer Rock im Sitzen viel von ihren bemerkenswert langen, haarlos glatten Beinen freigab, die in solch bedrohlicher, augenfälliger Nähe nicht gerade zu Saphers Seelenruhe beitrugen. An jedem Finger ihrer linken Hand steckten Ringe, sogar am Daumen. Sapher, den bereits der eine Ehering beim Tippen behinderte, fragte sich, wie sie auf diese Weise beladen arbeiten konnte. Der unauffällige Ge­ruch ihres Parfüms, der ein wenig an Rasierwasser erin­nerte, hing über dem Tisch. Sapher war viel zu sehr Ehe­mann und sich seiner eigenen Unzulänglichkeiten be­wusst, als dass er diese Schönheit mit dem Aussehen sei­ner Frau in Vergleich gebracht oder gar an den Versuch eines Flirts gedacht hätte. Sie war ihm ein lebendig ge­wordenes Model aus einer Modezeitschrift, viel zu perfekt und unnahbar, um in seiner Welt Realität zu nehmen. Klammer schob ihr über den kleinen Tisch einen der Kaf­fees entgegen. Sapher dachte in diesem Moment, die bei­den seien trotz des Altersunterschieds ein schönes Paar. Die Frau ignorierte das angebotene Getränk und holte aus ihrer kleinen Umhängetasche einen Zettel.

»Ich habe hier seine Personalien. Sein Name ist Konstan­tin Papadopoulos Kata … tasakinthoki … kiakis«, entzif­ferte sie und stolperte zweimal über den vielsilbigen Nachnamen, »was für ein Name! Können Sie, wenn Sie Ihre Kaffeepause beendet haben, nachsehen, ob Sie eine Akte über ihn haben? Es wäre wichtig.« War da ein Vor­wurf über ihren augenblicklichen Aufenthaltsort in ihrer Stimme? Sapher glaubte es fast.

»Konstantin Papadopoulos Katasakinthokiakis, selbstver­ständlich.« Der Name kam Klammer verblüffend glatt von den Lippen. Er nahm der Beamtin den Zettel ab und reichte ihn Sapher. »Sie werden sich doch darum küm­mern? Darf ich Ihnen übrigens meinen Herrn Kollegen, Monsieur Benjamin Sapher, vorstellen? Ich glaube, Sie hatten noch nicht das Vergnügen.« Er sprach den Namen wieder französisch aus.

Sapher warf einen scheuen Blick auf die Frau neben ihm. Er wollte Klammer berichtigen, sagte dann aber nur:

»Angenehm.« Wenn er ehrlich war, klang sein Name fran­kophon in der Tat besser; es schwangen ein ‚laissez faire‘ und Weltgewandtheit mit.

»Und das ist unsere Frau Rothschädl.«  Sie runzelte die Stirn, sah kurz zu Sapher, nickte erneut, registrierte wahrscheinlich zum ersten Mal bewusst seine Existenz. Ihr waren herrlich grüne, goldgesprenkelte Augen zu ei­gen, deren durchdringender Blick Sapher ein plötzliches weiches, wie durchsackendes Gefühl im Unterleib be­scherte. Er knitterte unschlüssig den Zettel mit dem Na­men des Griechen in seiner Hand.

»Sie trinken doch mit uns einen Kaffee?«, bestand Klam­mer.

»Aber Herr Katasakinthokiakis wartet auf mich in mei­nem Büro …« Jetzt kam auch sie mit dem fremdländi­schen Namen zurecht. Klammer streckte flink den Arm nach vorn und berührte sanft ihren Handrücken.

»Sie bleiben«, sagte er mit Nachdruck und die Beamtin blieb tatsächlich, offenbar war sie von seinem bestimmen­den Tonfall überrascht. »Lassen Sie Ihren Herrn Katasa­kinthokiakis ruhig warten. Ihr Anblick ist in der Tat ein wenig Geduld wert. Odysseus hatte zwanzig Jahre Ge­duld, bis er endlich seine schöne Penelope in die Arme nehmen konnte und schließlich steckt in jedem Griechen etwas von diesem listenreichen Heroen. Wir führen hier ein interessantes Gespräch, das Sie mit Ihrer Anwesen­heit bereichern würden. Bitte, Ihr Kaffee.«

Er schob die Tasse mit zwei Fingern der rechten Hand nä­her an die Beamtin heran. Sie führte den Kaffee tatsäch­lich sofort zum Mund, nippte. Dabei sah sie Klammer ins Gesicht, wirkte für einen Augenblick wie hypnotisiert.

»Nicht wahr, Frau Rothschädl, ich habe Sie erst kürzlich im Brandwirt auf der Lesung von Stefan Kappnath gese­hen«, fuhr Klammer fort. »Wann war das, am Dienstag vor einer Woche?«

Nutzlose Menschen – Roman (Leseprobe) – Teil 1

Ende dieses Monats, bevor ich mich in den Sommerurlaub verabschiede und wie in jedem Jahr zwei Monate lang ein analoges Leben führe, wird mein neues Buch „Nutzlose Menschen“ im Buchhandel erscheinen. Hier schon mal als Leseprobe für die ein oder zwei treuen Leser dieses Blogs ein paar Abschnitte des ersten Kapitels dieses zentralen Romans aus meinem „Jahrmarkt in der Stadt“-Zylus.

Nutzlose Menschen
Roman
250 Seiten
erhältlich gebunden und als E-Book

 

 

„Sie tun nichts, was wert ist, getan zu werden,
und sagen nichts, was wert ist, gesagt zu werden,
aber sie tun und sagen es immer und immer wieder …“
Saki

*

ERSTES KAPITEL
Die Beamten

»Ironie ist teuer. Sie kann sich nur erlauben, wer sie sich wirklich leisten kann«, erwiderte Klammer lächelnd. Er wischte mit einer strengen, konzentrierten Bewegung ei­nen hellen Fussel vom Revers seines lindgrünen Jacketts. »Das ist, auf einen allzu kurzen und auch durchaus eu­phemistischen Nenner gebracht, die Essenz der Philoso­phie des Hippias und etwas, das der nüchterne Platon dem Sophisten endothym nicht verzeihen konnte. Auch dem Chaos kann sich im Übrigen nur der lustvoll hingeben, der es versteht, eine gewisse Ordnung zu genießen.«

Sapher zuckte hilflos mit den Schultern.

