Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren – Ein phantastischer Roman (4.4)

[Zum 1. Teil]

Das Intermezzo im Buchladen hatte höchstens zehn Minuten gedauert, da war sich Klammer sicher. Aber die schmale Vicolo vor der Ladentür lag still in der Abenddämmerung und war vollkommen menschenleer. Im Schatten der sich nahe gegenüberstehenden, wie sich schützend einander zuneigenden Häuser war es spürbar kälter geworden. Das näherkommende Knattern von mehreren Motoren drang an Klammers Ohren. Er sah sich nach dem Avvocato Ienalli um, doch der lehnte nicht mehr an der Häuserfront und leckte seine Wunden und sein angeschlagenes Ego. Offenbar war mehr Zeit vergangen, als der Autor gedacht hatte. Aber war er nicht nur ein paar Augenblicke – viel zu kurz für seinen Geschmack! – in der Buchhandlung zusammen mit seiner Tochter und den anderen gewesen? Irgendwie hatte er jetzt das Gefühl, es sei inzwischen mindestens eine Stunde vergangen und die Kühle eines Abends im April manifestierte sich fast schon als Nebel über dem brüchigen und vielfach ausgebesserten Asphalt. Er hörte das Geräusch einer sich schließenden Tür hinter sich. Verenas Miene verfinsterte sich. Marini war den beiden gegen ihre ausdrückliche Anweisung nach draußen gefolgt und ebenfalls aus der Buchhandlung getreten. Gerade verschloss er den Eingang gewissenhaft hinter sich. Offenbar war es um den Gehorsam von Verenas Gefolgsleuten – Pagen? – doch nicht so gut bestellt, wie Klammer gedacht hatte. Er war neugierig, wie sich Marini verteidigen würde.

„Waren meine Anweisungen etwa nicht deutlich genug?“, fragte Verena scharf.

Certo! Das waren sie. Aber seit wann ist unser kleiner Geheimbund eine Diktatur, in der du der Tyrann bist? Ich finde, es wäre doch besser, wenn ich mit euch mitkomme. Mercedes und Isa kommen gut ohne mich zurecht, aber euch kann ich helfen“, führte Marini gelassen aus, nachdem er den Schlüssel sorgfältig in seine Hosentasche gesteckt hatte. Er hob in opernhafter Verzweiflung die Hände vor sich, als würde er an einem Apfelbaum schütteln. „Überlege doch mal, Elena: Drei Zeugen sind erst einmal wesentlich überzeugender als zwei – schließlich kenne ich im Gegensatz zu Niccolo die ganze Geschichte. Und dann könnten wir vielleicht doch noch unseren geplanten kleinen Ausflug in die Bücherkeller des Vatikans unternehmen und das andere Exemplar stehlen. Wie findest du das? Außerdem sind deine Ortskenntnisse über Rom schon ein wenig veraltet, nicht?“

Verena legte den Kopf schief und kniff ein Auge zusammen, während sie den kleinen Mann aufmerksam musterte. Klammer erschien diese Körperhaltung wie auswendig gelernt und sehr gekünstelt. Ihm war, als hätte er sie oder eine ganz ähnliche schon einmal in einem Film oder auf einem Foto gesehen, aber obwohl es ihm auf der Zunge lag, fiel ihm einfach nicht ein, bei welcher Gelegenheit das gewesen war. Das Gesicht der geheimnisvollen Frau war vollkommen leer, dann nickte sie.

„Ja, ich gebe es zu. Seit dem Sommer 1816 hat sich hier einiges verändert. Und nicht nur zum Guten.“ 1816? Klammer biss sich auf die Lippen. Wie alt war diese Frau?

„Aber irgendwie glaube ich, du hast auch noch einen anderen Grund, uns zu begleiten, oder?“, fuhr sie fort. Sie lächelte dabei wissend, doch Marini zuckte nur mit den Schultern.

„Gehen wir endlich?“, fragte er und fügte nach kurzem Zögern geheimnisvoll hinzu: „Es wird schwierig genug werden.“

Die Strecke nach vorne zur Kreuzung, an der die Vicolo della Volpe zuerst in die Vicolo della Pace und anschließend in die Via d‘Lorenesi mündete, wo das von Efeu überwucherte Hotel Raphael seinen Haupteingang hatte, war nur einige hundert Meter lang. Die Gasse war so schmal und eng, dass sie kaum Gelegenheit bot, nebeneinanderzugehen. So mussten die drei mit Verena Salva an ihrer Spitze im Gänsemarsch laufen und sich dabei ganz eng an die schmutzigen, braunen Hauswände pressen, um für die ihnen entgegenkommenden oder sie in tollkühnen, lautstark hupenden Ausweichmanövern überholenden Vespas kein Verkehrshindernis zu sein. Die Motorroller schwärmten plötzlich, wie auf ein geheimes Signal hin, einem aufgeregten Hornissenschwarm gleichend durch die eigentlich nur für Fußgänger zugelassene Vicolo. Die nahe Santa-Maria-del-Pace-Kirche hinter ihrer hohen, schimmelfleckigen Mauer läutete gerade zur Vesper.

Klammer drehte sich zur Seite, und ließ eine stinkende, in Altrosa lackierte Vespa an sich vorbei, auf der eine junge Römerin saß, deren dunkle Lockenpracht unter ihrem ebenfalls rosafarbenen Helm hervorquoll. Sie schien etwas zu ihm zu sagen, während sie ihn überholte, aber Klammer konnte sie wegen des infernalischen Lärms ihrer Maschine nicht verstehen. Merkwürdig! Er fragte sich, ob die Uhrzeit der Grund war, aus dem so viele Zweiräder mit knatternden Zweitaktermotoren ihren Weg ausgerechnet durch dieses unscheinbare Gässlein bahnten, als wäre es eine Hauptverkehrsader. Dieses aus dem Nichts aufgetauchte Verkehrschaos hatte schon etwas Bedrohliches und er war längst darüber hinaus, eine solche Erscheinung als zufällig abzutun. Seit er dem Avvocato Ienalli begegnet war, schien ihm alles um ihn herum voller Zeichen und geheimer Codes. Er ertappte sich bei dem Gedanken, ob nicht auch die Anordnung der kleinen, holprigen Pflastersteine im Boden eine geheime Bedeutung besaß, die ihm nur verborgen war, weil er nicht ihre Sprache verstand. Und nun erschien ihm auch der Weg durch die Gasse wesentlich länger als vorhin, als er sie auf der Suche nach der Buchhandlung vorsichtig in die andere Richtung hinuntergegangen war. Nach dem virtuellen Stadtplan, den er zuhause am Computer studiert hatte, war die Vicolo della Volpe nicht einmal hundert Meter lang und mündete in nördlicher Richtung beim Uhrengeschäft Brandizzi in die Via dei Coronari. Doch nun erschien sie ihm wie ein schier endloser, beängstigend enger Schlauch, der sich mit jedem Schritt weiter vor ihm aufrollte und dessen Ende sich mit jedem Schritt weiter von ihm entfernte. War dies ein ähnlicher Effekt wie jener, den er gestern Vormittag auf der Kellertreppe in dem Haus in der Augsburger Altstadt erlebt hatte? Auch dort hatte es sich für ihn so angefühlt, als hätte er währenddessen Jahre und nicht nur Augenblicke erlebt. Er verzögerte seinen Schritt und wandte sich halb zu Marini um, der zwei Schritte hinter ihm ging, die Hände in die Hosentaschen gesteckt hatte und schräg, aber unverkennbar, die Anfangstakte der Kleinen Nachtmusik pfiff. Der Italiener holte auf.

„Ich habe Ihr Buch gelesen“, behauptete Klammer, obwohl er nur den Abschnitt über die Illuminaten überflogen hatte. In Marinis Gesicht ging die Sonne auf und seine Augen wurden hinter seiner lupenartigen, schwarzen Hornbrille noch größer.

Davvero?“, fragte er erfreut und machte synchron mit Klammer einen Sprung zur Seite, um einer weiteren Vespa-Fahrerin auszuweichen, die von hinten angerollt kam. Marini musste schreien, um deren Krach zu übertönen. Auch dieser Motorroller war rosa lackiert, genau in dem Farbton, in dem auch der Helm gehalten war, den die Lenkerin keck über ihre herrlichen, schulterlangen Locken gestülpt hatte. Rief sie den beiden etwas zu? Bei dem Lärm war das schwer zu sagen.

Kommen hier denn immer wieder die gleichen Motorroller vorbei? Wie verrückt ist das denn? Wenn das ein Traum ist, fragte sich Klammer, wann habe ich dann eigentlich begonnen, ihn zu träumen? Marini, der die Konfusion sah, die in Klammers Gesicht erschienen war, schob ihn noch näher an die bröcklige, mit Graffitis beschmierte Mauer heran und fasste ihn vertraulich unter den Arm. Um das weiterhin stete und einfach nicht enden wollende Läuten der Kirchenglocken und das Knattern der Zweitakter zu übertönen, schrie er dem Autor ins Ohr.

„Das muss dich beunruhigen, Niccolo. Du bist das noch nicht gewöhnt. Diese merkwürdigen Zustände erscheinen immer, wenn die Buchhandlung zwischen zwei Orten … wie soll ich sagen? … transitiert. Es ist, als würden ihre Räumlichkeiten in der näheren Umgebung ein Vakuum zurücklassen, in dem die Wirklichkeit wie ein altes Dieselaggregat einige Anläufe benötigt, bis sie stotternd wieder in Gang kommt und die Lücke ausfüllt. Ich habe keine Erklärung dafür, denn ich bin Historiker und kein Physiker. Der Spuk müsste aber gleich vorbei sein“, erläuterte er. Klammer verstand kein Wort. Die Römerin in Rosa fuhr ein weiteres Mal knatternd durch die endlose Gasse und an ihnen vorbei. Doch diesmal schien sie die Gruppe Fußgänger zu bemerken, denn sie drehte ihren Kopf nach ihnen.

[Zum 5. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie. In jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich überall als E-Book erhältlich.

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren – Ein phantastischer Roman (4.3)

[Zum 1. Teil]

Porca miseria! Wie konnte denn das geschehen?“, warf Marini zornig und überrascht ein. Nach dem Fluch, der ihm unbedacht herausgerutscht war, wechselte er sofort in ein akzentfreies Hochdeutsch. „Was machen wir denn nun? Wir brauchen das Buch!“

Klammer hob schuldbewusst die Handflächen nach oben. Er fühlte sich plötzlich wie vor ein Gericht gestellt. Er wandte sich an Verena, die ihm vielleicht als Anwältin helfen konnte:

„Es schien mir das einzig Richtige zu sein. Ich wurde seit Innsbruck von diesem Avvocato verfolgt und ich wusste, dass er nicht nur hinter Isa, sondern auch hinter dem Geltsamer-Buch her war. Mal abgesehen von dem Zaubertrick, den es durchführen kann, habe ich nicht die geringste Ahnung, was das Buch so wertvoll macht. Doch ich habe die einzige Gelegenheit genutzt, die sich mir bot, es in Sicherheit zu bringen, als ich mich heute Vormittag im Hotel Raphael nach euch beiden erkundigte. Ihr wart ja leider unterwegs … also, was sollte ich tun? Ich hatte auch nicht viel Zeit, nachzudenken.“

„Das war ja sicher ein guter Einfall, aber …“, setzte Isa an.

„… aber jetzt ist der Verleger in Lebensgefahr und das Buch könnte den Hyänen in die Hände fallen“, brachte Mercedes den Satz zuende. Weiter hinvollkommen in mit ihr telefoninio versunken, hatte sie bisher nicht den Eindruck gemacht, als würde sie zuhören. Aber nun hatte sie das Offensichtliche in dem düsteren und rauchigen Tonfall einer Sybille ausgesprochen.

„Das wäre eine Katastrophe, die wir unbedingt verhindern müssen. Welki sitzt im Moment auf der Dachterrasse unseres Hotels und ist von vielen Menschen umgeben“, sagte Verena nach einer kleinen Pause, in der alle betroffen vor sich hinstarrten. „Ich hielt es für das Beste, ihn dort sitzen zu lassen, denn ich dachte, er wäre dort sicher. Aber nachdem nun klar ist, dass uns die Hyänen auch hier in Rom aufgespürt haben, war das wohl nur Wunschdenken. Wir wissen es ja: Um Isabellachen in die Hände zu kriegen, würden sie über Leichen gehen. Es wäre auch nicht das erste Mal, dass sie das tun.“ Verena hielt den Kopf schief, überlegte. Dann klatschte sie entschlossen in die Hände. „Es geht nicht anders. Wir müssen unseren Plan ein wenig abändern. Ich werde zurück ins Hotel gehen und meinen Welki in alles einweihen müssen. Da wird er Augen machen! Ich hoffe, er kann mir verzeihen und verdauen, dass ich ihn schon seit Monaten belüge! Gaetano, Mercedes und Isa, ihr solltet sofort gemeinsam mit der Bibliothek verschwinden – ihr wisst wohin. Die Sicherheit der Einzigen hat Vorrang vor allem anderen. Die Hyänen dürfen nicht noch einmal so nah an sie herankommen wie in Brasilien. Wir treffen uns dann mit dem Russen am vereinbarten sicheren Platz.“

„Aber wie werdet ihr uns folgen können?“, fragte Marini, auf dessen gerunzelter Stirn deutlich geschrieben stand, wie wenig Beifall dieser Entschluss bei ihm fand.

„Wir sind gestern Mittag mit Welkis Privatflugzeug auf dem Aeroporto Ciampino gelandet. Hast du das vergessen? Wir holen uns schnell neue Genehmigungen und ich fliege euch dann mit der Maschine hinterher. Morgen oder spätestens übermorgen sind wir alle zusammen in der Schweiz im Rayon. Ich kann euch allerdings noch nicht sagen, auf welchem Flughafen wir landen dürfen, werde euch aber, sobald es möglich ist, informieren und dann mit einem Mietauto kommen.“

Marini kaute an einer zweifelnden Antwort, aber er schluckte sie hinunter. Eines war Klammer während des Wortwechsels deutlich geworden: Verena Salva war Anführerin, Mittelpunkt und spiritus rector des kleinen, verschworenen Bundes. Es gab keinen Widerspruch, wenn die angebliche Lyrikerin eine Entscheidung traf; auch wenn Marini offensichtlich nicht mit ihr einverstanden war.  Klammer kniff die Augen zusammen und musterte die Frau, die gelassen auf Marinis Zustimmung wartete und ruhig dessen Blick erwiderte. Sie war für ihn auf die Schnelle nicht zu durchschauen. Obwohl Klammer viel auf seine Menschenkenntnis hielt, wurde er einfach nicht schlau aus ihr. Sie hatte in dem kurzen Gespräch alle seine Vorurteile bestätigt, die er gegen Frauen hegte, die Poesie schrieben. Doch als sie eben als deus ex machina über den armen Avvocato Ienalli hergefallen war und den Tag rettete, hatte sie auf Klammer wie eine in allen Kampfkünsten erfahrene, weibliche James-Bond-Ausgabe gewirkt. Dabei war sie eine zwar große, aber fast jungenhaft schmale Frau Mitte Dreißig, die ein kurzes Sommerkleid und Sandalen mit hohen Absätzen trug und einen vollkommen harmlosen ersten Eindruck machte. Nichts an ihrer Erscheinung ließ erahnen, wie stark und geschickt sie war. Doch ihre bezwingende Ausstrahlung und Dominanz war für ihn, da er nun direkt neben ihr stand, nahezu körperlich spürbar. Es gab eine merkwürdige Diskrepanz zwischen der hübschen Hülle und der alten Seele, die in ihr wohnte. Ihr Blick aus hellblauen, durchsichtigen Augen wirkten abgeklärt, weltweise und sie schienen Klammer so vollkommen zu durchschauen, als stünde er nackt vor ihr. Der Schriftsteller hatte so etwas noch nie erlebt: Das waren bleiche Greisenaugen in dem schönen, spöttischen Gesicht einer, von seinem Standpunkt aus betrachtet, noch jungen Frau. Es schien ihm überhaupt nicht mehr abwegig, dass in diesem Kopf Elena Kuipers Seele stecken könnte, der Geist jener taperen Dschungelforscherin, die – glaubte er Marinis Vorwort zu ihrem Tagebuch – doch schon seit über achtzig Jahren tot war. Aber wie war so etwas überhaupt möglich? Klammer wollte gerade fragen, ob die „Rosmarinkatze“ die Enkelin oder Urenkelin der Ärztin mit niederländischen Wurzeln war, da wurde er von Marini unterbrochen:

„Also gut, dann machen wir das so“, gab sich der ehemalige Jesuit endlich geschlagen, nachdem er eine Weile überlegt hatte. Aber seine weiterhin in Falten gelegte Stirn strafte seine Worte Lügen. Er war durchaus nicht mit Salvas Entscheidung einverstanden. Nun war Klammer an der Reihe, sich zu räuspern.

„Und was ist mit mir, Verena?“ Er konnte sich noch nicht überwinden, die Frau wie die anderen „Elena“ zu nennen. Er wollte sich einfach nicht mit der Vorstellung anfreunden, diese dichtende Freundin seines Verlegers sei mit der Ärztin aus dem Tagebuch identisch und inzwischen 120 Jahre alt.

„Du gehst mit mir zu Welki mit, Nikolaus!“, sagte Verena bestimmt und packte ihn am Oberarm. Probeweise versuchte er, sich loszumachen, doch es gelang ihm nicht. Ihr Griff war viel zu fest, eisern wie eine Handschelle.

„Warum kann Papa nicht mit uns kommen?“, warf Isa erstaunt ein.

„Weil ich ihn zum Einen benötige, um Welki zu überzeugen. Wenn ich meinem Dickerchen ohne Zeugen mit unserer Geschichte komme, lässt er mich geradewegs in die Irrenanstalt an der Piazza Colonna einweisen.“

„Die ist schon vor zweihundert Jahren geschlossen worden“, bemerkte Marini lachend. Verena zuckte mit den Schultern.