»Entschuldigen Sie bitte, Herr Dr. Aber wie so oft verste­he ich Sie nicht.« Er drehte mit einer unbewussten Geste der Kapitulation seine Handflächen nach oben und seufz­te. »Wenn ich ehrlich bin, dann muss ich jetzt zugeben: Ich verstehe Ihre Plaudereien eigentlich nie. Sie sind doch jetzt seit zwei Jahren mein Vorgesetzter an der Behörde und fast an jedem Arbeitstag reden wir miteinander, nicht wahr? Und trotzdem habe ich immer den Eindruck, Sie reden nicht mit mir, sondern an mir vorbei, mit … ich weiß nicht, mit jemandem an einem ande­ren Tisch oder mit der Nachwelt. Ist das Ihre Absicht? Was sind denn das für Gedankengänge, die Sie immer wieder vor mir ausbreiten? Wen sollen sie beeindrucken? Mich verwirren Sie nur …«, sagte Sapher unsicher. Nikolaus Klammer erweckte bei ihm nicht den Eindruck, als habe er ihm zugehört. Sein Vorgesetzter sah mit seinem einge­frorenen Lächeln zum Fenster hinaus, als er antwortete:

»Es gibt nichts Erstaunlicheres als mich selbst«, zitierte er zum wiederholten Male seinen Lieblingsschriftsteller, »Sie und ich sind wie die zwei im Altersverhältnis zuein­ander umgekehrten Beamten Poiret und Bixiou. Verzei­hen Sie mir. Ich will Sie nicht verletzen, aber Sie sind ein eingeschränkter und – im positiven Wortsinn -, ein einfacher Bürger. Nehmen Sie es als Auszeichnung, wenn ich das nun sage, als eines der seltenen lobenden Worte aus meinem verbitterten Mund. Denn Ihre Rasse und Ihresgleichen, die doch den Staat erhalten, sind im Aussterben begriffen. Der Bourgeois stirbt in unserem bourgeoisen Land am Ennui und niemand verfasst seinen Nekrolog. Sie jedoch sind einer der letzten und das zeichnet Sie aus. Deshalb rede ich mit Ihnen auch nicht über Fußball, Autos oder Computer – von Dingen übrigens, von denen ich eh nichts verstehe.« Klammer wandte seinen Blick erst jetzt wieder zu Sapher, der ihm nun zwar aufmerksam, aber nicht minder fassungslos zuhörte.  »Der letzte Mohikaner, der letzte Kaiser, der letzte Zivi­list – der letzte Bürger! Ich denke, ich werde Ihnen zu Ehren einen Roman mit diesem Titel schreiben, ein homerisches Epos über die Suche nach einem Mann ohne Eigenschaften in einer verlorenen Zeit. Wissen Sie, Sa­pher, es ist ebenso leicht, sich ein Buch auszudenken, wie es schwer ist, eines zu schreiben. Ich denke schon eine ganze Weile darüber nach – und jetzt weiß ich auch endlich den ersten Satz des Werks, er ist mir gerade eingefallen.« Klammer setzte sich gerade und begann ausgelassen und von der eige­nen Eloquenz begeistert zu deklamieren:

»Hören Sie: „Aus dem bewegungslosen, amorphen Grau des heraufdämmernden, jungfräulichen Morgens, der in dieser schmutzigen, erbarmungslosen Verhöhnung all der Gründe, aus denen Menschen Städte bauten, so schnell al­terte und zahnlos wurde, vorverdaut von der sodomitischen Enge in den dampfigen Verkehrsmitteln, in einen Mantel stinkender Abgase gehüllt, schälte sich täppisch die ge­beugte Silhouette des letzten Beamten …“«

»Ich weiß nie, wann Sie sich über mich lustig machen. Wer ist dieser Bixiou, von dem Sie eben sprachen?«

»So unterbrechen Sie mich doch bitte nicht, denn solch ein Augenblick der Inspiration kommt unter Umständen nie wieder! Wenn ein kraftvoller Gedanke auf seinen traum­haften Schwingen einen Dichter entführt und ihn von den Umständen, die ihn hier einschließen, entfernt, indem er ihn durch die grenzenlosesten Regionen schleudert, wo die ungeheuersten Ansammlungen von Tatsachen zu Abs­traktionen werden, wo die größten Werke der Natur nur Bilder scheinen -, wehe ihm, wenn irgendein Lärm an sei­ne Sinne schlägt und die schweifende Seele in das Gefäng­nis von Fleisch und Bein zurückruft!«, ereiferte sich Klammer theatralisch. Wahrscheinlich zitierte er wieder einmal einen Autor des 1. Jahrhunderts, in dem er sich besonders wohl fühlte. Sein Gedächtnis war wirklich sensationell, denn alles, was er irgendwann gelesen oder aufgeschnappt hatte, konnte er lückenlos und fehler­frei wiedergeben. Er wirkte jedoch für einen Moment tat­sächlich verärgert.