„So? Als ich zuletzt in Rom war, gab es sie noch. Auf jeden Fall brauche ich die ganze endlose Geschichte nicht jedem einzeln erzählen, wenn ich Nikolaus mitnehme“, fuhr sie in sich hineinlächelnd fort. „Außerdem wird es Zeit, dass dein Vater endlich seine Arbeit als Page aufnimmt.“

Sie zog den von dieser plötzlichen Wendung vollkommen überraschten Klammer wie ein widerspenstiges Kind mit sich. Obwohl er seine eben wiedergefundene Tochter auf keinen Fall schon wieder verlassen wollte, war er so überrumpelt, dass er sich nicht wehrte, was ihm eingedenk der Stärke von Welkenbaums Freunden eh nichts genützt hätte. An der Tür blieb Verena noch einmal stehen und sah zu der betroffenen Isa zurück.

„Ich werde auf ihn aufpassen, keine Sorge. Deinem Vater wird nichts geschehen. Ihr seht euch bald wieder.“ Dann holte sie einmal konzentriert Luft und trat mit Klammer im Schlepptau aus der Buchhandlung, bevor er oder seine Tochter noch einmal Einsprüche erheben konnten.

[Zum 4. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie. In jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich überall als E-Book erhältlich.

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren – Ein phantastischer Roman (4.2)

[Zum 1. Teil]

Auch Nikolaus Klammer fiel. Sein unglücklicher Sturz war jedoch wesentlich kürzer als der seines Verlegers und das Ergebnis noch schmerzhafter. Klammer stolperte in die kühle, abgedunkle Buchhandlung hinein und hatte kurz den Eindruck, Rom würde sich hinter ihm wie ein Fernsehbild schließen, das jemand mit einer Fernbedienung ausschaltet. Dann machte er auch schon Bekanntschaft mit dem Holzboden und schlug sich dabei heftig das Knie an.

„Aua“, jammerte er und drei erstaunte Augenpaare starrten den zu Boden gegangenen und nach Mitleid ausschauhaltenden Autor von dem Verkaufstresen aus an, an dem er erst vorgestern seinen überaus seltenen Balzac-Roman und den Geltsamer erworben hatte. Es waren zwei Frauen und ein Mann, die dort standen und sich offenbar angeregt unterhalten hatten, als Klammer ihr Gespräch durch seinen ungeschickten Auftritt unterbrach. Sie erstummten wie ertappt. Der Mann, der zwischen den Frauen stand, war ein mittelgroßer Italiener, dessen schwarze Haare wie bei einer japanischen Comic-Figur steil zu Berge standen. Er trug eine dicke Hornbrille, die seine ohnehin nicht kleinen Augen so vergrößerte, dass sein Gesichtsausdruck wie ein lebendig gewordenes Fragezeichen aussah. Wahrscheinlich – nein, sicher – war das Gaetano Marini, der angebliche Herausgeber von Elena Kuipers Dschungeltagebuch. Anhand des grobgerasterten Zeitungsfotos, das Klammer von ihm kannte, hätte er ihn nicht identifizieren können. Zumal er heute zivile, legere Kleidung und keine Soutane mit römischem Kollar trug. Hatte nicht gestern Engold bei ihrem Telefongespräch erwähnt, Marini sei aus der Kirche ausgetreten und hätte geheiratet? Dann war wohl die attraktive Frau neben ihm seine Gattin Mercedes. Klammer kannte sie von seinem Bucheinkauf. Sie schien ihm noch immer an demselben Spearmint wie vor zwei Tagen zu kauen und war die einzige, die über seine Ungeschicklichkeit kicherte. Als Klammer die andere Frau erkannte, stiegen ihm die Tränen in die Augen. Das lag nicht nur an den Schmerzen in dem Knie, auf das er gefallen war. Seine Suche hatte ein Ende:

Er kniete vor seine Tochter Isa!

Da war sie endlich; schließlich hatte er sie doch gefunden. Er konnte sein Glück kaum fassen. Seine Isa! Gesund und fröhlich stand sie zwischen den Bücherreihen und strahlte ihn an. Aber sie hatte sich verändert, seit er sie zuletzt gesehen hatte. Isa trug ihr von der Sonne ausgeblichenes Haar nicht mehr so lang wie früher, sondern kurz, fast militärisch streng geschnitten; was ihr aber nicht schlecht stand, sondern eine gewisse Abgeklärtheit und Autorität verlieh. Die Haut an Gesicht und Armen war durch ihren Aufenthalt in Südamerika dunkel eingefärbt und sie hatte das eine oder andere Pfund abgenommen. Isa war in dem halben Jahr, in dem Klammer sie nicht mehr gesehen hatte, sehr erwachsen geworden. Er musste sich wohl oder übel damit abfinden, dass sie nun wirklich nicht mehr sein „kleines Mädchen“ war. Nur mit ihren grauen, gelbgesprenkelten Augen sah sie noch immer so erstaunt und neugierig in die Welt, wie sie das schon in den ersten Minuten nach ihrer Geburt getan hatte, als die Hebamme den stillen Säugling vorsichtig in Klammers Arme legte. Diesen gleichzeitig weisen und wissbegierigen Kinderblick hatte sie sich bis zum heutigen Tag bewahrt.

Verena Salva – oder Elena oder wie immer sie auch heißen mochte –, vor der Klammer das Antiquariat auf diese ungeschickte Weise betreten hatte, mit der er im wahrsten Sinn des Wortes mit der Tür ins Haus gefallen war, beugte sich zu ihm herab und half ihm zurück in die Senkrechte.  Dabei fiel Klammer auf, wie stark die Freundin von Welkenbaum war. Sie stellte den untersetzten Autor praktisch nur mit einer einzigen flüssigen Handbewegung auf die Füße, die sie überhaupt nicht anzustrengen schien. Doch dann gab es für Klammer nur noch die Freude des Wiedersehens. Er humpelte eilig auf Isa zu, fiel ihr in die Arme und umarmte sie so fest, als würde er sie nie mehr loslassen wollen. Die Tränen flossen reichlich über seine Wangen. Er wusste nicht, ob es die Rührung oder der stechende Schmerz in seinem Knie war, der ihren nicht enden wollenden Fluss verursachte – wahrscheinlich war es eine Mischung aus beidem. Doch der Autor hielt seine Tochter nicht nur so lange und fest umklammert, weil er sie endlich in Sicherheit und geborgen in seinen Armen wusste, sondern auch aus einem anderen, eigennützigeren Grund. Er bekam dadurch die Gelegenheit, sich nach den Ereignissen ein wenig zu fassen und zu beruhigen. Allzu viel war in kürzester Zeit auf ihn eingestürzt, hatte seine Welt auf den Kopf gestellt und ihn fast um den Verstand gebracht, hatte ihn verwirrt und verängstigt. Sicherheiten waren erschüttert worden, er war von unheimlichen Verfolgern gejagt worden und das Leben seiner Familie und sein eigenes wurden bedroht. Klammer war erschöpft, übermüdet, ausgehungert und nun schmerzte auch noch sein Knie nach dem unglücklichen Sturz eben. Er musste schon eine jämmerliche Figur abgeben!

Die Umarmung seiner Tochter gab ihm seine Kraft zurück und langsam ging es ihm wieder besser. Auch der Schmerz im Knie ließ nach. Wenn seine Erlebnisse der letzten Tage ein Roman gewesen wären, den er selbst geschrieben hatte, dann wäre nun eine gute Gelegenheit gewesen, das Wort ENDE unter seine Geschichte zu setzen. Doch solch einen Kniff konnte man sich nur als Schriftsteller leisten, denn in der Wirklichkeit endete eine Geschichte für den Hauptdarsteller – ihn selbst, Nikolaus M. Klammer – niemals, auch wenn sich die Wirklichkeit, die er gerade erlebte, nicht gerade real anfühlte, sondern eher aus einem Albtraum zu stammen schien. Er hob den Blick von Isas Schulter, in deren Halsbeuge er bislang seinen Kopf vergraben gehalten hatte. Er fand den geduldigen, aber auch etwas peinlich berührten Augenaufschlag von Marini; während dessen Frau Mercedes kaugummikauend neben ihm stand und sich offensichtlich langweilte, denn sie hielt ein Smartphone in der Hand und wischte abgelenkt und flink mit dem Daumen über das Display. Ein Räuspern in seinem Rücken brachte Klammer endlich dazu, zögernd seine Tochter loszulassen und einen Schritt zurückzutreten. Isa lächelte verlegen. Unter ihrer Urlaubsbräune war sie errötet und sie nickte ihrem Vater liebevoll zu.

„Deine Entführer …“, stammelte Klammer mit einem dicken Kloß im Hals, „… haben sie dir nichts getan? Ich hatte solche Sorgen.“

„Mich hat niemand entführt. Haben sie das behauptet? Nein, nein, das war eine Lüge. Es war zwar ziemlich knapp, als sie mich in dem Lokal in Brasília aufgespürt haben, aber ich konnte ihnen entwischen.“ Klammer seufzte erleichtert. Wie er schon vermutet hatte, hatte überhaupt keine Entführung stattgefunden. Die Verbrecherorganisation der Hyänen, die offenbar nicht nur in dem Berlinroman seines Großvaters Sebastian Kerr, sondern nun auch in seinem eigenen Leben eine Rolle spielte, hatten ihm ihr Verbrechen nur vorgegaukelt, um an das Geltsamer-Buch zu kommen. Warum sie dann diese Scharade nicht aufrecht erhalten hatten, konnte er sich nicht erklären und übrigens auch nicht, wie es Isa geschafft hatte, innerhalb von eineinhalb Tagen von der Hauptstadt Brasiliens – was hatte sie eigentlich dort verloren? Sie hätte eigentlich in Lima sein müssen! – nach Rom in die Vicolo della Volpe zu gelangen. Ein Flug allein dauerte schon mindestens fünfzehn Stunden. Vielleicht geht es den Hyänen ja wie mir und es passiert ihnen alles viel zu schnell, dachte er. Ich habe sie einfach mit meiner Abreise überrascht. Sie mussten ihren Plan mit der fingierten Entführung aufgeben und mir den mörderischen Avvocato auf den Hals hetzen.

„Es ist ja alles gut gegangen, Papa“, unterbrach Isa seine Gedanken. „Aber sag, wie geht es Mama?“

„Gut, nehme ich an. Ich habe ihr irgendeinen Bären aufgebunden, weshalb ich unbedingt nach Rom fahren musste. Ich glaube, das war auch in deinem Interesse, sie erst einmal aus der Sache herauszuhalten, oder?“

„Ja, das hätte alles noch viel komplizierter gemacht. Mama ist zuhause am Sichersten und am besten aufgehoben. Aber du musst doch hundert Fragen haben.“

„Nur hundert? Ich habe tausend Fragen! Ich weiß überhaupt nicht, mit welcher ich anfangen soll. Vielleicht erklärst du mir …“

„Das wird leider noch etwas warten müssen“, wurde Klammer von Verena unterbrochen. Sie war es gewesen, die sich eben geräuspert hatte. Nun stellte sie sich zwischen Vater und Tochter. Die große, blonde Frau drehte ihren Kopf hin und her und musterte die beiden nachdenklich. „Isa, wie ich erfahren habe, hat dein Vater unser Buch nicht mehr. Er hat es ausgerechnet meinem Welki gegeben und scheint auch schon eifrig darin gelesen zu haben.“

[Zum 3. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie. In jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich überall als E-Book erhältlich.

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren – Ein phantastischer Roman (4.1)

 Nikolaus Klammer

Dr. Geltsamers
erinnerte Memoiren
„Eine phantastische Trilogie“
in 5 Büchern

4. Buch:
In den Bücherkellern des Vatikans

Zwischen den Zeilen

Welkenbaum fiel. Er stürzte nun schon seit einer Ewigkeit in gleichmäßiger, ruhiger Geschwindigkeit einen rotgeziegelten Brunnenschacht senkrecht hinab in eine schier grundlose Tiefe. Sein Zeitgefühl hatte er dabei längst verloren. Aber inzwischen musste er sicherlich schon Stunden in dieser aberwitzigen Situation verbracht haben, von der er nicht wusste, wie er in sie hinein gelangt war. Er hatte sich längst an seinen Sturz gewöhnt und er erschien ihm nicht mehr absonderlich. Obwohl er sich vor dem Ende seines endlosen Falls fürchtete, den er unmöglich überleben konnte, und die Angst vor dem Zerschmettern auf dem Boden des Schachts wie ein Stachel im Hintergrund seiner Gedanken steckte, genoss er doch den Augenblick und das beglückende Gefühl, frei wie ein Vogel zu sein und nur den Luftwiderstand um sich zu spüren, der ihn sanft umschloss und ihn wie eine warme Decke in den Abgrund begleitete.

Bereits seit vielen Jahren fühlte sich der Verleger in seinem aufgeschwemmten, unsportlichen und mit dem Altern schwächer und für Beschwerden anfälliger werdenden Körper immer unwohler; er hatte sich von ihm entfremdet; seine weltliche Hülle führte ein eigenes, amöbenhaftes Leben, das seinem Geist, der sich in dem fetten Leib wie ein Gefangener in einem viel zu kleinen Verlies vorkam, nicht gefiel und den er eigentlich verabscheute. Unaufhörlich bereitete ihm sein Körper Probleme: Ihn zwickte etwas, drückte, quälte, beengte und schränkte ihn ein. Häufig litt er unter Atemnot, stechendem Schmerz in den Hüften und an Krämpfen in den Schenkeln, stumpfer Taubheit in Fingern und Zehen. Sein täglicher und unverantwortlich hoher Alkoholkonsum, von dem er als einziger in seiner näheren Umgebung der Auffassung war, er hätte keine Probleme mit ihm, half ihm besser durch diese Beschwerden als jede Medizin, die er sich großzügig von seinen Hausärzten verschreiben ließ und auch brav schluckte, obwohl er ihre Wirkungen nicht zu spüren glaubte. Er war sich freilich bewusst, dass die abendliche Flasche Rotwein und der „Betthupferl“-Whisky wahrscheinlich einen Großteil seiner Unbillen erst verursachten und die morgendlichen Konsequenzen seiner regelmäßigen Besäufnisse – Übelkeit, Herzrasen und stumpfes Kopfweh – oft grausamer waren als die Schmerzen des Vorabends, die seine Sauferei betäuben sollte. Doch daran etwas zu ändern, hatte er längst nicht mehr in der Hand. Das war ein Teufelskreis, dem er nicht mehr entrinnen konnte. Ab 50 beginnt jeder Morgen mit einer neuen Wunde, erinnerte sich Welkenbaum an eine Bemerkung seines Vaters Oswald an dessen 90. Geburtstag, und jede Stunde beschert dir ein weiteres Leid. 90, dachte er, so alt werde ich bestimmt nicht. Doch all dies war nun wie weggeblasener Staub von den Regalen seiner Erinnerung und seine Seele und der verflixte Körper fühlten sich zum ersten Mal seit langer, langer Zeit im gemeinsamen Sturz miteinander versöhnt. Wenn Welkenbaum an seine Krankheiten dachte, dann hatte er das Gefühl, als wären sie jemand anderem in einem anderem Leben geschehen. Sie waren für ihn wie etwas, das er vor längerer Zeit in einem weinerlichen Buch von Nikolaus Klammer oder von Daniel Kehlmann gelesen hatte – insgesamt doch eher unerfreuliche, selbstmitleidige und weinerliche Lektüren, bei denen man Erleichterung empfand, wenn man sie beenden konnte.

Wie gesagt: Er wusste weder, wie lange dieser Zustand des unablässigen Fallens schon andauerte und wieviel Zeit ihm das Schicksal noch gewährte. Doch augenblicklich stürzte er in gleichmäßigem Tempo in eine bodenlose Tiefe und er war glücklich. Er konnte sich auch beim besten Willen nicht erinnern, wie er in diese Situation gekommen war. War er am Rand eines römischen Brunnenschachts, der hinab in die Katakomben führte, gestolpert oder von jemandem von hinten gestoßen worden? Er wusste es nicht. Und wie tief mochte dieser kreisrunde Ziegelschlauch noch sein, dessen Ränder er berühren könnte, wenn er seine Arme nur noch ein wenig weiter ausstreckte? Er glaubte, jetzt schon einen halben Tag hinabzufallen. Wie schnell wurde noch einmal der Körper eines Fallschirmspringers? 200 Kilometer in der Stunde oder mehr? Ging das nun so weiter bis zum Erdmittelpunkt – so ein Sturz würde etwa dreißig Stunden dauern –, oder gar darüber hinaus? Und was geschah dann? Welkenbaum entschloss sich, nicht weiter in seinem Gedächtnis nach den Physikkenntnissen seiner Jugend zu suchen, sondern diesen besonderen Moment ohne Schmerzen und Kummer zu genießen, so lange er eben dauerte. Sorgen und Schmerzen sind kein Frosch, die hüpfen nicht über Nacht davon. Das war auch ein Spruch seines Vaters; der war ein wandelnder Büchmann gewesen.