»Sehen Sie, wenn der erste Satz stimmt, ist der Roman schon fast geschrieben, alles Weitere sind Fleiß und Zeit. Das sind zwei Dinge, die ich im Übrigen nicht besitze, denn Faulheit und Bewegungslosigkeit sind der normale Zustand aller Künstler.« Er legte die Hände vor seinem Mund wie zu einem Gebet zusammen. »Der erste Satz muss eine Mausefalle sein, er muss den Leser fassen und darf ihn für zweihundert atemlose Seiten nicht mehr von sich lassen. Was habe ich gesagt? Aus dem bewegungslo­sen, amorphen Grau eines beginnenden Morgens, der in unserer dreckigen Stadt so …, na, so schnell altert … und … und … vorverdaut wird?« Klammer runzelte die Stirn und machte dann eine wegwerfende Handbewegung. »Egal, es ist weg, eine weitere Perle ver­schwendet. Wir haben den Augenblick verloren. Nun wird Ihr Epos immer unvollendet bleiben. Es ist Bruchwerk, niedergeschrieben auf einem von der Zeit zerfressenen Pergamentfetzen. Es ist ein Fragment, das aus dem Fragment des ersten Sat­zes besteht. Das ist nicht viel, aber dieses Fragment, das doch Großes hoffen lässt, schenke ich Ihnen. Die­ses bewe­gungslose, amorphe Grau, ich eigne es Ihnen zu. Es ist ein Satz für Sapher.« Atempause. »Dabei fällt mir ein: Ihr Name, mein lieber Sapher, mein lieber Benjamin Sapher, das wollte ich Sie schon immer fragen, welcher willkürli­chen und humorvollen Gottheit verdanken Sie ihn? Er ist herrlich, ein Füllhorn des Wohlklangs, wie die So­natine von Ravel. Entschuldigen Sie bitte die schlechte Alliteratio­n, Herr Sapher, aber eine Metapher der Sappho kann nicht besser klingen: „… geschüttelt hat Eros mich wie der Sturm, der vom Berge her sich wild auf die Eichen stürzt.“ Wissen Sie übrigens, dass es nur ganz wenige Poe­ten gibt, deren Name allein schon ein wohlklingendes Gedicht ist? Ernst Jandl, Detlev von Liliencron, Durs Grünbein. Schrecklich, nicht wahr? Man will kein Gedicht von Menschen lesen, die so heißen. Aber hören Sie dage­gen: Hölderlin, Novalis, Walt Whitman, Sappho, Ovid und Erich Fried. Genießen Sie die Euphonie, das Versmaß, das Distichon. Benjamin Sa­pher, man muss Ihren Namen laut und mit französischer Akzentuierung aussprechen, um ihn völlig genießen zu können«, begeisterte sich der Dr., der mit jedem Atemzug, den er machte, auf ein neues The­ma zu stoßen schien.

»Meine Familie kommt von Großvaters Seite aus dem El­sass«, warf Sapher geschmeichelt ein.

»Vous appelez un chat un chat! Ihr Name ist strahlende Poesie, aber für ein bürgerliches Trauerspiel wie das un­sere ist er leider denkbar ungeeignet. Bei Schiller würden Sie eher von Kalb oder Wurm heißen – oder wie wäre es mit Schwerdgeburth? Das ist ein beredter, ein wunderba­rer Name, nicht wahr? So hieß, wenn ich mich recht ent­sinne, im vorigen Jahrhundert ein Freund von Johann Gottfried Seume, ein Maler … Haben Sie den „Spazier­gang nach Syracus“ gelesen?«

»Wie würde denn Klammer klingen?«, fragte Sapher leichthin und lächelte selbstsicher. In diesem Augenblick glaubte er, er könne seinem Vorgesetzten zum ersten Mal in diesem Gespräch Paroli bieten. Dessen Stimme wurde jedoch im Folgenden einen Hauch schärfer und kälter. Es war nur ein ephemerer Strich auf der Maßeinheit seiner Modulationsmöglichkei­ten, doch als er fortfuhr, genügte jener Hauch, Saphers Selbstzufrie­denheit über seine Schlagfertigkeit wie einen Krümel hinwegzuwischen und ihr Vorgesetzten-Untergebenen-Verhältnis wieder herzu­stellen:

»Sieh an, Sie zeigen Witz! Ihr Umgang mit mir erbringt erste Früchte. Also erscheint er doch nicht umsonst. Nun ja, vielleicht Klammer, warum auch nicht? Aber es lässt sich viel dagegen sagen. Der Name ist zu bedeutungs­schwanger, mit Inhalt und Symbolik überfrachtet. Niko­laus Klammer, das klingt wie Willi Loman, Wilhelm Meis­ter, Peter Kien, Stil­ler, Herr Keuner oder Darth Vader; da schwingt viel zu viel mit. Man darf einen Leser niemals für dumm halten, ihn nie unterschätzen. Deuten Sie nur an, wenn über­haupt. Sie dürfen mit dem Namen Ihrer Hauptfigur nicht gleich den ganzen Roman verraten. Neh­men Sie etwas opakeres, verschlüsselteres. Oder – noch besser -, Sie schlagen ein Telefonbuch auf, dort finden Sie so viele Namen und Geschichten …«

Sapher, der das merkwürdige Gespräch gerne beenden wollte, sah kurz auf seine Uhr. »Ich unterbreche Sie nur ungern, Herr Dr., aber die Arbeit ruft.«

»Es ist schon zehn?«, fragte Klammer, der nie eine Uhr trug.

»Bereits ein paar Minuten danach.«

Klammer schüttelte den Kopf: »Meine liebe Sappho, Sie werden mir unpünktlich. Aber bleiben Sie doch, heute ist Freitag und ich gebe Ihnen Dispens! Nein, wirklich. Krea­tive Menschen wie wir brauchen die Muße, ihre Gedanken zu entwickeln. Die Freiheit der Fantasie hat Marasmus zur Folge. Außerdem ist es hier unter dem Ventilator an­genehm kühl. Ist es paradox, wenn es mich bei dem Ge­danken an unsere überhitzten Zimmerfluchten fröstelt?« Klammer lachte, nahm Sapher an der Schulter und drückte ihn zurück in den Stuhl, aus dem er sich, über den Tisch gebeugt, bereits halb erhoben hatte. Ergeben gehorchte er dem sanften Druck seines Vorgesetzten. »Ihr Publikumsverkehr muss eben einen Moment warten. Viele werden es jetzt in der Urlaubszeit und bei diesem Wetter eh nicht sein. Ich will Ihnen etwas verraten. Es ist ein offenes Geheimnis und mich wundert, dass Sie es noch nicht kennen: Die Leute, mit denen wir es hier im Amt zu tun haben und die sich jeden Tag in unseren Gängen drängen, die wollen warten. Die kommen nur deswegen hierher. Helfen können wir ihnen nicht, das wissen wir beide nur zu gut. Die Leute ahnen das ebenfalls. Aber indem wir sie warten lassen, schenken wir ihnen eine kurze Hoffnung, einen versteckten Zugang zu Pandoras Büchse. Die halbe Stunde, vielleicht sogar Stunde, die sie ungedul­dig vor unseren Türen verharren müssen, in stummer Ei­fersucht in die Gesichter derer starrend, die näher bei der Tür sitzen oder einen Zettel mit einer niedrigeren Nummer in den Fingern haben, diese Stunde ist weit wichtiger als das kurze, ergebnislose Gespräch mit uns, unser resignie­rendes Kopfschütteln, unsere Vertröstungen, Formulare und neuen Termine, sogar unser Geld. Warum haben die­se Leute so selten etwas zum Lesen dabei oder sonst eine Beschäftigung? Warum stricken sie nicht einen Pullover? Haben Sie sich das schon einmal gefragt? Die Antwort ist: Weil sie sich das Warten nicht durch ei­nen Zeitvertreib verkürzen wollen- Denn in jenen endlosen Momenten des Geduldens hegen sie die geheime, ihnen selbst nicht ganz bewusste Hoffnung, es würde diesmal anders werden. Heute, bilden sie sich ein, sind sie nicht schon wieder um­sonst gekommen, sondern sie werden vielleicht wirklich etwas erreichen können. Das ist wie beim Lotto spielen. Solange die Ziehung der Zahlen noch nicht war, bin ich Millionär. Und gleichzeitig spüren die Leute: Es gibt noch etwas anderes, als wie Estragon  auf den Fluren von Behörden vergeblich auf das Erscheinen von Go­dot zu harren. Es wird ein Gefühl geweckt, eine Begierde nach der Familie und nach Betätigung. Wir schenken den Menschen etwas Nachdenken, ein Stück Leben, das sie in der modernen Welt verloren haben. Vielleicht ist das un­sere eigentliche Aufgabe als Beamte.«