Dies war doch schon immer Welkenbaums Problem gewesen: Er war niemals vollkommen entspannt. In den unruhigen, nächtlichen Schlaf quälte er sich nur mit Bromazepam-Tabletten und altem Glenlivet und versuchte er ruhig zu sitzen, begannen seine Beine in rastloser Bewegung zu zittern und seine Füße schliefen ein. Nun jedoch war alles gut und das Leben schön. Warum konnte er es einfach nicht mehr genießen? Aber die Frage, was mit ihm geschehen war, nagte plötzlich an Welkenbaum. Sie stach als akuter, nadelfeiner Schmerz knapp über der Nasenwurzel in seinen Verstand und störte das vollkommene Glück, das er eben noch empfunden hatte. Gleichzeitig hatte sich auch in seiner Umgebung, jenem monotonen, endlosen Brunnenschacht, in den er fiel, etwas verändert. Auch wenn der Verleger noch nicht begriff, was anders war. Oder war dies überhaupt kein Sturz, den er da erlebte? Vielleicht stieg er ja auch empor, nach oben, dem Himmel entgegen, wie ein mit Helium gefüllter Luftballon. Das würde sich, fiel ihm auf, genau so anfühlen. Vielleicht war der gemauerte Schlund ja kein Schacht, sondern ein gewaltiger Kamin! Vielleicht lag er gerade im Sterben und dieser Fall oder Aufstieg oder was auch immer war seine persönliche Nahtod-Erfahrung. Aber wurde nicht immer etwas von einem hellen Licht gefaselt, dem man entgegenflog? Wenn er sich nur erinnern könnte!

Welkenbaum konzentrierte sich auf seine rechte Hand, durch deren gespreizte Finger er den Fallwind fühlte und wollte sie drehen, um dadurch die Richtung festzustellen, in der er unterwegs war. Es misslang ihm vollkommen; er hatte keine Kontrolle über seine Muskeln. Wahrscheinlich ist das alles nur ein luszider Traum und ich schlafe morgens unruhig kurz vor dem Erwachen in meinem Bett, kam ihm beruhigend in den Sinn und seine Kopfschmerzen wurden dabei stärker. Ach, wie langweilig. Träume will ich weder erleben, noch sie von jemandem erzählt bekommen. Das ist doch öde. Es gehört zu den sieben Todsünden eines Autors, von einem Traum zu berichten oder mit ihnen gar einen neuen Roman zu beginnen. Das geht schon dreimal nicht. Niemand will das lesen. Und ich will jetzt aufwachen! Auf der Stelle! Er öffnete die Augen.

Welkenbaum konnte die Ziegelwand und und aus den Augenwinkeln seinen fetten, fallenden Körper sehen. Er trug übrigens einen leichten, sommerlichen Leinenanzug und unter dem Sakko, dessen Schöße fröhlich im Wind flatterten, ein hellblaues, von Bierflecken besudeltes Hemd, was ihm aus irgendeinem vergessenen Grund als ein wichtiges Indiz erschien. Trotzdem fragte er sich, ob er seine Augen tatsächlich geöffnet hatte oder es sich nur einbildete. Wenn er träumte, dann konnten diese Sinneseindrücke auch von seinem Geist an die Innenseite seiner geschlossenen Lider projiziert worden sein. Aber wenn er diese auseinanderzwang, würde er unzweifelhaft erwachen. Er fokussierte seinen ganzen Willen und versuchte krampfhaft, seine Augen nicht wieder in den Traum, sondern in die Wirklichkeit hinein zu öffnen. Der Schmerz, den diese Anstrengung verursachte, jagte wie eine alles überwältigende Hafenwelle vom Kopf ausgehend durch seinen gesamten Körper und erschütterte ihn. Er schnappte entsetzt nach Luft und konnte seinen unruhigen, eiligen Herzschlag an der Halsschlagader pulsieren fühlen. In diesem Moment sah er wie eine Vision ein Gesicht vor sich, dessen kleine, von unzähligen Krähenfüßen eingefasste Knopfaugen ihn gleichzeitig spöttisch und auch besorgt und abschätzend anblickten. Nein, er irrte sich, nicht ein verwittertes Antlitz war es, sondern es waren zwei, die – weil Welkenbaum vielleicht schielte – halb ineinander übergingen und ein Monstrum aus drei Augen, zwei Nasen und einem endlos breiten, verkniffenen Mund bildeten. Die Lippen bewegten sich, gelbe, braunfleckige Zähne wurden sichtbar, aber der Verleger konnte die Worte nicht verstehen, die der Zwitter flüsterte. Die beiden verschmolzenen Uralten waren sich sehr ähnlich. Es waren ein Mann und eine Frau; überaus faltige, ledrige, beinahe haarlose Köpfe, mumienhaft und starr. Was war das? Wer war das? Hatten etwa diese beiden Monstren ihn in den Brunnen gestoßen?

Welkenbaum konzentrierte sich von Neuem und zählte langsam bis drei. Dann versuchte er ein weiteres Mal, das Gespinst, das sich inzwischen in einen Albtraum verwandelt hatte, zu verlassen, indem er seine Augen aufschlug. Verzweifelt zog er seine Stirn in Falten. Und dann gelang es ihm – überraschend schnell und einfach. Er starrte an die graue Betondecke eines Kellerraums.

[Zum 2. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie. In jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich überall als E-Book erhältlich.

Blicke ins Jenseits

Ein weiterer Gasttext von Hans-Dieter Heun, zu dem er mir geschrieben hat: „Bitte sehr, mein Niklas, die besagte tote Geschichte. Du kennst sie möglicherweise bereits, aber Deine Leser nicht. Diese Story gehört zu meinen Lieblingen, immer wieder verbessert, und manchmal denke ich, sie hat tatsächlich etwas zu sagen.“ Die Geschichte hat einen ordentlichen Umfang, aber ich habe mich trotzdem entschieden, sie nicht in mundgerechte Stückchen zu teilen. Vielleicht gibt es ja den einen oder anderen Leser, der die Geduld hat, auch mal etwas längeres am Bildschirm zu lesen.

Blicke ins Jenseits

Eine Kurzgeschichte von Hans-Dieter Heun

Der unwichtige Mann stieg durch einen hellen Tunnel. Hinauf. Okay, am Ende eines Lebens gibt es immer einen Tunnel. Oder nur die Möglichkeit eines Tunnels? Oder nur den Traum von einem Tunnel?

Jedenfalls stieg er – oder schwebte er, wurde magisch hochgehoben? –, bis der Unwichtige sich urplötzlich in einer riesigen Kugel mit unzählig vielen verschlossenen Türen und wenigen, unterschiedlich beleuchteten Fenstern ohne Gardinen befand. Es ärgerte ihn, dass die Fenster keine Gardinen hatten, denn Gardinen kann man vor hängen, zu ziehen. Mit Gardinen kann man verhüllen, verbergen: ein Fenster, ein Zimmer und auch ein Geschehen. Gardinen schützen vor Einsicht. Fenster ohne Gardinen nicht. Unterschiedlich beleuchtete Fenster ohne Gardinen erlauben jedoch unterschiedlich beleuchtete Einsichten. Dennoch, eine solch riesige Kugel mit unzähligen, aber verschlossenen Türen und diesen preisgebenden Fenstern hatte er noch nie gesehen, im Leben wie im Traum. Der unnütze Mann dachte bei sich: Von einer solch riesigen Kugel mit so vielen Türen und so wenigen, verschieden beleuchteten Fenstern habe ich noch nie geträumt.

„Falsch, du träumst nicht. Du bist tot! Das ist leider so.“

„Wer spricht? Gott, bist du das?“

„Schwierig zu beantworten. Ich würde sagen, nicht ganz tot. Ein Teil lebt, etwa einundzwanzig Gramm. Nein, ich bin es, deine innere Stimme. Wenn du – oder was von dir noch übrig geblieben ist – dich noch an mich erinnerst. Also, du hast in deinem letzten Leben für viele Menschen gekocht und somit ein wahrhaft gutes Werk getan. Folglich darfst du dich auch als erlöst betrachten. Das bedeutet, du hast nun fast alles Körperliche zurückgelassen und bist für eine neue Ewigkeit von allem Ballast befreit. Und ich ebenfalls, dem Himmel sei dafür erneut mein tief empfundener Dank! Lange genug war ich wieder in dir eingesperrt, und lange genug hast du wieder nicht auf mich gehört. Ich sage dir was, von dieser Stunde an wirst du mich nicht mehr übergehen können, wirst du dein weiteres Vorgehen mit mir abstimmen müssen.“

Der Unnütze war verwirrt. Wohin hatte es ihn verschlagen? „Bin ich … Ist diese Kugel nicht der Himmel, die jenseitige, den männlichen Sinnen unzugängliche Welt des lieben Gottes und der Gemeinschaft aller katholischen Seligen?“

„Quatsch. Du weilst höchstens in dem so genannten blauen Himmel, einem scheinbaren Gewölbe über den Männern, das in Wahrheit  jedoch eine Kugel ist, die durch einen Horizont in eine obere sichtbare und eine untere unsichtbare zerlegt wird.“

„Was ist los? Träum ich oder spinn ich? Ich sehe doch die ganze Kugel.“

„Wach endlich auf, du bist tot! Das hier ist der Raum, der einzige, unendliche Raum! Und deine Zukunft.“

„Und wo steckt meine Vergangenheit, ist meine Gegenwart?“

„Gegenwart gibt es nicht. Und deine Vergangenheit liegt hinter diesen Fenstern. Die sind jedoch schalldicht. Also, selbst wenn du besserwisserisch noch etwas ändern willst oder sogar schreien aus verständlichem Ärger, es würde nichts nützen. Die Körper, die mit dir deine Vergangenheit spielen, können dich absolut nicht verstehen.“

„Darf ich trotzdem einmal durch diese Fenster sehen?“

„Später, erst musst du Rechenschaft ablegen.“

 

„Beichte!“ Das Stimmchen wurde gebieterisch.

„Habe nichts zu beichten.“ Der unbedeutende Mann war patzig.

„Sei nicht so bockig. Jeder Mann ist von Natur aus sündig, dafür wurde gesorgt. Also beichte.“

„Na gut, meinetwegen, ich habe Vater und Mutter geschlagen!“ Ein Lichtjahr Pause. „Was ist, wächst mir jetzt die rechte Hand aus dem Grab?“

Die Stimme schwankte: „Mag sein, deine Eltern hatten es verdient. Die schwache Möglichkeit besteht, schwache Möglichkeiten existieren immer. Augenblick, ich schau mal nach … Wo ist denn nur wieder dieses verdammte Buch?“ Wenn eine innere Stimme in einem Buch zu blättern vermag, dann blätterte sie nun in einem sehr dicken Buch. „Ja richtig, hier steht es, sie haben es verdient. Weiter, was sonst noch?“

Etwa Schamröte auf dem Gesicht des Unwichtigen? Nicht genau zu bestimmen, aber beinahe hätte er – oder was von ihm noch übrig war – geschluchzt, bittere Tränen der Reue geweint. „Ich habe dringend Geld gebraucht für Sex, Drogen und Rock´n´Roll. Du verstehst schon, ich war abhängig und da habe ich mein angetrautes Weib auf den Strich geschickt.“

„Ehrliche Frauenarbeit schändet nicht, vor allem, wenn sie einem guten Zweck dient. Also weiter.“ Stimmchen war schwer in Ordnung, wahrhaft einsichtig.

„Ich betrog mein Weib mit einer Unzahl von anderen Weibern … Mir war halt danach.“

„Nun, ein Mann braucht, was er braucht. Kann die eigene Blume keinen Honig liefern, muss er eben seinen Stachel in fremde Blüten stecken.“

Der unbedeutende Mann – oder das, was von ihm noch übrig war – hegte den Verdacht, dass diese innere Stimme ein ziemlicher Macho sein könnte. Und dieser Verdacht wurde von seiner Inneren auch prompt bestätigt: „Frauen sind ebenfalls Möglichkeiten, unterschiedliche Wannen sexueller Erfüllung, in denen die kreativen Wünsche eines wahren Mannes allemal baden dürfen.“

Das war hart. Auf den Ort bezogen, der ihn umschwebte, schon mehr als verwunderlich. „Und das soll eine Wahrheit des Himmels sein?“

„Des Raumes, einzig und allein eine Meinung des unendlichen Raumes. Du weißt doch, es gibt keine Wahrheit, sondern stets nur eine Meinung. Du magst alles transponsiv oder auch interprekativ betrachten und danach auszuwerten versuchen, letztendlich kommst du stes nur zu einer Meinung. Schau dir hier die unzähligen Türen an, alle verbergen Spielarten von drei dir verbleibenden Möglichkeiten in diesem besonderen Raum. Glaubst du da tatsächlich, dass es bei dem gewaltigen Angebot nur eine Wahrheit gibt?“

Der unerhebliche Mann – oder was von ihm noch übrig war – zweifelte. Spielarten seiner drei Möglichkeiten? „Wenn das so ist, was …“

Stimmchen unterbrach auf der Stelle: „So ist das keineswegs! Selbst das war eine Meinung. Du solltest schon selbst herausfinden, welche der wahren Meinungen zu dir passen.“

Der Bedeutungslose wurde langsam sauer: „Moment einmal, ab jetzt reden wir bitte Tacheles …“

„Das ist mein wahrer Name.“

„Wirklich? In voller Wahrheit? Das ist ja geil, die Stimme in mir mit jüdischer Offenheit? Macht aber nichts, ich hegte längst den Verdacht, ein entfernter Abkömmling des gelobten Volkes zu sein. Also Tacheles, meiner Meinung nach habe ich nun nichts mehr zu beichten, für gar nichts mehr Rechenschaft abzulegen. Darf ich jetzt bitte zu meinen Fenstern?“

„Du meinst, deiner Meinung nach? Doch meine Meinung ist, und die, nebenbei gemeint, gilt, steht auch in dem großen Buch, aus dem Er, Gott, Sich gleichfalls Seine Meinung bildet, dass sehr wohl noch etwas zu besprechen wäre. Du hast getötet!“

„Um Himmels Willen, habe ich nicht!“ Der Unwichtige war baff.

„Hast du doch! Nur um zu fressen und Fressen zu kochen, hast du jede Menge tierisches und pflanzliches Leben vernichtet. Allein bis vorgestern hattest du bereits neuntausendsiebenundzwanzig Pfund Fisch und Fleisch verzehrt, die vielen Wachteln, Tauben und Enten, die du dein Leben lang so gerne geschmatzt, gar nicht erst mitgezählt. Und dann noch der Salat, das ganze Gemüse, Berge von Obst und die vielen Kräuter. Alles Leben, von dir zerkaut, danach tot und stinkend in deinem Gedärm.“

„Und was war gestern?“ Der Belanglose vermochte sich nicht mehr zu erinnern.

„Da gab es Pfannkuchen.“

„Ach ja richtig und fast schon vergessen, obwohl sie mich dermaßen gebläht. Aber gestatte mir doch die Frage, wovon hätte ich mich deiner maßgeblichen Meinung nach stattdessen ernähren sollen? Wachsen, gedeihen, mein Leben erhalten?“

„Das weiß der Geier. Vielleicht von den radices dulces cognitii.“

„Halt, was ist das schon wieder?“

„Die süßen Wurzeln der Erkenntnis, Meinungen. Doch leider wachsen jene hinter den Türen.“

„Na dann guten Appetit! In diesem Fall würde ich es jedoch vorziehen, mich wie in meiner Vergangenheit zu verköstigen. Und, wenn du nichts dagegen hast, ich schaue jetzt durch diese Fenster.“

 Der farblose Mann war mehr als neugierig und wurde enttäuscht. Vorerst. „Was ist denn das? Ich kann kaum etwas sehen, das Licht ist zu schwach. Einzig und allen entfernte Schemen, möglicherweise ein altes Segelschiff aus Holz vor einer ziemlich dunklen Insel. Das ist doch niemals meine Vergangenheit?“

Tacheles verkündete in aller Ruhe: „Du entdeckst gerade Amerika.“

„Kolumbus, spinnst du? Ich und Kolumbus? Das muss wohl eine Verwechslung sein.“

„Im unendlichen Raum existieren keine Verwechslungen, einzig und allein die verschiedenen Spielarten der drei Möglichkeiten. Aber bitte, wenn der gnädige Herr meinen – oder das, was von ihm noch übrig ist –, ich kann ja mal nachblättern. Hier, hier steht es genau. Es stimmt, du warst einer der Entdecker, allerdings nur der Koch. Wie immer halt, gleicher Beruf, aber in einem anderen Körper.“

„Das ist ja geil!“

„Nicht besonders originell, deine Antwort.“

Der unbedeutende Farblose ging zum nächsten Fenster. „Wenigstens ein bisschen heller. Und ein ziemlich wackeliges Gerüst. Da kniet einer, wartet der etwa auf seine Enthauptung? Ah, ich hab´s, die Französische Revolution! Vielleicht Robespierre und seine Guillotine?“

„Bockmist“, die Stimme wurde grob, „wie oft soll ich dir das noch sagen, du warst Koch in wechselnden Körpern. Der da ist Escoffier, ein großer Küchenkünstler, schaut gerade von einem Baugerüst der berühmten Opernsängerin Melba beim Baden zu und benennt später eine Nachspeise nach ihrem Pfirsichhintern. Pass auf, gleich fällt er von der Leiter.“

„Ja leck mich doch am Arsch, also gibt es sie wirklich, die Seelenwanderung.“ Es war schon erstaunlich, was ein Mann nach seinem Tode alles erfährt, und dieses Erstaunen brauchte Ausdruck.

„Einen Arsch besitzt du zwar nicht mehr, aber ansonsten geht das in Ordnung. Du bist nun wieder Seele, und du Seele warst immer die selbe Seele, und du Seele bleibst auch ewig die selbe Seele. Der Rest waren und sind nur Körper, Modelle, die gewechselt werden.“

„So ist das also. Nun gut, doch wie steht es dann um meine jüngste Vergangenheit? Ich kann da leider gar nichts erkennen.“

Tacheles winkte ab. „Deine jüngere Vergangenheit wirf wohl nicht wichtig für die Weltgeschichte gewesen sein, deswegen bleibt dieses Fenster auch unbeleuchtet. Gehen wir zu den Türen.“

Sie gingen, der Unwichtige warf noch einen kurzen Blick zurück. „Halt, Stimmchen, jetzt flackert was! Ein Licht … wird heller … scheint doch etwas los gewesen zu sein.“

„Lass mal sehen! Ja, tatsächlich, sie errichten dir ein Denkmal.“

„Wer errichtet mir ein Denkmal? Warum, wieso, was sind das für Leute?“ Die ungeduldige Seele zappelte, ungeduldiges Seelchen schrie sogar.