»Sie sind wieder zynisch, Herr Dr.«

Klammer kniff wie verärgert die Augen zusammen und überraschte Sapher mit einem plötzlich ernsten, abschät­zenden Blick. Dann lächelte er und sein Gegenüber folgte seinem Beispiel unsicher. »Ich sagte schon, man muss sich Ironie leisten können. Ich hätte auch sagen können, dass ich bei meinem mickrigen Gehalt niemals ironisch, zy­nisch oder gar sarkastisch bin. Im Ernst, lassen Sie des­halb die Leute ruhigen Gewissens warten, wir unterhal­ten uns heute so gut.«

Sie unterhalten sich heute so gut, Herr Dr. Klammer, dachte Sapher. Zum ersten Mal während seines Gesprächs mit seinem Vorge­setzten sprach er einen Gedanken nicht aus. »Wer ist Bixiou?«, fragte er stattdessen erneut, ohne eine Antwort zu erwarten. Er bekam sie auch nicht.

Eine andere Art der Liebe – Erzählung (Schluss)

[Zum 1. Teil]

 

Eine andere Art der Liebe
Eine Erzählung (Schluss)

Die nicht mehr junge Bedienung geht zu dem Mann hinüber. Besitzergreifend hebt er seine Arme. Sie lässt sich von ihm an ihrer Hüfte umfas­sen, während sie in seinen Block sieht und beifällig lacht. Sie beugt sich dabei  vornüber. Ihre Bluse klafft auf; sie trägt keinen BH. Der Maler sagt ein paar Worte und greift ohne Scham an eine der dargebotenen Brüste. Die Frau schlägt ihm sofort auf die Fin­ger. Aber sie lächelt, als sie sich geschickt aus seinen Armen schäl und einen Schritt zurückweicht. Szczes­ny bemüht sich nicht, wegzusehen. Die Bedienung strahlt eine ranzige Sexualität aus, der Rock ist viel zu kurz für die stämmigen Bei­ne und wirft Falten am Gesäß. Und damit bin ich wieder beim Thema, denkt Szc­zesny. Alles dreht sich nur ums Ficken. Alle tan­zen ums goldene Kalb. Sie haben den Sex im Kopf. Das ist der Ort, an den er am wenigsten gehört. Ich habe mal gelesen, dass die jungen Japaner überhaupt keinen Sex mehr haben, weil sie nur noch an ihn denken.

Bei Szczesny ist das nun anders. Seit eben, seit er hier sitzt. Er ist ein anderer Mensch. Er kann an­ders lie­ben, die Balz ist ihm fremd geworden. Sie stößt ihn ab. Er hat sich ver­ändert. Keinen Weg gibt es mehr zurück. Alles wird nun anders, besser. Noch sind diese Gedanken unklar und ver­worren. Aber er erkennt eine Linie, er hat das Puz­zle, kennt das Bild, nur die vielen Teile verwirren ihn noch. Im Moment ist ihm das noch neu und un­gewohnt, aber er wird es verstehen, damit leben, besser als bisher.

Ich habe das Ficken hinter mir. Ich bin das Ende. Jetzt kann ich mein Leben ganz auf Clara konzen­trieren. Was kümmert mich Henry mit seiner Stier­potenz? Ich bin edel, wie ein Priester. Das ist wie Epilepsie, etwas ehrfurchtgebietendes. Es macht mein Leben wertvoller, tiefer. Das werde ich ihrem Bruder sa­gen. Das muss ich unbedingt Clara sagen. Sie wird es verstehen. Szczesnys Gedanken verwirren sich, immer wichti­gere Erkenntnisse kommen ihm in den Sinn. Er hält die Lösung aller Probleme in der Hand; er hat den Sinn des Lebens erfasst.

Er hat es sehr eilig, nach Hause zu kommen. Er winkt der Bedienung, obwohl er seinen Kaffee noch nicht getrunken hat. Sie beugt sich auch über seinen Tisch, um sein Geld in Empfang zu nehmen. Offenbar ist das ihre Masche, mehr Trinkgeld einzustreichen. Nun darf Szczesny exklusiv unter ihre Bluse sehen und ihre schlaffen Brüste mit dem gro­ßen, dunklen Warzenhof bewundern. Aber er lächelt nur spöttisch  und kneift die Augen zusammen. Nirgendwo ist Begierde in ihm, nirgendwo spürt er Verlangen. Da ist nur Gleichgültigkeit. Er begegnet der Frau gelas­sen, sein Geschlecht ist gesichert und ruhig. Er sieht sie wissend an und sein Lächeln wird breiter, überheblich. End­lich bin ich gesund, denkt er und erfreut sich an dem Paradox. Er nickt dem Maler zu, der ihn nun nachdenklich und zögernd mustert. Offenbar hat er erkannt, dass das Bild, das er von ihm skizziert hat, nicht die ganze Persönlichkeit aufdeckt.

Szczesny verlässt das Lokal. Es schneit wieder, kleine, harte Flocken wehen in Szczesnys Gesicht und brennen wie glühende Funken auf seinen Wangen. Das Wet­ter passt zu seiner Stimmung. Endlich geht er heim, auf dem geraden Weg, denn er muss der Konfrontation nicht mehr ausweichen. Schon von der Eingangstür aus sieht er Clara ihre Erwartung an und bemerkt er ihre Neugierde. Sie sitzt im Wohnzimmer und strickt, aber sie lässt ihn keinen Moment aus den Augen, während er in den Gang tritt. Das Radio läuft. Mozart. Das ist ihre Schreibmusik.

Sorgfältig hängt Szczesny seinen Mantel in den Schrank, stopft seine nassen Schuhe mit Zeitungs­papier aus. Er lässt sich Zeit, bevor er ins Zimmer geht. Denn er will alles richtig machen. Er küsst seine Frau auf die Wange, setzt sich neben sie auf das Sofa. Clara fragt nicht, wo er so lange gewesen ist und was er gemacht hat. Eine Weile schweigen die beiden. Szczesny blättert in der Fernsehzeitung. Wo ist die Fernbedienung?

„Ich habe deine Lohnsteuerkarte nicht bekommen“, sagt er plötzlich, wirft das Heft vor sich auf den Tisch. „Die wollten mir keine geben …“ Ein Anfang ist gemacht, denkt er. Er holt aus, erzählt von sei­nem Erlebnis auf dem Amt, spürt dabei wieder die Wut und die Hilflosigkeit. Clara sieht nur kurz von ihrer Strickarbeit auf, runzelt unwillig die Stirn.

„Und was wusste der Arzt?“, unterbricht sie ihn schließlich. Sie klingt sehr beiläufig.

„Kein Ergebnis. Bei mir ist alles in Ordnung“, lügt Szczesny glatt. Warum mache ich das? Ich wollte ihr doch die Wahrheit sagen. Ganz entspannt, einfach mich zu ihr setzen, sie in Arm nehmen und von der neuen Liebe erzählen. Ihr deutlich machen: Das ist belanglos. Sie soll spüren, dass es nicht wichtig ist. Wir wollen doch beide keine Kinder. Jetzt hat alle Lösungen, die er im Café gefunden hat, verloren. Sie haben sich in diesem Zimmer auf­gelöst, sind wie Rauch an die Decke gestiegen. Der Magen schmerzt wieder und der alte Gedan­ke kehrt zurück:

Ich bin ein Versager. Szczesny sieht seine Frau trot­zig an, nimmt seine Lüge nicht zurück. Sag was, denkt er. Tu was. Sein Blick gleitet an ihr herab, bleibt an dem dunklen Nylon ihrer Strumpfhose hängen. Szc­zesny will rauchen, aber er hat die Schachtel mit den Zigaretten im Café liegengelassen. Außderdem hat ihm Clara verboten, sich im Haus eine anzustecken. Und bei diesem Wetter geht er ganz sicher nicht noch einmal vor die Tür.

„Ich will mit dir schlafen“, sagt er schlicht, um sie und sich selbst abzulenken, rückt dabei an seine Frau heran. Er küsst sie, sucht mit seiner Zunge in ihrem Mund, der sich nur zögernd öffnet. Noch ist Clara unentschlossen, aber dann legt sie mit einem leisen Seufdzer das Strickzeug beiseite. Sie wehrt sich nicht. Szczesny schiebt eine Hand unter ihren Rock. Jetzt begehrt er sie wirklich. Das Paar kippt seitwärts auf die Couch. Noch ist Clara ein we­nig starr. Szczesny schiebt mit der freien Hand ihren Pullover nach oben, küsst halb beißend den durch­sichtigen Stoff ihres BH’s, spürt an den Lippen, wie ihm ihre Brustwarzen entgegenwachsen. Nun be­wegt sich Claras Unterleib, ihre Beine gleiten aus­einander, Szczesny findet einen Weg unter die Strumpfhose, er fühlt Feuchtigkeit an den Fingern. Zielbewusst und fest reibt Clara an seiner Hose, öff­net ungeschickt den Reißverschluss. Sie atmet schnell und flach, greift nach.

Plötzlich ist das Ticken der Küchenuhr zu hören, der Sekundenzeiger wandert angestrengt empor.

Beide sind still. Szczesny spürt hitzige Scham. Ein Vorwurf ist zuerst in Claras Augen, dann eine Frage. Sie zieht ihre Hand von seinem schlaffen Penis zu­rück, richtet sich halb auf. In ihrem Gesicht tauchen hektische rote Flecken auf. Szczesny fühlt Endgültig­keit, ein letztes Versinken.

„Ich bin schwanger“, sagt Clara in die entstehende Stille hinein. Szczesny erwidert kein Wort.

ENDE

 

Eine andere Art der Liebe – Erzählung (Teil 9)

[Zum 1. Teil]

 

Eine andere Art der Liebe
Eine Erzählung (Teil 9)

Jetzt brauchte sie nur noch ein Kind oder besser zwei, um den Moment festzumauern, der ihr Frei­heit war, auf den sie seit ihrer Pubertät hingearbei­tet hatte: Dann hatte sie es endlich geschafft und ihr Le­ben war in trockenen Tüchern. Aber ausgerechnet zum Kindermachen war ihr von Ehr­geiz zerfressener Mann nicht in der Lage. Aber auch da hatte sie end­lich einen einfachen, recht auf­wandslosen Ausweg gefunden. Dieser Sturm war ausgestanden. Sie war der Grashalm, stolz und un­gebrochen, allerdings ei­ner mit einer kleinen Schreibblockade.

Gitta räusperte sich. Ihr wurde das Schweigen zwi­schen ihr und ihrer in sich selbst versunkenen Freundin zu lang. Deshalb kramte sie einen neuen Gesprächsbeginn aus ihrer schier unerschöpflichen Kiste mit Konversations-Satzbausteinen, mit denen sie ganze Partys überstehen konnte. Vielleicht gelang es ihr auf diese Weise, sich den Themen anzunähern, die sie wirklich interessierten: „Habt Ihr euch schon entschieden, wo ihr an Ostern Ferien macht? Geht es wieder nach Südtirol?“, fragte sie.