„Bewohner der Stadt D, ein Denkmal mit einem großen Kochlöffel darauf. Aufschrift: IN MEMORIAM COQUUS MAGNUS.“

Die arme Seele war verwirrt: „Die überaus ehrenwerte Stadt D? Wieso kommen die Bewohner der berühmt berüchtigten Stadt D dazu, ausgerechnet mir ein Monument zu widmen? Die haben mich zu meinen Lebzeiten doch völlig übergangen, sogar in den Ruin getrieben, mir das Geschäft und mein Zuhause genommen. Mich letztendlich auch noch vor ihre Tore  geworfen. So war das und nicht anders.“

„Ist das ein Wunder? Du hast schließlich die meisten ihrer Frauen gevögelt, was deren wichtigen Männer selbstverständlich niemals öffentlich eingestehen konnten. Logisch, dass sie ärgerlich auf dich waren.“

„Tacheles, sagtest du nicht: Was ein Mann braucht, das braucht ein Mann? Aber warum dann trotzdem ein Denkmal für mich? Ich meine, wenn sie schon sauer waren.“

„Die Frauen, ihre Frauen stecken dahinter. Es hat ganz den Anschein, als ob du sehr gut gewesen bist, wenigstens auf diesem einen bestimmten Gebiet.“

„Ein Mann ist, was ein Mann ist, und mein Ich-Trieb bleibt hoffentlich auch mein Ich-Trieb!“

„Larifari, gehen wir lieber zu den Türen und suchen deine Möglichkeiten.“ Stimmchen erneut sehr bestimmt.

„Also, dir stehen nun drei Möglichkeiten zur Verfügung, oder, wenn dir das lieber ist, drei Bilder: Glaube, Hoffnung und Liebe.“

Der bedeutungslose Mann war erstaunt: „Warum nur so wenig, mein Stimmchen? Der Raum besitzt doch unzählig viele Türen. Ich denke, da müsste sicherlich mehr angeboten werden als nur der alte kirchliche Sermon. Zum Beispiel: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit!“

„Satans Werk, igittigittigitt! Wie kannst du nur? Außerdem ist in Glaube, Hoffnung und Liebe ja schon alles erdenkliche Bedenkliche erhalten. Da braucht es nicht mehr. Weiterhin gehören die unendlich vielen Türen gleichfalls zu unendlich vielen erlösten Seelen, für die ebenso die gleichen Spielarten der drei himmlischen Wunschvorstellungen gelten. Selbst für erlöste Kommunisten oder ähnlich mindere Lebewesen. Gerade erst habe ich mich mit einer gelben Tulpe unterhalten, sie wählte die Liebe, wollte einzig allein mit ihrem Stängel in Marylins zarten Händen liegen. Brave Tulpe, und ihr Wunsch wurde erhört.“

„Und was meinte die Monroe dazu?“

„Auch ihr gehörten selbstverständlich drei Möglichkeiten, und sie entschied sich ebenfalls für die Liebe. Nun ruhen Marylin und der Stängel in ihren Händen friedlich vereint.“ Stimmchen schwoll an: „Es reicht jetzt, dein erstes Bild, aber dalli!“!

„Ich wähle, ja was wähle ich denn? An sich möchte ich erst einmal ganz unverbindlich, sozusagen mit einer Rücktrittsgarantie eine kleine Tür des Glaubens.“

„Selbstverständlich, mit Rücktrittsgarantie. Und welche Art oder Abart von Glauben wünscht der gnädige Herr?“

„Ich dachte bisher, es gibt allein den wahren Glauben, den mit Lobpreisen zum guten Schluss, Halleluja- und Hosianna-Singen. Glaube an die rundherum strahlende himmlische Seligkeit.“

„Guter Mann – oder was von dir noch übrig ist –, du denkst zu viel. Und das meine ich absolut ernst. In diesem von dir angesagten Glauben ist Denken nicht gefragt. Aber bitte, hier ist die Tür. Halt, nur bis zum Fußabstreifer, von wegen Rücktrittsgarantie und so.“

Farben und Töne begannen sich untereinander zu mischen. Aus den Fellen von Trommeln, geschlagen von schwarzen Riesen im lila Ornat – Taktmeister, Zuchtmeister – stiegen blaugraue Wirbel kirchlichen Staubes. Von Kränzen aus blutroten Rosen in Demut umschlungen, von Kanzelgetöse in Gehorsam durchdrungen, duckten sich weiße Seelen wie katholisch erwünscht, schrien das Preisen aus heiseren Kehlen. Und unerbittlich dröhnten die Trommeln. Zwingender Rhythmus, in dem Seelchen mit muss:

Miteinander Hosianna,
Jubilate der Oblate.
Halleluja,
Heiliger Stuhl da.
Urbi et orbi!

Niemals mehr schweigen,
Jauchzen im Reigen
Vom Takt wild gepackt.
Der Pax sei vobiscum
Trotz Knacken im Bistum.

Ein Seelchen ist nackt!

 Der fahlblasse Mann wunderte sich: „Stimmchen, wieso ist eine Seele nackt?“

„Nur eine? Nicht mehr? Das wundert mich denn auch. Normalerweise frisst dir dieser Glaube bereits kurz nach deiner Geburt das erste Hemd vom Leib, vom letzten nach dem Tode ganz zu schweigen.“

„Tacheles, mir gefällt es hier nicht. All diese weißen Seelen haben so einen belämmerten Ausdruck in ihren seligen Gesichtern. Verstehst du, so etwa wie Opferlamm Gottes.“

„Massensuggestion, pure Massensuggestion. Aber du – oder was von dir noch übrig ist – musst hier nicht bleiben, besitzt immer noch zwei andere Möglichkeiten.“

Und wie zur frommen Bestätigung drehte sich ein riesiger Trommler um und brüllte ein paar heilige Sprüche: „Ora et labora! Weiche, du Heide! Und mach die Tür zu, hier zieht´s!“ Farben verblassten, Töne verstummten, die erste Tür schloss sich ernsthaft beleidigt.

 „Das war wohl eher nicht mein Fall, gute Stimme. Als nächstes wähle ich die Liebe, und bitte ebenfalls mit Rückfahrschein.“

Stimmchen nickte: „Also wie gehabt. Es sei, doch möchtest du die rein körperliche oder eine von sinnlicher Begierde freie, mehr geistige Liebe? Vielleicht eine in der Art, von der Brentano einst schrieb: Das mit der richtigen Liebe zu Liebende, das Liebenswerte, ist das Gute im weitesten Sinne des Wortes.“

„So rein und gut dann wiederum auch nicht, ein unanständiges Maß an sinnlichen Körpern dürfte durchaus sein. Nun guck nicht wie ein Auto, war nur ein Scherz. Nein, in der Liebe habe ich meine Illusionen: Sie sollte ruhig und aufbrausend zugleich, erst glatt und kühl, dann wärmer, leichtgekräuselt bis hin zu heißen, stürmischen Wellen sein. Sie müsste mich durchdringen, durchströmen, mich erfüllen, ein unverzichtbarer Teil meines Wesens werden. Sie muss mein Dasein begleiten, ja, diese Liebe müsste mein Dasein sogar erhalten. Sie selbst sollte jedoch uneigennützig sein, niemals besitzergreifend auf mich fixiert. Weiterhin müsste sie meinen Körper – oder, meinetwegen, was von ihm noch übrig ist – pflegen, ihn erfrischen, durch immerwährende Anwesenheit dafür sorgen, dass mir Verzicht nicht mitttels böser Säfte Pickel auf den Hintern zaubert. Und auch wenn ich sie im Übermaß genieße, sogar in blinder Leidenschaft durchschwimme, dürfte eine wahre Liebe nicht zerstören, mich niemals ersticken. Ja, sie sollte großmütig sein, zwar immer in Bewegung und dennoch überaus nahe.“

„Brav gebrüllt, mein Freund! Auch lautmalerisch durchaus ansprechend und in der Wortwahl wohl überlegt. Besonders das mit den Pickeln am Arsch, den du ja nicht mehr hast. Na gut, dann werde ich dir mal deine Liebe im unendlichen Raum zeigen. Da ist die Tür, doch denke erneut an den Fußabstreifer.“

 Türflügel schwangen auf, still ruhte ein See, und ein wenig lud er auch zum Bade. „Ein See, Wasser, einzig und allein Wasser? Ist das alles?“