Clara nahm einen Schluck aus ihrer Tasse, deren Inhalt für ihren Geschmack viel zu schnell abge­kühlt war. Kaffee konnte sie nur brühendheiß genie­ßen. Aber sie trank tapfer weiter, denn sie hatte sich inzwischen mit ihrem Schicksal abgefunden, dass sie heute Nachmittag einfach kein ordentliches Heißgetränk mehr zustande bringen würde. Wahr­scheinlich hatte dieses Versagen psychologische oder neurotische Gründe, die tief in ihrem Unterbewuss­ten verankert waren und von de­nen sie keine Ah­nung hatte. „Es wäre eigentlich eine interessante Erfahrung, sich mal mit dem eigenen Über-Ich zu unterhalten“, dachte sie und schob ihre leere Tasse kopfschüttelnd zur Seite. „Aber wahrscheinlich würde es mich verrückt machen, wenn ich erfahren würde, wie viel ich dort vor mir selbst verstecke. Mein Unterbewusstsein ist das Gemälde von Dorian Gray.“ Auch diesen Gedanken sollte sie sich bald notieren, bevor sie ihn wieder verlor. Sie wischte sich mit dem Daumen den Milchschaum aus den Mundwinkeln und ließ sich endlich herab, Gittas Frage zu beant­worten. Sie hätte sie jetzt gerne aus dem Haus kom­plimentiert, aber sie wusste, dass das nicht ging.

„Ostern und Pfingsten werden wir ganz brav zuhause bleiben. Ich muss schreiben und Norbert hat viel zu viel Arbeit in seiner neuen Stellung, um im Moment an Urlaub zu denken. Seltsam, jetzt haben wir endlich das Geld, aber keine Zeit, es auszugeben. Ende Juli, zu Beginn der Sommerferien, werden wir wahrscheinlich für eine Woche oder so meine Schwester in Bad Hindelang besuchen und dort ein bisschen wandern. Henry kommt wahrscheinlich auch mit seiner Familie. Du weißt ja, Hanna führt mit ihrem Mann Josef eine kleine Pension mit Zimmern und Ferienwohnungen am Hinterstein. Das war es dann aber auch. Das ist auch noch eine ganze Weile hin. Mir würde es schon mal reichen, wenn dieser Februar endlich vorbei ist – 28 Tage, aber gefühlt der längste Monat des Jahres!“

„Und wie geht es deinen Nichten? Wie heißen sie doch gleich?“

„Marga und Bettina. So weit ich weiß, ist alles im grünen Bereich. Marga ist in einem schwierigen Alter; sie wirkt wesentlich erwachsener und reifer, als sie ist. Es ist kein Spaß, mit sechzehn in der Provinz zu leben. Sie schreibt. Ganz merkwürdige Sachen, sehr kompliziert und für einen Teenager erstaunlich tiefgründig, Essays und so, Philosophisches. Sie hat mir vor Weihnachten etwas geschickt und ich weiß nicht so recht, was ich damit anfangen soll. Ich muss zugeben, dass ich nur die Hälfte davon verstehe. Zumindest bin ich nicht die einzige in meiner prosaischen Familie, die Literatur macht. Vielleicht gibt es doch ein Schriftsteller-Gen bei uns. Auch Henrys Sohn Daniel schreibt, seit er in die Schule kam; allerdings nur so Fantasy- und Herr-der-Ringe-Zeug. Und natürlich Gedichte; in dem Alter dichten die Jungs alle. Daniel ist irgendwie noch ein richtiges Kind, obwohl er zwei Jahre älter als Magda ist. Jungs stecken ewig in der Pubertät. Ich glaube, bei Männern endet sie erst, wenn sie über dreißig sind.“

Gitta lächelte unverbindlich und tauchte nachdenklich ihren Löffel in den Milchschaum, der an der Innenseite ihrer Tasse klebte. Genussvoll schob ihn sich in den Mund und leckte ihn ab. Sie konstatierte für sich, dass dieses Gespräch über Claras Nichten und Neffen zu nichts führte. Ihre Geduld war zuende. Sie deutete deshalb mit dem mit dem Löffel in Richtung Bücherregal und spritzte dabein ein paar Milchflecken auf den Tisch.

„Apropos Literatur: Willst du nicht endlich diesen Umschlag aufma­chen, den dir der nette Briefträger gebracht hat? Ich bin ja so gespannt“, fragte sie.

Clara nick­te. Sie hatte sich längst entschieden. Und der Gedanke an ihre Nichte Marga, die voller Wut war und aus den beengten Verhältnissen ausbrechen wollte, in denen sie lebte und ebenfalls die Literatur entdeckt hatte, bestätigte sie. Warum auch nicht? Dies war ein Tag der Entscheidungen. Sie trat zu ihren Büchern, die ihr mehr bedeuteten als ihr Leben, mehr als ihre Familie, ihre Freunde und viel mehr als ihr Mann. Leben oder Schreiben, das war die Alternative. Clara hatte sich für das Schreiben entschieden. Sie benötigte kein aufre­gendes Leben. Sie war Schriftstellerin – egal, ob ihr Verleger ihr neues Manuskript annahm oder nicht. Schriftstellerin zu sein, das war kein Beruf und auch nicht von äußerem Erfolg abhängig, sondern eine Eigenschaft von ihr wie die Farbe ihrer Haare und ihre Eigenarten. Sie zog den schlichten, braunen Umschlag heraus und riss ihn umstandslos auf. Daran bemerkte sie ihre Aufre­gung. Normalerweise hätte sie zuerst aus ihrem Ar­beitszimmer den rasiermesserscharfen Brieföffner geholt und den Umschlag sorgsam aufgeschnitten, damit sie ihn noch einmal verwenden konnte.

Clara griff in die Versandmappe. Wie erwartet fand sie in dem mit kleinen Plastikluftpolstern gefütterten Umschlag ihr Manuskript, daran geheftet eine mehrere Seiten dicke Korrekturliste des Lektors, die sie noch nicht beachtete. Sie würde sich noch lange genug mit den Anmerkungen des überpeniblen und strengen Dr. Engold befassen müssen. Die Autorin interessierte sich allein für den beiliegenden Brief ihres Verlegers. Ihre Augen brannten und es fiel ihr schwer, den Text zu verstehen, den sie las.

„Und …?“ Gitta beugte sich interessiert nach vorn. „Was schreibt dein Verleger denn?“

Clara lächelte.

Szczesny rührt in der Kaffeetasse, doch der Zucker löst sich nicht auf. Er raucht. Eben hat er sich von der Bedienung eine neue Schachtel bringen lassen. Ihm ist wieder übel, der Espresso wühlt in seinem Magen, auch der Durchfalldruck ist zurückgekehrt. Szczesny weiß: Diese Unbilden sei­nes Körpers existieren nur in sei­ner Einbildung. Einzig seine verkrüppelten Spermi­en sind echt, alles andere ist psychosomatisch. Dabei ist er in Sicher­heit. Im Warmen im Café sitzen, rau­chen, in einer Tasse Kaffee rühren, ziemlich nahe dran am Glück. Was Cla­ra nur mit diesen grauenvollen Tees hat? Manchmal riecht bereits ihre Kleidung nach Ingwer und Melisse.

Szczesny hat sich einen Platz in der Nähe der Hei­zung ausgesucht. Sie blubbert und strahlt kaum Wärme aus. Viele Tische sind leer. Das Lokal ist am frühen Nachmittag kaum besucht. In der Ecke hockt ein junger, ungepfleg­ter Kerl. Er hat fettige Haare und einen Voll­bart. Aufmerksam zeichnet er in ei­nem großen Block, die Koh­lestifte liegen vor ihm auf dem Tisch.

Das ist ein Maler, denkt Szczesny. Er sieht oft auf und zu mir herüber. Ich bin sein Modell. Er fragt sich, ob man ihm seine Behinderung in seinem Ge­sicht entdecken kann. Ich könnte ihn fragen, sollen ja gute Beobachter sein, die Maler. Aber ich bin ja selbst ein guter Beobachter. Der Spiegel starrt zurück, Maler.

[Zum Schluss …]

 

Eine andere Art der Liebe – Erzählung (Teil 8)

[Zum 1. Teil]

 

Eine andere Art der Liebe
Eine Erzählung (Teil 8)

Am Heiligen Abend vor zwei Jahren war das gewesen. Er erinnerte sich gut. Es wurde viel ge­trunken. Claras damals schon recht wirre Mutter war bereits in die Christmette gegangen, Henry machte mit seiner Familie Skiurlaub im Tannheimer Tal. Nur Norberts Eltern waren also noch zu Besuch, sein Vater von Punsch und Sekt bereits be­trunken. Das Gesicht des alten Herren glühte. Szczesny ging mit ihm in den Keller, um eine besondere Flasche Rotwein zu holen. Er hielt seinen Vater am Arm gefasst, denn der Pensionär hatte bereits Schwierigkeiten beim Treppensteigen. Vater und Sohn hatten sich noch nie verstanden, aber die Zeit hatte eine Gewöh­nung, besser gesagt, einen Waffenstillstand, geboren. Szczesny mochte ihn auf eine unbestimmte Weise schon, sei­nen Vater, der bereits seit Stunden vom Krieg redete. Im Keller angelangt, nahm ihn der Alte an der Schulter und zog ihn herum, umarmte ihn. Szczesny roch die Fahne und die körperliche Nähe war ihm sehr unangenehm.

„Sag mal, wollt ihr denn kein Kind?“, fragte der Va­ter. Szczesny kannte den Wunsch. Aber sein Vater hatte ihn noch nie so deutlich ausgesprochen. Der Alkohol sprach aus ihm und die Sentimentalität an Weihnachten. Szczesny legte sich ein paar Ausreden zurecht.

„Ach, weißt du. Momentan wollen wir noch kein Kind. So lange ich keine bessere Position in der Fir­ma habe, können wir uns auch keinen Nachwuchs leisten. Clara verdient in der Galerie viel zu wenig.“ Szczesny dachte an seinen Vorgesetzten Kerner. Dieser unfä­hige Mann hielt seinen Posten fest in seinen Hän­den. Nur über dessen „Leiche“ würde er es nach oben schaffen.

„Das ist doch eine Ausrede, Norbert! Die Zeiten waren nie besser. Und früher hatten die Leute auch Kinder. Meinst du, für uns war es in den Sechzigern einfacher? Wir hatten auch wenig Geld …“

„Glaub mir, wir wollen schon ein Kind …“, beharrte Szczesny und fühlte sich als schlechter Lügner durchschaut. Sein Vater schob sich näher an ihn heran, drückte sich nun ganz eng an seinen Sohn. Szczesny befürchtete, er würde ihn jetzt streicheln.

„Weißt du, Enkelkinder wären schön, schau …“, der Alte verstummte, zwinkerte ihm zu, „das wäre die größte Freude, die du mir und Mutter noch machen könntest. Ein Enkelchen.“

„Du bekommst eines, wenn wir es uns leisten kön­nen“, erwiderte der gute Sohn. Sein Vater gab sich zum Glück damit zufrieden und zu Szczesnys Erleichterung endete der unangenehm private und peinlich intime Moment zwischen ihnen. Aber ihn ihm selbst wühlte es nun; er hing an dem Angelhaken, den sein Vater ausgeworfen hatte. Er dachte kopfschüttelnd an seine Frau, die noch lange nicht schwanger werden und auch noch kein Kind wollte, weil es ihr absolut nicht in ihren großen Plan passte, eine berühmte Autorin zu werden.

Noch am gleichen Abend hatte das Ehepaar deswegen seinen ersten Streit. Clara verwahrte sich fast hysterisch gegen die Vorstellung, ein Kind in die Welt zu set­zen, nur um Norberts Eltern eine Freude zu machen. Sie wolle Schriftstellerin werden und kein Haus­mütterchen! Nachdem sie wutentbrannt das Zimmer verlassen und die Tür laut hinter sich zugeschlagen hatte, saß Szczesny still vor den niedergebrannten Kerzen des Adventskranzes und wunderte sich. Wor­um stritt er? Schließlich war er ja der gleichen Mei­nung wie seine Frau.