Tacheles grinste wässrig: „Wie, ist das alles? Du hast sie doch wie Wasser beschrieben, deine Liebe. Und hier ist es, das Ruhige, die Kühle, das Kräuseln und manchmal selbst ein wildes Wogen. Hör mir zu, du wurdest nun mal dafür geschaffen, Weiber wie das Wasser zu lieben, so wie der Wind dazu erkoren ward, Wellen zu kräuseln, Wogen zu werfen … Mann, das war jetzt geradezu genial, diesmal von mir mit Worten gemalt. Manchmal wundere ich mich fast über mich selbst, echt geil. Trotzdem, weiter im Text. Und das Wasser liebt dich auch. Schau nur in diesen See, ein Spiegel der Wahrheit, er wird dir – oder dem Rest, der von dir noch übrig ist – seine Liebe beweisen, dir sagen, wer und was du wirklich bist. Also sieh hinein und sage mir, was du erblickst.“

Hatte er das nicht sein ganzes Leben gemacht, in den Spiegel geblickt und sich gefragt, wer er eigentlich ist? Und nun erneut eine Bestandsaufnahme? Irgendein Jemand, irgendein Etwas, der oder das ihn vielleicht sogar liebte, wollte schon wieder wissen, wer er in Wirklichkeit war. Scheiße, er wusste es doch selbst nicht. Warum also erneut ein Spiegel? Und normalerweise wäre jetzt ein guter Zeitpunkt, aus diesem Trauma zu erwachen, an den See zu gehen und mal kurz hinein zu pinkeln. Er musste immer pinkeln, wenn er zu viel Wasser sah. Genauso wie nach Liebe. Aber er war in keinem Trauma, er war tot. Kein gnädiges Erwachen, nie mehr, und das drückte auf seine Stimmung. Missmutig trat er auf den Fußabstreifer der Rückfahrversicherung und starrte in den See. Der See starrte zurück. Sonst nichts. Nur nichts. Kein Bild, keine Identifikation, einfach nichts, was er auf sich beziehen konnte. Er sah allein Wasser. „Ich sehe nur Wasser.“

„Ist wohl sonst nichts mehr übrig von dir.“ Die Stimme lachte sich einen Ast, auf dem sie fröhlich turnte. „Logisch, fünfundsechzig Prozent von dir sind Wasser. Aqua vitae, das Feuchte liegt in deiner Natur. Und wenn du ehrlich bist, ist Wasser ebenso der Urstoff jeder Liebe.“

„Wie bitte? Ich bin normalerweise durchaus für Rätsel zu haben, doch das ist mir jetzt zu hoch und zu blöd. Ich kann auf das Wasser gut verzichten, und auf die Liebe, so wie ich sie mag, werde ich es wohl müssen. Nein, mein Stimmchen, schließen wir diese Tür, ich wähle die Hoffnung. Die Hoffnung ist grün.“

Grün ist die Hoffnung, grüne Bewegung. Wallen und Wogen, Kräuseln und Säuseln wie spielender Wind in einem frühlingsgrünen Haferfeld. Unzählige Strippen, Bänder, Schnüre und Fäden tanzten vor seiner Nase, an allen hingen hellgrüne Zettel.

Der fahlblasse Unwichtige wich unwillkürlich zurück. „Was soll nun wieder dieses Strippenzeug?“

„Seidene Fäden! Hoffnungen hängen immer an seidenen Fäden.“

„Und das Gewackel?“

„Schwankende Hoffnung, die müsstest du doch kennen.“

Stimmchen wusste Bescheid, und wie er die kannte. Zum Beispiel die schwankende Hoffnung, ob endlich einmal die Richtige käme. Derart oft gehofft und doch nie erfüllt. Dafür meistens Blondinen, ausnahmsweise glatte Schönheit und geistlose Körper, die im Alter von Fettheit gebläht. Ähnlich die Schwarzen, glühende Kohlen von knisternder Geilheit, welche sich im eigenen Feuer verzehrt. Selbstgefällige, nichts übrig für einen Partner, allerdings stolz vor einem Spiegel, dem Ort, an dem ihre Jahre vergehen. Kaum anders die Braunen, willfährige Seelchen, immer anwesend und immer um einen klebrig herum. Stets gute Laune – oftmals bis zum Kotzen –, streichelnd, schmeichelnd, schnurrend, gurrend, nie auch nur ein bisschen murrend. Bäääääh, am Halse hängend, zum selben heraus hängend!

Leider niemals gekannt die Roten – heißes Bedauern –, die Töchter des Mondes. Möchtegern-Gespielinnen in schlaflosen Nächten, schwüle Gedanken, nie erfahren Salomes Charme. Kupferrote Haare, Fahnen der Wollust, wehend getragen von Lilith, dem Weib, das lange selbst vor Eva war. Sie hatten seine Hoffnung gebildet, rothaarige Weiber, die das Wort Weib als Ehre begriffen. Grüne Augen und Sommersprossen auf heller Haut, schlanke Körper, leicht umflossen von hellgrauer Seide. Anbetungswürdige Geschöpfe, allein diese Hoffnung blieb unerfüllt.

Neben den wackelnden Aussichten auf die eine Richtige, das einzig zu ihm passende Weib, hatte es noch Hoffnung auf die Zukunft aller Kinder gegeben. Ebenfalls Zuversicht in die Macht ihrer alle Grenzen überfliegenden Musik. Gleiches Gefühl bei ihren Protesten, berechtigt aus Sorge um eine kranke Welt. Resultierend daraus sein Verständnis für die Bedürfnisse aller Heranwachsenden, gefolgt von Vertrauen, Einigkeit, Gemeinschaftsgeist und dem Willen zu gemeinsamen Lösungen selbst schwierigster Probleme.

Blah, Blah, Blähungen! Weiterhin die gleiche Scheiße, erst die Hoffnung, dann folgte bei gründlicher Sichtung die Resignation. Das alte Lied, immer und ewig der gleiche Mist: Habsucht, Neid und Missgunst. Warum hat er, was ich nicht habe? In voller Wahrheit war und ist Nehmen stets seliger denn Geben.

Auf den Feldern dieser Fehler gedieh jedoch eine andere Hoffnung, eine auf die Kunst. Provokation, Anregung zum Insichgehen in Stein gemeißelt, Monumente, die Jahrtausende lang mahnen. Oder Schönheit und Versprechen mit Öl auf Leinwand gebannt. Ebenso lyrische Worte, starke Sprüche, Herzen bewegende, schwarz auf weißem Papier. Aber was hat diese Kunst letztendlich gebracht? Wenigen Künstlern gebührendes Lob und für ihr kurzes Leben ausreichende Anerkennung. Ach ja, Denkmäler für sie, viele Denkmäler an wichtigen Plätzen: Denk mal nach! – Das ist doch schon etwas.

„Tacheles, ich weiß, dass ich nicht weiß, ob ich überhaupt noch Hoffnung will.“

„Na hör mal, wer bist du denn, dass du – oder was von dir noch übrig ist –, keinerlei Hoffnung möchtest? Oder wer warst du eigentlich, dass du hier einfach Glaube, Liebe und Hoffnung verleugnest?“

„Wenn ich darauf antworten soll? Nun, nachdem ich durch viele Fenster und Türen gesehen habe, war ich nur ein Mann, der mit allen erdenklichen Fehlern und wenig Tugenden ausgestattet war. Manchmal wurde ich in meinen verschiedenen Leben sogar fast vom Glück gestreift. Und es schien mir immer so, als wäre ich kurz davor, bedeutend zu werden.“

„Ach, du kommst zur Erkenntnis? Trotzdem darfst du nicht ohne jegliche Hoffnung sein, nicht hier im Raum der einzigen drei Möglichkeiten. Nachdem du Glaube und Liebe abgelehnt hast, wie willst du nackt im Totenreich bestehen? Also zier dich nicht und greif nach einem Zettel. Nun mach schon!“ Tacheles schien es auf einmal eilig zu haben, Stimmchen drängte.

„Okay, weil du es bist, und weil wir stets so inniglich verbunden waren. Hier habe ich einen. Holla, da hängt ja ein Würfelbecher dran? Papier und Würfel, Donnerwetter Stimmchen, damit kann ich locker im Totenreich leben, wenn vielleicht noch eine gute Flasche Wein dazu kommt.“

„Kein Sarkasmus mehr, bitte, lies lieber vor. Ach Quatsch, gib mir den Zettel, bevor ich noch vor Neugier platze. Also da steht … Monopoly! Würfle und setze alles auf die Hoffnung, dass deine Gedanken für Jedermann lesbar in dicken Büchern abgedruckt werden. Wenn du jemals aus diesem Gefängnis zur schönen Aussicht frei kommst, gehe erneut über das Los des Lebens. Dann erhältst du unter Umständen auch eine Rote.“

Der fahlblasse, unwichtige, bedeutungslose arme Mann breitete die Arme aus: „Ich danke! Tausendmal Dank! Ein wahrer Segen des unendlichen Raumes. Ich – oder was von mir noch übrig ist – darf hoffen auf die Einzige, die zu mir passt, auf eine wunderschöne rote Blüte. Ich liebe sie schon jetzt. Aber weil wir gerade beim Thema sind, Tacheles, und in aller Offenheit, was ist denn eigentlich noch von mir übrig?“

„Einundzwanzig Gramm, die sich morgen bei Gott im Himmel vorstellen werden.“

 

Hans-Dieter Heun
(Alle Rechte beim Autor)

 

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