Nach einem Jahr verdiente Szczesny mehr und Cla­ra gab sich ganz plötzlich geschlagen. Es war während der Zeit, kurz nachdem ihr Buch im Welkenbaumverlag veröffentlicht worden war und sie ihre fünf Minuten Prominenz genossen hatte. Das Laven­delbett. Was war das für ein strunzdummer Titel! Aber der Roman verkaufte sich für ein Erstlingswerk hervorragend. Clara wirkte auf ihren Mann wie ein müde gekämpfter Krieger, der schließlich seine Waffen vor der Übermacht streckt. Sie gab auf und setzte die Pille ab. Doch sie wurde nicht schwanger. Es war Szczes­nys Vater, der der darauf beharrte, Clara solle sich doch einmal untersuchen lassen. Eine unfruchtbare Frau sei nur eine halbe Frau, bemerkte er abfällig. Clara ging nur zum Arzt, um dem Gerede ein Ende zu setzen. Die Unter­suchung zeigte, dass sie organisch völlig gesund war und jederzeit ein Kind empfangen und austragen konnte. Henry, der die Erniedrigung seiner Schwes­ter sehr wohl gespürt hatte, nahm Szczesny an dem Abend ihres Wettsaufens beiseite: „Willst du dich nicht auch mal untersuchen lassen?“, hatte er den Finger gezielt in die offene Wunde gelegt.

„Willst du liegenbleiben?“, fragt die Hure und reißt Szczesny aus seinen trüben Gedanken. Sie zieht sich erstaunlich schnell an.

„Ich habe unten an der Rezeption für eine Stunde bezahlt“, erklärt er müde und ärgert sich. Die Frau nickt gleichgültig, sieht noch einmal in ihrer Handtasche nach dem Geld.

„War nett mit dir. Also, auf ein andermal …“, sagt sie, zögert kurz. Doch dann fällt die Tür fällt kaum hörbar ins Schloss. Ich bin allein, denkt Szczesny. „Ich war die ganze Zeit allein“, sagt er laut. Jetzt weint er doch.

Claras Herzschlag beschleunigte sich, aber sie trat be­tont gleichgültig mit den beiden Cappuccinos in der Hand zurück zum Küchentisch, stellte die Tassen ab und holte zu­erst noch braunen Zucker, zwei Löffel und die Keks­dose mit den selbstgebackenen Amarettini. Erst dann nahm Clara die Pappschachtel in die Hand, die ihr ihre Freundin für sie vom Einkauf mitgebracht hatte, wog sie für einen Moment unschlüssig. Dann griff Clara hinter sich und ließ die Schachtel in einer Schublade der Vitrine hinter ihr verschwinden. Sehr entschieden schob sie die klemmende Schublade zu­rück und sie hätte sie wohl verschlossen, wenn sie die Möglichkeit dazu gehabt hatte. Dann holte sie aus dem Wohnbereich ihren Geldbeutel. Gitta beobach­tete sie neugierig, aber stumm und tauchte ihren Löffel in den mit Zimt überpuderten Schaum in ih­rer Kaffeetasse.

„Wie viel kriegst du?“, fragte Clara mit geschäfts­mäßigem Ton. Gitta fasste in die Tasche ihrer Jeans und erwischte schon auf den dritten Versuch den richtigen Kassenzettel.

„Sechs, neunundvierzig“, las sie den kleingedruck­ten Betrag ab. Sie musste sich dazu zum Licht beu­gen. Gitta sah auf. „Warum können die nie glatte Beträge verlangen? Mein Portemonnaie ist durch die ganzen Messing- und Kupfermünzen so voll, dass es wirkt, als habe es Blähungen …“ Sie zögerte, aber Clara reagier­te nicht. „Ich gehe schon ganz schief, wenn ich es in der Tasche habe.“
Clara zuckte mit den Schultern und reichte ihrer Freundin einen Zehn-Mark-Schein. „Da, der Rest ist fürs Bringen.“

„So werde ich mein Kleingeld aber nie los“, protes­tierte Gitta, aber sie schob den Schein gehorsam in ihre Hosentasche.

Dann saßen die beiden Frauen am Esstisch, rühr­ten in ihren Getränken und schwiegen. Clara über­legte, wie sie es am Besten anstellte, ihre Nachbarin aus der Wohnung zu komplimentieren, ohne sie zu beleidigen. Sie wollte sehen, was ihr Lektor ge­schrieben hatte und dann diese andere dumme Sache hin­ter sich bringen. Vielleicht würde es ihr auch noch gelingen, ein paar Sätze von ihrem neuen Roman zu tippen. Sie spukten schon die ganze Zeit in ihrem Hinterkopf und sie hoffte, sie würde sie nicht verges­sen, bis sie die Gelegenheit fand, sie niederzuschrei­ben. Da war das mit dem Bergsteiger und dem Mi­nutenzeiger und …

„Schau mich an: Ich bin der Grashalm und glitzere noch von den kühlen Tropfen, die die Winde der Nacht auf mich tränten. Ich beugte mich vor seiner Gewalt und überlebte. Der Sturm ist weiter gezogen, hat sich zur sanften Brise erschöpft. Und ich richtete mich wieder auf. Stolz und …“, repetierte sie in Gedanken. Hier fehlte ein Wort und das ganze Gleichnis hinkte, knirschte, war schleppend. Gab es das nicht auch schon viel besser formuliert? Wie war das noch in diesem Gedicht von Bert Brecht, das mit dem Baum Griehn? Sie hatte einmal gelesen, dass man erst tausend Bücher lesen müsse, bevor man selbst eines schrei­ben dürfe. Das Gegenteil ist der Fall, dachte sie. Je mehr sie las, um so schwerer fiel ihr das Schreiben. Vergli­chen mit dem, was es schon gab, war ihr Zeug ein­fach … schlecht. Da hatte sie sich nun endlich den Freiraum erkämpft, ihre Literatur zu machen und sich ihren Lebenstraum zu erfüllen. Alles hatte sie darauf ausgerichtet. Die Ehe, das kleine Reihenhaus im Weichbild der Stadt. Sie musste nicht mehr arbeiten gehen, Norbert war befördert worden und verdiente das Geld, das sie brauchten allein. Er hatte ihr sogar ein kleines Schreibzimmer eingerichtet und die Engelsgeduld gehabt, der vollkommenen Anfängerin den Umgang mit PC und WORD zu erklären.

[Zum 9. Teil …]

 

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